Die Säulen der Gesellschaft bei Penny

Freitag, 22. April 2016

Quelle: Shaikh Munir
Ich war erstmal bei Penny. An der Mainzer Landstraße, gleich dort, wo zur Mittagszeit die Wichtigen aus ihren Büros hinabsteigen, um sich ein eingeschweißtes Sandwich oder eine Flasche stilles Wasser zuzulegen. Und Mittagszeit war gerade, als ich dort vorbeikam und mich entschloss, hier gleich noch meine Einkäufe zu erledigen. Die Wichtigen, die Leute von Bahn und Personaldienstleister, von Call-Centern und Drückerbanden, von Buchhaltungen und Verwaltungsetagen, von der Allgemeinen und aus den Redaktionsstuben, sie alle drangen und drängten schon vor. Sie traten ja stets in Grüppchen auf und zwangsläufig lauschte man ihren Gesprächen. So kriegt man Satzfetzen mit und schaut gleichzeitig auf die Notizen, die man sich wegen der Waren, die man haben will, gemacht hat.

»Ich habe Dreihundert, stell dir das vor!«
   Der Kerl, dem sie das steckte, nickte nur und antwortete:
   »Schon unglaublich, was die Zähähefem [Anmerkung: lautmalerische Wiedergabe des Gesagten] ausspuckt.«
   »Dreihundert, nach nur einer Woche. Das ist ein F15.«
   »F15, ja, F15 ...«
   Dann fielen viele englische Worte und bei »Facility« wechselte ich das Regal und traf schon auf die nächsten Gestalten, die hinter ihrem Schreibtisch vorgekrochen waren. Zwei Männer, die mit einer Frau ein Gespräch führten, das so anspruchsvoll war, wie deren ausgesuchte Kost, eine kleine Schale mit Salatfetzen und Fertigdressing.
   »Nee, vergiss es, gefrorenes Steak schmeckt nicht wie ein frisches Stück, ich habe das gestern mal probiert, keine Chance.«
   Versuch und Irrtum eines Lafers, sie versuchten Kommunikation und irrten sich, diese auf einem bestimmten Niveau halten zu können.
   »Nee, echt, geht gar nicht, nicht lecker.«
   »Das gibt es echt gar nicht«, antwortete die Frau angeregt.
   »Doch, habe es ja ausprobiert, glaub mir mal.«
   »Tu ich ja, echt nicht zu glauben.«   
Er sprach weiter vom Steak, die Frau schaute indes weg und der andere Kerl erklärte, dass er heute schon den Schimmel am Hörer hatte. Hahaha. Sein Lachen war ein Ausbund an Blödheit, die es auch selbst wusste. Dann schlurften sie weg.

»Hast du schon die neuen Facility and Service-Standards im Intranet gegoogelt«, fragte eine große Dicke einen kleinen Unscheinbaren bei den Säften.
   »Nur die primären Processes«, antwortete er.
   »Pre Sale, oder?«
   »Ja, aber auch After Sale und Retrofit Indizes.«
   »Das bleibt hoffentlich Commodity.«
   »Ich glaube schon, aber alles weiter Business-to-Business.«
   Dann lachten beide herzlich und er erzählte was von einer Klara, die einfach nicht wusste, wie der Hase im Geschäft lief.
   »Ihre dicken Dinger sind es halt«, unkte das dicke Ding und der Kleine kicherte intrigant und stellte sich wohl vor, wie es wohl wäre, dazwischen zu stecken.
   Mich trieb es weiter Richtung Kasse, an eine lange Schlange, in denen es von Wichtigkeiten in Person nur so wimmelte. In der Reihe neben mir standen die F15-Philosophen und sie redeten immer noch in Zahlen und sagten »F15« hier, »F15« dort und »F15 dürfte dem Ossi vom Controlling gefallen, da krieg ich nen Like«. Gekicher, dann stellte der eine fest, dass Zähähefem sich gelohnt habe.

