Ridendo dicere verum

Freitag, 12. März 2010

"Warum muß der Gerechte so viel leiden auf Erden? Warum muß Talent und Ehrlichkeit zugrunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst sich räkelt auf Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen?"
- Heinrich Heine -

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Der Kern der Posse

Donnerstag, 11. März 2010

Nun ist die Posse um sich gegenseitig begattende Schiedsrichter wahrlich keine Materie, mit der sich auseinanderzusetzen lohnte. Gekränkte Hahnreie, die ihre Ränke um Eros und Fleischeslust in die Tagespresse tragen, ebenso wie die gewöhnlichen homophoben Allüren des Fußballbundes, sind wohlwollend formuliert, beschämend und in etwa so faszinierend, wie ein muffiger Pappbecher. Packender wurde die ganze Komödie auch dann nicht, als eine der gehörnten Mimosen mit einer delikate Aussage ans Tageslicht des Boulevards kroch. Jener Aussage nämlich, wonach er gehofft hätte, dass der Millionenklub aus München schnellstens verlieren und aus dem internationalen Wettbewerb ausscheiden würde. Spannungsreicher wurde die Burleske damit zwar auch nicht, aber das Drumherum, die Reaktionen, sie waren und sind doch aufschlussreich.

An die Öffentlichkeit geriet jene Aussage beim sich anständig darbietenden Kerner, dem seriösen Makler seiner Branche, der mit flirtender Bonhomie und kriechendem Geschwafel, sich jedes noch so belanglosen und anrüchigen Stoffes annimmt, selbst jenes nuttigen, höchst blamablen Refereegeschmuses. Muß ein Schiedsrichter, so fragte er einen der erschienenen Hauptdarsteller, muß ein Schiedsrichter nicht neutral sein? Berechtigte, wenn auch heuchlerische Frage! Unparteiisch hat ein Spielleiter nur auf dem Platz zu sein, kein Kodex verpflichtet ihn im Privatleben dazu, ohne Vorlieben oder Abneigungen sein zu müssen. Ein Zahnmediziner, der bis vor einigen Jahren in der Bundesliga pfiff, war stets und jedem bekannt Mitglied eines famosen Fußballklubs aus der Pfalz. An seinem Berufsethos gezweifelt hat allerdings niemand.

Einerlei, denn jene Frage stand im Raum, und der Fußballbund hatte pflichtgemäß - was soviel heißt wie: der Öffentlichkeit und dem damit verketteten Image treu ergeben - zu handeln. Der parteiische Unparteiische wurde zunächst aus dem Verkehr gezogen. Kerners Frage traf die sportliche Öffentlichkeit - und diese reagierte wie sie es in hysterischen Zeiten immer tut, sie gab sich entrüstet, wenig kritisch oder hinterfragend, scherte sich einen Dreck darum, dass jene angefeindete Äußerung rein privater Natur war - ja, das unerhebliche Geplänkel zwischen Intimpartnern, falls man es noch genauer definieren möchte. Und der Verband in seiner grenzenlosen Güte... der Verband der von grenzenlos schwulenfeindlicher Güte berauscht ist, ließ sich da nicht lumpen. Natürlich mögen auch die Allmächtigen aus Bayern, die sich ob solcher Aussagen ihres Reichtums bedroht fühlten, ein wenig nachgeholfen haben, damit gedroht haben, zukünftig keine Zwanziger an Zwanziger anzureihen, um der Sache das nötige Berufsverbot abzuringen.

Doch das ist nur eine Auffälligkeit. Wir waren bei Kerner, dem unterwürfigsten aller Nachtwächter des deutschen Fernsehens; waren bei ihm, als er danach fragte, ob ein Schiedsrichter nicht neutral sein sollte, was im Eifer des Wortgeplänkels zwar eine berechtigte Frage sein könnte, bei dialektischer Betrachtung aber nur als unwesentlicher, belangloser Auswuchs abendlichen Smalltalks anzusehen ist. Und just entkräftete Kerner seine Frage selbst, als er kurz darauf fragte, ob es denn keinen besonderen Beigeschmack habe, wenn ein deutscher Schiedsrichter aufgrund der Niederlage eines deutschen Vereins, jubelt und anstoßen möchte. Da war sie dahin, die abverlangte Neutralität! Soll ein Spielleiter nun neutral sein oder soll er sich die Daumen wund drücken, um deutsche Klubs zu unterstützen? Oder, und das drängt sich beim plaudernden Leichtgewicht Kerner auf, bedeutet Neutralität in diesen Tagen, für das Deutsche zu sein?

Womöglich ist die öffentliche Entrüstung weniger davon beseelt, dass da ein Jungspund von Schiedsrichter privat so wenig neutral ist, wie wohl jeder halbwegs begabte Mensch im Privatleben kaum Neutralitäten kennt. Partei zu ergreifen: das ist menschlich - in Tagen, in denen die Parteinahme beruflich schaden kann, siedelt sie verstärkt, ganz biedermeierisch-traditionell, im heimischen Wohnzimmern. Nein, das wird es wohl nicht sein, was schäumen läßt. Was verbittert aufstößt, es wird die Frechheit sein, mit der ein Deutscher gegen Deutsches ist; ein deutsches Mitglied der deutschen Fußballwelt gegen das Aushängeschild des deutschen Vereinsfußballs auftritt. Neutral zu sein, es bedeutet dieser Tage eben nicht, keine Seite zu kennen - es bedeutet für die richtige Seite zu sein! Kerner gibt sich mit seinen augenscheinlich zunächst paradoxen Fragen, ganz dem dumpfen Gefühl der Masse, des Publikums hin. Neutral zu sein in Deutschland, das heißt, für unsere Jungs in Durban und Johannesburg geradeso zu sein, wie für jene in Kabul. Wenn schon nicht lautstark, so doch mit wohlwollender Neutralität - kritisch zu sein, einen Dolch im Ärmel zu tragen, das erträgt die Öffentlichkeit nicht.

Und sei es drum, dass die Parteinahme eine private Aussage war - man will Konsequenzen wissen! Und was für ein Glück, dass der, der nicht Partei für jenen deutschen Verein ergreifen wollte, nebenher die Rolle des Knaben spielte, der sich päderastisch seinem Mentor hingibt - damit ist sein perverser Trieb, seine asoziale Gesinnung unterstrichen! Und großartig, dass selbst in naiven Possen, ganz dezent, ganz behutsam, der Zeitgeist, die befremdliche Weltsicht einer hysterischen und sich selbst überhöhenden Nation zur Schau gestellt wird. Dass selbst so eine Posse im Kern die ganze Wahrheit, oder besser: Verlogenheit, einer Gesellschaft trägt.

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Fortschritt durch Stillstand

Mittwoch, 10. März 2010

Politische Meinungsvielfalt bedeutet hier und heute, dass die Protagonisten der einen Couleur lärmend poltern, weil sich die Genossen der entgegengesetzten Farben für den Frondienst aussprechen; worauf erstere nach dem Gebrüll räsonieren, um schlussendlich formell zu verkünden, dass der Fron zwar undenkbar sei in diesen aufgeklärten Zeiten, jedoch über eine Arbeitspflicht für alle, sollte doch bitteschön nachgedacht werden. Es ist die Wahl des Immergleichen, die offeriert, die gezielte Forcierung der Aussichtslosigkeit, die hier und heute parteienübergreifend praktiziert wird. Der Wähler, er soll nicht gequält werden, nicht diese höllische Qual der Wahl ertragen müssen - er soll, gleich für welche Option er sich entscheidet, Planungssicherheit und Zukunftsgewissheit haben; er soll wissen, dass seine Wahl nichts am Fortgang der Dinge, nichts am Hergang der res publica ändert.

Zwar darf er zwischen politischen Lagern lavieren, die man ihm feilbietet, die aber schon oberflächlich betrachtet, kaum gravierende Kontraste aufweisen. Lager, die dieselben Waren mit unterschiedlichen Werbesprüchen anpreisen, die dieselben politischen Inhalte mit jeweils anderen Vokabeln ausstatten. Des einen Arbeitszwang, ist des anderen Arbeitspflicht - umrahmt wird die Flut an Worten mit Beteuerungen, selbstverständlich ganz anders wie der andere zu sein, nichts mit dem anderen Lager gemein zu haben. Man gelobt Andersartigkeit, versichert von ganz grundverschiedenem Wurf, von anderer, besserer, weitsichtigerer Güte zu sein - und dann entkräftet man solche Ansinnen, wie jenes nach Zwangsdienst, mit einem lauwarmen Konter, der den Fron vergessen macht, stattdessen die Arbeitspflicht beschwört. Entkräften, nur um am Ende zuzustimmen - die Kunst der Einfalt, die Kunst der Einfältigen.

Dasselbe zu denken, zu verkünden, dasselbe Gedankengut zu kultivieren, auf dieselben Prämissen zu bauen, sich von denselben Lobbyisten in den Hintern kriechen zu lassen, nachher aber sich nicht zu entblöden, die Gemeinsamkeiten als existentielle Ungleichheit zu verkaufen: das macht hier und heute die politischen Lager aus. Dasselbe als Antikurs zu publizieren, als Gegenrichtung auszugeben, dieselben Doktrinen von verschiedenen Gesichtern rezitiert zu bekommen - das ist die wunderbare politische Vielfalt dieser Tage. Hinter dem Paravent, dort wo man das Kreuzchen setzt, wo aus dem Immergleichen, aus dem Unterschiedslosen ausgemustert werden soll, dort geht es nur um Tingierung, um Farbspiele, um das Austoben farblicher Faibles. Richtungen, neuer Geist, Kurse - all das kann mit Kreuzchen nicht entschieden werden, ist bereits in Stein gemeiselt und steht nicht mehr zur Disposition.

Die Ausweglosigkeit, die Entmutigung steht zur Wahl, ist die einzige Alternative - zu wissen, zwischen Zwillingen entscheiden zu müssen, ist das Wesen dieser pluralistischen Gesellschaft. In der Klemme zu sitzen zwischen Arbeitszwang und Arbeitspflicht oder Krieg und bewaffneter Auseinandersetzung, erschafft den eindimensionalen Bürger, erweckt einen abgestumpften Typus Mensch, der glühend glaubt, seine beschränkten Optionen seien nur die, die man ihm in immergleichen Debatten schildert. Der eindimensionale Mensch, er wird an den Einheitsfronten politischer Gleichschaltung erschaffen. Dort wird er mit dem Immergleichen gefüttert, auf das Immergleiche abgerichtet - solange, bis sein Verstand gar nichts anderes mehr wahrnimmt, nur noch das immergleiche Immergleiche registriert; solange, bis alles, was nicht immergleich ist, als Weltfremdheit, als Utopie, als Spinnerei verspottet wird. Der wahre Fortschritt der wirtschaftlichen Tyrannis ist, dass sie im politischen Leben den Stillstand installiert, herbeigeschmiert und herbeikorrumpiert hat - Stillstand, der hinter der Fassade des demokratischen Schattentheaters wohlige Fortschritte bewirkt.

Der eindimensionale Mensch, geworfen ins Immergleiche, er ermöglicht denen hinter der Fassade, nicht nur in einer Dimension zu logieren - er macht viele Dimensionen uferlosen Wohlstandes zugänglich. Der eindimensionale Mensch, er ist der Schöpfer luxuriöser Dimensionen - gefangen im Immergleichen, sichert er die Freiheit der immergleichen Wänste.

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De auditu

Dienstag, 9. März 2010

Der Hartz IV-Empfänger hat sich gemausert; er ist heute mehr als vulgärer Leistungsberechtigter. Er ist zum losen, fast willkürlich nutzbaren Begriff aufgestiegen. Zu einem Begriff, der für allerhand Zielgruppen verwertet werden kann. Im alltäglichen Gebrauch bezeichnet er Menschen mit mangelnder Körperhygiene geradeso wie solche, die in ungeordneten Verhältnissen leben; säumige Mieter oder Kunden gleichermaßen wie kinderreiche Familien. Man wirft ungezwungen mit dem Hartz IV-Empfänger um sich, man gibt sich spendabel mit dem Urteil! Obschon man über Einkommensverhältnisse nichts weiß, glaubt man urteilen zu können. Wie arg sich der Begriff verselbständigt hat, verselbständigt wurde, durfte man kürzlich bei einem Privatsender beobachten, als der Zuseher die zweifelhafte Ehre hatte, Zollfahndern bei der Jagd auf Schwarzarbeitern über die Schulter blicken zu dürfen. Das heißt, von Schwarzarbeitern war nurmehr marginal die Rede, man jagte nämlich betrügerische Hartz IV-Empfänger und Schwarzarbeiter - in dieser Reihenfolge.

Besonders diese Gleichsetzung mit der Schattenwirtschaft enthüllt, wie gedankenlos mit diesem inoffiziellen Terminus der politischen Öffentlichkeit umgegangen wird. Es wird der Eindruck angekurbelt, als seien es explizit Hartz IV-Empfänger, die sich in der Schwarzarbeit entfalten. Weil der Regelsatz unzureichend ist, so die stille Logik, flüchtet der Empfänger in ein unangemeldetes Arbeitsverhältnis - das klingt fast so, als würde man die ungenügende Versorgung schüchtern eingestehen. Doch als Eingeständnis ist diese Schlussfolgerung nicht gedacht - als Stigmatisierung ist sie ersonnen. Stigmatisierung: nicht These, nicht Fakt lauert hinter der Gleichsetzung von Schwarzarbeiter und Hartz IV-Bezieher - denn These oder Fakt wären haltlos. Denn die Finanzkontrolle Schwarzarbeit erklärt eindeutig, dass zwar unter den Schwarzarbeitern immer wieder Hartz IV-Empfänger anzutreffen seien, jedoch nicht überproportional. Schwarzarbeit zieht sich letztlich durch alle Schichten und es ist fürwahr nicht selten, dass Büroangestellte abends in einem Lokal bedienen oder angestellte Fliesenleger am Wochenende der unangemeldeten Ich-AG Profit einhandeln.

