Die Religion des Westens

Donnerstag, 10. Januar 2013

Es ist nicht statthaft, das Christentum mit dem Islam zu messen, ihn zu vergleichen, mit der Absicht, seine besondere Aggressivität zu dokumentieren. Das Christentum ist trotz seiner Präsenz in der westlichen Hemisphäre nicht mehr die spirituelle Grundlage dieses Revieres. Es existiert nicht mehr als Überbau, lediglich einige Artefakte haben sich im gesellschaftlichen Leben erhalten. Es ist nicht die Glocke, die über alles gestülpt wird, sondern eine Sammlung staubiger Scherben, die hier und da verteilt noch zu finden sind. Will man spirituelle Gerüste dieser zweier Kulturen vergleichen, so müsste man, sofern das überhaupt einen Sinn haben mag, den Islam mit der Kapitalismus neoliberaler Ausformung oder dem Konsumismus nebeneinander stellen.

Varianten der Rückbindung

Wenn wir Religion sagen, versteifen wir uns auf Glaubensgruppen, die sich in Kirchen oder kirchenähnlich versammeln, um einen personalisierten Gott zu huldigen. Das ist der Kontext zu Religion. Wollen wir polemisch sein, attestieren wir auch anderen Gruppen religiöse Züge, beispielsweise fanatischen Fußballfans. Dabei ist diese Polemik an der Wortherkunft gemessen, gar nicht überspitzt und dramatisiert, sondern durchaus zutreffend. Das lateinische religio wird mit Rückbindung übersetzt, herkommend von religare, zurückbinden oder relegere, immer wieder lesen, womit so etwas wie eine Rückbindung oder Rückkoppelung, ein durch Lesen manifester Dauerbezug zum Glaubenskanon besteht. Ob der mit oder ohne personalisierter Gottheit vollzogen wird, ob der kirchlich organisiert sein muss, steht im Wort Religion gar nicht geschrieben.

Insofern kann man jemanden, der sich auf geistiger Ebene nur mit seinem Fußballverein beschäftigt, durchaus Religiosität attestieren, ohne gleich polemisch zu sein. Die Bezeichnung trifft zu, weil er sich dort rückkoppelt, dort seine Einbettung in einer Gemeinschaft erfährt. Diese Ebene existiert natürlich auch noch im Christentum, sie ist aber nicht massenkompatibel und wird schon lange von einer ganz anderen, einer profaneren Rückbindung erdrückt, sodass das Christentum in die Rolle einer sterbenden Rückbindungsvariante gedrängt wurde. Die "Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben" (Walter Benjamin, Kapitalismus als Religion), besorgt nun die Warenwelt des Kapitalismus auf ihre Weise.

All you need is love

Rückbindungen allerlei Art sind menschlich, sind natürlich. Es ist der Irrsinn der neoliberalen Welt, so zu tun, als habe man diesen menschlichen Drang abgelegt und man lebe quasi im Reinen mit einem wissenschaftlichen Rationalismus, der solcherlei Verhaltensnormen nicht mehr kennt. Dieser obskure Rationalismus ist indes nicht weniger als genau solcherart Rückbindung. "Der Verlust des Glaubens in einer Religion deutet keineswegs auf das Erlöschen des religiösen Instinktes hin. Er bedeutet lediglich, dass der vorübergehend unterdrückte Instinkt sich anderswo ein Ziel sucht", schrieb Robert Charles Zaehner in Mysticism Sacred and Profane.

"Für die der Kirche und den Werten ihrer Eltern entfremdete Generation der Teens und Twens" der Sechziger- und Siebzigerjahre, so erzählt Steve Turner in seinem Buch über die Beatles, habe die Rockmusik quasireligiöse Züge angenommen. Man koppelte die ewigen Fragen zum Lebensinn direkt an die Botschaften, die man von Rockstars empfing; die wiederum setzten nicht nur Trends, sondern auch plötzlich Prediger waren. Turner beschreibt, wie Menschen regelrecht exegetisch die Texte von Beatles-Songs lasen, um zu höheren Einsichten zu gelangen. Die Beatles selbst lebten zunächst voll konsumistisch und fanden Gefallen an Prominenz und Geld, bis sie in die Sinnkrise gerieten und via LSD erleuchtet und in Indien von Gurus unterrichtet wurden. All you need is love war wohl eine Botschaft, die direkt den Liebeslehren - Liebe war ja in jener Zeit in jenen Kreisen der kosmologische Stoff schlechthin - diverser esoterischer Schwärmereien entnommen war. Millionen Menschen taten es ihnen gleich, Indien wurde zum expliziten Zentrum göttlicher Weisheit. Andere deuteten das Psychedelika in den Songs anders und massenmordeten - Charles Manson und Anhang taten das nämlich; sie beriefen sich ausdrücklich auf die Beatles und meinten es handle sich um vier singende Engel, die auf Erden geschickt wurden.

