Schutz dem geschriebenen Wort

Montag, 27. Februar 2012

Meine Texte gehören mir! Da bin ich Egoist - oder nenne man das dann wie man will. Kleinlich, erpicht, gierig - das ist mir egal. Eigentumsverhältnisse hinterfragen und dann selbst am Eigentum festhalten, wird da mancher sich räuspern. Solche Pharisäer hat man ja gerne. Aber so ist es nun mal, ich schreibe das hier oder anderes anderswo nicht, damit es jeder Hanswurst auch als sein Eigentum betrachten kann, weil er zu meinen glaubt, die Früchte geistiger Arbeit seien lediglich als kollektive Leistung zu sehen - sind sie auch, daher ja lediglich; aber sie sind es nicht nur. In erster Instanz sind sie Eigentum und gehören jemanden - meine Texte gehören eben mir.

Schreiben: eine Kunst, die für lau zu haben sein soll

Es wird sich gemeinhin meist daran gehalten. Man beachtet die Gepflogenheiten des Zitierens, wird als Autor genannt, manchmal verweisen auch Links auf die Quelle und man wird somit als Besitzer des geistigen Produkts kenntlich gemacht. Im Kielwasser der Anti-ACTA-Bewegung finden sich aber auch solche, die geistiges Eigentum grundsätzlich für etwas halten, was im eigentlichen Sinne niemanden gehören sollte. Sie stellen die Eigentumsfrage für Sätze und Absätze, für Texte und Essays. Und wenn solche im Internet landen, dann sollte das Recht des Autors zurücktreten - ganz im Sinne der großen Sache der grenzenlosen Informationsfreiheit. Böll sprach in diesem Zusammenhang mal von Ewigkeitswerten. Dabei hat die Freiheit der Informationen nur sehr marginal mit der Frage nach geistigem Eigentum zu tun.

Informationen sind natürlich in gewissem Sinne auch immaterielle Güter - um die geht es mir aber nicht, die müssen und sollen frei zugänglich sein. Aber was hier, bei diesen Immaterial-Kommunisten, fehlt, ist der Respekt vor den Produkten der schreibenden Gilde. Ich wurde tatsächlich schon von Vorwürfen bedeckt, weil meine Bücher Geld kosten - geistiges Eigentum an Texten gilt für diese Leute überhaupt nichts. Auch bei Musik, die sie unentgeltlich downloaden, ticken sie ähnlich - dabei will ich mich mit den Machenschaften der Musikindustrie nicht gemein machen, denn sie ist immer noch, trotz Gejammer über entgangene Milliarden, ein prosperierender Zweig - das Schreiben aber, das zum Lesen Fabrizierte, es ist eine malade Nische und daher viel schützenswerter.

Und so bezeichnen sich manche als liberale Linke, sind aber materiell eingestellt wie jene, gegen die sie aufstehen - für sie zählt das geschriebene Wort, ein immaterielles Gut, überhaupt nichts. Ihre Hose ließen sie sich nicht stehlen, Texte aber, von deren Verkauf sich Autoren Hosen kaufen sollen, raubten sie schamlos. Schnäppchenmentalität, alles geschenkt haben wollen, das betrifft auch sie. Nicht materiell, da nennen sie es bedenklich Aldisierung - auf immateriellem Felde aber, da sind sie wie die, die sie nicht schätzen.

Wer schreibt, tut nichts

Das sind auch jene Leuchten, die dem schreibenden Zeitgenossen nahelegen wollen, dass die Zeiten des Schreibens nun endgültig passé sind - jetzt heißt es auf die Straße gehen, Plakate hochhalten, Aufrufe formulieren; Setz' deine Kunst, sofern es überhaupt eine ist, für den Kampf ein! Das Talent soll verzweckt werden - es hat keine Gültigkeit als Flankenschutz, als mahnendes Korrektiv oder als Impulsgeber. Der Autor ist für diesen Personenkreis ein intellektueller Nichtsnutz. Und er will sogar noch hin und wieder von seinen Texten leben können. Das empfinden sie als die Krone der Frechheit.

