Sit venia verbo

Samstag, 14. Juni 2008

"Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren Körpern; nicht als Menschen, sondern als Maschinen. Sie bilden das stehende Heer und die Miliz, die Gefängniswärter, die Konstabler, Gendarmen etc. In den meisten Fällen bleibt da kein Raum mehr für eigenes Urteil oder moralisches Gefühl; sie stehen auf derselben Stufe wie Holz und Steine; vielleicht könnte man Holzmänner herstellen, die ebenso zweckdienlich wären. Solche Wesen flößen nicht mehr Achtung ein als Strohpuppen oder ein Dreckklumpen. Sie sind nicht mehr wert als Pferde und Hunde. Und doch hält man solche Menschen gewöhnlich sogar für gute Bürger. Andere, wie die meisten Gesetzgeber, Politiker, Advokaten, Pfarrer und Würdenträger, dienen dem Staat vor allem mit ihren Köpfen; doch weil sie selten moralische Urteile fällen, könnten sie - ohne es zu wollen - ebensowohl dem Teufel dienen wie Gott. Nur wenige Helden, Patrioten, Märtyrer, wirkliche Reformer und Menschen dienen dem Staat auch mit dem Gewissen, weshalb sie sich ihm oft widersetzen müssen; sie werden gewöhnlich von ihm als Feinde behandelt. Ein Weiser wird immer nur als Mensch dienlich sein wollen, er wird sich nicht dazu hergeben, "Lehm" zu sein, um "ein Loch zu stopfen, um den Wind abzuhalten", sondern er wird diese Aufgabe dem Staub überlassen:

Zu hoch geboren bin ich, um jemands Eigentum,
Der zweite nur zu sein am Steuer,
Nützlicher Dienstmann und Werkzeug,
Für irgendeine Macht auf dieser Erde.

Wer sich ganz seinen Mitmenschen hingibt, erscheint ihnen nutzlos und selbstsüchtig; wer sich aber nur zum Teil gibt, wird zum Wohltäter und Menschenfreund erklärt."
- Henry David Thoreau, "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat"

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Mein Abgeordneter - Teil 5

Freitag, 13. Juni 2008

Fortsetzung vom 7. Juni 2008
Teil 3 vom 1. Juni 2008
Teil 2 vom 29. Mai 2008
Teil 1 vom 28. Mai 2008

Schritt 5: Sie sind gefeuert!

Bisher haben wir unserem Mann vertraut. Aber diverse mediale Berichterstattungen blasen nach und nach unsere Naivität weg. Diesen entnahmen wir, dass es Abgeordnete gäbe, die in Befangenheit schweben, weil sie Gelder von Unternehmen erhielten, also Teil der Wirtschaftswelt geworden seien. Dabei handele es sich manchmal nur um Summen, oft aber doch um Unsummen, die ihre objektive Lage beeinflußt. Deshalb tun wir, was ein anständiger Mensch nie tun würde: Wir fragen direkt, warum er von einem Unternehmen Geld erhält und vorallem, um wieviel Geld es sich denn da handele. Zudem konfrontieren wir ihn in schwejkscher Naivität mit der Frage, ob er denn nun befangen sei oder nicht; ob er überhaupt noch im Namen seiner Wählerschaft sprechen könne. Und außerdem, so müssen wir rein logisch schlußfolgern, habe er diese Summen Geldes an seine Wähler zu überweisen, denn immerhin haben sie ihn in einen solch erbringlichen Posten gebracht. Freilich wird er hier nicht mehr lächeln, tat es vielleicht vorher schon nicht mehr, denn nun gehen wir an die Substanz, an das Motiv seiner Politisierung, die ja immer als ökonomisch bereichernd gedacht war. Wir dürfen uns von seiner idealistischen Duftnote, die seine Vita durchweht, nicht täuschen lassen.
Hier dürfen wir nicht locker lassen. Wir schreiben den Geldgeber an, fragen ihn, was unser Mann in seinen Diensten tut, erwähnen, dass wir ihn gewählt haben und damit auch einen Anspruch auf Zahlung hätten und überhaupt nicht damit einverstanden sind, dass man unseren Abgeordneten, der ja ansonsten pflichtbewußt sein Amt bekleidet, dermaßen in die Zange nimmt, dass er regelrecht mit sich ringen muß, ob er weiterhin treu seinen Wählern dienen wird oder doch lieber einem Konzern. Wir fragen unseren Abgeordneten, ob er denn in Zukunft keinen Anstecker seines „Arbeitgebers“ tragen sollte. Denn wenn er beispielsweise seiner Wählerschaft von den Gerüchten zur Privatrente erzählt, die in Berlin kursieren, dann sollte man doch wissen, ob er womöglich für einen Finanzdienstleister tätig ist. Vielleicht sollten wir nun dazu übergehen, unsere Mitwähler darüber zu informieren, dass unser Mann fremdgeht. Und unseren Mann des Vertrauens selbst fragen wir ganz dümmlich, wo wir seine Entlassung beantragen könnten. Wir würden ihn, so fahren wir fort, noch ein halbes Jahr das Gehalt weiterbezahlen, aber er soll um Himmels willen nur zuhause bleiben und nicht mehr sein Abgeordnetenbüro aufsuchen. Jetzt sind wir so weit, dass die Dreistigkeit auch überhand nehmen darf, denn die Korruption eines Delegierten ist kein Kavaliersdelikt, sondern kommt einen Vertragsbruch gleich, ist Betrug und Verrat. Wir sollten seinen einst geheimen Geldgeber kontaktieren und ihn bitten, für den ehemaligen Abgeordneten X ein Büro innerhalb des Konzernareals herzurichten, denn die Wählerschaft gedenke, den Mann aus seinem Amt zu entlassen, womit er bald ohne Anstellung sei. Wir aber sähen es als unsere Pflicht an, ihm ein gutes Arbeitszeugnis auszustellen und ihm den Übergang zu seinem neuen Arbeitgeber möglichst einfach zu machen. Lieber keinen, als so einen Abgeordneten im Parlament, lautet die Devise, schließlich wollen wir uns einen Dolchstoß ersparen.
Die Entlassungsprozedur ist höchstkompliziert, werden wir später erfahren. Zuerst gehört es zum Ritual, dass man uns an allen Stellen, die wir danach befragen, mitteilen wird, dass eine Entlassung des Abgeordneten auf Initiative der Wähler nicht möglich ist. Wir dürfen uns aber nicht entmutigen lassen, denn dies gehört einfach zur Tradition des deutschen Parlamentarismus. Merke: Entlassungen werden hierzulande von den Medien vorgenommen, namentlich der Springer-Konzern hat sich auf die Entlassung unflätiger Abgeordneter, aber auch Minister, spezialisiert. Dazu senden wir der Redaktion der Zeitung mit den vier großen Lettern, eine kleine Skandalgeschichte, die im Umfeld eines jeden Menschen leicht herauszufinden ist, wenn man sich nur nicht von solch Kleinigkeiten wie Privatsphäre beirren läßt. Wir müssen ja auch nicht immer ehrlich sein und können einfach aus seiner Zugehfrau eine Prostituierte machen, die ihn gelegentlich zuhause aufsucht. Mit der Wahrheit nehmen wir es nicht so ernst, weil auch Springer mit ihr nicht auf Du und Du steht und unser Abgeordneter, wie sich ja herausstellte, ebensowenig. Wir können nichts dafür, dass mit Wahrheit hierzulande nicht gehandelt wird, weil sie zu wenig profitabel sei. Springer zeichnet sich gemeinhin durch Hartnäckigkeit aus und wird jede Geschichte, die man immer wieder mit einigen Wochen Abstand liefert, gerne ins Programm übernehmen. Die Entlassungsprozedur eines Abgeordneten ist hierzulande eine langwierige, aber nicht aussichtslose Sache. Es geht vorallem darum, den unliebsamen Angestellten mürbe zu machen, sein Privatleben möglichst in den Dreck zu ziehen. Diese Praxis entwickelte sich aus dem Umstand, dass die Väter des Grundgesetzes in einer Schnapslaune ein unfertiges Werk hinterließen. Man hat tatsächlich vergessen, dem wahlberechtigten Volk Möglichkeiten in die Hand zu geben, diejenigen wieder aus der Verantwortung zu entfernen, die nicht in der Lage sind, damit umzugehen. Daher hat man dieses Entlassungsverfahren privatisiert und dem Springer-Konzern übertragen. Und da das Gesetz keine Handhabe bietet, muß der gesamte Ablauf in einem Graubereich stattfinden. Uns stört das indes nicht, denn Springer arbeitet kostenlos und regelmäßig. Wir haben nur auszuharren und, auch das gehört zur deutschen Tradition, unseren Abgeordneten aufzubauen und über denjenigen Schuften zu wettert, der bei Springer solche Lügen verbreitet hat.
Die Position unseres Abgeordneten ist nicht für alle Zeit in Stein gemeißelt, auch wenn manche dieser Herrschaften genau das glauben. Wir leben doch in einer Demokratie, die wie ein weites Land voller unbegrenzter Möglichkeiten vor uns liegt. Und daher gibt es Institutionen, die man den Bürgern in die Hand drückt, um sich damit gegen Ungerechtigkeiten und Frechheiten aller Art zu wehren. Was können wir dafür, dass die Entlassungsinstitution keine staatliche ist, sondern eine niederträchtig-private Unternehmung?

Schlußwort: Ausgeburt satirischen Denkens oder wirklich umsetzbar?

