Alle Menschen sind gleich...

Mittwoch, 18. August 2010

Alle Menschen sind gleich, niemand darf benachteiligt oder bevorzugt werden – das Grundgesetz macht es möglich. Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben und Weltanschauung, Behinderung: nichts von dem dürfe zu ungleicher Behandlung führen. Jedenfalls steht es so auf dem Papier. Was man in der Aufzählung jedoch vermissen muß, das ist die eigentliche, die typisch kapitalistische Ausformung von Ungleichheit, das Fundament kapitalistischer Denkart, könnte man fast sagen: ob jemand Arbeit hat oder nicht!

Das ist beileibe kein nebensächliches Defizit des Grundgesetzes. Man beachte nur die Klänge, die aus dem medialen Äther tröpfeln. Da betrieb doch kürzlich ein bayerischer Innenminister befremdliche Auslesen, sprach von Zuwanderern, die man auch gebrauchen müsse, wenn man sie schon ins Land hineinließe. Das muß man sich schon auf der Zunge zergehen lassen: Gebrauchen! Etwa wie einen Schuh oder eine Tube Zahnpasta? Und was dem Schnabel des ehemaligen Berliner Senators entfleucht, damals als er von für den Arbeitsmarkt nutzlosen Kopftuchproduzenten sprach, ist ja beinahe schon das alltägliche Geschwätz deutscher Feuilletons. Hin und wieder erntet er für seine knorrigen Auslassungen Schelte, was prominente Zeitgenossen der Publizistik dazu ermuntert, ihm pflichtschuldigst beizuspringen. Wie neulich erst der Chefredakteur des Focus, der außerordentlich besorgt und beachtenswert erzürnt darüber war, daß da jemand nur dafür Ärger erhalte, weil er die Wahrheit formuliere. Freilich findet sich in diesem Geschwader erlauchter Verwertbarkeitsrhetoriker auch die Soziologie mit ein, die manchen namhaften Vertreter ins Gefecht schickt. Diese räsonieren dann im wissenschaftlichen Duktus darüber, ob es denn vielleicht möglich sei, daß in diesem Lande die falschen Leute Kinder bekämen. Eine scheue Fragenstellung, die die diversen Soziologen umgehend selbst beantworten – das wäre ja auch kein gescheiter Soziologe, kennte er keine unverbrüchliche Antwort!

Diese und weitere Zeitgenossen sind gar nicht so sehr Auswüchse einer nationalen Stammtischkultur, wie man etwas optimistisch vielleicht annehmen möchte. Sie sind vielmehr die Avantgarde einen selektiven Gedankens, der spätestens seitdem die Konkurrenz der Systeme zur Fußnote der Historie wurde, ungeniert zur vollen Entladung kam. Der Faschismus, so unkten manche, und tun es noch immer, sei letztlich die Perversion des Kapitalismus gewesen – aber man könnte dies auch bedenkenlos umdrehen und behaupten, daß der Kapitalismus zeitgenössischer Prägung eine überarbeitete, etwas kultivierter auftretende, wesentlich pragmatischere Abart der faschistischen Denkweise ist. Die selektive Essenz ist zweifelsohne erhalten geblieben, nur haben sich die Auswahlkriterien modifiziert. Es ist eher die Ausnahme im Lande politischer Korrektheit, daß jemand heutzutage aufgrund seiner Herkunft verunglimpft und ungleich behandelt wird; Frauen sind kein Anhängsel des Mannes mehr und weltanschauliche Fragen entscheiden nicht mehr über Gesellschaftszugehörigkeit – jedenfalls ist der Kapitalist in diesen Fragen ein Gleichmacher aus Leidenschaft; einige dumpfe Kahlköpfe, die Hitler für ihren Jesus halten, sind da natürlich anders gesittet. Der Kapitalist jedenfalls ist da wesentlich pragmatischer, bedeutend näher am Puls der Effizienz. Die aktuellen Machthaber in Wirtschaft und Politik – und zwar genau in dieser Reihenfolge! -, haben doch nichts gegen Ausländer und emanzipierte Frauen – sie dürfen nur nichts kosten, der Gesellschaft nicht auf der Tasche liegen, müssen Arbeit haben, sich als nützlich erweisen.

Jener Avantgardist dieses selektiven Grundgedankens, der früher einmal im Berliner Senat tätig war, jetzt im Bankenunwesen selbiges treibt, bringt diesen Gesichtspunkt ja meistens relativ deutlich zum Ausdruck. Der amtierende bayerische Innenminister machte es ihm kürzlich in derselben Deutlichkeit nach. Sie haben ja alle nichts gegen Ausländer: nur nützlich müssen sie sein, Arbeit haben, sich selbst rechnen. Emanzipierte Frauen sind auch toll: besonders, wenn sie sich selbst versorgen können. Moslems sind feine Leute, solange sie nicht auf dem Arbeitsamt katzbuckeln. Ausländerfeindlich oder gegen andere Kulturen seien sie mitnichten, entrüsten sich jene oben genannten Kreaturen des Effizienzprinzips dann bei entgegenschlagender Kritik – die eher selten vorkommt -, denn die Verwertbarkeit des Menschen im Produktionsablauf, gelte selbstverständlich auch für deutsche Bürger, für Frauen und Männer, für Religiöse und Atheisten – alle Menschen sind gleich: wenn sie nur Arbeit haben! Für sie ist letztlich die Frau dem Manne gleichwertig, und im idealen Falle gilt das sogar andersherum – nur Frau und Frau oder Mann und Mann sind eben nicht gleich, wenn das eine Exemplar Geschlechtsgenosse Erwerbsarbeit hat und das andere nicht.

Das Gleichheitsprinzip ist in Gefahr. Daß Menschen, die keine Arbeit mehr finden können, bereits heute despektierlich behandelt, als Schmarotzer ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt werden, kann kaum mehr ernsthaft bestritten werden. Gelegentlich vernimmt man dann sogar Vorschläge, bei denen es einen schaudern läßt, wenn schwelgerisch von eigenen Wohnvierteln oder Erziehungscamps für junge Arbeitslose phantasiert wird – der Schoß ist gewiss mehr als nur angefeuchtet, richtiggehend naß sogar. Weil in dieser ökonomisierten Welt immer mehr von Effektivität und Brauchbarkeit in Verbindung mit menschlichen Wesen gesprochen wird, weil der Mensch zuletzt zum Produktionsfaktor herabgestuft wurde, sollte diesem Bassin an überquellender Ungleichheit gesetzlich das Wasser abgegraben werden.

Wenn man dem Grundgesetz überhaupt noch ausreichend Vertrauen entgegenbringen möchte! Das ist ja heute nicht mehr unbedingt üblich. So könnte man dafür einstehen, Artikel 3 dahingehend zu verändern, auch – zynisch gesprochen! – die „ökonomische Verwertbarkeit“ mitaufzunehmen, was heißt, die Gleichheit von Arbeitenden und Arbeitslosen neben der Gleichheit der Geschlechter, Abstammung und so weiter einzureihen. Diese wäre dann, gelistet zwischen all den anderen Attributen, eine materielle Komponente, brechtisch intoniert: sie wäre das Fressen, alle anderen die Moral. Moral, die wenig kostet, die eher sogar was einbringt – doch jene vor ungleicher Behandlung zu schützen, die keine Arbeit haben, das könnte uns richtig teuer zu stehen kommen und nebenbei manchem Hetzer die Lebensgrundlage entziehen. Wir werden die Gleichheit zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen daher nie gesetzlich festlegen – und wir werden daher zukünftig ein Grundgesetz haben, daß zwar viele Gleichheiten gewährleistet, aber die wichtigste Frage der Zukunft, nämlich die Ungleichbehandlung ökonomisch nutzlos gewordener Menschen, stillschweigend übergeht.

Dieser Text erschien erstmals am 2. August 2010 im Blättchen.



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In eigener Sache

Dienstag, 17. August 2010

oder: wie angelt ein Millionär?

Endlichendlich Millionär! Noch nicht ganz, aber in einigen Stunden! Vom Tellerwäscher zum millionenfach besuchten Publizisten. Ja, ich bin nun Millionär: eine Million Besucher haben ad sinistram in knapp 32 Monaten aufgesucht - die werden sich ja nicht alle verlaufen haben, nehme ich an. Daher werte ich das als Auszeichnung. Eine Million Besucher, mancher davon sogar Leser, kühn gehofft: sogar regelmäßiger Leser. Ich bedanke mich herzlich!

So ein Millionär hat es schwer - überdies dann, wenn er gar kein pekuniärer Millionär ist. Nun habe ich mich kürzlich erst entschieden, von meiner Schreibe leben zu wollen, weniger optimistisch ausgedrückt: durch meine Klaue nicht sterben zu müssen. Mitnichten ein spielerisches Vorhaben! Dabei will ich nicht Millionär werden, Geldmillionär meine ich - Millionen Leser hätte ich aber, so unbescheiden bin ich dann doch nicht, schon gerne. Damit ich diese auch auf Dauer qualitativ befriedigen, mich der Schreiberei voll widmen kann, biete ich seit einigen Tagen - die regelmäßigen Leser werden es rechts, in der Seitenleiste unter dem Blog-Flattr bemerkt haben - die Möglichkeit einer Zuwendung, einer Spende an. Wer sich vor PayPal geniert, kann auf Nachfrage auch meine realen Kontodaten erfahren. Ich werde nicht Nein sagen. Für erwiesene und noch zugedachte Zuwendungen möchte ich mich schon jetzt - für schon erwiesene Zahlungen muß es heißen: erst jetzt! - bedanken.

Ein leidiges Thema, ich weiß. Einigen wird es nicht munden - wenn man sich aber entscheidet, mit der Schreiberei seinen Lebensunterhalt verdienen zu wollen, so neigt man zu jenem pikanten Thema. Heinrich Böll erklärte mal, dass es machen trösten mag, dass er möglicherweise Ewigkeitswerte schaffe. Ein Trost der unbenommen sei, so fährt er gefällig fort, solange er die sich organisierenden Schriftsteller nicht dabei hindere, sich im Hier und Heute Gedanken darüber zu machen, wie sie ihr Geld eigentlich verdienen. Das kann man so stehen lassen! Ewigkeitswerte sind wunderbar - wer ohne diese Absicht schreibt, wer die breite Öffentlichkeit mit seinen Werken nicht erreichen will, auch langfristig, sogar über den eigenen Tod hinaus, der hat seinen Auftrag verfehlt. Aber wenn er sich entscheidet, sein Leben diesem mehr oder minder vorhandenen Talent zu widmen, so soll er davon auch ein wenig zehren können. Reicht es nicht, dass seine Arbeit gemeinhin umsonst, also für die Katz' ist - muß es auch noch umsonst sein?

Ich hoffe auf Millionen. Millionen Leser. Eine weitere Million. Was würde ich mit einer Million Euro auch anfangen wollen? Das ist vermutlich das, was Böll als Ewigkeitswert bezeichnet: etwas hinterlassen zu haben, was viele Menschen erreicht hat und weiterhin irgendwie aktuell bleibt, sich in Zeitlosigkeit einreiht, ein Evergreen bleibt - wobei die Themen, die ich anreiße, weniger grün als grau sind, finde ich. Etwas zu schreiben, was seinen Weg in die Öffentlichkeit antritt, was Lob heraufbeschwört - man ist ja eitel; einen Schreiberling ohne Eitelkeit gibt es nicht. Flattr, Tantiemen aus Zweitnutzungsrechten, Provision für Bücherempfehlungen haben nichts mit dieser Eitelkeit zu tun - sie greifen sie nicht an, machen jene Eitelkeit, niemanden außer dem, was man für Wahrheit hält, verpflichtet zu sein, keinesfalls mürbe. Sie sind nur notwendiges Übel.

Auch als Millionär, Zugriffsmillionär, angelt man nach Einkünften, wenn man bei Kräften bleiben will. Ich würde meine Texte ja gerne gegen Semmeln oder Bratwürste eintauschen: nur fehlt es an Bäckern und Metzgern, die mit mir ins Geschäft kommen wollen. Daher Flattr, Tantiemen, Provisionen - daher sei dem gedankt, der auf mein Buch zurückgreift - daher schlussendlich die Möglichkeit, mir eine Zuwendung zukommen zu lassen. Sei es per PayPal, sei es konventionell nach Rückfrage bei mir: vielen Dank!



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In Plausch verkappte Produktplatzierung

Ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Netter Plausch, der keinem schaden, keinem übelwollen soll. Sendeformate wie jenes des MDR, Riverboat mit Namen, zielen auf angenehme Plauderei ab; ein wenig Information zu prominenten Gästen hier, Werbung für deren Bücher oder neue TV-Serien dort - und manchmal ist sogar spannender Besuch vorzeigbar. Buntscheckig war auch die letzte Runde, wo neben Schauspielern und einem Survival-Experten, die Koryphäen des unterirdischen Musikgeschmacks, die Amigos, gleich vis-a-vis der Koryphäe des flachen Feuilletons gegenübersaßen: Herrn Peter Hahne nämlich.

