Die Zeichen stehen auf Markenzeichen

Mittwoch, 15. Februar 2012

Kürzlich ließ ich mich zu einer Fiktion hinreißen - im Angesicht von ACTA malt sich jeder so sein Szenario aus. Nun bin ich erstaunt darüber, dass es mir an Phantasie mangelt, denn mein Szenario ist so szenisch und phantastisch gar nicht. Worte sind schon heute käuflich, auch wenn dahinter nichts steckt, was eigentlich eine Marke ausmachte. Occupy Germany ist keine Bewegung mehr, es ist eine eingetragene Marke. Und all das geschah schon bevor Rechtspopulisten dort hineinfühlten.

Ich kam bislang nicht auf die abgefeimte Idee, mir mein ad sinistram schützen zu lassen, es zur Marke zu machen. Kostet das eigentlich was? Ad sinistram ist aber auch kein wahlloser Name. Es stammt aus der Militärsprache - Links um! eben. Das hat mir mancher schon zum Vorwurf gemacht. Pazifisten, die das ärgerte oder Dreiviertel-Nazis, die damit untermauern wollten, dass der Linke ein ganz militaristischer Grobian ist. Leute halt, die nicht einsehen wollen oder aus ideolgischen Gründen können, dass eine Zigarre manchmal auch nur eine Zigarre sein kann.

Ich begreife es ja. Man muß seine Marke schützen - Schaden vom Projekt abwenden und so. Kann ich schon nachvollziehen. Man male sich mal aus, Marken würden keinen Schutz erfahren, beispielsweise RTL wäre schutzlos der Markenpiraterie ausgeliefert. Nicht, dass ich mich hernach via Piratensender als RTL-Beirat ausgebe und eine große Bildungsoffensive verkünde. Das könnten die Konsumenten des Senders, liebevoll Zuschauer genannt, falsch verstehen. Das Image der Marke würde leiden. Man hat schließlich einen Ruf, den es zu verteidigen gilt. Vielleicht war das ja Ihre Denke, Frau Anwältin Jakobs - ich erlaube mir mal, Sie direkt anzusprechen. Nachvollziehbar, dass Sie Occupy Germany vor solchen Spaßvögeln bewahren wollten. Wobei Henkel auf mich nicht wie ein humoriger Kerl wirkt...

Darf ich eigentlich Occupy Germany schreiben und als Begriff verwenden? Oder wäre das Product Placement? Oder ist schon die Nennung tabu, so wie im alten Ägypten zeitweilig der Name des amtierenden Pharao? Occupy Germany, darf ich das schreiben?

Der Unterschied zu RTL und Occupy Germany ist aber, dass ich als Mitglied oder Angestellter der ersteren Marke etwas habe, womit ich mich ausweisen kann - sei es nur der Firmenausweis oder ein Arbeitsvertrag. Welchen Beleg erhalte ich als Demonstrant bei Occupy Germany? Eine Protestbewegung ist doch kein Unternehmen - höchstens für viele eine Unternehmung für das Wochenende. Anders gefragt: Wenn ich bei einer Veranstaltung von Occupy Germany teilnehme, hernach hier ein wenig davon berichte, unterlegt mit meiner eigenen Meinung, schade ich dann der eingetragenen Marke Occupy Germany?

Ich meine, um freie Meinung ging es doch dieser Bewegung ursprünglich, bevor sie in ein einschnürendes Markenkorsett gezwängt wurde. Es ist doch die Meinungsfreiheit, die Occupy Germany erst möglich machte. Seien wir froh, dass es sie noch gibt. Schön eingeschränkt durch die Medienallmacht, aber immerhin: sie gilt praktisch theoretisch noch. Problem ist nur, dass eingetragene Marken freie Meinung als etwas Feindliches wahrnehmen. Zwangsläufig, denn die Marke gibt das typisch Korsetthafte, in Wespentaille Zwängende vor - und die freie Meinung weicht gerne mal ab.

Kann ich an einer Kundgebung teilnehmen und ein Schild hochhalten, auf dem steht Wir sind Occupy Germany! und kann ich mich ganz offen als Teil des Ganzen fühlen? Ich meine, ich würde mir damit eine Marke aneignen, die nicht mir gehört. Letztlich, Frau Anwältin Jakobs, könnten Sie auch Mitgliedsbeiträge erheben, sodass man sich in die Marke hineinkaufen kann und ein Mitmachrecht bekommt.