Am Ende dieser Aneinanderreihung möglicher Verhaltensweisen, die man seinem Abgeordneten entgegenbringen kann, lohnt sich die Frage - oder drängt sie sich vielmehr auf -, ob denn so ein Verhalten im wirklichen Leben umsetzbar ist. Immerhin bedarf es einer übermäßigen Portion Chuzpe. Mehr als ein Normalsterblicher aus seinem Dasein herauszukratzen imstande ist. Schamesröte und Schüchternheit gehen mit dieser Art selbstbewußten Auftretens Hand in Hand. Freilich sind diese Nebenerscheinungen und Hemmnisse durchaus als Anzeichen einer jahrelangen Kleinhaltung des Wählers und Bürgers zu verstehen. Aber sie sind gleichermaßen dem menschlichen Charakter immanent und nicht einfach als Makel falscher Konditionierung anzusehen – wenngleich es hier Ausnahmen gibt, die keinerlei Schamgefühl, keine Schüchternheit und dergleichen kennen. Bleibt dies alles also Satire oder ist es in die Realität transportierbar?
Festzuhalten sei, dass der Terminus „Satire“ vom lateinischen „satura lanx“ („mit Früchten gefüllte Schale“) abstammt und im übertragenen Sinne soviel wie „bunt gemischtes Allerlei“ bedeutet. Als eine farbenfrohe Mischung allerlei Möglichkeiten möchte der Autor seinen Ratgeber verstanden wissen. Es kommt ihm nicht darauf an, ob man genau so vorgeht, ob man seinem Abgeordneten in der Art und Weise zusetzt, wie er es hier beschrieben hat. Es ist belanglos, ob man wortstark auftritt oder im Stillen penetrant in Erscheinung tritt. Gleichermaßen ist es vollkommen zweit- und drittrangig, ob man die Reihenfolge einhält oder immer von „seinem“ Abgeordneten spricht, um es dem betroffenen Volksvertreter begreiflich zu machen, wer ihn engagiert hat. Wichtig ist alleine nur, dass sich der Wähler bewußt wird, dass er das maßgebende Kriterium aller demokratischen Institutionen in diesem Lande ist. Wenn eine dieser Einrichtungen, die ja alle mehr oder minder demokratisch eingerichtet sind, dazu neigt, den Bürger auszuklammern, ihn zurückzustellen um Partikularinteressen vorzuziehen, dann hat die Einrichtung keine Berechtigung mehr. Der Autor dieses Ratgebers will damit sagen, dass alles was in diesem Staat passiert, immer und ausschließlich für die Belange der Menschen zu stehen hat. Und wenn ein Abgeordneter Nebenverdienste hat, die er zudem nur widerwillig offenlegt, wenn er glaubt, seine Position ist ihm aufgrund seiner Schönheit oder Klugheit in den Schoß gefallen, womit er keinerlei Verpflichtungen gegenüber denen hat, die ihm damals ihre sowieso schon kleine Teilhabe am politischen Diskurs – ihre Stimme also – gaben, dann muß den Bürgern klar werden, dass man dies mit ihnen nicht machen kann.
Wenn also nur einige Leser dieser Zeilen dazu animiert wurden, ihren Abgeordneten auch wirklich als den Ihren zu betrachten, ihn in Zukunft kritischer und vehementer in die Mangel zu nehmen, seine einstudierten Sprüche nicht mehr wortlos hinzunehmen, dann hat sich deren Niederschreiben gelohnt. Es muß uns allen immer bewußt sein, dass wir eine Person deswegen abgeordnet haben, damit sie sich um unsere Belange kümmern kann. Wir können ja nicht alle in Berlin hocken und abstimmen! Dies entspricht der demokratischen Grundidee: Weil nicht alle dort sein können, manche durch Lohnabhängigkeit und Familie verhindert sind, wählt man eine Person aus der Mitte der zu vertretenden Menschen, gibt ihr ein Gehalt, damit sie in der Zeit ihrer Abgeordnetenarbeit nicht verarmt und beauftragt sie - beschert ihr also ein Mandat (mandare = aus der Hand geben, beauftragen). Eigentlich, so war es einmal geplant, sollte so möglichst direkte Demokratie umgesetzt werden. Und daran sei immer erinnert, wenn unser frisch gestriegelter Abgeordneter vor uns tritt, um sich selbst zu beweihräuchern.
Eine Sensibilisierung der Bürger ist also Motiv. Und gleichzeitig eine Einsicht der Abgeordneten. Keine Einsicht, die dem einzelnen Delegierten erkennbar macht, dass er gefehlt, dass er sein Mandat für Fremdinteressen mißbraucht hat. So ein Maß an selbstloser Einsicht wollen wir nicht verlangen, zumal es unrealistisch wäre. Aber er soll dessen einsichtig werden, dass der Bürger wieder begriffen hat, um was es dieser Gesellschaft zu gehen hat. Um politische Teilhabe! Um penetrantes Einstehen für Bürgerrechte und soziale Ausgewogenheit! Um Mitwirkung in allen Fragen der Gesellschaft! Der Abgeordnete braucht Druck, er muß lernen, dass der Druck seiner Partei ein Kinderspiel ist im Vergleich zum Druck an seiner Basis, seiner Wählerschaft. Er ist ja immerhin nicht abgeordnet worden, um sich einen schönen Lenz zu machen und um mit den Kapitaleignern fein zu speisen. Das ist die Einsicht, die man seinem Mann im Parlament zukommen lassen muß.
L’Etat c’est moi! – Was dem ollen Louis zu Ehren gereichte, soll uns gerade gut genug sein. Man muß kein absolutistischer Herrscher sein, um das Absolut der Demokratie zu erkennen und hochzuhalten. Der Staat bin ich! Und Du! Wir alle! Wir müssen uns nicht fügen, nicht unterordnen denen, die den Staat als selbstlaufenden Mechanismus, als allesverschlingenden Leviathan umschreiben, um das Handeln der Machthabenden damit zu entschuldigen. Nein, der Staat ist jeder von uns. Und daher ist er kein Selbstläufer, den man nicht aufzuhalten imstande ist, den man nicht beeinflussen und in andere Richtungen zu lenken vermag. Wenn die Zeilen des Autors also belehren wollen – wenn er so dreist ist und sein Stück als Lehrstück an den Mann bringen möchte -, dann dahingehend, das Bewußtsein zu schüren, dass in jedem von uns, in jedem Wähler der Staat schlummert. Und nicht nur im Wähler, denn Kinder, die ja nicht wählen können, haben Interessen und ein Recht auf Umsetzung dieser Interessen; ausländische Mitbürger, die ja ebensowenig wählen dürfen, sind gleichermaßen Teil dieser Gesellschaft, sind am Staat teilhabend und müssen gehört werden – und nicht nur gehört, am besten lasse man sie ebenso zu Wählern werden! Nicht als Allmacht, sondern als Kooperation aller Bürger ist der Staat wahrzunehmen. Und dementsprechend sind wir der Staat – direkt und unmittelbar. Lassen wir uns also nicht auf das Abstellgleis gelegentlicher Wahlen schieben, sondern machen wir uns bewußt, dass alles, was unsere Vertreter gegen unseren Willen verabschieden, einem Angriff auf den Souverän gleichkommt. Einen Angriff auf uns Menschen innerhalb dieses Staates! „Wir sind das Volk!“, war zu wenig konkret, war offenbarend eine Verknappung dessen, was wirklich not tut. Denn ein Volk kann von einem entfesselten Staatsapparat verwaltet werden. Aber „Wir sind der Staat!“ ist eindeutig, enthebt uns der Lethargie des Verwaltetwerdens und macht uns zu mündigen Menschen, die eben nicht schweigen, wenn sie gegängelt und betrogen werden.

Dies soll also die Lehre sein, die dieser Ratgeber satirisch aufgreift. Eine Lehre, die eigentlich keine sein sollte. Eher eine Selbstverständlichkeit. Aber was ist in diesen Zeiten noch selbstverständlich?

Ende

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Journalismus in Leichenstarre

Donnerstag, 12. Juni 2008

Nach der unverzeihlichen Peinlichkeit, die sich der Stern einst, vor vielen Jahren, mit der Zelebrierung eines medial-sensationslüsternen Führerkultes und dem geplanten Aufbau eines Imperiums, in dem der Schriftsteller Hitler vermarktet werden sollte, kann man wohl kaum noch von einem aktuellen Niedergang dieses Magazins sprechen. Wo aber etwas niedergeht, war vormals etwas in der Höhe. Ein Magazin aber, welches jeglichen journalistischen Kodex von Ehrlichkeit, kritischer Recherche und objektiver Berichterstattung fallenläßt, um der nackten Sensationsgeilheit Raum zu verschaffen, kann keinerlei Höhen mehr für sich beanspruchen. Wenn in diesen Tagen der Stern danebengreift - derber danebengreift als üblicherweise -, dann ist es vorallem schmeichelhaft für die Redaktion, wenn Kritiker von einem aktuellen Niedergang dieses alterwürdigen Magazins sprechen. Ja, es muß den Stern-Machern ja geradezu wie ein Lob vorkommen, dass dieser Niedergang erst jetzt kenntlich wird - nicht schon vor Jahren bemerkt wurde.

Und so ist es unmöglich, das heutige Danebengreifen des Sterns als Anzeichen seines Niedergangs zu werten. Als Momentaufnahme deutschen Journalismus' kann man sein Tun aber dennoch betrachten. Der vielzitierte Niedergang des Stern ist vielmehr das Ausharren in Niveau- und Aussagelosigkeit des gesamten deutschen Journalismus'. Wenn also der heutige Stern über den Niedergang der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands berichtet, dabei einen Gesprächspartner seltsamster Art heranzieht und die üblichen, niederträchtigen Stimmungen schürt, dann beweist diese journalistische Leiche von 1983 nur, wie billig, oberflächlich und belanglos politische Berichterstattung veranstaltet werden kann, ohne dass die Leserschaft es als Anzeichen intellektueller Agonie bewertet. Der deutsche Journalismus kennt Tiefe, so ist es ja nicht. Freilich ist diese Tiefe weniger in der Recherche, im Stil oder im Inhalt der Berichte - also in Tiefgründigkeit - festzumachen, sondern vielmehr im Niveau auszumachen.

Ist die SPD zu retten? Und wenn ja: wie? Dazu befragt der Stern, man höre und staune, einen Werbe- und Vermarktungsexperten mit Namen Sebastian Turner. Angeblich eine Koryphäe seiner Branche, weil er für das Bundesland Baden-Württemberg ein originelles Werbesprüchlein ersonnen hat. "Wir können alles - außer Hochdeutsch!" - welch Innovation am Werbespruchhimmel!
Wir müssen auch gar nicht lange ins Interview hineinlesen, um zu erkennen, woher dieser Herr stammt. Obwohl diverse Demoskopen behaupten, dass die SPD nur noch 20 Prozent bei einer heutigen Bundestagswahl erlangen würde, glaubt Turner an die Partei. Argument: Die SPD ist als Produkt noch vermarktbar, weil der Marktanteil immer noch höher ist, als es sich ein Deohersteller vorstellen kann! Aha! Na dann... na dann ist ja eigentlich alles in Ordnung und mancher vertrottelte Sozialdemokrat hat sich da ernsthaft Sorgen gemacht! Und überhaupt: Wir haben es mit einem Produkt zu tun! Das wir uns da nichts vormachen! Ganz Verträumte meinten immer, es handele sich um eine politische Partei. Aber so darf man das heute nicht mehr sehen. Wir leben in Zeiten der Krämerseelen, die in allem ein Produkt wittern, das mit Adjektiven versehen werden muß, um es der Kundschaft schmackhaft zu machen. Es ist dabei auch vollkommen belanglos, ob die Eigenschaften, die man werbend herausputzt, zutreffen oder nicht. Man muß das Produkt an den Wähler anpassen. Ach was, Wähler! Kunde natürlich!
Mit Sozialismus, so Turner weiter, komme die SPD sowieso nicht weit. Wo er diesen erblickt, bleibt sein süßes Geheimnis und der Stern fragt auch nicht weiter nach, weil es ja unumstößliche Prämisse ist, dass die SPD unter Beck in den puren Kommunismus abgleite. Zwischendrin garniert der Werbefritze seine politischen Erkenntnisse mit den üblichen öffentlichen Vorwürfen gegen die LINKE, die ja ihren Sozialismus - auch da wird nicht beantwortet, wo er in den sozialdemokratischen Anflügen der LINKEN einen Sozialismus erkennt - nur aufbringt, um die Menschen einzulullen und sie dann zu enttäuschen. Letzterem mögen wir ihm natürlich beipflichten - dieses Mindestmaß an empirischer Erkenntnis müssen wir Turner schon zugestehen. Außerdem sei die LINKE gegen den EU-Vertrag und habe somit bewiesen, dass sie gegen das - Zitat - "Wohl des deutschen Industriearbeiters" stehe. Wo hat denn der Herr Werbefachmann solche Sprüche gelernt? Mit solch markigen Sentenzen haben schon ganz andere geworben! In welchen seltsamen Kategorien er denkt wird in jenem Moment offenbar, in dem er zukunftsweisend feststellt, dass sich eines Tages Historiker damit befassen würden, "inwiefern die Spaltung der politischen Linken das Ergebnis von zwei Männern auf Egotrip" sei. Als ob die Diskrepanz zwischen der LINKEN und der Sozialdemokratie auf einen Männerstreit zurückzuführen sei. So einfach kann man sich die Welt natürlich auch machen. Hauptsache es werden keine politischen Inhalte bemüht, um die Unterschiede beider Parteien kenntlich zu machen. Er weiß natürlich, dass man in dem Augenblick, in dem man die Inhalte der LINKEN aufgreift, diese von der Rolle des nationalen Teufels enthoben hat.
Nach allerlei Allgemeinplätzen und Werbeweisheiten gibt Turner bekannt, warum die SPD derart abgerutscht ist. Mit mehr Ideenreichtum in der Namensfindung von Reformpaketen, hätten die Sozialdemokraten womöglich keinen demoskopischen Untergang erleben müssen. Aber wenn man sein Paket "Agenda 2010" nennt, gebe man den Bürgern ja nichts von der SPD-Vision weiter, die ja in den Aktenordnern der Reformer schlummerten. Produkte nennt man doch nach Sehnsüchten der Kunden. Kein Waschmittelhersteller nennt sein Produkt nach der Farbe des Waschpulvers - "Aschgrau"! Nein, man weckt Sehnsüchte nach Reinheit und Weißheit - nach Weisheit nicht, sowas verkauft sich nicht - und nennt es den "Weißen Riesen"! Folgt man also der Turnerschen Einsicht, so hätte die SPD ihre sozialen Widerwärtigkeiten unter einem anderen Namen besser verkauft. Immer wieder nett anzusehen, wie herrlich eindimensional die Weltsicht diverser Herrschaften sein kann. Alle Kritiker, die der Partei vorwerfen, ihre Ideale verraten zu haben, täuschen sich! Es lag nur am Namen! Vielleicht wird man sich das eine Lehre sein lassen und die nächsten sozialen Schweinereien etwas lieblicher benennen: "Wir fühlen uns wohl"-Reformen 2020!"