Bis hierher alles im Plan - so ist das eben gelegentlich; manchmal kommt die Runde nicht in Schwung, weil sie ein Qualitätsdefizit vorzuweisen hat. Kurios erscheint so eine Veranstaltung dann dennoch, wenn Schlagerheroen profunde Einblicke in ihr Herz und ihren Schmerz und ihrem obligatorischen Allerweltsschmalz gewähren oder Kolumnisten großer deutscher Sonntagszeitungen über vielerlei Themen fabulieren, von denen sie offensichtlich nichts verstehen, die sie aber dennoch behandeln, weil man sie eben explizit danach fragt. Ein nicht mal ansatzweise besonders nettes Schwätzchen gestaltete sich da am letzten Freitagabend. Hahne kam an die Reihe, er wie immer wortreich, sinnentleert, blumig, mit moralischem Zeigefinger schwenkend - und dann, als der Mann des leeren Wortes schloss: Auftritt Jan Hofer, der die traute Geselligkeit leitet.

Ein wichtiges Thema derzeit sei, so warf er Hahne vor die Lackschuhe, das Renteneintrittsalter. Die eine Partei wolle zurück zur Rente ab 65, die andere distanziere sich vor ihrer eigenen Entscheidung - wir haben, erklärte Hofer in journalistischer Ausformung, einen Experten befragt. Und schon bahnte sich ein Einspieler seines Weges. Die Rente mit 70, hieß ein Mittvierziger den Zusehern, sei ein optimistisches Zeichen - und freilich auch notwendig. Optimistisch sei sie, weil sie klarmacht, dass diese Gesellschaft über gesunde, einsatzkräftige Alte verfüge. Wir könnten mittlerweile auch Menschen jenseits der Sechzig medizinisch arbeitfähig halten. Mal abgesehen davon, dass eine solche Äußerung ganz schön unverschämt ist, weil hier Medizin als Wissenschaft zur Bewahrung der Arbeitsfähigkeit verstanden wird, so blieb doch vage, wer dieser Mann da eigentlich sei. Einen Namen nannte man, wurde eingeblendet: Michael Hüther.

Der Experte, er stammt aus dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, das als Berater der Initiative Neue Sozialen Marktwirtschaft (INSM) und dem Roman Herzog Institut fungiert. Der Experte: ein Lobbyist! Aber davon keine Rede! Und wie er gekommen war, so verschwand er wieder. Hofer verlor kein Sterbenswörtchen mehr über diesen Einspieler und wandte sich zwei TV-Kommissaren zu, um mit denen über ihre Arbeit zu sprechen. Vergessen der kurze Einwurf zum Renteneintrittsalter - ein Einwurf, einfach so, ohne Bezug, ohne darauf eine Diskussion aufzubauen. Wieso der Einspieler, warum auf Hahnes Auslassungen, die sich mit Rente nicht befasst haben, diese kurze "Information" notwendig war, wurde nicht erläutert. Keiner aus der Runde fragte nach, es schien ihnen allen selbstverständlich.

So streut man sachte Botschaften aus, platziert neben den Schlager-Amigos, Kommissaren und Kolumnisten wirtschaftliche Aussagen, die einem breiten Publikum zugänglich werden. Mit dem Plausch selbst hatte Hüther nichts zu tun - aber so leise und unscheinbar, verkappt als unabhängiger Experte, Bulletins in die Öffentlichkeit zu werfen: dazu ist eine derart plauschige Runde und deren unbedarfte Zuseher exzellent geeignet. Wäre Hüthers frohe Kunde eine Dose, eine Flasche, ein Tetra Pak: man hätte laut und entrüstet von Product-Placement gesprochen. Aber ideologische Frohbotschaften fallen nicht unter diesen Verdacht - nicht mal dann, wenn sie besonders plump daherkommen...



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Facie prima

Montag, 16. August 2010

Heute: Die Suggestion, der wirtschaftliche Aufschwung


Hat die Presse zur Aufgabe, über wirtschaftlichen Niedergang, Abschwung und Krise zu berichten, so umrahmt sie ihre Artikel mit Fotographien, die die Verwitterung unterstreichen, untermauern sollen. Verödete Baustellen werden gezeigt, großräumige Arbeitsstätten, auf denen nur ein Angestellter zu sehen ist, womit die brachliegenden Arbeitsstellen evident werden, die hier wuchern könnten, wenn es wirtschaftlich besser ginge. Keine Bilder von anpackenden Handwerkern, keine laufenden Fließbänder - alles ist still, alles ruhig, emsiges Nichtstun. Es scheint, als habe die Republik der Stillstand ereilt - es soll ja auch so scheinen. Denn die Abbildung muß abbilden, was der dazugehörige Artikel vorbringt. Der kräftige Arbeiter kommt erst dann zum Einsatz, wenn man sich entschließt, die relativ traurige Realität auf dem Arbeitsmarkt, mit all seinen Fängen um Niedriglohn und Scheinbeschäftigung, zu einen Aufschwung zu verklären. Dann braucht es Bilder von stemmenden Kerlen, die dann auch vor der Landesflagge posieren dürfen, um eine nationale Stoßrichtung zu deklamieren.

Schreibt man vom Aufschwung, darf es funken und sprühen, muß es stieben und spritzen. Seht her, sollen solche Bildnisse rufen, jetzt wird wieder gearbeitet, malocht, geschafft! Jetzt geht wieder was! Bilder von verrichteter Arbeit umsäumen die frohe Botschaft aus Aufschwungserbauungsschriften. Wo noch vor einiger Zeit Ödnis herrschte, da glüht es heute, da glimmt es arbeitsam. Das Foto soll animieren, soll einstimmen, muß Gefühle einpendeln und regulieren. Die Leser etwaiger Aufschwungsberichte, diese oft mehr als trockene Texte, brauchen etwas fürs Auge, etwas zur schnellen Sinnerfassung. Daher einst Brachen auf dem Bau und in Werkshallen - daher nun Baustellen, die einem Ameisenhaufen gleichen oder Werkshallen, wo die Roboter und Maschinen nur so ranklotzen - überall prall gefüllte Arbeitsstätten, von Einsamkeit in Werkstätten keine Spur mehr. Man macht bildlich, was textlich langatmig, wenig attraktiv ist. Schwitzende Arbeiterheere, ratternde Maschinen, Blitze und Glut, ansehnlicher Funkenflug, volle Regale oder Parkplätze - alles zielt darauf ab, die Vitalität, den Schwung, die Dynamik zu versinnbildlichen. Alles ohne Anspruch auf Wirklichkeit, ohne Wahrheitsgehalt - alles nur als Metapher, als Suggestion.

Wie sehr solche flankierenden Fotographien als Sinnbilder herhalten müssen, demonstrieren jene Bilder von zugeparkten Parkplätzen diverser Autohersteller. Die Üppigkeit solcher Abbildungen soll den Fleiß illustrieren, soll den Produktionsmarathon suggerieren - hier wird wieder so viel gearbeitet, dass der Parkplatz kaum mehr ausreicht!, soll ausgedrückt werden. Ob er aber etwa deshalb überbelegt ist, weil produziert und wenig verkauft wird, steht gar nicht zur Debatte. Denn es sind Bilder, die Gefühle anfachen sollen - nicht die Wahrheit dokumentieren. Selbst in Zeiten des Abschwungs findet sich in einer Massengesellschaft wie der diesen, keine absolute Ödnis - sicher verwaisen Baustellen oder Firmen, aber um die nächste Ecke wird weiterhin gearbeitet. Das Bild ist nur ein Ausschnitt, der aber im Kontext zum Bericht zur Ganzheit, zur Allgemeingültigkeit emporsteigt. Andersherum gilt es ebenso: in wirtschaftlich besseren Zeiten, werden zwangsläufig immer dennoch brachliegende Arbeitsstätten vorzufinden sein. Brache hat durchaus volkswirtschaftlichen Schaden zur Folge - aber so ohne weiteres im Alltag ist sie nicht immer erkennbar; die Krise, die auf Bildausschnitten spielend erkannt werden kann, ist in der Realität selten auf den ersten Blick zu erfassen.

Das Bild, das man den Berichten um Krise und Aufschwung zugesellt, es ist eines ohne Wirklichkeitsanspruch - es bildet nicht ab, es bildet aus: nämlich die Empfindung, mit der der Leser seine Zeitung zur Seite legen soll. Dergleichen kommt immer wieder vor, wenn beispielsweise bestimmten Politikern eine Tendenz anfotographiert wird - so drastisch wie im Falle des Auf- oder Abschwungs ist es jedoch nirgends.


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... damit alles so bleibt...

Samstag, 14. August 2010

"Es muss sich alles ändern, damit alles so bleibt, wie es ist."
- Giuseppe Tomasi di Lampedusa, "Der Leopard" -

Bin punktgenau angekommen. Ende 1922; erste Oktoberwoche, um genau zu sein. Räumlich stimmt es auch: bin ich München. Habe mir bereits zeitgenössische Kleidung besorgt - separater Stehkragen zu kragenlosem Hemd. Nicht bequem, aber unabwendbar, um die Mission erfolgreich umzusetzen. Wenn es nur einen Vatermörder um den Hals kostet, die Menschheit von diesem Herrn Hitler zu befreien, so will ich es ertragen.
Habe am kommenden Montag vor, "bei Hitlers" vorstellig zu werden - möchte in seine Chauffereska gelangen; möchte für ihn eines Tages vertrauensvoll genug sein, um ihm in trauter Zweisamkeit eine Kugel in den Schädel jagen zu dürfen.

9. Oktober. Komme eben von der Parteizentrale zurück. Bin zur eigenen Überraschung gleich ins Arbeitszimmer Hitlers geführt worden. Dort waren mehrere Männer anwesend, glaube Röhm erkannt zu haben - stank nach Schnaps. Hitler in zu engem Anzug. Auf seine Frage, wie mein Namen laute, hätte ich fast meinen wirklichen Namen spanischen Ursprungs genannt - um keinen Verdacht zu schöpfen, taufte ich mich eilig auf Erich Kempka, der augenblicklich erst zwölf Jahre alt sein dürfte, der aber ab 1936 wirklich Hitlers Chauffeur würde, gelangte meine Kugel nicht vorher in sein Hirn.
Es ist überhaupt schwer, als jemand mit dem Wissen der Nachkriegszeit, sich in diesen Jahren des Radikalismus zu bewegen. Man ist ständig geneigt zu spotten, zu lachen, sich an den Kopf zu fassen ob der Naivität jener damaligen, für mich nun gegenwärtigen Menschen.
Hitler fragte weiter, woher ich stamme. Sagte ihm, ich sei aus Posen - ich nannte diese jetzt polnische Stadt, damit es den Nationalsozialisten nicht zu einfach gelänge, nach einen Kempka zu forschen, den es in meiner Statur noch gar nicht gibt. Ob ich sehr traurig sei, weil meine Heimat nun polnisch sei, fragte er. Ich bejahte traurig. Das gefiel ihm. Er kniff mich leicht homophil in die Wange, ich solle übermorgen erscheinen, soll in der Parteizentrale auf Bereitschaft harren.
Lapsus: beim Verlassen des Raumes reckte ich meine rechte Hand gen Himmel. Dabei entfuhr mir ein Heil Hitler! Die anwesende Kamarilla staunte nicht schlecht; der, den ich für Röhm halte, hieß mich einen schleimenden Blödian. Hitler schmunzelte, das gefalle ihm ausgesprochen gut, meinte er erheitert.

26. Oktober. Seit über zwei Wochen im Dienst, meist nur Bereitschaft. Werde aber gebührenfrei verköstigt - für das Herumsitzen Gehalt einzuschieben ist der Werktätigen Himmel. Schlechte Arbeitgeber sind sie ja nicht, die Nazis. Noch nicht - ich weiß ja, dass es anders kommen wird, wenn Hitler nicht vorher verendet, noch bevor er der Führer dieser Bewegung wird. Denn ich habe übrigens mitbekommen, dass nicht alle in Hitler den Mann der Vorsehung erkennen, viele glauben Ludendorff würde es werden. Eine Minderheit wittert gar in Hermann Esser, in dessen Elternhaus meine Urgroßmutter mütterlicherseits noch vor einigen Jahren Köchin war, den Mann der Zukunft.
Die Mitschuld meiner Familie? Servierte sie ihm, im Stile der damaligen Zeit, in Mehlschwitze getunktes Gemüse, welches fabelhaft zum Briefbeschwerer taugte? So hat das Nietzsche mal irgendwo formuliert! Hat dieses bleierne Zeug, dieses Völlegefühl nicht nur Blähungen, sondern auch die Wut des damals noch kleinen Hermann angefacht? Ihn zu einen dieser Rededämonen aus Bierkellern gemacht? Oh, Urgroßmutter...
Hitler oder Ludendorff - oder der Kostgänger meiner Uroma: man scheint sich noch nicht ganz einig zu sein. Erinnere mich an einige Zeilen Joachim Fests, in denen er davon berichtet, dass Ludendorff für eine große Mehrheit als zukünftiger Messias galt.
Sehe Hitler täglich. Kein übler Kerl. Das ist zu viel gesagt: er ist keine Bestie, scheint niemanden wehtun zu wollen. Auf der Bühne wird er zum Tier - das ja! Aber privat ein ausgesprochen liebeswürdiger, durchaus aber auch farbloser, fader Typ. Er siezt mich, geht respektvoll mit Untergebenen um, läßt keine Allüren durchschlagen, obwohl er derzeit Oberwasser hat. Er wirkt wie einer von diesen Spießern, die man aus meiner Zeit auch kennt - der hier hat nur mehr Einfluss, mehr Möglichkeiten. Die späteren Spießer sind da zum Glück etwas eingeengter.

