Zu Ohren gekommen

Dienstag, 25. Februar 2014

Vorletzte Woche wusste so gut wie jede Zeitung und jeder TV-Sender von einer knappen Mehrheit der Schweizer zu berichten, die sich gegen Einwanderung formiert habe. Wie man es ausdrückte war eine Sache des Stils. Entweder Knappe Mehrheit der Schweizer oder hauchdünne Mehrheit der Schweizer waren hierbei die Renner. Doch beide Formulierungen sind falsch. Denn lediglich eine Minderheit von etwa 25 Prozent aller wahlberechtigten Schweizer hat so entschieden. Das sollte man schon mal erwähnen.

Natürlich ist es nun so, dass diese Minderheit eine Mehrheit erzielen konnte. Und das gilt leider. Aber um von einer knappen Mehrheit der Schweizer zu sprechen, fehlt dennoch eine viel breitere Wahlbeteiligung. Immerhin ist es so, dass 25 Prozent der wahlberechtigten Schweizer für unregulierte Einwanderung waren - und etwa 50 Prozent haben sich überhaupt nicht geäußert. Von einer schweigenden Mehrheit derer, die zustimmten, weil sie nicht stimmten, kann man nicht reden. Es gibt viele Gründe, bei Wahlen jeglicher Art nicht mitzumachen. Manche sind politische motiviert, andere gründen auf Desinteresse. Und wieder andere haben den Tag einfach verschlafen oder es vergessen.

Es ist daher schon frech, wenn man durch die deutsche Presse blättert und von den Schweizern liest, die sich gegen Weltoffenheit entschieden haben. Eine solche Frechheit maßte sich auch der Rest der Bundesrepublik im letzten September an, als man die Bayern als rückständiges Völkchen deklarierte, weil sie den Christsozialen die absolute Mehrheit sicherten. Aber 70 Prozent haben die CSU damals nicht gewählt und haben sich als "anderes Bayern" erwiesen. Wo bleibt da die Differenzierung? Wo die Wertschätzung der "anderen Schweiz"?

Wahrscheinlich sind wir es mittlerweile so gewöhnt, dass bei Wahlen das Viertel einer wahlberechtigten Bevölkerung schon Mehrheit ist, dass wir das gar nicht mehr hinterfragen. Postdemokratie ist kein Zustand, der einfach eintritt und dann da ist. Er schleift sich langsam ein, belegt die Sprache und die Formulierungen und kommt bedächtig in unser aller Alltag. Dass wir fortwährend von Mehrheiten sprechen, die auf Minderheiten gründen, ist ein solcher postdemokratisch-gemütlicher Einbruch in die Strukturen unseres politischen Alltags.


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Goldene Zeiten und blasse Gesichter

Montag, 24. Februar 2014

Über Zeitalter, in denen Stukkateure Blattgold über das Elend und die Ungerechtigkeit pinseln.

Christine Wicht berichtet bei den NachDenkSeiten von Charles Derbers Buch One World. Sie pflichtet dem Autor bei, dass "mit der Globalisierung die Leiche des Vergoldeten Zeitalters wieder ausgegraben worden" sei. Es handle sich nämlich um eine "Wirtschaftsepoche [bei der] auf der einen Seite sich der Reichtum einiger Räuberbarone auf unglaubliche Weise [vermehrte] und sich auf der anderen Seite Massenarmut und Korruption verbreitet [habe]."

Anhand des Freihandelsabkommens TTIP beschreibt Wicht ganz vorzüglich dieses New Gilded Age, in das wir eingetreten sind. Aber noch mehrere Entwicklungen unserer Zeit weisen auf die Fortschreibung dieser Wirtschaftsepoche hin. Die Korruption, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ungeniert an den Tag gelegte Moral war, ist der Wiedergänger unserer Epoche. Die Feststellung der EU-Kommission, wonach Deutschland dafür besonders anfällig sei, ist daher wenig überraschend. Sie dokumentiert nur die Normalität eines solchen Gilded Age. Aber auch die Rolle, die der amtierende Bundespräsident ausübt, deutet auf die Rückkehr jener Ära hin.

Die US-Präsidenten des Gilded Age gelten in der Geschichtsschreibung als schwach und teilweise korrupt. Sie kamen durch Proporz zur Kandidatur und fügten sich den wirtschaftlichen Entwicklungen. "Statt starker Persönlichkeiten brachte das Parteiensystem des Gilded Age zumeist schwache Politiker in das höchste Wahlamt", schreibt Raimund Lammersdorf, Direktor des Amerika-Hauses in München, in einem kurzen Aufsatz zu US-Präsident Chester A. Arthur. Diese Ära der Präsidentschaft wurde von "schwachen Kompromißkandidaten" bestimmt, die "zumeist nicht viel mehr als die obersten Verwaltungsbeamten der Republik" waren.

Natürlich spielt der Bundespräsident nicht die Rolle, die ein US-Präsident spielt. Nur in der Rolle des moralischen Gewissens der Nation kommen sie sich nahe. Aber der Sittenverfall und die Arroganz der Zeit, die schlägt bei dem amtierenden Bundespräsidenten des Gilded Age 2.0 so durch, wie bei all den unfähigen und schwachen Präsidenten der Vereinigten Staaten des traditionellen Gilded Age. Man könnte diesen Vergleich zwischen Äpfel und Birnen, zwischen Chester A. Arthur oder Benjamin Harrison (der als der unbedeutendste Präsident dieser Ära gilt) und Joachim Gauck auch unter dieses Motto stellen: Wenn sich die Zeiten vergolden, dann befällt den Intellekt und die Empathie der Rost - und der Anstand korrodiert.

Politiker degradieren sich in dieser Phase zu Predigern des Goldes. Sie kommen mit Pinseln und Bogen voller Blattgold um die Ecke und überziehen die Not, die Ungerechtigkeit und die Räuberei mit einer hauchdünnen Goldschicht. Sie sind in diesen Zeitaltern nicht mehr Volksvertreter oder Personen, die das Leben der Menschen erleichtern und verbessern wollen, sondern schlichte Ästhetik-Handwerker, einfach Stukkateure des Feinanstrichs und bescheidene Goldschmiede.

Gauck ist qua Amt ja kein eigentlicher Politiker. Er kann als Bundespräsident keine Gesetze anschieben und ist auch in Zeiten, die weniger vergoldet sind, kein Macher. Trotzdem ist er Produkt seines Zeitalters. Er mahnt wenig, lobt und beweihräuchert viel. Kritik an elitären Auswüchsen übt er zögerlich bis gar nicht. Aber die Sittenlosigkeit des ordinären Bürgers ist sein Thema. Er fabuliert von Freiheiten, die ein Gilded Age nur für Leute parat hat, die sie sich leisten können. Mehr Freiheit oder Demokratie zu wagen, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Er tupft unentwegt Blattgold auf Fassaden. Morsches wird nicht ersetzt, es wird vergoldet. Und er stellt sich hin und erklärt dazu, dass das die beste Lösung sei. Statt als rhetorischer Statiker, der das einsturzgefährdete Gebälk bemängelt, tritt er als eloquenter Verzierer auf, der dem Einsturz mit kleinen Schönheitsmaßnahmen entgegentritt. Ganz ähnlich verhielten sich jene US-Präsidenten des ersten Gilded Age. Nur noch ein wenig korrupter vielleicht.

Gauck hätte auch Staatsoberhaupt zwischen 1870 und 1900 sein können. Und Benjamin Harrison könnte heute auch als Bundespräsident residieren. Den Unterschied würde keiner merken. Es mag sich die Mode und die Bartkultur geändert haben. Die Art und Weise wie man den imperialen Raubzug des Westens mit goldigen Reden und glänzender Rhetorik verschleiert, ist immer noch dieselbe.

Und wollte man dann doch noch Äpfel mit Äpfeln vergleichen, so könnte man sagen, dass die Rolle jener schwachen US-Präsidenten und ganz generell der wenig einprägsamen Politiker jener Epoche, mit unseren Politikern durchaus vergleichbar ist. Sie sind so blass und konturlos wie jene damals. So getrieben von den Märkten wie jene einst von den Industriemagnaten. Einen Chester A. Arthur kennen heute nur noch wenige - so wird es einem Steinmeier oder einem Friedrich auch mal ergehen. Wenn die Zeiten golden sind, sind die Gesichter darin meist recht farblos. Und wer war noch mal Steinmeier?


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Tante Agathe, dieses perverse Luder

Samstag, 22. Februar 2014

Jetzt wollen sie den Handel mit Nacktfotos von Kindern unter Strafe stellen. "Gesetze verschärfen" nennen sie das. Dieses "Gesetze verschärfen" ist so ein blindwütiger Reflex deutscher Politiker. Mittendrin schreien sie das wie vom Tourette befallen. Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt oder wenn sie in Aktionismus geraten, rufen sie das in den Raum.

Sie wollen damit Grauzonen abschaffen und so die Kinderpornographie lückenloser verfolgen können. Aber mal abgeschaffte Grauzonen produzieren immer weitere Grauzonen. Das ist ein normaler Prozess zwischen legal und illegal. Wenn der Rand der Legalität plötzlich illegal wird, dann rücken neue Tatbestände an den Rand. Das sollte man als jemand, der das Wesen der Gesetzgebung kennt, eigentlich wissen. Und die meisten Minister und Abgeordneten sind ja Juristen. Wenn heute die Grauzone "Handel mit kindlichen Aktfotos" fällt, dann ist morgen Grauzone, wenn jemand Fotos seiner Kinder in Badehosen per Mail verschickt. Oder wenn jemand aus Elternstolz seinen Nachwuchs nackig ablichtet. Und wie heute der Stammtisch nach Maßnahmen ruft, die rein juristisch gar nicht ergriffen werden können, so wird er dann abermals eine härtere Gangart einklagen.

Solche Fotos stolzer Eltern gibt es auch in meinem Fotoalbum. Ich recke da meine Beinchen in die Luft und mein Pimmel ist deutlich zu sehen. Man sollte schließlich sehen, was für ein ganzer Kerl ich damals schon war. Ich dachte kurz daran, diesen Text mit diesem Foto zu zieren. Aber ich wollte niemanden blenden und meine augenscheinlich perversen Eltern zum Gegenstand einer Debatte machen. Und je mehr ich darüber nachdachte, ob ich ein solches Foto bringen darf oder nicht, desto mehr drängte sich mir noch eine juristische Frage und Spitzfindigkeit auf: Wenn jemand als Erwachsener Fotos von sich als nacktes Kind in die Öffentlichkeit stellt, macht er sich dann bald auch schuldig? Wiegt die Prüderie und der Kampf gegen das Pädophile schwerer, als das Recht am eigenen Bild? Und falls ja, sind dann Baby-Roberto und der jetzige formaljuristisch zwei verschiedene Personen?

Es ist ja nicht anzunehmen, dass alle Aktfotos von Kindern ganz professionell geschossen werden. Sicher, die reden viel von Profis und Porno-Ringen. Aber wahr ist ja auch, dass sexuelle Übergriffe am häufigsten im familiären Umfeld geschehen. Das sagen jedenfalls die Experten der Materie. Die meisten Fotos, die da so kursieren, werden welche sein, die irgendwelche Onkel oder Vettern von ihrer Verwandtschaft geschossen haben und dann ins Netz stellen. Wie kann man den Unterschied zwischen einem, der Fotos macht, um sich darauf einen zu wichsen und solchen, die solche Fotos machen, weil sie bei einem Familienfest zufällig entstehen, erkennbar machen? Wann weiß ich, ob Onkel Theo den schönen Augenblick oder der kleinen Pimmel in der zu engen Badehose festhalten wollte?

Aber ein Gesetz, das ein und denselben Tatbestand nur an der sexuellen Präferenz des Verursachers festmacht, ist eine verdammt ungerechte und auch juristisch unpraktikable Sache. Ich will es anders sagen: Diese Forderung ist nur umsetzbar, wenn man grundsätzlich jedes Nackt- und Unterhosenbild eines Kindes justiziabel macht. Der Besitz ist dann strafbar - aber nicht, wer es besitzt und welche sexuelle Ausrichtung dieser Besitzer hat. Dann trifft es aber auch Tante Agathe, die das Grillbuffet samt halbnackter Kinderschar im Hintergrund fotographiert und bei Facebook postet. So ein perverses Luder!