Ich wundere mich nur... oder ich sage es so: ich bin enttäuscht. Denn ich hegte die Hoffnung, dass Occupy Germany etwas wird, dass nicht nur sektiererisch gegen die Bankenwillkür aufsteht, sondern gegen das ganze verruchte System, das alles verwurstet, was nur zur Wurst taugt. Ich hoffte, mit der Kritik an den Bankstern, an der Spekulativwirtschaft und so weiter, würde auch endlich diese haarsträubend protestantische Arbeitsmoral, der alltäglich erzeugte Druck, der Konsumterror, die Durchgläserung des Bürgers für wirtschaftliche Zwecke und so weiter auf den Prüfstand gehoben. Über Bankster-Parolen ging es bis dato aber nicht hinaus - und dann wird auch noch die Bewegung um ihre Beweglichkeit gebracht und zur starren Marke patentiert. Alles wogegen man auflief, wogegen man auf die Straßen pilgerte, schlägt sich jetzt kontrapunktisch in der Patentierung des Begriffes Occupy Germany nieder.

Ist Occupy Germany jetzt eine Art Lifestyle-Vermarktungsunternehmen? Ist die Marke ein Lebensgefühl? Wo bleiben die Inhalte? Eine Marke orientiert sich an der Kundschaft. Bleibt die aus, muß sie reagieren, sich verändern, um der Klientel (wieder) zu gefallen. Droht das auch der Marke Occupy Germany? Bedeutet das, dass der Inhalt der Marke variabel ist, wenn nur das Markenlogo weiterhin präsent bleibt? Wenn die Laufkundschaft ausbleibt, dann muß man seinen Laden eben so modernisiern, dass er ansprechender aussieht und zum Betreten einlädt. Marken handhaben das so. Inhalt ist nichts, die Marke alles. Droht das? Berechtigte Fragen, finde ich.

No Logo! würde ich mir wünschen - ich halte den Markenwahn, der schon auf Schulhöfen beginnt, für die Basis der kapitalistisch-konsumistischen Welt. In den Schulpausen spottet die zukünftige Kundschaft über diejenigen, die nicht dasselbe Faible für markenorientierte Lebensart pflegen. Dort werden Grundsteine für den Konsum gelegt. Und dann soll ich einer Marke nachlaufen? Das irritiert mich schon - genau diese Haltung wollte ich nicht mehr; ich hoffte, Occupy Germany würde diese Haltung auch einnehmen. Und siehe da, jetzt ist es selbst Marke. Marken sind nicht tolerant, sie wollen ausschließlich, wollen Hegemon sein - das macht sie so unsympathisch. Ich hoffte, Occupy Germany würde etwas Bescheidenheit ins Feld führen. Demütig gegen die Ökonomisierung streiten - und nicht selbst ökonomisch werden. Als Marke ist Occupy Germany nun das geworden, wogegen unter anderem auch gestritten werden sollte: gegen das Markenkartell, gegen die Omnipräsenz der Konzerne...



17 Kommentare:

R@iner 15. Februar 2012 um 10:02  

Als ich las, Occupy hätte einen Markennamen staunte ich nicht schlecht. Ich führe es aber darauf zurück, daß in einer nicht gesteuerten Gruppe jeder sich eben dem widmet, was er am besten kann.
Da haben für mich einfach ein paar Leute, die im Marketing oder im Design zuhause sind, getan, was ihnen aufgrund ihrer Ausbildung naheliegend schien.
Das bedeutet aber nicht, daß ich deine Kritik nicht teilen würde.

Dennis82 15. Februar 2012 um 10:38  

Zweischneidiges Schwert - vielleicht hätte man erst einmal nach dem Grund fragen sollen? Der Name Occupy könnte auch nur deswegen markenrechtlich geschützt worden sein, um einen Missbrauch und Schadenersatzforderungen zu vermeiden. Angenommen, ein Konzern hätte sich diesen Namen vor den Occupisten schützen lassen - dann hätten diese gegen Markenrechte verstoßen, wären verklagt worden und hätten sich einen neuen Namen suchen müssen...!

R@iner 15. Februar 2012 um 12:02  

@Dennis82: Das wäre möglich. Für eine Firma mit Outdoor-Zubehör eignete sich der Name bestimmt nach all der kostenlosen Werbung.