Kurz und gut und mit Zaehner gesprochen - und um diesen beatligen Gedankensplitter zu einem sinnvollen Abschluss zu bringen: Der religiöse Instinkt erlöscht nie, er sucht sich allerdings Wege, die mit den kulturellen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen besser zu vereinbaren sind.

Unser tägliches Schnäppchen gib uns heute

Wir sind als Menschengeschlecht erdbodenfixierter geworden. Heute schauen wir nicht mehr ehrfurchtsvoll zum Himmel, sondern stehen auf dem Boden der Tatsachen. Das versuchen wir wenigstens zumeist. Dass dabei auch die Sinngebungslehren weniger himmlisch rückgekoppelt sind, sich eher irdisch ausnehmen, scheint da nur konsequent. Zudem haben die transzendenten Glaubensgerüste nie auf kosmologische Sinnfragen adäquate Antworten gefunden. Wie auch? Der Kapitalismus als profane Rückbindung zum stofflich Fassbaren, zum Materialismus also - denn wir glauben ja nur, was wir sehen und anfassen können! -, versucht erst gar nicht, dem menschlichen Dasein hehren Sinn einzuhauchen. Zu haben mag Sinn sein oder nicht - das liegt im Auge des Konsumenten, man lehrt es nicht dogmatisch. Aber zu haben beruhigt und befriedigt einige Augenblicke lang, bis zum nächsten Götzendienst im Konsumtempel, bis zur nächsten Shoppingtour, bis zu nächsten Attacke von Habgier. Insofern scheint der Kapitalismus das Seelenheil effektiver herzustellen, als all die Riten transzendenter Religionen mit all ihren inneren Reinigungen, Fastenkuren, Geißelungen und Gebetsmühlen. Benötigte die klassische Religion noch Kontemplation und Stunden der Einkehr, so bietet die neoliberale Glaubenswelt simplifizierte Zeremonien, in denen als Einkehr ausreichend ist, in ein Kaufhaus einzukehren oder etwaigen Werbeversprechen zu erliegen, um Bedürfnisse erst zu wecken, um sie dann zu stillen.

Walter Benjamin gab tatsächlich auch zu Bedenken, dass der Kapitalismus ein entleerter Kult ohne Dogmatik und Theologie sei. Der Fetischcharakter des Kruzifixes, der nun auf die Warenwelt überging, entwirklicht und entfremdet den Menschen, meinte er. Der Luxus, den der moderne Kapitalismus viel stärker herzustellen vermag, als zu Benjamins Zeit, potenziert die Transformation von Konsum zu einer Ersatzreligion. Die Ausrichtung der geheiligten Konsums zeichnet stellenweise Michel Houellebecq nach, wenn er esoterisch aufgeladene Sekten karikiert, die Lehren von Haben als Sein (als die Synthese von Fromms Gegenspielern Haben und Sein) verkündigen und die in Houellebecqs Phantasie sogar zu Weltreligionen der westlichen Welt mutieren, weil sie so vortrefflich den Zeitgeist berühren und dadurch groß werden können. Dieser eosterische Überbau das Habens als Seins scheint tatsächlich zuweilen vorbereitet: Astro TV, Think positive-Seminare, Glücksratgeber bis hin zum Schulfach Glück in einigen Schulen Deutschlands, Wellness für Körper und Seele-Kult oder esoterische Firmenverehrung wie im Falle Apples geben Auskunft darüber.

Äpfel mit Äpfel, Birnen mit Birnen

Die westliche Welt ist mitnichten eine Gesellschaft sonntäglicher Religiosität. Sie ist dennoch voller religiösem Eifer. Der hat sich allerdings nur andere Ziele gesucht. Der Vergleich des Islam mit dem Christentum - als religiösem Entwurf im Westen - ist falsch, weil hier eine aktive Religion mit einer kläglich sterbenden verglichen wird. Letzte kann gut friedfertig und aufgeklärt wirken als rein sonntägliche Einrichtung ohne religiöse Bindung, als reiner Akt des Traditionalismus, als Reminiszenz an frühere Tage.