So stehen sie auf Straßen und glauben, sie seien Helden der Tat, Aktionisten, die die Welt veränderten - sie stehen da und wollen nichts davon wissen, dass es geschriebene Worte waren, die sie dorthin schickten. Nicht Aufrufe, die Ort und Zeit nennen, meine ich damit - Werke der Aufklärer, Texte von Frühsozialisten und Anarchisten, Zeilen von Liberalen - als die noch liberal waren -, deren Wirkungsgeschichte es ihnen erlaubt, hin und wieder als mündige Bürger aufzutreten. Die Philosophen, die die Welt nur verschieden interpretiert hätten; wir erinnern uns vage an diesen berühmten Ausspruch Marxens, der allerdings nicht zwangsläufig meint, dass die Philosophie entbehrlich wäre. Er will nicht sagen, die Philosophen hätten sich nur einen Reim auf die Welt gemacht, daher schnell entphilosophieren und dafür anpacken, machen, verändern, wie Marx riet. Mir scheint, mancher versteht diesen Satz völlig falsch. Wo sagt Marx denn, dass es nicht die Philosophen sein können, die die Welt verändern? Und war es nicht er, immerhin ein Doktor der Philsophie, der sie nachhaltig veränderte?

Neoliberale Kunstfeindlichkeit ist mittlerweile allgemeines Lebensgefühl

Daran wie man mit immateriellen Gütern, mit Kunst und insbesondere mit Literatur umspringt, auch unter kritischen, ja kapitalismuskritischen Menschen, erkennt man, wie tief der Materialismus in die Gemüter gestrickt ist. Niedergeschriebenes geistiges Eigentum scheint offenbar wertlos. Dass der Neoliberalismus die Kultur niederwalzt ist nur eine Seite der Wahrheit - die andere Seite ist, dass auch die Gegner des Neoliberalismus einem Funktionalismus oder Operationalismus unterworfen sind, der für Kulturleistungen literarischer Machart, keinerlei Verwendung findet. Das Schreiben ist auch für sie ein minderwertiger, ja auch schmuddeliger Akt - nichts, was in der Realität Geltung haben könnte. Sie meinen natürlich jene Realität, die sie als solche besehen. Die notierte Realität des Schreibenden - ich weigere mich, Schriftsteller zu schreiben, weil nicht jeder der schreibt, auch schriftstellerisch tätig ist - gilt für sie nicht. Schreiben ist für sie Realitätsferne.

Was in diesem multilateralen Handelsvertrag, der wie alles heute, per Abbreviatur verschlagwortet wurde, zu lesen und schlimmer noch, zu erahnen ist, kann nicht geduldet werden. Nur ist es gleichsam unduldbar, dass es genügend Stimmen gibt, die geistiges Eigentum im Internet - und das ist zwangsläufig auch das geschriebene Wort -, für vogelfrei erklären wollen. Eine durchgeschützte, in alle Winkel per Gesetz bewahrte Welt will niemand, der bei klarem Verstand ist - aber die Arbeit des Autors, sie gilt es zu respektieren, auch wenn mancher im libertären Rausch meint, das Internet sei Menschheitsauftrag und deshalb ein Platz freier Zugriffe. Der Neoliberalismus spricht nicht darüber, wie er Literaten und Musiker, wie er Darsteller und Tänzer, allesamt an ihrer Berufung hungernd, unterstützen, subventionieren, honorieren, relativ sorglos ihr Metier ausüben lassen kann - dass es die Anti-Neoliberalen auch nicht tun, das wirft ein Schlaglicht darauf, wie tief das Gift schon vorgedrungen ist. Wie sehr er die niederen Instinkte instrumentalisiert hat und alte Vorurteile, wie jene gegen Intellektuelle (oder solche, die auch nur so aussehen), neu belebt hat.