Roberto J. De Lapuente 15. Februar 2012 um 12:14  

Mich erinnert das Festmachen an einen verankerten Namen an Lenins Bonmot, das mit Ticket, Bahn und Revolution zu tun hatte. Wenn er es je fallen ließ - jedenfalls ist es gut erfunden.

R@iner 15. Februar 2012 um 12:35  

@Roberto: Stark übertrieben möchte ich gerade dir, der Du die Worte in ihrer tiefen Bedeutung schätzt und benutzt, entgegenhalten, daß die tägliche Veröffentlichung eines neuen Duden wenig Anhänger finden würde.
Wir können Occupy nicht zuerst Beliebigkeit vorwerfen und uns dann auch beschweren, wenn sie sich unter einem festen Dach versammeln wollen, damit sie das Gebäude mit Inhalten bestücken können.

Memeth 15. Februar 2012 um 12:58  

"Wenn ich bei einer Veranstaltung von Mercedes-Benz teilnehme, hernach hier ein wenig davon berichte, unterlegt mit meiner eigenen Meinung, schade ich dann der eingetragenen Marke Mercedes-Benz?"

Möglicherweise, aber beantworten Sie sich doch mal selbst die Frage, welche Folgen es hätte? Welche rechtlichen Folgen hat es, wenn ein Blogger negativ über eine Veranstaltung von Mercedes-Benz schreibt?

R.Thomasek 15. Februar 2012 um 13:17  

Jedes Design von Gegenständen, das über purste Funktionalität hinausgeht, ist ein Logo.
Ich liebe gutes Design und ich liebe damit auch gute Logos.
Sie, Herr Lapuente, Sie wissen nichts davon, wie es ist, wenn Ästhetik der reinen Funktionalität untergeordnet wird. Gegen eine solche Welt, die sie da propagieren, würde ich jederzeit kämpfen.
Sie hatten nie einen Fuss in die DDR gesetzt.

klaus baum 15. Februar 2012 um 13:24  

Fiktion? manchmal muss man die in der gegenwart sichtbaren tendenzen nur verlängern, um zu wissen, was in der zukunft sein wird.

Roberto J. De Lapuente 15. Februar 2012 um 13:25  

Uiuiui, jetzt fahren sie ihre Geschütze auf - ich war noch niemals in der DDR... stimmt. Einerseits logisch, dass man sich am Design aufgeilt, wenn man es vormals nicht hatte...

Roberto J. De Lapuente 15. Februar 2012 um 13:34  

Welche rechtlichen Folgen hat es, wenn ein Blogger negativ über eine Veranstaltung von Mercedes-Benz schreibt?

Hin und wieder hinhören, mitlesen. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Blogger mundtot gemacht werden sollen.

Anonym 15. Februar 2012 um 14:08  

OCCUPY soll auch mit rechten und konservativen Gruppen kämpfen. Es zählt nur, daß der Kapitalismus beendet wird. Diese linke Kleinlichkeit immer. Die KOTZT mich an.

klaus baum 15. Februar 2012 um 14:38  

Da verwechselt jemand Design mit mit der Logo-isierung der Welt. Und was hat das alles mit der DDR zu tun.
Außerdem würde ich zwischen einer Wagenfeld-Lampe, einem Mies-van-der-Rohe-Stuhl usw. und einem t-shirt oder eine Jeans mit Logo einen Unterschied machen.