Unmittelbar vor mit standen zwei junge Frauen, die nur aus Modetrends und Styling zu bestehen schienen. Die eine hatte wohl ein Gesicht unter einer fetten Schicht Make-up, die andere machte es wohl schon länger mit Pinsel und Pulverdöschen, denn das Zeug wirkte in ihrem Gesicht etwas platzierter. Sie quatschten über Gefühle und Kollegen, lavierten zwischen Intriganz und Garstigkeit, ließen kein gutes Haar an Leuten, die gleich neben ihnen im Großraumbüro saßen, kamen dann zur Kundschaft, die sie telefonisch abfertigten und die angeblich nie ihre Rechnungen bezahlen wollten. Asoziale seien das. Sie hopsten nur so von Thema zu Thema und hasteten gleich weiter, zum Partner der clownesk Geschminkten nämlich, deren Tünche sich unterm Ohr schon pellte. Mich streiften Satzfetzen voller Lebens- und Beziehungsweisheit: »Isch sage dir, du musst den Typen auch betrügen, dann klappt bleibt er.« Jeder gegen jeden. Daraus bestand ihre Welt, was anderes war ihnen gar nicht mehr beizubringen. Sie zogen in den Krieg, egal auf welchem Boden sie standen. Ob im Job, in der Beziehung oder wenn sie sich im Bad schminkten. Alles war Konfrontation, bunt, schrill und laut und so tiefgründig, wie die Schlagzeilen der Illustrierten, die uns Wartenden in der Schlange anstarrten und die uns in helle Aufregung versetzen wollten, weil ein Herr Rossi sein Glück nicht gefunden habe.

Irgendwann zahlte ich dann doch. Dieser Kelch ging an mir nicht vorbei. Immer wollen die anderen Geld von mir. Ich könnte ja ohne. Danach tütete ich das Zeug ein, ging zur Haltestelle und setzte mich in die 21, als die anhielt. Eigentlich ist es unglaublich, dachte ich so bei mir. All diese Leute, die zur Mittagsstunde hinter ihren Schreibtischen vorkriechen und hinabsteigen auf die Straßen, die man sonst nur ans Telefon kriegt, wenn man bei Unternehmen anruft, die Rechnungen ausstellen und die Geschäfte verwalten, die Angestellte unter sich haben und Beitragszahler oder Leiharbeiter ausnehmen, all diese Leute, sie gelten als die Säulen dieser Gesellschaft, als Leistungsträger und Krone unserer Art zu leben. Diese traurigen und banalen Figuren sind die Armee des westlichen Kapitalismus, halten sich für was Besseres. Nicht zu glauben, wie gesagt.

Mein Blick schweifte aus dem Fenster, ich sang leise vor mich hin, »... Penny Lane is in my ears and in my eyes / Wet beneath the blue suburban skies ...«, wir zuckelten an der Warte vorbei. Dort standen die Verbratenen und Angeschissenen und nippten am Bier, wieherten lauthals und sogen sich den abgepackten und portionierten Teer in ihre Atemwege. Tief in ihrem Inneren wollten sie wahrscheinlich auch nur dazugehören, den Traum erleben, in dem sie es geschafft haben, mittags runter zu Penny eilen und idiotische Vorstellungen abliefern.

8 Kommentare:

epikur 22. April 2016 um 10:39  

" Jeder gegen jeden. Daraus bestand ihre Welt, was anderes war ihnen gar nicht mehr beizubringen. Sie zogen in den Krieg, egal auf welchem Boden sie standen."

Die Schönste sein wollen, die größte Aufmerksamkeit bekommen, die meisten WhatsApp- und Facebook-Freunde besitzen, viele Schuhe und/oder Handtaschen haben, einen besseren "Style" als andere Frauen vorzeigen können, den tollsten (also reichen) Typen haben und und und. Viele Frauen haben das Konkurrenzdenken und den Wettbewerb untereinander tief verinnerlicht. Es ist kein Geheimnis, dass Frauen in der Öffentlichkeit oder an neuen Orten immer zuerst die anderen Frauen abchecken. Sie schauen, wer eine "Konkurenz" sein könnte. Insofern ist der Feminismus eine realitätsfremde Ideologie, weil es die beschworene Solidarität unter Frauen gar nicht gibt.

Anonym 22. April 2016 um 10:45  

"Working Class Hero"
https://www.youtube.com/watch?v=nxIYTKzNHzo

aktuell wie eh und je....