21 Kommentare:

Anonym 27. Februar 2012 um 09:26  

In einem Buch steckt eine Menge Arbeit, Können und auch Talent. Das wird für gewöhnlich mit einem Bruchteil des Verkaufspreises honoriert. Der Rest geht für die mehr oder weniger hohen Produktions- und Vertriebskosten drauf, sowie für die Verwertungskette aus Verlag und Buchhändler (ich kenne das, bin selbst Autor). Aus diesem Grunde ist es natürlich Blödsinn, generell eine kostenlose Nutzung zu verlangen, und solche Traumtänzer sind nach meiner Erfahrung in der Minderheit, auch wenn die Bedenkenträger der Verlage etwas anderes behaupten. Das Gleiche gilt übrigens für Musik, Fotos und was sonst noch so kreativ geschaffen wird (die übrigen Waren lassen wir jetzt mal außen vor).
Da ich mal davon ausgehe, dass die meisten Menschen nicht im Grunde ihres Herzens als Straßenräuber geboren werden, jammere ich nicht darüber, wenn mal eines meiner Werke in russischen Warez-Foren auftaucht (Der "Schaden" hält sich in übersichtlichen Grenzen), sondern frage mich nach den Ursachen. Hier wird man schnell fündig bei starren, antiquierten Modellen wie der Buchpreisbindung, einem veralteten "Urheber"-Recht, sowie Vertriebsgewohnheiten aus dem letzten Jahrhundert und mit öffentlichen Geldern bezahlten oder subventionierten Inhalten, die der Öffentlichkeit dann dennoch nicht zur Verfügung stehen. Wild wuchernde Zitatbestimmungen, eine unübersichtliche Verwertungskette und Zecken wie die Gema und diverse Verwertungsgesellschaften sind dabei noch nicht das Ende der Fahnenstange.
Die Frage, warum ein "Bestseller"-Autor Millionen verdienen muss, stellt sich dabei genau so, wie die, warum der Inhaber eines Patentes (im seltenen Idealfall der Erfinder selbst) für Generationen ausgesorgt haben muss. Das dürfte praktisch nie die Intention gewesen sein, mit der das Werk begonnen wurde.
Ich freue mich aufrichtig für Frau Rowling, die mit Harry Potter eine geschätzte Milliarde gemacht hat - bitte also keine aufgesetzte Neiddebatte. Warum muss sie aber gegen jeden vorgehen, der das Potter-Universum kreativ und nutzvoll erweitern möchte? Ihr als Urheber würde das bestimmt nicht schaden.

Als Fachbuchautor weiß ich zudem, dass ich selbst auf den Schultern von Riesen stehe. Die Qualität meiner Bücher leidet häufig daran, dass ich keine Zitate, Links oder Beispiele anderer Werke nutzen darf (ist dem Verlag zu teuer oder rechtlich zu aufwändig) und so mich ausgebremst werde.
Illustrationen und kleinere Geschichten streue ich dagegen gern guerillaartig (auch hier haben Verlage kein Interesse oder neigen zum verstärkten Abkassieren und reinreden) - freier Remix und Ergänzungen werden gern gesehen.

So lange es kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, muss man von einer Erwerbstätigkeit leben. Das waren zu allen Zeiten Tätigkeiten, in denen man etwas anerkannt Nützliches für die Allgemeinheit produzierte. Künstler, Musiker und Autoren brauchten und brauchen praktisch immer einen "anständigen" Job "nebenbei". Kassiert haben zu allen Zeiten immer andere (Auch einer meiner Verlage war sich nicht zu blöde, meine Illustrationen weiter zu verschenken. Auf meine Beschwerde verwies man an die eigene Rechtsabteilung, die wohl größer sei als meine!).

Zusammen gefasst: Das was von meinen Werken "geklaut" wurde, hat mir weniger geschadet als meine Vertragsklauseln. Meiner Popularität hat es fast immer genutzt. Wenn am "Klauen" was geändert werden soll, dann muss also die Struktur angegangen werden und nicht der letzte in der der Kette, der als Rezipient ja ausdrücklich gewünscht ist. Aber wäre wohl zuviel des Guten, wie bei vielen anderen Problemen unserer zeit, bei denen man lieber mit dicken Geschützen auf die Symptome ballert.

Anonym 27. Februar 2012 um 10:10  

interessanter Artikel. in Verbindung mit einem zuvor hier erschienenen Artikel re Carl Amery, der aufzeigte dass Hitlers Mein Kampf tief im rassistischen Sozialdarwinismus verankert war, stelle ich mal die provokative Frage ob Hitler nicht Tantiemen an Darwins Erben hätte zahlen müssen? Oder Carl Amery an diejenigen, die Gleiches schon früher erkannt hatten? - schwierig, schwierig.