Es wird ja auf so viel onaniert und masturbiert. Man kann nicht alles verbieten. Es ist für mich unvorstellbar, wie sich einer auf Kinderbilder befummelt. Aber solange es nur Bilder sind, die unbedarft entstanden sind, die im Netz massenweise kursieren und die man an jeder Hecke zu einem privaten Garten heimlich knipsen könnte, muss eine freiheitlich motivierte Gesellschaft drüberstehen. Wenn sich einer einen auf Kerle im Anzug schrubbt, dann sagt doch auch alle Welt, das tut dem Anzugträger aus dem Otto-Katalog nicht weh. In solchen Katalogen sind aber auch nicht selten Kinder in Unter- oder Badehose zu sehen. Verbieten wir das auch? Sind Bademoden die Einstiegsvorlage?

Wo hört die Hysterie und Prüderie auf und wo beginnt ein vernünftiger Diskurs darüber? Wenn es überhaupt einen Diskurs braucht. Denn die Kinderpornographie ist ja definiert. Das Herumspielen im stillen Kämmerlein auf (halb-)nackte Kinderbilder ohne eindeutig sexuellen Bezug, der sich aus dem Bild ergeben muss, gehören nicht dazu. Wer jetzt beginnt, die Fetische sämtlicher sexueller Richtungen in Beschlag zu nehmen und zu verbieten, der schafft ein Klima der Angst und der Kriminalisierung. Mal abgesehen davon, dass jetzt Typen mitmischen, denen es ganz generell um die Einschränkung sexueller Freizügigkeiten geht. Denen kommt die Debatte um Kinderfotos gerade recht.

Aber der Islam gilt als körperfeindlich und rigide antisexuell. Wir schütteln den Kopf, weil in einigen islamischen Gesellschaften schon ein entblößter Fußknöchel zu hysterischen Anwandlungen führt. Die gezeigte Haut könnte ja Männer um den Verstand bringen. Synchron dazu erzeugen wir ein Klima, in der Kinderbademoden schon als so eine Art Vorhof zur Perversion gelten. Willkommen New Victorianism! Und wer jetzt sagt, dass man es ja auch übertreiben kann, wird selbst in die Schmuddelecke gedrängt, weil er sich zum Anwalt von Perversen macht. In einem solchen Klima ist Aufklärung nicht nur nicht möglich, es ist auch der Beleg dafür, dass die Aufklärung auf ganzer Linie gescheitert ist.


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Wie betriebsblinde Gastronomen, denen die Gäste ausbleiben

Freitag, 21. Februar 2014

Als Erdogan auf Staatsbesuch in Deutschland war, habe ich wieder mal am Drehknopf meines Autoradios rumgespielt. Ich landete nach You're All I Need To Get By - was selten genug gespielt wird - bei einer Frauenstimme, die die Kanzlerin ermahnte, sie möge bitte den türkischen Präsidenten auf die notwendige Rechtsstaatlichkeit in seinem Lande ansprechen. Nur mit ihr sei der EU-Beitritt denkbar. Einige Tage vorher hatte ich noch den TV-Film zum Fall Harry Wörz gesehen. Der fiel mir spontan ein. Und Gustl Mollath und die Angehörigen von Rudi Rupp. Oder Horst Arnold.

Über Korruption und Fakelaki in Griechenland wird man mit Berichten zugeschissen. Der flapsige Ton in den Morgenmagazinen zeugt davon, dass griechisch und korrupt quasi als Synonyme betrachtet werden. Über die Korruptionsanfälligkeit, die die EU-Kommission Deutschland attestierte, hörte man allerdings nur sehr sehr wenig. Außerdem sind wir gut darin, Korruption ins Legale und in die Legislative zu verlagern. Die Korruptionsquote ist in Deutschland ja auch relativ niedrig, weil sie durch Regierungsprogramme wie Moderner Staat - moderne Verwaltung reglementiert und kanalisiert wird. Die Angestellten aus der Wirtschaft, die in Ministerien arbeiten und bei Gesetzesentwürfen mitwirken dürfen, bekommen ihr Gehalt weiterhin von ihrem Arbeitgeber aus der Privatwirtschaft überwiesen. Ist das noch Korruption oder schon Korruptokratie? In Deutschland nennt man jedenfalls innovativ, was in Griechenland als korrupt gilt.

Und dann die Steuerunlust der griechischen Reichen, die man in den Medien dauernd belächelt. Klar, das ist eine gigantische Sauerei. Schlimmer ist da nur noch die Weigerung Europas, die Milliardentranchen nicht an Verpflichtungen zu knüpfen wie "Besteuert die Reichen endlich höher". Unglaubliche Zustände hat man da beschrieben. Sittenlosigkeit bescheinigt. Mittlerweile wirft man uns fast täglich ein neues Puzzlestücke ähnlich unglaublicher Zustände vor den Latz. Die geschehen aber in Deutschland. Hoeneß als das Big Business der Steuerhinterziehung und dann die ganzen kleinen Millionäre wie Schwarzer. Was unterscheidet uns genau von den Zuständen in Russland und Griechenland? Von den Oligarchen, die ihren Reichtum nicht teilen wollen? Gut, Hoeneß ist kein Reeder. Aber sonst so? Nennen wir unsere Oligarchen nicht einfach Würstelfabrikanten? Und die Flotte unserer Reeder gebrauchen wir im Adjektiv: Flotte Beine von Fußballern, deren Präsident man ist.

Die Türkei kommt wöchentlich aufs Programm. Die Polizei schlägt dort die Bürger. Und dann sind die Journalisten wie tollwütig, bringen stündlich einen Lagebericht und sind fassungslos. Ich sage nur Stuttgart oder Frankfurt. Und was war mit all diesen kleinen Polizeieinsätzen im deutschen Hinterland, bei denen Festgenommene misshandelt wurden? Nicht selten wurde das von Handy-Kameras festgehalten. Und all die rassistischen Ausbrüche von Polizei und anderen Uniformierten, wie beispielsweise den Bahn-Kontrolletis. Setz dich mal als Schwarzer in einen Zug - oder versuch von Berlin nach München zu fliegen. Da lernt man was Objektivität heißt: Schwarzfahrer und Schwarzer Passagier und Schwarzhäutige sind da dasselbe. Die Rasterfahndung mag juristisch gekippt worden sein - aber das Raster im Kopf der Ordnungshüter ist fest installiert.

Nein, damit soll gar nichts relativiert werden. Gewalt in der Türkei oder Unterdrückung in Russland sind Missstände. Aber dasselbe in Deutschland ist auch ein Missstand. Ich habe es satt, dass man ständig den Dreck aus dem Ausland kritisiert und verbessert sehen will, aber den Dreck vor der eigenen Haustüre und unter dem eigenen Sofa nicht wahrnimmt. Und die Affäre um Friedrich hätte jedenfalls auch locker in der Türkei passieren können.

Was ist diese Gesellschaft doch betriebsblind geworden. Dauernd sind die Medien so damit beschäftigt, all die "Gesellschaften in demokratischen Kinderschuhen", die um uns herum sind, zu erziehen, sodass sie ganz vergessen, dass auch dieses Land seine viel zu großen Füße immer noch (oder wieder) in Kinderschuhe zwängt. Manchmal denke ich, wir sind wie all die Gastronomen, denen die Gäste ausbleiben und die dann bei Rach oder Rosin durchklingeln - oder bei einem "seriösen Unternehmensberater". Die kommen dann in den Laden und sehen plötzlich Dinge, die der Kerl, der jeden Tag in seinem Betrieb verbracht hat, schon als ganz normal angesehen oder einfach nicht mehr gesehen hat. Aber verschlissene Polster im Gastraum sind halt eben nicht normal. Und Schlieren auf den Tellern auch nicht. Wenn er aber zur Konkurrenz geht, die auch eine verschlissene Sitzgarnitur den Gästen anbietet, dann widert ihn das an. Und von dreckigen Tellern isst er nicht.

Dass die Medien ihre Narrative auffächern ist ja nachvollziehbar. Irgendwer muss doch für gute Laune sorgen. "Die beste Regierung seit der Wiedervereinigung" hat ein Recht darauf, in einem glücklichem Land regieren zu dürfen. Aber dass mir ständig normale Leute begegnen, die den Unsinn auch noch glauben, die von russischen Verhältnissen in Russland sprechen oder von griechischen Zuständen in Griechenland, das ist schon sonderbar. Gut, auch sie sind jeden Tag in diesem gigantischen Betrieb namens Deutschland AG anzutreffen, laufen daher Gefahr, bestimmte Verschleißerscheinungen nicht zu sehen. Und die Unternehmensberater, die man sich engagiert, um einen objektiven Blick auf die ganze Angelegenheit zu werfen, sind ja selbst betriebsblind. Nicht wahr, McKinsey? Aber manchmal ist es doch so offenbar, dass auch wir gravierende Probleme mit der demokratischen Befindlichkeit haben.

Was hilft bei Betriebsblindheit? Vielleicht ein längerer Urlaub. Aber wohin mit all den Leuten, die dem Trott entfliehen wollen? Und am Ende landen sie in einem maroden Hotel auf Mallorca, in dem die Sanitäranlagen quietschen und kein richtiger Wasserdruck entsteht. Dann denken sie an ihren rostigen Wasserhahn daheim, der Wasser mit dezentem Eisengeschmack ausspuckt und finden, dass sie es mit Deutschland doch ganz gut getroffen haben. Die Corporate Identity funktioniert halt auch im Urlaub. Sie ist auch nur ein anderes Wort für Betriebsblindheit.


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Der Besserwessi ist zurück - jetzt sogar global

Donnerstag, 20. Februar 2014

Der Besserwessi ist zurück. Er belehrt aber nicht mehr Ostdeutsche, sondern ist auch in ihnen aufgegangen. Nun hat er einen globalen Auftrag.

Nach der Wende führten sich Westdeutsche gerne besserwisserisch und arrogant gegenüber Ostdeutschen auf. Die Menschen aus der DDR, so wurde vermittelt, hätten keinerlei Ahnung vom richtigen Leben. Ich erinnere mich an eine Werbekampagne eines Waschmittels aus jener Zeit. Da setzte man ostdeutschen Hausmütterchen im Kittelschurz eine westdeutsche Powerfrau in mondänen Sakko vor die Nase, die dann in völliger Verblendung erklärte, wie man seine Wäsche richtig sauber bekommt. Mann, war das peinlich! Aber so war das Lebensgefühl seinerzeit im Westen. Dieses ganze überhebliche Auftreten gebar ein neues Wort: den Besserwessi. Eine Kombination aus besserwisserisch und Westdeutscher.
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Kurz kommentiert

Mittwoch, 19. Februar 2014

"... Aktionäre erhalten dagegen häufig nur Almosen.
[...]
Denn Sonderdividenden sind aus der Mode gekommen. Und das ist die falsche Entwicklung.
[...]
Aber manche Dinge sind in dieser Hinsicht inzwischen aus der Balance geraten. Das Pendel ist vom ehemals überbetonten, reinen "Shareholder Value"-Prinzip weit in die Gegenrichtung ausgeschlagen."
- Carsten Knop, Frankfurter Allgemeine am 14. Februar 2014 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Aktionäre sind wahrscheinlich die wahren Geschädigten in unserer Zeit. Sie stecken ihr Geld in Unternehmen, lassen es dort arbeiten ohne dass sie selbst dabei schwitzen müssen - und bekommen dafür Dividende. Sonderdividenden aber nicht. Das ist natürlich eine Ungerechtigkeit. Und dass der Zeitgeist das "Prinzip Shareholders Value" ins Gegenteil verkehrt hat, ist natürlich der Abgesang einer ansonsten fairen Wirtschaftsordnung.