Wie gesagt: Vom Niedergang kann nicht die Rede sein. Gemeinhin sterben Tote nicht nochmals. Aber es ist schon traurig, wenn man nachlesen muß, welch billiger Journalismus betrieben wird, um den Menschen vorzugaukeln, sie nähmen am politische Diskurs teil. Neil Postmans Medienanalyse von 1985 - "Wir amüsieren uns zu Tode" - ist aktuell wie damals. Aussagekraft, Mut gegen den Massenstrom zu schwimmen, deutliche Kritik, wohldurchdachte Gedanken: Das sind Vorstellungen, die mit dem heutigen Journalismus nicht mehr vereinbar sind. Da zaubert man lieber einen Werbetexter aus dem Hut, der die SPD mit seinen billigen Krämerweisheiten analysiert wissen will. Was soll denn da noch kommen? Ein Bäcker, der erklärt, wie man sich mit Mehl, Wasser und Eiern eine schwarz-gelbe Mehrheit backen kann? Ein Metzger, der beratschlagt, wie man den letzten arbeitsscheuen Schmarotzer verwurstet? Ein Erotiktherapeut, der aufzeigt, wie man mit zärtlichen Streicheleinheiten Merkel und Beck wieder zueinanderführt? Der Stern sollte sich jedenfalls vor diesen Vorschlägen nicht verstecken, denn tiefer geht es für ihn eh nicht mehr. Er hat nichts zu verlieren...

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In nuce

Dienstag, 10. Juni 2008

Nachdem bekannt wurde, was nicht hätte bekannt werden dürfen, nachdem Lidls krumme Touren an die Öffentlichkeit gelangten, war der Aufschrei riesengroß. Die Empörung manifestierte sich in einem neuen Kundenbewußtsein, welches den Menschen begreifbar machte, dass der Kunde die Wahl hätte, sich solcher Ausbeuter erwehren kann. Man müsse schließlich nicht bei Lidl kaufen, könne einen anderen Discounter wählen. Bereits vor Wochen wurde aber faßbar, dass dies eine romantische Vorstellung von Kundenmacht ist, wie wir sie in der Realität nicht mehr antreffen können. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn Lidl mit einem Umsatzplus von mehr als 20 Prozent aus seiner misslichen Lage heraustritt. Freilich heißt es, dass die höheren Preise den Umsatz hinauftrieben. Aber wahr ist auch: Hätte es einen ernsthaften Boykott gegeben, oder konkreter: hätte es die Voraussetzungen gegeben, einen solchen Boykott durchzuführen, ohne gleichzeitig einen anderen Ausbeuter in die Händen - und Taschen - zu spielen, so wäre ein Umsatzplus Lidls nicht machbar gewesen.
Man kann den Kunden gar keinen Vorwurf machen. Viele Menschen sind froh, wenn sie von ihrem kleinen Geld möglichst günstig Lebensmittel und Haushaltswaren einkaufen können. So bleibt ihnen nur die Möglichkeit, einen Lidl-Boykott zugunsten eines anderen Discounters zu führen. Soll der Kunde also seine Haushaltsartikel nicht mehr bei Lidl, sondern bei Schlecker kaufen, welcher seit Jahren für die Drangsalierung seiner Mitarbeiter bekannt ist? Oder Lebensmittel bei Aldi beziehen? Jenes Unternehmen, welches in ebensolcher Weise auffällig wurde?
Was aber in diesem Falle bleibt ist ein bitterer Nachgeschmack, ein trüb-kafkaeskes Empfinden. Der Kunde ist eben nicht König, kann jene, die sich als seine Untertanen anbiedern eben nicht frei wählen, bzw. kann lediglich eine freie Wahl zwischen gleichen Möglichkeiten tätigen, aber entkommt seinem Schicksal, sich zum Handlanger ausbeuterischer Methoden zu machen, nicht. Im Gegenteil: Er wird mehr und mehr zur Kooperation gezwungen, zum Objekt einer menschenfeindlichen Unternehmenskultur geformt...

Letzte Woche war es mal wieder so weit. Die BILD gegen Lafontaine und die LINKE! Ressortübergreifend wurde erneut eine Einheitsfront gebildet, um den Frechheiten Lafontaines Einhalt zu gebieten. Freilich fehlte auch Wagner nicht, der Lafontaine einen teuflischen Geistreichler und ein Vollblut nannte, sich wahrscheinlich dabei auf die Brust schlagend und sich selbst lobend, es diesem Neo-Kommunisten damit so richtig gegeben zu haben. Aber über das Stimmtisch-Halbblut - ich bin mir nicht sicher, bei dem was ich da oft lesen muß, ob da nur Blut im Kreislauf ist - wollen wir kein weiteres Wort verlieren. Viel interessanter ist da die Verfahrensweise Müller-Voggs, Lafontaines Auftritt bei "Anne Will" ins rechte Licht - das ist durchaus doppeldeutig gemeint - zu setzen. „Etwas bleibt immer hängen.“ Nach diesem Rezept handelt Oskar Lafontaine , der Chef der „Linken“. Angela Merkel , so seine Behauptung, „durfte in Moskau studieren. Das waren nur Linientreue.“ - Und dabei hat Lafontaine nur gesagt, dass sie durfte, nicht dass hat! Aber was kümmert es einen Müller-Vogg oder die BILD-Zeitung? Als ginge es um Wahrheit! Und damit das BILD-Bild abgerundet wirkte, mußte auch Nicolaus Fest noch nachlegen und DIE ZEIT bekritteln, weil sie sich erdreistete, ein gutes Haar an Gysi zu lassen. Mir scheint fast, in der BILD-Redaktion werden an solchen Anti-LINKE-Tagen wahre Wettbewerbe ausgefochten, wer denn bösartiger und vehementer gen "Kommunismus" schießen kann...
Was aber von den Massenmedien überspielt wurde, mit keiner Silbe Erwähnung fand, obwohl man gleichzeitig Gregor Gysi eines Verdachts wegen aburteilte, bleibt die Meldung des Schweizmagazins: "Die Deutsche Kanzlerin soll als Stasi-Mitarbeiterin an Bespitzelungen des ehemaligen DDR-Regimekritikers Robert Havemanns, im Jahr 1980 teilgenommen haben." - In diesem Falle fühlt sich die BILD nicht dazu animiert, sich nicht zuständig, es zu entkräften. Denn: Was nicht in der Zeitung steht, findet ja auch nicht statt! Für den deutschen Zeitungsleser findet somit eine mögliche Stasi-Mitarbeit der Merkel und eine offene Diskussion darüber nicht statt...

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Anne Will hat sich noch immer nicht entschuldigt!

Montag, 9. Juni 2008

Anne Will hat sich also entschuldigt, beugte sich dem Druck der öffentlichen Entrüstung. Will: "Wir haben die Verschuldung des Stadtstaates Berlin fehlerhaft dargestellt. Wir bedauern diesen Fehler und wollten dies natürlich gerne noch einmal klarstellen." - Den Berliner CDU-Fraktionsvorsitzenden Pflüger wird es freuen. Mit aller Macht strebte er ins Rampenlicht und nun wurde diese mediale Geltungssucht auch noch mit einem Erfölgchen belohnt. Um welche Fehler es genau ging, hat wohl für die Mehrheit der Zuschauer keine Rolle gespielt, war nur ein Beiwerk im ewigen Widerstreit der Parteien. Ein Streit, der stattfinden muß, damit das Wahlvolk ernsthaft glauben kann, in einem Land der Wahlmöglichkeiten zu leben. Dass sich alle Parteien den gleichen Vorstellungen markttreuen Vasallentums unterwerfen, diese Vorstellungen auch konkret in Parteiprogramme und - schlimmer noch - in die Gesetzgebung des Landes einbinden, soll mit solchem Parteigeplänkel unkenntlich gemacht werden. Aber unterlassen wir dies, denn von Interesse soll für uns nur sein, dass Anne Will reuig zu Kreuze kroch, des Pflügers medialen Amoklauf angstvoll zu dessen Ziel führte und damit - ob bewußt oder unbewußt - wieder einmal bewiesen hat, dass die Belange anderer, nämlich von der Gesellschaft ausgeschlossener Personen, keinerlei Widerhall in den Aufnahmestudios und den dazugehörigen Büros finden.

Warum? - Wills Fehlinformation zur Berliner Staatsverschuldung entsprang der Sendung vom 1. Juni 2008, doch eine Woche zuvor, in der Sendung vom 25. Mai 2008, wurde ein Fehler größerer Tragweite getätigt und der Protest, der sich übrigens nur leise und meist in Form diverser Weblogs äußerte, einfach weggefegt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Unter dem bezeichnenden Sendethema "Hungern muß hier keiner - Ein Land redet sich arm" (Man beachte: Hier wird nicht mal eine Frage gestellt, sondern sofort eine Behauptung zementiert!) wurde in bekannter Manier gegen Bezieher des Arbeitslosengeldes 2 gehetzt. Besonders menschenverachtend und aggressiv zeigte sich ein Gast der feinen Runde. Auftritt Rita Knobel-Ulrich: "Hartz IV alimentiert die Menschen ganz gut. Vater, Mutter und zwei Kinder bekommen 345 Euro pro Erwachsenen, 247 Euro pro Kind, plus Wohngeld, plus Heizung, plus Strom, plus Krankenversicherung. Das sind circa 2000 Euro im Monat. Das muss man erst mal verdienen! Ein Mann, der vielleicht der einzige Verdiener ist, der im Kindergarten den höchsten Satz zahlt, weil man sagt 'Du hast ja Arbeit', der jeden Tag sieht, dass seine Tankfüllung teurer wird, dem nicht angeboten wird, dass er ein Sozialticket für die U-Bahn bekommt, der muss mit diesen 2000 Euro ganz schön haushalten." - Man kann kaum in einem Satz abhandeln, was an diesen wenigen Zeilen gelogen, verdreht und manipuliert wurde. Wir versuchen es, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Zunächst erhält ein verheirateter Erwachsener keine 345 Euro - sie meinte zudem wohl 347 Euro, schon da wird meßbar, wie hier recherchiert wurde -, sondern 312 Euro. Die Regelsätze für Kinder betragen: 208 Euro für Kinder bis 13 Jahre; 278 Euro für Kinder ab 14 Jahre - woher ihre Zahlen zu den Regelsätzen bei Kindern stammen, bleibt rätselhaft. In den erstatteten Heizkosten sind nicht die Kosten für Warmwasserbereitung enthalten, denn diese sind bereits im Regelsatz mitgerechnet. Strom wird nicht erstattet, ist vom Regelsatz selbst zu bezahlen. Zudem, und dies hat Knobel-Ulrich gekonnt überspielt, wird das Kindergeld komplett angerechnet. Diese Frau spricht in voller Ernsthaftigkeit von 2000 Euro, die eine vierköpfige Familie im Monat bekäme. Dazu sei angemerkt, dass eine achtköpfige Familie (Eltern, vier Kinder bis 13 Jahre, zwei Kinder ab 14 Jahre) knapp über 2000 Euro erhält. Natürlich ist da noch die Unterkunft anzurechnen, aber dennoch zeigt dieser Vergleich auf, welche Zahlen der Wahrheit, welche der Knobel-Ulrichschen Phantasie entspringen und in welchen Relationen hier geschwindelt wird.
Eine Entschuldigung Wills blieb aber aus! Obwohl man durchaus von einer größeren Tragweite sprechen kann. Es ist tatsächlich schlimmer, wenn man die Lebenssituation von denen, die es sowieso schon schwer haben, wie eine paradiesische Insel innerhalb der Gesellschaft interpretiert, um Ressentiments zu schüren, als das Parteiengeplänkel um die Berliner Staatsverschuldung falsch darzustellen. Und wenn man die "Berichterstattung" zum Sozialthema so gestaltet, dass man damit Stimmung erzeugt, die Bezieher von Arbeitslosen 2 brandmarkt und vorverurteilt, dann ist es nicht nur von größerer Tragweite, sondern schlicht unethisch und - man verzeihe mir - kriminell. Zur Volksverhetzung ist es da nicht mehr weit, wenn sie nicht gar schon erreicht ist.