Eine Vermutung: Alles ist schon einmal irgendwie gesagt worden. Alles fliesst. Wir stehen auf den Schultern von Riesen (wie es hier auch schon zitiert wurde, ohne Quellenangabe). Dont' worry, be happy. Geselle dich zur kleinsten Schar. Lerne how to start a movement (-> TED.com). Wenn alles richtig gemacht worden ist, querst du den Tipping Point. Gebe Gott, dass deine Idee eine für die Menschheit nützlichere sein mag als der Nordic Walking Stick. Find a Mission, complete a Vision. Yes You Can. Und vergiss nicht mir 50 Pfennig zu schenken: XXX(at)aol.com ;-)

potemkin 27. Februar 2012 um 10:40  

Das Metier des Schreibens erfährt eine rasante Entwertung, die Übersetzer waren schon früher dran. Das Urheberrecht gilt nur noch für jene, die sich die teuren Anwälte leisten können. Ansonsten: Auch in diesem Bereich fallen wir wieder ins Mittelalter zurück. Da gab es auch kein Urheberrecht, aber auch nicht die totale Verwertung. Sie wollen schreiben, junger Mann? Kommen Sie in meine Kanzlei und schreiben Sie... Abmahnungen!

GTL 27. Februar 2012 um 11:15  

Ihrem Plädoyer für die Wertschätzung geistigen Eigentums will ich gar nicht widersprechen (natürlich haben Menschen, die von ihren geistigen Produkten leben wollen/müssen, ein Anrecht auf eine adäquate Entlohnung ihrer Arbeit, jedoch lassen Sie m.E. zwei Punkte außer Acht.
1. Bei allen ausgefochtenen Urheberrechtsstreiterein im Web ging es selten um die Texte und meistens um die Bilder (statisch und bewegt). Natürlich werden auch Texte wie wild "kopiert und eingefügt", jedoch meist nur um sich mit fremden Federn Titel und Anerkennung zu erschleichen. Von dort würden ohnehin geine Tantiemen fliessen.
2. ist inzwischen auch die unfreiwillige Präsenz von Daten so groß, dass, wie im aktuellen Fall von STRATFOR vormals kostenpflichtige Daten kostenlos angeboten werden, weil zumindest so noch ein Datentraffic auf der eigenen Seite erzeugt werden kann, wenn die Inhalte ohnehin schon (widerrechtlich, OK) von anderen geleakt werden.
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=52896
Ich könnte Ihrer Klage viel eher folgen, wenn Sie bedauern würden, dass es im Web 3.X immer weniger um Inhalte (Content) geht, als um den dadurch erzeugten Traffic und dessen werbetechnischen Wert.
In meinem Metier heißt das, ihr Citationindex geht oft höher, wenn Sie eine inhaltlich falsche Publikation haben (weil Dutzende ihr Manuskript mit einem "In contrast to (citation)" beginnen) als wenn sie einfach was Richtiges zu Papier brachten

Volker Neumann 27. Februar 2012 um 12:01  

In einer Welt wie der unseren wo überall eine Zettel klebt, ein Schild steht. Auf diesen steht geschrieben: Das ist Eigentum von jenem da, dies gehört Johannes, jenes gehört dem Staat. Es gibt keinen freien Boden unter meinen Füssen. Ich kann froh sein das mir das laufen nicht auch noch besteuert oder verwertet wird. Genauso verhält es sich mit den geistigen Rechten. Was nehme ich da in den Mund, wen zitiere ich da, wen muss ich dafür um Erlaubnis fragen, wen muss ich dafür bezahlen. Fragen über Fragen wohl wahr, es sind alles Rechte die man sich irgendwann per Gesetz nahm. Nun stehen wir da und bauen diese Rechte immer weiter aus und stellen doch fest das es gar nicht wirklich um das geistige Recht geht sondern um den Profit daran. Keine Frage, ich gönne jedem den Lohn für seine Arbeit. Wohlgemerkt für seine Arbeit !!! Nicht für die Arbeit der Verwerter, die Aasgeier, die selbst aus einem Fliegenschiss ein verwertbares Kunstobjekt machen wollen, die den Furz auf der Gardinenstange vermarkten wollen. Es wäre erbärmlich zu sehen wie unsere Freiheit auf dem scheiterhaufen der Verwerter landet.

