... so beschämt es weniger!

Donnerstag, 12. August 2010

Gemachgemach! Diese Nervosität ist zwar über und über sympathisch - beruhigend, dass es die deutschen Milliardäre kaum erwarten können, etwas weniger spendabel als ihre amerikanischen Vorbilder die Taschen zu öffnen. Sie sollten sich aber noch etwas gedulden, bedachtsamer sein. Nicht so vorschnell! Nicht die Geldbörse zu schnell gezückt! Die, die erwartungsfroh hinaufblicken, weil sie das Geldgeschenk brennend gebrauchen können, wollen nicht allzu gierig erscheinen. Wenn sie auch sonst nichts haben - Manieren haben sie behalten. Man sollte es den Krösussen mitteilen: behaltet eure Reichtümer zunächst; rückt sie nicht zu übereilt heraus!

Dochdoch, die Bedürftigen wollen sie schon, diese Schätze. Allein es ist ihnen nicht so eilig wie den spendenfreudigen Finanzmagnaten - sie können warten. Weil: es ist ihnen nicht nach Geschenken; ihnen ist nach Garantien. Geschenke sind schnell gemacht, genauso schnell vergessen - Garantien sind aber geduldig, vergisst man nicht so leicht. Und obendrein sind Geschenke meist dann angesagt, wenn man ein schlechtes Gewissen verkappen will oder wenn man unliebsame Vorhaben vorab besänftigen möchte. Daher: keine Geschenke - die Milliardäre sollen sich nicht schenkend aus der Affäre, aus der Verantwortung stehlen können; die Mittellosen sollen nicht deshalb beschenkt werden, damit die ausgesprochene Sauerei, dass es Menschen gibt, die überhaupt in die Bredouille kommen, mit Milliarden herumwerfen zu können, schnell aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt ist.

Garantien! Das heißt: höhere Steuern für Reiche, Super- und Supersuperreiche! Daher erstmal ruhig Blut, die Geldbörsen geschlossen: auf die Schnelle soll nicht geschenkt werden. Was Not tut sind monatliche, turnusmäßige garantierte Zahlungen, die man nicht in Geschenkpapier packen muß, die sich diese Gesellschaft im Namen des Allgemeinwohls gesetzlich abgesichert selbst einholt. Krösusse, schenkt euren Frauen und schenkt euren Freunden - aber nicht wildfremden Bedürftigen! Nicht denen, die zu fremd sind, als dass man da freigebig sein könnte. Wie das gemeint ist? Sagen wir es mit Nietzsche, denn man findet für jeden Anlass eine passende Sentenz bei ihm: "Ich aber bin Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den Freunden. Fremde aber und Arme mögen sich die Frucht selber von meinem Baume pflücken: so beschämt es weniger."

Sie sollten sich nicht beschämen, die Reichen, indem sie schenken; sich nicht beschämen, indem sie sich zu den armen Schluckern herablassen. Demütigt euch doch nicht, Krösusse, kommt den Armen nicht zu nahe. Und demütigt die Armen nicht, indem ihr sie mit eurer Herablassung erniedrigt! Man lasse den Staat als Sachwalter der Armen selbst an die erntebereiten Bäume - so beschämt es weniger! Nietzsche hatte recht: so muß sich der Milliardär nicht schämen, weil er so tief herabstieg - und der Bedürftige bleibt ohne Schamesröte, die dann schnell in Zornesröte umschlagen könnte, weil ihm die Erniedrigung erspart bleibt. Und diejenigen, die von so einer Umverteilungspolitik profitieren, müssen sich auch nicht schämen, weil sie den Magnaten ungefragt in die Taschen langten: wo Ebbe herrscht, ist Scham unangebracht. Falsche Scham, nennt das der Volksmund. Und noch was, Krösusse: mit so einer Steuer, die man euch aufbürdet, habt ihr ausreichend Potenzial für Schimpftiraden - wir wollten ja schenken, nun blutet uns die Steuer aus! Undank ist der Reichen Lohn!

Langsam also, es eilt nicht - Milliarden aus freien Stücken sind ungewollt, sie müssen als dauerhafte Garantie rollen. Denn es ist peinlich, so große Geschenke zu erhalten. Daher hole man sich, was dem Gemeinwesen zusteht: ohne Peinlichkeiten. Buffett und Gates haben Nietzsche nie gelesen - jedenfalls ist das anzunehmen. Sie setzen sich, sie setzen diejenigen, denen die Spende zugute kommt, der Blamage aus, machen sie schämen. Spendierfreude, Schenkvergnügtheit, Gönnerhaftigkeit sind unter Freunden und Bekannten galante Wesenszüge - für eine ganze Gesellschaft taugen sie nicht. Im letzteren Falle haben sie mehr von Erniedrigung als von Wohltat; fördern Argwohn und Misstrauen, weil man sich von oben herab behandelt fühlt.

Steuern, keine Ablasszahlungen - Garantien, keine Willkürleistungen - Rechtsansprüche, keine Ermessenszuwendungen! Und sich darauf hinauszureden, dass Deutschlands Reiche ja bereits Stiftungen unterhielten, um ihren Wohlstand zu teilen, kann man sich getrost sparen. Stiftungen, in die Gelder fließen, die etwaigen Steueransprüchen entzogen werden sollen, in denen potenzielle Steuergelder stiften gehen: sie untergraben das Allgemeinwohl, sind kein Aushängeschild für Verantwortungsbewußtsein. Es gibt nur einen Weg: Höhere Steuern! Denn so beschämt es weniger!



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Ridendo dicere verum

Mittwoch, 11. August 2010

"Der Sozialismus an sich ist kostbar! Wert, dass man ihn erhält. Aber der Eure - seht ihn Euch an! Eine Ruine! Kaum habt Ihr begonnen ihn aufzubauen, ist er noch immer nicht fertig. So geht das nicht! Das muß wieder weg, sonst kann da nie was draus werden! Der Sozialismus, Genossen, braucht eben Luft. Zum Atmen, zum Bauen! Die größten Schlösser, sind sie nicht stets auch mit Luft auch gebaut? Den Sozialismus, den Euren, habt Ihr zu fest gefügt! Lockert ihm hier eine Säule, da einen Schlußstein. Bald werdet Ihr sehn, wie er sich rührt. Wie er herabkommt vom Sockel, sich demütig neigt vor seinen hilfreichen Kritikern. Seht: er geht in die Knie und macht endlich Platz: dem besseren Sozialismus! Wie Ihr ihn Euch, seid ehrlich verdiente Genossen, einst selber erträumtet. Damals: als ich noch jung war! Nun seid Ihr fett und krumm dazu, und wenn ich Euch spotte, könnt Ihr noch nicht einmal lachen! Dabei, Genossen, der Sozialismus ist eine so große Idee, die Hoffnung der Menschen; ohne den Sozialismus geht die Geschichte nicht weiter, kann abgeblasen werden, führt zu nichts mehr!
Der Sozialismus: Ach ja!
Leider nur scheiterten stets die größten Ideen an den kleinlichen Schwächen der Menschen. Besonders der Funktionäre, sagte schon unser Pastor! Was hilft uns dagegen? - Der Sozialismus an sich! Nicht der reale, der zusammengebastelte... Nein! Der Konkrete! Der wie er wirklich wäre, wenn es ihn wirklich gäbe! Wenn er nicht nur real, sondern... Nein, wirklich Genossen... auf sowas muß man eben auch schon mal warten können! Euer Eifer in Ehren, jedoch konntet Ihr nicht behutsamer sein? Ihr sagtet: Da! - Das ist unser Sozialismus! Genossen, so sagt man das nicht! Ihr müßt es sagen auf neue Weise! Sagt es nicht so dogmatisch! Sagt: Er ist Scheiße geworden! Das überzeugt! So gewinnt man sich Freunde - und sei es der Klassenfeind! Natürlich, Genossen, gilt es auch wachsam zu sein, jedoch: mit dem Klassenfeind läßt es sich reden! Bittet ihn nur recht höflich, sich freundlicherweise nicht einzumischen, sagt ihm, Ihr haltet Euch auch aus dem Seinen heraus! Dann wird er Euch schon gewähren lassen! Wenn Ihr im pluralistischen Meinungsstreit erwäget den Sozialismus, sein Für und Wider, sein Wider und Für, von Anbeginn zu Anbeginn, von Neuem aufs Neu, obs nun ein So- oder So-zialismus - oder ein anderer sein muß. Genossen, zeigt keinerlei Stärke, das legt man Euch nur als Schwäche aus. Die gute Sache siegt von alleine - dachte schon Jesus... Rings lauert der Feind. Laßt lauern dahin! Senkt Eure Waffen! Das wird ihn zu Tode erschrecken! Ersticken wird er an seiner Angst. Oder auch nicht: das ist das Risiko. Aber wenn er erstickt - wie steht Ihr da? Wunderbar! Glänzend, kein Stäubchen von Orthodoxie.
Genossen, nehmt meinen Rat an und laßt Euch bekehren!
Sonst werde ich mich über Euch beschweren!
Beim Stern, beim Spiegel und bei der FAZ!
Die haben für sowas immer Platz!
Amen!"
- Dieter Süverkrüp, "Der Sozialismus, Genossen" -

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Inmitten Zierkissen

Dienstag, 10. August 2010

Vereinzelt vernimmt man sie noch, die Vergleiche, die unsere Zeit mit der der Weimarer Republik in Verwandtschaft stellen. Wie damals herrsche Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, drifte man in radikale Exzesse ab - wie vorzeiten drängen sich Erwerbslose mit griffigen Werbephrasen auf: Mache alles! oder Ich bin ein Mann für alle Fälle! schilderten sie sich selbst aus - nur der Duktus sei heute moderner, so smart wie die smarte Fassade unserer Epoche, heute sage man: jede Arbeit ist für mich zumutbar! Weimar ist!, das hört man oft, ist für viele zur fixen Idee geworden. Dabei wird ein wesentlicher Aspekt ausgeblendet, der unsere Zeit nicht mit Weimar verschwistert sein läßt.

Die Jahre zwischen 1919 und 1933 waren Jahre, die wie nie zuvor - und kaum danach - politisch geprägt waren. Die Menschen, selbst untere Schichten, selbst Gesellen und häusliches Gesinde, waren - wenn auch nur ansatzweise manchmal - politisiert. Man besuchte Versammlungen, schloss sich Parteien oder Organisationen an, wollte Fortschritt oder Bewahrung, Demokratie oder Autorität, Zivilität oder Militarismus - je nach Gesinnung, je nach Intellekt. Es wurde viel Scharfsinniges gefordert und befürwortet, viel Irrsinniges natürlich auch, viel Menschenverachtendes sowieso - es ging politisch zu, mit allen Schattenseiten einer solchen Mentalität. Die Weimarer Republik war ein Projekt auf tönernen Beinen, aber Stillstand betrieb sie nicht - es rührte sich was! Kommunisten und Spartakusbund, Nationalsozialisten und Stahlhelm, SPD und Zentrum - jede Seite mobilisierte ihre Klientel. Es ging so politisch zu, dass eines der wichtigsten Vorhaben der neuen kastanienfarbenen Machthaber war, das Politische aus dem Alltag zu verbannen - Politik sollte fortan von einer Partei gemacht werden; sie sollte diese leidige Aufgabe auf sich nehmen, um den Alltagsmenschen zu entlasten. Die Auflösung der Demokratie wurde aus deren Sicht notwendig, um die ausartenden politischen Kämpfe, die für sie Lähmung darstellten, endgültig in den Griff zu bekommen. In mancher Hinsicht war die Weimarer Version den anderen aus Bonn und Berlin demokratisch tatsächlich überlegen: dort florierte der Meinungspluralismus, dort nahmen die Menschen rege Anteil an der res publica, an der öffentlichen Sache - alle Nachteile, wie die Duldung von großsprecherischen Menschenmetzgern, Straßen- und Saalschlachten inbegriffen.

Eine solche politisch aufgeladene Stimmung, wie sie damals vorherrschte, findet man heute nicht mehr vor. Man kann Geschichte ohnehin nicht miteinander vergleichen; Geschichte wiederholt sich nicht. Will man aber Parallelen ziehen, was völlig legitim ist, so kann die Weimarer Zeit nicht herhalten. Denn heute leben wir in einer vollkommen entpolitisierten Ära - die Menschen drängen Politik in Parteiausschüsse, nehmen das von dort Ausgekotzte dann abnickend, manchmal auch leicht murrend zur Kenntnis, kümmern sich aber ansonsten lieber um ein nach Außen relativ abgeschottetes Privatleben. Sie wollen Heimeligkeit, keine Kontroversen und Erörterungen. Politik ist damit zu einem Geschäft geworden, dass von ausgebildeten Geschäftsleuten ausgeübt wird - man ist dankbar dafür, dass sie es auch leiten, damit das politische Geschwätz nicht zu jedermanns Sache werden muß. Laß mich mit Politik in Ruhe!, hört man oft; Seien Sie mal nicht so politisch!, ist auch eine Aufforderung, die nicht rar wird in unseren Tagen. Wir sind zu einer unpolitischen Gesellschaft heruntergekommen, machen uns aber selber weis, dass dieser Abstieg ein Fortschritt sei; wir sind zu einer unpolitischen Gesellschaft mutiert, die die politische Denkarbeit einer gesellschaftlichen Hautevolee übergeben hat, damit man sich selbst um die unmittelbaren Dinge des Lebens kümmern kann. Politisch zu denken, für eigene Ideale zu streiten, Farbe zu bekennen ist aus der Mode geraten - "die da oben" werden es schon in unser aller Namen richten!