Nun könnte man freilich festhalten, dass es nicht Anne Will selbst war, die in besagter Sendung Fehlinformationen verkündet hat. Immerhin sprach Rita Knobel Ulrich in dieser fehlerhaften und ressentimentschürenden Weise. Dem ist aber entgegenzusetzen, dass man davon ausgehen darf, dass die verlesenen Zahlen zum Berliner Staatshaushalt sicher ebensowenig von Will selbst recherchiert wurden, sondern von einem oder mehreren Mitarbeitern der Redaktion der Sendung. Wenn sie sich also für die falsche Recherche ihrer Mitarbeiter entschuldigt - und sie entschuldigte sich ja gestern nicht für sich selbst, sondern sprach von einem Wir -, warum dann nicht ebenso für falsche Recherche eines Gastes? Außerdem hätte eine kluge und redegewandte Journalistin - als die sich Anne Will ja selbst sieht - spielend die Zahlen Knobel-Ulrichs widerlegen können, ohne stundenlanger Recherche im Vorfeld. Die Zahlen sind für jene, die sich damit befassen - und ich gehe optimistisch davon aus, dass sich jemand, der eine solche Sendung leitet, viel und oft damit befaßt -, durchaus bekannt und hätten eigentlich sofort zum Widerspruch animieren müssen. Anne Will hätte sich also durchaus dafür entschuldigen können, dass sie ihrer Rolle als Moderatorin und Journalistin an diesem 25. Mai nicht gerecht wurde, da sie nicht eingeschritten sei und damit den Eindruck erweckt habe, nichts gegen Stimmungsmache gegen Erwerbslose zu haben. Außerdem, man möge die naiven Ansicht verzeihen, hat jemand, dessen Sendung seinen eigenen Namen trägt, für alles Gesagte und Getane innerhalb dieser, die Verantwortung zu übernehmen. Die Blogger dieser Erde wissen ein Lied davon zu singen. Sie tragen für jeden Kommentar, den sie auf ihrer Seite zulassen, die Verantwortung, werden sogar dafür gerichtlich belangt, sofern das Geschriebene eines Fremden gegen ein Gesetz verstößt.

Wird sie sich beugen? Wird sie sich in der nächsten Sendung für das dreiste Auftreten Knobel-Ulrichs entschuldigen? Das Ansehen von Millionen von Erwerbslosen damit ein wenig geraderücken und wiederherstellen? - Man darf befürchten, dass sich der Springer-Konzern nicht in jener Weise stark machen wird, wie im Falle der falschen Darstellung der Berliner Staatsverschuldung. Außerdem verfügt die Masse der Erwerbslosen, die mehr und mehr einer Pogromstimmung ausgesetzt wird, nicht über einen bissigen Kettenhund, wie die Berliner CDU. Würde nur eines der bedeutenden Magazine dieses Landes, würde sich gar die BILD dafür einsetzen, wir würden am Sonntag eine devote Will erleben, wie sie sich beugt vor dem Druck der Printmedien, wie sie sich windet vor dem Angesicht der Erwerbslosigkeit, wie sie ihre unterlassene Intervention entschuldigt! Aber so, alleine mit der Wahrheit und dem Mut der ethischen Entrüstung, ist von Anne Will keine Entschuldigung zu erwarten. Und was würde es auch nützen, wenn in einer der nächsten Sendungen jemand wie Clement, der von Parasiten sprach und spricht, oder Oswald Metzger, der von kohlenhydratfressenden Alkoholikern fabulierte, auftritt?

Nein, Anne Will hat sich am Sonntag nicht entschuldigt, sondern nur dem Druck der Medien gebeugt. Und selbst wenn ihr nur ein Funken aufrichtigen Entschuldigens innewohnte, so hat sie sich doch nur bei einer kleinen Elite der Berliner CDU entschuldigt. Millionen von Erwerbslosen aber, nachgerade auch viele Millionen Aufstocker, blieben aber geschmäht und falsch dargestellt. Da saß sie diplomatisch-staatsmännisch in ihrem Stuhl, richtet ihr Wort an die Zuseher und entschuldigt sich bei einer auserwählten Elite. Millionen aber bleiben mundtot gemacht am Rande stehen. Millionen Erwerbslose, die durchaus auch Zuschauer ihrer Sendung sind. Und diese Dame entschuldigt sich bei einem erlesenen Kreis Berliner Politiker! Und tut dann auch noch so, als entschuldige sie sich beim geliebten Publikum. So weit sind wir also schon...

Nochmals: Anne Will hat sich nicht entschuldigt. Die Entschuldigung steht noch aus!

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Sit venia verbo

Samstag, 7. Juni 2008

„Ich muss wirklich lachen, wenn ich das FBI über Al Qaida als Organisation von Bin Laden reden höre. Es ist eine ganz simple Geschichte: Wenn Bin Laden Leute aus Saudi-Arabien oder Kuwait empfing, tat er dies im Gästehaus in Peschawar. Von dort zogen sie auf die Schlachtfelder und kehrten zurück, ohne Dokumentation... Dann wurde er bedrängt von besorgten Familien, die nach ihren Söhnen fragten – und er wusste es nicht, weil es keine Aufzeichnungen gab. Also ließ er seine Leute in Peschawar Listen über jeden Araber führen, der unter seine Schirmherrschaft kam. Es wurde der Ankunftstag aufgezeichnet, und wie lange sie blieben – manche nur für zwei oder drei Wochen, um dann wieder zu verschwinden. Diese Aufzeichnungen, diese Dokumentation, wurde Al Qaida genannt. Das ist Al Qaida, überhaupt nichts Geheimnisvolles, keine Organisation wie eine Terrororganisation oder eine Untergrundgruppe. Für seine eigene Gruppe hat er meines Wissens nie diesen Namen benutzt. ... Al Qaida ist nur die Liste all der Leute, die irgendwann in das Gästehaus in Peschawar kamen.“
- Saad al Faghi, in den Achtzigerjahren Arzt in Afghanistan, entnommen dem Buch von Jürgen Elsässer "Wie der Dschihad nach Europa kam" -

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Mein Abgeordneter - Teil 4

Fortsetzung vom 1. Juni 2008
Teil 2 vom 29. Mai 2008
Teil 1 vom 28. Mai 2008

Schritt 4: Der mündige Bürger hat mehr Eigeninitiative zu zeigen!


Das alles war bisher ganz nett anzusehen. Sicher hatten wir unsere Freude an seinem genervten Auftreten, seinen manchmal verständnislos wirkenden Gesichtszügen. Aber da man den Bürgern unserer Gesellschaft immer wieder eintrichtert, dass Stillstand ein stillschweigender Rückschritt ist, wollen wir uns also gar nicht erst ausruhen. Der Fortschritt unseres politischen Engagements und das Wachstum seiner Not sind unsere nächsten Ziele. Es sei nochmals daran erinnert, dass wir ihm nichts Schlechtes wollen. Freilich liest es sich nicht freundschaftlich, wenn wir seine Not anwachsen lassen wollen, aber wir tun das alles im Sinne politischer Mündigmachung unseres Delegierten. Wir wollen nur sein Bestes, auf keinen Fall – so wie es böse Zungen verkünden – wollen wir ihm nachstellen oder ihm auf Raten an den Kragen. Sowas müssen wir uns auch nicht nachsagen lassen, nur weil wir uns intensiv mit unserem Mann im Parlament auseinandersetzen.
Nun wird es aber höchste Zeit, uns über das Abstimmverhalten unseres Mannes, aber auch über seine An- und Abwesenheitszeiten im Parlament, zu informieren. Das Internet bietet dort vielfältige Informationsmöglichkeiten, die wir als mündiger Bürger auch nutzen werden. Auf keinen Fall werden wir Abwesenheiten wortlos hinnehmen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine wichtige Abstimmung oder um eine Formalie handelt. Immerhin wollen wir an allen Entscheidungen in diesem Lande teilhaben. Wie aber soll das gehen, wenn unser Mann nicht vor Ort ist? Doch wir schelten ihn nicht, sondern nutzen den Zaunpfahl: „Waren Sie krank?“ Verneint er das, so werden wir ihm einen verständnislosen Blick zuwerfen. Nach einer Weile bieten wir an, ihn zukünftig in Hohen Haus zu vertreten, wenn er verhindert sein sollte. Schließlich sei es doch nur eine Unwesentlichkeit, ob nun die Vertretung dort ihr Mandat erfüllt oder die Hauptperson selbst erscheint. Da es uns an Zeit mangelt, haben wir einen Vertreter gewählt. Wenn nun dieser keine Zeit hat, werden wir in jenem Moment nicht angehört. Gleichfalls lassen wir sein Abstimmverhalten nicht kritiklos über die Bühne wandern. Sollte es – wie es nicht selten vorkam in den letzten Jahren – so sein, dass die meisten Menschen eine Reform oder ein Gesetz nicht wollen, weil sie es vielleicht als Spionageakt gegenüber ihrem Privatleben, als Existenzvernichtung oder gar als blanke Dummheit ansehen, und unser Mann an der Quelle stimmt trotzdem dafür, sollten wir ihn festnageln und mit sokratisch-naiven Fragen traktieren. Nein, wir wollen ihm nicht drohen. Wir wollen ihn nur verstehen.
Da es uns alle verärgerte, als die Mehrzahl der Abgeordneten Bespitzelungsattacken gewährt hat, sollten wir diesen Herrschaften aufzeigen, wie sehr wir diese Schnüffelei verachten. Wenn also unser ehrenwerter Mann wider Erwarten Gegenstand einer Klatschkolumne werden sollte, weil er seine Gattin betrogen hat, ein gleichgeschlechtliches Sexualleben führt oder perverse Kopulationspraktiken mit Honigmelonen ausübt, verfallen wir nicht ins Moralisieren und Schelten seiner Person, sondern halten die ganze Prozedur des Breittretens seiner Privatheit für unmoralisch. Dennoch verbitten wir uns, dass er seine von uns verliehene Aufgabe, die er ja nicht gratis, oft aber umsonst tut, mit solchen Nebensächlichkeiten vernachlässigt. Gleichermaßen verbitten wir uns, dass er unseren guten Namen als unbescholtenen Bürger und folglich Wähler, durch seine privaten Eskapädchen in Verruf bringt. Zuweilen ist auch er von unseren Eskapaden erschüttert, wenn er uns beispielsweise unterstellt, täglich mehrere Stunden mit Biertrinken und Kohlenhydratessen zu vertrödeln. Auch er wettert dann, fühlt sich in Verruf gebracht, weil seine Schäfchen verfehlen. Tun wir es ihm gleich!

Fortsetzung folgt...

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De dicto

Donnerstag, 5. Juni 2008

"Diese Fotomontage ist ein einziger Skandal, absulut unterirdisch. Ich hoffe, dass die polnische Regierung angemessen darauf reagiert."
- Diverse Medien, Peter Danckert am 5. Juni 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Groß ist der Aufschrei nach der Fotomontage der polnischen Zeitung "Super Express". Da wurde Polens Nationaltrainer Beenhakker als Henker dargestellt, der die abgetrennten Köpfe von Ballack und Löw durch die Gegend trägt. "Leo, bring uns ihre Köpfe", titelt es darüber. Es ist durchaus legitim, wenn man so eine Abbildung für geschmacklos hält und darüber seinen Unmut bekundet. Soweit kann man Danckert und denen, die vom Stammtisch aus gen Osten wettern noch zustimmen. Doch werden solcherlei Ausuferungen hierzulande gerne einseitig betrachtet und ähnliche Fälle "aus dem eigenen Nest" ignoriert.

Ausuferungen, die der polnischen Guillotine in nichts nachstehen, gab es am Wochenende. Diesmal diesseits der Oder. Und wo sonst, wenn nicht in der BILD? In großen Lettern motzt sie: "Zu viele Deutsche im Hotel - Brite kriegt Schadensersatz!" Und dann leitet man den faden Artikel, indem man die Briten so anspricht, wie einst der Landser: "Liebe Tommies,..."! Was dann folgt ist eine erlogene Geschichte, in der man die Wahrheit extrem dehnt und so zurechtrückt, dass das Skandälchen geboren ist: Einem Briten wurde demnach von einem Gericht Schadensersatz zugesprochen, weil in seinem Urlaubshotel zuviele deutsche Touristen wohnten. Richtig hätte man diesen banalen und wenig berichtenswerten Fall mit kurzen Worten so erklärt: Eine britische Familie buchte einen Urlaub in Griechenland. Im Reiseprospekt wurde mit Angeboten geworben, die die Touristen vor Ort besuchen könnten. Dumm nur, dass der Reiseveranstalter nicht in sein Prospekt schrieb, dass diese Angebote vornehmlich in deutscher Sprache stattfinden, weil die Mehrzahl aller Touristen dort eben Deutsche sind. Dagegen, dass diese Information vorenthalten wurde, klagte die britische Familie und bekam vor Gericht recht. Ein Fall, wie er sich hierzulande tausendfach finden läßt.