24. November. Mitten in der Nacht klopft mich ein Bote aus dem Bett. Hitler wünsche nach Ingolstadt gefahren zu werden. War sichtlich nervös, sollte also mit diesem gestiefelten Messias - hat das nicht Camus später über ihn geschrieben? Den kennt 1922 kaum einer! - in meine Heimatstadt kutschieren. Muß dort vorsichtig fahren, nicht dass ich im Morgengrauen meine noch nicht zweijährige Großmutter überfahre und damit meine spätere Existenz gleich mit. Makabere Situation. Zog mich eilends an, der Bote meiner wartend - wann gedenkt der Führer zu fahren, frage ich. Wer?, antwortet der Bote.
Stunden vergingen, Hitler tauchte nicht auf. In den Morgenstunden schlurft er in den Saal, setzt sich neben mich, entschuldigt sich aufrichtig. Es wäre etwas dazwischengekommen, von Ingolstadt sei keine Rede mehr. Er habe aber nun erkannt, was für ein treuer Paladin ich sei - steckte mir einige Reichsmark zu; Kaufen Sie sich was Schönes!, empfahl er. Und gehen Sie in die Schellingstraße, Osteria Bavaria. Sagen Sie, ich hätte Sie geschickt - man wird Sie dort auf meine Kosten bewirten. Er reichte mir die Hand, drückte mannhaft zu, sah mir tief in die Augen und lächelte sanft.
Das ist also der Menschenschlächter, der Auschwitz und Treblinka zu verantworten hat - zu den Seinen ist er (noch) gut...

26. November. Bin verwirrt. Soll ich diesen "netten Onkel" wirklich liquidieren? Röhm würde ich ohne mit der Wimper zu zucken erschießen - der ist ein Arschloch! Aber Hitler ist angenehm, manchmal geradezu nett. Die Frauen fliegen auf ihn; er ist für sie ein entzückender Onkel mit Witz und Charme. Habe mich entschlossen, ihn politisch auf den Zahn zu fühlen, damit ich etwas wie Abneigung gegen seine Person entwickeln kann. Wenn er gegen Juden und Untermenschen geifert, wird mir eine Kugel in seinem Kopf leichter vorstellbar werden.

Zurück in der Gegenwart. Habe ihn tatsächlich erschossen! Er wollte von mir ins Münchner Umland gefahren werden. Winterliche Ausflugsstimmung. Das war am 8. Dezember 1922. Hitler war munter, erzählte viel von sich und vom Kriege. Fragte ihn, wie er den Ersten Weltkrieg erlebt habe. Sie sind wohl Optimist, Herr Kempka!, gab er zur Antwort. Ob ich denn glaube, dass ein zweiter Krieg käme - der täte nämlich Not. Wer darauf hoffe, hätte gesunden Menschenverstand. Sprach ihn auf die Juden an. Er schimpfte. Jedoch weniger gewalttätig und derb, als man es als Kind der Zukunft von ihm gewohnt war. Überhaupt präsentierte er keine vorzüglichen Ansichten, alles borniert, eingefahren, wenig weitsichtig - jedoch nie so, dass man den Teufel in ihn erahnen konnte. Man hätte meinen können, mit dem Vertreter des rechten Flügels der Sozial- oder Christdemokraten meiner Epoche zu sprechen; halsstarrig und kratzbürstig, nicht aber diabolisch und mit Hörnern ausgestattet.
Fast wollte ich davon ablassen, die günstige Gelegenheit auszunutzen. Eine fatale Entscheidung wäre das gewesen! Denn wann würden wir wieder einmal zu zweit unterwegs sein? Er vertraute mir zwar, aber sein Zeitplan ließ solche Ausflüge nur selten zu. Fast hätte ich diesen eigenartigen, irgendwie aber doch so menschlichen Kerl laufen lassen. Nur dann, so fiel mir plötzlich ein, wäre ich gezwungen, weiterhin diesen elenden Vatermörder zu tragen - denn an eine Rückkehr in meine Zeit, wäre nicht mehr zu denken gewesen. Man hätte mich aufgrund von Arbeitsverweigerung verklagt. Nein, ich wollte keinen Vatermörder mehr, keinen drückenden, zwickenden Stehkragen, nicht zurückbleiben und mit etwas Pech in Stalingrad verbluten müssen - als er dann an eine starke deutsche Eiche pisste, habe ich ihn erschossen. Feige von hinten - wollte nicht in sein Onkelgesicht blicken müssen, nicht von seinen Onkelaugen angestarrt werden. Ein Schwall aus Blut und Gehirnbröckchen ergoss sich irgendwo südlich von München. Seinen Leichnam ließ ich liegen, flüchtete schnurstracks Richtung Jetzt...
Einige Minuten später war ich zurück. Auftrag erledigt! Ich würde gerne sofort erfahren, wie sich die Geschichte nun anders entwickelt hat, wie der Frieden Europa und die Welt veränderte. Aber wenn ich den Stift aus der Hand gelegt habe, werde ich mich zunächst zur Ruhe betten, den tiefen Schlaf des Mörders schlafen.

Nächster Morgen. Ausgeschlafen. Der Führer, der noch gar kein Führer war, ist seit beinahe einer Nacht und einem Jahrhundert tot. Mache mich auf den Weg zur Stadtbücherei - Geschichte neu erleben. Neugierig wie ein kleiner Junge!
Zurück. Den Bücherregalen entwichen, stellt sich Ernüchterung ein. Der Führer lebte bis 1937 weiter - er nannte sich Erich Ludendorff. Zwar konnte man auch mit dem ehemaligen Generalquartiermeister reichspolitische Weihen vorweisen, ein Kanzler kam aber nie aus Reihen der NSDAP. Bis hierher wäre alles gelungen. Es gab 1933 keine Machtergreifung, die Macht behielten diejenigen, die sie vormals schon hatten. Brüning, Papen, Schleicher - danach varierten diese drei Köpfe, jeder von denen brachte es auf mehrere Amtszeiten, die allerdings nur einige Wochen oder Monate dauerten. Im Juni 1934 stabilisierte Brüning eine Regierung. Er war es auch, der eine Art Ermächtigungsgesetz entwarf - Gesetz zu Bewahrung der Demokratie, nannte er es. Er brauchte keinen Reichstagsbrand. Nach dem Tod Hindenburgs im August '34 arrangierte sich Brüning mit Hugenberg - dieser versprach den Kurs der amtierenden Regierung durch seine Medienpotenz zu unterstützen, dafür griff man seiner Kandidatur zum Reichspräsidenten unter die Arme. Er wurde dann auch Ersatzkaiser! Kampagnen zum großen Wurf jenes Gesetzes, das Arbeits- und Erziehungslager für Erwerbslose, politische Aktivisten und allerlei Nonkonformisten genauso vorsah wie die Auslese volksfremder Rassen, erfüllten das damalige Deutschland. Wahlen wurden ab 1937 ausgeschlossen, um der Kontinuität und dem Aufschwung nicht im Wege zu stehen - Du bist nichts, dein Volk ist alles! sonorte die Wochenschau, gleichzeitig ein weise dreinblickender Hugenberg nickte und die Arme weit ausstreckte, als wolle er sein Volk an sein sperrangelweit geöffnetes Herz drücken. Die Verpflichtungen des Versailler Vertrages wurden nicht schnodderig verworfen, sondern nach und nach, sittsam demokratisch gewissermaßen, gelockert oder ganz gelöst. 1942 wurde der innere Druck und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung allerdings so immens, dass man nach außenpolitischer Kompensation suchte - das gespannte Verhältnis zu Polen war ein trefflicher Kompensator. Die Arbeitsämter schickten Armeen zur Reichswehr, die dann um des lieben sozialen Friedens willen, in den Krieg ziehen durfte.

Eine weitere Nacht wie besinnungslos geschlafen. Alles ist anders - alles ist gleich. Es hat sich alles geändert, damit alles gleich bleiben konnte. Dieser Gedanke macht mein Gehirn mürbe.
Gemeinsam mit Frankreich, England und später den USA marschierte Deutschland gegen Stalin, gegen den Kommunismus, nachdem Deutschland mittels der Eroberung Polens zum äußersten Bollwerk der "freien Welt", zur Mark des Freihandels geworden war. Der italienische Faschismus schloss sich diesem Menschheitskampf an. Alte Fotos gehen mir nicht mehr aus dem Sinn: der Duce, wie er Brüning herzt, dessen Wangen küsst; der Duce zu Tisch mit Roosevelt; der Duce, wie er der Zentrumspartei Zentrale einen Besuch abstattet. Und Churchill, nicht als Premierminister abgelichtet, der er nie wurde - Churchill als Anführer einer kleinen Splittergruppe: den englischen Faschisten. Haffner schrieb ja mal, dass man Churchill in den Zwanzigerjahren für den kommenden Mann des europäischen Faschismus gehalten haben könnte - so weit kam es nicht, er blieb der Herr des englischen Faschismus nur: einer überschaubaren Clowneske.
Letztlich gewann keiner den Krieg - nur Verlierer; alles blieb beim Alten. Die NSDAP existierte weiter, focht mit anderen Parteien für die Wiedereinführung des Wahlrechts. Was irgendwann nach Brünings Tod auch geschah. Von da ab zog man regelmäßig als Oppositionspartei in den Reichstag. Das Hakenkreuz wedelt ganz legal in Berlin vor dem Ludendorff-Haus - die Parteizentrale einer aggressiven, darwinistischen Partei, der es aber an Format fehlt; der Hitlergruß ist indessen unbekannt. Nur ein gewisser Kempka, ein Chauffeur und Mörder, so berichtet eine Anekdote des siechen Röhm, habe mal vor diesem frühen Trommler der Bewegung salutiert; vor einem gewissen Hitler, der viel von Putsch und Märschen sprach, ansonsten aber nur quer durch die Bierkeller brüllte. Der Hitlergruß als eine Fußnote, die nur in penibel geführter Fachliteratur zu finden ist!

Ich bin verzweifelt. Da bin ich doch aufgebrochen, um der Welt den Frieden zu sichern, indem ich die Bestie Hitler ermorde, nur um jetzt erkennen zu müssen, dass das, was sie uns in der damaligen Welt gelehrt hatten, nämlich dass Hitler und seine Entourage Monstrositäten seien, ausgesprochener Käse war. Sicher, Juden haben sie in dieser Welt nicht geschlachtet - in Lager steckte, und stecken sie noch immer, Nonkonformisten. Keine Vernichtungslager, Zermürbungslager aber allemal. Die eine Bestie habe ich abgemurkst, nur damit sich andere auf bestialische Pfade machen konnten. Ist die Welt ohne Hitler besser geworden? Für die Zeitgenossen stellt sich diese Frage nicht, sie kennen Hitler nur, wenn sie besonders belesen sind; selbst Geschichtsfexe müssen nachblättern, wer dieser Hitler eigentlich war. Aber sie glauben, in einer guten Welt zu leben - sie leben im Angesicht von Arbeits- und Erziehungslagern, in denen auf Raten gemordet wird; Todesfälle seien ein Versehen, heißt es dann bedauernd, absichtlich käme dort niemand zu Tode.
Die Hölle sollte aus der menschlichen Erinnerung getilgt werden - nie wieder Dachau, schon gar nicht Auschwitz, nicht in Zukunft, nicht in der Vergangenheit: das habe ich mir vor meiner Reise stets vorgebetet, um mir Mut zuzusprechen. Und nun bin ich zurück: der Teufel ist tot, aber die Hölle konnte ich nicht abwenden. Auschwitz lebt, wenn nicht als wirklicher Ort des Grauens, so doch als Synonym - und niemand stößt sich daran. Diejenigen, die in meiner Welt Demokraten waren, die die politische Mitte bildeten, sind in diesem Weltentwurf die Herren der Zermürbungslager. Eine erstklassige Fehldeutung, in Hitler den Schöpfer der Hölle geahnt zu haben - jetzt wüssten meine damaligen Zeitgenossen, dass es nicht an Hitler lag, sondern an seiner Zeit. Hitler hat es angetrieben, hat zur Eile gedrängt - die Demokraten, die später in seinem Geiste dasselbe mit etwas mehr demokratischem Gestus umsetzten, legten nur mehr Gemütlichkeit an den Tag. Sie brachen nichts zu schnell übers Knie; aber übers Knie brachen sie es irgendwann dann doch.