Unternehmen sparen nicht nur wie eh und je, sondern teilweise viel härter als je zuvor. Sie feuern Angestellte und erzielen höhere Umsätze mit weniger Belegschaft, verlagern Arbeitsplätze in Billiglohnzonen und stellen ihr Geschäftsmodell von sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern auf Mini- und Teilzeitjobber um. Weil die Freizügigkeit in der Europäischen Union zwar erlaubt, aber nicht fair reglementiert ist, können sie Tagelöhner aus Osteuropa anfordern, die nicht nur billig arbeiten, sondern oftmals auch noch wie Leibeigene auf dem Werksgelände in betreutes Wohnen gesteckt werden können. Das alles geschieht um wettbewerbsfähig zu bleiben, um die Gewinnmargen zu erhöhen und letztlich auch deshalb, um für Anleger interessant zu bleiben. Mit Renditeversprechen von anderthalb Prozent gewinnt man heute keinen Blumentopf mehr.

Das ist nicht bei allen so. Und bei manchen nur versteckt. Große Unternehmen wie Audi begünstigen nicht nur Aktionäre, sondern kennen auch Sonderausschüttungen an die Belegschaft. Aber die Zulieferfirmen und Subunternehmer, die im fetten Speckgürtel um das Werksgelände Teile fertigen, lackieren oder verpacken, gehen auch da leer aus. Die Mitarbeiter dort arbeiten für weniger Geld und ohne Gewinnbeteiligung, auch wenn sie am Gewinn dieses Konzerns mitwirken.

Diese Austeritätswirtschaft, die beim Arbeitsamt immer noch unter dem Namen Arbeitsmarkt firmiert, ist das Produkt einer Banken- und Börsenschattenwirtschaft, die nicht die begünstigt, die die Arbeit tun, sondern jene, die die Arbeit tun lassen. Doch für Knop scheint die Sache ganz anders zu sein. Er nennt die Dividende ein Almosen und tut gerade so, als nage jemand, der das Geld hat, um in Aktien zu investieren, am Hungertuch. Der Shareholders Value ist aber nicht aus der Mode gekommen. Er ist die Realität. Auf seiner Allmacht gründet alles Treiben. Er ist der Markt, der die Politik am Halsband festhält.

Die Shareholder machen oder kippen Gesetze. Aber in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen ist das noch nicht angekommen. Man müsste dort mal all die kleinen Lohnschreiber fragen, die jetzt freiberuflich mit von der Partie sind, um die Zeitung wettbewerbsfähig zu galten. Ob die es auch so sehen?


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Wer hat denn bitte den oder einen Schaden, Herr Friedrich?

Dienstag, 18. Februar 2014

Friedrich fiel schon lange als selbstgerechter und selbstverliebter Gockel auf. Gegen NSA-Kritiker gab er sich so und auch durch die Islam-Konferenz stolzierte er in dieser Weise. Seine aktuellen Äußerungen im Morgenmagazin bestätigen das nun noch mal - und zeigen noch ein wenig mehr. Nämlich, dass diese politische Kaste drauf und dran ist, sich einen Parteienstaat einzurichten, in dem Partei vor Recht kommt.

Es ist ja rührend, wie sich Friedrich jetzt zum Opfer seines verantwortungsvollen Charismas stilisiert. Er hat doch nur seine Pflicht getan. Und für wie "über den Gesetz" er sich wähnt wurde auch deutlich. "Wenn es ein Gesetz gibt, das einen zwingt, nicht Schaden vom deutschen Volk, von der Politik von Amts wegen abzuhalten, dann muss man dieses Gesetz sofort aufheben", sagte er empört. So ist das also. Die Gesetze, die es gibt, sind nicht richtig für Friedrich und können daher ohne großen Federlesens auch gleich abgeschafft werden. Und der Mann ist Anwalt ...

Was ist das eigentlich für ein Gerede vom deutschen Volk und dem von ihm vereitelten Schaden? Es wurde gegen Edathy ermittelt. Gegen Edathy und sonst keinem. Mancher Kleingeist hätte das auf die Sozialdemokratie bezogen. So sind die Mechanismen einer unqualifizierten Öffentlichkeit halt. Das heißt also, auch die SPD hätte vielleicht einen marginalen Schaden gehabt. Man hätte die Parteispitze nämlich gefragt, warum ein Mann mit einer solchen sexuellen Vorliebe für die SPD im Bundestag sitzt. Gabriel und Konsorten hätten dann antworten können, dass sie keine Kerze halten, wenn ihre Parteimitglieder ihre Sexualität ausleben. Und Gabriel empört sich doch sonst immer so herrlich. Da hätte er gleich noch nachschieben können: Wo sind wir denn eigentlich, dass Journalisten meinen, eine Partei durchleuchte ihre Mitglieder so völlig, dass kein privater Raum mehr bleibt?

Es wäre also so gesehen nicht mal unbedingt ein Schaden für die SPD gewesen. Aber man wollte lieber gleich vertuschen, um erst gar keine Diskussionen aufkommen zu lassen.

Nur eine Gruppe hätte ganz sicher keinen Schaden gehabt: Das deutsche Volk. Aber genau von dem spricht Friedrich nun ganz pathetisch. Denn für das deutsche Volk hat er Dienstgeheimnisse weitergereicht. Und hinter diesem Pathos steckt die ganze perverse Wahrheit, die Friedrich angetrieben hat: Denn vielleicht wäre die Sache so aus dem Ruder gelaufen, dass diese Koalition wieder zerbrochen wäre. Oder sich gar nicht erst formiert hätte. Denn als er verriet, gab es die Große Koalition nur als Hirngespinst. Und ein Deutschland ohne Große Koalition, das ist der Schaden, den Friedrich vom deutschen Volk abwenden wollte. Den Schaden meint er.

Hält dieser Mann denn alle für vollkommen blöd, sein Amt und das seiner Kollegen als allgemeinen Gewinn und Schadensbegrenzung zu verkaufen? Das Kabinett Merkel III als abgewendeten Schaden vom deutschen Volk zu deklarieren? Wer hat denn bitte genau den Schaden? Das deutsche Volk oder Friedrich?

Wenn wir es ganz genau nehmen, hat diese Form politelitären Dünkelns, den wir jetzt aus den beiden Lagern der Regierung vernehmen, keinen Schaden abgewendet, sondern bewirkt. Und das nicht, weil der Mann zurückgetreten ist. Nein, weil diese Bande sich einen Staat im Staate bastelt, in dem sie von Regelungen und Gesetzen befreit und in der es ein Gentlemen's Agreement ist, sich nicht mit kleinlichen Statuten und Klauseln aufzuhalten.

Nach nur zwei Monaten Großer Koalition hat sich bewahrheitet, was alle Kritiker vorher schon sagten: Die Demokratie und ihre Werte sind weiter im Sturzflug. Gleichheit vor dem Gesetz gilt nicht mehr. Erst die Parteien und ihre Macht, dann erst der Staat, der diese Parteien finanziert und ihnen erst eine Macht verleiht, die sie ganz sicher nicht verdienen.


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Im Felde unschlagbar

Ja, doch, der Mann passt wie die Faust aufs Hämatom. Jemand, der im Felde bewandert ist, kann auch mal über die Felder tingeln. Die gelbe Schleife an seinem Revers zeigt es an: Da ist jemand solidarisch mit "unseren Jungs" im Ausland. Er mag halt biologische Düngemittel, die den Eisengehalt des Bodens erhöhen. So wie Blut. Für den Boden. Alles ein biologischer Kreislauf. Alles Bio. Alles ganz nach EG-Öko-Verordnung. Man muss nur die Zusammenhänge sehen. Alles hängt mit allem zusammen. Ein solcher Landwirtschaftsminister ist ein Bodengewinn für das Ressort.

Die Schleife könnte durchaus etwas anderes meinen. Wikipedia schreibt ja, "... auch nichtmilitärische Initiativen nutzen dieses Symbol". Kann gut möglich sein. Mit einem Schuss Naivität kann man das glauben. Nur dieser Mann hat sich in seiner ganzen politischen Laufbahn nie mit Landwirtschaft befasst. Er galt stets als Verteidigungspolitiker und diente unter drei Verteidigungsministern als Staatssekretär. Bei dieser Affinität ist es doch naheliegend, dass das gelbe Schleifchen einen militärischen Hintergrund hat.

Aber was er vorher getan hat, ist an Tagen wie diesen nicht so sehr wichtig. Er ist Franke. Und das alleine zählt. Qualifikationen sind überbewertet. Herkunft und Proporz machen Karrieren. Aber wie es der Zufall so will, wurde es nun ein Franke, der obendrein ins Ressort passt. Nicht direkt, weil er weiß, wie man Zuckerrüben erntet oder so. Nein, er ist ein Mann, der im Hintergrund derer, die im Felde draußen waren und sind, arbeitete - und der nun selbst auf das Feld muss. Generalstabsmäßig. Im Stechschritt über die Krume. Der Landwirt ist der Krieger an der Heimatfront. Irgendwie hat das alles schon mal so schön ideologisch zueinandergepasst.

Ist das Polemik? Ja, schon ein bisschen. Aber wie soll man sonst auf diesen Hurra-Patrioten reagieren, der seine Kriegsbegeisterung jetzt in ein Ministerium trägt, das besonders anfällig ist für chauvinistische und nationalistische Töne? Die ganze Ware aus dem Scheißausland macht uns arm - wissen wir doch von manchem Bauer. Esst deutsche Erdbeeren! Klar, esse ich auch. Aber nicht weil sie deutsch sind, ich will mit ihnen ja nicht sprechen - sondern weil sie frisch vom Feld kommen. Wobei auch das nicht immer stimmt. Manche Leute machen daraus aber ein landwirtschaftliches Politikum und ein nationales Bekenntnis zum eigenen Boden.

Boden und Patriotismus sind so eng verbandelt. Man wird doch als Spargelbauer noch mal fragen dürfen: Warum schafft der Mann mit der gelben Schleife nicht einfach ein hübsches Ernteprogramm, das osteuropäische Helfer für einen Selbstkostenpreis anwirbt und dort den Mindestlohn aus Rücksicht auf die prekäre Situation deutscher Spargelbauern ausklammert? Nicht umsonst hat damals in der Landwirtschaft die stärkste Anfangsbegeisterung geherrscht - beim Boden geht das Blut los. Das ist so eine alte germanische Losung. Und dieser Typ scheint mir im Felde unschlagbar.


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Der Whistleblower, der die Sozis retten wollte

Montag, 17. Februar 2014

Was hat doch der Friedrich gegen Snowden geschossen. Nun ist er zurückgetreten, weil er selber sowas wie ein Whistleblower war. Das kann sich niemand ausdenken. Jeder Drehbuchautor von Format würde sich mit Grausen abwenden von der Plumpheit einer solchen Storyline. Aber diese Eliten sind eben nicht klüger. Der letzte, der sich mit "Ich komme wieder" am Ende seiner Vorstellung verabschiedet hat, war rosa und eine Großkatze. Paulchen Panther halt, der meinte "Heute ist nicht alle Tage - ich komm wieder, keine Frage". Das definiert den Zeichentrick-Horizont dieses Ex-Ministers hinreichend. Und nur bei solchen "Kapazitäten" sind solche Wendungen denkbar.

Dass Snowden Machtwissen geteilt hat, gefiel jedenfalls auch Friedrich, der ebenfalls sein Machtwissen geteilt hat, nicht besonders gut. Aber letzterer hat ja nur "Politiker informiert", während ersterer "Geheimnisse verraten" hat. Das sind die sprachlichen Finessen, mit denen die Medien und die PR-Agenturen jetzt arbeiten. So macht man aus dem schlechten Geheimnisverrat eine Bagatelle und aus dem guten Geheimnisverrat eine kriminelle Handlung. Und während die politische Kaste behauptet, Friedrich habe mit seinem Rücktritt "politische Verantwortung übernommen", war Snowdens Rücktritt als Spitzel nur ein weiterer Mosaikstein seiner verräterischen Selbstvergessenheit. Hat er nicht auch Verantwortung übernommen? Nicht nur seine Position, sondern gleich noch sein ganzes Leben hingeworfen?

Na sicher sind Friedrich und Snowden nicht vergleichbar. Denn der eine gab seine Einblicke preis, um damit mehr Transparenz zu erzeugen. Um die Öffentlichkeit in Kenntnis zu setzen. Der zum Landwirtschafts- gewordene Innenminister nutzte jedoch sein Ressortwissen dazu, um Intransparenz und vielleicht sogar Verschleierung loszutreten. Ganz unabhängig jetzt mal von dem, was an der Sache Edathy dran ist oder auch nicht. Darum geht es ja hier auch gar nicht.

