Über deutsche Zustände

Donnerstag, 16. September 2010

Ein Gastbeitrag von Nadia Shehadeh.
"Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens."
- Antonio Gramsci in "Gefängnishefte", H. 28, § 11, 2232 -
Stellte man sich in letzter Zeit die Frage, ob in Deutschland gegenwärtig nun eher die leistungspolitischen oder aber die psychopolitischen Diskurse das gesunde deutsche Volksempfinden mobilisierten, so komponierten in mancher Menschen Hirn die Synapsen-Troubadoure vielleicht folgende Melodie: "Aaaah, darüber lieber nicht so viel nachdenken! Das geht vorbei, und an meinem Hintern sowieso! Und überhaupt, das sind vielleicht alles Probleme, aber meine sowieso schon mal gar nicht!" Manch anderer fragte sich vielleicht gar, wo sein Hirn sich gerade befände, so dass andere ihm zurufen wollten: "Verdammt, diese Schwabbelmasse, die meinen wir! Dieses Glibberzeug, das sich in deinem Kopf befindet, und dein Kopf, das ist diese Kugel da, die etwa einen Meter über deinem Arsch hängt!" Und die nüchternen, geduldigen Kreaturen unter uns nahmen sich vielleicht einen Moment Zeit, um trotz des Gestanks dieser hysterischen Flatulenz leicht bräunlichen Gedankengutes (und ja, an alle anderen, schreit doch: "Vielleicht hat ER da aber Recht bei der ein oder anderen These, und hat es nur etwas ungeschickt rübergebracht und sich mit den Genen einfach verheddert! Das kann doch mal passieren! ER ist doch auch nur ein Mensch!") sich mal hier und da auch noch mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Zum Beispiel mit der aktuellen Shell-Studie. Der junge, frische Nachwuchs unseres schwarz-rot-güldenen Landes, so stellte diese fest, sei frohgemut und ordentlich durchgebürstet, interessiere sich für Politik und sei überhaupt so eine süß-aufgeweckte Ausgeburt an Optimismus, dass es einem schon fast kariös werde im Mund. "Doch, Obacht!", wird dann weiter erklärt, "diese euphorischen Charakteristika gelten nur für die Schnöselkinder! Für die Blagen solcher Menschen, deren Hosentaschen bis zum Fußboden runterhängen da sie voll gestopft sind mit Geld!" Die Kinder der Armen, die sich stattdessen am gammeligen Bodensatz unserer Gesellschaftspfanne laben müssen, hach, um die hingegen sei es arg schlecht bestellt. Resigniert seien sie, und da ahnt man, dass das bei jungem Blut, das noch nicht über ein Mindestmaß an Altersmilde verfügt, ganz arge Verwüstungen hinterlässt. Und weiter wird angeführt, dass in Deutschland die Schichtundurchlässigkeit weiterhin so stabil sei wie die gute industriell hergestellte Vliesbinde in extra starken Babywindeln: Bildungserfolg hänge in Deutschland so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in sonst kaum einem Land.

Dieses Forschungsergebnis, das seit Jahren dasselbe ist, jedoch gegenwärtig von mancher Journaille heute als le plus nouveau résultat gefeiert wird, verheißt weiterhin komfortables Zurücklehnen bei den Speckmaden unserer Gesellschaft: Sofern bei deren Kindern nämlich etwa ein Symptom wie Grenzdebilität vorhanden wäre, sei es trotzdem wahrscheinlich, dass sie gemütlich in ihrer Schicht verharren, vielleicht sogar groß Karriere machen! Dass dies möglich ist, zeigen uns manche Würdenträger in Politik und Wirtschaft. Ganz nach dem Motto "Wer lesen kann, der kann auch schreiben!" verfassen einige dieser Grenzbegabten sogar Bestseller. Man frage sich, ob es sich beim Verhältnis "Atmen und Blähen" vielleicht genauso verhalte! Doch egal, sei es drum, das Schöne ist: Die fröhlichen, politikbegeisterten Kinder des Establishments, sie trauen sich was! Sie gehen auf die Straße! Sie protestieren! Gegen Atom, gegen den Umbau des Bahnhofs in Stuttgart, gegen Umweltzerstörung, gegen Tierquälerei! Sie haben Arsch in der Hose! Das ist alles ehrenhaft und liebenswert, aber die Schnösel-Kinder wären ja dümmlich, würden sie zusätzlich zu diesem noblen Engagement auch noch für Bildungsreformen das Maul aufreißen! Als ob der Politikpennäler Marius es für wünschenswert halten könne, wenn noch mehr Murat-Molukken ihm seinen Platz als töfter Musterstudent streitig machen würden. Wo kämen wir denn da hin, gerade in Zeiten wie diesen?

Gehen wir aber doch noch tiefer, um die Frage nach der Möglichkeit der Menschen, sich an jeder Dummheit hysterisch begeistern zu können, nicht einfach nach postmoderner Manier verschwinden zu lassen. Da hilft ein Blick in eine weitere Studie: "Deutsche Zustände" heißt diese und präsentiert seit einigen Monden alljährlich empirisch belegt die Auswüchse der Barbarei unserer modernen deutschen Zivilgesellschaft westlicher Prägung. Der zuletzt erschienene achte Band beschäftigte sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Krise (und ich wette mit Euch: ER hat niemals auch nur einen Band dieser Studie gelesen!), und kam unter anderem zu dem Schluss, dass vor allem die mittleren Schichten, die sich dadurch auszeichnen, dass sich ihr Status auf Einkommen und nicht auf Besitz gründet, abgefahren sensibel sind für Entwicklungen, die ihnen diesen Status abziehen könnten. Heißt, dass diese Schicht versessen darauf ist, andere Bevölkerungsgruppen verantwortlich zu machen für die eigene Status-Angst. Und so trägt sie, die Mittelschicht, maßgeblich dazu bei, dass diskriminierende Einstellungen sich so schnell ausbreiten. Tadaaa! So einfach können Kernnormen wie Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness zum Wackeln gebracht werden. Dazu hätte es vielleicht noch nicht einmal SEIN Buch gebraucht. Doch sei`s drum: Versuchen wir auf den Pessimismus des Verstandes und den Optimismus des Willens zu setzen. Und hoffen wir darauf, dass sich das undurchlässige Schichtsystem Deutschlands bald selbst abschafft.



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Hitler bis auf weiteres unschuldig!

Mittwoch, 15. September 2010

Man kann Thilo Sarrazin nicht kritisieren, bevor man sein Buch gelesen hat, raunte es mehrfach aus dem Blätterwald. Alle Kritiker sollen sich zurücknehmen, stillhalten, wenigstens so lange, bis sie "Deutschland schafft sich ab" gelesen haben. Ohne Einblick kein Überblick - und somit keine Kritik. Zwar weiß man grob, worauf Sarrazins Abhandlung hinaus will, kennt einige Passagen und Aussagen: aber das alleine reiche einfach nicht aus. Es bleibe unlauter, ungelesene Bücher oder deren Quintessenz zu bemängeln.

Tatsächlich ist dieses Anbringen eines Totschlagarguments eine historische Begebenheit. Ab heute soll nichts mehr kommentiert, bewertet oder kritisiert werden, was nicht auch vorher gelesen wurde. Über Hitler kein Wort mehr - jedenfalls kein bewertendes, kein kritisierendes Wort mehr. Denn wer hat schon "seinen Kampf" gelesen? Kommentierte Ausgaben vielleicht: aber die zählen nicht, die könnten Verfälschungen bergen, könnten ideologisch kommentiert worden sein - so wie einschlägige Passagen des wackeren Sarrazins in der linken Journaille verrissen und entstellt wurden. Hitler hat ab heute nicht mehr als liederlicher Bluthund die Kommentarbereiche zu zieren - das kann erst dann geschehen, wenn sein Elaborat gründlich, ganz penibel gelesen wurde. Ohne "Mein Kampf" gelesen zu haben, hat die Presse über geschichtliche Ereignisse jener Tage moralinbereinigt zu berichten. Kritik an Hitler kann sich nur der Leser Hitlers erlauben!

Sicherlich, man weiß ja, wohin Hitlers Machenschaften führten. Das konnte man bereits 1933 sehen, als die ersten Maßnahmen gegen unliebsame Subjekte lauthals bejubelt wurden - aber das darf nicht zählen. Das zählt heute ja auch nicht! Jetzt, da man sehen kann, wie sich die Stammtische aus ihrer Bierseligkeit erheben, um ein ganzes Land an ihren Suff zu infizieren. Es wird gut sichtbar, wie niederste Instinkte selbst heute noch hochkochen, wenn einer Bücher schreibt, die sich gegen Unterschichten und Ausländer richten - da kommt die ganze Potenz eines Volkes zum Vorschein, das sich gar fürchterlich ausgebeutet wähnt, gegen die wahren Ausbeuter aber nicht zum Schlage kommt. Da muß ein Surrogat her, Sündenböcke zur allgemeinen Entspannung - und es braucht giftige Werbetexter, die dicke Bücher schreiben, um die Frustration zu schüren.

Nicht an den Taten lassen sich demnach Gesinnungen erahnen: an den Worten sollen wir sie messen! An geschriebenen Worten, denn gesagte Worte verhallen in der Luft. Papier ist Wahrheit. Und wer die papierne Wahrheit nicht heranzieht, der darf auch nicht kritisieren. Der darf heute Sarrazin nicht tadeln und er darf konsequenterweise auch Hitler nicht zerpflücken., sofern er ihn, wie die Mehrzahl der Menschen heute - und damals schon, wie Historiker berichten -, nicht gelesen hat. Ohne gelesenes Buch, kein Recht auf Kritik! Dass viele Experten Hitlers Staubfänger gelesen haben, das gilt nicht. Es gilt ja auch nicht für den Kritiker heutigen Schlages, dass er sich auf etwaige Aussagen von Personen stützt, die Sarrazins Buch gelesen haben. Sich selbst ein Bild machen!, raten ihm dann die Befürworter des Stammlers. Und einige Zitate aus "Mein Kampf" sagen auch noch nichts über Hitler aus - Sarrazins sagen ja auch nichts über ihn aus; nicht über ihn, nicht über sein Weltbild. Nur der pingelige und gewissenhafte Leser erwirkt sich Kritikbefugnis.

Sicher, Sarrazin ist nicht Hitler. Der Vergleich verbietet sich insofern. Aber wenn nur das Totschlagargument gelten soll, wonach nur derjenige Kritik üben darf, der das Buch gelesen habe, dann müssen auch all jene schweigen, die heute im täglichen Rückblick auf damals von Hitler schreiben und dessen Buch nie angefasst haben. Gälte das Argument, so hätte Hitler als netter Mann zu zählen, denn gälte es, so gälte auch für ihn die Unschuldsvermutung - so lange jedenfalls, bis man in seinem Schund geschmökert und seine publizierte Schuld beweisen kann.



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De auditu

Dienstag, 14. September 2010

Mit dem Verdachtsmoment Kindesmissbrauch ist man zuweilen schnell zur Hand. Dies hat dramatische Auswirkungen, wie schon Mitte der Neunzigerjahre Katharina Rutschky und Reinhart Wolff unter dem Label "Missbrauch mit dem Missbrauch" verschlagwortisierten - nicht ohne in den Ruch pädophiler Sympathie zu geraten. Was bei der Debatte zu kurz kam: der Kindesmissbrauch als Begriff ist so in den alltäglichen Sprachgebrauch eingeschliffen, so selbstverständlich geworden, dass die darin enthaltene Unstimmigkeit selten Beachtung findet, unmerklich verwischt: denn wenn es möglich ist, ein Kind zu missbrauchen, so muß es korrelativ dazu auch einen Gebrauch von Kinder geben.