Der Clash of Civilisations ist nicht als Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam zu werten, wie das manche Medien häufig tun. Es ist eine Auseinandersetzung eines Kapitalismus, der sich selbst als Krone der Menschheitsgeschichte geriert und zwischen einem Islam, der fundamentale Grundsätze, die dieser Kapitalismus als rückständig und teuer erachtet - Stichwort: Zersetzung des Gemeinsinns! -, nicht teilt. Der teils regional eingeschränkten Brutalität des Islam setze man die Brutalität der Religion gegenüber, die die westliche Welt erfüllt: des Konsumismus in seiner kapitalistischen oder neoliberalen Ausprägung. Letzterer hat durchaus auch Leichenberge aufgetürmt und schenkt sich in Sachen Brutalität nichts.



13 Kommentare:

der Herr Karl 10. Januar 2013 um 09:01  

Religiosität gehört zum Menschsein. Ja, auch Fussball oder Ernährungslehren können zu einer Religion werden.
Für Jemanden, der mit der Behauptung, auch Atheismus sei ein Glaube, immer wieder für Empörung sorgt, ist dieser Text eine Bestätigung.
Ich glaube an Gott, fühle mich aber keiner Glaubensgemeinschaft zugehörig. Die Entstehung von Leben ohne einen Schöpfer wäre für mich eine mathematische Unmöglichkeit.

Jeder soll jedoch nach seiner Facon selig werden können; Religion muss zur Privatsache werden. Mit Recht wird von Atheisten immer wieder auf die unsäglichen Glaubenskriege hingewiesen.

Anonym 10. Januar 2013 um 10:12  

Ob Religion, Fußball oder Popkonzert, all diese Zusammenkünfte spiegeln ein tief empfundenes Bedürfnis nach Konsens wieder, nach einem Gruppenerlebnis, welches die Angst vor Einsamkeit und Ausgrenzung erträglich macht. Dies umso mehr in einer unsozialen, egoistischen Gesellschaft, in der jeder sich selbst der Nächste zu sein hat. Bestimmte pseudoreligiöse Gruppen gehen allerdings noch weiter und suggerieren die Zugehörigkeit zu einer (neuen) Elite, wodurch nicht nur ein Gefühl der Geborgenheit, sondern auch ein Machtbewußtsein erzeugt wird.

Anonym 10. Januar 2013 um 13:17  

0"Der Vergleich des Islam mit dem Christentum - als religiösem Entwurf im Westen - ist falsch, weil hier eine aktive Religion mit einer kläglich sterbenden verglichen wird."
*HUST*
Wann warst Du das letzte mal in den USA ?
Da wimmelt es nur von Religionsfanatikern !
Und glaube mir wenn Du in Deutschland schonmal an die mit den hübschen Anzügen die Dir die Bibel aufschwatzen wollen geraten bist, weißt Du das da Hopfen und Malz verloren ist.

Marco 10. Januar 2013 um 15:08  

Der große Unterschied ist doch folgender:

In der Opposition des Kapitalismus gibt es die Hoffnung, dass etwas Einsicht und eine Regierung, die das Attribut "sozial" wirklich verdient, ein entscheidender Schritt wäre, um in kurzer Zeit viel zu verbessern - ein Schritt, der auch innerhalb einer Generation (ein Vierteljahrhundert) gegangen werden könnte.

Dass sich dagegen über viele Jahrhunderte eingenistete religiöse Traditionen innerhalb einer Generation aufbrechen liessen, auf dass sich viel verbessere - das glaubt wohl niemand.

ninjaturkey 10. Januar 2013 um 17:27  

@1. Herr Karl: Jetzt hätte bei mir fast der Reflex gegriffen, etwas zu Deiner Behauptung, zum Leben als mathematische Unmöglichkeit zu sagen. Aber weil ich mir vollkommen darin übereinstimme, das Religiosität Privatsache sein muss, lass ich das natürlich. Deine Meinung sei Dir unbenommen und unwidersprochen.
Zu Dieser Privatheit gehört meinetwegen auch Glockengeläut und ein ruffreudiger Muezzin, der Gebetsteppich des Kollegen im Büro und das Kreuz an der Wand und was man sonst noch so zu brauchen meint.
Was gar nicht geht ist Ausgrenzung oder Missionierung. Erlaubt ist das gelebte Vorbild und das schaffen die wenigsten.