Eher paßt sich die Mentalität unseres Zeitalters an die Gegebenheiten des Vormärz an. Politisch zu denken galt im Biedermeier als unsittlich - das Heim wurde zum Rückzugsort, weil die Öffentlichkeit zum Flanieren und Plauschen umfunktioniert wurde. Das eigene Domizil galt als Bollwerk gegen die Widrigkeiten des öffentlichen Lebens. Nie mehr Revolution wollte man erleben, nie mehr die Folgen am eigenen Leib spüren. Wenn der Preis das politische Schweigen war, so zahlte man ihn gerne, zog man sich bereitwillig ins heimische Wohnzimmer zurück. My home is my castle!, wurde zum Schlachtruf des Biedermeier. Zwischen Häkeldeckchen und Zierat, die den häuslichen Muff etwas auflockern sollten, die die abgegrabenen Energien, die der Politik nicht mehr zugeführt wurden, sondern nun in aufwändige Schnörkel und Schleifchen, Accessoires und Zierkissenparaden gesteckt wurden, dämmerte der zoon politikon, das politische Lebewesen, in Betäubung hinüber. Die wenigen politischen Köpfe, die Texte schrieben, sich stur an ihre politische Gesinnung klammerten, galten als halbseiden, als nicht ganz gesund - der politische Kopf war ein kranker Kopf; Politik war demnach ein krankhafter Auswuchs, wenn sie aus dem Wohnzimmer heraus betrieben wurde. Die hohen Herrn, darüber war man sich einig, könnten das alles viel besser, viel gerechter.

Weimar ist nicht mit uns vergleichbar - der Vormärz hingegen mit Abstrichen schon. Letzterer hielt sich hartnäckig, überdauerte einige Dekaden, während die Republik von Weimar de facto schon nach einer Dekade am Ende war. Zu Weimar war es Menschenwürde, den Menschen Lohn und Brot zu geben oder je nach Geisteskraft, schädliche Subjekte aus dem Volkskörper auszulesen. Selbst die widerlichen Lesarten von Menschenwürde waren demnach politisch konzeptioniert - nach den Befreiungskriegen war Menschenwürde, zwischen seinen gestickten Kissen auf dem Kanapee zu hocken; kein politischer, ein unpolitischer Rückzug in die Würde, in das, was man für Würde hielt. Auch wir sprechen heute viel von Menschenwürde, manche meinen es sicherlich sogar ernst, nur scheint die entpolitisierte Mehrheit überhaupt kein Bedürfnis mehr danach zu haben, für mehr Würde zu streiten - schnell heim auf das Sofa, sich in Decken einmummeln, Gemütlichkeit spüren, Behaglichkeit genießen: dort ist die große Politik nicht zu Gast, dort kann der Quark um die Menschenwürde draußen bleiben.

Der Vormärz war eine langfristige Ära - und es deutet vieles darauf hin, dass auch wir vor einer langen Zeitspanne entpolitisierten Handelns stehen. Weimar war schnell Geschichte, als Folge einer durchpolitisierten Gesellschaft - heute riecht es nicht nach schnellen Enden. Es steht auch gar nicht zur Debatte darüber zu grübeln, was uns lieber sein könnte: Weimar oder Vormärz. Alles hatte seine Zeit und wir wiederholen nichts. Auch nicht den Vormärz, der uns ein wenig ähnelt! Der als Begriff ohnehin fadenscheinig ist, weil er von einer Revolution kündet, von einem Vorstadium, das es vermutlich aber gar nicht gibt - festgefahrene Strukturen, Anästhesie der Massen, tittytainment und allerlei Einlullungsmechaniken verunmöglichen die Repolitisierung merklich. Aber von einem biedermeierschen Kolorit, den diese aktuelle Gesellschaft aufweist, kann man durchaus reden. Und noch etwas gilt es zu bedenken: wir gleichen Weimar weniger als denen, die nach Weimar kamen. Denn auch jene sahen eine unpolitische Gesellschaft mit Freuden, auch jene erkannten den Vorteil unpolitischer Menschenmassen.



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Etwas fault im Staate Dänemark

Sonntag, 8. August 2010

Der bundesrepublikanischen Gesellschaft wurde es irgendwann zum fixen Leitgedanken, dass nur ein weithin steuerbefreites Gemeinwesen, ein wirklich lebenswerten Gemeinwesen sei. Wo kärglich Steuern fließen, da fühle sich der besserverdienende Bürger wohl, hieß es - und heißt es noch immer. Das unterscheidet den deutschen Besserverdiener (denn es sind ja Besserverdiener, die glauben, Steuern kämen zu teuer) vom dänischen Kollegen, der nun sogar freiwillig mehr Steuern bezahlen möchte. Besonders markant ist die Absicht dahinter: mit Mehreinnahmen soll der Wohlfahrtsstaat ausgebaut werden.

Kein Wunder, dass man wenig in den Gazetten der Meinungsmacher davon liest. Denn den Sozialstaat ausbauen: das ist für sie undenkbar. In einer Ära, da die soziale Frage eine globale Dimension angenommen hat, erklärt das Modell Deutschland, dass nur der im Rückzug befindliche Sozialstaat auch soziale Antworten bieten könne - indes der rotzfreche Nachbar aus dem Norden mit dem Gegenteil hausieren geht. Wohlfahrtsstaat stärken, lautet die Devise besserverdienender Dänen - und das mit eigenem Beitrag. Nicht zuletzt auch, weil ein starker Wohlfahrtsstaat die Binnennachfrage ankurbelt, damit gewährleistet, dass der Besserverdienende weiter besserverdienen kann. Derlei darf man hier nicht zu laut thematisieren. Besser man schweigt sich in den großen Leitmedien darüber aus - wenn es denn überhaupt sein muß, dann soll es bitteschön nur eine knappe, ganz knappe Meldung sein.

Es wäre ja noch schöner, wenn der deutsche Informationskonsument auf dumme Gedanken gebracht würde! Wohlfahrtsstaat ausbauen: das ist ja ein Affront gegenüber dem deutschen Steuerzahler, diesem geknechteten Wesen. Da fallen die Dänen ihren Nachbarn aber böse in den Rücken mit diesen anachronistischen Phantasien. Wie soll man sich denn zukünftig erklären, wenn plötzlich durch den Blätterwald rauschte, dass die ohnehin hoch besteuerten Dänen, dazu bereit sind, noch mehr zu bezahlen? Hernach glaubt hierzulande kein Mensch mehr, dass es nur die Steuerbescheidenheit und der damit einhergehende Sozialabbau ist, die zu mehr Wohlstand führen. Und was es für die Befindlichkeit von Besserverdienenden bedeutet, wenn sie animiert durch das dänische Beispiel in Zugzwang geraten, darf man sich gar nicht erst ausmalen!

Nur niedrige Steuer- und Sozialabgaben zaubern den Reichen dieses Landes ein Lächeln ins Gesicht - ein gequältes Lächeln, denn Weniger! oder Noch weniger! als Losung wäre ja durchaus drin, wenn dieser lästige Sozialstaat nicht wäre. Man ist jedoch bescheiden, ist mit kleinen Entlastungen zunächst einmal zufrieden, betreibt eine Sparpolitik der kleinen Schritte. Niedrige Steuern beeinflussen die Befindlichkeit der Gesellschaft, lehren sie uns - alle sind glücklicher, zuversichtlicher, wenn öffentliche Kassen straucheln: darüber ist man sich einig. Dass es gleich um die Ecke eine Gesellschaft gibt, die trotz hoher Steuern, trotz der Bereitschaft zu noch höheren Steuern, nur deswegen unglücklich scheint, weil sie den dort herrschenden Wohlfahrtsstaat für ausbaufähig hält, irritiert diese ganze Horde von Mehr Netto vom Brutto!-Apologeten stark. Ein Auslaufmodell ausbauen?, fragen sie sich. Nicht, dass sie über sich und ihre (fehlenden) Ideale plötzlich nachdenken würden - verrückt sind für sie solche, die die Discount-Mentalität nicht auch in den Sozialstaat verpflanzen wollen. Dass es Menschen gibt, scheinbar sogar ein ganzes Volk, das es nicht gerne noch billiger hätte, ist denen überhaupt nicht begreiflich. Altmodisches Denken, morsche, modrige Geisteshaltung - etwas fault da im Staate Dänemark. Die Fäulnis der Sozialromantiker!

Pst, Spiegel! Leise, Stern! Klappe halten, BILD! Nicht berichten, nicht mal ein kurzer Anriss! Es ginge nämlich auch anders, das dürfen nur nicht alle erfahren - sonst ist die schöne Mär vom anachronistischen Sozialstaat nicht mehr anwendbar. Wenn die Massen erst mal erkennen, dass sich die allgemeine Befindlichkeit einer Gesellschaft bessert, je fester der Sozialstaat arbeitet; dass man sich nicht mehr in jeden Billigjob drängen lassen muß, man nicht mehr Freiwild für Arbeitsvermittler und Verwaltungsbeamte ist, weil der starke Sozialstaat den Bedürftigen wieder mehr Selbstvertrauen einflößt; wenn die Menschen das alles spitzkriegen, dann muß die Armut doch wieder per angemessener Steuer alimentiert werden. Wobei die Sozialstaatssparer ja nichts gegen Armut haben - sie können nur die Armen nicht leiden...



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Das anrüchige Geschlecht

Samstag, 7. August 2010

Der Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist famos gescheitert! Nicht grundsätzlich, nicht elementar - er hat ja Bewegung in den Übelstand gebracht, hat durchaus patriarchalische Strukturen durchweicht und der Frau erlaubt, passabel auf Augenhöhe mit ihrem Geschlechtskontrahenten zu stehen. Das war mehr als dringlich und kann von jedem freiheitlich gesonnenen Menschen nur begrüßt werden.

Was nötig war, wurde halbwegs getan - was noch nötig wäre, beispielsweise die gleiche Entlohnung der Frau, was auf eine Besserbezahlung von mehrerlei Arbeitsplätzen bei Aldi, Lidl, Schlecker und Co. hinauslaufen würde, also weniger die schlechte Entlohnung der Frau an sich, als die Unterbezahlung von Menschen prinzipiell ist, die auf dieserlei prekäre Arbeitsstellen angewiesen sind, was also diesbezüglich noch nötig wäre, wird stetig thematisiert, findet in einem ansonsten an Lohnerhöhungsforderungen sparsamen Land, erstaunlicherweise Gehör - spendable Arbeitgeber hingegen erwartungsgemäß nicht! Woran es aber fehlt, so sehr fehlt, dass ruhigen Gewissens vom Scheitern der geschlechtlichen Gleichberechtigung gesprochen werden muß, ist das spezifische Primat der Frau, das heißt, die Auflösung jener Hegemonie, die sich entfaltet, wenn sich die Frau Gattin oder gar Mutter nennen darf.

Hier betritt der Mann, der Kritik an jenem Primat, jener Hegemonie übt, ein tödliches Minenfeld; hier lehnt er sich weit aus dem Fenster, muß damit rechnen, als vergessener Patriarch, als dümmlicher Macho oder selbstgefälliger Pascha den nächsten Frauenabend beizuwohnen - aus der Ferne beizuwohnen freilich, als vorzüglicher Gesprächsstoff nämlich, der die dort nicht selten wenig gleichberechtigt gesinnten Empörungsreden anfacht. Daher herrscht weitestgehend Stillschweigen diesbezüglich, ein Ansturm gegen den gender mainstream kommt einem Suizid gleich - wer es wagt, der nichts gewinnt! Das Primat der Mutter, es ist der wunde Punkt der Gleichberechtigung, macht aus selbiger etwas, was dem eigentlichen Namen nicht gerecht wird.
Beim Spiegelfechter geht es weiter...



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Sit venia verbo

Freitag, 6. August 2010

"Es gibt so viele Mitten, die Mitte der Rechten, die Mitte der Linken, die Mitte des rechten Flügels der Linken und die Mitte des linken Flügels der Rechten. Es gibt auch eine heimatlose Linke, ohne Flügel. Die heimatlose Linke würzt das Feuilleton, rauft sich mit einer Art heimatloser Rechter [...] Was links ist, bestimmt nicht die Linke, sondern die Rechte, und die Linke, in schnödem Opportunismus, rückt ihr nach, in plattem Erfolgsdenken, und ist nahe daran, den linken Flügel der Rechten zu überholen. Links und rechts sind nur Hilfsbezeichnungen, die jede Art der Täuschung in sich schließen [...]. Wir nähern uns dem Einparteiensystem."
- Heinrich Böll, "Was heute links sein könnte", 1963 -

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... Vater sein hingegen sehr!

Donnerstag, 5. August 2010

Wissen Sie, Frau Schmollack, Ihre Überschrift ist vorzüglich treffend. Vater ist nicht gleich Vater! Man möchte Ihnen umgehend beipflichten - das klingt doch differenziert, realistisch, jeder kennt solche und ganz andere Vatertypen. Aber zustimmen kann man Ihnen auch nur, wenn man Ihren Artikel nicht weiter beachtet, ihn nicht durchliest. Gefährlich wird es erst, wenn man es dann doch tut: gefährlich für die Nerven, für das cholerische Gemüt, sich nun doch endgültig eine Herzattacke einzufangen - gefährlich wird es für Männer, die diesen unsäglichen Einheitsbrei des gender mainstreams nicht mehr - ohne nervlichen Schaden zu erleiden - ertragen können, die sich wie entrechtete, immer verdächtige Anhängsel ihrer Kinder vorkommen.