Die offizielle Schreibart der Bundesagentur kennt keine Hartz IV-Empfänger oder Hartz IV-Bezieher, auch Leistungsempfänger oder -bezieher sind ihr fremd. Die betroffene Person wird als Leistungsberechtigter bezeichnet. Die Öffentlichkeit verweigert sich diesem Begriff entschieden, denn er untergräbt die Brandmarkung, mit der Leistungsbezieher gekennzeichnet sein sollen. Der angeknüpfte Empfänger oder Bezieher, er unterstreicht die soziale Stellung, die Bittstellerei, macht deutlich, dass da jemand etwas bekommt, entgegennimmt, an sich reißt - ja, das da jemand etwas abstaubt, nämlich inoffiziell Hartz IV genannt, offiziell Arbeitslosengeld II, Leistungen aus Steuergeldern eben. Er nimmt Leistungen in Empfang, die andere für ihn erbracht haben - er zieht an sich, saugt auf, hält anspruchsvoll die Hand auf. Bis zum Schmarotzer oder Parasit ist es nurmehr ein Katzensprung. Hieße er auch öffentlich Leistungsberechtigter, so wie es Schreibart der Behörde ist, so schimmerte aus dem Begriff die Berechtigung hervor, sein Recht, sein rechtlicher Anspruch. Menschen, die ihr Recht sichtbar im Namen tragen, kann man nur schwer ein Stigma anhaften. Daher wird der Begriff tunlichst vermieden, denn er behindert die Pogromisierung.

Der Hartz IV-Empfänger ist mehr als Langzeitarbeitsloser - dem Begriff wird alles Negative angehängt. Er ist nicht mehr konkret, hat sich zum Überbegriff gewandelt. Als Sammelbegriff für unerwünschte Zeitgenossen und ihre Unarten, bleibt er gewollt schwammig und nebulös. Es ist dabei unerheblich, wie die Einkommenssituation einer Person ist - wenn sie ungepflegt erscheint, sich vielleicht dem Suff hingibt, betrügerische Neigungen besitzt, so wird sie salopp als Hartz IV-Empfänger gerufen. Oder im weniger drastischen Fall, als jemand, der wie ein Hartz IV-Empfänger auftritt, bezeichnet. Alkoholismus, Körpergeruch, Zahnlücken, fettiges Haar, dazu natürlich Arglistigkeit, Tücke, kriminelle Energie, Betrugseifer, Gier, überhöhtes Anspruchsdenken, sowie die obligatorischen Tugenden wie Faulheit, Leistungsverweigerung, Schlafmützigkeit und in selteneren Fällen, die Staatsverdrossenheit, Gewaltbereitschaft und Sympathie gegenüber dem Terror, sind auf dem Begriff Hartz IV-Empfänger vereidigt. Was schlecht und unerwünscht ist, negative Gefühle weckt, kann wahllos dem Begriff hinzugeschlagen werden. Der Begriff, so wie er heute inflationär gebraucht wird, stützt sich nicht auf Tatsachen, nicht auf den Leistungsbescheid der Behörde, er deckt das angeblich negative Lebensgefühl der Unterschicht ab, alles, was Eliten und deren Zuträger, bei denen da unten als Normalität und Regelfall verstehen wollen. Mit ihm verknüpft sich das Schlechte und Negative, sowohl begrifflich, mit dem gut lesbaren empfangenen Raffzahn im Titel, als auch emotional und konnotierend, mit allerlei Attributen, die um ihn drapiert werden.

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Es gibt keine Patentrezepte

Montag, 8. März 2010

Ein Interview von Reinhard Jellen.

Roberto De Lapuente ist Betreiber des Polit-Blogs ad sinistram und hat unlängst eine Auswahl seiner "Polemiken, Skizzen & Grotesken" unter dem Titel Unzugehörig in Buchform veröffentlicht. Telepolis sprach mit ihm über Netzkultur, literarisches Neuland und die Zustände in Deutschland.

Herr De Lapuente, Sie betreiben das Blog "ad sinistram". Nun veröffentlichen eine Auswahl ihrer "Skizzen, Polemiken & Grotesken" in Buchform. Können Sie uns mitteilen, welche Aufgabe Sie ihrem Blog zugedacht haben und warum Sie nun einige ihrer Beiträge in Buchform wiederveröffentlicht haben und von einem "neuen" auf ein "altes" Medium umgestiegen sind?
Roberto De Lapuente: Aufgabe ist ein hohes Wort. Ich versuche mich in der Auseinandersetzung mit einem öffentlichen Alltag, der mir immer mehr verloren geht, der sich mir schnellen Schrittes entfremdet hat - mir und vielen anderen Menschen auch, wie ich immer wieder feststellen darf. Ein Alltag, der von PR-Gewäsch und Kampagnenjournalismus ebenso geprägt ist, wie von diversen Brettern vor allerlei Köpfen und natürlich von den Quasireligionen wie Flexibilität und Mobilität und Eigenverantwortung - letztere so gut wie immer zulasten von Lebensqualität.

"Blogs kein Ersatz für Papier"

Der Versuch, die Zustände nachzuzeichnen, zu beschreiben, auf die Spitze zu treiben, nicht selten polemisch und bissig, dieser Versuch ist das, was man als "meine Aufgabe" bezeichnen könnte. Das, was ich schreibe, ist nicht das, was man üblicherweise unter der Bezeichnung "Blog" subsumiert. Ich versuche mich ja nicht nur im Abbilden des Alltags, ich baue meine Gedanken in Skizzen, Polemiken und Grotesken - das schien einer Reihe von Leuten druckreif. Ich hätte mir diese Reife jedoch niemals selbst attestiert.
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Ärsche herzen - nicht Analfistel sein!

Samstag, 6. März 2010

Zufällig, mein lieber Bruder Barnabas, nur zufällig, bin ich letztens bei Ihrer, bei Deiner - schließlich bist Du mir Bruder - Predigt haften geblieben. Und hätte die Fernbedienung nicht geklemmt, ich hätte Dich übergangen. Diese Horde lachender, sich Köstlich, köstlich! zuprostender Oberbonzen, die sich auch noch ein anerkennendes Ehrenzeichen dafür anstecken lassen wollen, weil sie über sich selbst, über ihre Dummheiten und Schweinereien, kichern und gackern, bis dass die hochroten Rüben zu zerreißen drohen; dazu als Krone der Unerträglichkeit, alberne, nicht selten arschkriechende Narreteien, Kreide fressende Schabernacke, sich anbiedernde Witzeleien, die zum Fremdschämen anspornen - diese Mixtur aus Dekadenz und nicht verwendeter, nicht ausgebeuteter Narrenfreiheit, dieses Konglomerat aus kraftmeierischer Aufschneiderei und feiger Spiegelvorhalterei - all das halte ich üblicherweise keine Minute aus, ohne mir resigniert an die Migräne fassen zu müssen.

Aber Bruder, was Du dieses Jahr ausgehändigt hast, hat sich vom austauschbaren Potpourri der letzten Jahre und Jahrzehnte durchaus unterschieden. Es war eine Fastenpredigt, die nicht einfach nur mit infantilen Gekasper und läppischen Ulken aufwartete - nein, sie war randvoll lichter Momente, war ernsthaft, böse, sich auskotzend, war der Vortrag eines Empörers. Barnabas, dies hätte ich nicht für möglich gehalten, Deinem Alter Ego Lerchenberg gar nicht zugetraut. Ich hatte den Eindruck, dass seine Ansprachen aus vergangenen Jahren normierte Katalogware von der Stange waren. Auswechselbare, wenig beseelte Texte, durch und durch mit biederem Altherrenwitz marmoriert. Texte, die ihren spitzesten Abschnitt dann entfaltet hatten, wenn ganz zögerlich, ganz verschüchtert, des Seehofers Lendenfrucht im fernen Berlin, die strukturlose und gefärbte Tolle eines unbedeutenden Ministers aus dem dritten Glied oder die füllig herausgefutterte Wampe eines belanglosen Parlamentariers, das Gespött des Augenblicks war.

Aber nichts... nun gut, übertreiben wir nicht: fast nichts dergleichen dieses Jahr - knallhart, abrechnend, als habe der gesellige, dem Starkbier zugewandte Barnabas, endgültig die knollige Trinkernase voll. Sicher, Lerchenberg war nicht im Blutrausch, war nicht fanatisiert in seiner Empörung - was für ihn spricht. Aber er hat Dir, lieber Bruder, angemessen kräftige Worte in Dein Schandmaul gepackt, hat sich nicht lumpen lassen mit der dringend benötigten Entschiedenheit, hat Dich attackieren und pulvern lassen. Ich kann mich eigentlich nur an einen Prediger erinnern, der ähnlich scharf feuerte. Was heißt ähnlich - er feuerte zwar scharf, war aber deshalb noch kein Empörter, war eher das, was man einen besseren Komiker nennt. Vor drei Jahren durfte Uğur Bağışlayıcı, bekannter als Django Asül, aufs Podium steigen. Ein Barnabas war er nicht, als niederbayerischer Türke wollte er nicht in die Kutte schlüpfen. Die Veranstalter haben nicht schlecht gestaunt, als da dieser Rotzlöffel zur Schnodderigkeit auflief und ordentlich, ungehobelt austeilte, keinen Halt vor Gürtellinien, dieser geliebten Grenzmarkierung der anwesenden Nockherbergianer, kannte. Dabei sollte ein Redner auf dem Nockherberg wissen, dass dort Gürtel augenscheinlich um den Hals, nicht um die Hüften, gewunden, hoch genug als Markierung angelegt werden, damit obenrum wenig Angriffsfläche übrigbleibt. Politisch war sein Auftritt wenig, aufbäumend, entrüstend vielleicht noch weniger - scharf geschossen, Unwesentliches getroffen! Gereicht hat es den Köstlich, köstlich! zuprostenden Zechern trotzdem. Bereits Tage nach seinem Auftritt gab man offiziell bekannt, dass der kecke Türke nicht mehr zurückkehren würde. Man wolle den Barnabas wiederbeleben, wieder katholischer werden - schon damals zweifelte man an der Begründung, schon damals war klar, dass Django Asül Frevel an der Etikette geübt hatte.

Lieber Bruder, als Django ging, rief man Dich an, rief man Deinen Schöpfer, rief man Lerchenberg ans Telefon. Das waren Zeiten! Da hatte man ihn noch lieb. Und nun haben sie ihn an der Hüftkordel gekrallt. Zu ernst sei er gewesen, zu bedenkenträgerisch - und zu allem Überdruss habe er auf Konzentrationslager angespielt, die er diesem Westerwelle in seinen pogromartigen Agitationen nachweisen wollte. Das war den Zechprellern dann doch zu bissig, zu direkt, zu ehrlich eben. Sofort krochen die ansonsten schlafmützigen Starkbiertrinker aus ihrem Schläfchen, stänkerten gegen den viel zu gestrengen, viel zu humorlosen Mönch, erklärten ihn detailliert, worüber er zu predigen habe, in welcher Weise und in welche Richtung die Pointe abzuschließen sei. Als ob sie ahnten, welche Komiker sie doch sind - als ob sie ihre komische Fachkompetenz unter Beweis stellen wollten! Ja, Barnabas, aufmüpfig bist Du geworden! Du hast nämlich eines vergessen: auf den Nockherberg steigt man nicht hinauf, man steigt hinein - hinein, direkt in die Enddärme der anwesenden Gäste, um dort zu streicheln, zu liebkosen, zartfühlend zu sein - der Weg des Erfolges eben, der Weg zur Anerkennung und zum wohlwollenden Applaus.

Ein Bruder Barnabas hat also als Analmasseur vom Podium hinabzuschauen, hineinzusteigen. Er darf Ärsche herzen, nicht aber Analfistel sein. Das scheint Dein Meister, der Lerchenberg, dieses Jahr urplötzlich vergessen zu haben. Aufsässigkeit hat er Dir an den Leib geschrieben, renitent und eigenwillig hattest Du zu sein. Da kommt es doch gerade recht, dass man ihm, dass man Dir, ein Konzentrationslager anhängen kann - ja, andichten kann, denn das Unwort hast Du nicht einmal verwendet. So einen unbotmäßigen Vergleich, so eine Andeutung, will sich das zusammengetrommelte Konzil nicht gefallen lassen. Schon schwebt der Rücktritt im Raum, die Forderung, Lerchenbergs Engagement nicht zu verlängern, ihn gegen einen braveren Gefolgsmann einzutauschen, der das KZ ebenso unterlässt wie die Frechheit, eine Fastenpredigt auch als Fastenpredigt zu präsentieren. Gegen jemanden einzutauschen, der eine Fastenpredigt mit Jux und Klamauk gleichsetzt, der zuvorkommend witzelt, artige Schelmereien beiträgt, harmloser Possenreißer ist.

Ein bisschen kommst Du mir nun wie jene Käßmann vor, die gegen den Krieg giftete, die festhielt, dass eben nichts gut sei in diesem Land. Wie bei jener Käßmann, ist auch Deine Predigt nicht besonders erfreut aufgenommen worden - und wie bei ihr, hast Du einen Dich absägenden Eklat gleich mitgebracht. Lieber Bruder, fast scheint es, als hättest Du - und das verwundert nicht bei diesen wellenartigen Starkbierfluten am Nockherberg - die alkoholisierte Nachtfahrt gleich am Abend der Predigt nachgeschoben, ja, schier in die Predigt eingenäht. Das ist der Unterschied - Du hast die Säge eilfertiger zugestellt, die Deinen Hochsitz (von dem Du zu arrogant und übertrieben moralisch für den Geschmack der präsenten Haute-Volée gepredigt hast) durch zerspanenden Hub der Erde übergeben soll. Und noch was trennt Dich, Barnabas, von jener Käßmann - sie fuhr angetrunken Wagen, was kein Kavaliersdelikt sein muß. Aber im Vergleich zu Deiner Schandtat, könnte man bei einer solchen Verfehlung, sofern etwas guter Wille vorliegt, zwei Augen zudrücken. Es muß eben kein Kavaliersdelikt sein - es kann aber, wenn es mächtige und berichtende Kreise wollen. Einem Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft ein KZ unterzuschieben, diesem Spezie und Amigo jener dekadenten Clique, geistige Nähe zur deutschen Vergangenheit zu beurkunden - das geht denen eindeutig zu weit! Denn wer säuft, frisst und treibt es schon gerne mit einem passionierten Lagerkommandanten? Mit solchen Menschenmetzgern haben doch unsere achtbaren Eliten nichts zu tun...