Jede gute Sache birgt eine dunkle Seite. So gibt es zum Beispiel Pädagogik und schwarze Pädagogik. Zweitere meint Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung anwendet, um Lerninhalte zu verankern. Es gibt vermutlich auch Whistleblowing und schwarzes Whistleblowing. Zweiteres widersetzt sich der Dialektik der Aufklärung und gründet auf Machtarroganz und Machtinsiderwissen. Besonders tragisch, wenn das in Zeiten großkoalitionärer Omnipotenz geschieht. Es dokumentiert das Imponiergehabe dieses Mannes und die Selbstgefälligkeit derer, die dieses Machtinsiderwissen ohne Kritik einfach angenommen haben.

Es ist ja schon ein unglaublicher Fall von Lächerlichkeit, dass der Anti-Whistleblower-Minister zurücktreten muss, weil er sich selbst als Black Whistleblower erwiesen hat. Aber die Verteidigungsrhetorik Gabriels ist das Krönchen dieser Entwicklungen und die vollendete Dornenkrone auf dem Haupt seiner Partei. Friedrich wollte nur Schaden von der Sozialdemokratie abwenden, sagt er. Ausgerechnet der Hardliner Friedrich als Retter der SPD. Und Gabriel ehrt ihn auch noch dafür. Nun gut, warum auch nicht, die Parteispitze wusste ja, dass sie mit einem Mann in die Regierung gehen würde, der seine Amtsmacht auch mal missbraucht "um Gutes zu tun". Oder war dieser Dienst an der Sozialdemokratie vielleicht gar die Initialzündung? Hat das der SPD-Spitze gezeigt: Mensch, die sind ja gar nicht so mies. Die reichen uns auch mal die Hand. Die wollen uns nicht schaden.

Schramm zog sich zurück. Neues aus der Anstalt hat die guten Gesichter mit ihren scharfen Zungen gewechselt. Pispers macht sich rar. Und Hildebrandt ist tot. Das Kabarett wird leiser und gerät ein bisschen ins Hintertreffen. Aber das ist irgendwie alles nicht sehr verwunderlich. Das bisschen Lächerlichmachen, das die tragischen Entwicklungen rund um diese Bande selbstgefälliger (Polit-)Eliten begleitet, können auch noch gleich all diese Allround-Minister und ihre Faktotums in Parteivorständen besorgen. Ein Kabarettist muss manchmal viele Stunden an einen Gag basteln. Aber Friedrich oder Gabriel machen das nebenbei. Das ergibt sich bei ihnen von alleine.

Wie sie sich jetzt alle winden und so tun, als haben sie alle keinerlei Fehler begangen, das ist eigentlich ein lustiger Umstand. Ich lache allerdings erst später. Wenn diese Epoche durchgestanden ist. Als Typ auf einem mittelalterlichen Scheiterhaufen hätte ich auch nicht über den begrenzten Horizont dieser mittelalterlichen Pyromanen gelacht. Auch wenn ich ihre These, ich wäre für ihre Missernte verantwortlich, bestimmt zum Brüllen komisch gefunden hätte. Über die Begrenztheit des mittelalterlichen Menschen konnte man sich erst viel später lächerlich machen. Als der Alptraum vorbei war. Sollten wir diese Politik dreister und dazu noch minderbegabter Karrieristen irgendwann doch noch loswerden, dann lache ich ganz sicher auch - wahrscheinlich sogar befreit auf.


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Ich betrüge, also bin ich

Samstag, 15. Februar 2014

Ich habe mich mal erkundigt. Ein Konto in der Schweiz kostet rund 300 Euro im Jahr. Wird ein Kraftakt mir eines anzulegen. Und dann will es ja auch mal gefüllt sein. Von was, weiß ich noch nicht. Aber da in Deutschland mittlerweile jeder Maurer oder jede Lagerfachkraft eines hat, möchte ich nicht nachstehen.

Wie ich auf so einen Gedanken komme? Na ja, ich habe neulich mal eines dieser gut gelaunten Morgenmagazine gesehen. Als das mit der Schwarzer noch aktueller war. Die haben da in einem Einspieler explizit unterstrichen, dass Steuerbetrug kein Reichensport sei, sondern in allen Gesellschaftsschichten vorkomme. Unterlegt haben sie diese Botschaft mit Bildern eines mit Kelle und Mörtel arbeitenden Kerls; kurzer Schwenk und plötzlich befand sich der Zuseher in einem riesigen Hochregallager, in dem sich schemenhaft einige menschliche Gestalten abzeichneten. Ich nehme an, das sollte mir sagen: Hey, Kumpel, Maurer und Lagerist haben so ein Schwarzgeldkonto - und du?

Oder man wollte damit ausdrücken, dass die Reichen ihr Geld über die Grenze bringen und die, die auch schwitzen, wenn sie sich Geld in ihrer täglichen Tretmühle beschaffen müssen, tricksen halt bei der Steuererklärung. Als ob beides dasselbe ist. Und welche Möglichkeiten hat man denn schon, wenn man mit einem jährlichen Brutto von 23.000 oder 28.000 Euro auskommen muss? Da gibt es ja kaum Spielräume für nen netten Zuverdienst. Und welcher normale Kerl weiß schon, wie er seine Steuererklärung so konjugiert, dass dabei was rumkommt?

Aber egal wo man guckt, nach der Schwarzer las mal überall, dass man heute kein Mitleid mehr mit Steuerbetrügern kenne. Der moralische Druck steige. Und selbst die Straffreiheit für Selbstanzeiger sei nun auf dem Prüfstand. Gleichzeitig konnte man aber lesen, dass jeder Bürger mehr oder weniger bescheißt. Im Personalraum lag letzte Woche eine Bildzeitung herum, die mit Leuten titelte, die Bekenntnis ablegten: Auch wir haben betrogen. Selbst ein Pfarrer war abgelichtet. Wir sind halt alle keine Engel. Kaum ein Medium, dass nicht vom neuen Volkssport schreibt und berichtet. Das ist der neue Volkssport vom neuen Volkssport zu berichten. Schwarzer ist nur eine von uns. In uns allen steckt ein Hoeneß. Dieses ganze Herunterspielen zeigt mir nur eines: Von wegen kein Kavaliersdelikt mehr! Von wegen härtere Gangart! Ganz im Gegenteil, die stricken an der Legende vom menschlichen Makel der Steuerunlust, der an uns allen - ob arm oder reich - haftet.

Nee, wenn ich es mir so recht überlege, dann lasse ich das mal mit dem Konto in der Schweiz. Ich weiß ja nicht mal, ob die mich da noch reinlassen. Am Ende habe ich da 121,29 Euro vom deutschen Fiskus gerettet und die lassen mich nicht mehr einreisen, weil die Quoten für deutsche Steuerbetrüger für das Jahr schon erfüllt sind. Und als deutscher Maurer will ich mich nicht fälschlicherweise ausgeben, nur weil die noch unter Quote liegen. Am Ende wollen die noch, dass ich ihnen ihre Mauer hochziehe. Nee, ich lass es lieber sein. Bin ich halt mal wieder hintendran. So wie damals, als alle Welt ein Handy hatte, jeder Maurer, jede Fachkraft für Lagerlogistik und sogar die alte Schachtel von gegenüber - nur ich nicht.

Ob wohl alte Schachteln auch Kontos in der Schweiz haben? Bestimmt beim nächsten prominenten Hehler. Da wird irgendein Morgenmagazin einen Maurer und einen siechen Greis im Rollstuhl zeigen und behaupten, dass alle Welt betrügt. Im Grunde sei das menschlich. Und daher eigentlich kein schlimmes Vergehen. Lasst uns alle Mensch bleiben und dieses menschliche Bedürfnis nach Kontos bei den Eidgenossen nicht dramatisieren. Gegen die Conditio humana kann man doch nicht rebellieren. Gegen die Metaphysik nicht revoltieren. Die Bedingungen des Menschseins muss man akzeptieren. Ich betrüge, also bin ich.


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Sagt doch nicht immer Rechtspopulisten zu den Rechtspopulisten!

Freitag, 14. Februar 2014

Der Konservatismus zwischen Selbstmitleid und Beleidigtsein und ganz verloren in einer Welt, die keine Meinungsfreiheit für ihn zulässt.

Der Focus-Online-Experte Klaus Kelle schrieb sich diese Woche seinen Frust von der Seele. Er und viele andere Menschen könnten in Deutschland gar kein "kluges Wort" mehr sagen, ohne gleich zum Rechtspopulisten ernannt zu werden. Sein Artikel wuchert nur so von Larmoyanz und will den Leser vermitteln, dass der Konservative ein ganz armes Würstchen ist, weil er moralisch verfolgt wird und überhaupt keine Meinungsfreiheit mehr besitzt.

Es geht mal wieder um die "Political Correctness", die er jetzt im Zuge des Schweizer Votums zur Zuwanderung wieder am Rotieren sieht. Er findet, man dürfe die Initiatoren des Bürgerentscheids nicht als rechtspopulistisch bezeichnen, denn er kann "dieses Wort nicht mehr hören, dessen Gebrauch für alles und jeden, der nicht dem Mainstream folgt" gedacht ist. Das ist natürlich großer Unsinn. Denn Wagenknecht oder Gysi hat bislang noch keiner als Rechtspopulisten bezeichnet. Es kommt schon ein bisschen darauf an, was man so von sich gibt.

Kelle kommt natürlich auch auf Sarrazin zu sprechen. Und es ist wohl kein Zufall, dass in wenigen Wochen eben dieser Sarrazin ein Buch zum exakt selben Thema auf den Markt bringt. Weil die Kanzlerin damals Sarrazins Buch zwar nicht gelesen habe, seine Thesen aber als "nicht hilfreich" abkanzelte, ist der arme Mann nun auch als Rechtspopulist verunglimpft worden, erklärt Kelle besorgt. Das kennen wir ja nun seit Jahren. Alle die Sarrazin kritisieren, haben ihn nicht gelesen oder nicht verstanden und dürfen daher keine Kritik üben. Er ist nämlich gar kein Rechtspopulist, sondern nur ein aufrichtiger Mann, der von den Boshaften absichtlich missverstanden wurde.

Ein kluges Wort und "schon ist man ein Rechtspopulist". Das ist ja lachhaft. Sarrazin mag ein Klugscheißer sein. Aber klug? Und Kelle selbst? Läuft auch er Gefahr, rechspopularisiert zu werden? Möglich, denn er schreibt nämlich auch "besonders kluge Sachen" für eine Plattform, die sich FreieWelt.net nennt. Dort befasst er sich zum Beispiel mit der Relativierung rechter Gewalt durch "linksradikale Gewaltkriminelle", mit Lobesgesängen auf eine Kirche, die man aus Gründen der Spaßgesellschaft schleifen möchte oder mit Edward Snowden, der etwas Verächtliches für ihn getan hat. Den Artikel zu Snowden beginnt er übrigens ganz zynisch so: "Kennen Sie jemanden, der durch die Datenerfassung des amerikanischen Geheimdienstes NSA einen Schaden erlitten hat? Irgendeinen unbescholtenen Bürger, aus ihrer Nachbarschaft ..." Nein? Ergo: Dann hat die NSA gewissenhaft gearbeitet.

Um Kelle geht es hier nicht. Aber ich will trotzdem noch erläutern, was ihm bei Facebook so gefällt. Ein Auszug der Gruppen, die ihm zusagen: Pro Kernkraft, Die DDR war ein Unrechtsstaat, Freundeskreis Bischof Dr. Walter Mixa oder Wir stehen zu unseren Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz. Man sieht, er ist also völlig unverdächtig, jemand von Rechts zu sein. Vor allem diese letzte Gruppe ist interessant für einen Mann, der das Recht auf Waffenbesitz in den Vereinigten Staaten als bloße gesellschaftliche Entwicklungsfrage abtut. Die Demokratie-und-Anti-Kopftuch-Einsätze der Bundeswehr jenseits der westlichen Hemisphäre beantwortet er jedoch völlig gegenteilig mit Solidarität und Zustimmung. Westliche Länder haben ein Recht auf Nicht-Einmischung - andere können im Sturm genommen werden. Als ob der Paschtune nicht dasselbe Recht auf ein Sturmgewehr besitzt, wie ein Kleinstadt-Lehrer aus dem Mittleren Westen.