Für Sie ist Vater nicht gleich Vater - für mich auch nicht! Nur finden wir da aus verschiedenen Gründen zum selben Urteil. Sie schreiben, ich zitiere Sie: "Sie [Anm.: die Väter] wollen juristisch auch dann Vater bleiben oder es werden, selbst wenn sie es im Alltag schon lange nicht mehr sind oder es noch nie waren. Gemeint sind all jene, die keinen oder zu wenig Unterhalt zahlen." Da gibt es in diesem Lande also tatsächlich Väter, die auch Vater bleiben wollen, jedoch nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, um sich diesen bescheidenen Wunsch zu erfüllen! Frau Schmollack, was Sie da zu Papier gebracht haben, ist nicht mehr nur reiner Feminismus, nicht der übliche Quatsch des gender mainstreams mit seiner gezielten Ablehnung des Mannes, der dummerweise notwendig bleibt, um Kinder in die Welt zu bringen: nein, da döst eine ausreichende Portion Darwinismus mit - das ist Klassismus in Reinkultur!

Sicherlich schreiben Sie für eine Klientel, die nach wilden Jahren in den Fahrgewässern der Grünen irgendwann in der gutbürgerlichen Mitte angelangt war - Besser-, Gut- und Ausgezeichnetverdienende erreichen Sie mit Ihren Texten besonders. Man könnte Ihnen rotzfrech unterstellen, dass Sie die Väter klassenverhetzend gegeneinander ausspielen. Hat der Vater Geld, um Unterhaltszahlungen abzudecken, so darf er Vater bleiben oder werden; krankt es am Einkommen, hat er damit faktisch seine Vaterschaft abgetreten und der Mutter diese nervtötende Rolle zugewiesen. Zum Wohl des Kindes, versteht sich! Denn das Kindeswohl, ein gern gebrauchter Begriff auf Jugendämtern, ist in den meisten Fällen das Primat der Mutter zulasten der väterlichen Fürsorge, die alle zwei Wochen, an Besuchswochenenden, verkümmern darf.

Für mich ist Vater auch nicht gleich Vater. Aber wissen Sie, Frau Schmollack, wie ich Vater von Vater scheide? Ich will wissen, wie der Typ mit seinem Sprössling umgeht. Ich möchte sehen, ob er mit ihm spielt, sich für ihn interessiert, mit ihm etwas unternimmt, ihn umarmt, küsst, neckt - oder sitzt er nur auf dem Sofa, nur im Büro, weiß bestenfalls das Geburtsmonat und vage das Geburtsjahr? Bezahlt er am Ende ein Kindermädchen, welches sich um die Kindesplage kümmern soll? Oder schickt er diese täglich zu den Nachbarn, weil er sich eine Gouvernante finanziell nicht leisten kann? Solche und solche Väter, Frau Schmollack! Was aber der jeweilige Vater in seiner Geldbörse hat, interessiert mich überhaupt nicht. Und ich bin zuversichtlich genug, vielleicht auch nur naiv, dass mancher Familienrichter zwar die Unterhaltszahlungen regeln will, aber die Vaterschaft nicht deswegen anzweifelt, weil der gute Mann nicht über ausreichend Mittel verfügt, sein geliebtes Kind großzügig zu finanzieren.

Aber natürlich rechtfertigen Sie all das - eine feine Gleichberechtigung herrscht da in Ihrem Kopf. Ich zitiere Sie abermals: "Natürlich gibt es auch viele Mütter, die ihrer Sorgepflicht nicht ausreichend nachkommen. Der Unterschied ist nur, dass unsere Gesellschaft die Kindererziehung in der Vergangenheit den Frauen überantwortet hat. Nolens volens hat sich so eine weibliche Verantwortungskultur herausgebildet." Das Kindeswohl ist außer Kraft gesetzt, darf ich also annehmen, Frau Schmollack. Schlechte Mütter gibt es - ich würde behaupten, mich auf ihre Überschrift stützend: Mutter ist nicht gleich Mutter. Aber Sie springen der schlechten Mutter, die bei Ihnen nicht "schlechte Mutter" heißt, sondern "[Mutter], die ihrer Sorgepflicht nicht ausreichend [nachkommt]", zur Seite - auch wenn sie nicht ausreichend Mutter ist, hat sie ein quasi natürliches Recht auf Kindeserziehung. Der Mann hat der Frau dieser Aufgabe ja historisch überantwortet. Frau Schmollack, wie war das mit der Frau, die nicht als Frau geboren wird, sondern zu ihr wird? Die gute Simone läßt grüßen! Denn von dieser zugedachten Rolle, so predigte uns Alice Schwarzer, müsse sich endgültig befreit werden - aber Sie, Frau Schmollack, sie benutzen diese künstliche Rolle, um das Primat der Frau bei der Kindeserziehung zu verteidigen, am Leben zu halten.

Das ist eine Meisterleistung, die man Ihnen lassen muß. Pragmatische Wendehalserei! Sie schaffen es tatsächlich, gegen Väter einen unverfrorenen Klassismus walten zu lassen, während Sie die Mutter mit der erniedrigenden Rolle, die der Mann ihr zugedacht habe, im Spiel halten wollen. Vater ist nicht gleich Vater, aber Mutter ist immer Mutter - so einfach ist das für Sie. Eine schöne Gleichberechtigung ist das! Männer arbeitet fleißig, reibt euch auf, damit ihr zahlen und Vater sein könnt! Und treten dann Männer in die Öffentlichkeit, die ihr Dasein als entfremdeter Vater und als Zahlmeister anprangern, dann sind es Frauen wie Sie, Frau Schmollack, die medienwirksam spötteln und auch noch Beifall dafür erhalten.

Dass Sie auch noch einen darwinistischen Unterton in den sowieso schon unerträglichen gender mainstream tragen, ist schon ein tolles Stück - Redakteurin ist nicht gleich Redakteurin...



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Alles nach Plan

Mittwoch, 4. August 2010

Ihr! Ihr, die ihr so glänzend, so anmutig im Kummer zusammensteht; ihr, die ihr so eingeübt, so gedrillt die amtliche Träne vergießt; ihr, die ihr genau das mit euren konfusen Reden übertönt, worauf wir lauschen sollten: der Toten Schweigen - ihr, ihr solltet euch schämen! Errötet stellvertretend für euren ganzen Berufsstand. Da steht ihr so keck nebeneinander, einer schwärzer, einer betrüber, konsternierter scheints als der andere, alle aber meisterlich studiert in Trauerfeierlichkeit und vom Jammer bewegten Mienenspiel, fordert beredt Aufklärung, geißelt die Veranstalter und ihre Sekundanten in der Duisburger Verwaltung, greift euch namentlich ein Bauernopfer heraus, welches ursprünglich mal als Bürgermeister gedacht war und vergesst, oder besser: macht vergessen, dass ihr die Verantwortungslosigkeit erst gezüchtet, abgesegnet, gefordert habt. Seid es nicht ihr, sind es nicht eure Kollegen und Parteigänger gewesen, die der Entbürokratisierung und Deregulierung einen inbrünstigen Psalm geschmettert haben?

Schemenhaft erinnert man sich an die gravitätischen Worte mancher von euch. Weniger Regeln, habt ihr gefordert; entreißt den Bürokraten die drosselnde Macht - ein dereguliertes Gemeinwesen sei ein dynamisches Gemeinweisen, wolltet ihr uns weismachen. Weniger Gesetze, weniger Regeln, weniger Bürokratie - und es blühen Arbeitsplätze und knospen Profite. Wir regulieren uns tot!, konnte man lesen; ohne manches Regelwerk ginge es flotter, könne man Wartezeiten und Hürden umgehen. Wer sich für ein regulierendes Gemeinwesen aussprach, für eine Gesellschaft, in der Regeln regeln, der war schnell Anhänger einer antiquierten Blockadepolitik. Reformen!, habt ihr gegrölt - Reformen, Reformen! Ihr seid schon gar keine Reformer mehr gewesen, ihr wart Jünger einer reformistischen Kirche - stets repetierendes Glaubensbekenntnis inklusive.

Dass ihr ein Requiem ästhetisch begeht, ist ja irgendwie einleuchtend. Moral und Ästhetik erweisen sich als kongruent, sind untrennbar verbunden in einer Zeit, da es um die oberflächliche Schilderung ansonsten tiefergreifender Vorgänge wichtiger bestellt ist, als um aufrichtiges Sentiment - wie sonst könnte man auch Trauer sichtbar machen, wenn nicht in schwarzer Robe, aufgesetzter Leichenbittermiene und einem mitfühlenden Händedruck? Es bedarf dieser Ästhetik der Trauer, wenn es auch so aussehen soll, als ob ehrlich getrauert würde - ohne Formgefühl, ohne Schönheitssinn entfaltet sich das fingierte Mitgefühl nur schläfrig. Ohne die ästhetische Darbietung der Trauer, untermalt mit geschmackvoller Musik und schmucken Reporterphrasen, kann die unaufrichtige Aufrichtigkeit der Berufstrauernden nicht erkannt werden. Es ist jene selbe Ästhetik, die von der Kommune angestellte Sargträger, Friedhofsangestellte folglich, walten lassen, wenn sie den Holzbehälter in die Erde hinablassen, sich danach aufrecht hinstellen, nochmals die Schirmmütze abnehmen, einen kleinen Bückling Richtung Grube vollziehen, um eine letzte Ehrerbietung zu zollen, danach würdevoll einen Schritt zurücktreten, um von dannen zu ziehen - gäbe es diese Ästhetik nicht, dieses feierlich dargebotene Ritual, würde der Sargträger vermutlich so aussehen, wie seine augenblicklichen Gedanken: lächelnd, ob der Erinnerung an seine nackte Gattin, oder verärgert, ob der Niederlage seines Fußballvereins - oder andersherum. Ohne einstudierte Ästhetik bliebe die Oberfläche, die so aussehen soll, als fühlten und trauerten da welche mit den Angehörigen, nicht realisierbar.

Bis hierher ist das alles also nachvollziehbar. Unerträglich bleibt es dennoch, wenn man diese Mechanik der beschwingten Kümmernis erst einmal durchschaut hat. Geschenkt, dass ihr so auftretet - man verlangt es ja von euch; der Wähler ist dumm genug um zu glauben, dass die Richtlinienkompetenz sowas wie die Fähigkeit zur Anteilnahme, zur herausgepressten Zähre ist. Wer von solchen Kleingeistern gewählt sein will, sollte sich demnach in Trauerzeiten gewählt ausdrücken können. Es läuft ohnehin genügend Trauerpersonal umher - nicht nur Sargträger! -, Leute mit ästhetisch aufgedonnerten Trauergebaren, die mehr an Optik als an Einfühlungsvermögen interessiert sind - da kommt es auf euch auch nicht mehr an! Aber diese Ästhetik damit zu verwechseln, die Duisburger Behörden, Bürgermeister Sauerland zu verurteilen - das ist schon wieder unästhetisch, weil es die eigentlich beabsichtigte Vertuschung eurer Heuchelei, die ja das eigentliche Motiv dieser Trauerästhetik ist, nun doch zum Vorschein bringt. Und es ist überdies unsolidarisch, ein ganz treuloses Benehmen!

Was haben die, für die exemplarisch Sauerland steht, eigentlich getan? Dereguliert haben sie! Unbürokratisch standen sie ihren Kunden gegenüber! Habt ihr das nicht immer gefordert? So eine Gesellschaft wolltet ihr doch. Ihr habt davon geträumt, dass man eines Tages auf eine Behörde gehen könne, ohne auf Blockadementalität zu stoßen. Für Umweltschutz seid ihr immer gewesen - wenn er nicht behindert; für soziale Sicherheit auch - wenn sie nicht blockiert; für Sicherheitsstandards müsse man einstehen - sie darf die Dynamik nur nicht versperren. In Duisburg hat man sich das ganz offensichtlich zu Herzen genommen, man wollte vorbildlich sein - Sicherheitsvorkehrungen: ach was! Wird schon gut gehen! Wir sind da ganz unbürokratisch, liebe Veranstalter, kommt nach Duisburg, da geht was! Wir sind nicht wie dieses lahme Bochum, denn wir sind vorbildlich dereguliert. Effizient war Sauerland, blockadefrei, er und sein Team haben der Dynamik die Dynamik belassen - Ausbremser gab es ja genug: habt ihr doch selber immer gesagt! Sauerland und seine Kamarilla sind Macher; sie haben gemacht, was ihr lange genug in eurem Wahn gepredigt habt. Endlich mal Behörden, die keinen Stunk machen, haben sich die Veranstalter der Loveparade wahrscheinlich vom Glück übermannt gedacht: endlich mal kein Aufhalten mit Sicherheitsblabla, keine ausgiebigen Planbesprechungen, keine Wichtigtuerei seitens eines Paragraphenhengstes; endlich mal steht unser Profit im Mittelpunkt, haben sie vermutlich ihren Denkvorgang beschlossen - das sind die Segnungen des deregulierten, entbürokratisierten Gemeinwesens. Endlich haben die es kapiert, wie man in der modernen Gesellschaft mit Kunden umgehen muß, haben sich die Freunde des gepflegten Humtata gedacht.