Hitler töten!, lautete die Stellenanzeige, auf die ich mich damals spaßeshalber meldete. Ich habe es getan - und, zynisch gesprochen, eine bessere Welt erschaffen. Eine bessere Welt, in der man sich nicht mehr über Auschwitz ereifern muß - in der man mit Straflagern friedlich und gelassen leben kann. Eine bessere Welt, weil man in dieser seinen Frieden mit der Unterdrückung, mit der Straflagermentalität gemacht hat; weil man in dieser, um es sich nicht zu schwer zu machen, um es sich zu erleichtern, einfach alles mit Demokratie betitelt, um nicht unnötig in Gewissenskonflikte zu geraten. Im Namen des Volkes, ruft diese Zeit, so wie auch meine Zeit dasselbe ausrief; sie nennt sich Demokratie wie meine: sie wäre das bevorzugte Zeitmodell der Demokraten, die ich in meiner Welt einst kannte. Denn in ihr nennt sich der tiefste menschliche Abgrund Demokratie. Wenn Demokratie das erreicht, macht sie sich zum Liebkind der Machthaber. Demokratie bedeutet nicht, so wie man es mir in meiner Welt beibrachte: Auschwitz verurteilen; Demokratie bedeutet: seinen Frieden mit der Hölle machen. Die Beseitigung Hitlers war ein Clou - jetzt haben sie die Staatsform, die sie immer wollten, aber nie haben konnten, ohne in den Ruch der Braunheit zu geraten. Hitler musste sterben, damit die Diktatur zur Demokratie modelliert werden konnte.
Ohne Hitler wäre das, was ohnehin damals in der Luft lag, eher toleriert worden - die Machthaber aus meiner Welt, das erkenne ich heute, waren Hitler nie böse, weil er ein Massenmörder war; sie verurteilten ihn, weil er ihnen Herrschaftsmittel entzogen hat, die ohne seine Übertreibung legitim geblieben wären. Als ich nach 1922 reiste, hallten mir noch jene Demokraten in den Ohren, die auf Hitler schissen und munter das predigten, was man auch 1922, 1929 oder 1934 hätte predigen können: man sprach wieder von Ballastexistenzen, zog über angeblich ethnische Spezifika her - ganz ungeniert. Ich glaubte, wenn ich ihn töte, hätte sich eine solche Denkweise nie durchgesetzt - schön naiv war das! Jetzt ist sie etablierter denn je - jetzt kann man sagen, was man in meiner Zeitlinie nicht mal mehr denken sollte. Ganz ohne Gegenwind...

Nachtrag. Nach einigen Wochen in dieser schönen neuen Welt den Entschluss gefasst, nochmals zurückzureisen. Ich werde Kempka erschießen... das heißt, ich würde ihn erschießen, wenn ich zurück könnte. Meine damaligen Auftraggeber, die mir die Reise ermöglichten, scheinen in dieser Welt nicht zu existieren - ohne sie existiert auch keine Reise...



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Kocht der Koch, so schmort er

Freitag, 13. August 2010

Macht man sich des Terrors schuldig, wenn man Terroristen verköstigt? Werden Falafel und Kuskus, Kirchererbsen und Hartweizengries zu gefährlichen Waffen, weil sie den Magen eines Terroristen, eines Terrorfürsten gar, füllen? Leerer Bauch terrorisiert nicht gerne - und prompt landet der Koch Bin Ladins, verurteilt nach allen Regeln der unabhängigen Jurisprudenz, von einer Militärjury nämlich, für vierzehn Jahre im Gefängnis. Kebab als Tatbestand - diejenigen, die damals Stinger-Raketen und automatische Handfeuerwaffen lieferten, sind nicht nur weiterhin über jeden Verdacht erhaben: sie sind obendrein des Kochs Kerkermeister.

Ist man also selbst schon Terrorist, wenn man einen Terroristen bekocht? Die Militärjury hat das eindeutig bejaht. Wer den Kopf mittels Bauch bei Laune und bei der Arbeit hält, stillt damit nicht nur existenzielle Bedürfnisse - er ölt damit den Keilriemen des Terrormotors. Kochen ist die eine Sache - für einen Terroristen zu kochen bedeutet aber, sich schuldig zu machen. Kuskus als Waffe gegen die westliche Welt! Wäre Constanze Manziarly, die Köchin des Zweifingerbarts, nicht im Straßenkrieg Berlins ums Leben gekommen, hätten sich vermutlich ihre Nudelgerichte zu Nürnberg verteidigen müssen. Wer dem Führer Köstlichkeiten zubereitete, rührte im Töpfchen gleich noch das Leid der Welt an - den Diktator kulinarisch zu verzärteln bedeutete, die Gaskammern weiter anfachen. Eine Köchin mit Courage, hätte ihre so banale, doch so existenzielle Kunst, nicht für diesen Brotgeber hergeben dürfen. Ein Koch, der kocht, der einen derartigen Garst bekocht genauer gesagt, muß selber schmoren - einer, der was auf sich hält, läßt seinen widerlichen Herrn verhungern: im Namen der Welt.

Man kann es auch übertreiben - freilich kann man es nicht so einfach abtun, einst Smutje eines Massenmörders gewesen zu sein. Das blitzt nicht golden aus Lebensläufen heraus, entblößt den gastronomischen Fachmann außerordentlich; entblößt ihn als Menschen. Sicher, er hat nur seine Arbeit getan, das was er kann, was er gelernt hat. Zwischen Töpfen, Pfannen, Auflaufformen hat er jedoch sicherlich erkannt, wes Brot er bäckt. Nur war es ihm halt einerlei. Das ist fürwahr kein Qualitätsetikett, was man sich da anhängt - aber ein Grund zur Haft ist es mitnichten. Koch und Friseur, Arzt und Schneider - alle bieten sie seit jeher Dienstleistungen auch denen an, die der Schattenwelt entstiegen sind. Das ist traurig und keine besonders exzellente Werbung. Man mag es moralisch verurteilen - juristisch jedoch nicht. Das geht zu weit, zumal wenn es vierzehn bevorstehende Haftjahre sind, die zur Sühne notwendig sein sollen.

Die Militärjury, so könnte man frech annehmen, krankt an einem Abwehrmechanismus, den die Psychoanalyse Projektion nennt. Diese sei, so Sigmund Freud, das Verfolgen eigener Wünsche in anderen - andersherum formuliert: sie ist das Erahnen eigener Komplexe, eigener Schuld in anderen. Gut denkbar, dass die Jury, stellvertretend für eine ganze Gesellschaft, den banalen Küchenmeister verurteilte, weil sie tief in ihrem Innersten ahnt, dass es die banalen Zeitgenossen sind, die mit ihren gewöhnlichen, alltäglichen Handlungen das große Unrecht absegnen. Sie ahnen, dass es Köche, Friseure, Kellner sind, die Regime und Repressionen dienstleistend dulden; sie ahnen, dass es die banalen Alltagsmenschen sind, die sich mitschuldig machen, weil sie Verfassungsbrüche und Kriegsgeschrei leise vor sich abnickend unterstützen.

Sie projizieren diese Schuld, die eine ganze Gesellschaft ereilt, auf jenen Koch... er hat zu büßen, weil er Terroristen bekochte. Er muß büßen, damit sich ein aufbegehrendes Gewissen nicht allzusehr sträubt; er muß büßen, weil der Haareschneider industriestaatlicher Kolonialherren nicht belangbar ist; er muß büßen, weil man den Fleischer des Vertrauens etwaiger Sozialstaatsfeinde nicht einkerkert; er muß büßen, weil man den freundlich grüßenden Nachbarn von Kriegsbefürwortern nicht vor Gericht bittet - mit der ganzen Chuzpe der Psychoanalyse könnte man also sagen: sie brauchen einen Prügelknaben, dem sie seine Schuld des Alltags aufladen - eine Schuld, die sie schamhaft bei sich selbst vermuten...



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... so beschämt es weniger!

Donnerstag, 12. August 2010

Gemachgemach! Diese Nervosität ist zwar über und über sympathisch - beruhigend, dass es die deutschen Milliardäre kaum erwarten können, etwas weniger spendabel als ihre amerikanischen Vorbilder die Taschen zu öffnen. Sie sollten sich aber noch etwas gedulden, bedachtsamer sein. Nicht so vorschnell! Nicht die Geldbörse zu schnell gezückt! Die, die erwartungsfroh hinaufblicken, weil sie das Geldgeschenk brennend gebrauchen können, wollen nicht allzu gierig erscheinen. Wenn sie auch sonst nichts haben - Manieren haben sie behalten. Man sollte es den Krösussen mitteilen: behaltet eure Reichtümer zunächst; rückt sie nicht zu übereilt heraus!

Dochdoch, die Bedürftigen wollen sie schon, diese Schätze. Allein es ist ihnen nicht so eilig wie den spendenfreudigen Finanzmagnaten - sie können warten. Weil: es ist ihnen nicht nach Geschenken; ihnen ist nach Garantien. Geschenke sind schnell gemacht, genauso schnell vergessen - Garantien sind aber geduldig, vergisst man nicht so leicht. Und obendrein sind Geschenke meist dann angesagt, wenn man ein schlechtes Gewissen verkappen will oder wenn man unliebsame Vorhaben vorab besänftigen möchte. Daher: keine Geschenke - die Milliardäre sollen sich nicht schenkend aus der Affäre, aus der Verantwortung stehlen können; die Mittellosen sollen nicht deshalb beschenkt werden, damit die ausgesprochene Sauerei, dass es Menschen gibt, die überhaupt in die Bredouille kommen, mit Milliarden herumwerfen zu können, schnell aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt ist.

Garantien! Das heißt: höhere Steuern für Reiche, Super- und Supersuperreiche! Daher erstmal ruhig Blut, die Geldbörsen geschlossen: auf die Schnelle soll nicht geschenkt werden. Was Not tut sind monatliche, turnusmäßige garantierte Zahlungen, die man nicht in Geschenkpapier packen muß, die sich diese Gesellschaft im Namen des Allgemeinwohls gesetzlich abgesichert selbst einholt. Krösusse, schenkt euren Frauen und schenkt euren Freunden - aber nicht wildfremden Bedürftigen! Nicht denen, die zu fremd sind, als dass man da freigebig sein könnte. Wie das gemeint ist? Sagen wir es mit Nietzsche, denn man findet für jeden Anlass eine passende Sentenz bei ihm: "Ich aber bin Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den Freunden. Fremde aber und Arme mögen sich die Frucht selber von meinem Baume pflücken: so beschämt es weniger."

Sie sollten sich nicht beschämen, die Reichen, indem sie schenken; sich nicht beschämen, indem sie sich zu den armen Schluckern herablassen. Demütigt euch doch nicht, Krösusse, kommt den Armen nicht zu nahe. Und demütigt die Armen nicht, indem ihr sie mit eurer Herablassung erniedrigt! Man lasse den Staat als Sachwalter der Armen selbst an die erntebereiten Bäume - so beschämt es weniger! Nietzsche hatte recht: so muß sich der Milliardär nicht schämen, weil er so tief herabstieg - und der Bedürftige bleibt ohne Schamesröte, die dann schnell in Zornesröte umschlagen könnte, weil ihm die Erniedrigung erspart bleibt. Und diejenigen, die von so einer Umverteilungspolitik profitieren, müssen sich auch nicht schämen, weil sie den Magnaten ungefragt in die Taschen langten: wo Ebbe herrscht, ist Scham unangebracht. Falsche Scham, nennt das der Volksmund. Und noch was, Krösusse: mit so einer Steuer, die man euch aufbürdet, habt ihr ausreichend Potenzial für Schimpftiraden - wir wollten ja schenken, nun blutet uns die Steuer aus! Undank ist der Reichen Lohn!

Langsam also, es eilt nicht - Milliarden aus freien Stücken sind ungewollt, sie müssen als dauerhafte Garantie rollen. Denn es ist peinlich, so große Geschenke zu erhalten. Daher hole man sich, was dem Gemeinwesen zusteht: ohne Peinlichkeiten. Buffett und Gates haben Nietzsche nie gelesen - jedenfalls ist das anzunehmen. Sie setzen sich, sie setzen diejenigen, denen die Spende zugute kommt, der Blamage aus, machen sie schämen. Spendierfreude, Schenkvergnügtheit, Gönnerhaftigkeit sind unter Freunden und Bekannten galante Wesenszüge - für eine ganze Gesellschaft taugen sie nicht. Im letzteren Falle haben sie mehr von Erniedrigung als von Wohltat; fördern Argwohn und Misstrauen, weil man sich von oben herab behandelt fühlt.