Was dieser Mann hier abliefert ist ein Paradebeispiel für die typische Weinerlichkeit des rechten politischen Spektrums unserer Tage. Es heult rum, weil es sich in einer notorisch linken Welt völlig unverstanden fühlt. Und in der gibt es nur Political Correctness. Was völliger Irrsinn ist, wenn man mal die Entwicklungen vor allem in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik betrachtet und sich die öffentlichen Themen und Meinungen mal so ansieht. Links ist da wenig bis nichts. Selbst die Political Correctness ist ein konservativer bis neoliberaler Code. Eine gesellschaftliche Konversationsvereinbarung, die sich aus konservativen Ansichten und neoliberalen Theoremen zusammensetzt und die noch einen ordentlichen Schuss Emotionalität enthält, um die notwendige Betroffenheit zu generieren.

Das sieht zugegeben manchmal links aus - ist es aber gar nicht. Wenn im Namen dieser Correctness Märchen in ein Eiapopeia-Deutsch übersetzt werden sollen, in denen Hexen nicht mehr verbrennen dürfen und das Rumpelstilzchen am Ende nicht im Erdboden versinkt, sondern von einem Facharzt für Psychologie aufgrund starker Stalker-Symptome behandelt wird, dann ist das keine linke Angelegenheit, sondern die Ideologie harmonischer Wir-machen-die-Welt-besser-Clowns, die am Abend bei einer Lesung von Sarrazin vollauf begeistert sind und am nächsten Morgen beim Zähneputzen eine Hannes Wader-CD einlegen. Diese Leute sind süchtig nach allseitiger Verträglichkeit. Das hat mit einem linken Weltbild ungefähr noch so viel gemein, wie die bayerischen König Ludwig-Romantiker mit dem modernen Konservatismus in der INSM.

Nee Leute, die Öffentlichkeit ist keine linke Veranstaltung - aber für solche Typen muss sie es sein, damit sie ihr Selbstmitleid auch publizieren können. Das war schon damals so, als Sarrazin in genau dieselbe Kerbe schlug und wimmerte, er könne seine Meinung gar nicht richtig sagen. Dabei saß er in jeder Talkshow und tat genau das. Über Wochen und Monate hinweg. Und danach war er auch noch sauertöpfisch, weil er ja nie eine Chance bekommen habe, seine Thesen richtig zu erläutern. Ja, so sind sie. Immer feste druff auf die Araber und dann sind sie böse, weil nicht alle voller Ehrfurcht aufstehen, um zur rassistischen Brühe zu gratulieren.

"Meinungsfreiheit muss her", beendet Kelle dann auch seinen Text. Nachdem er seine Meinung aufgeschrieben und veröffentlicht hat, versteht sich. Nein, diesen Leuten geht es nicht um ihre freie Meinung. Die sagen sie ja auch ganz offen und bekommen nicht selten entweder Gehör oder sogar Applaus dafür. Mit Meinungsfreiheit meinen diese konservativen Kreise: Erst sagen wir unsere Meinung und dann sollen alle dafür sein und nicht mehr lange fackeln und für die schnelle Umsetzung etwaiger Veränderungen sein. Meinungsfreiheit ist für Leute wie Klemme oder Sarrazin die Freiheit, dass ihre Meinung auch offizielles Programm sein sollte. Dass ihre Meinung aber aufgegriffen und angegriffen werden kann, gehört zum Verständnis dieser Freiheit für sie nicht dazu. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit heißt dann auch Sarrazins neues Buch. Man darf nicht gespannt sein. Er wird das skandalöse Wirken der Öffentlichkeit beschreiben, als sie sein Buch Deutschland schafft sich ab nicht als neue Bibel gefeiert hat. Nicht mal mehr richtig Eugenik predigen darf man in diesem Land des Tugendfurors. Der Kelle stimmt nur schon mal auf den neuen Sarrazin ein.

Er ringt in seinem Text nebenher auch noch für die AfD. Das passt gut, denn sie nennt man gerne, wenn es darum geht, dem amerikanischen Tea Party Movement ein deutsches Pendant zu verpassen. Und genau diese selbstmitleidige Weinerlichkeit dominiert diese Bewegung jenseits des Atlantiks ebenfalls. Drüben sind es die Liberalen, die den Konservativen "das Leben unmöglich machen". Auch sie fordern die Freiheit, ihre Meinung kundtun zu dürfen, ohne diskreditiert zu werden. Das machen sie ganz pathetisch, mit Verweis auf die Verfassung - sie sind ja gute Staatsbürger. Dazu gibt es viel Zorn auf die verweichlichten Liberalen, die ihnen am liebsten die Meinung verbieten würden. Aber keiner von denen tut das. Macht nichts, trotzdem verkünden sie großkotzig: Wir lassen uns unsere Meinung nicht verbieten! USA erwache! Das Geheule um die Meinungsfreiheit, die diese Leute angeblich nicht besitzen, hält den globalen Konservatismus zusammen. Was ist aus dieser politischen Richtung nur für eine Bande von Klageweibern geworden.

Und dass viel von dieser ganzen Meinung, die diese Gestalten für sich beanspruchen, nicht mal Meinung ist, sondern die Vorbotin zum Verbrechen, lassen wir heute mal unkommentiert. Ich sende nur noch kurze Grüße an Herrn Henryk B., der Herrn Anders B. aus Norwegen eine schriftliche Erwähnung in seinem Manifest wert war.


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Der Bau der Odenwaldhölle

Donnerstag, 13. Februar 2014

Für die Bewohner des Örtchens Knoden (Odenwald) wird die Energiewende zu einer Frage der Gesundheit. Sie leben jetzt in keinem Dorf mehr, sondern in einem Weiler – und einem solchen kann man Windkraftanlagen auch in den Vorgarten pflanzen.

Seit Beginn dieses Jahres tobt ein Streit in Südhessen. Die Odenwälder, besonders die, die "im Niemandsland zwischen Birkenau und Rimbach" leben, fühlen sich von der Frankfurter Allgemeinen und von Antonia Baum diskreditiert. Baum schrieb für das FAZ-Feuilleton von ihrer Jugend in der Odenwaldhölle, von "diesem Stück Germany", in dem es vor unästhetischen Orten und scheußlichen Spießigkeiten nur so wimmelte. Dieses Gemisch machte sie "kaputt in Kopf".

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Mugen wol die besten sîn ...

Mittwoch, 12. Februar 2014

Peter Hartz berät François Hollande und Daniel Bahr soll Obamacare retten. Was kommt als nächstes? Klaus Zumwinkel als Konsultant der griechischen Post oder Friedrich Merz als Kopf einer Brüsseler Kommission, die über die soziale Gerechtigkeit tagt? Mir jedenfalls kommt es vor, als positionierte diese Kanzlerin nach und nach das deutsche Wesen in der Welt.

Sie schwärmen aus, die Vertreter der deutschen Herrenart, der Herrenökonomie, um der Welt zu zeigen, wie man angemessen lebt, wie man richtig arbeitet und wirtschaftet, wie man nützlich für seine jeweilige Gesellschaft wird und wie die jeweilige Gesellschaft nützlich wird - für Deutschland. Hollande hat es jetzt endlich eingesehen. Und es gibt ja doch keine Alternative. Bahr wird die amerikanische Krankenversicherung so gestalten, dass auch deutsche Pharmaunternehmen etwas von diesem historischen Reförmchen haben. Wie kleinkariert diese Neonazis mit ihrem Deutschland den Deutschen doch waren und sind. Darüber ist die hiesige politische Klasse schon lange hinaus. Die Welt den Deutschen! Nicht als physische Besatzungsmacht, sondern durch psychische Infiltration. Das pedantische deutsche Wesen im Verbund mit dieser aggressiven Ökonomie ergibt ein Sendungsbewusstsein auf Weltniveau.

Um das deutsche Wesen, das ganz besonders anständig, gut und unübertroffen ist, ging es immer wieder. Von der Gründerzeit bis zu Wilhelm Zwo war es so. Emanuel Geibel schrieb in jenen Jahren ein Gedicht über Deutschlands Beruf, das damals wie heute passend ist. ... Macht Europas Herz gesunden ... / ... Macht und Freiheit, Recht und Sitte / Klarer Geist und scharfer Hieb / Zügeln dann aus starker Mitte / Jeder Selbstsucht wilden Trieb / Und es mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen, schrieb er voller Stolz. Später ging es um das neue Deutschland, das erwacht war und der Welt seinen neuesten Stempel aufdrücken wollte. Aber selbst schon der olle Walther von der Vogelweide dichtete Ende des 12. Jahrhunderts ... tiuschiu zuht gât vor in allen ... / ... Von der Elbe unz an den Rîn ... / ... mugen wol die besten sîn / die ich in der werlte hân erkant - Deutsche Art und Bildung übertrifft alle anderen ... / ... Von der Elbe bis an den Rhein ... / ... da leben gewiss die Besten / die ich in der ganzen Welt gefunden habe.

Was nur treibt deutsche Eliten nur immer wieder dazu, ihre Typus anderen aufnötigen zu wollen? Selbst das Amt des Bundespräsidenten, das sich im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik zu einer (meist) mäßigenden und moralisierenden Institution entwickelt hatte, ist heute mit dem Eifer der Sendung beschäftigt. Klar hat Gauck recht, wenn er zum Beispiel die Todesstrafe in Indien kritisiert. Ethisch betrachtet. Aber diplomatisch? Da reist er nach Indien und sagt den Leuten, wie sie ihr Leben zu organisieren haben. Als Kerry vor kurzem in Deutschland war, mahnte er übrigens nicht an, dass die Vereinigten Staaten die Todesstrafe endlich abschaffen sollen. Denn die USA sind auch mit ihr ein Rechtsstaat. Besserwessi haben die Leute im Osten Westdeutsche genannt, die ihnen das Leben erklären wollten. Man muss offenbar gar kein Westdeutscher sein, um ein solcher Besserwessi zu werden. Im Namen des Westens ist man ja ohnehin immer besser.

Im Durchschnitt wollen die Eliten dieses neuen Deutschlands nicht leben. Hierzu lassen sie den pathologischen Neoliberalismus ausschwärmen und den nationalen Pathos aufwärmen. Hierzu zieht der Läufer Hartz auf g5 und der Bauer Bahr zwei Felder vor auf h4, derweil von der Leyen von Verantwortung spricht und Steinmeier diese Äußerungen dick unterstreicht und von Gauck absegnen lässt. Diese Eliten wollen Weltpolitik machen und die Welt nach ihrer ökonomischen Marschrichtung laufen lassen. Wollen das die normalen Leute eigentlich auch?

Neulich war ich in Konstantin Weckers neuen Solo-Programm. Er las aus seinem autobiographischen Werk Die Kunst des Scheiterns vor. Auch jene Passage, in der sein Vater ihn vor den Wehrdienst bewahrte. Der habe gesagt, dass er selbst nicht bei den Nazis Soldat gewesen sei und nun werde auch sein Sohn nicht zum Militär gehen. Das sei bei den Weckers eben so, las Wecker vor und schob nach: Das hätte ich auch Frau von der Leyen schicken können. Viel Applaus, der das Gelächter erstickte. Oder Herrn Gauck, setzte er nach. Wieder Applaus. Und genau das macht Hoffnung. Wenigstens so ein bisschen.

Jedenfalls sind sie gegen direkte Kriege. Bei der klammheimlichen und angebotsorientierten Kriegserklärung gegen Demokratie und den darin enthaltenen Partizipationsgedanken, den sie Agenda 2010 nennen, sieht es weniger rosig aus. Dieser Krieg mit den friedlichen Mitteln des Verwaltungsaktes ist so in "vernünftige Argumentationen" und "dialektische Auseinandersetzungen" verstrickt, dass man die Propaganda kaum richtig erkennen kann. Der Krieg bringt vielleicht nicht mehr das Beste des Mannes hervor. Das haben wir nun eingesehen und sind deshalb gegen ihn. Das erledigt nun unsere Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, die wir der Welt überstülpen. Sie aktiviert nun das Beste in den Menschen. Eigeninitiative statt Heldenmut, Zumutbarkeit statt Kameradschaft. 1984 ist auf vielen Ebenen aktuell. Auch dort, wo Frieden Krieg ist oder andersherum.