Wie aber gebraucht man Kinder? Es dürfte mehrerlei Varianten geben, bei dem der Eindruck von Kindesgebrauch gegeben scheint: Familien aus der Unterschicht wirft die Mittelschicht und die Elite oftmals vor, Kinder nur zu bekommen, um Kindergeld und einen zusätzlichen Regelsatz abzustauben - wäre dem so, würden Kinder dazu gebraucht, ein wenig mehr Geld in der Tasche zu haben. Solche Fälle gibt es zweifellos - aber es geht auch andersherum, es gibt auch eine andere Sichtweise, die man eher denen vorwerfen könnte, die nach Unten treten: deren Kinder müssen oft glänzen, als Aushängeschild ihrer Eltern fungieren, erlernen Klavier zu spielen, gute Noten schreiben und einen Hang zur freudigen Deklination lateinischer Adjektive aufweisen - solche Kinder werden als Korrektiv elterlichen Versagens, eigener jugendlicher Erfolglosigkeit gebraucht; solche Kinder sollen den Eltern Lob und Glückwünsche sichern. Zwei subjektive, ohne Anspruch auf Rechtmäßigkeit herangezogene Gebrauchsverdächtigungen, bei denen niemand auch nur im Traum auf den Gedanken käme, es handelte sich um Missbrauch.

Kindesgebrauch, ganz unabhängig von den oben genannten Vermutungen hierzu, könnte schlicht bedeuten, dem Kind eine Funktion zuzuordnen, ihm ein kindgerechtes Leben im Namen von Bildung, guter Zukunft oder Elternstolz zu verwehren. Man gebraucht das Kind, um besser zu leben oder als Vater oder Mutter angesehener zu sein - das Kind wird zum Objekt, wird verzwecklicht, zum Gebrauchsgegenstand. Kindesgebrauch, so könnte man nach dieser Definition behaupten, findet heute in vielen Alltagsentscheidungen statt, wo Kinder zu Lernbehältern degradiert werden, wo man sie zwecks Bändigung ihres lästigen Daseins, in Kurse oder Ganztagsschulen steckt, ihnen kindesgemäße Freiheit entzieht, sie zum Werbeträger eines heilen Familienidylls erwählt.

Wiewohl der alltäglich benutzte Missbrauchsbegriff unter bösartigen Vorzeichen verstanden wird, könnte man dem Gebrauch, den es alltäglich gesprochen gar nicht gibt, den es jedoch dialektisch gedacht geben müsste, zuschreiben, nicht böser Absicht zu sein - man meint es gegenteilig vielleicht auch nicht gut: eher vernünftig und zweckmäßig. Dass dabei die kindliche Gemütslage oftmals verkannt, dass kindliche Freiheit eingezäunt wird, rückte den Gebrauch in ein fadenscheiniges Licht. Hier entsteht die Schnittstelle, an der Gebrauch und Missbrauch verquirlen; hier wird der Gebrauch das, was er eigentlich nicht sein sollte: Missbrauch! Kinder, Menschen überhaupt, zu gebrauchen: das ist kein Pendant zum Missbrauch - es ist dasselbe, wenn auch manchmal aus einem anderen Impuls heraus. Derjenige, der Kinder missbraucht, gebraucht sie eben zur Befriedigung seiner Triebe - und derjenige, der Kinder gebraucht, missbraucht sie im Namen einer abstrakten Vernunft.



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Die neue Partei der Heimatlosen

Montag, 13. September 2010

Da kugelt die Maske endgültig vom Gesicht! Jetzt, ausgerechnet jetzt, da landauf landab von einer neuen konservativen Partei salbadert wird, deren geistigen Vorsitz ein Chefideologe namens Sarrazin innehaben soll, mag sich auch Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, eine solche neue Partei vorstellen. Inspiriert haben sie diejenigen dazu, die sie für ihre Äußerungen zur Mobilmachung Polens schalten, die aus der Vertriebenenpräsidentin gerne eine vertriebene Präsidentin gemacht hätten. Unverstanden wie sie sich nun fühlt, jetzt auch noch heimatlos geworden auf dem politischen Parkett, giert sie nach einer neuen politischen Heimat, in der "Töne der linken Schickeria" nicht vernehmbar sind.

Zweierlei Gebrechen, an denen der deutsche Elitedünkel darniederliegt, werden an Erika Steinbachs Verhalten sichtbar: Erstens, glaubt sie an einen allgemeinen linken Zeitgeist und, zweitens, bezeichnet man radikale Positionen, rassistische und relativistische Ansichten heute wieder ganz schamlos als Konservatismus. Dass man immer wieder lesen muß, der linke Zeitgeist sei in Mode, das ist man mittlerweile ja gewohnt - wie Sozialabbau, kriegerische Auslandseinsätze oder das Publizieren von sozialeugenischen Hirngespinsten in eine solche linke Mode hineinpassen, wird in der Regel nicht erläutert. Und dass ausgerechnet solche, die von Parasiten und Schmarotzern kündeten, so wie einst Clement oder nun im "wissenschaftlichen" Gepräge Sarrazin, als Köpfe des Konservatismus gezeichnet werden, wirft schon ein trauriges Licht, eine dustere Funzel auf die politische und wirtschaftliche Blüte dieses Landes.

Überraschend ist indes nicht Steinbachs Geschichtsvergessenheit, die nicht historisch beseelt, sondern relativierend motiviert war; und auch ihr beleidigtes Gehabe ist es nicht: man kennt Steinbach ja schon lange genug, kannte ihre Eskapaden und fehlende Feinfühligkeit mit Polen - was nicht verwundert, hat sie doch damals - 1991 war es - als Bundestagsabgeordnete gegen eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, gegen den Deutsch-polnischen Nachbarschafts- und Grenzvertrag gestimmt. "Man kann nicht für einen Vertrag stimmen", sagte sie, "der einen Teil unserer Heimat abtrennt." Und genau hier, in Fragen der Heimat, das was Steinbach als Heimat definiert, lugt hervor, mit welcher Motivation diese Dame in Diensten steht. Wenn man weiß, woher sie stammt, wenn man weiß, was für sie Heimat bedeutet, dann muß man keinerlei Skandale dieser Person kennen, um zu ertasten, wess Geistes Kind sie ist.

Der obersten Heimatvertriebenen angebliche Heimat, war ursprünglich die Heimat anderer Vertriebener. Sie wurde 1943 im kurzlebigen Reichsgau Danzig-Westpreußen geboren - als Tochter eines hessischen Feldwebels der Luftwaffe, der 1939 ins besetzte Polen beordert wurde. Vier Jahre vor klein Erikas Geburt, lebten Polen und Juden dort, wo jetzt deutsche Besatzungssoldaten und deutsche Herrenmenschen hausten. Die Heimat, aus der Steinbach nach dem Krieg vertrieben wurde, war kurz zuvor noch die Heimat anderer, heimatlos gewordener, ums Leben gebrachter Menschen. Die Familie Steinbachs als Integrationswunder! Sie hatten sich in der Fremde schnell heimisch gefühlt, schnell integriert - vielleicht auch daher der Drang, im Kielwasser aktueller Integrationsdebatten, als deren erlesener Experte Sarrazin auserkoren wurde, eine neue Partei zu fordern, die dann konservativ wie sie wäre, dafür Sorge zu tragen hätte, dass sich Türken und Araber hier so schnell heimisch fühlen sollen, wie weiland die Steinbachs im besetzten Polen.

Steinbachs Heimat, die sie so grässlich aufgeben musste, war eine Heimat, die schon vormals ihre Beheimateten verloren hatte. Sie selbst hat dort keine zwei Jahre gelebt - sich aber derart heimisch gefühlt, dass sie heute noch Anspruch auf dort vorhandenes familiäres Eigentum stellt. Kurz gesagt, Steinbach ist eine Lobbyistin, denn um Heimatgefühle kann es ihr nicht gehen - wäre dem so, triebe sie immer noch die verlorene Heimat an, die sie als Säugling verlassen musste, die nicht die historische Heimat ihrer Familie war, sonder die eroberte, so müsste man sie nach ihrer Integrationswilligkeit befragen. Doch das tut keiner! Wie überhaupt wenig Fragen zu dieser Dame gestellt werden. Was ist ihr Movens, könnte man fragen. Woher kommt sie, wäre auch so eine Frage. Stattdessen geistert sie zuweilen als streitbare Dame durch die Journaille, als Eskapaden-Madame, die leider immer falsch verstanden wird - dass sie jedoch keine Vertriebene im Sinne dessen ist, was man naiverweise darunter verstehen könnte, ist allerdings von wenig Interesse.

Bei diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sie in Tagen, da viel von einer neuen Partei um Sarrazin, Clement und Merz phantasiert wird, auch eine Erika Steinbach mitmischt. Jene Herren gefallen ihr gut - sie stellen nämlich das dar, was sie gerne geworden wäre, wenn man sie nicht zur Heimatlosen vertrieben hätte: Gutsherrin! Junkerin! Indem sie sich freudig in die Aufbruchsstimmung zur Gründung einer neuen Partei hineingeworfen hat, hat sie sich das letzte Stück kaschierender Maske abgerissen. Mit Wahrheitsjüngern und Herrenmenschen im Bunde zu stehen, um Gutsherrin zu werden: das ist doch nicht das Schlechteste! Steinbach ist eben nicht die leicht schrullige Frau, die unbedarft schnell mal den Polen die Kriegsschuld zuschustert; sie ist auch nicht die integere und relativ untadelige Person, die ein trauriges Martyrium ihr Leben nennt: Steinbach, die vorsitzende Lobbyistin für Vermögensansprüche im Ausland, sie kalkuliert genau, mit wem sie ihre Interessen durchsetzen kann und mit wem nicht. Sarrazin und Konsorten, mit ihrem ganzen haarsträubenden Weltbild: das sind Burschen, mit denen zurückgeschossen werden kann!



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Brandgefährlich

Samstag, 11. September 2010

Auferstanden aus dem Reich der Toten, trat er vor jene Parteizentrale, die seit geraumer Zeit seinen Namen trug. Behutsam tastete er sich Richtung Eingang, betrat das Atrium und verharrte einen Augenblick vor einer Skulptur, die einen zerknautschten, verknitterten Greis wiedergab, welcher zur seiner Überraschung seinen Namen auf dem Sockel trug. Zur Begutachtung abgestandener Kunst ward er jedoch nicht erneuert, weswegen er schnell weiterstrebte, weiter nach oben, dorthin wo die parteiliche Macht gärte, wo Entscheidungsträger ihre Hintern in weiche Ledersessel pflanzten, wo er mit solchen sprechen konnte, die nun seinen Posten, sein ehemaliges Amt innehatten. Aber just in jenem Moment, da er die Anmeldung passierte, faßte man ihn am Arm, forderte ihn auf anzuhalten, sprach ihn sofort mit seinem bürgerlichen Namen an, jenem Decknamen, den er sich in Exiljahren aneignete und unter dem er zu Amt, Würden und Auszeichnungen kam.

Halt, verweilen Sie bitteschön, hieß ihn ein junger Mann. Ihr Kommen wurde mir angekündigt, man hat mich an jenem Tage, da ich diese Stelle antrat, vor Ihrer Wiederkunft gewarnt; man warnte mich, noch bevor ich in die Funktion der Telefonanlage eingeweiht wurde, bereits beim Einstellungsgespräch kam man schon auf Sie zu sprechen. Halten Sie ihn auf, wenn es je dazu kommt, dass dieser Herr dieses Haus betritt, belehrte man mich. Halten Sie ihn davon ab, uns hier droben aufzusuchen, damit er uns aus seinem angesäuerten, verdrossenen Gesicht heraus zürnt. Ich fragte, mich etwas dumm stellend: aber das ist doch der, na, wie hieß er noch?... und sie sagten mir: ja, das ist er! Keine Fragen dazu, schnitt man mich ab. Wir ahnen, dass er zurückkommt, wir glauben, dass er keinen ruhigen Schlaf finden wird - wenn es so kommt, junger Mann, dann sind Sie unser Bollwerk. Löschen Sie den Brand, bevor er überhaupt erst anfacht.

Ihre eigentliche Aufgabe, teilte man mir damals mit, ist dann gekommen, wenn er zurückkehrt, wenn er zu den Liften strebt, wenn er uns an den Kragen will, von uns wissen will, warum alles so anders kam, so viel weniger demokratiewagend, so viel weniger teilhabend - Telefonanlagen, sagte man mir, sind ja keine berufliche Erfüllung; auf die Rückkehr eines Messias zu warten, wenn nötig Jahre, Jahrzehnte, sich dann in den Weg zu stellen, ihn abzuschütteln, fernzuhalten: das ist wichtig, erfüllend, sinnstiftend, das ist eine tatsächliche, eine richtige Aufgabe. Bleiben Sie also unten, streben Sie nicht hinauf, riet man mir. Und ich rate es Ihnen ebenso: bleiben Sie unten, gehen Sie nicht hinauf. Ich bitte Sie inständig! Sehen Sie ein, dass Ihre Zeit vorbei ist, dass die Zeiten einer Partei, die wenigstens so tut, als würde sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen, grundlegend vorbei sind. Erkennen Sie bitte, dass Sie nicht mehr gebraucht werden!