R.Kronig 27. Februar 2012 um 12:57  

"...will ich mich mit den Machenschaften der Musikindustrie nicht gemein machen, denn sie ist immer noch, trotz Gejammer über entgangene Milliarden, ein prosperierender Zweig - das Schreiben aber, das zum Lesen Fabrizierte, es ist eine malade Nische und daher viel schützenswerter."

Wie kommen Sie darauf? Die Zahlen sagen das genaue Gegenteil, wie leicht zu googlen ist:

2010 erwirtschaftete der deutsche Buchmarkt ein geschätztes Gesamtvolumen von 9,734 Milliarden Euro zu Endverbraucherpreisen.
Laut der Statistik des Bundesverbandes Musikindustrie e.V. erreichte der Umsatz aus Musikverkauf und Leistungsschutzrechten (GVL) im Jahr 2010 ein Umsatzvolumen von 1,669 Milliarden Euro.

Die Buchbranche ist also fast 6-mal so groß.

Roberto J. De Lapuente 27. Februar 2012 um 13:02  

Das dürfte Augenwischerei sein, denn das enthält Zeitungen und Fachbücher.

R.Kronig 27. Februar 2012 um 13:30  

Zeitungs- und Fachbuchautoren gehören gar nicht zu den betroffenen und sind nicht gemeint in Ihrem Artikel? Das geht aus Ihrem Text gar nicht hervor und dürfte jeden Leser verwirren.

Anonym 27. Februar 2012 um 13:35  

Die Nachfrage ist nach wie vor der beste Schutz vor Traumtänzern, die als Künstler gesehen werden wollen.
Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Roberto J. De Lapuente 27. Februar 2012 um 13:44  

Klar, der Markt regelt alles - die Nachfrage sortiert nach Qualität aus. Wer das behauptet, kennt die Mechanismen auf dem Büchermarkt nicht...

ulli 27. Februar 2012 um 14:38  

Um die Debatte auf eine realistische Grundlage zu stellen, sehe man doch nach, was die KSK (also die Künstersozialkasse) als durchschnittliche Jahreseinkommen von Künstlern nachweist: http://www.kuenstlersozialkasse.de/wDeutsch/ksk_in_zahlen/statistik/durchschnittseinkommenversicherte.php

Mit den erbärmlich geringen knapp 17000 Euros Jahreseinkommen, die beispielsweise ein Autor erzielt, hat die ganze Debatte um entgangene Zahlungen für Rechte wohl kaum etwas zu tun. (Wie viel verdient eigentlich ein Verlagsmanager?) Es geht ausschließlich um die Gewinninteressen der Medienindustrie. Die Kreativen sind nur vorgeschoben und längst von der Industrie enteignet.

Übersetzer etwa wissen, dass zwar ihre Honorare seit vielen Jahren nicht mehr gestiegen sind. Dafür sind die Verträge inzwischen so umfangreich geworden, dass sie in kein normales Kuvert mehr passen. Die Industrie sichert sich Internetrechte über Internetrechte, zum Teil für Verwertungsmöglichkeiten, die es erst irgendwann einmal in ferner Zukunft geben wird.

Anonym 27. Februar 2012 um 15:12  

Autorenbeispiel gefällig?

Ein Verlag hat bei mir angefragt wegen einer periodischen Printpublikation (Cartoons) für kleines Geld und erstmal zwei Jahre. Prima hab ich mir gedacht, ein sicheres kleines Zubrot. Den Vertrag, der dem Verlag Exklusivrechte für 10 Jahre auch für Veröffentlichungen in allen erdenkliche weiteren Medien gesichert hätte, habe ich erstmal umgehend zurück geschickt. Erst weitere Verhandlungen (die wollten mich wirklich) haben mir zwar nicht mehr Geld eingebracht, zumindest gehören meine Werke nun schon nach zwei Jahren erst mal wieder mir. Für mehr Geld hätte ich mit mir reden lassen - man ist ja käuflich als Selbständiger.

Wäre ich nicht schon über 20 Jahre in dem Gewerbe, hätte ich den o.a. Passus vielleicht übersehen und mich über den Tisch ziehen lassen.

Anonym 27. Februar 2012 um 15:15  

Aus negativen Erfahrungen in der (Unix-)Software-Welt heraus hatte 1989 Richard Stallmann die GNU General Public License (GPL) veröffentlicht. Die Grundintention war und ist, unkündbar die Freiheit der Verbreitung, Verwendung und Modifikation der Software und damit zwingend der zugrundeliegenden Programm-Quelltexte zu garantieren.