Deine diesjährige Predigt, sie wurde phasenweise zum Standgericht. Sie war nicht ohne Witz, aber sie hat den Witz nicht im Herzen getragen, als absolute Notwendigkeit gesehen. Was Dir wichtig war, Barnabas und Lerchenberg, das war die Anklage, war, in diesen Zeiten nicht den Schenkelklopfer in den Sattel zu helfen, sondern den Moralisten austoben zu lassen. Und genau das ist es, was diese dekadent Köstlich, köstlich! rufenden Biedermänner nicht haben wollen. Wie fein, dass Dir das Konzentrationslager in die Quere kam - jetzt haben sie eine Vollmacht, Dich gegen ein hausbackeneres Exemplar Barnabas' auszutauschen. Zwar ändern sich die Sitten nicht, wenn der Nockherberg zürnt, aber schade ist es doch, dass Du möglicherweise Geschichte bist - aber wer so auftritt, als Savonarola der Biertische, der kann nicht mit Fortsetzung rechnen. Mit Sympathie aber schon...

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Ich verstehe Sie ja...

Freitag, 5. März 2010

"Hören Sie, das dürfen Sie nicht!", entgegnete der Bittsteller.
"Doch, darf ich. Und mach' ich", sonorte es ohne eines gewürdigten Blickes zurück.
"Sie dürfen es nicht! Sie kennen doch meine Geschichte, Sie wissen von der Entführung. Und die läßt keine Bestrafung zu", wandte er mit verzweifeltem Mut ein.
Der Andere, der Bitten und Ansuchen entgegennimmt, um sie auf gesetzliche Kompatibilität zu testen, starrte weiterhin in die vor ihm ausgebreiteten Akten - der Bittsteller auf Erwiderung wartend; spähte auf die Benutzermaske, die sich auf dem Monitor breitmachte - der Bittsteller wartend; warf seinen Blick erneut in das Aktengebirge - der Bittsteller immer noch wartend, lugte verstohlen aus dem verschmierten Fenster - der Bittsteller zappelig werdend, aber immer noch wartend.
"Sie wissen doch von meiner Sache?", bohrte er nach einer weiteren Weile unsicher nach.
Flugs glotzte der Andere den Bittsteller an, sich offenkundig darüber wundernd, dass dieser immer noch anwesend war, sich jedoch herablassend, nun seine Maulfaulheit zu beschließen: "Ja, ich weiß davon. Mir wurde ein polizeilicher Bericht zugetragen. Sie wurden entführt, in Ortsabwesenheit gefangen gehalten, waren insgesamt drei Wochen in der Hand ihres Entführers, bevor Sie durch eine polizeiliche Aktion befreit wurden. Daraufhin verbrachten Sie eine weitere Woche im Krankenhaus. Sie sehen also, ich bin im Bilde", rasselte er, fast feixend, fast schon verschwörerisch zuzwinkernd, herunter.
"Aber dann begreife ich nicht, wieso Sie mich bestrafen wollen. Mir ist mein Martyrium widerfahren, ich habe..."
"Glaube ich Ihnen", fiel der Andere dem Bittsteller brüsk ins Wort, "glaube ich Ihnen wirklich. Sie sollten aber wissen, dass ich hier nicht willkürlich handle - das tut hier, in unseren Gemäuern, niemand. Sie waren drei Wochen ortsabwesend, danach eine Woche stationär im Krankenhaus untergebracht - das heißt, Sie waren in dieser Zeit nicht für uns erreichbar. Überhaupt hatten wir beide schon mal eine ähnliche Diskussion, wenn ich mich nicht täusche. Es mag wohl zwei Jahre her sein - ich könnte den Zeitpunkt in den Akten nachschlagen, aber das ist ja im Moment gleichgültig. Sie waren einige Tage stationär im Krankenhaus..."
"Ich hatte einen leichten Schlaganfall!", wehte es protestierend vom billigen Platz herüber.
"Daran zweifle ich nicht; daran habe ich nie gezweifelt. Aber das ist unwesentlich. Sie waren also im Krankenhaus und ich mußte Ihnen streng nach Order und Gesetzeslage, ein wenig vom Regelsatz abknapsen. Ich habe Ihnen damals erklärt, warum ich das tat. Weil der Gesetzgeber einen Teil des Regelsatzes für Lebensmittel bereitstellt. Wenn Sie aber im Krankenhaus liegen, bekommen Sie von der Allgemeinheit Frühstück, Mittag- und Abendessen spendiert. Hätten wir also den Anteil des Regelsatzes, der für Nahrungsmittel bestimmt ist, nicht beschnitten, hätten Sie quasi eine doppelte Portion erhalten - einen Nachschlag, den der Gesetzgeber für Sie nicht vorgesehen hat."
Verärgert, jedoch um Fassung ringend, die Handflächen krümmend und sich ballend, warf sich der Bittsteller seinem Unglück entgegen, erklärte nochmals, dass er entführt worden wäre, dass der Krankenhausaufenthalt danach nicht selbstverschuldet gewesen sei, dass er ausgehungert, ja fast verhungert war, böse abgemagert - und dass er nun, nach dem Hunger, nochmals Hunger leiden dürfe, weil man ihm nicht mal die Luft in der Geldbörse gönne, sondern auch noch diese herausziehen wolle, um dort einen luftleeren Raum, ein Vakuum entstehen zu lassen.
"Bitte, beruhigen Sie sich. Ich glaube, das hier ist ein Missverständnis", beschwichtigte der Andere, dabei sachte mit den Händen ein Decrescendo dirigierend. "Sie sprechen von der Kürzung des Regelsatzes während Ihres Krankenhausaufenthaltes. Das ist ausdrücklich falsch, das haben Sie missverständlich aufgeschnappt. Wir müssen den Regelsatz für vier Wochen anpassen, denn Sie waren vormals ja auch ortsabwesend, standen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung."
"Aber... ich habe doch während meiner Gefangenschaft kaum etwas zum Essen erhalten!", röhrte es hinüber. "Ich habe gehungert und..."
"Glaube ich Ihnen auch. Keine Frage! Kein Zweifel! Aber sehen Sie, etwaige Ansprüche müssen Sie beim Entführer geltend machen, denn mit der Entführung Ihrer Person hat er, wenn man das so ausdrücken darf, ohne Ihnen dabei zu nahe zu treten - mit der Entführung hat er die Verantwortung für Sie übernommen. Damit sind Sie aus der Verantwortlichkeit unserer Behörde herausgefallen. Werden Sie doch bei Ihrem Peiniger vorstellig, er darf doch gewiss Besuch empfangen. Erfragen Sie in der Justizvollzugsanstalt die Besuchszeiten. Außerdem, ich muß Sie nochmals korrigieren: Sie bekommen für die drei Wochen Ortsabwesenheit..."
"Entführung! Gefangenschaft! Verharmlosen Sie nicht so dreist! Ich war nicht ortsabwesend, ich wußte ja nicht mal, wo ich war. Ein schmutziges Loch war es, eines, wie man es in jeder Stadt findet, wenn man nur die heruntergekommensten Bezirke aufsucht. Dieses Loch hätte auch in dieser Stadt stinken können... ich wußte nicht, wo ich war! Wußte nicht, dass ich nicht mehr in dieser Stadt war!", widersprach der Bittsteller gellend, sammelte sich einige Sekunden und fuhr leise, besonnen fast, fort. "Meine Angelegenheit ist doch ein Sonderfall. Hierzu muß es doch andere, menschlichere, verständnisvollere Regelungen geben."
Zwar erntete er einen mitleidigen Blick, bekam erneut versichert, dass man voller Sympathie für ihn sei, dass aber das Gesetz keinen "Sonderfall Menschenraub" kenne - nicht im Sozialwesen. Dies sei außerdem ohnehin sinnvoll, denn Gesetze haben universell zu gelten, dürften nicht zu konkret sein, damit sie auf vielerlei Fälle gemünzt werden können, in allerlei Angelegenheiten anwendbar bleiben. "Außerdem, Sie haben mich vorhin unterbrochen, was ich ja verstehen kann, ich bin doch ganz auf Ihrer Seite, verstehe Ihre Erregung blendend, aber ausführen müssen Sie mich schon lassen. Schließlich bin ich verpflichtet, Ihnen die Sachlage gründlich zu erläutern. Sehen Sie, für die drei Wochen Ortsabwe... für die drei Wochen Ihrer Marter - sagen wir es so -, darf ich Ihnen nicht nur den Anteil für Nahrungsmittel kappen, ich muß den gesamten Anspruch einbehalten - also, den Anspruch, auf den Sie ja durch Ihre Abwesenheit, keinen Anspruch mehr haben."
Stille. Unerträgliche, lärmende Stille. Schmerzende Stille, die laut an die Gehirnlappen drückte. Ein Lippenpaar, das formte und rang, unsicher zitterte, versuchte Worte zu kneten, zu modellieren, doch geräuschlos blieb. Sprachlosigkeit war es nicht, denn die einzig verständliche Sprache, die der Andere verstünde, die dem Bürokraten geläufig wäre, die harte Faust nämlich: die versagte er sich, die verbot er sich in seinem Schoss. Sprachlosigkeit war es nicht, nur die Weigerung, die letzte verbliebene Sprache anzuwenden; die Weigerung, für klare Verhältnisse zu sorgen.
"Bitte verstehen Sie mich nicht falsch", durchschnitt die gesetzestreue Stimme die tosende Stummheit, "ich begreife Ihre Not. Aber wie soll ich drei Wochen Leistungsbezug rechtfertigen, wenn Sie gar nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen? Von dieser Seite muß man das doch auch sehen. Der Steuerzahler stellt Geld für Sie bereit und Sie sind nicht einsatzbereit, weil Sie abwesend waren. Wenn Sie sich vorher abgemeldet hätten, ich hätte mit der locker gehaltenen Urlaubsregelung von drei Wochen, die wir willkürlich und individuell erlauben können, wenn uns danach ist - ich hätte mit dieser Regelung für Sie einspringen können, würde Ihnen nun Urlaub eintragen für diese Zeitspanne und die Sache wäre halbwegs vom Tisch. Es wäre zwar nicht ganz korrekt, aber ich bin doch kein Unmensch, hätte für Sie mit Freude fünfe gerade sein lassen. Aber leiderleider habe ich kein Dokument, keinen formlosen Antrag oder ähnliches, im Vorfeld Ihrer Abwesenheit erhalten."
Urlaub also - im Urlaub sei er also gewesen, gab der Bittsteller als rhetorische Frage zur Antwort. Ob er auch nur im Ansatz erahne, wie es sei, in einem dunklen Raum, einem stinkenden Loch eingesperrt zu sein, nur sporadisch etwas Essbares zu erhalten, seine Notdurft in die Ecke der Räumlichkeit abzulassen. Ob er überhaupt eine Vorstellung davon habe, wie sehr der Geist leide, während der Körper abbaut, man in Scheiße und Pisse eingelegt sei, die sonderbarsten Ausschläge und Juckreize entwickle.
"Ich verstehe Ihre Wut, Ihre gefühlsbetonte, ja gefühlsduselige Rückschau. Wie könnte man für einen solchen Härtefall kein Verständnis aufbringen? Ich verstehe Sie - zweifeln Sie bitte nicht daran. Das wäre mir unangenehm. Aber Sie müssen sich gefallen lassen, dass ich Sie danach frage, weshalb Sie sich nicht abgemeldet haben. Weshalb Sie Ihrer Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen sind. Sie hätten über den Entführer Ihre Abwesenheit an uns weiterleiten können - da hätten wir noch ein Auge zugedrückt. Aber ganz ohne? Ohne ein Wort zu sagen, einfach so zu verschwinden - da sind mir einfach die Hände gebunden. Die ganze Geschichte ist ohnehin ein wenig suspekt, aber ich will nicht nachbohren - Mensch muß auch mal auf einem Auge blind sein dürfen, damit er Mensch bleiben kann."
Wieder Ruhe, wieder schmerzhafte Stille. Erst, so dachte der Bittsteller für sich, hat man mich entführt, meinen Körper geraubt. Und nun erneut, nochmals dasselbe, wieder eine Entführung. Diesmal entwendet man mir meine Würde, den letzten Rest meines Menschseins. Er erhob sich, zog von ganz unten, aus der Lunge, aus dem Hals, schleimige Substanzen in den Mundraum hinauf, komprimierte den Neuankömmling mit ausreichend alteingesessenen Speichel, vermengte alles in der Mundhöhle, rührte und stocherte mit der Zunge einen homogenen, aber angemessen schmierigen Brei an, beförderte dieses Extrakt der Verachtung und der Geringschätzung ins pastöse Gesicht des Anderen.
Eine grün durchwobene, gelb durchzogene Essenz, quer über Nase, Wange, bis an den Rand des nur angedeuteten Amorbogens, schmückte die ansonsten inhaltslose Fassade, war für einen Moment Farbtupfer einer grauen Frontseite. Vielleicht der einzige Farbtupfer, der diesem grauen Gesicht jemals verliehen wird. Aus Unbedachtheit wurde Schleim - aus Schleim ein Augenblick kurzzeitiger Buntheit, ein klitzekleines Weilchen voll Kreativität, Künstlerstolz, Triumph. Eine sekundenlange Vernissage künstlerischer Spontanität - eine Vernissage, die für Sekunden, bis zum Abwischen der zähen Brühe, eine gelungene Komposition, vielleicht die gelungenste der letzten Jahrzehnte, ausstellte. Nie wieder, so wußte der Bittsteller, würde ihm ein schöpferischer Akt dieser Güte gelingen - so falsch diese Spontankunst vom moralischen Blickwinkel auch gewesen sein mag: Kunst kennt keine Moral, gerade moralingesäuberte Kunst ist authentisch und wahrhaftig, ist glaubhaft und unschuldig, ist einfach gesagt, gute Kunst. In diesem Augenblick, so wurde ihm gewahr, habe er seinen künstlerischen Zenit bereits überschritten - alles was folgen mag, wenn überhaupt nochmal etwas folgt, ist wertlos, weil ohne Geist und Wirklichkeitsbezug.
Als ihn diese Gedanken durchzogen, war sein Meisterwerk, dieses imposante Opus, das nie von anderen Menschen gesehen würde, sowieso von anderen Menschen überhaupt nicht begriffen werden könnte, aus dem Gesicht entwischt. Niemals würde es Exponat sein dürfen - nur er, der Bittsteller, wird von der Existenz seiner Leistung wissen; nicht mal der Andere wird das Kunstwerk würdigen können. Und Dritte ohnehin nicht, sie würden nicht verstehen, dass dieses Spuckepaket mehr war als Unbenehmen. Möglicherweise wird man über seine Komposition zu Gerichte sitzen und man wird ihn dort nicht Künstler heißen, sondern als unflätiges Schwein umschreiben.
"Verdammte Scheiße! Sie Idiot! Das ist das Problem mit euch Leuten, mit euch Bittstellern! Ihr kommt daher, macht auf mitleidig, klagt anstatt anzupacken, bekommt sogar noch Mitgefühl und Anteilnahme, nur um es mit Undank zu vergelten. Widerspenstig seid ihr! Unberechenbar! Ich war wirklich verständig, habe Ihnen ausdrücklich erklärt, dass ich für Sie Partei ergriffen habe - soweit es mir möglich war, soweit mir Regelungen und Paragraphen freie Hand ließen. Und was bekomme ich? Ein Danke? Nein, Sie schleudern mir Ihren Geifer ins Gesicht. Euch Bittstellern geht es zu gut. Jammerlappen seid ihr, undankbare Klageweiber. Das hat Ihr Entführer kapiert. Er hat verstanden, dass man solche wie Sie, nicht zu zimperlich anpacken darf. Ich würde Ihnen jetzt auch ein dunkles Loch verordnen, wenn ich nur einen einschlägigen Passus im Gesetz kennen würde, der solche Verwaltungsakte erlaubte. Wir sind viel zu nett zu euch, dieser Staat zeigt immer noch zu viel Anteilnahme - dabei sollte er wie ein Entführer werden: gewissenlos und ohne Diskussionsfreude, ein Macher halt, ein Anpacker. Eiserne Besen wären notwendig - Ihr Entführer scheint ein Mann mit Qualitäten gewesen zu sein. Solche Leute braucht der zeitgemäße Sozialstaat. Ich bin ja doch noch immer zu gutmütig. Ich habe letztlich..."
Der Bittsteller aber, berührt von seiner vormals nie offenbarten Künstlerseele, er war schon während der Ansprache verschwunden...