Steuern, keine Ablasszahlungen - Garantien, keine Willkürleistungen - Rechtsansprüche, keine Ermessenszuwendungen! Und sich darauf hinauszureden, dass Deutschlands Reiche ja bereits Stiftungen unterhielten, um ihren Wohlstand zu teilen, kann man sich getrost sparen. Stiftungen, in die Gelder fließen, die etwaigen Steueransprüchen entzogen werden sollen, in denen potenzielle Steuergelder stiften gehen: sie untergraben das Allgemeinwohl, sind kein Aushängeschild für Verantwortungsbewußtsein. Es gibt nur einen Weg: Höhere Steuern! Denn so beschämt es weniger!



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Ridendo dicere verum

Mittwoch, 11. August 2010

"Der Sozialismus an sich ist kostbar! Wert, dass man ihn erhält. Aber der Eure - seht ihn Euch an! Eine Ruine! Kaum habt Ihr begonnen ihn aufzubauen, ist er noch immer nicht fertig. So geht das nicht! Das muß wieder weg, sonst kann da nie was draus werden! Der Sozialismus, Genossen, braucht eben Luft. Zum Atmen, zum Bauen! Die größten Schlösser, sind sie nicht stets auch mit Luft auch gebaut? Den Sozialismus, den Euren, habt Ihr zu fest gefügt! Lockert ihm hier eine Säule, da einen Schlußstein. Bald werdet Ihr sehn, wie er sich rührt. Wie er herabkommt vom Sockel, sich demütig neigt vor seinen hilfreichen Kritikern. Seht: er geht in die Knie und macht endlich Platz: dem besseren Sozialismus! Wie Ihr ihn Euch, seid ehrlich verdiente Genossen, einst selber erträumtet. Damals: als ich noch jung war! Nun seid Ihr fett und krumm dazu, und wenn ich Euch spotte, könnt Ihr noch nicht einmal lachen! Dabei, Genossen, der Sozialismus ist eine so große Idee, die Hoffnung der Menschen; ohne den Sozialismus geht die Geschichte nicht weiter, kann abgeblasen werden, führt zu nichts mehr!
Der Sozialismus: Ach ja!
Leider nur scheiterten stets die größten Ideen an den kleinlichen Schwächen der Menschen. Besonders der Funktionäre, sagte schon unser Pastor! Was hilft uns dagegen? - Der Sozialismus an sich! Nicht der reale, der zusammengebastelte... Nein! Der Konkrete! Der wie er wirklich wäre, wenn es ihn wirklich gäbe! Wenn er nicht nur real, sondern... Nein, wirklich Genossen... auf sowas muß man eben auch schon mal warten können! Euer Eifer in Ehren, jedoch konntet Ihr nicht behutsamer sein? Ihr sagtet: Da! - Das ist unser Sozialismus! Genossen, so sagt man das nicht! Ihr müßt es sagen auf neue Weise! Sagt es nicht so dogmatisch! Sagt: Er ist Scheiße geworden! Das überzeugt! So gewinnt man sich Freunde - und sei es der Klassenfeind! Natürlich, Genossen, gilt es auch wachsam zu sein, jedoch: mit dem Klassenfeind läßt es sich reden! Bittet ihn nur recht höflich, sich freundlicherweise nicht einzumischen, sagt ihm, Ihr haltet Euch auch aus dem Seinen heraus! Dann wird er Euch schon gewähren lassen! Wenn Ihr im pluralistischen Meinungsstreit erwäget den Sozialismus, sein Für und Wider, sein Wider und Für, von Anbeginn zu Anbeginn, von Neuem aufs Neu, obs nun ein So- oder So-zialismus - oder ein anderer sein muß. Genossen, zeigt keinerlei Stärke, das legt man Euch nur als Schwäche aus. Die gute Sache siegt von alleine - dachte schon Jesus... Rings lauert der Feind. Laßt lauern dahin! Senkt Eure Waffen! Das wird ihn zu Tode erschrecken! Ersticken wird er an seiner Angst. Oder auch nicht: das ist das Risiko. Aber wenn er erstickt - wie steht Ihr da? Wunderbar! Glänzend, kein Stäubchen von Orthodoxie.
Genossen, nehmt meinen Rat an und laßt Euch bekehren!
Sonst werde ich mich über Euch beschweren!
Beim Stern, beim Spiegel und bei der FAZ!
Die haben für sowas immer Platz!
Amen!"
- Dieter Süverkrüp, "Der Sozialismus, Genossen" -

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Inmitten Zierkissen

Dienstag, 10. August 2010

Vereinzelt vernimmt man sie noch, die Vergleiche, die unsere Zeit mit der der Weimarer Republik in Verwandtschaft stellen. Wie damals herrsche Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, drifte man in radikale Exzesse ab - wie vorzeiten drängen sich Erwerbslose mit griffigen Werbephrasen auf: Mache alles! oder Ich bin ein Mann für alle Fälle! schilderten sie sich selbst aus - nur der Duktus sei heute moderner, so smart wie die smarte Fassade unserer Epoche, heute sage man: jede Arbeit ist für mich zumutbar! Weimar ist!, das hört man oft, ist für viele zur fixen Idee geworden. Dabei wird ein wesentlicher Aspekt ausgeblendet, der unsere Zeit nicht mit Weimar verschwistert sein läßt.

Die Jahre zwischen 1919 und 1933 waren Jahre, die wie nie zuvor - und kaum danach - politisch geprägt waren. Die Menschen, selbst untere Schichten, selbst Gesellen und häusliches Gesinde, waren - wenn auch nur ansatzweise manchmal - politisiert. Man besuchte Versammlungen, schloss sich Parteien oder Organisationen an, wollte Fortschritt oder Bewahrung, Demokratie oder Autorität, Zivilität oder Militarismus - je nach Gesinnung, je nach Intellekt. Es wurde viel Scharfsinniges gefordert und befürwortet, viel Irrsinniges natürlich auch, viel Menschenverachtendes sowieso - es ging politisch zu, mit allen Schattenseiten einer solchen Mentalität. Die Weimarer Republik war ein Projekt auf tönernen Beinen, aber Stillstand betrieb sie nicht - es rührte sich was! Kommunisten und Spartakusbund, Nationalsozialisten und Stahlhelm, SPD und Zentrum - jede Seite mobilisierte ihre Klientel. Es ging so politisch zu, dass eines der wichtigsten Vorhaben der neuen kastanienfarbenen Machthaber war, das Politische aus dem Alltag zu verbannen - Politik sollte fortan von einer Partei gemacht werden; sie sollte diese leidige Aufgabe auf sich nehmen, um den Alltagsmenschen zu entlasten. Die Auflösung der Demokratie wurde aus deren Sicht notwendig, um die ausartenden politischen Kämpfe, die für sie Lähmung darstellten, endgültig in den Griff zu bekommen. In mancher Hinsicht war die Weimarer Version den anderen aus Bonn und Berlin demokratisch tatsächlich überlegen: dort florierte der Meinungspluralismus, dort nahmen die Menschen rege Anteil an der res publica, an der öffentlichen Sache - alle Nachteile, wie die Duldung von großsprecherischen Menschenmetzgern, Straßen- und Saalschlachten inbegriffen.

Eine solche politisch aufgeladene Stimmung, wie sie damals vorherrschte, findet man heute nicht mehr vor. Man kann Geschichte ohnehin nicht miteinander vergleichen; Geschichte wiederholt sich nicht. Will man aber Parallelen ziehen, was völlig legitim ist, so kann die Weimarer Zeit nicht herhalten. Denn heute leben wir in einer vollkommen entpolitisierten Ära - die Menschen drängen Politik in Parteiausschüsse, nehmen das von dort Ausgekotzte dann abnickend, manchmal auch leicht murrend zur Kenntnis, kümmern sich aber ansonsten lieber um ein nach Außen relativ abgeschottetes Privatleben. Sie wollen Heimeligkeit, keine Kontroversen und Erörterungen. Politik ist damit zu einem Geschäft geworden, dass von ausgebildeten Geschäftsleuten ausgeübt wird - man ist dankbar dafür, dass sie es auch leiten, damit das politische Geschwätz nicht zu jedermanns Sache werden muß. Laß mich mit Politik in Ruhe!, hört man oft; Seien Sie mal nicht so politisch!, ist auch eine Aufforderung, die nicht rar wird in unseren Tagen. Wir sind zu einer unpolitischen Gesellschaft heruntergekommen, machen uns aber selber weis, dass dieser Abstieg ein Fortschritt sei; wir sind zu einer unpolitischen Gesellschaft mutiert, die die politische Denkarbeit einer gesellschaftlichen Hautevolee übergeben hat, damit man sich selbst um die unmittelbaren Dinge des Lebens kümmern kann. Politisch zu denken, für eigene Ideale zu streiten, Farbe zu bekennen ist aus der Mode geraten - "die da oben" werden es schon in unser aller Namen richten!

Eher paßt sich die Mentalität unseres Zeitalters an die Gegebenheiten des Vormärz an. Politisch zu denken galt im Biedermeier als unsittlich - das Heim wurde zum Rückzugsort, weil die Öffentlichkeit zum Flanieren und Plauschen umfunktioniert wurde. Das eigene Domizil galt als Bollwerk gegen die Widrigkeiten des öffentlichen Lebens. Nie mehr Revolution wollte man erleben, nie mehr die Folgen am eigenen Leib spüren. Wenn der Preis das politische Schweigen war, so zahlte man ihn gerne, zog man sich bereitwillig ins heimische Wohnzimmer zurück. My home is my castle!, wurde zum Schlachtruf des Biedermeier. Zwischen Häkeldeckchen und Zierat, die den häuslichen Muff etwas auflockern sollten, die die abgegrabenen Energien, die der Politik nicht mehr zugeführt wurden, sondern nun in aufwändige Schnörkel und Schleifchen, Accessoires und Zierkissenparaden gesteckt wurden, dämmerte der zoon politikon, das politische Lebewesen, in Betäubung hinüber. Die wenigen politischen Köpfe, die Texte schrieben, sich stur an ihre politische Gesinnung klammerten, galten als halbseiden, als nicht ganz gesund - der politische Kopf war ein kranker Kopf; Politik war demnach ein krankhafter Auswuchs, wenn sie aus dem Wohnzimmer heraus betrieben wurde. Die hohen Herrn, darüber war man sich einig, könnten das alles viel besser, viel gerechter.

Weimar ist nicht mit uns vergleichbar - der Vormärz hingegen mit Abstrichen schon. Letzterer hielt sich hartnäckig, überdauerte einige Dekaden, während die Republik von Weimar de facto schon nach einer Dekade am Ende war. Zu Weimar war es Menschenwürde, den Menschen Lohn und Brot zu geben oder je nach Geisteskraft, schädliche Subjekte aus dem Volkskörper auszulesen. Selbst die widerlichen Lesarten von Menschenwürde waren demnach politisch konzeptioniert - nach den Befreiungskriegen war Menschenwürde, zwischen seinen gestickten Kissen auf dem Kanapee zu hocken; kein politischer, ein unpolitischer Rückzug in die Würde, in das, was man für Würde hielt. Auch wir sprechen heute viel von Menschenwürde, manche meinen es sicherlich sogar ernst, nur scheint die entpolitisierte Mehrheit überhaupt kein Bedürfnis mehr danach zu haben, für mehr Würde zu streiten - schnell heim auf das Sofa, sich in Decken einmummeln, Gemütlichkeit spüren, Behaglichkeit genießen: dort ist die große Politik nicht zu Gast, dort kann der Quark um die Menschenwürde draußen bleiben.

Der Vormärz war eine langfristige Ära - und es deutet vieles darauf hin, dass auch wir vor einer langen Zeitspanne entpolitisierten Handelns stehen. Weimar war schnell Geschichte, als Folge einer durchpolitisierten Gesellschaft - heute riecht es nicht nach schnellen Enden. Es steht auch gar nicht zur Debatte darüber zu grübeln, was uns lieber sein könnte: Weimar oder Vormärz. Alles hatte seine Zeit und wir wiederholen nichts. Auch nicht den Vormärz, der uns ein wenig ähnelt! Der als Begriff ohnehin fadenscheinig ist, weil er von einer Revolution kündet, von einem Vorstadium, das es vermutlich aber gar nicht gibt - festgefahrene Strukturen, Anästhesie der Massen, tittytainment und allerlei Einlullungsmechaniken verunmöglichen die Repolitisierung merklich. Aber von einem biedermeierschen Kolorit, den diese aktuelle Gesellschaft aufweist, kann man durchaus reden. Und noch etwas gilt es zu bedenken: wir gleichen Weimar weniger als denen, die nach Weimar kamen. Denn auch jene sahen eine unpolitische Gesellschaft mit Freuden, auch jene erkannten den Vorteil unpolitischer Menschenmassen.