Der „Trick“ funktioniert dialektisch zweistufig: In Schritt 1 besteht der/die AutorIn explizit darauf, das uneingeschränkte Urheberrecht und damit auch das Verwertungsrecht in Anspruch zu nehmen und bei Zuwiderhandlung auch gerichtlich durchzusetzen (die Free Software Foundation bietet dazu auch anwaltliche Rückendeckung an) – maximaler Schutz der AutorInnen.

In Schritt 2 garantiert dieselbe AutorIn den Empfängern der Software vollen Zugang zu den Quelltexten mit dem expliziten Recht, sie uneingeschränkt für beliebige Zwecke benutzen, modifizieren und weitergeben zu können - unter einer einzigen Bedingung: Wenn die Empfänger sie weitergeben, dann muss das zwingend exakt unter den gleichen Bedingungen geschehen: Die Lizenz ist integraler Bestandteil des Werks – maximaler Schutz der Empfänger im Allgemeinen durch eine in Schritt 1 geschützte generelle Einschränkung derselben im Einzelnen.

Mit monetären Vergütungen hat das explizit nichts zu tun. Diese potentielle Einkommensquelle wird aber dadurch inhärent sabotiert, dass die Garantie der Freiheit von Verwendungszweck, Modifikation und Verbreitung zwingend mit sich bringt, dass Empfänger dieselben Werke nach Belieben weitergeben und damit den/die AutorIn immer preislich unterbieten können.

Dennoch werden heute die meisten EntwicklerInnen (v.a. der essentiellen Kern-Komponenten des GPL-Kosmos wie Linux Kernel, GNU C Compiler GCC etc.) für ihre Arbeit bezahlt von etablierten Grosskonzernen wie IBM, Google und auch Microsoft – und diese verteilen die resultierenden Produkte gratis. Der faktische Zwang zu dieser Praxis resultiert aus einer Eigenheit von Software-Quelltexten, die sie vom grössten Teil literarischer Erzeugnisse grundsätzlich unterscheidet: Modifikationen und Erweiterungen sind praktisch nie unabhängig voneinander, sondern müssen sorgfältig aufeinander abgestimmt werden. Würde z.B. IBM den Kernel eigenständig weiterentwickeln und reprivatisieren (=geheim halten), würden nach kürzester Zeit Inkompatibilitäten mit Modifikationen anderer Hersteller auftreten, wenn diese keinen Zugang zu den Modifikationen von IBM hätten und kein Abstimmungsprozedere existierte. IBM würde sich damit selbst vom Mehrwert durch Modifikationen Anderer ausschliessen, wovon der Konzern aber unbedingt abhängig ist.

Ausserhalb der Welt von Software-Quelltexten existiert dieser inhärente Zwang kaum. Das dürfte einer der Gründe sein, warum die an die GPL angelehnte Creative Commons cc-by-sa (Weitergabe unter Angabe der Autorschaft „by“ und unter gleichen Bedungenen, share-alike, „sa“) es schwer hat. AutorInnen müssen sich daher aber die Wahl des Distributors für Blogs u.ä. sehr genau überlegen: Das Google gehörende blogspot.com hier stellt kaum Bedingungen ausser (implizit) das nicht-exklusive Verwertungsrecht, die meisten Indymedia-Seiten verbreiten unter Creative Commons, aber das absurdeste mir letzthin untergekommene Beispiel ist der „interaktive“ Zürcher Jugend-TV-Sender joiz.ch, wo die (meist jugendlichen) AutorInnen gemäss deren http://www.joiz.ch/agb dem TV-Sender exklusiv(!!) und unbeschränkt sämtliche Nutzungsrechte übertragen. Diese „total buy-out“-Klausel ohne Gegenleistung würde wohl von jedem Gericht erstinstanzlich als sittenwidrig für ungültig erklärt werden, verdeutlicht aber die Negative Dialektik im titelgebenden „Schutz dem geschriebenen Wort“ unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen.

flatter 27. Februar 2012 um 16:42  

http://feynsinn.org/?p=12769

Meine Antwort darauf.

greets

Inhumanist 27. Februar 2012 um 18:44  

Ich spreche ja lieber von geistiger Leistung als von dem meiner Meinung nach fragwürdigen Begriff des geistigen Eigentums. Das Eigentumsrecht bedarf schon bei Hume einer Gesellschaftlichen Rechtfertigung.