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Aus fremder Feder

Dienstag, 11. Februar 2014

"Auch Schulbildung war nur eine Falle. Das bißchen Bildung, das zu mir durchgedrungen war, hatte mich nur noch misstrauischer gemacht. Was waren denn Ärzte, Anwälte, Wissenschaftler? Doch auch nur Menschen, die sich die Freiheit nehmen ließen, selbständig zu denken und zu handeln."

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Auge um Auge, Bürgerrecht um Bürgerrecht

Montag, 10. Februar 2014

Als Kind hat mir mal einer aus meiner Schulklasse meine Mütze geklaut. Ich fand sie später wieder. Mit Löchern. Also stahl ich ihm die Mütze und riss ein hübsches Loch in den Stoff. Ich hatte keine zweite Mütze, also konnte er sich nicht revanchieren. Das hat zu Deeskalation des Streits erheblich beigetragen.

Dass wir uns gleich richtig verstehen: Das was dieser SPD-Innenexperte namens Michael Hartmann nun als Vorschlag in die Runde warf, ist kein kleiner Mützendiebstahl. Er spricht sich dafür aus, dass man die Vereinigten Staaten mit Gegenspionage strafen soll. "Wer uns ausspäht, muss damit rechnen, dass er seinerseits ebenfalls Zielobjekt wird", sagt er. Er hat schon die Sprache kalter Krieger und Geheimdienstler für sich entdeckt. Spricht ganz ungeniert von Objekten und Zielen. Sein Ansatz klingt natürlich logisch. Gleiches mit Gleichem vergelten ist irgendwie menschlich. Aber eben auch Unsinn. So lässt sich kein Recht herstellen. Wohl aber Eskalation. Und in diesem speziellen Falle die langsame Bereitschaft, eigentlich zu schützende Bürgerrechte aufzulösen. Denn wer die Privatsphäre von Menschen über den Atlantik nicht respektiert, der kann auch nicht mehr für mehr Respekt gegenüber Bürgerrechten einstehen.

Auge um Auge, Bürgerrecht um Bürgerrecht. Talionsgesetz nennt sich dieser Spaß. Ein alttestamentarischer Rechtssatz, der damals sogar fortschrittlich war. Denn er sagt ja auch: Wenn dir einer ein Auge aussticht, bring ihn nicht gleich um, stich ihm einfach auch ein Auge aus. Heute würde man den Spruch so übersetzen: Strafen müssen angemessen sein. Die Frage ist also, ob es angemessen ist, für Bürgerrechte einzustehen indem man Bürgerrechte nicht wahrt.

Gandhi soll mal gesagt haben: "Auge um Auge - und die ganze Welt wird blind sein." Die Fortführung dieses Zitates wäre: Bürgerrecht um Bürgerrecht - und irgendwann haben alle vergessen, dass es sowas wie Bürgerrechte überhaupt je gab.

Aber der Hartmann meinte doch nur, dass man den US-Präsidenten oder einige Senatoren abhören sollte (und amerikanische Firmen natürlich), wird mancher Befürworter des Vorschlags als Einwand anbringen.
Hat er das? Ist das nicht ein gemachter Anfang für mehr? Für das Belauschen normaler US-Bürger?
Und was hätten wir davon, wenn wir US-Bürger durchleuchten?, könnte so ein Befürworter da erneut kritisch hinterfragen.
Eben, das frage ich mich ja auch schon die ganze Zeit. Was haben denn amerikanische Behörden davon, wenn sie normale Bürger in Europa abhören? Gemacht haben sie es trotzdem. Weil sie es können.

Wie auch immer: Dieser von Revanchegelüsten geleiteter Einfall entstammt dem Trauerspiel, das seit geraumer Zeit vom Niedergang und der Verrohung der politischen Funktionselite kündet. Wer Bürgerrechte und Privatsphäre schützen will, der muss deren (Wieder-)Herstellung fordern und darf nicht zum selben Mittel greifen. Der antibürgerrechtlichen Schlafmütze Hartmann sollte man selbe wegnehmen und ein Loch hineinschneiden. So wie ich es damals mit meinem Klassenkollegen gemacht habe. Mütze um Mütze - auch auf die Gefahr hin, dass bald keiner mehr eine hat um was drauf zu bekommen.


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Die Flucht der Frau vor den Frauen, die Sozialhilfe benötigen

Samstag, 8. Februar 2014

Bravo, Alice Schwarzer! Erneut hat sie als Vorkämpferin der Emanzipation eine Marke gesetzt und von sich Reden gemacht. Im Sinne der Gleichstellung wie sie sie meint war das längst fällig. Warum sollen nur Männer Steuerflucht begehen dürfen? Wer sich beruflich selbstverwirklichen und Geld verdienen darf, so mag sie sich gedacht haben, der soll auch das Finanzamt und die Gesellschaft prellen dürfen. Die Kerle tun es doch auch.

Früher parolierten Feministinnen "Mein Bauch gehört mir!" - heute gibt uns die Feministin zu verstehen: Mein Geld gehört mir. Man muss mit der Zeit gehen. Früher ging es noch um Bürger- und Menschenrechtliches in der Sache. Heute um das Recht derer, die gut verdienen. Sie sind halt alle oben angekommen und kämpfen jetzt von dort aus gegen Ausbeutung. Nur der Ausbeuter hat sich geändert. Vormals war es der Mann - jetzt ist es der Staat, der die Leistungsträgerin schröpft, um davon die Hartz IV-Pomeranze durchzufüttern. Mensch, früher hat eine Frau nicht mal Leistungsträgerin sein und Steuern hinterziehen können. Schwarzer hat viel für die Frauen geleistet.

Für Verkäuferinnen sind die Positionen, die Schwarzer heute so vertritt, nichts als eine auf Genitalien fokusierte Folklore ohne Realitätsbezug. Seien wir doch mal ehrlich: Die Gleichheit der Löhne ist in diesem unteren Segment des Arbeitsmarktes schon lange umgesetzt. Alle verdienen geschlechterübergreifend wenig. Aber die Schwarzisten trichtern uns ein, dass es immer noch um Frau gegen Mann geht. Nicht etwa um arm gegen reich. Lohnungleichheiten mögen irgendwo in der Einkommensliga 5.000 Euro aufwärts besonders ausgeprägt sein. Aber da geht es auch nicht mehr um Überleben und um schlafraubende Sorgen, weil man seine Stromrechnung kaum bezahlen kann. Bei normalen Angestellten sind die Aussichten übergeschlechtlich genauso beschissen. Es geht doch Schwarzer schon lange nur noch darum, eine Gleichstellungsbeauftragte für jenen Teil der Frauenschaft zu sein, der oben angekommen ist. Das hat sich über Jahrzehnte so entwickelt.

Für die Gleichstellung hat sie ganz zweifelsfrei viel getan. Ihr Weltbild war jedoch immer gewöhnungsbedürftig. "Sind Frauen die besseren Menschen? Nicht unbedingt. Sie sind nur ohnmächtig ...", schrieb sie vor vielen Jahren. Ohnmächtig in einer männlichen Welt. Oder verständlicher: Die Frau ist nur manchmal schlecht, weil es den Mann gibt. Und als Opfer sieht sie sich ja auch jetzt. Sie hat nur noch nicht gesagt, welcher Mann sie zur Steuerhinterziehung trieb.

Wahrscheinlich war sie aber auf andere Weise von einer Ohnmacht befallen. Einer, die sie als Leistungsträgerin einem Staat auslieferte, der ihr schwer verdientes Geld einsammelt, nur um Schmarotzer zu finanzieren. Es war vermutlich, wie bei mehr oder weniger allen Steuerbetrügern, die Flucht des Geldes vor dem Zugriff eines Staates, der ja nicht richtig mit Geld umgehen kann und es auch noch selbstgerecht verpulvert. Für sinnlose Brückenbauprojekte und Arbeitslose. Sozialismus! rufen manche Leistungsträger ja auch gerne in voller Blindheit dieser Umstände. Kennen wir ja alles. Hatten wir schon. Der Hoeneß hat deswegen sogar gewimmert wie ein Bub bei der Tetanusimpfung.

Bei Schwarzer war es allerdings noch ein wenig mehr: Es war unter anderem die Flucht der Frau vor den Frauen, die Sozialhilfe benötigen. Nicht mal für ihre in Elend lebenden Geschlechtsgenossinnen hatte sie sozialstaatliche Sympathie. Aber hat man sie je etwas über die Lage von Frauen in Arbeitslosigkeit reden hören? Hat sie je die Not von Hartz IV-Empfängerinnen thematisiert? Komisch eigentlich, denn Ein-Euro-Jobberinnen hat sie schon mal wahrgenommen. Bei der Emma wollte man vor Jahren mal welche "einstellen".


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Als der Löwentrainer ging und keiner richtig hinsah

Freitag, 7. Februar 2014

An den Tag, da Karsten Wettberg bei den Münchner Löwen entlassen wurde, erinnere ich mich noch gut. Ich weiß nicht mehr genau, wann das war. Irgendwann im Juni 1992. Ich las im Teletext des Bayerischen Fernsehens davon und versuchte dann, mehrere Infos zu erhaschen. Der Mann war schließlich sowas wie ein Held meiner Kindheit. Da will man doch informiert sein. Ich lauschte im Radio, wartete die Nachrichten ab - aber nichts. Immer wieder bemühte ich den Teletext und schaltete abermals das Radio an. Nichts und nichts. Ich war ja noch jung, hatte sonst nichts zu tun und hatte noch nicht genug gelitten, um Relationen setzen zu können. Internet gab es als Massenmedium noch nicht. Kein TV-Sender brachte dazu was. Nur in der Rundschau eine kurze Nachricht dazu. Mehr gab es nicht. Der Löwentrainer ging und keiner sah richtig hin.

Das ist heute anders. Damals waren die Löwen Zweitligist. Wenn heute ein Zweitligist seinen Trainer feuert, dann wird man eingedeckt mit Informationen. Man bekommt ein Dutzend Statements, Einschätzungen und frustrierte oder erfreute Fans zu hören. Einige Privatsender blenden im Ticker nicht nur die Kündigung, sondern gleich noch Spekulationen zur Nachfolge ein. Wenn ein Präsident nachlegt und noch etwas zur Personalie sagt, bauscht man es auf und reiht es ein in dieses Spalier lückenloser Informationen. Radiosender verweisen stündlich in den Nachrichten darauf und basteln sich Features. Das geht über viele Stunden so. Eine Live-Schalte zur Pressekonferenz ist selbstverständlich. In Sport 1 sitzen abends Experten in gemütlicher Runde und sprechen ausgiebig über diese Entwicklung. N24 nimmt später dann der Nachricht die Priorität und blendet sie ab den Abendstunden nur noch sporadisch ein. Dass ein Anhänger eines Zweitligisten so ratlos nach mehr Informationen zu den Entwicklungen in "seinem Verein" sucht, so wie ich damals, als der Löwentrainer ging, ist heute eigentlich ausgeschlossen.

Damals wusste ich wenig, weil man mir wenig mitteilte - heute würde ich wenig wissen, weil man mich mit Mitteilungen erschlagen würde. Das wird mir jedoch nicht widerfahren, denn ich weiß mittlerweile die Relevanz einer solchen Nachricht von einer Trainerentlassung richtig einzuschätzen. Sie ist im Grunde nur eine Marginalie. Dass sie trotzdem so viel Beachtung findet, das ist auch so eine Entwicklung, die das Privatfernsehen, das in den letzten Wochen sich selbst ein heroenhaftes Jubiläum genehmigte, angestoßen hat. Es hat eine Prioritätenverschiebung im News-Wesen angeschoben und die Nichtigkeitsverbreitung zur hohen Schule eines Journalismus gemacht, der virtuos zwischen Boulevard und halbseriösen Themenkomplexen balanciert. Ein präzedenzträchtiges Beispiel liefern aktuell die Geschehnisse um den Skiunfall von Michael Schumacher. Über die kann man ja mal berichten. Aber braucht es diese Lückenlosigkeit, um ausreichend informiert zu sein?