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Etwas fault im Staate Dänemark

Sonntag, 8. August 2010

Der bundesrepublikanischen Gesellschaft wurde es irgendwann zum fixen Leitgedanken, dass nur ein weithin steuerbefreites Gemeinwesen, ein wirklich lebenswerten Gemeinwesen sei. Wo kärglich Steuern fließen, da fühle sich der besserverdienende Bürger wohl, hieß es - und heißt es noch immer. Das unterscheidet den deutschen Besserverdiener (denn es sind ja Besserverdiener, die glauben, Steuern kämen zu teuer) vom dänischen Kollegen, der nun sogar freiwillig mehr Steuern bezahlen möchte. Besonders markant ist die Absicht dahinter: mit Mehreinnahmen soll der Wohlfahrtsstaat ausgebaut werden.

Kein Wunder, dass man wenig in den Gazetten der Meinungsmacher davon liest. Denn den Sozialstaat ausbauen: das ist für sie undenkbar. In einer Ära, da die soziale Frage eine globale Dimension angenommen hat, erklärt das Modell Deutschland, dass nur der im Rückzug befindliche Sozialstaat auch soziale Antworten bieten könne - indes der rotzfreche Nachbar aus dem Norden mit dem Gegenteil hausieren geht. Wohlfahrtsstaat stärken, lautet die Devise besserverdienender Dänen - und das mit eigenem Beitrag. Nicht zuletzt auch, weil ein starker Wohlfahrtsstaat die Binnennachfrage ankurbelt, damit gewährleistet, dass der Besserverdienende weiter besserverdienen kann. Derlei darf man hier nicht zu laut thematisieren. Besser man schweigt sich in den großen Leitmedien darüber aus - wenn es denn überhaupt sein muß, dann soll es bitteschön nur eine knappe, ganz knappe Meldung sein.

Es wäre ja noch schöner, wenn der deutsche Informationskonsument auf dumme Gedanken gebracht würde! Wohlfahrtsstaat ausbauen: das ist ja ein Affront gegenüber dem deutschen Steuerzahler, diesem geknechteten Wesen. Da fallen die Dänen ihren Nachbarn aber böse in den Rücken mit diesen anachronistischen Phantasien. Wie soll man sich denn zukünftig erklären, wenn plötzlich durch den Blätterwald rauschte, dass die ohnehin hoch besteuerten Dänen, dazu bereit sind, noch mehr zu bezahlen? Hernach glaubt hierzulande kein Mensch mehr, dass es nur die Steuerbescheidenheit und der damit einhergehende Sozialabbau ist, die zu mehr Wohlstand führen. Und was es für die Befindlichkeit von Besserverdienenden bedeutet, wenn sie animiert durch das dänische Beispiel in Zugzwang geraten, darf man sich gar nicht erst ausmalen!

Nur niedrige Steuer- und Sozialabgaben zaubern den Reichen dieses Landes ein Lächeln ins Gesicht - ein gequältes Lächeln, denn Weniger! oder Noch weniger! als Losung wäre ja durchaus drin, wenn dieser lästige Sozialstaat nicht wäre. Man ist jedoch bescheiden, ist mit kleinen Entlastungen zunächst einmal zufrieden, betreibt eine Sparpolitik der kleinen Schritte. Niedrige Steuern beeinflussen die Befindlichkeit der Gesellschaft, lehren sie uns - alle sind glücklicher, zuversichtlicher, wenn öffentliche Kassen straucheln: darüber ist man sich einig. Dass es gleich um die Ecke eine Gesellschaft gibt, die trotz hoher Steuern, trotz der Bereitschaft zu noch höheren Steuern, nur deswegen unglücklich scheint, weil sie den dort herrschenden Wohlfahrtsstaat für ausbaufähig hält, irritiert diese ganze Horde von Mehr Netto vom Brutto!-Apologeten stark. Ein Auslaufmodell ausbauen?, fragen sie sich. Nicht, dass sie über sich und ihre (fehlenden) Ideale plötzlich nachdenken würden - verrückt sind für sie solche, die die Discount-Mentalität nicht auch in den Sozialstaat verpflanzen wollen. Dass es Menschen gibt, scheinbar sogar ein ganzes Volk, das es nicht gerne noch billiger hätte, ist denen überhaupt nicht begreiflich. Altmodisches Denken, morsche, modrige Geisteshaltung - etwas fault da im Staate Dänemark. Die Fäulnis der Sozialromantiker!

Pst, Spiegel! Leise, Stern! Klappe halten, BILD! Nicht berichten, nicht mal ein kurzer Anriss! Es ginge nämlich auch anders, das dürfen nur nicht alle erfahren - sonst ist die schöne Mär vom anachronistischen Sozialstaat nicht mehr anwendbar. Wenn die Massen erst mal erkennen, dass sich die allgemeine Befindlichkeit einer Gesellschaft bessert, je fester der Sozialstaat arbeitet; dass man sich nicht mehr in jeden Billigjob drängen lassen muß, man nicht mehr Freiwild für Arbeitsvermittler und Verwaltungsbeamte ist, weil der starke Sozialstaat den Bedürftigen wieder mehr Selbstvertrauen einflößt; wenn die Menschen das alles spitzkriegen, dann muß die Armut doch wieder per angemessener Steuer alimentiert werden. Wobei die Sozialstaatssparer ja nichts gegen Armut haben - sie können nur die Armen nicht leiden...



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Das anrüchige Geschlecht

Samstag, 7. August 2010

Der Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist famos gescheitert! Nicht grundsätzlich, nicht elementar - er hat ja Bewegung in den Übelstand gebracht, hat durchaus patriarchalische Strukturen durchweicht und der Frau erlaubt, passabel auf Augenhöhe mit ihrem Geschlechtskontrahenten zu stehen. Das war mehr als dringlich und kann von jedem freiheitlich gesonnenen Menschen nur begrüßt werden.

Was nötig war, wurde halbwegs getan - was noch nötig wäre, beispielsweise die gleiche Entlohnung der Frau, was auf eine Besserbezahlung von mehrerlei Arbeitsplätzen bei Aldi, Lidl, Schlecker und Co. hinauslaufen würde, also weniger die schlechte Entlohnung der Frau an sich, als die Unterbezahlung von Menschen prinzipiell ist, die auf dieserlei prekäre Arbeitsstellen angewiesen sind, was also diesbezüglich noch nötig wäre, wird stetig thematisiert, findet in einem ansonsten an Lohnerhöhungsforderungen sparsamen Land, erstaunlicherweise Gehör - spendable Arbeitgeber hingegen erwartungsgemäß nicht! Woran es aber fehlt, so sehr fehlt, dass ruhigen Gewissens vom Scheitern der geschlechtlichen Gleichberechtigung gesprochen werden muß, ist das spezifische Primat der Frau, das heißt, die Auflösung jener Hegemonie, die sich entfaltet, wenn sich die Frau Gattin oder gar Mutter nennen darf.

Hier betritt der Mann, der Kritik an jenem Primat, jener Hegemonie übt, ein tödliches Minenfeld; hier lehnt er sich weit aus dem Fenster, muß damit rechnen, als vergessener Patriarch, als dümmlicher Macho oder selbstgefälliger Pascha den nächsten Frauenabend beizuwohnen - aus der Ferne beizuwohnen freilich, als vorzüglicher Gesprächsstoff nämlich, der die dort nicht selten wenig gleichberechtigt gesinnten Empörungsreden anfacht. Daher herrscht weitestgehend Stillschweigen diesbezüglich, ein Ansturm gegen den gender mainstream kommt einem Suizid gleich - wer es wagt, der nichts gewinnt! Das Primat der Mutter, es ist der wunde Punkt der Gleichberechtigung, macht aus selbiger etwas, was dem eigentlichen Namen nicht gerecht wird.
Beim Spiegelfechter geht es weiter...



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Sit venia verbo

Freitag, 6. August 2010

"Es gibt so viele Mitten, die Mitte der Rechten, die Mitte der Linken, die Mitte des rechten Flügels der Linken und die Mitte des linken Flügels der Rechten. Es gibt auch eine heimatlose Linke, ohne Flügel. Die heimatlose Linke würzt das Feuilleton, rauft sich mit einer Art heimatloser Rechter [...] Was links ist, bestimmt nicht die Linke, sondern die Rechte, und die Linke, in schnödem Opportunismus, rückt ihr nach, in plattem Erfolgsdenken, und ist nahe daran, den linken Flügel der Rechten zu überholen. Links und rechts sind nur Hilfsbezeichnungen, die jede Art der Täuschung in sich schließen [...]. Wir nähern uns dem Einparteiensystem."
- Heinrich Böll, "Was heute links sein könnte", 1963 -

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... Vater sein hingegen sehr!

Donnerstag, 5. August 2010

Wissen Sie, Frau Schmollack, Ihre Überschrift ist vorzüglich treffend. Vater ist nicht gleich Vater! Man möchte Ihnen umgehend beipflichten - das klingt doch differenziert, realistisch, jeder kennt solche und ganz andere Vatertypen. Aber zustimmen kann man Ihnen auch nur, wenn man Ihren Artikel nicht weiter beachtet, ihn nicht durchliest. Gefährlich wird es erst, wenn man es dann doch tut: gefährlich für die Nerven, für das cholerische Gemüt, sich nun doch endgültig eine Herzattacke einzufangen - gefährlich wird es für Männer, die diesen unsäglichen Einheitsbrei des gender mainstreams nicht mehr - ohne nervlichen Schaden zu erleiden - ertragen können, die sich wie entrechtete, immer verdächtige Anhängsel ihrer Kinder vorkommen.

Für Sie ist Vater nicht gleich Vater - für mich auch nicht! Nur finden wir da aus verschiedenen Gründen zum selben Urteil. Sie schreiben, ich zitiere Sie: "Sie [Anm.: die Väter] wollen juristisch auch dann Vater bleiben oder es werden, selbst wenn sie es im Alltag schon lange nicht mehr sind oder es noch nie waren. Gemeint sind all jene, die keinen oder zu wenig Unterhalt zahlen." Da gibt es in diesem Lande also tatsächlich Väter, die auch Vater bleiben wollen, jedoch nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, um sich diesen bescheidenen Wunsch zu erfüllen! Frau Schmollack, was Sie da zu Papier gebracht haben, ist nicht mehr nur reiner Feminismus, nicht der übliche Quatsch des gender mainstreams mit seiner gezielten Ablehnung des Mannes, der dummerweise notwendig bleibt, um Kinder in die Welt zu bringen: nein, da döst eine ausreichende Portion Darwinismus mit - das ist Klassismus in Reinkultur!

Sicherlich schreiben Sie für eine Klientel, die nach wilden Jahren in den Fahrgewässern der Grünen irgendwann in der gutbürgerlichen Mitte angelangt war - Besser-, Gut- und Ausgezeichnetverdienende erreichen Sie mit Ihren Texten besonders. Man könnte Ihnen rotzfrech unterstellen, dass Sie die Väter klassenverhetzend gegeneinander ausspielen. Hat der Vater Geld, um Unterhaltszahlungen abzudecken, so darf er Vater bleiben oder werden; krankt es am Einkommen, hat er damit faktisch seine Vaterschaft abgetreten und der Mutter diese nervtötende Rolle zugewiesen. Zum Wohl des Kindes, versteht sich! Denn das Kindeswohl, ein gern gebrauchter Begriff auf Jugendämtern, ist in den meisten Fällen das Primat der Mutter zulasten der väterlichen Fürsorge, die alle zwei Wochen, an Besuchswochenenden, verkümmern darf.

Für mich ist Vater auch nicht gleich Vater. Aber wissen Sie, Frau Schmollack, wie ich Vater von Vater scheide? Ich will wissen, wie der Typ mit seinem Sprössling umgeht. Ich möchte sehen, ob er mit ihm spielt, sich für ihn interessiert, mit ihm etwas unternimmt, ihn umarmt, küsst, neckt - oder sitzt er nur auf dem Sofa, nur im Büro, weiß bestenfalls das Geburtsmonat und vage das Geburtsjahr? Bezahlt er am Ende ein Kindermädchen, welches sich um die Kindesplage kümmern soll? Oder schickt er diese täglich zu den Nachbarn, weil er sich eine Gouvernante finanziell nicht leisten kann? Solche und solche Väter, Frau Schmollack! Was aber der jeweilige Vater in seiner Geldbörse hat, interessiert mich überhaupt nicht. Und ich bin zuversichtlich genug, vielleicht auch nur naiv, dass mancher Familienrichter zwar die Unterhaltszahlungen regeln will, aber die Vaterschaft nicht deswegen anzweifelt, weil der gute Mann nicht über ausreichend Mittel verfügt, sein geliebtes Kind großzügig zu finanzieren.