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Sit venia verbo

Donnerstag, 4. März 2010

"Allseitige Duldung wird fragwürdig, wenn ihre rationale Grundlage nicht mehr besteht, wenn Toleranz manipulierten und geschulten Individuen verordnet wird, die die Meinung ihrer Herren als ihre eigene nachplappern, für die Heteronomie zur Autonomie geworden ist."
- Herbert Marcuse, "Repressive Toleranz" -

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Jammert nicht... singt!

Mittwoch, 3. März 2010

Ihr jammert nur, raunzt und zetert - dabei geht es denen da unten, denen in Afrika, in der Dritten Welt halt, wirklich schlecht. Aber ihr seid es, die lamentiert - ihr schluchzt und heult. Die von drunten, die aus Afrika, die neiden sich keinen noch so winzigen Bissen, die begehen ihre Armut würdevoll, solidarisch geradezu, im Vollbesitz ihrer restlichen Kräfte. Sie schuften und werkeln, tun Arbeit, die nicht annähernd anständig vergütet wird, singen oder summen dabei fröhliche Melodeien, dass einem das Herz nur so aufgeht. Denen geht es wirklich schlecht, aber sie tirilieren, üben ihre Armut in würdevollem Zeremoniell aus, handhaben ihre Not mit spielender Leichtigkeit, sind nicht aufeinander neidisch, sind sich nicht eifersüchtig, kennen keine Missgunst.

In Verzückung geraten diese Millionäre aus dem Fernsehen, wenn sie von den Armen, von diesen würdevollen Afrikanern schwärmen, die ihr hartes Leben nicht so verbittert bestreiten, wie mancher Armer ihrer Heimat. Tränen haben sie in den Augen, wenn sie Herden von Schwarzen in verschlissenen und durchgescheuerten Klamotten, aufgetragen auf spindeldürren Körpern, beobachten dürfen; Herden, die freudvoll ihrem Tagwerk folgen, fidel zirpend und mit sich selbst und ihrem Herrgott im Reinen, im zufriedenen Einklang. Kaum aus ihren Fliegern entstiegen, würgen diese Millionäre ihre Tränenkanäle solange, bis ihnen Bäche von Salzlake die propperen Bäckchen herabrinnen, flennen in Fernsehkameras und lassen sich über die Majestät der schwarzen Armen aus, über deren vornehmes Ertragen, über die fast schon philosophische Erhabenheit ihres Elends.

Dann deuten sie gen Objektiv, deuten auf den Zuseher, den sie dahinter vermuten - den Zuseher, der in diesen Breitengraden heimisch ist, und verurteilen ihn, weil dieser undankbar sei, ständig nur jammere, raunze, zetere. Weil er keift, wenn man ihm schwere körperliche Arbeit darbringt und nicht freundvolle Hosiannas anstimmt, nicht singt, wie der Neger fernab, dieser beschwingte und vergnügte Menschenschlag, diese Bedürftigen mit Grandezza. Wie abgestoßen sie von den Armen hierzulande sind, lassen sie sich anmerken; wie angeekelt von diesem Fehlen natürlicher Würde, die jedes Hungerleiders Charakter schmeicheln würde, verpassen sie nicht zu betonen. Weil die hier ansässige Armut nicht diese natürliche Vornehmheit besitzt, weil sie sich beschwert und unzufrieden mit der Handvoll Brotkrumen ist, die man ihr vorwirft, sind sie von den hiesigen Armenheeren abgestoßen. Weil die Brotkrumen hierzulande ausladender gereicht werden müssen, weil erst bei halben Brotlaibern ein klein wenig das Jammern, Raunzen und Zetern beruhigt werden kann, sind sie der Armen in ihrer Heimat überdrüssig.

Nur der Kinder nicht; nur nicht, wenn von Kinderarmut in den Industrieländern gesprochen wird. Dann treten sie wieder ganz betreten aus ihrem schweren, millionenschweren Leben heraus, salzige Nässe auf den Pausbacken, übers feiste Kinn strömend, und toben begeistert von der Würde armer Kinder, die nicht wimmern, die gelassen ihr Schicksal akzeptieren, die eine wunderbare, ja fast schon göttliche Anmut besitzen in ihrem Elend. Und dann helfen sie den Kindern so wie den Afrikanern - legen ihnen harte Arbeit ans Herz, verteilen drei Brösel mehr und wenden sich angewidert ab, wenn aus dem Kind später ein Erwachsener in Armut geworden ist, der die Schnauze von seiner Bedürftigkeit voll hat und es auch lauthals hinausposaunt. Was, so fragen sich diese Millionäre, was haben wir nur falsch gemacht, dass diesem kleinen Menschlein seine natürliche Würde abhanden gekommen ist? Sendet mehr Bilder aus Afrika, heißt es dann, druckt mehr Fotos von Strohhütten, vor denen abgemagerte Schwarze einen lustigen Chor bilden, vor denen sich lächeln und zufrieden ihren Gürtel enger schnallen, dabei feixend und quietschemunter der Lebendigkeit und Lebensfreude frönend.

Führt ihn vor, den glücklichen Habenichts mit dunkler Pigmentierung, zerrt ihn am Nasenring heran, damit der unzufriedene Lump, dieser reiche Arme von hier, irgendwann doch noch kapiert, dass er nur unser Herz berührt, wenn er seine Not mit stoischer Überlegenheit billigt, wenn er ihr mit Würde entgegentritt. Die Würde des Menschen, so erklären sie dann romantisch, dabei an den edlen Armen denkend, diesem Adligen der Bedürftigkeit - die Würde des Menschen, sei immer noch unantastbar! Unantastbar und unersetzbar für den Hungerleider selbst. Denn er hat ein würdevolles Benehmen an den Tag zu legen, wenn er gehört, wenn er verstanden, wenn er bemitleidet werden will. Wenn er will, dass ihm vielleicht ein bisschen geholfen werden soll. Dann braucht es auch kein Bekenntnis zur Menschenwürde als Einleitung des Grundgesetzes mehr. Denn wenn selbst der Habenichts natürliche Würde erwirkt hat, warum soll ein Gesetz dann noch an eine Würde erinnern müssen, die dann sowieso jeder von Haus auf, von Geburt auf, von Erziehung weg mit sich trägt?

Wenn auch hierzulande die Armut trällert, anstelle zu jammern, dann sollte die Menschenwürde kein Thema mehr für die Verfassung sein, weil die Verfassung des Menschen, seine Befindlichkeit also, die Verfassung überflüssig machen würde. Wer im Leiden singt, der braucht keine Würde aus Gesetzestexten mehr - der hat sie sich schon gesichert...

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Des Gesindels Gesinde

Dienstag, 2. März 2010

Dieses gesamte Agitatorenpack, das sich anhaltend Opfer bei den Schwächsten sucht, zwischen Ausländern und Erwerbslosen hin und her pendelt, um seine Verächtlichkeit, sein schwefeliges Gift abzusondern - diese rundum charakterlose Brut, die gegenwärtig Hochkonjunktur erleben darf, die gedeiht und floriert, die den Hass, welcher üblicherweise zwischen Herrengedecken wohnhaft ist, an die Öffentlichkeit zerrt - all dieses Geschmeiß aus Leuteschindern und Herrenmenschen, aus egoistischen Kauzen und selbstsüchtigen Sonderlingen, welches mit Leidenschaft Missgunst und Groll veredelt - dieses Gesindel, so hört man heute wieder, in jeder noch so demokratisch oder humanistisch eingefärbten Ecke, sei zwar scheußlich und ekelhaft, aber wenn man ehrlich sei, so ehrlich wie diese Agitpropisten letztlich selbst seien, dann müßte man schon zustimmend nicken und anstandslos anerkennen, dass sie, zwar mit unangebrachtem Maulheldentum und saftiger Grobschlächtigkeit, dennoch den Weg der Erkenntnis gingen, die Wahrheit tröpfchenweise ins öffentliche Bewußtsein träufeln.

Einiges sei zu befürworten, hört man von vielen Seiten; manche Punkte seien geradezu eine Erleuchtung, muß man sogar von selbstbescheinigten Humanisten vernehmen. Wer arbeiten könne, so hallt es beispielsweise durch die Lande, der sollte auch arbeiten - da habe dieses provokative Gesindel schon vollumfänglich recht. Wer nicht arbeitet, der sollte auch nicht zu viel essen - das steht selbst für das liebevollste Naturell außerhalb jeder Debatte, tut sich als jener Tellerrand auf, über den zu blicken man sich selbst verboten hat. Kurzum: Die Prozedur wird zwar verurteilt, die strenge, herrische Sprache, dürfe man nicht kommentarlos stehenlassen, aber grundsätzlich sei das Motiv anmutig, uneigennützig, ja selbstlos geradewegs - das Wie stößt sauer auf; das Ob ist unnahbar. Denn es sei bei aller Liebe, aller Menschen- und Nächstenliebe, zweifellos kein fruchtbarer Diskussionsstoff, ob denn jemand, der arbeiten könne, auch arbeiten sollte. Das sei doch immerhin selbstverständlich, der kleinste gemeinsame Nenner - nicht wahr? Warum dürfe man diesen unanfechtbaren Kern an Wahrheit, der sich in den Tiraden der Aufwiegler eingerichtet hat, nicht am Schopfe packen, um ihn zu verteidigen? Warum erdrückt man Fakten, würgt die Wahrheit ab, nur weil sie mit Formfehlern gereicht wird, weil sie also nicht rhetorisch fachgerecht präpariert wurde?

Wer arbeiten kann, der soll auch arbeiten! Was gegenwärtig soviel heißt wie: Der Mangel an Arbeitsplätzen ist kein Grund, nicht trotzdem arbeiten zu sollen. Kostenlos wenn nötig, für mickrige Aufwandsentschädigungen, wenn es denn unbedingt sein muß! Denn auch wenn man umsonst arbeitet - ganz umsonst ist gute Miene zum bösen Engagement nie. Es ist, wenn man es drastisch ausdrücken möchte, ein verklausuliertes Bekenntnis zur Zwangsarbeit; ein in Wahrheitsliebe schlummerndes Bekenntnis zum Frondienst. Ein Bekenntnis zu einer joviale Spielart von Bundesarbeitsdienst - und es ist nicht zuletzt die Bereitschaft, die Realitäten auszublenden, sie gegen ein Surrogat aus Schlagwörtern und Kampfbegriffen auszutauschen, gegen ein Szenario auszuwechseln, dass von Agitprop geschaffen wurde und mit der Existenzwirklichkeit kaum etwas zu tun hat. Und in höherer Instanz ist es das schüchterne Eingeständnis, dieses Land mit eisernem Besen gekehrt wissen zu wollen; das Begehr, endlich durchgreifende Hände zu spüren, endlichendlich einer Führerschaft folgen zu dürfen, die sich nicht mit pausenlosem Lamento, mit Ausreden und Diskussionskultur aufhält, sondern die Schmarotzer und ihre Klientel, gleich vor fixe Tatsachen stellt.