Ihr! Da steht ihr nun, ästhetisch fein rausgeputzt, eventuell sogar mit einer Träne im Augenwinkel - die ganz hohe Kunst des einstudierten Mitfühlens praktizierend! Einer übergroßen Trauergemeinde steht ihr vor - dabei seid ihr mitverantwortlich. Saubermänner und -frauen, im Kummer vereint. Hätte es in Duisburg geklappt, wäre niemand zu Tode gekommen und hätten die Macher der Loveparade euch überschäumend berichtet, wie hilfsbereit und unkompliziert es auf Duisburger Behörden so abläuft, ihr hättet Sauerland an den Telefonapparat zitiert. Gratuliere, Herr Kollege, hättet ihr gesagt - vorbildlich! Sie haben verstanden, worauf wir schon seit Jahren hinauswollen! Sie haben begriffen, was diese Republik braucht: keine Blockadeköpfe, keine Betonschädel - wir brauchen kundenorientierte Macher, dynamische Verwaltungen, die sich nicht mit Firlefanz aufhalten. Sicherheit ist zwar wichtig, aber der freie Markt, der hier als Veranstalter der Loveparade in persona vor Ihnen stand, regelt solche Dinge doch wesentlich effektiver, quasi nebenbei. Sauerland!, hättet ihr wie ein Drill-Sergeant eines schlechten amerikanischen Spielfilms in den Hörer gebrüllt, Sauerland, großartig gemacht! Weitermachen!

So wäre er euer vorbildlicher Schüler geworden. Blöd nur, dass das Unglück dazwischenkam, dass man nun von euch erwartet, diese moderne, diese unkomplizierte, ungekünstelte Verwaltung zu verurteilen. Verantwortungslosigkeit sollt ihr Sauerland und den Seinen nun unterstellen. Dabei ist es genau diese Verantwortung, die die Deregulierer und Entbürokratisierer gerne abgegeben haben wollten - die sollte ja planmäßig auf dem freien Markt landen, damit der freie Unternehmer, strotzend vor Vorantwortungsgefühl, sie aufgreift und übernimmt. Natürlich waren die Duisburger Behörden verantwortungslos - denn genau so war es doch vorgesehen; eine moderne Verwaltung darf keine Verantwortung übernehmen, wenn sie denn modern, wenn sie denn von euch honoriert werden will. So habt ihr es wieder und wieder vorgebetet. Und nun würdet ihr diesen Umstand tadeln? Sauerland war verantwortungslos: das ist richtig! Ihr habt diese Art von Verantwortungslosigkeit herangefüttert: das wäre allerdings auch richtig! Ein Bauernopfer letztlich, das zurücktreten soll, damit ihr weiterhin ungeniert von Deregulierung sprechen könnt - wenn er zurücktritt, dann holt ihr ihn euch doch noch ans Telefon: Sauerland, gut gemacht, sie haben das Projekt gerettet! Vielen Dank auch!


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Rücklings angestochen

Dienstag, 3. August 2010

Obzwar sich die Meinungsmacher einig sind, dass die Veröffentlichung der WikiLeaks-Akten eigentlich kaum etwas Neues oder Aufsehenerregendes geboten hat, außer vielleicht die randständige Entdeckung, dass die Situation in Afghanistan zerfahrener, ja auch viel schmutziger ist, als das die Berichte von auf Hochglanz polierten Fronten vorgaben - obgleich also im Osten nichts Neues, so mehren sich doch Klänge, wonach die Veröffentlichung der Akten ein Schlag gegen die eigenen Soldaten sei, weil die Taliban nun mitlesen könnten. Was da über unseren Köpfen schwebt ist weniger das Damoklesschwert mitlesender, bisher aber meist als analphabetisch umschriebener Fundamentalisten, als eine kürzere Stichwaffe, als ein Dolch nämlich - als die Dolchstoßlegende nämlicher. Nicht dass die Herausgabe der Akten über Sieg oder Niederlage entschieden hätte - um zu gewinnen ist man ja durchaus nicht nach Afghanistan marschiert, und um zu verlieren schon überhaupt gar nicht! Auf in den Kampf!, riefen sie nur aus einem Grunde: um Witwen zu trösten und Brunnen zu entgiften - um humanitär tätig zu werden. Die Dolchstößler meucheln damit nicht den militärischen Sieg, sie fallen den Witwentröstern und Brunnenentgiftern in die ungeschützte Flanke, sie lynchen folglich Witwen und Wassertrinker rücklings.

Und wieder waren es Demokraten! Menschen, die einen irgendwie krankhaften Hang zu demokratischen Strukturen aufweisen, die Transparenz bevorzugen, eine offene Gesellschaft befürworten. Andere Demokraten als damals, als der Dolchstoß bereits in aller Munde war, natürlich - jedenfalls stellt man sie anders dar. Seinerzeit waren es ja angeblich mit Stilett gerüstete Juden, die ihren jüdischen Unfug an die von Natur aus eher devoten, autoritätshörigen Deutschen austeilten; diese Demokratie nämlich, dieser unerhöhrte Quatsch aus jüdischen Köpfen. Und prompt als die Militärs abtraten, Hindenburg und Ludendorff ihre Sitzpolster aufgaben, solcherlei Demokraten - man beachte die angeekelte Miene beim Aussprechen dieses frevlerischen Wortes! - an die Machthebel gestellt waren, da gaben auch die Soldaten ihre Sitzpolster in Gräben und auf Stellungen auf, so wie der Quartiermeister und sein greiser Heros zuvor. Ungeschlagen im Felde ging es heimwärts, den endgültigen Sieg, dieser zum Greifen nahe, musste man zurücklassen. Tief wurde der Dolch von diesen Judenbengeln in deutsche Soldatennacken gerammt - den verschlagenen, hinterfotzigen Blick solcher Messerschwinger durfte man noch Jahre danach auf Plakaten betrachten, damit dem vergesslichen Volksgenossen nicht abhanden kam, wer für seine Misere verantwortlich war. Kurzum, Freunden jüdischer Ideen, demokratischer Ideen wurde die Schuld überschrieben. Verfluchte Demokraten! Immer stecken sie dahinter, wenn eine militärische Operation schiefgeht. Verwunsches Pack!

Niemand hätte heute die Absicht, die Demokratie den Juden in die Schuhe zu schieben - aus mindestens zwei Gründen. Einmal, weil nach der Erfahrung von Auschwitz eine solche idiotische Aussage politisch inkorrekt, ja ein politischer Suizid wäre - aber auch, und das viel wesentlicher, weil Demokratie sich blendend als gut geschmiertes Instrument herrschender Interessen erwiesen hat. Nützliches Besteck pflegt man, man wirft es nicht achtlos in die Ecke! Heute sind es übertrieben fundamentalistische Demokraten, freiheitsliebende Menschen, die in einem Ausmaß an diesem hohlen Ideal, an Freiheit kleben, dass es schon wieder störend ist - nicht Juden sind es, sondern Aktivisten: Leute überdies, die einen Rechner und speziell das Internet zu mehr als zum Musik hören, zum Chatten oder zum Wichsen gebrauchen. Der Dolch hat die Physiognomie eines Rechners angenommen, der Griff nennt sich Tastatur; und der biedere Demokrat von annodazumal ist passé, sein Urenkel trägt keinen Stehkragen mehr, er knöpft sein Hemd wahrscheinlich noch nicht mal zu - aber ein argloser Lump, ein hinterlistiges Mistvieh ist er doch. Würde er nur surfen, um seine eigenen unerheblichen Bedürfnisse zu stillen oder zu befrieden - aber doch nicht das öffentliche Bedürfnis! Die Öffentlichkeit hat doch überhaupt keine Bedürfnisse! Da wird demokratisches Verständnis schnell gefährlich. Leute zieht euch Pornos, aber laßt die Finger vom freien Meinungsaustausch; nestelt unter eurer Gürtellinie herum, legt uns aber keine politischen Blogs in Nest; chattet über schönes Wetter, sorgt euch jedoch nicht um das eisige Klima innerhalb unserer Gesellschaft!

Dolchstöße konnten sich die Vorväter des heutigen Deutschlands schon nicht gefallen lassen - Demokratie war dann auch irgendwann konsequenterweise verboten. Sie sei ohnehin nie des Deutschen Lebensstil gewesen, hieß es damals. Wer weiß, vielleicht ist es schon bald nicht mehr des Deutschen Stil, das Internet zu mehr als zu trivialen Zeitvertreib zu verwenden - die freien Gesellschaften dieser Erde pflegen diese Erkenntnis eh schon betriebsam - wobei betriebsam eher betriebsarm lauten müsste, übersetzt ausgedrückt: sie stellen den Betrieb ein. Reißt den vaterlandslosen Gesellen schnell den Dolch aus der Klaue, rufen sie dann freilich sicher nicht. Mittlerweile geht es weniger dramatisch zu in diesem Lande, das feierliche, leicht hysterische Pathos liegt ganz weit unten in der Mottenkiste. Das funktioniert heute anders, wurde leicht modifiziert, dem Zeitgeist angepasst: ein kleiner öffentlicher Exkurs via Print und Broadcast, dann eine Kommission auserlesener Experten, hernach noch ein Quentchen sachlicher, leicht wissenschaftlich dünkender Berichterstattung mitsamt politischen Talk bei Plasmann und Beckberg, zur Krönung nochmals nachgefragt bei Willberger und Maisch - und die Überwachung politisch aktiverer Internetnutzer ist verabschiedet, inklusive der Sonderbefugnis nach Absatz Y, Punkt drei in Klammer, zweiter Absatz des brandneuen Beschlusses, wonach besonders frech mit dem Dolch herumsäbelnden, fechtenden, spiegelfechtenden Elaboraten, ohne lange Umschweife ebenso ein tödlicher Dolchstoß versetzt werden dürfe - dies geschieht natürlich nur in Ausnahmefällen, blieben immer rare Einzelfälle; für den biederen Bürger, der das Internet lediglich nutzt, um Kochrezepte oder Seitensprünge zu organisieren, wird das überhaupt nicht augenfällig werden. Repressalien nicht vor Augen geführt bekommen: so schreibt sich Demokratie!

Vorsorge treffen, könnte die Devise lauten. Die ganzen Nestbeschmutzer, die vorgeben im Namen der Wahrheit und der Demokratie ihren bescheidenen Dienst zu tun, gehören schon vorab, bevor uns etwas Schlimmeres widerfährt, an die Kandare gelegt. Denn sie fördern nicht Demokratie, sie befinden sich auf einem gefährlichen, staatsfeindlichen Egotrip - demokratisch sein, so könnte es dann als offiziöses Credo lauten, bedeutet immer auch, sich selbst zurückzunehmen, nicht zu demokratisch zu denken, damit die Demokratie nicht durch ihrer selbst erdrückt wird, damit sie auch gedeihen kann. Nur eine in Frieden gelassene, in sich ruhende, unbenutzte Demokratie, sei auch eine gesunde Demokratie - und die Heere der Fundamentalisten aus dem Internet, diese Tastaturtaliban zersetzen nicht nur die Wehrkraft, sie geben den afghanischen Talibankollegen überdies auch noch Lesestoff, damit diese dann aus erster Hand erfahren, wie das mit dem Krieg vor ihrer Haustür so läuft - denn wenn sie lesen, dass es Sondermordkommandos gibt, dass Zivilisten abgeschlachtet werden, dann werden sie die Toten, die ringsumher liegen, auch durch Akten verifiziert sehen und endlich wissen, dass es der Krieg ist, der sie da ereilt hat. Ohne WikiLeaks tappten sie vermutlich immer noch im Dunkeln - ohne WikiLeaks würden sie sich wohl immer noch fragen, warum dieser vom Westen gebrachte Frieden mit Leichen gepflastert ist.



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De dicto

Montag, 2. August 2010

"Aber etwas Bescheidenheit und Verzicht könnten in dieser Funktion nicht schaden. Vor allem aber würden diese Eigenschaften eines bringen: Glaubwürdigkeit!"
- Dirk Hoeren, BILD-Zeitung vom 30. Juli 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Man beliebt zu scherzen im Hause Springer - ein schaler Witz muß das sein: anders läßt sich Hoerens Aussage nicht erklärbar machen. Von Glaubwürdigkeit schreibt er! Alleine das ist auf den Seiten der BILD ja eine besonders kühne Wortwahl, denn man schreibt nicht gerne von dem, was auf jenem Papier von jeher garantiert nicht zu finden ist - diese Glaubwürdigkeit überdies in Verbindung mit den LINKEN zu setzen: sowas hat man dort jedoch noch nicht gesehen! Das hat es ja noch nie gegeben! Hoeren als Imageberater für vorgebliche Kommunisten - werdet bescheiden, predigt er wie ein Mitglied des Ordens der Minderen Brüder, werdet bescheiden, damit man euch glaubt! Über Askese zum richtigen Glauben!, tönt es fast franziskanisch aus der BILD-Redaktion.

Ja und dann? Was wäre dann los, wenn sie bescheidener würden, die LINKEN? Glaubte die BILD dann dieser Partei? Glaubwürdigkeit: dass man nicht lacht! Kennt man ja von Lafontaine; auch ihm hat man Reichtum unterstellt - vermutlich war und ist er wirklich kein armer Schlucker, aber muß man Hungerleider sein, damit man gegen den Hunger ist? Sowas scheint sich bei der BILD niemand vorstellen zu können, weil man dort erst gegen etwas ist, wenn man selbst davon betroffen wird - davor gähnende Leere, hielt man es mit Wilhelm Busch: wat geiht meck dat an?, fragte man da desinteressiert. Glaubwürdigkeitsdebatte: da sind alle sonst geltenden Gelehrtheiten außer Kraft gesetzt. Denn hadert man als Habenichts mit der sozialen Schieflage, dann heizt man gefährliche Neiddebatten an. Aber auf Klaus Ernst, auf Lafontaine oder auf Wagenknechts Hummer neidisch zu sein: das ist kein Neid, das ist oberste Bürgerpflicht - für BILD, aber auch für die Konsorten; bei letzteren nur etwas "kultivierter" arrangiert.