Das heißt, Sie werden schon gebraucht. Dringlich gebraucht! Als überhöhtes Bild, als Konterfei nicht nur im Atrium, auch in der Parteihistorie, in der Ahnengalerie. Sagen zu können, wir sind die politischen, parteilichen Kinder dieses Mannes, seine politischen Erben, seine Enkel und Urenkel, "von seinem Geist, durch ihn geschweißt" - all das behaupten zu können, das ist märchenhaft für ein parteiliches Image. Auch dann, wenn die aktuelle Partei mit Ihnen, dem Heiland, wenig bis gar nichts mehr gemein hat. Das sagen nicht die hohen Herren - das sage ich. Wenn man Jahre Zeit zum Nachdenken hat, weil man auf seinen Godot wartet, der möglicherweise genauso zuverlässig ist wie Becketts Entwurf, wenn man als Lohnabhängiger in die Rolle eines Estragon gerückt wird, dann denkt man automatisch über das Warum nach - was treibt diese alten Pfennigfuchser dazu, jemanden wie mich hier entgeltlich warten und beobachten zu lassen? Die Angst, sage ich Ihnen - die Angst! Sie ist es, die mir großzügige Monatslöhne überweist!

Sie fürchten sich vor Ihnen. So sehr, dass sie Sie nicht mal vor Augen bekommen wollen. Dort wo Sie waren, dort waren Sie denen gerade richtig. Sie hatten ihren Laden im Griff, konnten Sozialabbau betreiben, gegen die eigene Parteibasis angehen, haben beschissene Wahlergebnisse überlebt - und dann kommen Sie, in dessen Tradition sie sich wähnen, sich darstellen. Dann stehen Sie plötzlich da, jemand der Freiheit postulierte - eine Freiheit, die die Klientel dieser Partei gar nicht mehr kennt, vielleicht gar nicht mehr will. Die Köpfe der Partei wollen diese Freiheit natürlich schon - für sich selbst. Ihre Rückkehr nährt Hoffnungen, verstehen Sie? Die Menschen würden wieder anfangen an Freiheit zu glauben, auch wenn Sie Entscheidungen mitgetragen haben, die Ihrem Motto, Ihrer damaligen Brandrede, nicht gerecht wurden. Dabei hat diese Partei es so weit gebracht, den Menschen diesen freiheitlichen Irrsinn aus den Kopf zu blasen. All das geschah auch in Ihrem Namen; Ihre politischen Enkel beschmutzten Ihren Namen - man erzählte den Menschen, man hüte Ihr Vermächtnis, jedenfalls so gut es gehe. Sie geben eine tolle Statuette ab, einen feinen historischen Namen, mit Ihnen schmückt man sich gerne - der Emigrant, der Sie waren, das uneheliche Kind, als das man Sie damals verunglimpft hat: das ist alles vorbei. Heute sind Sie ein Markenname, eine schwelgerische Erinnerung, die gute alte Zeit von früher. Aber nur leblos nutzen sie denen, nur schweigend, nur... sagen wir es doch offen: nur tot.

Was soll ich ihm denn sagen, wenn er wirklich je zur Türe reinmarschiert, habe ich meine Arbeitgeber gefragt. Er wäre ja ein alter Mann, auch nach so einer Rückkehr, die so weit ich es überblicken kann, bisher nur einem Messias vor ihm gelang, wird er vermutlich in einem greisen Körper daherkommen. Fragen Sie ihn, meinten Sie darauf, wie er es nur wagen konnte, einfach so ins Leben zurückzukehren - fragen Sie ihn, ob er sich nicht schämt. Fragen Sie ihn, ob ihm die Sentenz von Jefferson bekannt ist, wonach jede Generation ihre eigene Gegenwart gestalten, ihre eigene Politik betreiben müsse! Denn das sei es, weshalb Sie sie nicht mehr hier haben wollen - jetzt seien die Nachfolgegenerationen dran. Und wenn diese nicht mehr Demokratie oder mehr Freiheit wagen wollten, dann sei das rechtens. Erinnerungen seien eine Voraussetzung für die Zukunft, haben sie gesagt. Nichts für einen Chefsessel in höheren Stockwerken. Wie ich Ihnen ja erläuterte, man liebt die Erinnerung an Sie, man nimmt sie mit in die Zukunft - doch sie verblaßen, bleichen aus. Später weiß man oft nicht mehr, was wahr, was ersponnen ist. Man hat Sie gerne als Übermenschen im Kopf, nicht als Menschen aus Fleisch und Blut, der Sie ja waren. Ein Mensch mit Schwächen, Frauen liebend, an Depressionen leidend - das leugnet man heute nicht, das gehört heute zu Ihrem posthumen Markenzeichen, womit auch diese Menschlichkeit-Allzumenschlichkeit zum übermenschlichen Attribut wird. Ihre Fleischwerdung ist ja ein weltliches Ding, denn Sie sind da, wieder in der Welt - man liebt aber den himmlischen Klimbim, die vergeistigte Fleischwerdung eines Heiligen. Keine Partei kann vom Fleisch leben, jede lebt vom Image, vom Ruf, von der Tradition und den Köpfen, die die Partei formten.

Steigen Sie nicht in den Lift! Seien Sie vernünftig. Lassen Sie dieser Generation ihre Politik - wobei diese Generation gar keine Politik hat: sie hat nur Politiker, die wiederum Politik für eine Handvoll Ganoven betreibt. Sagen wir es also anders: Lassen Sie dieser Generation das Desinteresse an Politik, die Verdrossenheit, das Leck-mich-am-Arsch-Gefühl, lassen Sie uns unseren unpolitischen Anstrich, der hernach immer in politischen Katastrophen endet. Steigen Sie nicht ein, drehen Sie um - gehen Sie bitte zurück, dorthin, wo Sie dieser Partei, meinem Brotgeber am nützlichsten sind. Ein guter Parteisoldat würde nun folgen, würde sich ins kühle Grab legen und seine Rolle ausfüllen - zum Wohle der Partei! Nicht in den Lift, ich bitte Sie. Sie würden ja ohnehin nichts bewirken, man würde Sie ausschimpfen, Sie verbal an die Wand stellen, wenn man es nicht schon vorher physisch tut, dort im Lift beispielsweise. Ruinieren Sie dieser Partei doch nicht ihr schönstes Kapitel, diese schöne morsche Erinnerung an bessere Tage; nehmen Sie ihr doch nicht diese blendende Hoffnung, dass es irgendwann mal wieder so kommen könnte - tot sind Sie zu gebrauchen, lebend als Oppositioneller des heutigen Parteigeistes, entweihen Sie sich, ziehen Sie sich Argwohn zu, sind Sie zum Abschuss freigegeben. Auf wen sollen sich die heutigen Parteiführer denn berufen, wenn nicht mehr auf Sie, weil Sie dann dem parteilichen Zeitgeist entgegenstehen? Sie nehmen den Leuten ja ihre politische Identität - solchen Leuten, die wegen Ihnen ein Parteibuch ergatterten und nachher erst zu den Schweinen wurden, die sie heute sind. Bleiben Sie also, trinken Sie noch einen Kaffee, er geht aufs Haus - aber nicht in den Lift steigen!

Schweigend schlurfte der Wiedergekehrte gen Aufzugsbereich, drückte den Knopf, wartete, blickte zurück zum jungen Mann an der Telefonanlage, vernahm ein Klingeln und stand einer Fahrkabine gegenüber, die schon von zwei jungen Männern belegt war, in der er aber noch Platz fand. Die Schiebetüre schloss sich, die beiden Männer nestelten an seinem Körper, an seinem Hals, wurden grober und es ward ihm plötzlich wieder so dunkel vor Augen wie damals, als er schon einmal starb...



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Karikierter Freiheitsbegriff

Freitag, 10. September 2010

Kurt Westergaard ist eine Meisterleistung gelungen. Nicht seine Mohammed-Karikaturen, die sind ziemlich plump, nicht ergiebig witzig, verbreiten das abgestandene Flair einer Zeitung aus dem kolonialen Abschnitt der Menschheitsgeschichte. Seine Meisterleistung ist, dass er es mit gepinseltem Stumpfsinn und gekleckstem Mittelmaß zu Ehren gebracht hat. Aus der Hand Merkels, jene flankiert von Gauck - der Mann, der im Namen von Sozialdemokratie und Grünen Bundes- und Volkspräsident werden sollte! -, erhielt er einen Preis, der die Pressefreiheit hervorheben soll - und er soll einen mutigen Mann ehren, der sich traute, aus der Ferne gegen religiöse Befindlichkeiten anzugehen; oder, sollte man es im Duktus des Strafgesetzbuches (§ 166 StGB) ausdrücken wollen: der es fertigbrachte, der muslimischen Welt "öffentlichen Frieden zu stören" - und das aus einer Entfernung von mehreren tausend Kilometern.

Am eifrigsten feiern dabei jene Figuren den Helden, die sich gar schändlich in ihrem religiösen Empfinden verletzt fühlen, wenn mal wieder irgendeine weniger göttliche Gestalt als Jesus ans Kruzifix genagelt wird. Zuweilen rufen sie nach groben Geldstrafen, Zensur, Einschränkung der künstlerischen Freiheit und sogar nach Gefängnisstrafen. Man könne schließlich nicht dulden, dass der öffentliche Frieden gestört wird, nur weil ein fleißiger Fotomonteur im Namen der Presse- und Meinungsfreiheit glaubt, er müsse seine Kreativität walten lassen. Und all die braven Christenmenschen, die sich verunglimpft fühlen: die haben Satisfaktion verdient; es muß ihnen Gerechtigkeit widerfahren! Dann bemüht man Gerichte, fragt Ethiker nach dem moralischen Aspekt solcher Geschmacklosigkeiten, entrüstet sich beflissen in Leitartikeln und Feuilletons, nur um am Ende unisono darüber zu wimmern, dass das Abendland vor dem Abgrund stehe.

Es ist kleinlich kalkulierte Eindimensionalität, gewollte Selbstgerechtigkeit, die hier öffentlich zur Schau gestellt wird. Eine bigotte Haltung, die der einen Religion ein verletztes Seelchen quittiert, während dem anderen Glaubensbekenntnis nur eine berechtigte Kränkung, Beleidigung bescheinigt wird. Und diese wegweisende Zeremonie, sie findet ausgerechnet und bezeichnenderweise im Fahrwasser der letzten Wochen statt, in denen man unzählige Menschen muslimischen Glaubens herabgesetzt und erniedrigt hat - soviel zum Feingefühl Merkels und zur Sensibilität ihrer Entourage. All dies, das sei noch erwähnt, am letzten Tag des Ramadans - auf dass dem gläubigen Moslem beim Abendmahl der ersehnte Bissen im Halse stecken bleibt. Ist das Zufall oder Kalkül?

Man will Meinungs- und Pressefreiheit, die auch vor dem religiösen Empfinden nicht haltmacht - bittesehr: dann lobe man auch jene, die in Komödien vom Kruzifix herab pfeifen und witzeln, dann rühme man Fotomontagen als Ausbund freiheitlichen Schaffens, dann würdige man Menschen, die sich zur Sichtbarmachung eines Anliegens - wie Mathieu Carriere vor Jahren - ans Kreuz tapen lassen! Merkel betonte ja, man müsse den religiösen Fanatikern das Wasser abgraben: also grabe man gerechterweise auch dort, wo christliche Bigotterie kläfft, wenn das Kreuz geschändet wird! Das ist die traurige Gleichheit unseres Säkulums: jedem dieselbe Intoleranz zu garantieren!
Oder aber, was vernünftiger, was menschlicher, was friedfertiger wäre: man halte sich mit solchen Provokationen etwas zurück, respektiere die religiöse Konstitution der anderen Seite und gieße nicht noch mehr Öl ins Feuer. Einseitige Freiheit trägt einen tyrannischen Stimulus in sich - denn Freiheit sollte immer die Freiheit zu allen Richtungen hin sein. Die Wahl zwischen Respekt und Gleiches mit Gleichem steht offen - doch Merkel und ihre Clique scheint sich bereits entschieden zu haben. Die Auszeichnung der forschen Karikaturen verdeutlicht nachdrücklich, zu welcher selbstgefälligen Karikatur die westliche Definition des Freiheitsbegriffes geworden ist.