Wer des Agitators Aussagen beschwichtigt, auf Herz und Nieren, das heißt, auf Wahrheitsgehalte prüft, ihm auch nur ein Fünkchen an Seriosität belassen will, der treibt die Sache dieser Herrschaften voran, der gestattet, dass man selbst im Hassprediger eine vertrauenserweckende Gestalt erahnt. Es ist, als würde man dem Widerling den Smoking an den Leib und die Lackschuhe an den Klumpfuß anpassen, damit er im Salon, auf der Tanzfläche, nicht als Sonderling auffällt, damit er zur Szenerie paßt - es ist, als würde man ihm die Fliege mitsamt der Salonfähigkeit um den Kragen wickeln, um ihn vor Peinlichkeiten zu bewahren, die so einem Fremdling bei einem rauschenden Ball widerfahren könnten. Es ist, als verpasste man ihm eine angemessene Robe, damit er in der Mitte der Demokratie verweilen kann, wie ein angesehenes Mitglied einer ehrenwerten Gesellschaft, damit er als einer inter pares für seine Sache werben, wankelmütige Gesellschaftsmitglieder anstecken kann. Außerhalb rauschender Ballnächte steht das Gesinde dieses Gesindels, jene, die dem Herrn in Frack und Zierat geholfen, die ihm die Schuhe gewiehnert und gewichst, die nur den Duktus gerüffelt, nie aber den darin kostümierten Pogrom verurteilt haben.

Gesinde und Gesindel: wenn der kleine Mann zum ersehnten Messias aufblickt, wenn der Kapo seinen Lagerleiter erahnt, wenn die Sturmabteilungen zum Führer finden. Erst wirft man die Kotzbrocken in Schale, beschwichtigt sie, lobt ihren Rigorismus, rügt ihre Kritiker, hilft ihnen in die Säle, die die Kontrolle bedeuten - und danach wirft man sich selbst in fesche Uniform, beschwichtigt seine Mordslust, lobt den eigenen Rigorismus, rügt die eigenen Kritiker, hilft sich selbst in die Vorzimmer und Schlachthallen der Säle, die die Kontrolle bedeuten. Dann heißt es wieder: Menschlich ist das nicht, was wir da treiben; zugegeben, es ist eher ein blutiges Geschäft - aber trotzdem, wir tun es für die Wahrheit, wir verfolgen, rauben und schlagen für die Wahrheit tot. Und der Jargon, den sie einst verurteilten, er wird getilgt, er wird ausgewechselt, durch schönere Begriffe ersetzt, pflanzt die Sonderbehandlung dorthin, wo einst die Verfolgung erblühte.

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De dicto

Montag, 1. März 2010

"Weil Frauen cooler sind.
[...]
Weil Frauen niemals aufgeben.
[...]
Liebe Männer, probiert doch mal wieder, so gut zu werden wie wir ...
Nicht nur bei Olympia!"
- Claudia Schwedler, BILD-Zeitung vom 26. Februar 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Die gute Frau - die aufrechte, unbescholtene Frau! Charakterfest, erfolgreich, stark, tüchtig - einfach gut. Sie ist die Rivalin des Mannes, dieses verschlagenen, arglistigen, wankelmütigen Geschlechtsfeindes, der letztlich stets nur seinen zu leerenden Hoden in Gedanken nachhängt, während er derart flausenverloren an seinem Penis nestelt. Der Mann, der noch lange nicht so gut ist, wie das Objekt seiner arterhaltenden Begierde - nicht nur im Sport! Nicht nur bei Olympia! Nein, immer und überall, permanent und ohne Unterlaß. Ach, würde er nur so gut, wie es die Frauen schon lange sind, schon immer waren - ach, würde er auch im profanen Alltag ein Musterexemplar von Mensch!

Sicher, ein dämlicher Text, für den sich Schwedler nicht mal schämt - nicht mal schämen muß in diesen Zeiten. Möglicherweise glaubt sie gar noch, er würde den auf keine Kuhhaut gehenden Klamauk der Barths und Appelts, in ernstere, weil quasi-journalistische Bahnen lenken. Für solche Elaborate ist Schamgefühl nicht programmiert - der tonangebende gender mainstream macht solcherart wesenlose Aussagen zur Norm, zum Allgemeinplatz, zur beinahe schon wissenschaftlichen Einsicht, für die man sogar noch Zuspruch erntet. Oh, hätte nur jemand geschrieben - egal ob Mann, ob Frau! -, dass Frauen mal so gut werden sollten, wie es Männer jederzeit schon waren. Da wären Köpfe gerollt, da hätte man den Häretiker ausgeweidet! Denn jedes Mädchen weiß: Männer sind zu erziehende Kotzbrocken, die nur zu Menschen gedeihen, wenn sie sich am Weibe orientieren, den braven weiblichen Idealismus in sich aufsaugen. Jeder Göre ist klar: Männer sind schlecht - auf alle Fälle schlechter als Frauen. Nicht nur bei Olympia! Und nicht nur das: Würfe man im Falle der olypmischen Spiele mit Argumenten um sich, dass beispielsweise der Wettkampf zwischen Frau und Frau, nicht vergleichbar ist, mit ebensolchem zwischen Männern, dass man also Äpfel mit Birnen gegenüberstellt - ein emotionalisierter, keifender Aufschrei wäre gesichert. Will man dann noch entgegegenhalten, dass sich ein Wettkampf sicherlich anders anläßt, wenn man anstatt einer Muskelschlange (oder Blindschleiche?) im Schritt einige Fettpolster auf der Brust hat, dass also Körperlichkeit das Wesen der Wettkampfgestaltung bestimmt, womit es unsinnig würde, von schlechter oder besser, von kraftvoller oder kraftloser zu sprechen, so erhielte man das zweifelhafte Renommee eines Sexisten.

Frauen sind also schlechter als Männer? Quatsch! Sie sind dieselben Schweine, nur taufen sie sich nicht Eber - sie nennen sich Säue. Sie sind durchtrieben wie Männer, arglistig wie Männer, fehlerbehaftet wie Männer - ganz einfach schlecht wie Männer. Und sie sind liebevoll wie Männer, verantwortungsbewußt wie Männer, humorvoll wie Männer - schlicht so gut wie Männer. Sie sind Menschen mit unzähligen Facetten zwischen beschissen und großartig. Als Individuen zwischen dem Schlechten und dem Guten lavierend, fehlbar und mit einigen knappen Attributen nicht erfaßbar. Davon will der herrschende gender mainstream nichts wissen - er verknappt, sucht sich ein Feindbild, verstümmelt die Realität, erhöht das eigene Geschlecht zum Gottesebenbild, läßt die Geschlechter in den Kampf ziehen. Es ist ein einfältiger Feminismus, der keinen emanzipatorischen Impetus mehr besitzt, der sich hinter ungeprüften, realitätsfernen Thesen versteckt, der nicht versöhnlich und gleichberechtigt sein will, sondern gehässig, feindselig, elitär und selbstverständlich im Besitz der einzigen Wahrheit. Die Wahrheit - sie ist weiblich.

Wie erläutert, es waren nur einige dümmliche Zeilen, die Schwedler da ans springerische Volk richtete. Aber darin läßt sich die gesamte Misere der gespaltenen Gesellschaft ablesen. Sie ist nicht nur in Klassen zerrissen, konstruiert sich nicht nur rassische Kontraste - sie treibt auch Geschlechter auseinander. Und letzteres geschieht zumeist stillschweigend - noch stillschweigender als Standesdünkel und Rassismus. Es ist zum Allgemeingut, zum unhinterfragten Brauchtum geworden, gut mit Frau und schlecht mit Mann zu assoziieren. Die Frau: der Fortschritt - der Mann: Grüße aus Neandertal! Ausgebeutete und Ausbeuter! Zofe und Herr! Und all das, während Frauen hohe Ämter einnehmen auf dieser Welt; während Großbritannien sich unter einer Premierministerin nicht gewandelt hat, so wie sich Deutschland unter einer Bundeskanzlerin treu geblieben, wahrscheinlich sogar noch schlechter geworden ist - oder die USA Kriegspolitik mit Segen einer Außenministerin fabrizierte. Nichts hat sich bis heute auf Erden verändert - trotz Frauen in Amt und Würden. Die Welt ist so schlecht wie eh und je - aber daran sind womöglich die Männer schuld, die sich den weiblichen Führerinnen nicht unterordnen wollen.

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Kein unantastbares Vorbild

Samstag, 27. Februar 2010

oder: die Vermessenheit der Margot Käßmann.

Derjenige, der sich mit Moral, mit Ethik, mit Sittlichkeit befasst: er weiß von dieser eigenen Schwäche, den persönlichen Ansprüchen nicht ausreichend gerecht zu werden. Er ist darüber in Kenntnis gesetzt, selbst verfehlen zu können, eben deshalb, weil er Mensch ist, weil ihm deswegen nichts Menschliches fremd sein kann - um es mit der berühmten Sentenz des jüngeren Seneca zu sagen. Kein noch so ausgefeilter ethischer Kanon, kein moralisches Lehrbuch, kein sittlicher Ratgeber können den Fehltritt vereiteln - selbst derjenige, der täglich das moralische Flickzeug anwendet, Ethik philosophiert, von Kanzeln predigt, selbst wer also ausgewiesene Kapazität in Fragen der Moralität ist, ist vor Missetat und Fehler nicht gefeit. Der Schritt zum Fehltritt, er ist für jedermann ein ausgesprochen kleiner.

Tritt ein solcher Mensch, nennen wir ihn Moralisten, von seiner Bühne ab, nachdem ihm ein Fauxpas unterlaufen ist, so unterstreicht das nicht seine moralische Integrität, seine Autorität auf dem Gebiet der Moral - es hebt einen Anspruch hervor, der nicht übertrieben als Anmaßung, als Vermessenheit, als Arroganz gedeutet werden könnte. Denn der Moralist, er sollte sein Ideal nicht von sakrosankter Kanzel herabflehen, sich nicht unberührbar, unantastbar wähnen. Die eigene Unzulänglichkeit, der eigene Mangel sollten ihn stets aufs Podest begleiten. Er sollte nicht herabschauen auf seine Gemeinde, nicht den Zeigefinger erheben und Ihr Sünder! schreien - er ist dazu verpflichtet, für alle Menschen zu sprechen, sich eingeschlossen: Wir Sünder! Der Moralist ist kein unantastbares Vorbild, kein lustwandelnder Wertemaßstab. Er ist vielmehr deswegen Moralist, weil er von der Notwendigkeit moralischer Imperative, weil er von der schnellen, leichtsinnigen, unbedachten Übertretung weiß. Weil er erkannt hat, dass die Sünde, die Rücksichtslosigkeit, die Ignoranz, die Beleidigung etc., jede für sich so unvermeidbar ist, wie Speis und Trank, wie Darmentleerung.

Jener aber der herabschaut, der sich für unantastbar hält, für moralisch erhaben, der ist Klugscheißer, Besserwisser, Wichtigtuer - alles mögliche, nur kein Moralist. Tritt der Freund moralischer Lehren von Ämtern zurück, weil er gesündigt hat, so kehrt er hervor, dass er sich eigentlich für erlaucht genug hielt, niemals in so eine Bredouille zu geraten. Im Grunde warf er a priori, vor der Sünde, den ersten Stein, weil er glaubte, ohne Sünde sein zu können. Ein Stein, von dem er annimmt, er käme gleich einem Bumerang zurückgeflogen, wenn er voreilig und zu Unrecht geworfen wurde. Das Metier scheint verfehlt, wenn der moralistische Sünder flüchtet, sich nicht vor die Menge stellt und festhält, dass er als Mensch verfehlt hat - verfehlt hat, wie jeder Mensch irgendwann irrt, sündigt, fehlgeht. Gerade jetzt, da der Fehler ins Leben trat, hat er über Ethik zu sprechen, hat sich selbst anzuklagen, um glaubhaft zu bleiben, als Mensch unter Menschen zu gelten, nicht als abgehobener Prediger ohne Fundament, weil ihm die Sünde stets als Gebrechen der anderen galt. Jetzt, nach der Verfehlung, ist der Moralist erst wirkliche Koryphäe der Moralität geworden, eine empirische Autorität, jemand, der weiß, wovor er warnt.

Ein Rücktritt wirkt arrogant, wirkt wie eine Flucht, eines gestürzten Moralgottes. Es ist ein Bekenntnis, den eigenen Fehler als unbehebbares Manko einzustufen - als etwas, was nie wieder wettzumachen ist; als etwas, was nie hätte passieren dürfen. Dabei weiß der Moralist, dass jeder einmal in die Falle tappt. Selbst ertappt worden zu sein, darf nicht als Antrieb zum Rückzug herhalten, sondern hat die Bestätigung seiner Morallehre, seines predigenden Geschäfts zu sein. Tritt man in solchen Augenblicken ab, ist das freilich menschlich begreiflich, da die enttäuschte Erwartungshaltung der Betrachter Druck erzeugt. Doch letztlich ist es ein übereilter, ja logisch durchdacht, ein anmaßender Schritt. Der Rücktritt bestätigt eben nicht, dass man als moralische Größe versagt hat, nicht mehr glaubhaft wäre, integere Größe an den Tag legt - er legt nur dar, dass man sich selbst außerhalb des Sündhaften glaubte. Derweil wäre Aufgabe des Moralisten, jeden, auch sich selbst, darauf aufmerksam zu machen, dass jeder Fehler bereut und fast jeder Fehler auf die eine oder anderen Weise revidiert werden kann. Das gilt auch für den Moralisten selbst - für den Moralisten, der in der sündigen Masse weilt, nicht darüber schwebt.