Es gibt Parteien, die werden nie glaubwürdig, egal was sie tun. Sicher, die FDP gehörte dazu, wenn man sie mit dem gesunden Menschenverstand beäugte. Aber der ist bei den Minderbrüdern im Axel-Springer-Hochhaus leider unpässlich. Ist ein LINKER besser betucht, dann ist er gierig - ist ein LINKER allerdings weniger reich, dann unterstellt man ihm, er täte alles dafür, bald besser betucht zu sein. Arm oder reich ist daher völlig unwesentlich für Hoeren, glaubwürdig wird die LINKE für ihn niemals, egal was sie tut oder nicht tut. Während Vertreter anderer Parteien, man ziehe als adäquates Beispiel nur mal Herrn Westerwelle heran, ein ganzes Handbuch an Nebentätigkeiten aufweisen können, stürzt sich Hoeren auf Klaus Ernst, rechnet dabei die Kostenpauschale für Mitarbeiter- und Bürokosten in Gehalt um, damit am Ende auch so ein richtig reicher Sack dabei rumkommt.

Werdet abermals glaubwürdig, ihr LINKEN, werdet ärmer: wenn ihr es dann seid, so schriebe Hoeren und dekuvrierte die BILD wütend von eurem heuchlerischen Coup, bei dem ihr euch als Mittellose ausgebt, als Stadtstreicher des Parlaments, nur um am vollen Säckel der Reichen ritzen zu dürfen, von denen ihr euren pekuniären Karrierismus abzweigen wollt. Wölfe im Schafspelz, würde Hoeren obendrein schreiben, geben sich als arme Schlucker aus, sind es ohnehin nicht und wollen nur noch reicher werden. Glaubwürdig sind SED-Kommunisten nur, wenn sie die Mittel der Hinterlist nutzen - BILD weiß das aus jahrelanger und reichhaltiger Erfahrung auf dem Gebiet der Kommunistenhatz. Der Kommunist, der was auf sich hält, so weiß Hoeren aus sicherer Quelle, der täuscht, belügt, überlistet - nur wenn er das tut, ist er wirklich glaubwürdig, nur dann kann man ihm glauben, dass man ihm nicht glauben kann: und genau von solchen Glaubwürdigkeiten will Hoeren und sein Brotgeber berichten! Ein sozialistischer Politiker, der seinen Besitz nicht verbirgt: der irritiert Leute wie Hoeren nur - so ein Verhalten ist den Westerwelles vorbehalten...



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Bresche ins Tabuthema schlagen

Freitag, 30. Juli 2010

Die Gewaltbereitschaft von Einwanderern gehört endlich schonungslos auf den Tisch! Sie darf kein Tabu mehr sein; der Gutmenschelei gehört endgültig der Garaus gemacht. Nachkommen von Einwanderern neigen leider zur Gewalt, oder wie Nikolaus Fest schreibt, zu "vulgo: Abzieherei". Das Gewaltpotenzial von Menschen mit Migrationshintergrund ist immens, ist ein wirkliches Problem für diese Republik. Roland Koch und seine Parteigänger haben völlig recht: Einwanderer tendieren zur Gewalttätigkeit, sind aggressiv und kriminell, halten es nicht mit der Verfassungstreue und sind generell schlecht bis gar nicht integriert. All das darf man in diesem Land aber nicht laut sagen, wenn man sich als angesehener Mensch nicht disqualifizieren will. Daher ist es wichtig, den Tabubruch zu vollziehen: der "Migrantenmob" - nochmals ein Zitat von Fest - muß auf den Tisch, muß endlich thematisiert und als Problem öffentlich gemacht werden! Die Zivilcourage gegen diesen Mob muß belohnt, nicht bestraft werden!

Man muß in diesem Land endlich wieder die Aggression solcher Zuwanderer ansprechen dürfen, die aus den französisch-hugenottischen Raum zu uns gestoßen sind, um hier in prachtvollen Devisen-Moscheen ihre Haßpredigten zu halten. Auch der aus dem niederländischen Kreis stammende Zugereiste gehört öffentlich an den Pranger gestellt, weil er gegen Unterschichten geifert und unsere Verfassung dabei mit Füßen tritt. Gleiches gilt für den zu uns gekommenen Polen, der fortwährend Menschen in die soziale Enge treibt und Unfrieden schürt. Und das berührt genauso den ursprünglich aus dem skandinavischen Sprachraum herkommenden Herrn, der mit seinen "Aufartungs-Theorien" faschistoide Impulse zu setzen trachtet. Von den Parolen der Nachhut fränkischer Eroberergeschlechter, die die Überfremdung erst so vollends unerträglich geraten lassen, gar nicht erst zu sprechen!

Nur eine kleine Auswahl, die aber deutlich belegt, die Gewaltbereitschaft von Zuwandererkindern und -enkeln und -urenkeln ist beträchtlich. Besorgniserregend ist das! Beunruhigend! Wir müssen uns als Gesellschaft diesen Randexistenzen annähern, müssen sie integrieren, ihnen staatspolitische Kurse antragen - wer aber nicht gehorcht, muß die ganze Härte des Staates zu spüren bekommen; wer sich nicht zur Verfassungstreue aufrappeln kann, gehört umgehend ausgewiesen! Vorbei die Zeiten des Verständnisses und des falschen Fingerspitzengefühls, denn wir haben viel für deren Integration getan, haben ihnen gute Jobs zugeteilt, sie Geld verdienen, ihnen ein bisschen Ansehen widerfahren lassen - jetzt sind sie an der Reihe, jetzt müssen sie beweisen, dass sie der humanistischen Leitkultur folgen wollen, beweisen, dass sie uns dankbar sind.

Wir können uns diese latente Gewaltfreude von Ausländerkindern nicht mehr bieten lassen! Wenn schon Überfremdung, dann bitte durch friedvolle Gäste - gewaltverherrlichende und menschenverachtende Fremdlinge wollen wir nicht. Deutschland den Menschen! Entweder ändern sich diese militanten, fundamentalistischen Gäste und sind ab sofort mit uns, mit unserer Verfassung oder es hat die Ausweisung zu erfolgen!



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Nicht Bestien, Hanswurste sind gefährlich

Donnerstag, 29. Juli 2010

Wie Adolf Eichmann so dasaß, auf Tonbänder erzählte und in seinen Erinnerungen stöberte, da sei die Banalität des Bösen, mit der Hannah Arendt seine Erscheinung später belegen sollte, schlichtweg von ihm abgefallen. Zu ausgiebig habe er geplaudert, zu boshaft sei dieser Eichmann gewesen - nicht als "Hanswurst", "der schier gedankenlos" und "realitätsfern" auftrat, wie es Arendt schreiben würde. Kurzum, er sei nicht der stoische Bürokrat gewesen, für den er in seinem Prozess gehalten wurde. Kein Schreibtischtäter - ein Massenmörder - eine Bestie!

Hier greifen jene Mechanismen, die immer dann zum Vorschein kommen, wenn man einen ganz besonders abstoßenden Widerling aus der menschlichen Gemeinschaft verbannen möchte. Es ist so viel einfacher, einen Kerl vom Schlage Eichmanns zu entmenschlichen, diesen Mordskerl und Mordsbürokraten zu einen Massenschlächter und Monster zu küren, um nicht daran erinnert werden zu müssen, dass auch das ein Mensch ist, dass auch er ein Teil jener Spezies ist, die sich selbst Menschheit nennt. Nicht Menschen, nicht Paragraphenreiter töten demnach, es sind pervertierte Bestien, die zufällig einen Posten in der Bürokratie ergattern konnten - Unmenschen letztendlich, die nicht der menschlichen Familie zugehörig sind.

Dabei hat Eichmann in jener Interview-Reihe seine banale Menschlichkeit bewiesen. Ein farbloser Idiot saß da vor uns, phantasielos war er, einer von der Sorte Nachbarspießer, dem man nicht über den Weg laufen möchte, weil es einem stetig in der Faust kribbelt, weil man ihm täglich eine boxen möchte ob seiner Arschloch-Aura - ein Pedant, der bei genauerem Hinsehen eine ganz arme Sau war. Offensichtlich ein an der eigenen Erscheinung leidender Typ, der sich selbst noch weniger als die Welt leiden konnte, weswegen er sich vor Mitmenschen aufplusterte, zu mehr macht, als er je imstande war zu sein - ein unbeliebter und vielleicht auch ein ungeliebter Charakter. Dieser triste Däumling weidete sich augenscheinlich an der einzigen Sache, die ihm in seinem Leben je gelungen war: die pendantische Organisationsgewalt eines zu Verantwortung gekommenen Spießbürgers, der passenderweise in einer Diktatur der Klein- und Spießbürger, der Kreaturen aus Bürgerbräukellern und Trinkhallen, dieser fast schon einzigartigen Verstaatlichung der deutschen Schulmeisterei, seine Meriten erworben hatte.

Doch nichts Monströses, nichts Mörderisches scheint ihm da, so wie er in seinem Sessel kauert, anzuhaften. Eichmann war weniger Massenmörder als sturer Umsetzer von an ihn gerichteten Befehlen. Natürlich könnte Eichmanns Ausspruch das Gegenteil beweisen, als er sich brüstete, "kein normaler Befehlsempfänger" gewesen zu sein, sondern einer, der mitgedacht habe. Aber genau dieses Mitdenken zeichnet den folgsamen Bürokraten doch aus! Er trägt nicht stur seine Aktenberge ab, er verinnerlicht dieses Bergsteigen; er macht nicht nur stoisch Dienst nach Vorschrift, er beginnt seine Vorschriften zu lieben, zu verehren, zu atmen - er braucht sie, weil er innerhalb des Wusts an Paragraphen und Anordnungen etwas darstellt, außerhalb aber ein Nichts ist. Der gute Staatsbedienstete, er will nicht nur seine Amtspflicht erfüllen, er will mitdenken, will überkorrekt in seinem kümmerlichen Metier handeln, will in seiner Arbeit aufgehen, will was sein, was er im Privaten nicht mehr werden kann. Natürlich war er mehr als stoischer Kopfarbeiter in einem engen Zimmerchen, natürlich hat er mitgedacht und gewusst, was mit dem "Menschenmaterial", welches er quer durch Europa transportieren ließ, geschehen würde - aber genau das scheidet ja den guten vom schlechtem Bürokraten. Der gute Bedienstete weiß alles, tut mehr als alles und schweigt, obwohl er es besser wüsste - das schlechte Exemplar weiß wenig, tut das Notwendige und schweigt nur, weil er wenig Ahnung davon hat, was nach der Zustellung des von ihm bearbeiteten Bescheides geschieht. Der eine wird zu seinem Dienst, der andere tut Dienst! Der gute Amtsmann weiß von den Folgen seines Handelns und handelt dennoch.

Eichmann wieder einmal zum Monster zu erklären, so wie man stets aufs Neue die Bonzen des Dritten Reichs außerhalb der Menschheit ansiedelt, sie in eine Unmenschheit einreihte, einer fiktiven Spezies, die als Negation des Menschen auftritt, einer Spezies, in der sich alle tummeln, die als Mensch Unmenschlichkeit austeilten, entbehrt jeglicher konstruktiven Aufarbeitung jener Geschehnisse. Solche wie Eichmann, so unsympathisch und unausstehlich sie auch sind, bleiben Menschen. Auch das ist der Mensch, auch der dienstbeflissene Bürokrat, der kaltblütige Schreibtischgauner ist menschliches Adjektiv. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut: das ist die eine, seltene, ideale Seite - schlecht ist der Mensch, egoistisch und böse: das sind die anderen, häufigeren Wesenszüge; Eichmann und die Seinen sind die Mutation des letzteren, eine seltene, aber doch immer noch zu zahlreiche Wucherung. Sie zu etwas zu machen, was nicht mehr menschlich ist, gleicht jenem Jargon, den die Eichmänner gesprochen haben. Der Vergasung überstellte Juden waren bei denen auch keine Menschen mehr, sie waren Menschenmaterial, Volksschädlinge, wurden Sonderbehandlungen unterzogen. Das ist die Entmenschlichung von Menschen, die immer dann sehr bequem ist, wenn man bestimmter Menschen überdrüssig wird.

Aus Schreibtischverbrechern Antimenschen zu machen, hat außerdem eine praktische Funktion - man könnte es als Nebenprodukt dieser sich leicht machenden Bewältigungsarbeit bezeichnen. Solche, die auch heute wieder am Reißbrett menschliche Schicksale steuern, überspitzt und provokativ gesprochen, Bürokraten im Andenken an jenen Eichmann sind, lassen sich damit leicht aus der Schusslinie nehmen. Denn es sind ja nicht ordinäre Amtsstubenmienen, bescheuerte Behördenfratzen oder alberne Bürotrottel, die stoisch ihren Dienst wider den Wehrlosen dieser Gesellschaft verrichten - es sind Bestien, pervertierte Scheusale, die kein menschliches Gesicht haben, schon gar keine Bürovisage. Nein, Fallmanager und Außendienstmitarbeiter, Verweser der Bürgerarbeit und der Ein-Euro-Arbeitsgelegenheiten können nicht zu dem werden, nie und nimmer zu dem werden, was jener nationalsozialistische Musterknabe einst war.