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Nomen non est omen

Donnerstag, 9. September 2010

Heute: "Gebär- und Zeugungsstreik"
"Dieser Gebärstreik ist in Deutschland nicht Zukunftsmusik, sondern längst Realität. Immer mehr Frauen, und vor allen Dingen immer mehr besser ausgebildete Frauen, bekommen keine Kinder."
- Barbara Vinken in ihrem taz-Artikel "Die Zügel von Mutter Natur" vom 27. August 2010 -
Nach dem Freedictionary ist der Streik eine organisierte Handlung von Lohnarbeitern, um eine bestimmte Forderung durchzusetzen. Frauen treten in den Gebärstreik und Männer in den Zeugungsstreik, wird oft geschrieben. Die Begriffe unterstellen eine bewusste Entscheidung, keine Kinder zu wollen. Sie sind negativ konnotiert und stellen die grundsätzliche Selbstbestimmtheit von Männern und Frauen in Frage. So, als wäre es eine Pflicht Kinder in die Welt zu setzen. Die Schlagworte Gebärstreik und Zeugungsstreik impfen den Menschen ein Schuldbewusstsein ein und verunglimpfen ihren individuellen Lebensstil.

Die Gründe für den Geburtenrückgang in Deutschland sind vielschichtiger Natur. Unter anderem zählen hierzu: mangelnde Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Probleme bei der Partnersuche, kaum finanziellen Spielraum, die rechtliche Situation von Vätern, Unternehmensforderungen nach Mobilität und Flexibilität und damit das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sozialabbau, Kinderfeindlichkeit in Deutschland sowie gelebter Egoismus bzw. Hedonismus.

Die Rahmenbedingungen fürs Kinderkriegen in Deutschland, sind ein wesentlicher Bestandteil der Fertilitätsrate. Das Problem auf einen vermeintlichen Gebärstreik von Frauen bzw. einen Zeugungsstreik von Männern zu reduzieren, ist diffamierend, einseitig und wenig hilfreich. Hier soll dann wieder die Methode der Problemreduzierung auf Individuen greifen: die Menschen hätten zu wenig Eigenverantwortung gezeigt, um sich ein besseres Leben frei zu schaufeln.

Davon abgesehen geht es bei dieser Terminologie, ähnlich wie bei dem Diskurs der Demographie in Deutschland, um den Nachwuchs von Akademikerfrauen und nicht um die allgemeine Geburtenrate. Denn im Zusammenhang mit Müttern, die ALG II beziehen, werden diese Schlagworte nicht benutzt. Hintergrund ist ein eugenischer Gedanke am Volkskörper Deutschland: Akademikerkinder sind die besseren und wertvolleren Kinder. All die Kinderfreunde, wie z.B. Frau Vinken aus der taz, sollten sich die UN-Kinderrechtskonvention mal genauer anschauen:
"Artikel 2
[Achtung der Kindesrechte; Diskriminierungsverbot]

(1) Die Vertragsstaaten achten die in diesem Übereinkommen festgelegten Rechte und gewährleisten sie jedem ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Kind ohne jede Diskriminierung unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung, der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder seines Vormunds."
Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Das Alibi Meinungsfreiheit

Mittwoch, 8. September 2010

Das Recht auf freie Meinungsäußerung entstand nicht aus einem Impuls heraus, Meinung auch gegen wehrlose Gesellschaftsgruppen kundzutun. Es ist ein Kind der Furcht - einer Furcht, die man zuweilen vor der Macht haben musste und auch heute noch gelegentlich haben darf. Als es 1789 mittels der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in die menschliche Historie trat, sollte es die Menschen von der Angst befreien, bei abweichender Meinung sanktioniert zu werden. Endlich sollte der Staatsbürger seinen Herren nicht mehr nach dem Mund reden müssen; endlich sollte man, wenigstens theoretisch, widersprechen und andere Ansichten als sein Fürst, sein Minister, sein Dienstherr, andere Ansichten als Adel und Klerus haben dürfen. Und das ohne Angst vor Bestrafung.

Die Meinungsfreiheit ist ihrem Ursprung nach ein Akt der Widerrede gegenüber den Machthabern. Und sie besitzt somit ein revoltierendes Charakteristikum - sie ist hingegen kein selbstgerechtes Privileg, welches man gegen jene anwenden kann, die sich aufgrund ihrer sozialen Stellung, ohnehin nicht zu wehren wissen, sich auch gar nicht wehren können. Eine Meinung zu verfechten, ohne Bestrafung zu fürchten: das war als die Befugnis des einfachen Mannes gedacht, auch einem hohen Herrn, der von Geburt aus bevorzugt wurde oder durch glückliche Fügung zu hohen Meriten gelangte, die Stirn bieten zu können. Das Recht auf freie Meinungsäußerung war von freibrieflicher Beschaffenheit - nach und nach erkannte man allerdings, dass dieser Freibrief eingeschränkt gehört, dass nicht alles als freie Meinung durchgehen könne, wenn man den gesellschaftlichen Frieden wahren möchte. Hier kommen etwaige Gesetze ins Spiel, die es nicht als Meinung gelten lassen, wenn man verleumdet, betrügt, arglistig täuscht.

Wenn also heute Agitatoren auftreten, um ihre schiefen Thesen zu predigen - lassen wir den Namen, der derzeit in aller Munde ist, aus Pietätsbezeugung vor diesen Seiten einmal unerwähnt -, danach bei entgegenschlagender Kritik von ihrem Recht auf Meinungsfreiheit schwafeln, dann verbergen sie hinter ihrem Rechtsanspruch, dass sie die Meinungsfreiheit nicht gegen diejenigen anwenden, gegen die sie ersonnen wurde. Meinungsfreiheit war nie als Freibrief gedacht, dem Pöbel von der Straße frei die Meinung zu geigen: denn so ein Gebaren gab es vor einer postulierten Meinungsfreiheit schon - oder hätte es ohne zu befürchtende Konsequenzen gegeben, wenn damals davon regerer Gebrauch gemacht worden wäre. Der Schutz freier Meinung sollte sich gegen jene wenden, die die Macht besaßen, ohne mit der Wimper zu zucken, freie Meinung zu bestrafen. Der Bauer und Bürger, der Bettler und Alte war weit entfernt davon, eine solche Macht gegen jene anzuwenden, die mit ihrer "freien Meinung" gegen ihren bejammernswerten Stand wetterten und ihn verleumdeten.

Eine freie Meinung gegen gesellschaftlich ohnmächtige Schichten existierte faktisch schon, bevor 1789 das Recht auf Meinungsfreiheit gesetzt wurde. Als ein solches Recht auf das Tapet kam, sollte es ein Frontalangriff auf Klerus und Adel sein, deren Macht in Schranken weisen. Und nicht, wie man das dieser Tage aufzufassen meint, als Freiheit die Ohnmächtigen zu brüskieren, sie in ihrer Ohnmacht zu bestärken. Meinungsfreiheit heißt historisch betrachtet: standhaft gegen Herren sein zu dürfen. Jedoch nicht: Arbeitlosen, die sich gerichtlichen Schutz nicht bezahlen können oder ausländischen Mitbürgern, denen oft der Mut zur zielgerichteten Gegenwehr fehlt, mit hemmungsloser "freier Meinung" zu überziehen. Zweiteres geschah ohnehin immer, verächtlich gemacht wurden "die da unten" sowieso andauernd; es hätte nie einer Rechtsformulierung bedurft - es brauchte kein Recht, um in die Gosse zu treten und seine Meinung, egal wie unqualifiziert, dumm und verächtlich sie auch war, kundzutun. Es ist daher eine zielgerichtete Blendung, Meinungsfreiheit gegen die Schwachen und Wehrlosen zu instrumentalisieren, während der ursprüngliche Gedanke der Meinungsfreiheit, jener nämlich, der Macht die willkürliche Abstrafung zu verbieten, auch heute noch ein oftmals wackeres Vorhaben ist.

Die Meinungsfreiheit für sich in Anspruch zu nehmen, wenn man gegen Randgruppen aufwiegelt, ist ein unhaltbarer Zustand, eine Frechheit geradezu. Denn in bester Tradition dieses Rechts auf Meinungsfreiheit stehen jene, die sich heutzutage gegen die Omnipotenz der Wirtschaft und gegen deren Vasallen aus der Politik zur Wehr setzen. Da nimmt man die freie Meinungsäußerung in Anspruch! Beim Verhetzen gegen sozial Randständige übt man nur aus, was immer Usus, war nie bestrafenswert war: auf die Schwachen, auf die Wehrlosen zu treten und ihnen auch noch weismachen, man täte das im Namen der Wahrheit. Das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit gewährt aber das Gegenteil: es erlaubt auf das Meinungsmonopol der Mächtigen zu pfeifen, es anzugreifen, nicht abnicken zu müssen.



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Letztens...

Dienstag, 7. September 2010

… da hatte ich einen seltsamen Traum.

Ein Gastbeitrag von Stefan Rose.

Thilo Sarrazin redet gerade zum soundsovielten Male auf irgendeiner Veranstaltung über seine kruden, nationalistischen, zwischen Buchdeckel gepressten Vereinfachungen über Muslime, Unterschichtler, und Gutmenschen, garniert mit Äußerungen zur jüdischen Genetik. Alles ist wie gewohnt: Ein Teil des Saales jubelt enthemmt über jeden einzelnen seiner Sätze, als spräche der Erlöser persönlich. Die Übrigen schauen entweder angewidert oder wohlwollend zu. Plötzlich steht Sarrazin auf, tritt vor den Tisch, an dem er saß, zieht sein Jackett gerade und lockert die Krawatte ein wenig. Seine Züge entspannen sich und seine Mundpartie wird gerade, sodass er plötzlich aussieht wie ein freundlicher älterer Herr. Er greift zum Mikrofon, räuspert sich, schaut noch einmal endlos lange Sekunden in die Runde der Anwesenden und beginnt dann mit überraschend weicher, hörbar bewegter Stimme zu sprechen:

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe und Religion. Mein Experiment ist beendet. Die letzten Jahre waren eine Eulenspiegelei, eine Wallraffiade. Und jetzt ist Schluss.

Ich bin alter Sozialdemokrat und bleibe es. Ich glaube an Solidarität unter den Menschen, an Respekt, an Chancengleichheit, Bildung für alle und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, wenn sie der Gerechtigkeit einer Gesellschaft dienen. Ich verabscheue von jeher Ausgrenzung, Rassismus, Faschismus und Ausbeutung. Mit einem Wort – das gilt vor allem jenen, die mir eben noch zugejubelt haben – ich bin ein Gutmensch und stolz darauf.
Ich komme aus dem Ruhrgebiet und meine Eltern ermöglichten es mir, das Abitur zu machen und zu studieren. Dafür bin ich noch heute dankbar. Einen großen Teil meiner weiteren Karriere habe ich meiner Mitgliedschaft in der SPD zu verdanken und der Unterstützung, die ich dort erfahren habe. Auch dafür bin ich sehr dankbar.

Als Finanzsenator in Berlin begann ich mich bald zu langweilen. Nicht, dass ich nichts zu arbeiten gehabt hätte, im Gegenteil, doch der Posten füllte mich nicht recht aus. Ich studierte mehr als zuvor die Zeitungen und verfolgte die Berichterstattung in anderen Medien. Ich sah und sehe mit Sorge, wie sich in vielen europäischen Ländern rechtspopulistische Positionen immer weiter ausbreiten und ihren Weg in die Parlamente finden. Gleichzeitig war ich erleichtert, dass es so etwas in Deutschland nicht zu geben schien.