Diese Berichteflut vom Krankenbett Schumachers hat mich in eine tiefe Sehnsucht nach begrenzter Auswahl versetzt. Sicher, als es das Privatfernsehen noch nicht gab, da waren die offiziellen Kanäle spießig und rochen nach medialem Altertum. Aber ich glaube, das war immer noch besser als diese Hopsasa- und Tralala-Kultur, in der die Nichtigkeit zu einer Botschaft von großer Tragweite modelliert wurde.

Mancher wird sich gewundert haben, dass ich am Anfang dieser Zeilen davon sprach, damals noch nicht genug gelitten zu haben. Ich denke dabei an ein Zitat Ciorans, das mir neulich zwischen die Finger kam: "Geschwätz ist jede Konversation mit einem, der nicht gelitten hat." Das trifft es im Bezug auf das Privatfernsehen ganz gut. Es ist ein Programm von Menschen und für Menschen, die noch nie gelitten haben. Jemand, der das Leben wirklich kennt, der kann diesem Fest des Flachsinns nichts abgewinnen.

Das große Hurra auf das Privatfernsehen, das man vor einigen Wochen auch im Feuilleton nachblättern konnte, muss als Androhung begriffen werden, dieses Land auch weiterhin mit Randnotizen zu versorgen, die das Wesentliche verdrängen oder gar ersetzen. Die Nichtigkeitsverbreitung wird auch weiterhin die Relevanzkompetenz der Menschen aushöhlen. Geringfügigkeiten werden Konjunktur haben, Bagatellen das Agenda Setting beeinflussen, Quark wird Stoff, aus dem Stories sind und der Pappenstiel bleibt Gegenstand endloser Diskussionen in U-Bahnen, Bussen, am Arbeitsplatz oder beim Friseur. Und das ist wahrlich kein Grund zur Freude. Diesen Übergang zur Dominanz der Privatsender habe ich jedenfalls mit einem Abflauen von Wichtigkeiten zugunsten des Bullshits wahrgenommen. Und das eben nicht nur auf Ebene der Privatsender alleine, sondern mittlerweile auch verstärkt bei den öffentlich finanzierten.

Alles übertrieben? Na, ich weiß nicht. An der Schwelle zum Erwachsenwerden jagte dieses Land ein sächsisches Hausmuttchen durch die Medien, nur weil die nicht fähig war, das Wort Moschn-droht-zahn richtig auszusprechen. Nicht genug, dass der Typ mit der grellweißen Zahnleiste ein Lied daraus bastelte. Boulevardmagazine stellten der Frau regelrecht nach. Ich kann mich erinnern, wie ich als junger Mensch teils fasziniert teils fassungslos zusah, wie diese Frau durch die Straßen ihres Heimatortes gejagt wurde. Von Journalisten, Pöbeltouristen und belustigten Anwohnern. Am Arbeitsplatz redeten die Leute darüber. Die Zeitungen schrieben davon und ich ertappte mich, dass ich meiner Mutter, die damals in Spanien ihren Urlaub verbrachte, davon am Telefon berichtete - ganz so, als ob es etwas Wichtiges wäre.

Neben solcher Art von Unterhaltung sahen Berichte über Busenvergrößerungen oder Schwanzverlängerungen fast schon wie Sachthemen aus. Und die Trainerentlassung eines unbedeutenden Vereins aus der Zweiten oder gar Dritten Liga wirken daneben fast schon wie Themen von hoher Priorität. Wenn irgendwann ein Soziologe die Wirkungsgeschichte des Privatfernsehens schreiben wird, dann muss er ganz tief in den Niederungen der Irrelevanz fischen und sich mit Themen befassen, die eigentlich gar kein Thema sind.

Eine solches "wirkungsgeschichtliches Manuskript" habe ich schon vor vielen Monaten skizziert. Es verwaist in meiner Schublade. Vielleicht sollte ich es wagen. Selten waren die Chancen besser, um aus Scheiße Gold oder wenigstens ein bisschen Geld zu machen. Das Privatfernsehen macht es vor.


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Unsere arrogante Art paranoid zu leben

Donnerstag, 6. Februar 2014

In seinem kurzen Aufsatz über John Quincy Adams, den sechsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, beschreibt der Historiker Hermann Wellenreuther, wie die internationale Diplomatie mit dem noch jungen Staat in Übersee umging. Er spricht von der "Herablassung, mit der europäische adelige Diplomaten den Repräsentanten der amerikanischen Republik begegneten". Aus diesem Grund habe sich der noch junge Adams, als er Außenminister seines Landes war, stets als "nach außen kontrolliert, kühl, scharfzüngig bis verletzend" gegenüber europäischen Diplomaten aufgeführt. Wir kennen das, denn dieses weltmännische Auftreten hat die Zeiten überdauert.

Der Adelsdünkel der alten Welt war es, der die politischen Eliten der noch jungen Republik in Rage versetzte. Die restaurativen Kräfte wollten ein Staatsgebilde, dass ganz ohne die Führung von Blaublütern auskommen wollte, nicht anerkennen. Dieser Haltung kam das republikanische Sendungsbewusstsein mit Arroganz bei, die sich bis in die Selbstgefälligkeit steigern konnte. Der amerikanische Hang zum Isolationismus, der später in der Monroe-Doktrin erste Gestalt annahm, dann in der Zwischenkriegszeit exzessiv betrieben wurde und jetzt, im Kielwasser des NSA-Skandals neuerlich zur Option zu werden droht, hat dort seine Wurzeln.

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Der Anstieg, der ein Rückgang war

Mittwoch, 5. Februar 2014

Mitte letzter Woche hieß es, dass es seit Dezember letzten Jahres rund 263.000 Arbeitslose mehr in Deutschland gibt. Aber bitte keine Panik, bat unter anderem der Wirtschaftsexperte des SWR Rheinland-Pfalz im Radio. Das sei saisonbereinigt gesehen ganz normal. Und nicht nur das. Wir stehen sogar besser da als gedacht - und besser als letztes Jahr. Der Anstieg ist eigentlich ein Rückgang.

Wenn Kälte und Eis Saison haben, so sagen die Arbeitsmarktstatistiker, dann gibt es in bestimmten Sparten einfach weniger Beschäftigungs-möglichkeiten. Das klingt auch ganz nachvollziehbar. Aber warum wirkt sich dieser verhältnismäßig milde Winter, den der größte Teil der Republik seit Monaten erlebt, nicht positiv auf die ohnehin frisierten Arbeitslosenzahlen aus? Wäre dieser warme Winter nicht Grund genug dafür, dass diesmal der Übergang von Dezember zu Januar ohne Einbrüche vonstatten geht? Man muss doch nur mal mit offenen Augen durch die Städte fahren. An Baustellen wird trotz faktischen Winter gearbeitet. Und die Gastronomie war bis kürzlich terrassentauglich. Wir reden hier immerhin von zwei Branchen, die sonst im Winter kürzertreten müssen.

Klar, die letzten Winter waren kalt. Da konnte man diese Beschwichtigungen noch glauben. Der kalte Winter hemmt die Entwicklungen am Arbeitsmarkt, ist da so ein Standardsatz. Das klingt ja auch überzeugend. Dieses Jahr sieht das etwas anders aus. Während ich hier im kurzen Hemd sitze und daran denke, wie ich noch vor zwei Tagen einen Kaffee an frischer Luft schlürfte, kommt mir die Erzählung eines Familienangehörigen in den Sinn. Bis Ende dieses Jahres habe er wohl Arbeit. Als Leiharbeiter. Der Entleihbetrieb brauche ihn aber vielleicht länger, kann ihm aber dann nicht erneut verlängern. Also wird ihn die Leihfirma dann eine Weile entlassen und dann wieder einstellen. Von jemand anders habe ich gehört, dass er sich von Jahres- zu Jahresvertrag hangelt. Und beide Personen sind nicht in Sparten beschäftigt, denen der harte Winter zusetzt. Sie arbeiten in Werkshallen, in der Industrie.

Ist das nicht vielleicht der viel wesentlichere Grund für diese Einbrüche an den Jahresübergängen? Zeitverträge, die nach Kalenderjahr getaktet sind? Und was ist mit den Maßnahmen, die die Jobcenter in die Wege leiten, um ihre Statistiken rosa zu färben? Zu Jahresende enden Ein-Euro-Jobs und Bewerbungstraining - und auch die ganze Armutsindustrie (Einrichtungen wie das Kolpingwerk oder die Strahlemann-Initiative) geht in den Urlaub. Jahresübergreifend sind solche Maßnahmen eher selten.

So gesehen ist das Tief am Jahresanfang nicht das Resultat kalter Winter. Schon gar nicht, wenn sie so wenig kalt sind wie aktuell. Es ist die Richtigstellung der über das ganze Jahr geleisteten Verklärung der Situation. Da müssen die Behörden jetzt wieder ganze Arbeit leisten, um den aktuellen Anstieg der Arbeitslosenzahlen über die nächsten Monate per Kurse und Maßnahmen oder durch Erteilung von Minijobs auf Fünf-Wochenarbeitsstunden ins Jubelhafte zu regulieren. Das ist politisch wichtig, denn dass die Agenda 2010 ein absoluter Erfolg ist, muss immer neu bewiesen werden. Sonst kauft es uns Hollande nicht ab und die Griechen wehren sich gegen weitere Reformen. Hartz IV für alle Welt geht nur, wenn Arbeitslosenzahlen in Deutschland nur steigen, weil das Wetter nicht mitspielt. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

Alles Verschwörungstheorie? Klar. Die Kritiker dieser Arbeitsmarktpolitik haben ja keine Ahnung. Aber vor kurzem hieß es noch, dass die deutsche Wirtschaft floriere und der ifo-Geschäftsklimaindex, dieses Lesen aus den Innereien der Managergilde, gab sich optimistisch. Bis die Zahlen vom Weihnachtsgeschäft bekannt wurden und man las, dass es da massive Einbrüche gab. Wahrscheinlich hatten die Deutschen dieses Jahr keine Lust auf Weihnachten, weil sie so ganz ohne Schnee nicht in Weihnachtsstimmung kamen. Saisonbereinigt, also mit eingerechnetem harten Winter, sähe alles ganz anders aus. Der Einbruch ist also auch hier keiner - mittels Einberechnung der periodischen Schneekomponente, die aus Indizes wie Schneedeckenmächtigkeit und Neuschneehöhe berechnet und die das statistische Mittel der Schneedichte berücksichtigt, ergibt sich womöglich, dass die Menschen mehr konsumiert haben als in den Jahren zuvor.

Man kann das alles nicht mehr ernst nehmen. Die Stimmen, die uns die Zahlen verlesen, klingen alle wie zynische Märchenerzähler oder gar esoterische Beschwörer. Der zwanghaft optimistische Ton des Wirtschaftsexperten, der aus dem Radio zu mir sprach, ärgerte mich bis ins Aggressive. Wem will er was beweisen? Als er seine Durchhalteparolen erledigt hatte, fasste der Moderator noch mal zusammen. Das war zu viel für mich. Ich wechselte den Sender und landete wo, wo sie Lookin' Out My Back Door spielten. Ich drehte lauter und sang mit. Nach eine Weile fragte ich mich: Was hat mich denn gerade beschäftigt, Mensch? Doo doo doo, es war irgendwas, was mich verärgerte. Später fiel es mir erst wieder ein. Sonst gäbe es ja diesen Text nicht.


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Zu Ohren gekommen

Dienstag, 4. Februar 2014

Unsere Epoche scheint beispiellos zu sein. Jedenfalls könnte man diesen Eindruck erlangen, wenn man so hört, was die Medien alles verbeispiellosen. Jede Woche ein neuer Fall von beispielloser Tragweite. Zuletzt waren es die demographische Entwicklung, die NSA-Affäre oder Hartz IV als Erfolgsmodell. Alles ohne Beispiel. Derzeit firmieren unter diesem Etikett Artikel zu einem Hochhaus-Abbruch in Bockenheim - und so gut wie alle Empfehlungen für diverse Kandidaten für den Friedensnobelpreis sind mit diesem Adjektiv ausgestattet. Dieses Bemühen des Wortes beispiellos ist wirklich beispiellos.