Zu seinen Schwächen zu stehen, sie zum Alltag menschlicher Existenz zu erklären, sie nicht zu verdammen, auszugrenzen, zu verleugnen - das ist Moral, das ist menschliche Ethik; das ist berechtigte und notwendige Moral; das ist die schlummernde Zukunft der anmaßenden Spezies Mensch, wenn sie überleben möchte - wenn sie ihn lebenswerten Zuständen überleben möchte. Zu oft schließt diese Gesellschaft Schwächen und Schwache aus - es braucht ein Bekenntnis zur Schwäche, zur Unzulänglichkeit, zum Gebrechen, auch zur Vergänglichkeit. Was die Menschheit mehr denn je benötigt, ist ein Credo auf Nicht-funktionieren, Nicht-perfekt-sein, Nicht-wissen. Ein zurechtstutzendes Credo, das das unrealistische und überhobene Menschenbild, wie es uns heute begegnet, mit all seinen gottgleichen und götzenhaften Facetten, mit seiner Arroganz, das Universum lenken, darin schalten und walten zu können, wie es beliebt - ein Credo, das solche Auswüchse abwürgt, das Begrenztheit, Fehlerhaftigkeit blanklegt. Ein mutiges Credo, das nicht die Perfektion liebkost und mit Stärken und Starken Händchen hält, sondern im Mangel und im Makel, das wahre Wesen des Menschen erahnt, in der Nacktheit unserer Spezies, in der Anfälligkeit, sich auch mal irren, Fehler machen zu können. Ein unerschütterliches Credo zur Verständnis, zum Einfühlungsvermögen, zur Bereitschaft, die Fehlerhaftigkeit des Nächsten nicht zu schelten und zu bestrafen, sondern sie zu akzeptieren und sie als menschliche Eigenart zu erkennen.

Die kürzlich zurückgetretene Bischöfin, sie hat damit deutlich gemacht, dass auch sie die Schwäche, die Unzulänglichkeit als verdammungswürdigen Frevel am herrschenden Menschenbild betrachtet. Wäre sie zu sich und ihrem Fehler gestanden, hätte sie erklärt, dass sie als Mensch, als Frau, als Moralistin ebenso fehlerhaft ist, wie jeder einzelne Mensch auf Erden - sie wäre unantastbares Vorbild gewesen. Sie hat ihre Vorbildrolle aufgegeben, da sie offensichtlich meinte, unberührbares - weil von Fehlern erlöstes - Vorbild sein zu müssen, das nur in hoher Position verharren sollte, wenn es makellos bleibt. Es wirkt fast arrogant anzunehmen, als Vorbild müsse man unfehlbar, dem menschlichen Makel abhold sein. Fehler zu bejahen, sie zur Kenntnis zu nehmen, sie zu bereuen, sie wiedergutmachen: das ist des Vorbilds Unantastbarkeit. Alles andere ist unerschwinglich, ist der Anspruch Heiliger sein zu wollen; einem idealisierten Bild von Heiligen zu entsprechen, einem Idealbild, einem Wunschbild, dem wirklich Heiliggesprochene sicherlich nie entsprachen - denn auch sie waren nur Menschen und hätten seinerzeit, sofern möglich, alkoholisiert einen Wagen gesteuert...

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Nomen non est omen

Freitag, 26. Februar 2010

Heute: "Gefährliches Halbwissen"

Als gefährliches Halbwissen wird Wissen bezeichnet, dass nicht ausreichend oder lückenhaft vorhanden ist und letztlich zu einem fehlerhaften Urteil oder einer vermeintlich falschen Entscheidung führen kann. Der Begriff ist negativ aufgeladen und wird in der Regel gegenüber Personen abwertend verwendet. Der Terminus suggeriert außerdem, dass eine bestimmte subjektive Sichtweise zu einer fehlerhaften Einschätzung führt. Vielmehr wird ausgesagt, dass ein vermeintlich lückenhaftes Wissen zu einer Einschätzung führt, die nicht ernst genommen werden muss. Genauer: die fehlerhaft oder falsch ist und womöglich zu schlimmen Konsequenzen führt. Halbwissen kann hierbei zu Experten-Hörigkeit führen, zum unerschütterlichen Glauben an Zahlen sowie zum Quiz- und Rezeptwissen.

Halbwissen kann hierbei folgendermaßen differenziert werden:
  • Situationen können eingeordnet/eingeschätzt werden, es mangelt jedoch an der Durchführungskraft und der Anwendung des Wissens
  • Sachverhalte werden auswendig gelernt, ohne wirkliche Hintergrundinformationen zu besitzen
  • Situationen könnnen eingeschätzt werden, ohne jedoch zu wissen, wie man an einer Verbesserung/Problemlösung arbeiten kann
  • Sachverhalte werden nicht wirklich verstanden oder hinterfragt, auffällige Beispiele oder Erzählungen dienen als Aufhänger
Dabei ist die Frage, ob es überhaupt möglich ist, jemals "ganzes Wissen" statt "Halbwissen" zu erreichen? Können wir überhaupt eine Sache völlständig in seiner Gänze erfassen? Sokrates Ausspruch "Ich weiß, dass ich nichts weiß" verdeutlicht, dass wir ständig Halbwissen unterliegen. Die Frage ist also vielmehr, wozu wird das vorhandene Wissen verwendet? Wie wird mit dem Wissen gearbeitet? Folgen Konsequenzen oder Bewertungen, die unbequem oder nicht erwünscht sind, kann die Formel "Du besitzt gefährliches Halbwissen" als rhetorisches Werkzeug benutzt werden, um Aussagen zu diskreditieren. "Halbwissen" kann indes nicht gefährlicher sein als "Vollwissen". Schließlich haben Wissenschaftsexperten die Atombombe gebaut und keine Amateure.

Letztlich ist auch Wissen immer der Subjektivität unterworfen und kann damit getrost als relatives Wissen bezeichnet werden.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Die Ihnen ans Beffchen wollen...

Donnerstag, 25. Februar 2010

Tja, Frau Käßmann, da haben Sie sich aber einen Schnitzer erlaubt. Angetrunken mit dem Auto zu fahren - das hätte Ihnen in Ihrer Position nie passieren dürfen. Verstehen Sie mich richtig, halbblaue Autotouren hatten schon viele auf ihrem Kerbholz: Fußballer ebenso wie Politiker. Man erwischte sie, erleichterte sie um die Fahrlizenz, weihte ihnen einige Lettern in Tageszeitungen - das übliche Procedere einer sensationsgierigen Gesellschaft eben. Was Sie vor diesen Fahrsündern unterscheidet ist... falsch, nicht, dass Sie als Geistliche nicht sündigen dürften, ganz im Gegenteil: denn wer sich wider die Sünde stellt, der sollte wissen, was Sünde ist - der sollte dann und wann selbst mal gesündigt haben. Das macht Sie menschlich, Frau Käßmann, unterstreicht, dass Ihnen nichts Menschliches fremd ist.

Nein, was Sie von den gewöhnlichen Alkoholsündern scheidet, ist Ihre jüngste Vorgeschichte. Erwischt man heute einen Stürmer oder Mittelfeldspieler eines Bundesligavereins sturzbetrunken in seiner Luxusdroschke, spult man das übliche Standardprogramm des attraktionsgeilen Boulevards herunter. Nur Rücktrittsforderungen, moralische Frömmelei und dergleichen, das müßte er nicht über sich ergehen lassen. Und wissen Sie warum? Na, kommen Sie drauf? - Weil er nicht Wochen zuvor von der Kanzel herabblickte, um einen Krieg zu verurteilen, an dem die Mehrzahl unserer Eliten mit Leidenschaft haften. Ein großer, alles erklärender Unterschied!

Jenen, die Ihnen nun ans Beffchen wollen, ist es doch vollkommen gleichgültig, ob Sie die Promillegrenze überschritten hatten oder nicht. Pah, das kann doch jedem passieren! Sollte nicht - aber kann! Was einem aber nicht passieren darf, wovor man heute gefeit sein muß, dass ist die Konfrontation mit den Mächtigen dieser Gesellschaft. Und genau denen und ihren Handlangern haben Sie eine Strafpredigt erteilt, haben überdies noch nachgelegt, als Sie erklärten, dass weniger Appeasement vor 1939 den Krieg hätte verhindern können - welch famoser Frevel an der Unabänderlichkeit der Historie, am Dogma deutscher Geschichtsdeutung! Dabei sollten Sie es besser wissen: Man darf alles predigen, nur nichts, was der Wahrheit nahe kommen könnte. Hätten Sie von Gottes weiten Auen oder vom Paradiese gepredigt, davon, dass der Untertan seinen Dienst auf Erden brav und stumm zu verrichten hätte, damit er zur Belohnung einst einzieht in das Reich Gottes - und wären sie hinterher beschwipst kutschiert: Sie wären nur eine kleine Schlagzeile wert gewesen - wenn überhaupt!

Aber als Querulantin, als jemand, der den Frieden in den Wirren des Krieges nicht zu erspähen vermag, der sich in den theologischen Tabernakel sperrt, ohne die Sachzwänge dieser Welt einzukalkulieren, als so jemand, dürfen Sie sich keine Milde ausrechnen. Das war Ihr Fehler, Ihr Schnitzer, Frau Käßmann. Nicht der feuchtfröhliche Abend - wer hat solche Abende nicht gerne? In Ihrer Position erlaubt man sich partout keine Fehler. Damit sei nicht Ihre Position als Bischöfin oder Ratsvorsitzende gemeint, sondern jene als Kritkerin, als Friedliebende. Sie hätten besser auf sich aufpassen müssen, denn nun haben Sie den Kriegsherrn und den Speichelleckern der Kriegsindustrie Futter geliefert; ganze Ballen Stroh, für die Strohmänner der industrialisierten Kriegskunst. Womöglich müssen Sie Ihrem Irrglauben abschwören, öffentlich erklären, kurzzeitig der Ketzerei anheimgefallen zu sein. Wenn Sie dem Frieden abschwören, stattdessen kundtun, dass auch im Krieg der Same der Friedfertigkeit liegt, dass auch ein zerfetzter Schädel eine Friedensbotschaft, in Bergen von Leichen die Pax Dei zuhause sein kann, dann könnten Sie schneller rehabilitiert sein als gedacht.

Gläubig sollte man ja sein, wenn man Dienerin eines transzendenten Herrn sein darf - aber gutgläubig keinesfalls! Und genau diese Gutgläubigkeit wird Ihnen zum Verhängnis. Frau Käßmann, mal ernsthaft, haben Sie wahrhaft gemeint, dem militarisierten und militanten Zeitgeist so an den Marschstiefel pinkeln zu können, ohne dass man Sie zur Rechenschaft zieht? Ohne dass man Sie observiert, kontrolliert, ausspioniert, jeden Ihrer Schritte überwacht? Und falls Sie dann einen Schritt zu weit gegangen oder eben gefahren wären - und leider ja auch sind: Haben Sie nicht geahnt, dass man sich auf Sie stürzen, Sie zermatschen würde, dass Sie zur Kost eines tollgewordenen Rudels Schabrackenhyänen würden?

Für diese kriegerische Bagage sind Sie eine Feindin. Sie sind gefährlich, weil Sie von der Kanzel etwas verkündet haben, das den Interessen der Mächtigen entgegensteht. In anderen, auch vergangenen Regimes, hätte man Sie dafür eingesperrt. Staatsschädigendes Verhalten hat man Ihnen ja auch zwischen den Zeilen vorgeworfen - für viele Staatswesen Grund genug, eine Zelle zu reservieren. Hier klappt das (noch) nicht, Frau Käßmann, hier sperrt man (noch) nur in der Phantasie ein. Ich möchte wetten, mancher, der sich ob Ihrer Predigt angefeindet sah, hatte Sie schon in gestreifter Kutte von seinem geistigen Auge schwirren. Hierzulande sperrt man (noch) nicht ein - hierzulande reicht es (noch - oder schon?), wenn man solange auf Fehltritte oder Affären eines unliebsamen Charakters wartet, bis sich die Zelle in ein gigantisches Freigängergehege aufgelöst hat. Bis die Kabine als Option fallengelassen werden kann, weil die erschlagende und verhetzende öffentliche Berichterstattung zu einer Spielart von offenen Vollzug wurde.

Ich will Ihnen keine Angst machen, zumal Sie sicherlich Halt und Unterstützung im Umfeld Ihrer Kirche finden werden - wenigstens ein bißchen. Für die öffentliche Berichterstattung im Namen einer angeblich freien Presse, sind Sie aber mehr als ein gefundenes Fressen für einen lauen und öden journalistischen Arbeitstag - man kann einmal mehr ein Exempel an einer Person statuieren, die dem Zeitgeist nicht völlig erlegen ist, die sich einige veraltete Aspekte wie Menschlichkeit und Rücksichtnahme bewahrt hat, die immer noch in der sozialverkitschten Vergangenheit weilt, die die sozialen Härten, die zur Notwendigkeit theoretisiert wurden, nicht stillschweigend hinnehmen will. Und man kann sich ebenfalls dafür rächen, dass nicht nochmals ein theologischer Managertyp im Stile Ihres Vorgängers Huber, statt Ihrer Person den Ratsvorsitz der EKD erhielt - jemand also, der Ökonomie und Kirche zusammenbrachte, wie vermutlich nur Ahnengalerien von Renaissance-Päpsten zuvor.