Aber ich traute der Sache nicht und beschloss, mir einen kleinen Spaß zu machen. Rechtspopulisten tun nichts anderes als gezielt mit den Ängsten einer Gesellschaft zu arbeiten. Die beiden schlimmsten Ängste in diesem schienen mir die der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg und die vor der so genannten Überfremdung zu sein.

Zunächst wendete ich mich gegen Hartz-IV-Empfänger. Ich streute zunächst hier und da ein paar kleine Stammtischparolen – Sie erinnern sich: Pullover statt Heizung und der Ernährungsplan – und wartete, was passierte. Eigentlich hatte ich erwartet, dass man mich sehr schnell aus dem Amt und zum Teufel jagen würde. Angst davor hatte ich nicht, denn ich war damals bereits über sechzig.

Ich war überrascht und beschämt über das Ausmaß an Zustimmung, das ich aus großen Kreisen der Bevölkerung erfahren habe. Jeder schien plötzlich seinen kritischen Verstand abgeschaltet zu haben und jemanden zu kennen, der Hartz IV bezieht und nur eine ruhige Kugel auf Kosten aller schiebt. So einfach war das also.

Danach begann ich, gezielte Provokationen in Richtung der hier lebenden muslimischen Migranten zu streuen. Auch hier brauchte ich nur als derjenige zu inszenieren, der gegen die so genannte ‚Politische Korrektheit‘ endlich einmal Wahrheiten ausspricht. Widerständen begegnete ich, indem ich meine Gegner als Sozialromantiker oder naive Verblendete lächerlich machte, die Realitäten einfach nicht sehen wollten. Oder ich berief mich auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber sie bedeutet eben nicht Narrenfreiheit und erst recht nicht Schutz vor Kritik. Und sie muss geschützt werden.

Ängste schüren, Gegner diffamieren, auf einen Sündenbock einschlagen, Demokratie mit ihren eigenen Mitteln aushebeln und für komplexe Probleme einfache Lösungen anbieten. So funktioniert Faschismus, meine Damen und Herren. Und es funktioniert immer noch beängstigend gut. Eigentlich war ich der Naive, denn ich hatte gedacht, dass diese Gesellschaft einmal eine wichtige Lektion gelernt hat.

Wieder geschah mir nichts. Im Gegenteil: Weil man nicht so recht wusste, wie man mit mir umgehen sollte, bekam ich zum Dank einen Vorstandssitz bei der Bundesbank. So viel zu dem Thema, dass Unbequeme in diesem Land von einem linken Mainstream unbarmherzig verfolgt und diskriminiert werden! Da beschloss ich, das Spiel auf die Spitze zu treiben und ein Buch zu schreiben. Ein Verleger war schnell gefunden, weil ich zum einen bereits eine gewisse Prominenz erlangt hatte und zum anderen glaubhaft machen konnte, dass kein finanzielles Risiko drohte. Es kam schlimmer als erwartet: Mein Machwerk landete sofort ganz oben auf den Bestsellerlisten und die Zustimmung wuchs und wuchs. Keine Meinungsumfrage, bei der ich nicht 80 oder 90 Prozent Zustimmung erhalten hätte.

In das Buch habe ich übrigens absichtlich ein paar schwere Widersprüche eingebaut. So zum Beispiel die Bemerkung weiter hinten, dass es eigentlich unmöglich sei, die weitere Zukunft mithilfe einer hoch gerechneten Gegenwart vorauszusagen. Das ist Statistik erstes Semester und stellt eigentlich alles, was ich bis dahin geschrieben habe, in Frage. Oder denken Sie an das Interview in der Süddeutschen Zeitung, in dem ich offen eingeräumt habe, mir die Studien und Statistiken, auf die ich mich berufe, teilweise ausgedacht zu haben. Einige wenige wiesen darauf hin, wurden aber sofort niedergebrüllt. Sogar an meinen unverhohlenen Rückgriffen auf und Spenglers Der Untergang des Abendlandes und sogar auf Mein Kampf nahm die Mehrzahl der Feuilletonisten kaum Anstoss. Ganz zu schweigen davon, dass ich im Buch ein Menschenbild vertrete, das den Menschen allein auf seine ökonomische Verwertbarkeit reduziert.

Ich fürchte, die Bild am Sonntag hat recht: Würde ich jetzt, im September 2010, aus der SPD austreten und eine Partei gründen, dann würde diese Partei bei den nächsten Wahlen aus dem Stand wohl 15 bis 20 Prozent erreichen und wir hätten bald auch im Deutschland ein rechtspopulistisches Lager im Bundestag. Was mich an all dem so erschrickt, ist nicht der Beifall aus den Reihen der NPD und ihr mehr oder minder nahestehenden Kreisen. Damit war zu rechnen. Schlimm ist, dass mir inzwischen Menschen aus beinahe dem gesamten politischen und gesellschaftlichen Spektrum zuzujubeln scheinen. Daher beende ich mein Experiment jetzt, bevor noch Schlimmeres passiert.

Meine Damen und Herren, Deutschland scheint tatsächlich dümmer zu werden. Aber nicht wegen der Unterschicht oder der Migranten, sondern wegen Kleingeistern und Spießbürgern wie Ihnen und Ihren Ängsten. Wegen derjenigen selbst ernannten Bürgerlichen, die meinen, sie seien schon gebildet, weil sie ein paar Halbwahrheiten im Kopf haben und öffentlich-rechtliches anstatt privates Fernsehen schauen. In der Tat, es gibt Grund zur Sorge um dieses Land.

Das wäre es, was ich zu sagen habe. Gestatten Sie mir bitte zum Schluss noch einige Bemerkungen in eigener Sache:

Dass die Bundesbank mich so schnell wie möglich meines Postens entheben will, halte ich für selbstverständlich und richtig. Wäre ich in verantwortlicher Position, ich hätte jemanden wie mich schon längst aus dem Amt entfernt. Daher werde ich morgen dem Präsidenten der Bundesbank mein Rücktrittsgesuch überreichen.

Dann möchte ich mich von Herzen bei allen entschuldigen, die während der letzten Jahre provoziert oder auch beleidigt habe. Es tut mir leid. Aber ich hoffe, Sie sehen, wie es gemeint war und verzeihen mir. Schließlich teile ich mit, dass ich die absurd hohen Honorare aus dem Verkauf meines Buches für einen wohltätigen Zweck spenden werde, den ich in Kürze bekannt geben werde.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geduld.“

Mit diesen Worten verlässt Sarrazin ohne ein weiteres Wort den Raum, in dem es mucksmäuschenstill ist, und schließt leise die Tür hinter sich. Und da geschieht das Wunder: Einige derer, die ihm noch zu Beginn der Veranstaltung applaudiert und zugejubelt haben, wirken sehr nachdenklich. Einige wenige scheinen sich sogar zu schämen. Dann setzt, zaghaft erst, Applaus ein, der sich immer weiter steigert.

Aber das ist natürlich nur ein Traum.



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Bis dass der Profit uns scheidet

Montag, 6. September 2010

Der Bund fürs Leben als Kosten-Nutzwert-Analyse! Henrik Ankenbrand bemüht Ökonomen, die dem Streit der Geschlechter neues Kanonenfutter lieferten. Wer von der Ehe profitiere, wer die höchste Glücksdividende (sic!) einführe: all das würden Wirtschaftler nun analysiert und ausgewertet haben. Und siehe da: die Ehe ist ein Männergenesungswerk, eine Institution, an der sich Männer bereichern, weil Frauen viel fürsorglicher auf des Gatten Wohl achten, als das andersherum der Fall ist. Durch die Ehe stößt sich der Mann gesund - gesundstoßen: eine Ausdrucksweise, die verbunden mit der uralten Doktrin, der Ehehafen sei von patriachalischen Gesellschaften nur deshalb geschaffen worden, um sich den wöchentlichen Bordellgang zu ersparen, durchaus doppelsinnig aufgeschnappt werden könnte.

Es ist kein Wunder, dass feministische Analytik sich der pekuniären, ökonomischen Sichtweise bedient. Gleichberechtigung wurde bevorzugt als Gleichheit der Berufs- und Aufstiegschancen dargestellt, heute noch mehr als früher - es ging bei den Mehrzahl feministischer Debatten weniger um ideelle Gleichheitsrechte, als um die Tatsache, dem Manne möglichst gleich verdienen, gleich aufsteigen und gleich anschaffen zu dürfen. Hier entblättert sich der oft aufgeworfene Denkansatz einiger Progressiver, wonach die Emanzipationsbewegung der Frau sich vom Klassenkampf gelöst, ihn gespalten habe - die Solidarität gegen Arbeitgeber und Konzerne war dahin, weil ein Kampf der Geschlechter entfesselt wurde, was objektiv besehen immer schon ein höchst künstliches Gefecht zwischen gleichberechtigt Ausgebeuteten war. Heute spielt sich die im Feuilleton wiedergegebene Parole von gleichen Aufstiegschancen ohnehin in der Oberschicht ab - Verkäuferinnen oder Kassiererinnen, die nicht mehr möchten, als etwas mehr zu verdienen, gelten schnell als resignative Heimchen, die keinen Mumm und keinen Selbstwert in den Knochen haben, eine Schande für die moderne Frau seien.

Die Ehe nun aber im feministischen Eifer durch den Jargon der Geschäftswelt analysieren zu wollen, darf man getrost als Steigerung dieser eindimensionalen geschäftlichen Auslegung von Emanzipation verstehen. Ist das etwa die Sprache der Befreiung, wenn man ökonomische Termini in die (eheliche) Partnerschaft wirft? Ökonomisierung zwischen Mann und Frau: ist das Gleichberechtigung? Führt das zu einer gerechteren Gesellschaft? Man muß die Ehe gar nicht romantisch verklären, um eines festzuhalten: trägt man den Wettbewerb in die Ehe, spricht man von Ehegewinnern und -verlierern, von Dividenden und partnerschaftlichen Anreizen, so befördert das nicht eine Debatte auf gleicher Augenhöhe: das spaltet, hetzt auf, schafft Nebenfronten.

Dass derlei Studien aber feministischen Eiferern und Eifererinnen gefallen, liegt auf der Hand. Denn die Ergebnisse leugnen, dass der "Eheverlierer Frau" - die ja laut Studie nur Verliererin ist, weil sie den Mann häufiger zu Arzt schickt! - in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens als Gewinner hervorgeht: im Scheidungsrecht mitsamt Sorgerechtsstreitigkeiten oder beispielsweise durch Quoten im Beruf - dann in höheren Berufssphären, denn Feminismus ist heute als Sportart gutsituierter Frauen gedacht! Der Feminismus gilt heute den Oberschichtenfrauen, den feinen Damen, ist zum Madamismus gewandelt. Wenn kümmern denn noch die femmes, wenn doch die mesdames arge Nöte leiden? Und solche Studien gefallen natürlich auch, weil sie den Slang ökonomischer Wissenschaften ins Zusammenleben tragen - die Verliererin mit wissenschaftlicher Stütze flankieren. Dass manche Frau auch als Gewinnerin hervorgehen könnte, weil sie das Geld ihres Mannes zur Verfügung, zum Ausgeben hat, kann dann wissenschaftlich von der Hand gewiesen werden.

Glück als Dividende: es scheint, die Pseudowissenschaft hat in Zeiten sarrazinierter Forschungsarbeit an Reputation gewonnen. Partnerschafts- oder im besten Falle Liebesdinge in geldwerten Vorteil umzuwandeln, muß als Symptom einer vollauf ökonomisierten Gesellschaft verstanden werden, die selbst menschliche Beziehungen zu Ware degradiert. Dass eine Bewegung, die zur Meliorisierung der Gesellschaft angetreten ist, so wie einst der Feminismus in grauer Urzeit, die unaufhaltsame Verschlechterung duldet und befürwortet, sagt alles über etwaige moderne Strömungen des Feminismus aus. Dabei wäre ein Ratschlag ganz einfach zu geben: wer in der Partnerschaft nach Profiten fragt, wer danach fragt, was er davon habe, seinem Partner zu geben, der bleibe zu aller Vorteil alleine. Niemand wird zu einer ehelichen Niederlage gezwungen - wer aber mit Profitansprüchen in die Ehe, in eine Partnerschaft stürmt, der wird zwangsläufig verlieren. Vielleicht hätten die Analysten der Glücksdividende sich darüber Gedanken machen sollen...