Sicher, sie sind keine Eichmänner, höchstens Eichmännlein - aber wer garantierte dafür, dass es einen Aufstand der anständigen Bürokraten gäbe, wenn die Maßnahmen, die täglich schon verbal und medial verschärft werden - bei Kleinstwohnungen angefangen, bei rigiderer Sanktionierungswut noch lange nicht aufgehört! -, auch tatsächlich in die Wirklichkeit geholt würden? Keine Eichmänner - noch nicht vielleicht! Sie lassen ihn nur diskret auffackeln, kehren ihn meist nur zart heraus: ändert sich aber das Klima weiter in eine Richtung, in der man Erwerbssuchende zu arbeitsscheuem Gesindel abwertet, so wäre Diskretion und Zartheit nurmehr blanker Luxus, hemmender Tand. Nur braucht sich der Bürokrat, der heute schon in Startlöchern zu "höheren Weihen" kniet, keine Sorgen machen: er, der Mensch im Diensten des Staates, der Bedienstete seines Herrn, er ist ein vollwertiger Mensch, würde daher nie, was Eichmann war: denn der war bekanntlich ein Unmensch - es gibt keine Monster im Staatsdienst, der Staat unterhält keine Ungeheuer, deshalb neigt der Bürokratismus auch nie wieder zum Massenmord, leitet er nie mehr das massenweise Elend in die Wege.

Dass aber auch die Nationalsozialisten davon ausgingen, keine Monster in ihren Büros sitzen zu haben, spielt heute als Gegenargument keine Rolle mehr. Eichmann, das Monster, der seine ganze Banalität ablegt habe, macht es möglich, wäscht die Nachfolgegeneration zwischen Aktenordnern und Karteikarten rein.



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Das beste aller möglichen Unglücke

Mittwoch, 28. Juli 2010

Es gab eine Zeit, da rätselte man über den seltsamen Humor eines allmächtigen und liebenden Gottes, der von seiner Macht aber keinen Gebrauch machen wollte, damit das menschliche Leid duldete - besonders rätselhaft erschien den Zeitgenossen dabei das große Erdbeben von Lissabon, welches 1755 unfassbaren Notstand erzeugte. Wie konnte Gott so eine Katastrophe zulassen, fragten sich Europas schlaue Geister. Dieses Zweifeln, Rätseln, Hinterfragen eines mächtigen Gottes nennt sich Theodizee, was soviel heißt wie Rechtfertigung Gottes - eine theologische Rubrik, die auch besonders bereitwillig von Philosophen abgegrast wurde, bei der sich eloquent und zungenfertig gefragt wurde, wie ein gnädiger Gott, ein Gott der Liebe, die Hölle auf Erden zulassen könne, obwohl er doch die Befehlsgewalt besäße, alles zu einem Besseren zu wenden.

Theodizee lebt bis heute fort - mit dem Unterschied, dass dieses Fach ganz unten angekommen ist. Anstelle von Erdbeben stehen heute nackte Frauenbrüste, Bierflaschen und Joints im Zentrum der Theodizee. Wie kann ein allmächtiger Gott, so fragen sich die Freunde transzendenter Erklärungsmuster, bloß Veranstaltungen wie die Loveparade zulassen? Freilich versteht es sich von selbst, dass heute kein Kant, kein Voltaire, kein Leibniz oder Lessing um Antworten bemüht sind - denn nicht nur die Theodizee selbst, als Disziplin liegt am Boden, auch die heutigen Antwortsuchenden kriechen am Boden, dümpeln im geistigen Bodensatz umher. Statt Kant, so könnte man es auch kürzer festhalten, tapst heute eine scharfzüngige Eva Herman über theologische Trampelpfade.

Auch Leibniz sorgte sich um einen Gott, der voyeuristisch zusieht wie die Menschen leiden, während er offensichtlich an potenter Machtfülle reich war - der Gelehrte wurde zum Fackelträger einer optimistischen, pragmatischen Auslegung der Problematik. In seinem Werk Essais de théodicée (Theodizee) brachte er zum Ausdruck, dass es immer noch schlimmer hätte kommen können, weswegen man sehr wohl behaupten könne, der Mensch lebte in der besten aller möglichen Welten - ein allzueinfaches, schlankweg anspruchsloses Erläuterungsmodell, welches später auch von Voltaire in seiner Schrift Candide ou l'optimisme (Candide oder der Optimismus) köstlich verrissen wurde. Rätselfreunde der göttlichen Motivation hatten offensichtlich häufig eine Neigung zur plumpen Beantwortung ihrer ohnehin sinnlosen Fragen.

Herman reiht sich da nur ein - unbegabter natürlich als jene Vordenker, zudem in holpriger, dafür aber galliger Sprache, generell aber wenig intellektuell erleuchtend. Ein frommes, frömmelndes Herz wirft sie allerdings in die Waagschale - etwas muß sie ja auszeichnen! Aber ihre Auslegung, dass dem schamlosen Treiben Sodoms und Gomorrhas nun von mächtiger Stelle ein Ende gesetzt wurde, ist nicht nur zynisch und nebenher ausgesprochen blöde: es ist auch konsequent. Die stumpfe, unbeholfene Deutung ist das sprichwörtliche Klappern, welches zum Geschäft gehört: und in der Geschichte der Theodizee klapperte man von jeher mit spöttischem Zynismus und weihevoller Gelehrtenmiene, die die Unwissenheit annehmlicher kleiden sollte. Anders konnte es auch nicht sein in einer Fachdisziplin, die dem Fischen in trüben Brackgewässern bei dickstem Nebel gleicht. In der besten aller möglichen Welten, so könnte Herman auch geschrieben haben, sind zwar Loveparades, blanke Titten und ordinärer Suff durchaus vorzufinden, aber hin und wieder wird ein solches Treiben auch bestraft - in einer schlechteren Welt, so hätte ihr Leibniz konziliant beigepflichtet, wären nackte Brüste und Trunkenheit noch viel ausgiebiger gestreut, würde das Lotterleben nie bestraft. Sie sehen das ganz richtig, hätte der olle Leibniz ihr geflüstert, das was geschehen ist, ist das beste aller möglichen Unglücke, liebe Eva! Mehr ist zuweilen nicht umsetzbar in dieser besten aller möglichen Welten - dass uns eine bessere Welt vorstellbar ist, dass wir sie uns denken können, heißt ja noch lange nicht, dass sie auch möglich wäre. All das ist die Logik des Trostes; der Trost derer, die im Optimismus resignieren möchten.

In der Theodizee zu waten hieß einst, sich der großen Problematiken des menschlichen Daseins anzunehmen. Die Antworten waren aber auch da stümperhaft, nicht beweisbar, kurz gesagt: theologisch halt - was heute in jener Rubrik des tiefergehenden Denkens betrieben wird, ist meist nur das Deuteln mit dem moralischen Zeigefinger - manchmal durchaus verständlich ob der unsittlichen Auswüchse. Wie kann Gott den Porno zulassen?, fragen sie sich heute. Weshalb erlaubt Gott es, dass sich jemand besinnungslos säuft?, beschäftigt das theologische Gemüt. Auf einen Nenner gebracht: Wie kann Gott eine so sittenlose Welt genehmigen? Der Mensch als Marionette transzendenter Planungsarbeiten! Das sind im Übrigen Fragen, wie sie ähnlich gestellt werden, wenn eine Katastrophe geschieht. Die Pappschilder oder Kondolenzbriefchen, mit denen trauernde Menschen nach Geschehen eines Unglücks die Straßen zupflastern, Schilder und Briefchen auf denen Warum nur? oder Wie konnte das geschehen? steht, sind nichts anderes als softes Theodizee, ein Theodizee der Straße sozusagen - das Wie kann Gott nur die Busenshow und den Drogenrausch zulassen? ist herberer Machart, beruht aber auf der gleichen religiösen Trostlosigkeit, sich mit unbeantwortbaren Fragen zu beschäftigen, die einen Gott zwar angingen, wenn es ihn gäbe, die aber nicht an jene gestellt werden, die es wirklich gibt - Menschen nämlich.

Alles in allem handelt es sich also um sinnlose Fragenstellerei, die keine befriedigende Antwort liefern kann - wer fragt, weshalb Gott nackte und berauschte Partymiezen zulassen kann, ist auf dem Holzweg; man sollte fragen, wie Menschen dazu kommen, sich derart lächerlich zu machen, welcher Bauart eine Gesellschaft sein muß, in der so ein ekelhaftes Verhalten gefördert und gern gesehen wird. Das Elend der Philosophie lag zuweilen darin begraben, zu lange falsche Fragen gestellt zu haben, zulange ein verlängerter Arm von Religion und Mystizismus, Humbug und Esoterik gewesen zu sein. Das Elend derer, die die Nachfolge jener Philosophen angetreten haben ist, dass sie aus ihrem moralintrunkenen Gram einen Verhaltenskodex für die Allgemeinheit schmieden wollen - mit einem zürnenden Gott, wenn nötig. Und es ist das Elend, noch immer dort von Gott zu salbadern, wo man eigentlich von den Menschen sprechen müsste. An so ein Elend gekettet fragt man letztlich nach einem blinden und tauben Gott, der nicht sieht, nicht hört und deswegen nicht eingreift - man fragt aber nicht, wer die Katastrophe angezettelt, und wie im Falle Duisburgs, wer Fluchtwege vergessen und ein zu enges Festgelände abgesegnet hat. Warum Azubis fragen, wenn man einen Meister befragen kann - warum mit Menschen hadern, wenn man einen Gott um Einsicht bitten kann? Eine Bitte, die nach Hermans Lesart auch erfüllt wurde - Gott bestrafte die Sünder, die Geltungssucht Duisburger Behörden war damit nur Erfüllungsgehilfe eines viel größeren Planes.

Jetzt fehlte nur noch ein Voltaire, der der Herman einen Candide widmet - aber nicht mal das hat ihre Frömmelei verdient. Leibniz hat nebenher noch andere Leistungen vollbracht, moderne Rechenmaschinen gehen indirekt auf sein Konto - wäre er bei der besten aller möglichen Welten verharrt, wäre dies seine einzige Arbeit geblieben, man hätte ihn schnell vergessen. Nun ist die Frage, was Herman sonst noch zu bieten hat, außer jenem unglücklichen Ausspruch, wonach vielleicht "andere Mächte mit eingegriffen [hätten], um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen" - und da sieht es finster aus mit ihrer Unsterblichkeit...



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Ridendo dicere verum

"Überlegen Sie doch, Euer Ehren. Wenn man Vergewaltigungen wirklich verhindern wollte, würde man sie mit zwanzig Jahren Kerker bestrafen. Auf Veruntreuung und Steuerhinterziehung stehen zehn Jahre. Tätliche Bedrohung mit einem Messer kann einem sechs Jahre einbringen. Aber für dasselbe Vergehen mit Vergewaltigung sieht das Gesetz nicht mehr als drei Jahre und acht Monate vor. Es begünstigt Vergewaltigungen. Es anerkennt ihre heilende Wirkung."
"Heilende Wirkung? Wieso?"
"Als Ventil für aufgestaute Aggressionstendenzen. Als Entlastung von gesellschaftlichen Druck. Wer vergewaltigt, begeht keinen staatsfeindlichen Akt, nimmt an keiner Demonstration teil, erregt keinen Aufstand, ist politisch einwandfrei. Der Staat weiß das. Deshalb belegt er jede Eintrittskarte ins Kino mit einer fünfzehnprozentigen Steuer, aber Vergewaltigung ist steuerfrei."
- Ephraim Kishon, "Wer's glaubt, wird selig - Politische Satiren" -

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Dem Mann im Felde

Dienstag, 27. Juli 2010

Manche Gebräuche überdauern die Jahrzehnte, schlummern nur gelegentlich weg, erwachen später allerdings erneut. Es sind kleine, liebgewonnene Gepflogenheiten, die nicht aus Desinteresse temporär wegdösen, sondern weil sie in manchen Zeitaltern einfach nicht in die Realität passen - ihrer gedacht hat man jedoch immer, leise, sehnsuchtsvoll. Und offeriert die Wirklichkeit plötzlich ein Klima, in der die Gepflogenheit wieder Lebensrecht erhielte, so greift man erleichtert zu und belebt diese alten Sitten. Was man im alten Deutschland gerne tat, was man in diesem neuen, diesem modernen, diesem aufgeklärten Deutschland neu für sich entdeckt hat, das ist das Briefeschreiben.

Briefeschreiben! Briefe an Soldaten, Feldbriefe um ganz genau zu sein. Schreiben Sie unseren Soldaten! Schicken Sie Grüsse und Wünsche! Das ist traditionell, schon unsere Großmütter waren Grußmütter - damals noch chic in Uniform. Deutsche Mädel schrieben Briefe an den Landser im Felde - wildfremde Mädel an wildfremde Jungs. Unter dem Obdach der Nation verfiel die Fremdheit, wer für ein und dasselbe Land schafft, kann sich nicht fremd sein. Das sind die Segnungen der Einheitsfront! Heute sollen nicht nur Mädel schreiben, heute dürfen alle, geschlechtsübergreifend sozusagen - immerhin herrscht Gleichberechtigung. Jeder hat das Recht, "unseren Soldaten" in Afghanistan warme Worte zu senden; jeder darf seine Unterstützung zu Papier bringen - nur BILD-Leser sollte man vorzugsweise sein. Deutsche Mädel grüßen deutsche Soldaten!, war früher mal eine Rubrik - wir haben uns entwickelt, gehen mit der Zeit, heute dürfen auch deutsche Jungens deutsche Soldaten grüßen - auch Soldatinnen, sofern eben doch heterosexuell gesonnen.