Doch die BILD-Zeitung stellt den Fall anders dar und legt nach mit einer wahren Kanonade von Ausuferungen, wie sie sich keine Tageszeitung leisten dürfte, die sich ernsthaftem Journalismus verschrieben hätte. Aber wenn man die Volksseele zu Kochen bringen will, dann ist bekanntermaßen alles erlaubt. Dort heißt es unter anderem: "Knallrotes Gesicht, wabblig-weiße Bierbäuche, raspelkurze Haare - der britische Standardtourist ist meilenweit zu erkennen und wahrlich kein schöner Anblick." Oder: "Saufen, grölen, pöbeln - wer das Pech hat, in einer britischen Urlaubshochburg zu landen, wähnt sich schnell in der Hölle." Eingeleitet werden diese Frechheiten folgendermaßen: "Liebe Briten, listen carefully: Wir Deutschen erklären euch jetzt mal, warum wir nicht nur Schadenersatz, sondern sogar Schmerzensgeld verdient haben, wenn wir die kostbarste Zeit des Jahres ausgerechnet mit euch teilen müssen." Nachher ergießt sich BILD auch noch in den ewigen Klischees um den Fußball. Spottet nach einer Reihe von unangebrachten Beleidigungen der Nicht-Teilnahme der Engländer bei der Europameisterschaft. Wenn man sich nun vorstellt, dass diese Ausuferungen zudem auf einer Lüge der BILD gründen, muß man sich wirklich an den Kopf fassen und sich dabei fragen, wie flach man eigentlich vorgehen muß, um die Volksseele pünktlich zur Europameisterschaft hochkochen zu lassen. Hätte Danckert, auch gerade nachdem die BILD die EM bemühte, um gegen England zu stänkern, nicht ebenso eingreifen und von "unterirdischen Skandalen" sprechen sollen? Seine Funktion als Vorsitzender des Bundestags-Sportausschusses hätte dies sicherlich gerechtfertigt. Wobei unsere Funktion als Mensch, dem ein Mindestmaß an Vernunft innewohnen sollte, schon ausgereicht hätte, um die Unverschämtheiten aus dem Hause Springer anmahnen zu müssen. Dazu muß man keine funktionslose Funktion haben, wie Danckert sie auf seinem Briefkopf stehen hat.

Bevor ich es vergesse: Der Zufall wollte es, dass ich heute zwei Beiträge verfaßt habe, die direkt oder indirekt mit der Welt des Fußballs zu tun haben. Ich lege aber größten Wert darauf zu erwähnen, dass mir die Europameisterschaft keinerlei Interesse abringen kann. Die Aufstachelungen und das Schwenken nationaler Lumpen in allerlei Staatsfarben, liegt mir wenig am Herzen. Außerdem lebe ich weniger in Deutschland als in Ingolstadt. Daher ist mir die deutsche Nationalelf gelinde gesagt gleichgültig, während ich doch noch ein Auge auf den örtlichen Verein werfe.

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Der Preis der Zweitklassigkeit

Die kommende Fußball-Saison wird meiner Heimatstadt Zweitligafußball bescheren. Am vergangenen Samstag war der Aufstieg vollbracht. Nach 27 Jahren der Dritt-, Viert- und Fünftklassigkeit, wird erstmals wieder ein Ingolstädter Klub im bundesweiten Fußballgeschehen mitmischen. Nach der Fusion 2004, die aus den beiden Urgesteinen - den MTV Ingolstadt und den ESV Ingolstadt - eine gemeinsame Fußballabteilung formte, ist dies sicherlich ein schneller, in Ingolstadt vorher kaum vorstellbarer Erfolg. Und tatsächlich äußerte sich dieses überraschende Abschneiden, das sicherlich auch mit der Verpflichtung von Trainer und Ex-Bayernprofi Thorsten Fink zu tun hat, in einem ausverkauften Stadion und - für Ingolstädter Verhältnisse - in einer grenzenlos euphorischen Stimmung. Doch obwohl auch ich am letzten Samstag im Stadion miterlebt habe, was ich mir als kleiner Junge und später als Jugendlicher immer erwünschte, mir aber gleichzeitig nicht vorstellen konnte - dass es nämlich in meiner Heimatstadt eines Tages bundesweit beachteten Profifußball gäbe -, wird meine Freude überschattet.

Dieser Schatten macht sich an einer Person fest - Peter Jackwerth. Diesem Mitglied des Aufsichtsrates, der seit geraumer Zeit der potente Geldgeber und damit Vater des Ingolstädter Fußballerfolges ist, wird der Aufstieg gutgeschrieben. Weil er gab, gab es Erfolg - so die einfache Schlußfolgerung, die nicht einmal falsch sein wird. Jackwerth gründete 1992 sein Unternehmen TUJA, welches er im Juni 2007 für 800 Millionen Euro an Adecco weiterreichte. TUJA beschäftigt 7000 Mitarbeiter in Deutschland und erzielte im Jahr 2006 einen Umsatz von 650 Millionen Euro. Der vollständige Name von Jackwerths mittlerweile ehemaligem Unternehmen verrät die Branche: TUJA Zeitarbeit GmbH. Freilich versteht es sich von selbst, dass die "Lichtgestalt des Ingolstädter Fußballs" auch seines Zeitarbeitsprojektes gelobt wurde. Immerhin schuf er Arbeitsplätze! Welche das genau sind, spielt für die Öffentlichkeit keine Rolle. Kein Wort über die Hungerlöhne, die er noch als großzügiges Geschenk an seine Angestellten proklamiert; auch kein Wort darüber, wie Menschen heute hier und morgen dort eingesetzt werden, wie es gerade beliebt; ebensowenig darüber, dass es Fälle gibt, in denen Arbeitnehmer aus sogenannten Normalarbeitsverträgen entlassen wurden, um danach bei einem Unternehmen wie TUJA angestellt zu werden, damit man die vorher getätigte Arbeit für weniger Geld vollbringt - nicht selten für 50 Prozent weniger Lohn! Es interessiert die Öffentlichkeit schlicht nicht, ob solche Arbeitsverhältnisse den Menschen nihilieren, weil der Entleiher keinerlei Verantwortungs- und Fürsorgepflichten mehr übernehmen muß und den Arbeitenden damit zu einem Produkt, nämlich zu einem bloßen Träger von Arbeitskraft, degradiert. Und ebensowenig, vielleicht noch weniger, interessiert es sie, ob man von einem solchen Auswuchs zeitgemäßer Sklaverei satt wird, menschliche Bedürfnisse befriedigen kann. Sie will nur sehen, dass es Arbeitsplätze gibt, die es ohne diesen Parasiten, der sich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer schob, angeblich nicht gäbe. Schafft er denn Arbeit? Oder schafft er sich nur eine Nische, in der er für die Arbeit anderer Menschen mitkassiert?

Dies also ist das verherrlichte Räuberbaronat des Ingolstädter Helden. Und noch in jenem Moment, da ich die heimatlichen Freuden eines Kindes seiner Stadt genoß, nach Pilgerschaft zur Stätte des Aufstiegs jubelierte, den Messias selbst auf dem Spielfeld Weißbier verschütten sah, erschlug mich die Gewißheit, mich mit meiner Ausgelassenheit schuldig gemacht zu haben. Ich sah jene, die im relativen Elend ihrer schlecht bezahlten Arbeitsgelegenheit schwitzen, die sich von den Machenschaften der TUJA-Disponenten dransaliert wissen. Womöglich hat der Eintritt ins Stadion mehr gekostet, als eine dieser zur puren Arbeitskraft verwandelten Personen in einer Stunde überhaupt verdient. Meinem Jubel wohnte Selbstkritik inne und es belastete mich auch in den Folgetagen nicht schlecht. Natürlich war ich nicht so blind, vereinzelte TUJA-Banden und Werbeplakate innerhalb des Stadiongeländes nicht zu sehen. Und überhaupt war ich sicherlich nicht naiv genug, um zu glauben, großer Sport - oder das, was uns als das verkauft wird - könne aus der Kaffeekasse bezahlt und von ethisch reinen Charakteren gelenkt werden. Freilich war es die Euphorie, die mich unkritisch werden ließ. Gleichzeitig aber auch die Erfahrung und "fußballspezifische Ingolstädter Konditionierung", die mich dahingehend prägte, im FC Ingolstadt immer noch den beschaulichen, provinziellen Landesligaverein zu erblicken, an dessen Stadioneingang einst ein einsamer Kassenwart saß, der womöglich in jüngeren Tagen seines Lebens mehr Geliebte und Gespielinnen besessen hat, als er an manchen Spieltagen Zuschauer bedienen mußte. Aber bewußt ist mir auch, bei aller Freude, die ich an meinem Heimatverein festmachen muß, dass Bundesliga-Fußball nur mit Geld betrieben werden kann. Vorbei die Zeiten, in denen ein Volker Finke eine Jugendmannschaft wie den damaligen SC Freiburg in die Bundesliga führt, um dort auch noch einen dritten Platz zu belegen. Heute sind die Hoffenheims in Mode!

Ich wollte schneller zum Punkt kommen, flotter formulieren, welcher Zwiespalt in mir herrscht. Doch plagen mich hierzu zu viele Gedanken, die mich auf das zurückwerfen, was ich vor Wochen bereits schrieb. So wie der entrüstete Lidl-Kunde meinte, er würde durch Boykott und das Verlagern seines Einkaufs zu Edeka, Aldi oder wem auch immer, aufzeigen können, dass er in seiner Stellung als Kunde Wahlmöglichkeiten hat - also durchaus König ist, wie man ihm das gerne unter die Nase reibt -, so muß ich erkennen, dass man dem Kommerz und den Räuberbaronen gar nicht entkommen kann. Wir sind in eine Welt hineingeworfen, in der wir - ob als Kunden oder Angestellte, ob als Eltern oder Lehrer, ob als Regionalpatrioten oder Kosmopoliten, ob als Freund des Sports oder als trockener Geschäftsmann - immer ein verdecktes, unterschwelliges, nicht bekanntes, nicht faßbares, nicht wissendes und manchmal nicht zu wissen wollendes Verbrechen begehen. Wir sind verstrickt in die Machenschaften dieser Herrschaften, egal ob wir auf dem Weg zur Arbeit sind, im Supermarkt einkaufen oder auch nur in ein Fußballstadion marschieren. Einmal beuten wir Menschen in den Entwicklungsländern aus, morden vielleicht sogar indirekt, um zwei Stunden später unseren Nachbarn, der bei einem Zeitarbeitsparasiten schuftet, vor den Kopf zu stoßen. Und die Perversität dessen, was wir mit Adorno als das "schlecht Gegebene" bezeichnen sollten, wird erst daran meßbar, wenn dieser Nachbar es noch nicht einmal begreift, dass der Besuch eines TUJA-gesponsorten Vereins eine Brüskierung und Herabwürdigung seines Menschseins ist. Dass mit der Zelebrierung des generösen Sponsors, der durch sportlichen Erfolg zum Heiligen ernannt wurde und einen Altar gebaut bekommt, eine Verschwendung seines erwirtschafteten Gewinns - dasjenige also, was sich die Jackwerths dieser Welt einstecken, wenn andere für sie produzieren und dienstleisten - und eine Schmähung derer ist, die Tag für Tag für eine solche Kapitalismus-Kreatur schwitzen und bluten. Vielmehr hofft der durch Hungerlohn Gepeinigte noch, dass möglichst viele Menschen erscheinen, die seinem Brotgeber Jackwerth neben der Bestätigung auch noch eine vollere Brieftasche bescheren, von der sie wiederum hoffen, Standortsicherheit und Nachhaltigkeit ableiten zu können. Getreu dem irrsinnigen Motto: Wenn es den Jackwerths gut geht, geht es auch mir gut! - Eine Perversität der Massengesellschaft, die sich als absoluten Punkt die Profitgier gesetzt hat. Dies führt so weit, dass am Ende geglaubt wird, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Kapitaleigner und die von ihnen angestellten an einem gemeinsamen Strick zögen, auf ein gemeinsames und über jeden Zweifel erhabenes Ziel hinarbeiten. Partikularinteressen werden verschwunden gemacht, aus jeglicher Diskussion verbannt und in das angeblich längst vergangene Zeitalter sozialromantischen Klassenkampfes verlegt. Die Gesellschaft kommt als Vereinigung hervor, nicht mehr als Zweckgemeinschaft, in der ein Staat zu regeln und zu moderieren hat, um die verschiedenen Partikularinteressen zueinanderfinden zu lassen. Der Ausgebeutete betet seinen Ausbeuter an und sofern er sich auch noch in seinem Sport als Gönner und Mäzen erweist, wird aus dem stillen Gebet ein lautes Hallelujah.