Anonym 10. Januar 2013 um 19:10  

"Martin Luther, Deine Aufklärungsbewegung war vergebene Liebesmüh, Dein Wirken warst umsonst - das Ergebnis ist im Endeffekt kein anderes als in Gesellschaften, die dies nicht hatten!"
So schallt es ihm ins Grab hinterher aus dem Text...

Roberto De Lapuente 10. Januar 2013 um 19:17  

Ach Gott, die Lutheraner, die Reformation als verklärte Aufklärung?

baum 10. Januar 2013 um 21:52  

nur ein kleiner systematischer hinweis im umgang mit religion oder auch utopien: man muss sehr genau unterscheiden zwischen dem, was in den schriften steht (AT, NT, Koran, Sozialismus (französ. revolution), hegel, schiller, marx, die neomarxisten).

entscheidendes kriterium ist, ob die realität an der "idee" gemessen werden kann. gemäß der feststellung nietzsches, "den reinen wird alles rein, den schweinen wird alles schwein" kann jede idee durch praxis in ihr gegenteil verkehrt werden. z.b.: der reale sozialismus im ostblock stand im gravierenden widerspruch zur idee des sozialismus. will sagen: man muss sich mit den ideen, den schriften beschäftigen. wer davon keine ahnung hat, mit dem kann man z.b. über religion nicht diskutieren. kirche und der humane gehalt des neuen testamentes bespielsweise sind oft zwei völlig verschiedene wirklichkeiten.
der philosoph hermann schweppenhäuser, ein vertreter der frankfurter schule, sagte einmal zu mir: der faschismus stand nicht im widerspruch zu seinen "ideen", weil die ideen so inhuman waren wie seine praxis. der sozialismus hingegen widerspricht mit jeder inhumanen tat seinen ideen.
und der begriff der regulativen idee (kant) bzw. die idee selbst zeigt uns, wo es in richtung menschwerdung des menschen langzugehen hätte. ohne humanistische ideen und ohne bemühung, diese zu realisieren, wäre die realität die tautologie des bösen, die tautologie ihrer selbst. der derzeit herrschende neoliberalismus ist eine solche tautologie.

baum 11. Januar 2013 um 00:07  

ich sehe gerade, dass der erste satz unvollendet geblieben ist. also: man muss unterscheiden zwischen dem, was in den schriften steht und dem, was in der realität daraus gemacht wird.
die schrift wird dann zum maßstab der realität. zum maßstab der differenz zwischen ihr und der realität.

Anonym 11. Januar 2013 um 01:43  

Luther war nur stellvertretend als ein Initiator der Aufklärung gemeint.
Du sagst ja letztlich nichts anderes, als dass die Aufklärung "für'n Arsch" war, da wir damit doch genauso dastehen wie andere ohne diesen ganzen Prozess. Oder wie es anders gemeint?

Anonym 11. Januar 2013 um 11:11  

PASOLINI erkannte bereits Anfang der 70iger Jahre, dass der "Konsumismus" (für P. ein "Faschismus") die Tradition (Christentum, regionale Volkskulturen, die regionalen Bräuche - P. kam aus dem Friaul - er erlebte mit tiefem Schmerz wie "Friaulisch" als Sprache nach und nach ausstarb) vernichtet.

Das Christentum war im Mittelalter genauso jenseitsbezogen, wie der fundamentalistische Islam heute. Aber mit Luther (er trug mit seiner Autorität maßgeblich dazu bei, dass der GEIST des Mönchtums im Westen zerstört wurde - das Fasten, die Askese, die Mystik - allein, wenn man bedenkt, welche Massen an asketischer Literatur ein Ende finden mit der "Reformation"), der die Arbeit verherrlichte (Luther: Jeder kann Gott an seinem Arbeitsplatz verherrlichen, braucht dazu nicht ins Kloster zu gehen) und Calvin bzw. der Calvinismus, der das Christentum um 180 Grad drehte und die Geldwechsler im Tempel verherrlilchte, sprich, die das meißte Geld scheffeln, sind von Gott auserwählt. Calvin stellte Jesus Christus von den Füßen auf den Kopf.

So gesehen ist das westliche Christentum (ganz anders die Ostkirche: Athos, Philokalia, Starzentum - da stand immer die ASKESE im Mittelpunkt, bis heute) zum Konsumismus mutiert, d.h. der Konsumismus ist die Fratze desjenigen Christentums, dass Luther und Calvin "geschaffen" haben.