Anonym 22. April 2016 um 12:13  

Es ist zwar traurig, aber wahr.
Die Entwicklung in unserer Gesellschaft nimmt skurrile und für die ältere Generation
kaum noch nachvollziehbare Züge an.
Habe mich beim Lesen zwar köstlich amüsiert, jedoch stimmt alles schon bedenklich.
Mal sehen, was "die Säulen der Gesellschaft" in den kommenden Jahren alles auf die
Reihe bekommen.
Wenn diese Typen einmal mit größeren Problemen konfrontiert werden, hätte ich so
meine Zweifel ob deren Bewältigung.

Anonym 22. April 2016 um 18:32  

[...]All diese Leute, die zur Mittagsstunde hinter ihren Schreibtischen vorkriechen und hinabsteigen auf die Straßen, die man sonst nur ans Telefon kriegt, wenn man bei Unternehmen anruft, die Rechnungen ausstellen und die Geschäfte verwalten, die Angestellte unter sich haben und Beitragszahler oder Leiharbeiter ausnehmen, all diese Leute, sie gelten als die Säulen dieser Gesellschaft, als Leistungsträger und Krone unserer Art zu leben. Diese traurigen und banalen Figuren sind die Armee des westlichen Kapitalismus, halten sich für was Besseres. Nicht zu glauben, wie gesagt[...]"

Tja, da fällt mir nur dazu ein, dass schon immer vor Großen Revolutionen das Ancien Regime....heute ist es eben nicht Frankreich unter Ludwig XVI und Marie Antoinette sondern der Neoliberalismus-Adel, der zunehmend abgekapselt, selbstverliebt und überaus dekadent lebt - und dies nicht nur in Deutschland.....sondern weltweit....

Grüße
Bernie

Anonym 23. April 2016 um 13:28  

Zumindest glauben sie, zu dem vielbeschworenen Mittelstand zu gehören, zu den "Säulen der Gesellschaft".
Wie meinte doch Albert Schweitzer: "Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn seines Lebens und der Welt kommt."

Gruß
Schnittlauch

ert_ertrus 23. April 2016 um 21:33  

Die Degenration des »Adels«
wäre aber auch eine Hoffnung
auf machbare Revolution :D

IrlandsCall 25. April 2016 um 16:57  

Von mir aus kann jeder so dumm reden und leben wie er will. Solange er nicht auf Kosten anderer parasitiert. Was leider in der westlichen Gesellschaft zu ~90% der Fall ist. Diese Leistungsparasiten, die Dummschwätzer, Banker, Versicherungsangestellte, Beamte, POLITIKER usw. können sich so ein Parasitentum in Dummheit und "Wohlstand" nur leisten, weil sie als Mehrheit die produktive Minderheit im eigenen Lande ausbeuten, oder gleich weltweit ganze Regionen & Länder, Rohstoffe und deren Menschen als Billigmalocher ausbeuten.

flavo 27. April 2016 um 10:04  

Ja, das sind so Situationen. Unregelmäßig schmuggle ich mich auch unter solche Mittagstrauben um fragmentarische Bekanntschaft mit der bürohaften Lohnarbeit und deren Exekutoren zu machen. Große Konformität ist das Gedankenmodul, das mich als erstes und am längsten bleibendes einnimmt. Gewand und Haar, Worte und Blicke, Inhalte und Körperhaltung scheinen klebrig an Normengerüsten zu wabbeln und in der Mittagspause oder auf dem Nachhauseweg noch ihre lockerste Aufführung zu bieten. Das 'man' lebt hier authentisch, während am Abend dann die Option zum 'Ich' wieder freigegeben ist. Der spinzostische Drang und Sog des Übergeordneten reizt die Aktivierungsrichtung der Seelen an und zieht sie zu sich. Die Hierarchie ist die Parkanlage, in die man gezogen wird und in der man sich bewegt. Die Bewegungsart ist das gedrängte laufen. Man läuft gedrängt in der Hierarchie. Man läuft in einem Irrgarten ohne Ausgang, aber trotzdem mit Hoffnung, denn auch diese ist im Sog des Übergeordneten mitgegeben. Diese große Hoffnung ist der Gewinn, der banale Gewinn des Unternehmens. Man vollzieht die Hoffnung des anderen, die Aufgaben des anderen. Ich macht gar nichts, man macht alles. Nicht dass das Ich der große Fluchtpunkt einer Hoffnung sein kann, aber das Man ist noch weit erschütternder.

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