Während man sich auch so sein Weltbild gerechtschwafeln kann, bleibt für mich die Frage offen, wie und wo man sich schadlos halten kann an der Verworrenheit amoralischer Abläufe innerhalb dieser Welt. Nicht einmal die Freude über einen Zweitligaaufstieg ist einem vergönnt. Denn hinter jeder harmlosen Freude, so lehrt uns die Erfahrung, sitzt jemand, der mit zweifelhaften Methoden der Selbstbereicherung frönt...

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BILD informiert!

Mittwoch, 4. Juni 2008

Seit geraumer Zeit wirbt die BILD-Zeitung damit, leider erst seit 1952 berichten zu dürfen. Gewagt könnte man das nebenstehende Plakat derart interpretieren, dass deshalb der Untergang der Titanic nicht verhindert werden konnte. Doch - ich traue es mich fast nicht zu sagen - die BILD hat 1912 doch davon berichtet! Diesbezüglich liegen mir Unterlagen vor. Wie diese Unmöglichkeit sein kann, weiß ich nicht in vollster Gewißheit zu beantworten. Wohl aber wie mir die Dokumente, d.h. die BILD-Ausgaben jenes Jahres, zugespielt worden sind. So begab es sich, dass ein stark verwirrter Mann sie mir übergab, dabei von Zeitreisen und Axel Springer und allerlei anderen Seltsamkeiten sprach, die gemeinhin keinerlei Zusammenhang zu haben scheinen. Meine Erklärung muß daher spekulativ bleiben. Womöglich handelte es sich um einen zeitreisenden Wissenschaftler des 24. Jahrhunderts, der Axel Springer seiner Zeit entrissen hat, um ihn einige Jahre vorher wieder auszulassen. Somit gründete Springer seine GmbH nicht erst 1946, sondern irgendwann vor 1912. Vielleicht sind die mir zugespielten Dokumente lediglich Relikte aus einer anderen, uns vollkommen unbekannten Zeitlinie, deren Echtheit wir in unserer Linie nie beweisen können. Doch wir wollen uns nicht mit dem Wie und Woher aufhalten, sondern kurz dokumentieren, wie die BILD seinerzeit vom 14. April 1912 - der Tag des Untergangs - berichtete, wie sie die Leserschaft informierte. Aber bevor ich beginne, sollten wir in uns gehen und aufrichtig gegenüber uns selbst sein und zur Sprache bringen, was sich uns im Innersten aufdrängt: Wir haben nie wahrhaft geglaubt, dass es eine Zeit vor BILD gab!

Bereits im Vorfeld berichtete man ausführlich über die Titanic. Einige Tage nach Fertigstellung des Ozeanriesen hieß es in der BILD: "Wir Europäer haben der Welt eine technische Meisterleistung geschenkt. Heute können wir nicht mehr behaupten, dass es die Engländer alleine waren, die dieses Schiff erbaut haben. Es waren alle Europäer, vereint im Fortschritt. Die Völker der Erde ziehen vor uns den Hut!" Und: "Jetzt kann man auf dem Ozean so bequem reisen, wie in einer Eisenbahn. Der Große See ist uns nun Untertan! Wir Menschen sind Ozean!" Am Tag der Jungfernfahrt brachte BILD zwei Doppelseiten zum - Orginalzitat - "einmaligen Weltereignis". Wie recht die BILD mit dieser Einmaligkeit hatte, wußte sie, obwohl sie sonst immer alles weiß, leider noch nicht. Schon Wochen vor dem Großereignis wurde über den enthemmten Luxus an Bord geschwärmt: "Werden Guggenheim und Astor das bordeigene Freudenhaus besuchen?" BILD-Fräuleins in knapper Bekleidung lächelten von der Vorderseite und wußten wochenlang nur zu sagen: "Ich fahre mit und angel' mir einen Millionär!"
Schon einen Tag nach Antritt der Jungfernfahrt, am 11. April 1912 also, trieb die BILD-Zeitung die Titanic - und namentlich Kapitän Smith - an, das Blaue Band für die schnellste Überquerung des Atlantiks zu gewinnen. Im überschwänglichen Artikel heißt es: "Schneller Titanic! Schneller! Wir wären enttäuscht, wenn so ein Luxusschiff nicht mindestens auch noch eine solche Kleinigkeit wie das Blaue Band gewinnt." Dabei wird der Direktor der White Star Line, Bruce Ismay, zitiert: "Ja, wir wollen das Band!" BILD erhob diesen Herrn darauf zum Sieger des Tages: "Soviel Wagemut gefällt uns!"
Ein gewisser Chefkolumnist Freiherr von Wagner romantisierte: "Wenn die Titanic eine Frau wäre, würde sie Erotik ausstrahlen, vor der ich nicht haltmachen könnte. Du, Titanic, wirst auch in hundert Jahren noch die erotischste Dame der Weltmeere sein." Ein anderer Kolumnist, Freiherr Müller von Vogg sah alles etwas politischer und meinte, dass man so eine technische Höchstleistung nur in einem Land entwickeln könne, welches so wie Großbritannien seine Gewerkschaften und sozialistischen Parteien kleinhält. "Der bitterböse Kommunismus im Deutschen Reich läßt Titanicen aller Art und Größen gar nicht zu!" Aber dennoch sei die Titanic eine "europäische Wunderbarkeit" und die Engländer müßten das einsehen, dürften diesen Erfolg gar nicht für sich alleine beanspruchen. "Wir sind doch völkisch verwandt!"

Am 16. April 1912, mit einem Tag Verspätung, berichtete die BILD dann vom großen Unglück. Irrtümlich dachte man, alle Passagiere seien ums Leben gekommen. Der Bericht erzählt minutiös: "Ein dumpfer Schlag! Allen ist schlagartig klar, dies muß ein Eisberg gewesen sein! Panik bricht aus! Das Pack in den unteren Abteilen will sich auf Kosten der Leistungsträger ins Obergeschoß retten. Tumult bricht aus. Schüße! Blut! Innerhalb von zehn Minuten ist der Spuk vorbei. Die Titanic liegt auf dem Grund des Ozeans. Wir alle sind fassungslos." Namhafte Reichstagsabgeordnete erklären in BILD, dass man nun uneingeschränkt Mitleid mit den Engländern haben müsse. Überhaupt: Schon einen Tag später fragt die BILD, ob dieses Unglück geschehen wäre, wenn das Schiff ein deutsches Produkt gewesen wäre. "Made in Germany haben die Briten als Warnplakette erfunden, um unsere deutsche Ware als billigen Ramsch zu kennzeichnen. Vor einigen Tagen wären sie froh gewesen, wenn sie unter dem Schlagwort Made in Germany hätten reisen dürfen!", urteilte Müller von Vogg. Gleichzeitig aber ein Lichtblick. Der Aufmacher am 17. April 1912 lautet: "Ein Wunder! Es gibt Überlebende! Tragödie mit Herz!" BILD-Kommentator Nicolaus von Fest erklärt, dass man die "Eisberg-Story" nicht für bare Münze nehmen sollte. "Man muß davon ausgehen, dass die Sozialisten der Erde eine ganz große Sauerei vertuschen! Der BILD liegen Fakten vor, wonach das Schiff sank, weil Sozialisten an Bord das Steuer übernommen haben." Man müsse nun einsehen, so fuhr er fort, dass wer kein Schiff steuern kann, erst recht kein Staatsschiff zu lenken weiß. "Die Titanic-Tragödie zeigt, dass die Jünger Marxens wahre Verbrecher sind!"

Wiederum einen Tag später wußte die BILD einen Schuldigen zu benennen, wenngleich man noch "vorsichtig" danach fragte. Der Direktor der White Star Line, Bruce Ismay, soll Kapitän Smith gedrängt haben, noch schneller den Atlantik zu überqueren. Das Blaue Band wäre die Krönung der Titanic-Erfolgsgeschichte. BILD meint: "Verantwortungslos!" Zudem wurde der Leserschaft mitgeteilt, dass Ismay ein engstirniger, arroganter und selbstsüchtiger Geschäftsmann ist. "Ein typisch englischer Snob!" Chefkolumnist von Wagner ließ es sich nicht nehmen, über Ismay zu schreiben: "Lieber Bruce Ismay, Sie sahen wie der sichere Sieger aus, wollten schnell sein, obwohl die Öffentlichkeit davon abriet. [...] Sie widern mich an! Das Teuflische an Ihnen ist, dass Sie so unscheinbar aussehen. Wären Sie eine Frau, ich würde auf Sie hereinfallen, aber dann eines Tages bemerken, dass ich neben einer Teufelin erwache." Fazit der BILD: Verlierer des Tages, weil "die unbändige Geltungssucht den Verstand ausgeschaltet hat!"
Ein weiterer Artikel befaßte sich derweilen mit dem englischen Debakel: "Es war niemals ein europäischer Geist, der dieses größenwahnsinnige Projekt beflügelt hat. Wieder einmal typisch britisch, so voller Dekadenz die Ozeane überqueren zu wollen. Zu den aufgedunsenen Gesichtern und der geschmacklosen Kleidung, kommt nun auch noch technische Unfähigkeit und Größenwahn dazu! Das ist typisch britisch. Germany is not amused!" Außerdem erklärte BILD, wie es zu dem tragischen Unglück hat kommen können. "Obwohl die Titanic unsinkbar war, geschah das eigentlich Unmögliche! Experten erklären warum! [...] BILD-Experte Mxxxx (Anmerkung: Name unleserlich): Ganz klar, das Schiff ging unter wie ein Stein. Jene Experten, die vom Auseinanderbrechen des Rumpfes sprechen, haben von Statik keinerlei Wissen." Und weil es schnell wie ein Stein sank: "Rettungsboote hätten auch da nicht genutzt! Es sind nur wieder ganz linke Stimmen, die den Menschen Rettung versprechen wollen, die ja eigentlich geradezu unmöglich war bei dieser Sinkgeschwindigkeit." Auf die Aussage eines deutschen Sozialdemokraten, der kundtat, dass das Titanic-Unglück zeige, wie blind der Fortschrittsglaube mache, urteilt die BILD: "Vaterlandslos waren sie ja schon immer! Und nun auch noch zynisch! Ein Fall für den Staatsanwalt! Hinter Gittern mit solchen Gesellen! Wer stoppt den roten Rxxxx (Anmerkung: Name unleserlich)?"

Nach und nach verging das Interesse am Thema Titanic. Und einige Monate später wurde Ismay rehabilitiert und von der BILD zu "Englands besten Unternehmensdirektor" gekürt. Nun könnte der Leser dieser Zeilen behaupten, dass dies alles schlecht erfunden sei. Erfunden ist so ein Szenario in Anbetracht der BILD-Zeitung aber nie. Wir aber fragen uns: Was hat die Berichterstattung zum Titanic-Unglück seinerzeit den Ertrinkenden und Erfrierenden gebracht? Oder sollte ich fragen, was es gebracht hätte?