Aber natürlich rechtfertigen Sie all das - eine feine Gleichberechtigung herrscht da in Ihrem Kopf. Ich zitiere Sie abermals: "Natürlich gibt es auch viele Mütter, die ihrer Sorgepflicht nicht ausreichend nachkommen. Der Unterschied ist nur, dass unsere Gesellschaft die Kindererziehung in der Vergangenheit den Frauen überantwortet hat. Nolens volens hat sich so eine weibliche Verantwortungskultur herausgebildet." Das Kindeswohl ist außer Kraft gesetzt, darf ich also annehmen, Frau Schmollack. Schlechte Mütter gibt es - ich würde behaupten, mich auf ihre Überschrift stützend: Mutter ist nicht gleich Mutter. Aber Sie springen der schlechten Mutter, die bei Ihnen nicht "schlechte Mutter" heißt, sondern "[Mutter], die ihrer Sorgepflicht nicht ausreichend [nachkommt]", zur Seite - auch wenn sie nicht ausreichend Mutter ist, hat sie ein quasi natürliches Recht auf Kindeserziehung. Der Mann hat der Frau dieser Aufgabe ja historisch überantwortet. Frau Schmollack, wie war das mit der Frau, die nicht als Frau geboren wird, sondern zu ihr wird? Die gute Simone läßt grüßen! Denn von dieser zugedachten Rolle, so predigte uns Alice Schwarzer, müsse sich endgültig befreit werden - aber Sie, Frau Schmollack, sie benutzen diese künstliche Rolle, um das Primat der Frau bei der Kindeserziehung zu verteidigen, am Leben zu halten.

Das ist eine Meisterleistung, die man Ihnen lassen muß. Pragmatische Wendehalserei! Sie schaffen es tatsächlich, gegen Väter einen unverfrorenen Klassismus walten zu lassen, während Sie die Mutter mit der erniedrigenden Rolle, die der Mann ihr zugedacht habe, im Spiel halten wollen. Vater ist nicht gleich Vater, aber Mutter ist immer Mutter - so einfach ist das für Sie. Eine schöne Gleichberechtigung ist das! Männer arbeitet fleißig, reibt euch auf, damit ihr zahlen und Vater sein könnt! Und treten dann Männer in die Öffentlichkeit, die ihr Dasein als entfremdeter Vater und als Zahlmeister anprangern, dann sind es Frauen wie Sie, Frau Schmollack, die medienwirksam spötteln und auch noch Beifall dafür erhalten.

Dass Sie auch noch einen darwinistischen Unterton in den sowieso schon unerträglichen gender mainstream tragen, ist schon ein tolles Stück - Redakteurin ist nicht gleich Redakteurin...



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Alles nach Plan

Mittwoch, 4. August 2010

Ihr! Ihr, die ihr so glänzend, so anmutig im Kummer zusammensteht; ihr, die ihr so eingeübt, so gedrillt die amtliche Träne vergießt; ihr, die ihr genau das mit euren konfusen Reden übertönt, worauf wir lauschen sollten: der Toten Schweigen - ihr, ihr solltet euch schämen! Errötet stellvertretend für euren ganzen Berufsstand. Da steht ihr so keck nebeneinander, einer schwärzer, einer betrüber, konsternierter scheints als der andere, alle aber meisterlich studiert in Trauerfeierlichkeit und vom Jammer bewegten Mienenspiel, fordert beredt Aufklärung, geißelt die Veranstalter und ihre Sekundanten in der Duisburger Verwaltung, greift euch namentlich ein Bauernopfer heraus, welches ursprünglich mal als Bürgermeister gedacht war und vergesst, oder besser: macht vergessen, dass ihr die Verantwortungslosigkeit erst gezüchtet, abgesegnet, gefordert habt. Seid es nicht ihr, sind es nicht eure Kollegen und Parteigänger gewesen, die der Entbürokratisierung und Deregulierung einen inbrünstigen Psalm geschmettert haben?

Schemenhaft erinnert man sich an die gravitätischen Worte mancher von euch. Weniger Regeln, habt ihr gefordert; entreißt den Bürokraten die drosselnde Macht - ein dereguliertes Gemeinwesen sei ein dynamisches Gemeinweisen, wolltet ihr uns weismachen. Weniger Gesetze, weniger Regeln, weniger Bürokratie - und es blühen Arbeitsplätze und knospen Profite. Wir regulieren uns tot!, konnte man lesen; ohne manches Regelwerk ginge es flotter, könne man Wartezeiten und Hürden umgehen. Wer sich für ein regulierendes Gemeinwesen aussprach, für eine Gesellschaft, in der Regeln regeln, der war schnell Anhänger einer antiquierten Blockadepolitik. Reformen!, habt ihr gegrölt - Reformen, Reformen! Ihr seid schon gar keine Reformer mehr gewesen, ihr wart Jünger einer reformistischen Kirche - stets repetierendes Glaubensbekenntnis inklusive.

Dass ihr ein Requiem ästhetisch begeht, ist ja irgendwie einleuchtend. Moral und Ästhetik erweisen sich als kongruent, sind untrennbar verbunden in einer Zeit, da es um die oberflächliche Schilderung ansonsten tiefergreifender Vorgänge wichtiger bestellt ist, als um aufrichtiges Sentiment - wie sonst könnte man auch Trauer sichtbar machen, wenn nicht in schwarzer Robe, aufgesetzter Leichenbittermiene und einem mitfühlenden Händedruck? Es bedarf dieser Ästhetik der Trauer, wenn es auch so aussehen soll, als ob ehrlich getrauert würde - ohne Formgefühl, ohne Schönheitssinn entfaltet sich das fingierte Mitgefühl nur schläfrig. Ohne die ästhetische Darbietung der Trauer, untermalt mit geschmackvoller Musik und schmucken Reporterphrasen, kann die unaufrichtige Aufrichtigkeit der Berufstrauernden nicht erkannt werden. Es ist jene selbe Ästhetik, die von der Kommune angestellte Sargträger, Friedhofsangestellte folglich, walten lassen, wenn sie den Holzbehälter in die Erde hinablassen, sich danach aufrecht hinstellen, nochmals die Schirmmütze abnehmen, einen kleinen Bückling Richtung Grube vollziehen, um eine letzte Ehrerbietung zu zollen, danach würdevoll einen Schritt zurücktreten, um von dannen zu ziehen - gäbe es diese Ästhetik nicht, dieses feierlich dargebotene Ritual, würde der Sargträger vermutlich so aussehen, wie seine augenblicklichen Gedanken: lächelnd, ob der Erinnerung an seine nackte Gattin, oder verärgert, ob der Niederlage seines Fußballvereins - oder andersherum. Ohne einstudierte Ästhetik bliebe die Oberfläche, die so aussehen soll, als fühlten und trauerten da welche mit den Angehörigen, nicht realisierbar.

Bis hierher ist das alles also nachvollziehbar. Unerträglich bleibt es dennoch, wenn man diese Mechanik der beschwingten Kümmernis erst einmal durchschaut hat. Geschenkt, dass ihr so auftretet - man verlangt es ja von euch; der Wähler ist dumm genug um zu glauben, dass die Richtlinienkompetenz sowas wie die Fähigkeit zur Anteilnahme, zur herausgepressten Zähre ist. Wer von solchen Kleingeistern gewählt sein will, sollte sich demnach in Trauerzeiten gewählt ausdrücken können. Es läuft ohnehin genügend Trauerpersonal umher - nicht nur Sargträger! -, Leute mit ästhetisch aufgedonnerten Trauergebaren, die mehr an Optik als an Einfühlungsvermögen interessiert sind - da kommt es auf euch auch nicht mehr an! Aber diese Ästhetik damit zu verwechseln, die Duisburger Behörden, Bürgermeister Sauerland zu verurteilen - das ist schon wieder unästhetisch, weil es die eigentlich beabsichtigte Vertuschung eurer Heuchelei, die ja das eigentliche Motiv dieser Trauerästhetik ist, nun doch zum Vorschein bringt. Und es ist überdies unsolidarisch, ein ganz treuloses Benehmen!

Was haben die, für die exemplarisch Sauerland steht, eigentlich getan? Dereguliert haben sie! Unbürokratisch standen sie ihren Kunden gegenüber! Habt ihr das nicht immer gefordert? So eine Gesellschaft wolltet ihr doch. Ihr habt davon geträumt, dass man eines Tages auf eine Behörde gehen könne, ohne auf Blockadementalität zu stoßen. Für Umweltschutz seid ihr immer gewesen - wenn er nicht behindert; für soziale Sicherheit auch - wenn sie nicht blockiert; für Sicherheitsstandards müsse man einstehen - sie darf die Dynamik nur nicht versperren. In Duisburg hat man sich das ganz offensichtlich zu Herzen genommen, man wollte vorbildlich sein - Sicherheitsvorkehrungen: ach was! Wird schon gut gehen! Wir sind da ganz unbürokratisch, liebe Veranstalter, kommt nach Duisburg, da geht was! Wir sind nicht wie dieses lahme Bochum, denn wir sind vorbildlich dereguliert. Effizient war Sauerland, blockadefrei, er und sein Team haben der Dynamik die Dynamik belassen - Ausbremser gab es ja genug: habt ihr doch selber immer gesagt! Sauerland und seine Kamarilla sind Macher; sie haben gemacht, was ihr lange genug in eurem Wahn gepredigt habt. Endlich mal Behörden, die keinen Stunk machen, haben sich die Veranstalter der Loveparade wahrscheinlich vom Glück übermannt gedacht: endlich mal kein Aufhalten mit Sicherheitsblabla, keine ausgiebigen Planbesprechungen, keine Wichtigtuerei seitens eines Paragraphenhengstes; endlich mal steht unser Profit im Mittelpunkt, haben sie vermutlich ihren Denkvorgang beschlossen - das sind die Segnungen des deregulierten, entbürokratisierten Gemeinwesens. Endlich haben die es kapiert, wie man in der modernen Gesellschaft mit Kunden umgehen muß, haben sich die Freunde des gepflegten Humtata gedacht.

Ihr! Da steht ihr nun, ästhetisch fein rausgeputzt, eventuell sogar mit einer Träne im Augenwinkel - die ganz hohe Kunst des einstudierten Mitfühlens praktizierend! Einer übergroßen Trauergemeinde steht ihr vor - dabei seid ihr mitverantwortlich. Saubermänner und -frauen, im Kummer vereint. Hätte es in Duisburg geklappt, wäre niemand zu Tode gekommen und hätten die Macher der Loveparade euch überschäumend berichtet, wie hilfsbereit und unkompliziert es auf Duisburger Behörden so abläuft, ihr hättet Sauerland an den Telefonapparat zitiert. Gratuliere, Herr Kollege, hättet ihr gesagt - vorbildlich! Sie haben verstanden, worauf wir schon seit Jahren hinauswollen! Sie haben begriffen, was diese Republik braucht: keine Blockadeköpfe, keine Betonschädel - wir brauchen kundenorientierte Macher, dynamische Verwaltungen, die sich nicht mit Firlefanz aufhalten. Sicherheit ist zwar wichtig, aber der freie Markt, der hier als Veranstalter der Loveparade in persona vor Ihnen stand, regelt solche Dinge doch wesentlich effektiver, quasi nebenbei. Sauerland!, hättet ihr wie ein Drill-Sergeant eines schlechten amerikanischen Spielfilms in den Hörer gebrüllt, Sauerland, großartig gemacht! Weitermachen!

So wäre er euer vorbildlicher Schüler geworden. Blöd nur, dass das Unglück dazwischenkam, dass man nun von euch erwartet, diese moderne, diese unkomplizierte, ungekünstelte Verwaltung zu verurteilen. Verantwortungslosigkeit sollt ihr Sauerland und den Seinen nun unterstellen. Dabei ist es genau diese Verantwortung, die die Deregulierer und Entbürokratisierer gerne abgegeben haben wollten - die sollte ja planmäßig auf dem freien Markt landen, damit der freie Unternehmer, strotzend vor Vorantwortungsgefühl, sie aufgreift und übernimmt. Natürlich waren die Duisburger Behörden verantwortungslos - denn genau so war es doch vorgesehen; eine moderne Verwaltung darf keine Verantwortung übernehmen, wenn sie denn modern, wenn sie denn von euch honoriert werden will. So habt ihr es wieder und wieder vorgebetet. Und nun würdet ihr diesen Umstand tadeln? Sauerland war verantwortungslos: das ist richtig! Ihr habt diese Art von Verantwortungslosigkeit herangefüttert: das wäre allerdings auch richtig! Ein Bauernopfer letztlich, das zurücktreten soll, damit ihr weiterhin ungeniert von Deregulierung sprechen könnt - wenn er zurücktritt, dann holt ihr ihn euch doch noch ans Telefon: Sauerland, gut gemacht, sie haben das Projekt gerettet! Vielen Dank auch!