Anonym 15. Februar 2012 um 15:16  

Lieber Roberto,

die Marke OCCUPY GERMANY angemeldet hat laut DPMA ( http://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/3020110612455/DE )
Frau Heidrun Jakobs am 13. November 2011, und zwar in den 3 Klassen nach der Nizza-Klassifikation ( http://www.dpma.de/docs/service/klassifikationen/nizza/nizza10_teil1.pdf) Nr. 16 (als Hauptklasse) sowie Nr. 25 und Nr. 41.
Klasse Nr. 16 umfasst im Wesentlichen: Papier, Papierwaren (z.B. auch Druckerzeugnisse) und Büroartikel;
Klasse Nr. 25 umfasst: Bekleidungsstücke, Schuhwaren, Kopfbedeckungen;
Klasse Nr. 41 umfasst: Erziehung, Ausbildung, Unterhaltung, sportliche und kulturelle Aktivitäten.
Angemeldet bedeutet hier: Bislang noch nicht registriert (sowas dauert normalerweise ein paar Monate).
Frau Jakobs ist übrigens Rechtsanwältin (http://www.kanzleijakobs.de/Impressum ) mit den Spezialgebieten Bank- und Kapitalmarktrecht, Vertriebsrecht im Bereich der Finanzdienstleistungsunternehmen, Medienrecht, speziell Presserecht. Ich kann mich täuschen, aber nach dem, was sie auf ihrer Kanzlei-Website als „Aktuelles“ anführt, und nach kurzem Überfliegen ihres Blogs ( http://www.heidrun-jakobs-blog.de/ ) habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie mit viel Idealismus auf der Seite der kleinen Leute gegen die Mächtigen (seien es Firmen, Banken, sogenannte Finanzdienstleister etc.) kämpft.
Insofern tut man ihr sicherlich Unrecht, wenn man unterstellt, sie wolle aus der Markenregistrierung (die übrigens 300 Euro kostet) ein blühendes Abmahngeschäft starten – ich vermute eher, dass sie, ganz im Gegenteil, genau das dadurch verhindern möchte. Auf mich macht sie jedenfalls einen sehr sympathischen Eindruck!

Liebe Grüße
Saby

PeWi 15. Februar 2012 um 17:18  

Ich lese hier die Kommentare mit wachsender Belustigung. Laut Schenkelklopfend finde ich die Anmerkungen der Markengurus. Ich weiß auch nicht, was das alles mit der DDR zu tun haben soll, irgendwie an den Haaren herbeigezogen. Und mir ist besonders schleiherhaft, wie man sich dazu hinreißen lassen könnte, gegen ein System (?) zu kämpfen, nur weil es keine Marken hat. Der Kern der Sache ist in meinen Augen doch, dass sich eine Bewegung, die eigentlich - macht sie das immer noch? Gibt es sie denn überhaupt noch? - freiheitlich sein wollte, in ein Markenkorsett, mag es ausgestaltet sein, wie es will, zwängt. Gerechtigkeit ist keine Marke. Oder will Occupy dann ihre Geschmacksmuster vor Gericht verteidigen? *Kopfschüttel* Das ist alles sowas von gestrig.

Roberto J. De Lapuente 15. Februar 2012 um 17:25  

PeWi, mancher Kommentar hier beweist, dass die besten Satiren immer noch das Leben schreibt.

Anonym 16. Februar 2012 um 10:23  

@Roberto J. de Lapuente

Irgendwo hab ich mal gelesen, dass heute alles vermarktbar ist - sogar Worte wie "Revolution"; "Che Guevara" und "Karl Marx" tauchen in der Werbung - ohne Zusammenhang - auf Sprechblasen, in Werbebeiträgen und Kleidung sowie Postern und Bildflächen auf.

Ich mein es war der österreichische Journalist Robert Misik bei dem ich das so - vor Jahren - gelesen habe, wie ich es oben schreibe.

Gibt es eigentlich schon "Occupy Wall Street" als geschützte Markenbezeichnung? Wundern würde es mich nicht....so ist halt die heutige Zeit....

Übrigens, ich hab auch schon "V wie Vendetta"-Zeichen der "Anonymus-Bewegung" auf Kleidung, Stickern und Postern gesehen - eben, wie du völlig richtig schreibst, Vermarktung einer Protestbewegung.

Gibt es da etwas was man dagegen unternehmen kann? Oder ist das - wie auch Robert Misik meint - eben so, und man muß es zähneknirschend akzeptieren?

Gruß
Bernie

Humpf 16. Februar 2012 um 13:08  

Lieber Roberto,

nicht "Occupy Germany" als solches hat die Wort-Bild-Marke angemeldet, auch nicht ein Gruppe von Menschen, die administrative Aufgaben unter dem Label wahrnehmen. Es war ausschließlich Frau Jakobs und ich kann Dir versichern, dass diejenigen, die mit großem Engagement hinter den von mir angesprochenen administrativen Aufgaben stehen, sei es online oder offline, die "Occupy Germany" nach außen auftreten lassen, gerade dabei sind, einen Weg zu finden, mit diesem Versuch einer Eintragung umzugehen und eine Lösung dafür zu finden.

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