Nation unter Waffen - so schlimm ist es derzeit noch nicht! Wir haben nur ein Paar Waffenbrüder im Einsatz; damit muß sich die Nation zufriedengeben. Es braucht keine bewaffnete Volksfront - jedenfalls keine, die mit echten Waffen hantiert. Ideologische Waffen sind da schon eher erwünscht. Waffen, wie eben jene Briefe, die den Mann - und die Frau; wir sind ja gleichberechtigt! - im Felde erreichen, die ein Band schmieden sollen zwischen Militär und Zivilist, zwischen Mordsjob und Beruf, zwischen in Kabul knallenden BILD-Lesern und in Wanne-Eickel oder Erding ansässigen BILD-Lesern. Feld und Heimat, Heimat und Feld - beides bedingt einander, die Grenzen lösen sich auf. Schreiben Sie unseren Soldaten!, heißt in verständlicherer Sprache: Reihen Sie sich in die Einheitsfront ein! Jeder tut, was er kann, was er muß, was von ihm verlangt wird - die einen schießen, die anderen loben die Schüsse über den Klee; die einen krabbeln im Dreck, die anderen suhlen sich in Dankbarkeit und machen den von der Politik eingeleiteten Kampfeinsatz zu einem wirklichen Volkseinsatz!



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Ein moderner Aufklärer

Montag, 26. Juli 2010

Man hat sich geirrt, der im Startblock lauernde Präsidentschaftskandidat Gauck, der als Aufklärer schmackhaft gemacht wurde, war zuletzt nicht der tatsächliche aufklärerische Typus jener beiden Kandidatenzwillinge. Aufklärer ist der andere, Wulff mit Namen, mittlerweile hinter (Lust-)Schloss verriegelt. Wulff, ein passionierter Aufklärer, ein aus Drang der Aufklärung verschriebener Charakter.

So wie er zum aktuellen Anlass in Duisburg einforderte, es müsse nun eine "rückhaltlose Aufklärung" geschehen, so hat er eine ebensolche, wortwörtlich ebensolche sogar, bereits vor einem Monat in Sachen Katholische Kirche gefordert. Eine liebe Gewohnheit, die er schon vor mehr als einer Dekade pflegte, als er zur Parteispendenaffäre der CDU die Ansicht vertrat, dass nur eine "rückhaltlose Aufklärung" seine Partei retten könne - wer nun meint, Wulff ist ein terminologischer Langweiler, der irrt sich, denn er variiert in seiner Wortwahl durchaus: so wie vor sechs Jahren, als er eine "umfassende Aufklärung" über VW-Gehälter für Abgeordnete gesichert wissen wollte. Oder ein Jahr später, als er eine "lückenlose Aufklärung" zur VW-Affäre für unausweichlich hielt. Wieder ein Jahr danach hatte sich sein Wortschatz erneut aufgefrischt: er sprach von "restloser Aufklärung", die man dem Engagement Gerhard Schröders bei Gasprom angedeihen lassen sollte. Wahrlich, ein Aufklärer ohne Unterlass, ein Mann, der stets um Aufhellung und Ermittlung bemüht ist, unaufhörlich die Aufklärung im Munde führt.

Aber er ist keiner, der aufklärt - eher einer, der Aufklärung aus dem Kehlkopf heraussurrt. Einer, der viel von Aufklärung schwafelt, weil dies in der Sprache unserer Zeit, der öffentlichen Sprache, der Sprache politischer Korrektheit, so vorgesehen und erwünscht ist. Von Aufklärung zu sprechen ist nicht nur chic, es läßt einen blassen Politiker aufblühen, zum Verantwortungsträger mit Format erwachen - ohne solche Reden läßt sich in einer Epoche der Oberflächlichkeit und des Scheins, keine politische Karriere mehr machen. Wer viel von Aufklärung spricht, wer in sein unnötiges Geschwätz, sein entbehrliches Wischiwaschi einen Abglanz von aufklärerischen Bestreben flicht, der kann mit etwas Glück und guten Beziehungen sogar Bundespräsident werden.

Wulff ist dabei aber nur das ranghöchste Abziehbild einer politischen Kultur, die weniger auf Stichhaltigkeit und Wahrhaftigkeit setzt als eigentlich notwendig wäre. Er ist Politiker von blasser, blutleerer Gemütsart - windig und aalglatt, schlängelnd und so sehr ohne eigene politische Konzeption, ohne Vision ausgestattet, dass er als Mann ohne Eigenschaften gelten muß, als unsichtbarer Mann geradezu. Perfekt geschult ist er, wie alle seiner Couleur, in der Sprache der heutigen Politik; einem Idiom der politischen Korrektheit, in der zentrale Begriffe wie Nachhaltigkeit, Freiheit oder eben jene Aufklärung den gesamten Satzbau bestimmen, ohne die kein verständlicher Text mehr fabriziert werden könnte - das heißt, mit denen der Text erst so unverständlich und vielfältig interpretierbar wird, dass alles oder nichts daraus herausgehört werden kann. Es ist eine verstümmelte, wenig aussagekräftige Sprache, die vor Wiederholung immergleicher Floskeln nicht zurückschreckt, ganz im Gegenteil, sie noch befürwortet, um den Zuhörer nicht zu sehr zu überlasten, ihn nicht zu verunsichern. Verbale politische Korrektheit soll Nachhaltigkeit schaffen, um es mal in deren eigenen Sprache zu sagen - sie soll den Zuhörer in Sicherheit wiegen, ihn einlullen, besänftigen, ahnen lassen, was gemeint sein könnte. Und sie besitzt wichtige Textbausteine, die immer anwendbar sind, die nie verkehrt, nie fehl am Platz wirken - Textbausteine wie jenen von der Aufklärung. So einen Baustein kann man immer bringen, er wird immer honorierend zur Kenntnis genommen.

Es ist die Sprache von Apparatschiks, von Technokraten ohne Konturen; eine Sprache, die im wirkliche Leben kaum Beachtung findet. Eine Sprache der Gelehrten, nicht des Volkes - oder sagen wir trefflicher: sie wird von Geleerten heruntergerattert. Leere, ja fast körperlose Wesen, die ihre eigene Hohlheit mit Gummi- und Plastikphrasen füllen, die Worthülsen schnitzen, um wenigstens ein bisschen nach Verantwortungsträger, nach respektablen Politiker zu riechen. Wulff ist da nur das Paradebeispiel: er ist so farblos, so fahl, dass sein plötzliches Verschwinden kaum auffallen würde. Nichts hat er, worüber man sprechen könnte - keine Vorzüge, aber auch keine Nachteile. Letzteres genügt mittlerweile, um als Politiker von Größe anerkannt, genügt, um als angenehmer Zeitgenosse aus der Politik verstanden und geliebt zu werden. Er ist ein Irgendwer, der in die Politik gestolpert ist, weil er gelernt hat, immer dann genau das zu sagen, was man im politisch korrekten Klima unserer Tage auch hören will - der gelernt hat, immer dann genau das zu sagen, was keinen berührt, verärgert, aus der Fassung bringt. Zu reden und nichts zu sagen: das ist die Kunst der vielen Konturlosen, der Eigenschaftslosen, der Nichtssagenden, der Wulffs.

Und Wulff ist somit ein zeitgemäßer Aufklärer. Nicht weil er aufklärt, sondern weil er die vermutliche Aufklärung fordert - immer und immer wieder: der Textbaustein ist variabel. Er klärt uns darüber auf, dass Aufklärung rückhaltlos, lückenlos, restlos zu erfolgen habe: eine aktuelle, zeitgemäße Ausprägung von Aufklärung! Eine ohne nachhaltige Denkarbeit, eine, die man keck in die Öffentlichkeit hinausposaunt. Rousseau, Montesquieu oder Kant haben nicht laut nach Aufklärung gerufen - sie haben es selbst getan, selbst aufgeklärt. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft läßt man schließlich aufklären, zieht Aufklärungsexperten heran - oder man ruft wenigstens zu jeden gegebenen Anlass unverbindlich nach solchen. Der moderne Aufklärer klärt darüber auf, dass Aufklärung nötig sei - und er tut es nicht für die Wahrheit, er tut es für sein blutleeres Antlitz, damit er was gilt, was darstellt, wer ist.



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Entwurzelt

Samstag, 24. Juli 2010

Geh doch dorthin, von wo du hergekommen bist!, bekommt man als Undeutscher häufig zu hören. Geh heim!, vernimmt man auch mehrmals, wenn man lediglich das Kind eines Undeutschen ist. Und kritisiert man als solcher dann hiesige Verhältnisse, so wird man rüde zurechtgestutzt - du kannst ja heimgehen, wenn es dir hier nicht paßt! Als Kind eines Ausländers hat man nicht zu beanstanden, zu nörgeln - als Ausländer selbst ohnehin nicht. Doch wo ist dieses Zuhause, wohin geht man, wenn man als Fremder in einem fremden Land zum Heimgehen aufgefordert wird?

Vielleicht, so hoffte man damals als man in die Fremde ging, würde man dort eines Tages akzeptiert, würde man sich sozusagen seiner Fremdheit entfremden und auch für die Autochthonen irgendwann nicht mehr fremd sein. Aber man bleibt immer fremd, doppelt fremd: Fremd in der Fremde und stockend wird man auch fremd in der Heimat. Ich habe diese Entfremdung an meinem Vater beobachten können. Das fing bei Belanglosigkeiten an, wenn er bestimmte spanische Worte nicht kannte, weil sie erst nach seinem Weggang aus Spanien aufkamen - in Erinnerung ist mir ein Einkauf, bei dem er Nylonstrümpfe für meine Mutter kaufen sollte und nur jenes Nomen kannte, das im Spanischen Wollstrumpfhosen bezeichnet. Das war eine urkomische Situation, mit einer belämmert dreinschauenden Verkäuferin, die sich sichtlich wunderte, dass da ein Mann mitten im heißesten Sommer wollene Strumpfhosen erstehen wollte. Ein familiärer Klassiker, der immer wieder aus der Mottenkiste voller Erinnerungen herausgekramt wird und den auch meine Kinder vorgesetzt bekommen, wenn uns danach ist, die familiäre Vergangenheit komödiantisch aufzupolieren. Gleichwohl ein nebensächliches Sinnbild dafür, dass demjenigen, den man hierzulande schnell mal flapsig nach Hause schickt, auch seine Heimat abhanden gekommen ist.

Aber ich habe bei unseren jährlichen Spanienaufenthalten sehr wohl verspürt, wie dieser Mann, der mein Vater war, in einer Heimat umherirrte, einer Heimat, die ihm verhältnismäßig fremd geworden war. Er war stolz auf jenes Heimatstädtchen, dass kolossal anwuchs, modernen Städtebau praktizierte, Wohlstand heraushängen ließ - aber es war nicht mehr seine Stadt, war wie eine schlecht arrangierte Imitation seiner Herkunftsstadt, die so aussah, so gebaut war, aber doch irgendwie, man konnte nicht sagen wieso genau, anders roch. So pilgerten wir oftmals durch die Altstadt, er uns Orte deutend, an denen dies oder jenes geschah, angefangen beim Ort seiner Geburt bis zum Wohnort eines entfernten Vetters, der von uns nie gesehen ward. Er schwelgte hin und wieder in seiner Vergangenheit - in seiner nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich versunkenen Vergangenheit. In seinem Kopf war er dort, wo er einstmals heimisch war - die reale Welt bot diese Heimeligkeit nicht mehr. Welch Zerrissenheit mir zuweilen sichtbar wurde, dieser beklagenswerte Mann, der seine Wohnung, sein Bett, seinen Kühlschrank in einem Land hatte, in dem er nie akklimatisiert war; der seine Wohnung aber gerne an der Stätte seiner Herkunft gehabt hätte, die ihm mittlerweile auch fremd erschien. Auch in Spanien wäre er als Spanier, der er zeit seines Lebens blieb, wie ein Zuwanderer gewesen.

Wäre er zurückgekehrt, so wie er in manchem verträumten Augenblick von einer Rückkehr ins Land seiner Väter sprach, man hätte ihn wahrscheinlich nicht als Spanier anerkannt - ich glaube, dass er für seine in Spanien gebliebenen Schwestern manchmal exotisch wirkte; dass ein Spanier, der seit Jahrzehnten nicht mehr in Spanien lebte, zwangsläufig fremde und gewöhnungsbedürftige Wesensarten annimmt, steht außer Frage. Vage ahne ich heute, dass eine Rückkehr nach Spanien ein Fiasko geworden wäre - eine zweite Phase Gastarbeiterschaft, wenn man das so sagen kann. Wie hätte er dort leben können, gleich einem Mann seines Alters, der dort immer gelebt hat? Viele seine weltläufigeren Sichtweisen hätte man nicht verstanden, viele seiner eher deutsch geprägten Ansichten genausowenig. Man hätte ihn vielleicht ausgelacht oder für nicht ganz normal eingestuft. El alemán, hätten sie ihn genannt, nehme ich an - den Deutschen! Das wäre ein schönes Stück Ironie geworden: el alemán, der er in Deutschland nie war. So ein Zurückkommen ins Land seiner Ahnen, es wäre voraussichtlich ein Debakel gewesen - es ist ihm erspart geblieben, er starb vorher. Und auch wenn es kleinkariert und wenig nach den Worten eines liebenden Sohnes klingt, ich bin froh, dass ihm das nicht mehr widerfahren konnte; ich bin froh, meinen Vater nicht als geknickten Mann erlebt haben zu müssen.