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Nomen non est omen

Heute: "Leistungsgesellschaft"
„Die Leistungsgesellschaft ist ein traditionelles Leitbild der SPD.“
- Kurt Beck -
„Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um die – und nur um sie – muss sich Politik kümmern.“
- Peer Steinbrück in einem Zeit-Interview im Jahr 2003 -
„Jeder muss sich aber fragen lassen, welche Beiträge er selbst für eine vitale, wohlhabende und freie Gemeinschaft geleistet hat: Wie viele Kinder hat jemand mit Liebe und Weitsicht großgezogen, wie viel uneigennützige Hilfe Notleidenden gegeben, wie viel dafür getan, dass Gemeinschaften gerecht und lebensklug bleiben? Wie viel Steuern und Abgaben hat er aus eigener Arbeit aufgebracht, wie viel dazu beigetragen, dass im Land attraktive Unternehmen und Arbeitsplätze entstanden sind?“
– Udo Di Fabio, "Die Kultur der Freiheit" -
Die Leistungsgesellschaft, die immer wieder beschworen wird, orientiert sich am kapitalistischen Profit- und Verwertungspotenzial jedes Einzelnen. Auch hier gilt: Leistung ist nicht gleich Leistung. So ist in der „freien Marktwirtschaft“, in der allein die Nachfrage den Preis bestimmt und nicht der Nutzen für die Gesellschaft, z.B. ein dreiminütiger Auftritt von Verona Pooth (alias Verona Feldbusch) im Fernsehen mehr wert, als das Jahresgehalt eines Grundschullehrers. Verona Pooth verdient für ihre drei Minuten „Leistung“ im Fernsehen ein Vielfaches dessen, was der Grundschullehrer verdient. Insofern ist der Zusammenhang zwischen Arbeit, gesellschaftlichem Nutzen und individueller Leistung nicht zwingend vorhanden. Er wird vielmehr konstruiert. Außerdem werden gesellschaftlich strukturelle Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten mit diesem Begriff verschleiert. Nach der Logik der Leistungsgesellschaft sind nicht ungleiche Reichtumsverhältnisse, Strukturen und Lebenschancen schuld daran, dass jemand obdachlos geworden ist, sondern er selbst. Er hat eben nicht genug Leistung erbracht.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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In nuce

Montag, 2. Juni 2008

Als sich einst der parolenschwingende Journalist, Lobbyist und nebenberufliche Minister Clement aus Amt und Ehren verabschiedete, konnten nur grenzenlose Optimisten die Ansicht hegen, dass man nun das Schlimmste in Sachen Hetzpropaganda gegen Arbeitslose hinter sich gebracht hätte. Begriffe wie "Sozialschmarotzer" oder "Parasiten" würden sicherlich keinen Einzug mehr ins Arbeitsministerium finden. Seither ist auch viel passiert hierzulande - allerdings wenig Neues. Immer wieder finden sich mehr oder minder intellektuell verkrüppelte Zeitgenossen in den hiesigen Medienanstalten ein, um deren trauriges und misanthropisches Weltbild zu verteidigen. Zuletzt lieferte Anne Will einem solchen Vogel eine Plattform. Man muß Rita Knobel-Ulrich nicht kennen - dies mag sogar von Vorteil sein -, um sich ein Bild von ihr zu machen. In Wills Sendung rechnete sie vor, was einer Familie an "Alimentierung" - wie sie es nennt - zusteht. Dabei benutzt sie falsche, selbstverständlich zu hoch angegebene Regelsätze, subtrahiert das Kindergeld nicht, dass ja angerechnet werden muß und erfindet einen Zuschlag, den es angeblich für Strom gäbe. Der Zuseher der Sendung und der Leser dieser Zeilen möge sich nun selbst ein Urteil über die Verfassung der Dame bilden, ob dahinter nichtsahnende Dummheit schlummert, die irgendetwas zum Besten gibt, auch wenn sie davon keinerlei Kenntnis hat oder die gewiefte Stimmungsmache einer Propagandistin. Um sich ein genaueres Bild dieser Dame machen zu können, schadet es nicht, eines ihrer Machwerke oberflächlich zu betrachten. Wir würden ja sicherlich gerne tiefer in ihr Schaffenswerk einblicken, aber was können wir dafür, wenn diese Frau von Tiefgründigkeit keine Ahnung hat?
Wen überrascht es eigentlich? Als dieses Land vor vielen Jahren ein Ministerium einrichtete, welches den lieben langen Tag nur für Hetzkampagnen, Hasstiraden und Propaganda aller Art bereitzustehen hatte, da waren es eben nicht nur die ganz großen Brüller und Menschenhasser, die den Charakter dieses neuen Deutschland formten, sondern auch gerade diese kleinen, vertrockneten Mängelcharaktere, die gerne mehr und besser geworden wären, als sie es letztendlich waren. Sie spielten mit ihrem auferlegten und weitergeleiteten Hass eine größere und weitaus prägendere Rolle als diverse Wochenschauen und Stimmungsfilmchen; sie waren das Salz in der Suppe dieses neuen Staates, dessen Machthaber ja ohne solche Zuträger nur eine Gruppe von hellbraunen Stammtischrevolutionären geblieben wäre. Wenn der hinkende ehemalige Gossensozialist brüllte oder der morphiumsüchtige Fettwanst aus Carinhall, dann war das freilich Normalität. Aber wenn da studierte Sonst- und Irgendwers einstimmten - die scheinbare Vernunft also -, das Gebrüll dieser Herren aufnahmen und sogar noch übertönten, immer mit dem Blick auf die Obrigkeit, um ja kein anerkennendes Nicken aus dieser Riege auserwählter Herrenmenschen zu verpassen, dann fühlten auch die Unpolitischen, Zweifelnden und Schwachsinnigen, dass da mehr als ein Funken Wahrheit in diesen Thesen schlummern mußte. Nein, ich will diese Dame mit keiner historischen Einmaligkeit in Verbindung bringen, denn mit Marx gesprochen, würde sie sowieso nur als Farce in die Historie eingehen. Aber man muß sich schon fragen, was dieser Wirtschaftstotalitarismus ohne Menschen wie dieser Frau... - wie hieß sie noch gleich? - ausrichten könnte?

Der Spiegel meldet und macht Millionen von Arbeitnehmern, aber auch Arbeitslosen verrückt: "Der Versuch, Lügner am Telefon per Stimmanalyse zu entlarven, galt bislang als gründlich gescheitert. Jetzt macht ein neuer Ansatz in Großbritannien Furore. Angeblich wurde er in London bereits erfolgreich gegen Sozialhilfebetrüger eingesetzt." - Welcher Angst geben sich die Menschen da hin? Was kann man einem Blaumacher anhaben, wenn er am Telefon seinen Sachverhalt äußert? Kein Gericht der Welt kann einer Vermutung, basierend auf den "Erkenntnissen" eines Computerprogramms, nachgeben. Und wer hindert den Blaumacher daran, stur bei seiner Wahrheit zu bleiben? Wenn ein Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellt und ein Stimmapparat leuchtet rot auf, weil einige Faktoren in der Stimme möglicherweise auf eine Lüge hindeuten, wem wird dann mehr Glauben geschenkt? Freilich, viele moderne Menschen, die fromm an die Heilsversprechen der Technik glauben, werden sich der "Tatsache" sicher sein, dass ein elektronisches Gerät gar nicht irren kann. Aber ein Mensch, der sich nur einen Funken Vernunft bewahrt hat - was zuweilen noch vorkommen soll -, wird die Stimmanalysen nur belächeln und seinesgleichen höher bewerten müssen.
Dennoch sorgen sich die Menschen und der Spiegel liefert schlußendlich vielleicht des Rätsels Lösung, weshalb so ein Irrsinn Ängste speist: "
Wenn man weiß, dass ein Lügendetektor am anderen Ende der Leitung ist, wird man sich wohl zweimal überlegen, ob man wirklich krankfeiern will." - Kurzum: Der Placebo-Effekt ist es, den sich hier die Bastler zunutze machen. Sie wissen, dass kein menschlicher Organismus mittels Apparaturen lückenlos erklärt werden kann; sie wissen ebenso, dass Lügendetektoren vor Gericht aus genau jenem Grund unzulässig sind. Aber droht man einem Verdächtigen mit einem Test am Lügendetektor, so wird er vielleicht geständig. In dieser Weise soll die Sprachanalyse wirken. Die Überwacher wissen sehr wohl, wie sie die Bürger dazu bringen, sich selbst zu disziplinieren. Sie nutzen die irrationale Angst aus und trimmen die Menschen dahingehend, nur beim Hauch einer möglichen, noch so unrealistischen Gefahr umzukehren, um sich dann wieder brav in die Herde zurückzuorientieren.

Nur kurz und knapp: Heute berichtete ich von dem sehenswerten Dokumentarfilm "The Corporation". Prompt berichtet Telepolis über ein Unternehmen, welches mitsamt seinem gentechnisch behandelten Saatgut, einen Kreuzzug gegen wehrlose Bauern auf der ganzen Welt bestreitet. Ein Unternehmen, welches innerhalb des Dokumentarfilms mehrmals negativ auffiel. (Unter anderem wegen Hormonbehandlung von Milchkühen und Verkauf von gesundheitsgefährdender Milch; Durchboxen von Gesetzen, die Landwirte dazu verpflichten, das gentechnisch behandelte Saatgut verwenden zu müssen; Irreführung der Kunden und Behinderung freier Berichterstattung usw.) Nun hat Monsanto - so der Name dieses Unternehmens - einen Fuß auf Deutschlands juristischen Boden bekommen und wird sicher bald mit dem zweiten Fuß nachziehen wollen. Dies lehrt uns die Erfahrung in anderen Ländern.

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Psychopathen

Sonntag, 1. Juni 2008

Stellt ein Psychologe konkrete Störungen an einer Person fest, so kann er im Einzelfall - je nach Schwere der Störungen und je nach Art der Defizite - seinem Patienten eine psychopathische Störung attestieren. Einen speziellen Fall von Psychopathie präsentieren Mark Achbar und Jennifer Abbott in ihrem Dokumentarfilm "The Corporation". Darin wenden sie jene psychologischen Maßstäbe an, die man normalerweise bei menschlichen Personen verwendet, um einen ärztlichen Befund zu erhalten. Nur bewerten sie keine Person, oder besser gesagt, keine menschliche Person, sondern eine Institution. Für Achbar und Abbott ist das Resultat eindeutig: Der "Patient Großkonzern" leidet unter einem psychopathischen Charakter. So abwegig ist dieses unbekümmerte Bewerten eines körperlosen Patienten aber nicht, denn obwohl ein Konzern keine Person nach allgemeinen Verständnis darstellt, ist er es juristisch betrachtet doch. Diese sonderbare Wahrnehmung seitens der Justiz, die aus einem Aktienunternehmen eine Person zu machen meinte, gründet sich auf dem 14. Verfassungszusatz der Verfassung der Vereinigten Staaten. In diesem heißt es, dass kein Staat ohne eine ordentliche Gerichtsverhandlung eine Person um Leben, Freiheit und Eigentum bringen darf. Dies sollte seinerzeit - kurz nach dem Sezessionskrieg - vorallem dazu gelten, den nun aus der Sklaverei entlassenen Schwarzen eine gesetzliche Grundlage zur Hand zu geben, um sich vor Ungleichbehandlung schützen zu können. Aber findige Konzernsanwälte argumentierten mit allerlei Spitzfindigkeiten vor Gericht, dass eine Aktiengesellschaft eine Person sei, womit all jene Rechte wie Freiheit und Eigentum auch für Unternehmen gesichert waren. Denn zuvor war man strengster staatlicher Begutachtung unterworfen, mußte haargenau Rechenschaft ablegen. Bezeichnend für diesen Mißbrauch des Verfassunszusatzes: Von den 307 Klagen, die von 1890 bis 1910 wegen Verstoßes gegen den 14. Verfassungszusatz eingereicht wurden, waren 288 von Unternehmen und nur 19 von afrikanischstämmigen US-Amerikanern!

In erschreckenden Fallstudien zeigen die beiden Filmmacher auf, wie Konzerne irrational und ohne Rücksicht auf Externalitäten vorgehen. In vielen Fällen grob fahrlässig und geradezu mutwillig. So führen sie nicht nur auf, wie Unternehmen rund um den Globus Kunden konditionieren, damit diese die Ansicht erhalten, den Wohlstandsschrott zu benötigen, den sie vor Jahren noch nicht einmal erahnen konnten. Wie sie also Unwesentlichkeiten ins Zentrum des Interesses rücken, eine "Philosophie der Nichtigkeiten" betreiben, die Menschen dazu bringt, sich stundenlang über Nagellack und Filme zu unterhalten, während Themen wie die Allmacht der Konzerne vollkommen von der Bildfläche verschwinden. Achbar und Abbott konfrontieren den Zuseher ebenso mit der kriminellen Energie der Psychopathen, die auch nicht davor Halt machen, sich mit einem Diktator zu verbandeln, so wie es einst der Computerriese IBM mit Hitler-Deutschland tat. IBM-Rechenmaschinen erfaßten die Eliminierung von Juden, Kommunisten, Homosexuellen, Sinti/Roma und Oppositionellen. Ohne einen Erfassungsapparat wie der IBM-Rechenmaschine, wäre ein millionenfacher Mord gar nicht logistisch und organisatorisch umsetzbar gewesen. Heute behauptet IBM natürlich, dass diese Thesen widerlegt seien, denn man habe nicht gewußt, für was die Nationalsozialisten diese Maschinen nutzten. Die Wartungsspezialisten der IBM-Maschine, die auch nach Buchenwald oder Auschwitz kamen und aus dem Hause IBM stammten, können aber nur schwerlich leugnen, nichts vom Einsatzbereich dieser Maschinen gewußt zu haben. Der damalige IBM-Vorstand, so meldet sich ein Zeitzeuge zu Wort, habe es sehr wohl gewußt, war aber davon nicht sonderlich begeistert. Nicht wegen der Menschen, die damit "aufgeräumter" in den Tod fanden, sondern wegen des schlechten Images, dass daraus entstehen konnte!