Auch will ich ermüdenderweise auch noch darauf hinweisen dass das "Stehlen" eigentlich für Dinge reserviert ist, die anschließend fehlen. Oder ist hier von fehlenden Verkäufen die Rede?

Müssen wir wirklich versuchen einen abstrakten Begriff zu schützen wenn es konkret doch eigentlich um den Schutz des Urhebers geht? Und der kann auf vielerlei Weise umgesetzt werden.

Aber, in dem Sinne, ja! Eine Gesellschaft die Leistung, natürlich auch geistige, würdigt, insbesondere durch den Schutz des Urhebers, ist erstrebenswert!

Und ja, ich habe auch die Erfahrung machen müssen dass dies bei einigen "Gesinnungsgenossen" (im weitesten Sinne) noch nicht wirklich angekommen ist oder irgendwelchen materialistischen Utopien untergeordnet wird.

Ich denke nur dass diese "Bedrohung" eher gering ist im Vergleich zu marktwirtschaftlichen Machenschaften die den Urheber ja teilweise im offensichtlichsten Sinne enteignen etc..

Anonym 27. Februar 2012 um 19:33  

"Das dürfte Augenwischerei sein, denn das enthält Zeitungen und Fachbücher."

Dann ist die Musikstatistik das auch, denn es beinhaltet auch die Tatort-;elodie, sogenannte "Volks"musiken, Karnevalsschunkelzeugs, und ähnlichen Müll für den schnellen Verbrauch. Und auch "Fachmusik", in der Musikbranche "Nichenmusik" genannt.
Oder anders: Dat ham wa jerne: gegen die pöse Musikindustrie wettern und zum Abschuss freigeben, aber die eigene Branche, nämlich die schreibenden Urheber, als schützenswerte Klientel hinstellen.
Nee, so geht das nicht. Auch Komponisten und Musiktexter (!) haben Rechte.
- Klaus

Die Katze aus dem Sack 28. Februar 2012 um 05:38  

Der beste und wirksamste Schutz, dem geschriebenen Wort gegenüber, ist, wenn die Schreiber gänzlich darauf verzichten, es aufzuschreiben und herumzureichen.

Wenn ich mich mit jemandem unterhalte und dieser danach hergeht, alles aufschreibt und unter seinem Namen profitorientiert vermarktet, dann finde ich das letztlich nicht sonderlich schützenswert. Wo bleibt der Schutz der Urheber (Inspiranten?)

Anonym 28. Februar 2012 um 09:02  

Angenommen:Was ist eigentlich,wenn jemand hergeht und in deinem Namen was sagt und es so nicht stimmt ?

Dann hat er gelogen.

Was ist wenn er etwas sagt was stimmt aber du hat es nie gesagt ?

Dan hat er auch gelogen.

Anonym 28. Februar 2012 um 09:10  

Wem gehört Eigentum das durch die Gesellschaft erst ermöglicht wurde.

Bekommt jemand als Kind erklärt und gezeigt was Gold ist,wem gehört dann das Gold,wenn er welches findet?

Es gehört der Gesellschaft die ihm beigebracht hat Gold zu finden, einschließlich dem der es gefunden hat.

Im großen ganzen sag ich:"Es gibt kein Eigentum."

Alles gehört allen.

Anonym 28. Februar 2012 um 09:17  

Aber bestimmte Sachen sollte man besitzen und das ist Werkzeug im Dienste der Gesellschaft.

Wohlgemerkt Werkzeug keine Reichtümer.

Jeder Mensch ist nur Werkzeug im Dienste der gesamten Menschheit.

Der Einzelkämpfer oder der Familienverband wer kommt besser durch.Es ist der Familienverband

Lebowski 28. Februar 2012 um 13:40  

@Roberto
Übrigens:
Schon mitbekommen, was heute bei Feynsinn geht?
Eine Replik auf Deinen Text.
Solltest Du vielleicht dort mal kommentieren...

Grüße

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