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Sit venia verbo

"Das Paradox, daß wir mit wachsenden Ausgaben für Gesundheit trotzdem immer kränker werden, hat ganz andere Wurzeln als die meisten Menschen glauben. Dieser vermeintliche Widerspruch von Gesundheitsausgaben und Krankenständen ist in Wahrheit nämlich überhaupt nicht widersprüchlich, und der vermeintlich so bescheidene Ertrag des modernen Medizinbetriebs ist in Wahrheit alles andere als bescheiden. Die Wahrheit, die paradoxe und sehr schmerzhafte Wahrheit ist vielmehr, daß uns die Medizin nicht trotz, sondern wegen ihrer Erfolge immer kränker macht und immer kränker machen muß. Ihr vermeintlich so enttäuschendes Ergebnis ist alles andere als ein Indiz für Impotenz, sondern eine logisch notwendige Konsequenz ihrer großen Siege über Tod und Seuchen, die sie in den letzten 100 Jahren davongetragen hat.
[...]
So haben wir z.B. in Deutschland mit die höchsten Raten an Nierenkranken in der ganzen Welt, aber nicht, weil unsere Medizin so schlecht ist, sondern weil unsere Medizin so gut ist. Hätten wir nicht die weltweit vorbildlichen Möglichkeiten zur künstlichen Blutwäsche für alle, die sie brauchen, so gäbe es heute in Deutschland sehr viele Nierenkranke weniger. In England etwa zählt man nur rund 150 Nierenkranke pro eine Million Einwohner, verglichen mit 400 in der Bundesrepublik, aber nicht, weil diese Krankheit dort seltener auftritt, sondern weil in England kaum ein Nierenkranker seinen 60. Geburtstag überlebt.
Oder nehmen wir den Diabetes. Heute gibt es rund acht Millionen Zuckerkranke in Deutschland, verglichen mit rund 100.000 zu Beginn des Jahrhunderts, aber nicht wegen der Unfähigkeit der modernen Medizin, sondern weil vor 80 Jahren das Insulin erfunden wurde. Ohne dieses Medikament, dessen segensreiche Wirkung wohl von niemandem bestritten werden kann, hätten wir heute viele Zuckerkranke weniger."
- Walter Krämer & Gerald Mackenthun, "Die Panik-Macher" -

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Gut, dass er das nicht mehr erleben muß

Samstag, 4. September 2010

Ich gebe es offen zu: ich fürchte mich. Mir wird es schwindelig, wenn ich die Kommentare verfolge, die man Sarrazins Buch angedeihen läßt, wenn ich auf Verkaufsplattformen klicke, bei denen die Kundenrezensionen fast einheitlich voll des Lobes sind für diesen Mann und seine konfusen Thesen. Angst stellt sich ein, wenn ich aus jeder Ecke höre, er sei zwar vulgär und unanständig, aber im Kern habe er, das müsse man honorieren, doch vollkommen recht. Mich triezt der Magen, wenn ich von "bitteren Wahrheiten" oder von "Wahrheiten, die man nicht hören will" lesen oder hören muß. Es löst bei mir Koliken aus, wenn ich die milde vor sich hindampfenden Proteste vernehme, die sich halb an Sarrazins Hals hängen, ihm halb gratulieren, ihn hälftig loben, um auf der anderen Seite mahnend den Drohfinger zu schwingen - Drohgebärden, die nicht zu doll, nicht zu erbost, nur tadelnd wirken sollen, lediglich etwas mehr Etikette einfordernd.

Nervös macht mich das alles; Schiss bekomme ich da regelrecht, wenn ich diese ganze Chose, diese Entwicklung fortspinne, wenn ich weiterdenke, was ein solcher wohlwollend aufgefasster Diskurs für die Zukunft dieser Gesellschaft bedeuten könnte. Schämen muß man sich zukünftig jedenfalls nicht mehr, derlei rassistisches und sozialeugenisches Gedankengut zu verbreiten - man gilt dann sogar als jemand, der den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Kants Magengeschwür würde aufbrechen, hätte er sich diesem geistig trägen Zeitalter nicht bereits durch Tod entzogen.
Und was werde ich tun, wenn jeder dahergelaufene Dummkopf schreit, dass der Muslim oder der Arbeitslose unser Unglück sei? Später vielleicht sogar jeder kostenintensive Senior oder jeder teure Kranke - Stillstand ist ja bekanntlich Rückschritt! Man muß auch bei der Aufhetzung fortschrittlich denken! Was ich also dann tue? Was bleibt da schon zu tun: bekehren kann man die gesellschaftlich anerkannte Blödheit nicht, denn sie wähnt sich ja nicht blöde, ganz konträr, sie bildet sich ja gerade ein, dass sie besonders gescheit ist - das ist ja das ganze Problem! Wenn der Blödmann von seiner Blödheit wüsste, dann bestünde durchaus Hoffnung; wenn er aber meint, ausgewiesenes Musterexemplar von Intelligenz zu sein: dann wird es gefährlich. Und sicher ist es so, dass nicht nur Blödiane diesem Herrn beipflichten - es sind ja gerade die besonders hellen Köpfchen aus Politik und Wirtschaft, Funk und Fernsehen, Presse und Geisteswissenschaft, die ein Hallelujah anstimmen, auch wenn sie nun so tun, als habe sich Sarrazin schwer versündigt. Aber unzählige Hellköpfe, die dergleichen nur aus Kalkül betreiben, kann es gar nicht geben - ein solcher Konsens muß zwangsläufig auf die massenhafte Blödheit bauen, wenn er Massenartikel werden soll.

Was tut man also? - Man schweigt. Ich will ohnehin nicht dagegenhalten, mit Gegenargumenten um mich werfen, mit denen ich belegen möchte, warum Türken, Araber oder Langzeitarbeitslose doch nicht so schlecht seien, denn das hieße ja, ich müsste ihre Existenz in Deutschland rechtfertigen, sie entschuldigen. Einen solche Diskussion will ich mir nicht aufdrücken lassen - das sind keine fairen Spielregeln. Es geht auch nicht darum, Faktenlagen zu schaffen, angebliche Statistiken zu entkräften - es geht eher um Ethik. Wird denn die Aufwiegelung gegen gesellschaftliche Gruppen ethischer, wenn sie mit Zahlen und Ziffern unterlegt werden kann? Lösen Statistiken, was auch immer sie aussagen, die Menschenrechte auf? Ist Nächsteliebe etwas, das sich nur dann umsetzen läßt, wenn Erhebungen die passenden Zahlen liefern? Wenn es um Umweltprojekte oder dergleichen geht - von mir aus, da benutze man Statistiken zur Argumentation. Aber doch nicht, wenn es um die Existenz von Menschen geht - schon gar nicht im Verbund mit pseudowissenschaftlichen Thesen zur Humangenetik.
Eine Anekdote aus dem Talmud hat mich stets sehr beeindruckt: dort heißt es sinngemäß, dass man Menschen nie mit Zahlen belegen soll - niemand ist eine Eins, eine Zwei, eine Drei und so weiter. Man könne demnach nicht auf Menschen deutend zählen. Wenn überhaupt so könnte man nur zählen: Einer, noch einer, noch einer... das unterstreicht die Individualität, den Menschen dahinter. Ich gebe ja zu, ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich dieses Gleichnis aus dem Talmud habe oder nicht - aber es könnte daraus stammen, denn es beinhaltet jene jüdische Eigenart, gegebene Realitäten gegen den Strich zu bürsten. Das hat nichts mit jüdischen Genen zu tun, die ein solches Verhalten begründen - das ist jüdische Bildung, jüdische Spiritualität, etwas Angelerntes, nichts körperlich Vererbtes. Wenn man also Statistiken herauskramt, dann erdrückt man die Menschen, die dann nurmehr anhand dieser Zahlen wahrgenommen würden. Manchmal mag es ja nicht anders gehen - um das menschliche Zusammenleben zu erfassen, sind solche Verfahren jedoch ungeeignet. Daher will ich nichts dagegenhalten, ich will mich nicht auf die Zahlenebene begeben und die Spielregeln derer annehmen, die Menschen in Statistiken pfropfen, um sie darin verächtlich und zum Freiwild für vollendete Wirrköpfe zu machen.

Sarrazin sprach von den Genen der Juden und Basken. Aber nicht erst deshalb, weil mein Vater Baske war, geht mich diese Diskussion dennoch etwas an. Sie geht mich als Mensch an! Sicher, ich bin kein Moslem, niemand aus einem gänzlich anderen Kulturkreis - aber ich bin der Sohn eines Spaniers, der zeit seines Lebens, an anderer Stelle wurde darüber berichtet, nie in Deutschland ankam. Und ich bin der Sohn eines Vaters, der nicht mehr lebt. Beobachte ich das, was sich hier in diesem Lande entwickelt, muß ich fast froh sein, dass er nicht mehr ist. Wie hätte er sich aufgeregt, wie wäre er cholerisch geworden, halb deliriert- ich bin mir sicher, wäre ihm einer dieser Sarrazinbefürworter, wie man sie derzeit an jeder noch so gammeligen Ecke finden kann, mit Lobhudelei für den aufrechten Hugenottensprössling gekommen, er hätte ihm im unkontrollierten Anflug von Wut allerlei Beleidigungen an den Kopf geknallt. Und was hätte der Sarrazinjünger getan? Er hätte sich bestätigt gefühlt, hätte auf meinen wütenden Vater gedeutet und gesagt: Da, schau, jetzt sieht man es mal wieder, wie die Ausländer sind! Frech und bösartig - man darf im eigenen Land nichts sagen, ohne dass man sich von so einem Fremden beleidigen lassen muß! Was für ein Teufelskreis! Man stachelt an und erntet Wut, damit man wieder Grund zum Anstacheln hat... ich muß fast froh sein, keinen Vater mehr zu haben; es erleichtert mich, dass er dieses rabiate Umschlagen der Stimmung nicht erleben muß. Freundlich ging es gegen Ausländer in diesem Lande selten zu - aber so radikal, so gehässig: das ist eine neue Qualität von Groll.

Wie schlimm es um ein Land steht, in dem ein Sohn froh über seines ausländischen Vaters Tod sein muß - wie schlecht die Lebensqualität in einer solchen Gesellschaft doch sein muß! Was hat dieses gesellschaftliche Klima aus mir gemacht, mir aufgehalst, wenn ich über diese Tragödie im Leben eines Sohnes auch noch entzückt sein muß? Natürlich hätten sie ihn beschwichtigt: um dich geht es doch nicht; wir meinen doch nicht die Spanier, wir meinen die Araber, die Türken - und gelegentlich die Arbeitslosen natürlich. Aber du doch nicht, du warst doch immer anständig, hast gearbeitet. Gegen dich sind Sarrazins Worte nicht gerichtet! Vergessen hätten sie die Zeiten, in denen man solche wie meinen Vater hier in Bayern als Katzlmacher beleidigte - was noch eine nettere Diffamierung war! Natürlich meinte man Italiener damit: aber Spanier, Italiener - das ist doch alles dasselbe! Vergessen jene Ära, in der man Gastarbeitern zusetzte, sie liebend gerne nach verrichteter Arbeit dorthin zurückgeschickt hätte, von wo sie gekommen waren.

Er muß glücklicherweise nicht mehr erleben, wie selbst in der Verwandtschaft lobende Worte für die aufrechte deutsche Eiche Sarrazin gefunden werden - dieser Ärger bleibt mir vorenthalten. Wiewohl er natürlich die Ausländerfeindlichkeiten aus der Verwandtschaft auch damals schon erlebt hatte. Er ist jetzt aus dem Schneider. Und ich, ich höre mir sowas an, setze zur Gegenwehr an und verstumme schnell wieder, weil die hier offenbarte Dummheit nicht bezwingbar ist. Man kann einem mit Vorurteilen vollgestopften Gemüt keine gegensätzlichen Positionen vorsetzen, das endet immer in Peinlichkeit - in der Peinlichkeit, als unverstandener Gutmensch begriffen zu werden, und in der Peinlichkeit, den anderen als plumpen Idioten geoutet zu haben. Man kommt aber nicht einen Schritt weiter. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Mann, er hätte gewettert und geschimpft, er hätte niemals wortlos hingenommen, er hätte sich an den Mauern, die solche Dummköpfe hochziehen, mürbe gestoßen. Für nichts! Nur dafür, einen Schritt näher am Herzinfarkt zu sein!