Die Skurpellosigkeit von Konzernen findet auch heute in die unehrwürdige Tradition internationaler Unternehmen hinein, wenn es darum geht, mit möglichst arroganter Gleichgültigkeit und Menschenverachtung vorzugehen. Als Bolivien die Wasserversorgung seiner drittgrößten Stadt refinanzieren wollte, bestand der Kreditgeber Weltbank auf Privatisierung. So besitzt der US-Konzern Bechtel heute sämtliches Wasser von Cochabamba. Die Menschen durften nicht einmal mehr das Regenwasser auffangen, weil es zum Privatbesitz des Unternehmens gehörte. Unbezahlte Wasserrechnung bescherten Bechtel das Recht, Haus und Eigentum des Schulders pfänden und zwangsversteigern zu lassen. Die Bürger nutzten ihre Wut, um sich dieses Unrechts zu erwehren. In Demonstrationen zogen sie durch die Stadt, wurden aber vom bolivianischen Militär gejagt und geschlagen. Die Regierung der Bolivianer verteidigte die internationalen Interessen des Konzerns Bechtel! Es gab unzählige Verletzte und zwei Tote. Die westliche Welt spielt aber weiterhin die Rolle des arglos Staunenden, der nicht begreifen kann, dass in Südamerika emanzipatorische Bewegungen sozialistisch-linker Machart am Werk sind, die die Interessen ebenjener internationalen Unternehmen niedertrampeln, weil sie ihnen am Ende das Leben kosten.

Die präsentierten Fallstudien rücken mal die komische Komponente der Konzernsallmacht in den Vordergrund, mal sind sie bedenklich und zeigen auf, welches verbrecherische Potenzial in jeder corporation stecken kann. Da erwirken Konzernsanwälte, dass in den USA auch Lebewesen - außer Menschen - als Patent angemeldet werden können und erklären damit, einen Teil zur Wissenschaft beizutragen, der unumgänglich ist. Sie seien Aufklärer! Aber gleichzeitig unterbinden sie Informationen, die ihrer Sache entgegenstehen, geben sich als Anti-Aufklärer zu erkennen. So wurden Journalisten von einem Molkereikonzern dabei behindert, über die Genbehandlung deren Kühe zu berichten, die beim Menschen zu gesundheitlichen Schäden führen können. Selbst der eigene TV-Sender schlug sich auf die Seite des Lebensmittelvergifters. Nun muß man sich aber freilich fragen, wie ein Dokumentarfilm wie "The Corporation" den Weg in die Kinos finden konnte, wenn er doch den Interessen der Konzernswelt so radikal entgegenläuft. Michael Moore, der innerhalb des Films mehrmals zu Wort kommt, wunderte sich immer wieder, dass man seine Filme nicht einfach unterdrückt. Diese Konzernsmacht wäre ja durchaus vorhanden. Moore fand darauf Antwort: "Ich finde es erstaunlich, dass ich all das machen kann und meine Filme trotzdem von Studios vertrieben werden, die großen Medienkonzernen gehören. Warum zeigen die meine Filme, wenn ich alles kritisiere, was sie repräsentieren? Warum bezahlen die mich quasi dafür, dass ich alles niedermache, woran sie glauben? Weil die an gar nichts glauben! Weil sie wissen, dass Millionen Menschen meinen Film oder ihre Show sehen wollen und sie damit Geld verdienen. Meine Filme werden deshalb gezeigt, weil ich die Schwachstellen des Kapitalismus nutze: die Geldgier, die besagt: Der Reiche verkauft Dir den Strick, an dem er sich aufhängen wollte, wenn er daran etwas verdienen kann. Der Strick bin ich, hoffentlich." - Es ist also nicht so, dass die Konzerne dieser Welt ein Interesse daran hätten, jegliche Aufklärung zu unterbinden. Sie können geradezu verrückt nach Aufklärung sein - wenn sich daran verdienen läßt.
In einem anderem Fall offenbart sich der gelebte Zynismus der Psychopathen. Ein Textilkonzern wirbt dafür, dass mit jedem verkauften Produkt eine Summe für Jugendprojekte vom Profit abgezogen wird. Dies sei ein Beitrag zur sozialen Verantwortung des Unternehmens. Gleichzeitig beschäftigt dieses Unternehmen jugendliche Arbeiterinnen - 13 Jahre alt - in Entwicklungsländern, die diese Produkte zu einem Hungerlohn und natürlich in Akkord vernähen müssen. Der Anteil des Lohnes am Endpreis beträgt 0,3 Prozent! Überhaupt, so stellt man fest, muß man immer Skepsis walten lassen, wenn Unternehmen beginnen, ihre soziale Verantwortung in den Mittelpunkt ihres Wirkens zu stellen.

Es ist kaum möglich, in einem kurzen Artikel niederzuschreiben, was in "The Corporation" an Fallstudien, Dramatik, Menschenverachtung, Gleichgültigkeit, Dekadenz und Lächerlichkeit geboten wird. Der Film ist keinesfalls eindimensional, sondern glänzt durch Facettenreichtum. Dies ist schon alleine an den Interviewpartnern ablesbar: Neben Kapitalismuskritikern wie Noam Chomsky, Michael Moore, Vandana Shiva und Naomi Klein, treten Systemträger wie Milton Friedman und allerlei CEOs auf. Es wird freilich ein düsteres Bild unserer Welt gezeichnet, aber immer wieder schimmert durch, dass man dagegen angehen kann und Erfolge nicht ausbleiben - wie es der Sieg der Bürger Cochabambas oder die indische Verweigerungshaltung gegen genbehandeltes Saatgut beweisen. "The Corporation" trägt einen Teil zur Aufklärung bei und macht den Menschen das sichtbar, was in den Massenmedien nicht behandelt wird, weil es nicht deren Auffassung von Information entspricht.

Der auf dem Sundance Film Festival prämierte Dokumentarfilm ist im englischen Orginal - d.h. ohne deutschen Untertitel - legal downloadbar.

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Mein Abgeordneter - Teil 3

Fortsetzung vom 29. Mai 2008
Teil 1 vom 28. Mai 2008

Schritt 3: His castle is my home!


Bald schon macht sie die herabgesunkene Hemmschwelle bemerkbar. Dies bedeutet aber nicht, dass wir nun beginnen, unseren Volksvertreter wie einen Diener zu drangsalieren. Botschafter gehören nicht dem Dienstpersonal an. Schon der zweite Besuch wird uns leichter fallen. Wir werden ihm mitteilen, dass wir uns freuen, ihn wieder zu sehen. Dass wir das politische Geschehen genau beobachtet haben und wir nun seine Einschätzung zu diesem oder jenem Thema hören möchten. Dazu sagen wir: „Wie sehen „wir“ das denn?“ Hier machen wir ihm – mit Hilfe des verbindenden „Wir“ - kenntlich, dass wir beide an einem Strick ziehen, dass es für uns nur ein gemeinsames Ziel geben kann: Die Erfüllung des Wählerwillens – genauer unseres Willens! Machen wir uns jedoch nichts vor: Er wird uns nicht immer Rede und Antwort stehen. Wahrscheinlich wird er kaum auf uns eingehen, unsere Fragen nicht mal ernsthaft durchdenken. Besonders seltene Prachtexemplare werden zornig und bitten den ungeliebten Besucher zu gehen. Dies darf uns aber nicht entmutigen. Wir werden keinesfalls sofort beleidigt den Raum zu verlassen. Wir merken uns: Wir sind juristisch derart beschlagen, dass wir wissen, hier keinen strafbaren Hausfriedensbruch zu begehen. Dieses Wissen von unserer Unschuld kosten wir zunächst noch aus, harren noch ein Weilchen aus und sind dabei eine Seele von Mensch, immer lächelnd und neugierig.
Warnung: Die Macht der Gewohnheit könnte uns nach einiger Zeit dazu bringen, ihn nicht mehr als „unseren“ Abgeordneten anzusprechen. Hier hat äußerste Vorsicht zu walten! Vergessen wir nie, dass es sich um „unseren Mann im Parlament“ handelt. Er gehört uns, sein Mandat ist kein Geschenk, dass wir ihm aus einer Bierlaune heraus verliehen haben, sondern konkretes Verlangen. Er ist nicht irgendein Abgeordneter, sondern der Mann, der uns vertritt, weil uns dazu die Zeit fehlt. Natürlich werden wir ihm gehörig auf die Nerven gehen; natürlich will er uns schnellstmöglich loswerden; natürlich wird uns so viel ungerechte Unfreundlichkeit, die er uns zuweilen entgegenbringen wird, ärgern oder betrüben. Wir lassen uns dennoch nicht entmutigen, sind auf dem richtigen Weg.
Bevor wir den zweiten oder dritten Besuch beendet haben, fragen wir ihn, ob er unter der Telefonnummer, die er im Internet veröffentlicht hat, immer zu erreichen ist. Denn manchmal überkomme uns ein erhellender Gedanke kurz vor dem Einschlafen, den wir nicht in den nächsten Tagen verlagern können. Wir seien flexibel und engagiert, gerade so, wie es unser Abgeordneter immer von denen fordert, die ohne Erwerb sind. Die Ratschläge, die er diesen erteilt, haben wir uns verinnerlicht. Dies sei Flexibilität, die ihm sein Regieren erleichtern wird.
Nach dem vierten Treffen verabschieden wir uns bereits mit „Bis nächste Woche“. Wir sind nun in seinem Büro heimisch geworden, lassen dieses vertraute Gefühl auch zur Geltung kommen. Unser Mann soll merken, dass wir uns in unserem Büro wohlfühlen. Unser Büro: Würde er denn hier sein, wenn ich nicht an einem Sonntagnachmittag im Herbst zur Urne gestürmt wäre? Gelegentlich sollten wir über unseren Schatten springen und ihn für seinen Einrichtungsgeschmack loben. Lohnenswert ist so ein Lob vorallem dann, wenn er ein steriles Allerweltszimmerchen angemietet hat, welches er dann optimistisch Büro nennt. Das Loben ein solchen Zimmers unterstreicht den latenten Zynismus. Und wer besonders motiviert ist, könnte seinen Abgeordneten auch damit aufmuntern, dass ein solches Zimmer durchaus fruchtbar ist, denn es bewirkt, dass man sich nicht ablenken läßt. Wir fragen ihn, ob er Meister Eckhart kennt, der einmal ein wenig ketzerisch – aus Sicht der Kirche – fragte, was sein Gott denn ohne ihn wäre. Immerhin mache seine Existenz erst seinen Gott zu dem, was er ist. Nachdem wir das in den Raum geworfen haben, seufzen wir aus voller Tiefe, schnaufen durch, als hätten wir etwas unglaublich Geistreiches gesagt und lassen ein langes „Aaaaaach“ aus unserem Mund sprudeln, um dann daran anzuschließen: „Was wäre mein Abgeordneter nur ohne mich? Weil ich bin, ist er. So ein schönes Büro...“
Wir bemerken: Die Sätze, die wir ihm nun zuwerfen, werden gewagter. Von einer Diskussion wird man vermutlich nicht sprechen können, denn man darf bezweifeln, ob der gute Herr oder die nette Dame auf alles eingeht, was man ihm an Brocken vorwirft. Goldene Regel soll aber sein, dass wir unseren Abgeordneten niemals nach Privatsachen fragen. Weder gehört sich das, noch haben wir Interesse daran. Wir betrachten unseren Mann an der Front als Mittel zum Zweck, so wie er seine Wählerschaft als dunkle Masse begreift, die ihm notwendiges Übel zum Postenergattern ist. Da machen wir es uns einfach und übernehmen seine zynische Einstellung ungesunder Selbstsucht.
Und auch, wenn wir uns in seinem Büro nun heimischer fühlen, werden wir unsere Kinderstube nicht vergessen. Füße gehören sich einfach nicht auf einen Schreibtisch. Als brav-naives Wahllämmchen kann man sich solche Unflätigkeiten nicht einmal vorstellen, geschweige denn in die Tat umsetzen. Außerdem sind wir nicht im Büro unseres Abgeordneten, um herumzulungern. Wir sind mit unserem Mann eine Geschäftsvereinbarung eingegangen. Stimme gegen Posten! Selbst wenn ihm dieser Kontrakt nun unangenehm ist, er am liebsten jegliche Verantwortung abgeben möchte – nicht aber seinen Posten -, so ist unser allwöchentliches Auftauchen kein fröhliches Zusammenkommen, zu dem wir unsere Füße hochlegen. Wir fordern Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl von unserem Abgeordneten, müssen die regelmäßigen Zusammenkünfte als business begreifen. So haben wir uns auch zu benehmen!

Fortsetzung folgt...

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