Anton Reiser

Daniel 13. Januar 2013 um 03:09  

Für den christlich Konservativen (wie mich) ist weder irgendeine Form des Islams samt Scharia eine menschenwürdige Option, noch die derzeitige Form des Kapitalismus.
Wenn die Leute mehr auf den Papst als auf Politiker und Mainstream-Presse hören würden, hätten wir bessere soziale Verhältnisse.
Leider kanzelt die Linke den Papst und die Mainstream-Presse gleichermaßen hart ab, obwohl der Papst so viel näher an ihren Positionen ist...

flavo 13. Januar 2013 um 18:29  

Wesen der unvollkommenen Schließung, die wir sind, bleibt diese selbst präsent als Ungewissheit, der wir mit Glauben und im Grunde auch mit Wissen entgegen zu treten versuchen. Wissen ist nur zäh gewordenes Glaubensmaterial.
Der konservative Christ, ach Herr Daniel, der konservative Christ, was ist denn das heute für einer? Einer der inbrünstig in die Knie fällt und zur Selbstabsolution betet wie wild, während er sonst die Geschäftemacherei befördert wie kaum ein anderer. Alle Last den anderen als Gottes Bürde schönredet, Ausbeutung als Gottesdienst euphemisiert. Konservative Christen, ginge es nach diesen, währen wir heute noch im präarbeitsrechtlichen Zustand. Rechte, die aus angeborener Würde folgen und nicht aus beliebig zusammen geschusterten Wertekartellen mal gelten und mal nicht, sind dem konservativen Christen fremd jenseits des Messgeredes. Überall ist die Koppelung des konservativen Christen mit der politischenMacht grotesk. Des Rechthaberische, Übertrumpfende und ominöse Gewaltvolle des konservativen Chisten sind zu offenkundig geworden mit der Zeit. Er richtet sich die Welt zu seinem Vorteile und die Nachteile des anderen meint er im Bussgebet legitimiert zu haben. Von der Selbstgeißelung hat nur er selbst etwas. Ich beute dich aus, aber ich flehe Gott allnächtloch um Vergebung. Er meint besser ausbeuten zu dürfen, weil er des Nachtens sich von seinem Superobjekt selbst vergeben läßt. Wie bequem. Nein, der konservative Christ hat versagt. Von Grund auf. Seine ohnehin zweifelhaften Werte hat er mit dem ersten winkenden Zuwachs an Geld und Macht ohne mit der Wimper zu zucken über den Haufen geworfen. Um so qualvoller hat er in das Dunkel der Nacht hinein gebetet, nur um am nächsten morgen befreiter voran schreiten zu können, allen voran in die Scheinheiligkeit. Zuwider sind mir Halbpfaffen, die da besondere Zufriedenheit und Handlungsbrechtigung sich einreden, nur weil sie dem Glauben verfallen sind. Die allerorts städtische Schickeria, gut betucht, im Weirauchkreisel der Auserwählten, die mit neuem Eifer zum Wohle aller sich ertüchtigen in Sonntagsseminaren zu allerlei.
Vom Papst redet man nicht. Schon die Vorstellung, ein Mensch spreche unfehlbar, führt sich selbst in die groteske Lächerlichkeit. Der südamerikanische Einwohner sei vom Christentum befreit geworden, spricht dieser also wahr. Die Indianerskalps der Patres hat es wohl nie gegeben? Das Weihwasser am Rockzippfel der Conquistadores ward wohl nie gespritzt? Dies war zeifellos ein gewichtiges Anzeichen und auch nur eines von mehreren, dass der Papst gedenkt, in den einsiedeligen Dünkel und in eine Art hebephrener Sonderwelt zu steuern. Prunk und Glorie des konservativen Christentums sind dahin, Moral und Sitte der Kirche kraftlos und heuchlerisch. Der Kaufakt ersetzt das Christentum als religiöse psychophysische Komposition. Er mag anders gekörnt sein, aber er ist nur eine andere Form desselben. Das Heil vermag freilich auch er nie zu liefern. Erstere halluziniert zeitlich megaskalarische Erlösungsgeschicke, dieser hier mikrologische Erlösungsereignisse. Es gibt auf diese Weise kein Heil. Aber zweifellos hat dieser hier den Vorteil, sich der Heuchelei und Scheinheiligkeit nicht in solchem Maße schuldig zu machen wie die Christenkirche. Der Kaufakt ist offen unmoralisch. Er lügt zwar auch was das Heil angeht, aber er ist offen unmoralisch. Kaufe, wenn du Lust hast. Sonst lass es oder kaufe etwas anderes. Der Ort der Moral muss aber wieder gefunden werden.

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