Ich fürchte mich vor dem was kommt. Als ich sah, mit welcher Aufmerksamkeit man Sarrazins Buchpräsentation belohnte, gesellte sich zur der Furcht auch noch Abscheu und ein empfindlich beleidigtes Gerechtigkeitsgefühl. Wie kann man einem solchen Schmierfinken, einem solchen Aufwiegler und Lügenbaron, diese literarische Achtsamkeit entgegenbringen? Selbst ein Grass bekommt für der Veröffentlichung eines neuen Buches keinen solchen großen Bahnhof. Ist NTV und BILD vor Ort, wenn Grass aus seinem neuesten Werk liest? Und dann gibt es solche Verfasser wie mich, die sich mühen, die versuchen ein Mindestmaß an Qualität zu bewahren... und was muß man dann sehen: einen gestrigen Charakter, der vorgestrige Lehren bemüht, dafür sogar noch Applaus und Publizität erntet! Man fühlt sich zwangsläufig beleidigt, zurückgesetzt. Ich behaupte sogar, selbst ein Grass sitzt fassungslos daheim. Jedenfalls will ich es mir einbilden, dass es so ist. Grass, sich grämend, sich fragend, für was die Kunst der Worte zu bemühen sei, wenn schreiberische Berühmtheit auch mit Dreck erlangt werden könne. Man muß kein Freund von Grass sein, seine Bücher nicht mögen: aber er veröffentlicht keine Bücherdeckel, zwischen denen irgendwelche Scheiße gebunden ist. Er schafft Kunst, bietet hohes Niveau. Wenn schon Massenansturm, dann für Leute wie Grass - stattdessen muß man zusehen, wie man einen Stümper hofiert, in den Arsch kriecht, im Absatzzahlen sichert. Welche Beleidigung für den letzten Rest deutschen Intellektualismus!

Aber man lese nur die Kommentare unterhalb der publizierten Sarrazinaden. Dort wettert man gegen die Gutmenschen, gegen die Intellektuellen. Letzteres gilt wieder als Beleidigung, als Gefährdung für den Volkskörper, als Arroganz gegen Volksempfinden. Auch das hat Sarrazin geschafft: er greift nicht nur Migranten und die Unterschicht an, er hat mit seinem strengen Anti-Intellekt dafür gesorgt, dass nun jeder halbwegs durchdachte Beitrag im Keim erstickt wird. Es geht für jene, die Sarrazin an den Lippen haften, gar nicht mehr um ernstliche Auseinandersetzung mit dem Thema - sie wollen nur ihre innerste Empfindung bestätigt sehen, immer und immer wieder. Bedenkenträger stören da nur, sind intellektuelle Feinde des gesunden Volksempfindens. Karl Kraus sagt irgendwo, dass das Geheimnis des Agitators sei, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit diese glauben, sie seien so gescheit wie er - ob Kraus Sarrazin und seine Anhängerschaft wohl kannte? Ähnliche Herrschaften kannte er aber sicherlich...

Wie das Feuilleton, die Kommentatoren und Meinungsokkupanten nun aus ihren Eigentumswohnungen kriechen, um Sarrazins Hinschied bei der Bundesbank anzufeinden. Persönlich ist es mir egal, ob er nun weiterhin dort Vorstand bleibt oder nicht. Es paßt doch ganz gut, wenn er unter Herrschaften in feinen Garn bleibt - so wie es nur konsequent wäre, wenn er weiterhin bei der SPD bliebe. Man darf Sarrazin nicht an den rechten Rand, in die NPD drängen: man muß ihn integrieren. Dort integrieren, wo sein Gedankengut herkommt, blüht und gedeiht: aus der gesellschaftlichen Mitte. Das ist die Heimat Sarrazins, das ist die Heimat einer solchen Denkweise - die genetischen Taschenspielertricks sind nur ein Spleen. Andere aus der gesellschaftlichen Mitte, gerade auch aus der Sozialdemokratie, brauchen keine Gene, um ganz ähnliche verächtliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Viele Wege führen nach Rom - mindestens ebensoviele wie nach Großberlin, wie in eine Geisteshaltung, die sich großmannssüchtig und großkotzig deutsch aufgewertet, geradezu aufgedeutscht hat.
Was sie alles in die Debatte werfen! Ein Armutszeugnis sei der Rauswurf bei der Deutschen Bank, ein unglaublicher Eingriff der Politik. Ausgereicht habe Sarrazins genetische Disposition nicht, um den Rauswurf zu begründen. Nicht mal mehr seine Meinung dürfe man laut sagen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das deutsche Feuilleton würde gerne laut Faschismus! rufen oder etwa gemäßigter Das ist doch fast wie im Faschismus! - aber das ist nicht opportun. Daher berufen sie sich auf die SED, plärren laut, dass es hier mittlerweile zugehe wie in der DDR. Freie Meinung ist es hierzulande beispielsweise nicht, einen vernünftigen Diskurs zur RAF zu etablieren, nicht mal zum Sozialstaat darf man frei von Ideologie argumentieren - ersteres das ist verbaler Terrorismus, zweiteres längst vergangene Romantik. Meinungsfreiheit war es auch nicht, als dieses Jahr am Nockherberg der Kabarettist Lerchenberg sich dazu aufschwang, Westerwelle als Kapo zu stilisierten - sowas sage man nicht! Selbst die künstlerische Freiheit habe ihre Grenzen! Es ist Meinungsfreiheit, gegen Minderheiten und Randgruppen zu hetzen - es verletzt sie aber, wenn die Hetze gegen etablierte Kreise, gegen Eliten stattfindet.
Wie sie da nun allesamt den Unrechtsstaat heraufbeschwören, nur weil man nicht mal mehr in aller Ruhe Sozialgenetik betreiben darf - wobei man die ja verurteilt. Trotz allem hätte Sarrazin aber recht, man müsse die Gengeschichte nur zur Seite schieben, dann bleibt die Wahrheit, nichts als die reine Wahrheit, so wahr ihm Houston Stewart Chamberlain helfe! Nicht mal mehr Zivilcourage dürfe man mehr zeigen, beschwert man sich öffentlich. Was für ein Skandal! Es würde mich gar nicht wundern, wenn sie bald Thoreau bemühen, die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat ausrufen - natürlich nur für Deutschtümler! Soldaten oder Demonstranten haben diese Pflicht, sich ein Recht herauszunehmen natürlich nicht. Thoreau hat aus einer Nichtigkeit heraus, weil er eine Nacht im Gefängnis verbringen musste, aufgrund einer verweigerten Steuerzahlung, ein zeitloses Traktat verfasst. Jene, die nun fehlende Meinungsfreiheit postulieren, bauen nicht mal auf eine Nichtigkeit; sie zementieren auf einer Schweinerei, verwechseln Meinungsfreiheit mit Beleidigung und Diffamierung und konstruieren daraus ein getretenes Menschenrecht, einen geschundenen Märtyrer. Lauter zwergenhafte Thoreaus ereifern sich nun in den Meinungsspalten - ihre Staatsfeindlichkeit ist bereits so ausgereift, dass es nicht mehr nur der Steuerbescheid ist, der sie zu Pekuniäranarchisten werden läßt - sie haben für alles Beißreflexe ausgeprägt, was irgendwie nach Verpflichtung oder Verantwortung stinkt. Und sei es nur die Verantwortung, mit dem hohen Gut der Meinungsfreiheit verantwortungsvoll umzugehen. In einem Staat, wo man Verantwortung verlangt, da herrscht Unrecht, da herrscht eine versteckte SED... und da ergreifen Kleingeister, die sich ganz groß glauben, das Meinungsmonopol.

Was lauert da in der Ferne? Die aufgeklärte Gesellschaft, sie mag noch nicht ganz tot sein - aber sie zuckt und windet sich im schmerzhaften Todeskampf. Sarrazin ist kein Hitler - nicht mal dazu ist er begabt genug. Er wird kein Volkstribun werden, doch er macht Ansichten gesellschaftsfähig, macht sie zum guten Ton neuer öffentlicher Debatten. Der Ton wird noch schärfer werden, die Mitmenschlichkeit wird noch mehr schwinden, die angeblich strauchelnde Integration wird immer schwieriger, immer mehr zum Verrat an den eigenen Wurzeln und zum Umsetzen einer nicht offiziell auferlegten deutschen Leitkultur. Diejenigen, die sich gegen diesen Konsens auflehnen, werden abgelehnt, werden verspottet und - ich befürchte es fast - hin und wieder verprügelt. Intellektuelles Schwein! oder Nestbeschmutzer! werden dann gern gebrauchte Floskeln sein. Und abends sitzt die Nation vorm Fernseher, Rückblicke betrachtend, Knopp lauschend, wie es damals so war, wie es damals so weit kommen konnte, damals: 1933. Sie werden entrüstet den Kopf schütteln, auch jene Jahrgänge, die noch vor Jahren gegen das Mitläufertum ihrer Eltern protestiert haben, werden da rege mit dem Kopf schlingern - wie konnten die damals nur so blöd sein, werden sie sich auf dem Sofa sitzend gegenseitig fragen. So eine finstere, dumme Zeit! Gottlob, wir haben es besser! Sind gescheiter...



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Die verarschte Schicksalsgemeinschaft

Freitag, 3. September 2010

Die Arbeitenden sind die Dummen! oder Ausländer wollen sich nicht an uns anpassen! sind Devisen, wie man sie dutzendmal täglich hört. Sporadisch durchschneiden noch andere Parolen die Stille, Parolen wie Die Alten kosten den Jungen Geld! oder ganz sonderbare Schlachtrufe wie Unsere Kinder werden bedroht! Ständig liegt ein Odeur von Bedrohung in der Luft, eine emotionale Ausdünstung, die klarmachen soll, dass hier irgendwer, jemand der vorzugsweise mit Wir tituliert wird, um seinen Lohn gebracht werden soll.

Alles Skandieren richtet sich gegen ein meist nicht näher genanntes Kollektiv, gegen eine Gemeinschaft, die markig mit Wir bezeichnet wird. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl erwacht: Wir gegen die Arbeitslosen! Wir gegen die Fremden! Wir gegen die Alten! Dieses Wir ist allerdings etwas, was sich schlecht mit soziologischen Begriffen einfangen läßt. Es ist nicht das, was man der Einfachheit halber bürgerliche Mitte nennt - Wir bedeutet auch alles, was über dieser Mitte liegt, jene gesellschaftliche Schicht, die sich als Anführerschicht, als wahre Leistungsträgerschicht versteht. Und innerhalb dieses Wir schlummert auch kleinbürgerlicher Taumel, subsumiert sich alles was sich unterhalb dieser Mitte nicht entblödet, sich selbst zur Mitte zu addieren.

Was sich herauskristallisiert ist eine Schicksalsgemeinschaft, die jedoch nicht immer haarklein definiert ist. Ein Gefühl von Kollektivzugehörigkeit wird entworfen und Leser, Zuhörer, Zuseher werden wie selbstverständlich ins Boot gezogen. Man reiht sie ein in eine Schicksalsgemeinschaft, eine Zweckgemeinschaft, die sich fortwährend entrüstet, die sich andauernd betrogen und verarscht fühlt. Ein chronischer Sinn nach Betrug und Hintergehung nistet sich als narrative Ausgestaltung in die "Öffentlichkeitsarbeit" der Schicksalsgemeinschaft ein. Die Faulpelze sind teuer, die Ausländer frech, die Alten nutzlos und hin und wieder bedroht ein Sexualstraftäter alle Kinder Deutschlands - die Hysterie, die Neurose immer griffbereit. Zusammen fühlt man sich stark, traut man sich gegen dieses schier unabwendbare Schicksal aufzustehen.