Sie haben damals für Frieden gepredigt. Das war kein gelungener Einstand in diesen kriegerischen Tagen - ich befürchte, das versaut Ihnen Ihre ganze restliche Amtszeit. Aber trösten Sie sich: eine versaute Amtszeit, nur weil man Frieden und eine Abkehr von Kriegspolitik forderte, ist eine gelungene Amtszeit. Vor Ihnen hatte jemand ein gelungenes Pontifikat, aber genug Protestanten aus meinem Umfeld waren der Ansicht, dass diese erfolgreiche Zeit eine verlorene, rückwärtsgewandte, versaute Zeitspanne war, vorallem eine, die sich von den wahren christlichen Motiven abwandte, die sich immer stärker von den Armen und Alleingelassenen distanzierte, letztlich zum Unternehmen umgebaut, sich also Selbstzweck wurde. Solange man Ihnen aber nachsagt, Sie seien ein zu suspekter Kopf für die Spitze der evangelischen Kirche, solange machen Sie es richtig. Wehe dem, der sich mit den Häschern arrangiert.

Tja, so kann es gehen, Frau Käßmann. Gerade als ich Ihnen diese anspruchslosen Zeilen darbrachte, wird von Ihrem Rücktritt berichtet. All meine Mühen umsonst! Ihr versauter Einstand geschenkt! Nun ist der Raum frei für eine neue Variante des Huber, so ein Gschaftl-Huber mit betriebswirtschaftlicher Gesinnung, der selbst die Seelsorge auf Kosten und Nutzen prüfen würde, wenn man ihm nur mehr tyrannische Freiheit ließe. Wer weiß, welcher Militärpfarrer schon Spalier steht für Ihren Posten. Diese Gesellschaft mit ihrem kriegerischen Sendungsbewußtsein benötigt Feldgeistliche, Prediger friedbringender Schlachtfeste - was will sie mit Kriegsgegnern anfangen? Dieser Rücktritt: es war Ihr zweite Schnitzer innerhalb einiger Tage...

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Weltanschauliche Unterhaltung

Mittwoch, 24. Februar 2010

Bertelsmann sorgt sich um die politische Unbildung in Deutschland. Und weil Bildung heute Spaß machen, unterhaltend sein muß, baut man den Lernfaktor in abendliche Fernsehfilme. Politisch aufgeladen war schon manches Projekt, doch derart unwirsch und schemenhaft dürfte etwaiges Lehrmaterial noch nie mit politischer Botschaft ausgestattet worden sein. Premiere für den wohl plumpesten und durchsichtigsten TV-Film des Jahres.

Der Inhalt ist leicht skizziert. Deutschland ist zwischen Rechten und Linken zerrissen - beide Seiten wollen Mecklenburg-Vorpommern in die Unabhängigkeit führen, um ihre jeweiligen Vorstellungen dort zu verwirklichen. Zwischendrin harrt die bürgerliche Mitte, ausstaffiert mit dem Verfassungsschutz, ausgerüstet mit bürgerlichem Maßhalten, mit Vernunft und demokratischem Esprit. Eine Mitte ohne Makel, vermutlich eine Mitte, die Westerwelles, Sarrazins und Kauders nicht kennt; der Idealfall von gesellschaftlicher Mitte schlechthin.

Während die fiktive Partei der Rechten einen lachhaften Namen trägt (DNS), der eher an Erbanlagen als an zufällige Ähnlichkeiten mit realen Parteien denken läßt, wirkt der Name der anderen Seite (Neue Linke) vertraut und erschwert es sehr, nicht an Zufälligkeiten mit wirklichen Organisationen glauben zu wollen. Liest man dann noch, welche Absichten beide Seiten hegen, dann ist kaum noch zu unterscheiden, wer von rechts, wer von links kommt. Die DNS ist so sozialistisch, wie die Neue Linke national ist.

Natürlich, es handelt sich nur um einen Film. Aber schleierhaft ist schon, warum gerade die linke Ausgeburt namentlich so unbeholfen an jene Linkspartei erinnert, die im wirklichen Deutschland entstanden ist. Und seltsam ist, warum die Linke als rabiater Nationalistenverband dargestellt wird, die zudem den Sozialismus wiederaufleben lassen, die scheinbar zurück in die DDR will. Der unbedarfte Konsument wird sicherlich an die Linkspartei denken, wenn ihm die Neue Linke den Abend versüßt. Und dann sieht er da einen Haufen von Nationalsozialisten, im wahrsten Sinne des Wortes, der vom rechten Spektrum nicht mehr zu unterscheiden ist. Das soll prägen, das soll konditionieren, Konnotationen schaffen.

Und er erblickt eine bürgerliche Mitte, die vorgibt, sie wäre frei von Ideologie, die mit Ratio geschlagen zu sein scheint, während die NPD alias DNS die Rolle der wirklichen Mitte übernimmt, mit all ihren Phobien und Zwangsneurosen, mit ihrem Jargon und ihrer Kraftmeierei, wenn mal wieder gegen Parasiten und Schmarotzer ins Feld gezogen wird. Was dem schlichten, dem naiven Zuseher zubereitet wird, ist das Musterbild einer gesellschaftlichen Mitte, wie sie nicht (mehr?) existiert, wie sie sich dieser Tage nie und nimmer präsentiert. In Phantasiewelten mag die Trennung zwischen Radikalismen und Vernunft gelingen - die politische Wirklichkeit dieses Landes lehrt uns aber, dass die Übergänge fließend sind, dass diese ominöse Mitte sich zuweilen, gar nicht so selten, ebenfalls radikal gibt.

Zufall? Vielleicht! Es könnte zugegeben schon ein blöder Zufall sein, dass man die Linkspartei mit einer aufgeblasenen, in der Realität vollkommen abwesenden NPD in einen Kessel wirft. So, als wären beide Seiten Menschenschinder und Mordbrigaden in spe; so, als wäre Lafontaine eben doch ein Hitler und Gysi sein treuer Heinrich. Zufall: mag ja sein. Aber so aufrichtig will man daran nicht glauben, wenn man weiß, dass die Produktionsfirma teamWorx, ein Tochterunternehmen der UFA - die wiederum im Besitz von Bertelsmann ist -, hinter dem Spuk steckt.

Mit welcher Orthodoxie Bertelsmann den derzeitig herrschenden Kapitalismus stützt und befürwortet, die Zugrundeökonomisierung des Alltags, das Wettbewerbsdenken bis aufs Blut, die Privatisierung der res publica betreibt, ist hinlänglich bekannt. Dass jener Krake in jeder sozialreformerischen Bestrebung Häresie wittert und als exorzistisches Austreibungswort ein lautes Sozialismus! brüllt, ist ebensowenig neu. Nur dass dergestalt offensichtlich gegen das sozialistische Ungetüm agitiert wird, wie in dieser TV-Produktion, kommt selten vor. Bertelsmann ist sich für keinen Stumpfsinn zu schade, stumpft stetig mehr ab - einige unbeschriebene Zuseher, politisch uninteressiert, einige Jugendliche, eine Handvoll Verängstigter werden wohl schon abgerichtet werden können. Auf dass der Geifer tropft, wann immer von der Linken die Rede ist - auf dass die Augen funkeln, wenn als Hort der Vernunft die gesellschaftliche Mitte gefeiert wird...

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Sit venia verbo

Dienstag, 23. Februar 2010

"Aber selbst Mieter, die dem Regime ablehnend gegenüberstanden, äußerten sich beschwichtigend. "Was wollen Sie denn?" fragte Herr Deecke aus dem Erdgeschoß, der Vater des hübschen "Trautchens": "Sie übertreiben!" Jeder begreife doch, daß die Dinge täglich besser liefen. Ebenso redete Frau Dölle, die sich gern als Hausmeisterin aufspielte und keine Gelegenheit ausließ, von ihrem dickbäuchigen, immer zu Schweieigeleien aufgelegten Sohn zu schwärmen. Herr Patzeck wiederum mit der tiefen, offenen Stimme, dessen Frau inzwischen niedergekommen war, sprach vom bloßen "Budenzauber" der Nazis, der noch lange nicht das Abendland bedrohe; mit solchen Überdrehungen arbeite man der "Hitlerbande" nur in die Hände. Und der für seinen derben Zynismus bekannte Herr Leopold aus irgendeinem Ministerium meinte, die ganze Nazidiktatur laufe doch, von den üblichen Kinderkrankheiten abgesehen, auf eine Einschränkung der Meinungsfreiheit hinaus. Das tue ihm nicht einmal "auf der linken Arschbacke weh", so drückte er sich aus. Denn man müsse sich bloß anhören, was die berühmten "Leute von der Straße" an Unfug alles daherredeten; da sollte man den neuen Herrschaften eigentlich dankbar sein, daß sie dem elenden "Politgequatsche" ein Ende machten. Mein Vater antwortete auf solche Einwürfe zumeist, wie er uns später erzählte, daß es überhaupt nicht um die Arbeitslosen gehe. Und um die Meinungsfreiheit schon gar nicht. In Wirklichkeit suche jeder nur nach einer Rechtfertigung fürs Wegsehen von den Verbrechen ringsum. Sogar auf seiten erklärter Hitlergegner machte sich bald eine zunehmende Gleichgültigkeit breit. Zu einem nicht geringen Teil war sie auf das verharmlosende Vokabular des Regimes zurückzuführen. Mein Vater war "abgebaut", wie die Bezeichnung lautete, anderen waren "vorläufig" pensioniert, Verhaftungen hießen "Sicherheitsverwahrungen", was war so schrecklich daran? Mit dem SPD-Freund Ma Fechner unternahm mein Vater Ende 1933 einen Spaziergang durch die Kiefernwaldungen bei Erkner, die er aus Sicherheitsgründen gern aufsuchte, wenn er politische Gespräche führen wollte. "Also lassen wir uns mal eine Zeitlang von Rüpeln regieren", sagte Fechner, die machten es nicht lange. Mein Vater führte auf, was diesem Urteil widersprach, und wies auf die "Schmach" der Machtergreifung hin. Die republikanischen Verbände hätten nach Millionen gezählt, aber nicht einmal einen Generalstreik zustande gebracht. Sondern sich binnen weniger Tage auf bloße Regierungsanordnung hin widerstandslos in Luft aufgelöst und es sich bei den Aufmärschen unter den Fahnen der Nazis gemütlich gemacht. Jetzt fielen allen ständig neue Gründe für ihr Mitlaufen ein."
- Joachim Fest, "Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend" -

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Lorenzo der Prächtige

Montag, 22. Februar 2010

Wenn di Lorenzo sich dazu äußert, wenn er kundtut, dass die "oft geringen Qualifikationen" Ursache dafür seien, dass Migranten häufiger Sozialhilfe erhielten als Deutsche, dann wird daran schon Ehrlichkeit haften. Denn di Lorenzo, selbst Sohn eines Italieners, bestätigt aus der Warte des Ausländers (er ist erst seit 2004 mit deutscher Staatsbürgerschaft ausgestattet), dass es eben jene Ausländer, Fremde wie er, sind, die dieses Land ausbluten lassen. "Andererseits aber drängt sich der Verdacht auf", so erklärt der Grande der Zeit zudem, "dass unser in Deutschland so angefeindetes Sozialsystem immer noch attraktiv genug ist, dass es eine massenhafte Einwanderung in die sozialen Netze auslöst was das Prinzip der Einwanderung, in einem fremden Land durch eigener Hände Arbeit sein Glück zu finden, auf den Kopf stellte." Die Bundesagentur für Arbeit springt in die Bresche, zählt vielerlei Gründe für die Motivation, (was soviel heißt wie: die fehlende Motivation) des faulen Ausländers auf. Dieser sei in den meisten Fällen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, hätte kaum höhere Schulabschlüsse oder spräche kaum oder gar kein Deutsch.

Schuld, so destilliert man aus dieser zu Buchstaben gewordenen Farce, tragen die Ausländer selbst. Jeder aufgezählte Grund ein offener oder unterschwelliger Vorwurf, abgesegnet durch di Lorenzos Prächtigkeit. Es mag schon zutreffen, dass Ausländer häufiger arbeitslos sind (immer noch weniger häufig als man annehmen mochte) - aber die Gründe sind mannigfaltiger. Wo liest man beispielsweise den Hinweis, dass es in deutschen Landen immer noch als Makel gilt, mit einem ausländischen Nachnamen durchs Leben zu eilen? Wo wird man darüber informiert, dass in Zeiten, in denen der Begriff "Moslem" als Synonym von Teufel oder Satan benutzt wird, es für moslemische Mitmenschen also immer schwieriger wird, hierzulande zu leben, geschweige denn, einen Arbeitsplatz zu ergattern? Neinnein, di Lorenzo macht es sich zu einfach in seiner Paraderolle als vorbildlicher Ausländer, wenn er nun wieder einmal so tut, als läge Schuld alleine bei denen begraben, die hier zu Gast seien (Gäste, die Steuern zahlen dürfen!), denen aber qua ihrer Herkunft als Lebensaufgabe aufgetragen ist, fortwährend die Kirche, die Moschee ums Dorf zu tragen, denen ständig Gesteinsbrocken gerade Wege verkomplizieren.

Nun ist es keine frische Erkenntnis, dass des Verfassers Herkunft eine war und ist, die ihn immer schon und immer wieder, unzugehörig erscheinen ließ. Wie es sich mit einem Namen lebt, der nicht unauffällig zwischen Schmidts und Wagners und Scholzes in Anonymität verfallen darf, hat er viel zu oft erleben müssen - und wird er für den Rest seines Lebens, so fürchtet er, aber und abermal erfahren dürfen. Wenn schon Staubsaugervertreter, das Klingelknöpfchen unterhalb des Namensschildes ausgelöst, nach Öffnen der Haustüre in radebrechendem Deutsch über ihre etwaige Kundschaft stürzen: wie muß es dann erst sein, wenn sich Bewerbungen mit exotisch klingender Unterschrift in Vorzimmern von Personalverantwortlichen stapeln? Und ob heute, wo jeder Kahraman oder Faruk oder Türkcan als möglicher Terrorist seine Integrationsunwilligkeit fristet - ob für Türken oder Araber große Aussichten auf Wohlwollen bestehen, darf zumindest bezweifelt werden.