Wir fuhren beinahe jeden Sommer nach Spanien, das heißt, eigentlich fuhren wir ins Paradies. Die Idealisierung des Geburtslandes ist ein maßgeblicher Bestandteil jeder Gastarbeiterkindheit. In Spanien leben alle glücklich, jeder hat Arbeit, verdient gut, lebt wie Gott in Frankreich, nur eben heißt dieses Frankreich Spanien. Lauter nette Leute belagern die Straßen und alle leben in Eigentumswohnungen, weil keiner mehr Mietverhältnisse nötig hat. Als Jugendlicher wollte ich das glauben, schließlich war auch ich, obwohl in Deutschland geboren, in meinem Umfeld immer der Spanier. Und wenn ich schon so einer sein musste, dann sollte das freilich etwas ganz Enormes, etwas Erhabenes, vielleicht sogar Besseres sein. Deutschland war natürlich der teuflische Gegenspieler: Immer neblig, immer regnerisch, immer kalt. Dazu Schwalle verschlagener, bösartiger Menschen - Typen halt, wie es sie seit Generationen in diesem Land im Herzen Europas zu geben schien. Kapos und Rottenführer garstigster Machart - dass es solche Schweine aber auch in Spanien gab, musste ich erst später erkennen; dass die faschistoide Tendenz international ist, lernte ich erst Jahre danach. Das war das Leitbild des gesamten Jahres: Deutschland ist ein Höllenpflaster, Spanien eine Wolke. Und dann waren wir in Spanien, und oh Wunder, mein Vater sprach ganz anders von Deutschland: es sei dort alles gut organisiert, es gäbe einen hohen Sozialstandard, er könne sich sogar hin und wieder ein neues gebrauchtes Auto, mit etwas Spardisziplin sogar ein neues neues Auto leisten! Aus dem Höllenschlund glitzerte und funkelte es urplötzlich heraus.

Später begriff ich erst, dass in dieser Verhaltensweise stille Rechtfertigung zu vermuten lag. Die wenigsten Gastarbeiter gingen guten Gewissens von ihren Eltern und Geschwistern weg - wenn man heute so tut, als kämen die Menschen aus aller Welt nach Europa, nach deutscher Lesart: nach Deutschland, um sich in unseren Sozialstaat einzunisten, dann spricht da die verwegenste, ahnungsloseste Dummheit; dann bricht da die ganze Engstirnigkeit von Menschen hervor, die niemals vor der Entscheidung standen, die Heimat zu verlassen - verlassen zu müssen. Denn man geht nicht frohen Herzens, auch Kindergeld oder Sozialhilfe locken niemanden ausreichend, um Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Onkel und Oma zurückzulassen, um in ein Land zu gehen, dessen Sprache man nicht spricht und dessen Mentalität einen weltweit nicht besonders guten Ruf besitzt. Und dann stand er vor seinen Schwestern, beide zu netten Reichtum gekommen, und er putzt jenes Deutschland fein heraus, mit dem er während des ganzen Jahres gehässig im Clinch lag. Seht her, so schien er zu rufen, meine damalige Entscheidung war richtig! Goldrichtig! Dass seine beiden Eltern damals seinen Stolz anfachten, als sie ihm deutlich machten, dass er ohnehin bald zurückkäme, weil er ohne sie nicht auskommen würde, tat natürlich das Übrige - schau her Mama, ich habe es auch ohne euch geschafft! Schade, dass Papa das nicht mehr erleben kann!

Mag sein, dass mehr hervorlugte aus diesem Wechsel seines Verhaltens. Was hinterlässt man doch für Wunden, wenn man seine Eltern, besonders aber seine Mutter verlässt. Mütterliche Tränen trocknen nur saumselig und die spärlichen Karten aus dem Ausland trösten nur wenig. Wenn man seiner Mutter schon Mühsal bereitet, wenn man sie schon enttäuscht, weil man von nun ab ein Leben fristet, in dem die Mutter nurmehr eine Nebenrolle einnimmt, eine höchst selten in Anspruch genommene Nebenrolle, ein Arrangement als Statistin oder Komparsin, um es metaphorisch treffender zu zeichnen, dann kann man nicht angekrochen kommen - dann kann man nicht zu Besuch reinschauen und über jenen Ort meckern, für den man sich aus freien Stücken entschied. Das gebietet der Stolz! Und der Anstand! Seine Mutter, seine Familie generell, sollte nicht umsonst gelitten haben - wenigstens sollte am Ende jenes Glück stehen, dass er sich mit seinem Weggang in die Wege einzuleiten glaubte, das ihm vor Jahren, in Zeiten da er noch zuversichtlicher war, gelotst schien. Zuzugeben, dass man nicht vollwertig glücklich ist, die damalige Entscheidung zweifelhaft war: so eine Blöße gibt sich ein stolzer Südländer doch nie im Leben! Gäbe sie sich ein Nordeuropäer? Sind die Menschen da so anders geartet, nur weil sie Sauerbraten statt Paella, Köttbullar anstelle von Polpette verzehren? Ach Bub, hätte seine Mutter, meine Großmutter, unter Umständen vielleicht bemerkt, hättest du nur auf uns gehört! Ach Bub, was hast du mir, was hast du uns und vorallem, was hast du dir da nur angetan?

Ich war nicht dabei, kann es mir aber bildlich vorstellen, wie es gewesen sein muß, als mein Vater, mittlerweile Arbeiter im fernen Alemania, sein Elternhaus besuchte. Er, wahrscheinlich im Trend der Zeit mit weißem Hemd und schwarzer, übertrieben ranker Krawatte gewandet, in der nicht besonders mondänen Küche seiner Mutter hockend, gegenüber seinem Vater, der nach wie vor Schäfer war und eine kleine Metzgerei betrieb - er, mein späterer Vater, der in Jugendjahren ebenso Schafe hütete, schlachtete, urwüchsiger Bursche war und nun zum industriellen Schildknappen aufstieg! Er, der mich behütende Vater, der immer Rat wusste, die Welt verstand, sie mir erklärte, er ruderte in jenen Tagen selbst noch orientierungslos durch die Gewässer. Im Mief seiner eigenen Vergangenheit muß er da gesessen haben, erfüllt vom schlechten Gewissen, den Argusaugen seiner Angehörigen ausgesetzt. Vermutlich sprach er vom effektiven Arbeiten, vom Akkord, vom Fleiß, den man in Deutschland durchaus honoriert, von der peniblen Organisationskraft der Deutschen, vom Beispiel, welches sich die müden Spanier von den Deutschen nehmen sollten - gut möglich, dass sich meine Großeltern traurig anblickten, sich fragten: was ist denn mit unserem Buben los? In welcher Welt lebt er denn eigentlich? Sicher, mein Vater kam aus keinem Dorf, eher vom Rande einer größeren, spannend anwachsenden Stadt, aber die angelsächsisch-ökonomischen Werte, oder nennen wir es Verwertbarkeiten, hatten in Spanien seinerzeit nur spärlich Fuß fassen können.

Er wird schon damals nicht von den kleinen und großen Begebenheiten gesprochen haben, die ihm als Ausländer im Deutschland jener Jahre widerfahren sind. Eine verlassene Mutter sollte nicht auch noch voll brennender Sorge sein, sie sollte sorgenlos ihr verlassenes Dasein ausheulen dürfen, sollte sich damit trösten können, dass es dem Jungen relativ gut geht, dass er akzeptiert und gemocht wird. Dabei blieb er immer ein Fremder, gleichwohl er später der deutschen Sprache mächtig wurde. Man sprach deutsches Stakkato mit ihm, schrotthaftes Deutsch ohne Syntax, frei von jeder auch nur alltäglichen Stilistik, denn der begriffsstutzige Ausländer sollte ja auch verstehen können. Es fällt schwer heimisch zu werden, wenn man unentwegt von der Seite angestammelt wird, wenn man immer wieder zum Stereotyp eines Südländers gemindert wird - wurde einer seiner Arbeitskollegen mal wütend, dann hieß es, er sei mit dem falschen Fuß aufgestanden oder ihn habe etwas in wilde Rage versetzt; wird aber ein Spanier oder Italiener wütend, egal wie berechtigt diese Wut auch ist, dann reduziert man das auf das südländische Temperament. Der Südländer als Opfer seiner Anlagen, als triebgesteuerter Choleriker!

Der Südländer: ein impulsiver, emotionaler Bauchmensch - mit solchen Gestalten kann man wenig anfangen! Sie sind nicht planbar, nicht kalkulierbar. So wie auch dieser Mann, dieser spätere Vater eines schreibenden Sohnes, emotional durchdrehte, seinen Arbeitsplatz von heute auf morgen hinschmiss, weil gut zweitausend Kilometer südwestlich sein Vater, mein mir unbekannt gebliebener Großvater, an Kehlkopfkrebs erkrankte. Urlaub wollten sie ihm, meinem Vater, nicht geben, nicht von jetzt auf gleich. Aber er wollte an das Bett seines moribunden Papas, auch wenn es wahrscheinlich gleichgültig war, ob er gleich oder erst in zwei Wochen dort ankam - solange würde er schon noch leben. Aber ein Sohn, der seinen Eltern den Schmerz des Verlassenwerdens aufhalste, der leidet gezwungenermaßen an schlechtem Gewissen - spanische Söhne jener Zeit mehr als es heutige täten. Da gehen schon mal die Gäule mit einem durch, da wirft man schon mal den begehrten Posten am Fließband hin und reist unverzüglich ab - da macht man aus dem Spanier, der pflichtvergessen war, der impulsiv reagierte, der sich unmöglich benahm, schon mal einen fadenscheinigen Charakter, einen Nichtsnutz, der zwar fleißig sei, aber aufgrund fehlender Sekundärtugenden zu nichts zu gebrauchen. Sie sehen nur den äußeren Einband, den triebgesteuert cholerischen oder emotionalen Südländer, der bei Unverständnis in familiären Notständen, auch mal laut, auch mal derb wird - sie sehen nicht des Gastarbeiters Pein, sein fortlaufend geplagtes Gewissen, sein seelisches Ringen. Sie sahen nicht den Vater meines Vaters, wie er mit Loch im Hals in seinem Bett liegt; sie sahen nicht seine Schwiegertochter, meine Tante, die ihn wickelte, fütterte, pflegte; sie sahen nicht, wie der Sohn zum Vater strebte, auch wenn es zwecklos war, weil der Vater dem Tode schon überschrieben war.

Dieser Mann, der schließlich mein Vater werden würde, er hat nie über seine Ankunft in Deutschland gesprochen, er war für mich ein Mann ohne Vorgeschichte. Ein liebevoller doch strenger Vater, aber aufgrund fehlender Biographie konturlos, fast schon zu geschmeidig. Man musste bohren, wollte man mehr erfahren und auch dann erhielt man nur bruchstückhafte Fetzen jener Tage. Viele Spanier kamen in diesen Erzählungen der ersten deutschen Jahre vor, viele Spanier, die schon nach einigen Jahren zurückgingen - er aber blieb. Es scheinen keine rosigen Tage gewesen zu sein; Tage, in denen er eingehend erklärt bekam, wo seine Stellung in der bundesdeutschen Gesellschaft zu sein hatte. Gastarbeiter eben; jemand, der sich hier nicht zu wohl zu fühlen habe, denn selbst die beliebtesten Gäste gingen letztlich irgendwann nach Hause. Dass Gäste normalerweise nicht zum Arbeiten eingeladen werden, ist den Fürsprechern dieser speziell deutschen Art von Gastfreundschaft natürlich in der Eile, den arbeitsplatzraffenden Ausländer wieder loszuwerden, kurzzeitig entfallen.

Geh doch dorthin, von wo du hergekommen bist!, hörte mein Vater sicherlich öfter als ich - mir wurde das jedoch auch mehrmals ans Herz gelegt. Woher mein Vater kam, war bekannt - aber ich? Woher kam ich denn? Wenn ich dorthin zurückkehren soll, woher ich kam, heißt das dann, dass ich ins Krankenhaus zurückfinden soll, in jenen Kreißsaal, in dem ich geboren wurde? Oder in den Schoss meiner Mutter? Mein Vater hätte gewusst wo der Ort seiner Herkunft wäre - nur was hätte er dort anderes erlebt als hier? Dort hinzugehen, woher man kam: das ist wenigstens eine Ortsangabe - aber heimgehen, wenn es ein solches Heim nicht gibt? Geh heim!, ist als Empfehlung weniger sensibel. Wer dergleichen empfahl, machte sich nicht mal die Mühe, nachzudenken - um ehrlich zu sein, wer derlei empfiehlt, ist mit dem Denken ohnehin nicht so besonders befreundet. Aber zwischen der angeratenen Rückkehr zum Ort der Herkunft oder der Heimstatt, da ist schon ein fundamentaler Unterschied. Letztere Variante reduziert ja den Menschen lediglich auf seine Nationalität, fragt nicht, ob man sich irgendwo auch tatsächlich heimisch fühlt, sondern schaut in den Paß und nimmt an, der dortige Eintrag sei das Heim - du bist nichts, deine Nationalität alles!, blitzt da als eingetrichterte Devise schüchtern durch.

Geh doch dorthin... nichts wissen solche, die entsprechende Anregungen aussprechen. Sie wissen nicht, dass man seine Heimat verliert, dass einem die Herkunft abhanden kommt, wenn man in die Ferne schweift. Für sie sind Ausländer sozialstaatsversessene Raffzähne, die selbst ihre Großmutter verkauften, um die Segnungen des Wohlfahrtstaates zu erlangen. Dabei sind es Entwurzelte, stets fremd Gebliebene hie und fremd Gewordene dort; Menschen, die eine schwärende Wunde in sich tragen. Und wenn man genug von Deutschland hat, maulen diese schlichten Gemüter, dann könne man ja zurück gehen, zurück in die Heimat. Sie wissen nichts von der Komplexität eines solchen Lebensentwurfes, sie wissen nicht, wie demütigend es ist, selbst dort, wo man geboren wurde, nicht wirklich beheimatet zu sein...



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