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Rücklings angestochen

Dienstag, 3. August 2010

Obzwar sich die Meinungsmacher einig sind, dass die Veröffentlichung der WikiLeaks-Akten eigentlich kaum etwas Neues oder Aufsehenerregendes geboten hat, außer vielleicht die randständige Entdeckung, dass die Situation in Afghanistan zerfahrener, ja auch viel schmutziger ist, als das die Berichte von auf Hochglanz polierten Fronten vorgaben - obgleich also im Osten nichts Neues, so mehren sich doch Klänge, wonach die Veröffentlichung der Akten ein Schlag gegen die eigenen Soldaten sei, weil die Taliban nun mitlesen könnten. Was da über unseren Köpfen schwebt ist weniger das Damoklesschwert mitlesender, bisher aber meist als analphabetisch umschriebener Fundamentalisten, als eine kürzere Stichwaffe, als ein Dolch nämlich - als die Dolchstoßlegende nämlicher. Nicht dass die Herausgabe der Akten über Sieg oder Niederlage entschieden hätte - um zu gewinnen ist man ja durchaus nicht nach Afghanistan marschiert, und um zu verlieren schon überhaupt gar nicht! Auf in den Kampf!, riefen sie nur aus einem Grunde: um Witwen zu trösten und Brunnen zu entgiften - um humanitär tätig zu werden. Die Dolchstößler meucheln damit nicht den militärischen Sieg, sie fallen den Witwentröstern und Brunnenentgiftern in die ungeschützte Flanke, sie lynchen folglich Witwen und Wassertrinker rücklings.

Und wieder waren es Demokraten! Menschen, die einen irgendwie krankhaften Hang zu demokratischen Strukturen aufweisen, die Transparenz bevorzugen, eine offene Gesellschaft befürworten. Andere Demokraten als damals, als der Dolchstoß bereits in aller Munde war, natürlich - jedenfalls stellt man sie anders dar. Seinerzeit waren es ja angeblich mit Stilett gerüstete Juden, die ihren jüdischen Unfug an die von Natur aus eher devoten, autoritätshörigen Deutschen austeilten; diese Demokratie nämlich, dieser unerhöhrte Quatsch aus jüdischen Köpfen. Und prompt als die Militärs abtraten, Hindenburg und Ludendorff ihre Sitzpolster aufgaben, solcherlei Demokraten - man beachte die angeekelte Miene beim Aussprechen dieses frevlerischen Wortes! - an die Machthebel gestellt waren, da gaben auch die Soldaten ihre Sitzpolster in Gräben und auf Stellungen auf, so wie der Quartiermeister und sein greiser Heros zuvor. Ungeschlagen im Felde ging es heimwärts, den endgültigen Sieg, dieser zum Greifen nahe, musste man zurücklassen. Tief wurde der Dolch von diesen Judenbengeln in deutsche Soldatennacken gerammt - den verschlagenen, hinterfotzigen Blick solcher Messerschwinger durfte man noch Jahre danach auf Plakaten betrachten, damit dem vergesslichen Volksgenossen nicht abhanden kam, wer für seine Misere verantwortlich war. Kurzum, Freunden jüdischer Ideen, demokratischer Ideen wurde die Schuld überschrieben. Verfluchte Demokraten! Immer stecken sie dahinter, wenn eine militärische Operation schiefgeht. Verwunsches Pack!

Niemand hätte heute die Absicht, die Demokratie den Juden in die Schuhe zu schieben - aus mindestens zwei Gründen. Einmal, weil nach der Erfahrung von Auschwitz eine solche idiotische Aussage politisch inkorrekt, ja ein politischer Suizid wäre - aber auch, und das viel wesentlicher, weil Demokratie sich blendend als gut geschmiertes Instrument herrschender Interessen erwiesen hat. Nützliches Besteck pflegt man, man wirft es nicht achtlos in die Ecke! Heute sind es übertrieben fundamentalistische Demokraten, freiheitsliebende Menschen, die in einem Ausmaß an diesem hohlen Ideal, an Freiheit kleben, dass es schon wieder störend ist - nicht Juden sind es, sondern Aktivisten: Leute überdies, die einen Rechner und speziell das Internet zu mehr als zum Musik hören, zum Chatten oder zum Wichsen gebrauchen. Der Dolch hat die Physiognomie eines Rechners angenommen, der Griff nennt sich Tastatur; und der biedere Demokrat von annodazumal ist passé, sein Urenkel trägt keinen Stehkragen mehr, er knöpft sein Hemd wahrscheinlich noch nicht mal zu - aber ein argloser Lump, ein hinterlistiges Mistvieh ist er doch. Würde er nur surfen, um seine eigenen unerheblichen Bedürfnisse zu stillen oder zu befrieden - aber doch nicht das öffentliche Bedürfnis! Die Öffentlichkeit hat doch überhaupt keine Bedürfnisse! Da wird demokratisches Verständnis schnell gefährlich. Leute zieht euch Pornos, aber laßt die Finger vom freien Meinungsaustausch; nestelt unter eurer Gürtellinie herum, legt uns aber keine politischen Blogs in Nest; chattet über schönes Wetter, sorgt euch jedoch nicht um das eisige Klima innerhalb unserer Gesellschaft!

Dolchstöße konnten sich die Vorväter des heutigen Deutschlands schon nicht gefallen lassen - Demokratie war dann auch irgendwann konsequenterweise verboten. Sie sei ohnehin nie des Deutschen Lebensstil gewesen, hieß es damals. Wer weiß, vielleicht ist es schon bald nicht mehr des Deutschen Stil, das Internet zu mehr als zu trivialen Zeitvertreib zu verwenden - die freien Gesellschaften dieser Erde pflegen diese Erkenntnis eh schon betriebsam - wobei betriebsam eher betriebsarm lauten müsste, übersetzt ausgedrückt: sie stellen den Betrieb ein. Reißt den vaterlandslosen Gesellen schnell den Dolch aus der Klaue, rufen sie dann freilich sicher nicht. Mittlerweile geht es weniger dramatisch zu in diesem Lande, das feierliche, leicht hysterische Pathos liegt ganz weit unten in der Mottenkiste. Das funktioniert heute anders, wurde leicht modifiziert, dem Zeitgeist angepasst: ein kleiner öffentlicher Exkurs via Print und Broadcast, dann eine Kommission auserlesener Experten, hernach noch ein Quentchen sachlicher, leicht wissenschaftlich dünkender Berichterstattung mitsamt politischen Talk bei Plasmann und Beckberg, zur Krönung nochmals nachgefragt bei Willberger und Maisch - und die Überwachung politisch aktiverer Internetnutzer ist verabschiedet, inklusive der Sonderbefugnis nach Absatz Y, Punkt drei in Klammer, zweiter Absatz des brandneuen Beschlusses, wonach besonders frech mit dem Dolch herumsäbelnden, fechtenden, spiegelfechtenden Elaboraten, ohne lange Umschweife ebenso ein tödlicher Dolchstoß versetzt werden dürfe - dies geschieht natürlich nur in Ausnahmefällen, blieben immer rare Einzelfälle; für den biederen Bürger, der das Internet lediglich nutzt, um Kochrezepte oder Seitensprünge zu organisieren, wird das überhaupt nicht augenfällig werden. Repressalien nicht vor Augen geführt bekommen: so schreibt sich Demokratie!

Vorsorge treffen, könnte die Devise lauten. Die ganzen Nestbeschmutzer, die vorgeben im Namen der Wahrheit und der Demokratie ihren bescheidenen Dienst zu tun, gehören schon vorab, bevor uns etwas Schlimmeres widerfährt, an die Kandare gelegt. Denn sie fördern nicht Demokratie, sie befinden sich auf einem gefährlichen, staatsfeindlichen Egotrip - demokratisch sein, so könnte es dann als offiziöses Credo lauten, bedeutet immer auch, sich selbst zurückzunehmen, nicht zu demokratisch zu denken, damit die Demokratie nicht durch ihrer selbst erdrückt wird, damit sie auch gedeihen kann. Nur eine in Frieden gelassene, in sich ruhende, unbenutzte Demokratie, sei auch eine gesunde Demokratie - und die Heere der Fundamentalisten aus dem Internet, diese Tastaturtaliban zersetzen nicht nur die Wehrkraft, sie geben den afghanischen Talibankollegen überdies auch noch Lesestoff, damit diese dann aus erster Hand erfahren, wie das mit dem Krieg vor ihrer Haustür so läuft - denn wenn sie lesen, dass es Sondermordkommandos gibt, dass Zivilisten abgeschlachtet werden, dann werden sie die Toten, die ringsumher liegen, auch durch Akten verifiziert sehen und endlich wissen, dass es der Krieg ist, der sie da ereilt hat. Ohne WikiLeaks tappten sie vermutlich immer noch im Dunkeln - ohne WikiLeaks würden sie sich wohl immer noch fragen, warum dieser vom Westen gebrachte Frieden mit Leichen gepflastert ist.



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De dicto

Montag, 2. August 2010

"Aber etwas Bescheidenheit und Verzicht könnten in dieser Funktion nicht schaden. Vor allem aber würden diese Eigenschaften eines bringen: Glaubwürdigkeit!"
- Dirk Hoeren, BILD-Zeitung vom 30. Juli 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Man beliebt zu scherzen im Hause Springer - ein schaler Witz muß das sein: anders läßt sich Hoerens Aussage nicht erklärbar machen. Von Glaubwürdigkeit schreibt er! Alleine das ist auf den Seiten der BILD ja eine besonders kühne Wortwahl, denn man schreibt nicht gerne von dem, was auf jenem Papier von jeher garantiert nicht zu finden ist - diese Glaubwürdigkeit überdies in Verbindung mit den LINKEN zu setzen: sowas hat man dort jedoch noch nicht gesehen! Das hat es ja noch nie gegeben! Hoeren als Imageberater für vorgebliche Kommunisten - werdet bescheiden, predigt er wie ein Mitglied des Ordens der Minderen Brüder, werdet bescheiden, damit man euch glaubt! Über Askese zum richtigen Glauben!, tönt es fast franziskanisch aus der BILD-Redaktion.

Ja und dann? Was wäre dann los, wenn sie bescheidener würden, die LINKEN? Glaubte die BILD dann dieser Partei? Glaubwürdigkeit: dass man nicht lacht! Kennt man ja von Lafontaine; auch ihm hat man Reichtum unterstellt - vermutlich war und ist er wirklich kein armer Schlucker, aber muß man Hungerleider sein, damit man gegen den Hunger ist? Sowas scheint sich bei der BILD niemand vorstellen zu können, weil man dort erst gegen etwas ist, wenn man selbst davon betroffen wird - davor gähnende Leere, hielt man es mit Wilhelm Busch: wat geiht meck dat an?, fragte man da desinteressiert. Glaubwürdigkeitsdebatte: da sind alle sonst geltenden Gelehrtheiten außer Kraft gesetzt. Denn hadert man als Habenichts mit der sozialen Schieflage, dann heizt man gefährliche Neiddebatten an. Aber auf Klaus Ernst, auf Lafontaine oder auf Wagenknechts Hummer neidisch zu sein: das ist kein Neid, das ist oberste Bürgerpflicht - für BILD, aber auch für die Konsorten; bei letzteren nur etwas "kultivierter" arrangiert.

Es gibt Parteien, die werden nie glaubwürdig, egal was sie tun. Sicher, die FDP gehörte dazu, wenn man sie mit dem gesunden Menschenverstand beäugte. Aber der ist bei den Minderbrüdern im Axel-Springer-Hochhaus leider unpässlich. Ist ein LINKER besser betucht, dann ist er gierig - ist ein LINKER allerdings weniger reich, dann unterstellt man ihm, er täte alles dafür, bald besser betucht zu sein. Arm oder reich ist daher völlig unwesentlich für Hoeren, glaubwürdig wird die LINKE für ihn niemals, egal was sie tut oder nicht tut. Während Vertreter anderer Parteien, man ziehe als adäquates Beispiel nur mal Herrn Westerwelle heran, ein ganzes Handbuch an Nebentätigkeiten aufweisen können, stürzt sich Hoeren auf Klaus Ernst, rechnet dabei die Kostenpauschale für Mitarbeiter- und Bürokosten in Gehalt um, damit am Ende auch so ein richtig reicher Sack dabei rumkommt.

Werdet abermals glaubwürdig, ihr LINKEN, werdet ärmer: wenn ihr es dann seid, so schriebe Hoeren und dekuvrierte die BILD wütend von eurem heuchlerischen Coup, bei dem ihr euch als Mittellose ausgebt, als Stadtstreicher des Parlaments, nur um am vollen Säckel der Reichen ritzen zu dürfen, von denen ihr euren pekuniären Karrierismus abzweigen wollt. Wölfe im Schafspelz, würde Hoeren obendrein schreiben, geben sich als arme Schlucker aus, sind es ohnehin nicht und wollen nur noch reicher werden. Glaubwürdig sind SED-Kommunisten nur, wenn sie die Mittel der Hinterlist nutzen - BILD weiß das aus jahrelanger und reichhaltiger Erfahrung auf dem Gebiet der Kommunistenhatz. Der Kommunist, der was auf sich hält, so weiß Hoeren aus sicherer Quelle, der täuscht, belügt, überlistet - nur wenn er das tut, ist er wirklich glaubwürdig, nur dann kann man ihm glauben, dass man ihm nicht glauben kann: und genau von solchen Glaubwürdigkeiten will Hoeren und sein Brotgeber berichten! Ein sozialistischer Politiker, der seinen Besitz nicht verbirgt: der irritiert Leute wie Hoeren nur - so ein Verhalten ist den Westerwelles vorbehalten...



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