Es handelt sich hier um ein Adjektiv der allgemeinen Alternativlosigkeit. Wer an politische Entscheidungsfragen mit der neoliberalen Losung Es gibt keine Alternative! herantritt, der ist natürlich darum bemüht, die Gründe seiner Entscheidung so auszumalen, dass sie möglichst keine andere Entscheidung zulassen. Wenn zum Beispiel (!) die Arbeitsmarktsituation beispiellos schlecht ist - wie um das Jahr 2000, als Deutschland zum kranken Mann geschrieben wurde -, dann ist die Entscheidung namens Hartz IV quasi alternativlos. Deswegen wehren sich die Befürworter der Agenda 2010 gerne gegen die Kritik, die diese Beispiellosigkeit leugnet oder wenigstens in Zweifel zieht. Denn wer daran zweifelt, dass es ähnliche Beispiele noch nie gab, der macht die logische Konsequenz aus alternativlosen Handeln heraus auch anstössig.

Die Rettung des Euro ist auch so ein beispielloser Vorgang - oder sagen wir so: Der Vorgang ist alternativlos, aber die Gründe, die zu einer Rettung auf Basis dieser Austeritätspolitik führten, die erklärt man für beispiellos. So sieht eine grundlegend falsche Politik plötzlich ganz anders aus. Besser und richtiger. Und selbst wenn Menschen dann zweifeln an dieser Politik, kann man ja sagen: Leute, die Sache war so beispiellos, wir wussten es eben nicht besser, aufgrund fehlender Beispiele in der Geschichte. Bei allgemeiner Beispiellosigkeit kann man auch mal geschichtsvergessen sein. Und da die gewaltsamen Übergriffe an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Sozialisten damals so beispiellos waren, kann man heute auch so beispielhaft gegen die ins Land kommenden Roma wettern oder gegen Moslems hetzen.

Die "mathematisch Formel namens beispielloses Szenario = alternativlose Reaktion" ist Ausdruck einer politischen Mentalität, die bereit ist, alles in einen Zustand der Singularität zu befördern. Geschichte als Reservoire menschlichen Erfahrungsschatzes verblasst da. Passend dazu wird der Geschichtsunterricht an Schulen geschrumpft. Wenn alles singulär erscheint, also kein Beispiel findet in ähnlichen Konstellationen, dann ist jede Maßnahme letztlich vielleicht richtig. Und die Verbrämung zur alternativlosen Handlung ist nicht mehr weit. Vieles was in der modernen Welt geschieht mag tatsächlich ohne Beispiel sein - oder sagen wir: ohne adäquates Beispiel. Aber die stetige Benutzung von beispiellos ist ein Freifahrtschein für beispiellose Politik. Es ist ein Modewort einer Epoche, die beispiellose Sensationsgier mit beispielloser Geschichtsvergessenheit paart und dabei beispiellose Alternativlosigkeit gebiert.


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Wisse, wo dein Platz in der Gesellschaft ist

Montag, 3. Februar 2014

Über die Festschreibung des Niedriglohnsektors.

Die Fläche, die der flächendeckende Mindestlohn abdecken wird, ist nur eine sehr kleine. Ein Ausschnitt der Gesamtfläche gewissermaßen. Es gibt so viele Ausnahmeregelungen, dass Millionen Menschen davon ausgeschlossen sein werden. Diese Arbeitsmarktpolitik bedient sich des Mittels der Exklusion und schafft die Grundlagen eines Zwei-Klassen-Arbeitsmarktes.

Es ist ja nicht nur so, dass man arbeitenden Rentnern, Schülern, Studenten, Aufstockern, Praktikanten, Auszubildenden, Einsteiger in der Arbeitsmarkt nach Hartz IV-Bezug und vor allem Minijobbern mehr Geld vorenthält. Man sagt diesen Leuten auch indirekt, dass ihre Arbeit einen geringeren Wert hat. So wenig Wert, dass man sie selbst von diesem eigentlich viel zu niedrigen Mindestlohn ausschließt. Sie gehören zur Fläche, die man eigentlich abdecken wollte, nicht dazu. Es sind arbeitende Parias, denen man weiterhin 5,70 Euro in der Stunde zahlen kann. Gesinde, das politisch gewollt weiterhin bis an den Rande der Unsittlichkeit ausgebeutet werden darf. Wir reden hier von Leuten, die aufgrund ihrer geringfügigen Beschäftigung, wie es im verächtlichen Amtsdeutsch heißt, ohnehin nie gesellschaftliche Anerkennung bekamen. Und von Leuten, die nebenher Hartz IV beziehen müssen und als Belastung der Sozialkassen gelten. Die können sich anstrengen wie sie wollen. Aus dieser Ecke kommen sie nicht mehr raus. "Arbeit muss sich wieder lohnen" ist ein Slogan, der für sie nicht gilt - nicht gelten soll.

Der Mindestlohn sollte ja die Auswüchse im Niedriglohnsektor wenigstens etwas regulieren. Und genau der Teil der Erwerbslosen, der besonders darunter leidet, wurde als Preis für einen Koalitionsvertrag ausgeschlossen. Die Konservativen erzählten etwas von Arbeitsplatzverlusten und mangelnder Finanzkraft von Unternehmern. Deshalb brauche es Ausnahmeregelungen. Und die sind ihnen immer noch nicht genug. Das waren hübsche Argumente, die die Konservativen da vorbrachten. Übersetzt haben sie aber gesagt: Tastet uns ja nicht unseren schönen Niedriglohnsektor an. Wir brauchen Leute, die hart arbeiten und dabei nicht sonderlich gut verdienen. So bleiben wir in Europa wettbewerbsfähig. Wir wollen Exportweltmeister bleiben. Da müssen uns doch Leute ohne Anspruch auf Mindestlohn nur recht und billig sein - und vor allem billig bleiben.

So wie der Mindestlohn kommen soll, fixiert er den Niedriglohnsektor lediglich. Er bekämpft ihn nicht. Er degradiert Millionen Menschen zu Arbeitnehmern zweiter Klasse und verunmöglicht es nahezu, je aus dem Hartz IV-Bezug herauszukommen. Denn wer Leistungen von Jobcenter bezieht hat kein Anrecht auf den Mindestlohn und wer daher weniger als Mindestlohn verdient, muss aufstocken gehen und bezieht also Leistungen vom Jobcenter und hat damit wieder keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Eine Tautologie. Was war zuerst da? Ei oder Huhn, Hartz IV oder verweigerter Mindestlohn?

So gesehen ist dieser Mindestlohn nicht nur die Festschreibung des Niedriglohnsektors, sondern auch eine Garantie dafür, dass man diesem Sektor lebenslang verhaftet bleibt. Dieser Mindestlohn sagt: Wisse, wo dein Platz in der Gesellschaft ist. Und verdammt nochmal, bleib dort.


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Der Tag, an dem ich die Vorzüge eines Doktorenlebens genoss

Samstag, 1. Februar 2014

Schon wieder so ein Doktor, der keiner war. Gut, andere Doktoren waren gar keine. Der Scheuer wurde wenigstens nur als Doktorchen geoutet. Mit Titeln, die man einfach mal voranstellt, haben schon ganz andere Erfahrung gemacht.

Als ich vor Jahren einen Facharzttermin wahrnahm, verlangte man von mir, dass ich einen Fragebogen ausfüllen sollte. Alle neuen Patienten müssten das tun. Hierzu händigte man mir ein Klemmbrett mit einem Formular darauf und einen Kugelschreiber aus und wies mich ins Wartezimmer. Das war gerammelt voll. Die Leute rennen immer gerade dann zum Arzt, wenn ich hin muss. Ich füllte das Teil aus, legte das Brett hierzu auf meine Knie und legte los. Meine Schrift litt darunter. Sie sah aus wie das Geschmiere eines lustlosen Apothekers. Als ich es vollendet hatte, gab ich es am Schalter ab und richtete mich auf Stunden ein, die ich mit Bild der Frau und einem Ärzteblatt erträglich gestalten wollte. Ich hatte es mir gerade so richtig ungemütlich gemacht, da schreckte ich auf.

Denn nach nur zehn Minuten lugte die Arzthelferin in den Wartebereich und bat einen Dr. Lapuente ins Sprechzimmer. Ich stand auf und folgte ihr. Erstaunlich, wie schnell man sich an so einen Titel gewöhnt. Ich musste nicht mal überlegen, ob denn im Wartezimmer einer saß, der zufällig Lapuente hieß. Nee, ich machte keine Anstalten und ergriff meine Chance und fügte mich übergangslos in die Rolle eines Akademikers ein.

Die Ärztin war freundlich. Na, Dr. Lapuente, wie kann ich Ihnen helfen? Ich stellte nichts klar. Es gefiel mir. Nicht der Titel selbst. Aber diese Vorzugsbehandlung, die es offenbar in Doktorenleben so gab, gegen die wehrte ich mich nicht. Als De Lapuente war es immer anders, war man eben nur ein Kassenpatient. Gut, der war ich als Dr. Lapuente auch, aber halt auf höherem Niveau. Das ging dann auch das ganze Gespräch lang so. Ich wurde andauernd mit Namen und Titel angeredet. So viel persönliche Ansprache kennt ein Typ wie ich sonst nicht. Dr. Lapuente hier, Dr. Lapuente dort, Dr. Lapuente ist Ihr Stuhlgang normal? - Er ist fest und stinkt, alles in Ordnung, vielen Dank Frau Doktor.

Am Ende kam heraus, dass ich bei der netten Ärztin völlig falsch war. Meine Unpässlichkeit passte wohl besser ins Beuteschema eines anderen Facharztes. Wenigstens ist das jetzt von der Seite meines Fachgebietes abgeklärt, Herr Dr. Lapuente, sagte sie am Ende und drückte mir herzlich die Hand. Ja, vielen Dank auch, liebe Frau Doktor, antwortete ich und bemühte mich um ein wenig akademische Konzilianz. Fast wollte ich Frau Kollegin sagen, aber Doktor ist ja nicht gleich Doktor. Bis heute wissen die Leute in dieser Arztpraxis nicht, dass sie einem falschen Doktor aufgesessen sind.

Was ich mit der Geschichte sagen will? Hm, ich weiß nicht so genau. Muss man immer Hintergedanken haben? Doch wenn ich genauer darüber nachdenke, dann habe ich das vielleicht nur erzählt, um nicht irgendwann mal als Blender entlarvt zu werden. Nicht, dass irgendwann eine dieser Schreckschrauben, die bei der Ärztin am Empfang arbeiteten, mich auf einem Plakat sieht und der Bildzeitung steckt: Dieser Mann war ein falscher Doktor! Von diesem Vorwurf bis zur Schlagzeile Er hat mich befummelt! ist es dann nicht mehr sehr weit.

Na ja, gut, noch was fällt mir als Grund ein, warum ich das erzähle: Man sieht also, wie nett man behandelt wird, wenn man sich mit einem hübschen Titel ziert. Dass der gegelte Landadlige oder dieser Scheuer nicht darauf verzichten wollten, kann man aus dieser Perspektive sogar fast verstehen. In einem Land, in dem man nur was gilt, wenn man ein Statussymbol aufweisen kann, also entweder Geld hat, einen Schlips oder einen Titel, muss man mit Tricksern und Betrügern rechnen. In gewisser Weise ist diese Mentalität der Leute mitschuldig daran, dass es solche Blender gibt.

Ich vermisse meinen Doktortitel manchmal. Nur eine Stunde hatte ich ihn. Aber es war eine gute Stunde. Danach wurde ich nur noch einmal so gut behandelt. Das war, als ich bei einem Juwelier Batterien für meine Armbanduhr kaufen wollte und, weil ich schon mal da war, ein wenig die Auslage bewunderte. Da trat die Verkäuferin heran, deutete auf eine Uhr und meinte, dass dieses Modell von Cartier stark reduziert sei. Es kostete aber immer noch gut nen Tausender. Ich antwortete nur, dass Geld keine Rolle spiele und lächelte beschämt. Sie aber hatte meinen Armutszynismus mit einer dicken Geldbörse verwechselt und beriet mich vorzüglich.


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