Diese nach oben vollständig nach unten leicht geöffnete gesellschaftliche Mitte, sie wird als Hort dauernder Ausbeutung umschrieben. Sie fühlt sich immer benachteiligt, ausgezehrt, unterbuttert, diskriminiert. Allerlei gesellschaftliche Randgruppen wollen sie um den verdienten Lohn bringen. Bevor das divide et impera angeschmissen wird, bedarf es eines Wir-Gefühls, bedarf es eines Ganzen, das teilbar und damit beherrschbar wird. Und diejenigen, die gegen Gruppen aufwiegeln, die schmieden ein solches Wir - und was für eines! Als Gemeinschaft, die das Schicksal zusammengeführt hat, stilisieren sie sie; als Gruppe von Individuen, die vereint sind in ihren vermeintlichen Zielen, Wünschen, Werten, die wie Klone im Geiste wirken.

Und wie verschweißt man eine so heterogene Gruppe? Man impft ihr ein, pausenlos betrogen, verschmäht, übergangen zu sein - man füttert sie mit Entrüstung und Empörung, macht sie hysterisch in ihrer Gier nach Parolen, nach Wir sind die Verarschten!-Slogans, ermuntert sie täglich neu, sich über etwaige Verarscher zu echauffieren. Nur hysterisch empörte Bürger sind lenkbare Bürger. Nur wer den Kopf voller Wut und Erbitterung hat, leidet unter getrübtem Blick. Bloß nicht zur Ruhe kommen, bloß keine Besonnenheit einziehen lassen - schnellschnell die nächste Sau, den nächsten Verarscher durch die Republik gejagt!

Das Schicksal dieser Gemeinschaft läßt sich in der Zeitung nachlesen, im Radio hören, im Fernsehen sehen. Wir sterben aus! Wir überfremden! Wir arbeiten für die Faulen! Wir verhungern, weil wir Alte alimentieren! Wir müssen uns vor entlassenen Straftätern schützen! Wir sind fortwährend bedroht, werden verarscht, ziehen immer den Kürzeren. Wer zu diesem Wir gehört steht außer Frage - jeder darf sich zugehörig wähnen, es ist nicht festgelegt, wer zum großen, verbrüdernden Wir gehören darf. Per definitionem ist es ein nebulöses Schicksal, das verbindet - und die einschlägige Hysterie, der Hass auf Fremde, die Abscheu vor sozialen Unterschichten trägt dazu bei.

Es ist die liebgewonnene Entrüstung, die verschwistert, die eine Schicksalsgemeinschaft erwachen läßt; die Entrüstung, die den sich auskotzenden Angestellten und die empörte Putzfrau bei der morgendlichen Busfahrt zusammenkommen läßt; es ist die Entrüstung, die den optimistischen Arbeitslosen und den geizigen Zeitarbeitsdisponenten, seinen potenziellen Ausbeuter im Wartestand quasi, auf einen gemeinsamen Nenner, einen Nenner des Wetterns, Schimpfens, Erregens, bringt. Das was die Empörer aus Funk und Fernsehen und Print liefern, verbindet, läßt aus dem lose zusammengewürfelten Volk, aus seperaten Gesellschaftsklassen erst eine verschworene Schicksalsgemeinschaft entstehen. Ohne Empörung kein Wir-Gefühl!

Historiker behaupten bisweilen, dass sich der deutsche aber auch der italienische Nationalismus deswegen auf Sprache und Blut, auf rassistischen Nährboden baute, weil er jeweils zu spät ins Leben trat. Es gab vormals keinen deutschen, keinen italienischen Einheitsstaat - eine englische oder französische Einheit bestand aber seit dem Mittelalter. England und Frankreich haben auf der Grundlage ihrer Nationalismen Weltimperien begründet und ebenso Blutbäder bereitet. Aber der rassistische Aspekt, er fehlte weitestgehend - mit Ausnahmen und Sonderfällen freilich. Ihr Nationalstolz baute von jeher auf Tradition, auf den Stolz - aus Mangel an einem treffenderen Begriff sei an dieser Stelle der Stolz bemüht -, Bürger eines funktionierenden Staatswesens zu sein; in einem Gemeinwesen zu leben, das Justiz kennt, Rechtssicherheit, Rechte und Pflichten für jedermann. Auch diese Art von nationalen Selbstbewusstsein hat Menschenleben gekostet; schließlich war man seiner ausgewiesenen, privilegierten Position in der Welt bewusst und entwickelte darauf basierend einen Sendungsauftrag. Gleichwohl, dieser gemeinsame, einheitsstaatliche Stolz konnte Deutschland oder Italien nie ereilen - es gab ihn historisch begründet einfach nicht. Daher die Rückgriffe auf gemeinsames Blut, gemeinsame Sprache, auf Germanentum da, auf Römertum dort - die Schicksalsgemeinschaft war nicht historisch gewachsen, sie wurde von Bismarck da, von Cavour dort gezimmert.

Heute reicht die Empörung als Gründer der Schicksalsgemeinschaft. Nichts verbindet diese Nation so sehr, wie die Abneigung gegen Randgruppen, wie das gemeinsame Gefühl der Verarschung, wie der Umstand, sich gegenseitig zuraunen zu können, wieder mal betrogen worden zu sein. Hysterie vereint die Gesellschaft - nicht der Stolz auf Institutionen, Sozialstaatlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und so weiter. Die werden eher geächtet: das gemeinsame Verarschtsein birgt die Gemeinschaft. Man steht zusammen, weil man scheinbar verarscht wird - das funktioniert sogar klassenübergreifend. Die Empörung ist aber nicht nur heute modern als Klebstoff - sie war es in der letzten deutschen Demokratie auch schon. Sich kollektiv betrogen gefühlt zu haben: das war der Grundstock, auf den ganz besonders empörte Herren in braunen Phantasieuniformen bauten. Auch jene sprachen von Schicksalsgemeinschaft, die aber nicht sie entworfen oder terminologisch ersonnen hatten - sie rauschte in ihrer ganzen Empörung schon seit mehr als einem Jahrzehnt durch den Blätterwald, als man von der großen Verarsche der gesellschaftlichen Mitte berichteten...



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Die Anti-Atomkraft-Bewegung lebt!

Donnerstag, 2. September 2010

Die Union ist sich nun doch einig: sie ist keinesfalls für eine Laufzeitverlängerung, im Gegenteil, sie sähe es gerne, wenn bereits morgen der Betrieb des Atomkraftwerks eingestellt würde. Dass die Sozialdemokratie und die Grünen sowieso immer dieser Ansicht waren, muß nicht gesondert erwähnt werden. Nur dass die FDP jetzt nachrückt und auf sofortiges Abschalten plädiert, überrascht doch erheblich.

Man ist sich einig darüber, dass die unermesslichen Gefahren der Atomkraft sofort gebannt werden müssen. Das ist Konsens zwischen den Parteien. Aber nicht nur hier: die gesamte politische Rechte, Organisationen und Gruppen, auch die gesellschaftliche Mitte, die fast geschlossen nach rechts linst, schließt sich diesem Konsens an. Schließt das Atomkraftwerk! ist die neue Losung der neuen Anti-AKW-Bewegung. Lieber gleich als später - wenn es vielleicht zu spät wäre.

Kurios ist, dass die politische Linke weniger Interesse am Ende der Atomkraft hat. Sie spricht sich eher für ein freies internationales Unternehmertum aus, auf das man keinen Einfluss nehmen sollte. Blockaden und Bauplatzbesetzungen empfindet sie als unerträglichen Eingriff in die Freiheit - Atomkraft sei ohnehin nicht so gefährlich, wie man das zuweilen annehmen möchte. Die politische Linke schmunzelt nur über die Paranoia und das Delirium der politischen Rechten. Wie kann man nur dermaßen die Hosen voll haben, fragt sie sich naiv.

Union und FDP sind sich also einig: keine Atomkraft mehr. SPD und Grüne schließen sich erleichtert an. Zusammen wird man gegen die Absichten der Atomkraftbetreiber intervenieren. Schließt euren Laden, werde sie schreien - zusammen mit der Weltgemeinschaft. Macht dicht! Kein AKW Buschehr mehr! Keine Laufzeit mehr für Buschehr! Es ist einfach zu gefährlich, wird vielleicht zu teuer - vernünftig sein, heißt die Devise: den Laden dicht machen... Druck ausüben, um dieses Ziel zu erreichen; Druck ausüben, wie die Lobbyisten der Atomkraft es hierzulande tun!



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De dicto

Mittwoch, 1. September 2010

"Wer in Deutschland von einem Gen der Juden spricht, dem ist nicht mehr zu helfen. [...]
Das hätte Sarrazin wissen müssen. Mit seinen Ausflügen in die Genetik machte er sich angreifbar."

- Bertholt Kohler, Frankfurter Allgemeine vom 30. August 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Zwei Sätze, die die gesamte Misere der "Affäre Sarrazin" blanklegen. Unverblümter kann man es kaum formulieren. Der Diskurs, der sich nämlich an Intelligenz oder Dummheit orientiert, gerät nur in Schieflage, das heißt: außer Kontrolle, weil sich der Hauptprotagonist dumm, nicht besonders intelligent verhalten hat - jedoch nicht, weil seine Aussagen haarsträubend rassistisch und eugenisch sind. Und wenn er schon von Genen spricht, so ist man sich bei den Meinungsmachern einig, dann bitte nicht von jüdischen Genen. Die Gene der Dummen sind allerdings Freiwild - da darf eine vermeintliche Dummgenetik erfunden und weniger kritisiert betrieben werden.

Was die bürgerliche Mitte Sarrazin nun vorwirft ist nicht, dass er gegen Ausländer und Arbeitslose drischt, dass er ihnen süffisant unterbreitet, sterilisiert wären sie erträglicher für die Allgemeinheit: was sie ihm vorwerfen ist, dass er sich nicht wissenschaftlich genug an die Sache herangewagt hat. Deshalb ist er jetzt dummerweise angreifbar. Wenn man schon xenophobes Gedankengut verbreitet, dann doch wenigstens wissenschaftlich abgesichert! Denn dann kann man seine sozialeugenischen Affekte, diese Mischung aus Fremdenhass und protestantischem Arbeitsethos, aus "Deutschland den Deutschen!"-Rufen und "Wer nicht arbeitet, soll nicht essen!"-Parolen, hinter der hilfreichen Fassade der Wissenschaftlichkeit verstecken. Dann könnten die Stimmen aus dem bürgerlichen Lager rufen: Nicht wir denken so unmenschlich, es ist die wissenschaftliche Erkenntnis, die uns das Unmenschliche nahelegt! Wir werten nur aus - wir bewerten nicht. Letzteres macht die wissenschaftliche Objektivität für uns, damit wir alle subjektiv schuldlos bleiben.

Und genau daran hakt es bei Sarrazins Auftritt. Er hat irgendwo Aufgeschnapptes in einem Buch verwurstet, hat eine Genetik bemüht, die auf dem Wissensstand von 1920 oder 1930 beruht - einem Wissensstand, der damals schon von fortschrittlichen Biologen angezweifelt wurde -, eine Genetik, die fast schon wieder überholt war, als der berühmte Eugeniker und Vordenker der Euthanasie, Auguste Forel, seinen Lebensabend bestritt. Wenn man seine Überspanntheit, sein fiebriges Kleinbürgertum schon ausleben will, so hat dies unantastbar, anhand neuester Wissenschaftlichkeit zu erfolgen - nicht wie Sarrazin es tut, mittels gestriger Lehren. Hätte er Xenophobie und Klassismus nur zeitgemäß präsentiert, modern untermauert und durch aktuelle Studien gestützt: dann wären die, die nun laut und scheinheilig gegen Sarrazins Gestrigkeit anlaufen, auch öffentliche Bewunderer - doch so müssen sie seinen Schneid im stillen Kämmerlein bestaunen.

Ach Thilo, schreiben sie nun zwischen ihren Zeilen... ach Thilo, das wäre ein großartige Chance gewesen, unsere kleingeistige Großmannssucht, unseren großspurigen Kleinbürgerethos ungeniert zu publizieren - hättest du dich nur geschickter angestellt, du Ewiggestriger. Gesucht wird daher weiterhin ein schnittiger Vorreiter, der das dumpfe Lebensgefühl der bürgerlichen Mitte wissenschaftlich oder philosophisch unterstreicht - ohne genetische Positionen, die schon zu Großmamas Zeiten überholt waren...



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