Der Verfasser will nicht arrogant klingen. Doch fallweise scheint es von Dringlichkeit zu sein, diese Arroganz aufzubieten. Er - der Verfasser - wähnt sich der deutschen Sprache mächtig, mit bayerischem Einschlag zwar, mit der Unzweifelhaftigkeit, dass sein deutsch Gesprochenes, ein bayerisch Erbrochenes ist - aber immerhin. Ob er sprachgewandter ist als solche, die sich in ihren Agitationen über das Unglück "Ausländer" hermachen, sollen andere bewerten. Dennoch, obwohl des Deutschen mächtig, obwohl er diese Sprache schätzt, immer in diesem Lande gelebt hat, reicht alleine der nicht gerade urdeutsche Nachname aus, um in den Ruch der Fremdheit zu geraten. Di Lorenzo verstümmelt die Lebenswirklichkeit ausländischer Menschen und solcher, die auch nur ausländisch klingen oder aussehen. Er bietet eine Art dankbaren Gast dar, der sich selbst dann noch artig bedankt, wenn er bei Tisch des Gastgebers Rülpswinde schnuppern durfte - wenn er denn jemals diesem Gusto ausgesetzt war.

Natürlich unken die Schranzen entsolidarisierter Lebensart nun, dass einer wie di Lorenzo, selbst Italiener, gewesenes Ausländerkind, tiefste Einblicke besitzen muß. Wenn einer von denen, einer von der Sorte "anständiger Ausländer", schon mit seinen schmuddeligen Fingern in Wunden bohrt, dann wird schon ein Fünkchen Aufrichtigkeit in den Thesen Kochs, Westerwelles und Sarrazins stecken. Di Lorenzo hat es doch auch geschafft - er ist Redakteur und hat einen festen Platz im deutschen Fernsehen, ist rechtschaffen und gehorsam, sieht makellos aus, spricht makellos, vertritt makellose Thesen. Und als Bonbon für braves Benehmen, hat man ihn mit einem deutschen Pass belohnt - das große Ziel aller Ausländer, di Lorenzo hat es sich erfüllt, man hat ihn zum Menschen erwählt. Dass er Kind aus gehobeneren Kreisen war, seine Kindheit nicht in diesem Lande verbrachte, dass er seinen ausländischen Vater niemals verspottet und veralbert, herabgewürdigt und ehrabschneidend behandelt erleben mußte in diesem Land, weil der Vater nach der Trennung von Lorenzos Mutter in Italien zurückblieb, davon keine Rede. Di Lorenzo ist nicht der Regelfall, sein Lebensentwurf ist nicht der eines Ausländers, der aus bitterer Armut, aus Anatolien oder aus dem Kosovo etwa, hierherkam, mit der Absicht ein etwas besseres Leben zu führen, Arbeit zu finden, etwas Geld zu verdienen.

Es liegt schon mehr als ein schmaler Streifen Niemandslandes dazwischen, ob jemand vermögend an Vakuum im Geldbeutel in ein fremdes Land kommt, oder ob er als gemachter Mann, als Knabe aus gemachten Verhältnissen, einreist. Ein anatolischer Tagelöhner, ein kroatischer Hilfsarbeiter oder das baskische Faktotum für jede Spielart von Fron, ist nun mal niemand aus oder mit gefertigten Verhältnissen; und er ist schon gar niemand aus der Deutschen Land der Sehnsüchte, was Italien spätestens seit Goethe war. Denn, da mag man behaupten was man will, als charmanter Italo, der zudem nett anzusehen ist, der knuffiges Gelati-Deutsch spricht, durchwoben mit Ciao Bella! und Come stai?, als süßholziger Kerl mit italienischer Herkunft, der pfiffig alle Klischees bedient, die des deutschen Urlaubsherz erfüllen, da kann man zwischen Eis und Espresso, sowas wie Integration verspüren. Aber nur dann! Denn wenn, wie der Verfasser, der ja selbst Wucherung südländischer Triebe ist - wenn der fremdklingende Name mit beleibter Plauze aufläuft, kein geschäftstüchtiges Dauerlächeln auf den Lippen trägt, dann ist es aus und vorbei mit der Integrationsbereitschaft der autochthonen Bevölkerung, dann schieben sie einen schon gerne mal zur Seite - nicht immer, nicht alle, aber immer noch ausreichend.

Nein, man muß di Lorenzo keine böse Absicht unterstellen. Das wäre infam und würde ihm wahrscheinlich auch nicht gerecht. Aber warum er sich mit halbausgegorenen Thesen, mit süffisanter Schuldzuweisung an jenen, die wesentlich ausgeprägter Opfer als Täter sind, an dieser unseligen Debatte beteiligt, muß man ihn schon fragen dürfen. Man muß ihm die Frage stellen, weshalb er nicht zur Sprache bringt, dass es mit ausländischem Namen, gerade wenn man aus den unteren Gesellschaftsschichten entstammt, kaum sowas wie Zugehörigkeit oder Teilhabe gibt. Außen ist der angestammte Platz, man wird ausgegrenzt. Nach allen Rufschädigungen an moslemischen Menschen, darf es nicht verwundern, wenn deren Lebenssituation nochmals erschwert wurde, wenn Personalchefs mit Argwohn Bewerbungen sichten, auf denen Kahramans oder Türkcans ihr Passfoto zurückgelassen haben. Am Ende, so ängstigt sich die arbeitsplatzverteilende Zunft, erscheint er mit Turban beim Dienst, mit Krummsäbel im Hosenbund, betet zu Unzeiten und geht jedem an die Gurgel, der ihm nicht mit Allahs erbotenem Gruß begegnet.

Wie unsäglich schwer müssen es Moslems derzeit haben, als annehmbare Menschen wahrgenommen zu werden? Wie schwer, einen Arbeitsplatz zu erhalten? Dabei reicht es heute immer noch, nur einen ausländischen Namen zu tragen, damit kundzutun, anderer Herkunft zu sein, Sohn oder Tochter eines Gastarbeiters - fremd hier, fremd auch im Heimatland des Elternteils, fremd allerorten. Irdisch ist man nirgends, man ist ohne Erde, man wird zum Außerirdischen, zum Fremdling über alle Grenzen. Hier hemmt der ausländische Name, drüben, in Spanien, hemmt der deutsche Dialekt. Alleine der Name genügt; aus einer Religionszugehörigkeit auch noch die Mordslust zu filtern, das Unmenschentum herauszukristallisieren, muß als Verschärfung der Gangart betrachtet werden. Wenn dann auch noch jemand wie di Lorenzo mit halben Wahrheiten auftritt, dann ist das zweifellos die Verschärfung der Verschärfung. Dann sind beide, die von Lorenzo geohrfeigten Ausländer ebenso wie Lorenzo selbst, als Idioten zu betrachten. Die einen werden zu Idioten gemacht, weil man ihnen unterstellt, unnützlich geworden zu sein, überdies selbstverschuldet, in der sozialen Hängematte zu flacken; während der andere gerade nicht unnützlich ist, sondern ein ganz besonders prächtiger, ganz besonders nützlicher Idiot.

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Lautsprecher schweigender Mehrheiten

Samstag, 20. Februar 2010

Wenn es sie nicht gäbe, schwiege die Mehrheit bis in alle Ewigkeit. Der erste im Bunde der mutigen Lautsprecher, der Herr mit brauner Lippenbürste, zog mit seinem Organ in den Wahlkampf, wollte für seine lärmige Stimme schweigende Stimmen einheimsen. Sein Nachfolger auf dem Pfad der Mutigen, wähnte sich akzeptiert, als er in den Gewässern fischte, in denen vormals der Wahlkämpfer seinen dürren Stecken reinhielt. Und nun, da der dritte Erlöser schweigender Mehrheiten zur Bergpredigt ansetzt, scheinen jene Gewässer immer noch reichhaltig, noch lange nicht überfischt. Alle drei Fischer verabscheuen sich gegenseitig, beargwöhnen sich gehässig, gönnen sich gegenseitig keinen beachtenswerten Fang. Alle drei Fischer sagen der eigenen Konkurrenz nach, sie würde ihr Geschäft schlecht betreiben, den gesamten Berufsstand in Verruf bringen, die guten Sitten der Zunft ruinieren. Alle drei Fischer wollen miteinander nichts zu tun haben, wissen voneinander nichts außer Nachteiliges zu berichten. Alle drei Fischer sind sich fremd und doch in derselben Branche zuhause; sich fremd, aber doch verwandt; sich fremd, dennoch vom selben Fach.

Drei Fischer, gleich an Würdigkeit, durch alten Groll zu neuem Kampf bereit - drei erlesene Fachleute hoher Güte, vereint durch das ewige Gestern, sollten sich zusammenschließen, damit verwächst, was nie so recht getrennt war. Sich zusammentun, um ihren Mehrheiten, die sich aufgrund Verschwiegenheit nicht zur Wehr setzen können, eine neue Führerschaft zu erteilen. Neue Streitkultur, so reibt man sich freudig die Klauen, sei im Entstehen, "Politik in Bestform" sei derzeit geboten, weil der Einheitsbrei politisch korrekter Sprache überwunden wurde, weil Pluralismus herrscht innerhalb der politischen Kultur. Wahrlich, wie pluralistisch, wie vielfältig das Menschenbild der selbstgekrönten Lautsprecher doch ist, kann man wieder einmal erkennen - die Vielfalt ist wahrhaft erschlagend: die Vielfalt der Einfältigkeit.

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Willkürherrschaften

Freitag, 19. Februar 2010

Rufe aus der Politik, die Regelsätze zur Beherzigung des Lohnabstandgebots zu mindern, sie abzusenken, um Erwerbsanreize zu setzen, sind nicht nur Ausdruck haarsträubender Arroganz und abgehobener Anmaßung, zeigen nicht nur auf, wie weit entfernt Lebenswirklichkeit und parlamentarisches Phantastentum voneinander sind - nein, in solchen Forderungen schlägt Einsichts- und Belehrungsresistenz einer ganzen Gesinnung und ihrer Anhängerschaft durch.

Dieses willkürliche Festsetzen der Regelsätze - das war es, was das Bundesverfassungsgericht vor einigen Tagen bekrittelte, was Grund genug war, für verfassungswidrig erklärt zu werden. Aber die Uneinsichtigkeit ist langlebig, die Unbelehrbarkeit gehört zum politischen Repertoire. Wenn nun generöse Stimmen auftauchen, die von Kürzung schwärmen, dann ist das in erster Instanz natürlich eine sozialpolitische Schweinerei und die zum Ritus gewordene Verächtlichkeit einiger Megalomanen - aber in zweiter Instanz, entemotionalisiert, mit kühlerem Kopf begutachtet, spiegelt sich darin die vollendete Lächerlichkeit eines elitären Standes wider, der bar jeglicher Klarsicht, naiv und treuergeben an eingeimpften Lehrsätzen und Doktrinen hängt. Ein Stand, der sich der Willkürherrschaft im Namen von pseudoliberalen Grundsätzen verschrieben hat, der es gewohnt war (und immer noch ist), jede Lüge durch gekaufte Medienanstalten zur Wahrheit zu quengeln, jede soziale Ferkelei zur Reform zu küren, jeden Krieg zur Friedensmission zu adeln.

Der Herrschaft nach freiem Belieben fällt es schwer, sich von der guten alten Einrichtung der Willkür zu trennen, sie objektiv zu überdenken. Das merkt man täglich aufs Neue, wenn die Großzügigkeit der Regelsatzkürzer durch die Öffentlichkeit hallt, wenn wiederholt auf willkürliche Abzüge gepocht wird. Eine Denkart, die vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuft wurde. Denn das eigenmächtige Verstümmeln des Bedarfs, etwaiges Vorgeben erwünschter Regelsatzhöhen oder der pauschale Abschlag bei einer errechneten Bedarfssumme, um selbige künstlich herabzusenken, lassen sich mit der Verfassung, mit dem Sozialstaatsgebot, nicht zusammenführen. Aber einer Gesellschaftsschicht, die über allen anderen thront, die sich Logenplätze in wattigen Wolkenstädten unter den Nagel gerissen hat, kann man nicht mit irdischem Frevel an der Willkür kommen. So einfach trichtert man das nicht in dünkelhafte Schädel.

Irgendwann, so scheinen diese unbelehrbaren Inhumanisten, zu denken, wird man unsere Willkür schon anerkennen. Wenn der willkürlich zustandegekommene Regelsatz fallen soll, so zimmern wir uns eben eigenhändig einen neuen Satz, gestützt auf Pi mal Daumen. Und wenn der auch wieder kassiert wird, weil man ihn der Willkür bezichtigt, dann entwerfen wir eben erneut einen, basierend auf unserer Laune. Prangert man diesen Regelsatz dann nochmals an, so flicken wir uns eben einen aus willkürlichen Studien und subjektiven Eindrücken. Und hat das Bundesverfassungsgericht dann immer noch genug Chuzpe, um erneut zu intervenieren, dann sei es ein Leichtes, anhand von Kaffeesatz oder Auspizien, beim seherischen Wühlen in Eingeweiden oder durch Riechen an Socken, erneut Willkür bei der Neuberechnung walten zu lassen. Irgendwann, so glauben diese Herrschaften, diese Willkürherrschaften, wird man müde werden, unseren Willküranspruch zu torpedieren. Irgendwann wird man schläfrig einbrechen und unsere Willkür eine gute Herrschaft sein lassen...

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