Der Kapitalismus ist schon lange überbaut

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Ob es sich wirklich mit der Resistenz des Neoliberalismus abtun läßt, dass nach und während diverser Krisen dieselben Leitbilder wie vormals vorherrschen, bleibt mehr als fraglich. Linke Positionen rumoren zwar manchmal durch die Feuilletons, aber dort, wo entschieden wird, nimmt man sich ihrer nicht mal ansatzweise an.

Ein Ascheschleier...

Michel Houellebecq berichtet im letzten Kapitel von "Karte und Gebiet" über unsere Zukunft. Er schreibt: "Seit der letzten Finanzkrise, die sehr viel schlimmer als die des Jahres 2008 gewesen war und zum Konkurs der Crédit Suisse und der Royal Bank oft Scotland geführt hatte, ganz zu schweigen von zahlreichen weniger bedeutenden Banken, waren die Bankiers gelinde gesagt ziemlich kleinlaut geworden. [...] Ganz allgemein befand man sich in einer ideologisch seltsamen Epoche, in der jeder in Westeuropa davon überzeugt zu sein schien, dass der Kapitalismus zum Scheitern verurteilt sei - und zwar sogar kurzfristig - und seine allerletzten Jahre erlebte, ohne dass es aber den ultralinken Parteien gelungen wäre, über ihre übliche Kundschaft von gehässigen Masochisten hinaus neue Anhänger zu gewinnen. Ein Ascheschleier schien sich über den Geist der Menschen gelegt zu haben."

Der Schriftsteller beschreibt hier etwas, wovon wir heute schon Notiz nehmen können. Obwohl das Scheitern des Kapitalismus und dessen radikaler Schule namens Neoliberalismus als gegeben angesehen wird, können sich linke Parteien und Absichten kaum einen Weg bahnen. Behäbig dominieren die alten Ideale und Vorstellungen weiterhin die Politik - stur werkelt die Wirtschaft nach kapitalistischen Prämissen vor sich hin, gleichwohl damit immer weniger Staat zu machen ist. Neue Konzepte, aus dem linken Lager stammende Versuche einer Neustrukturierung: Fehlanzeige. Im Gegenteil, überall in Europa gewinnen Konservative und ihre strikten Sparprogramme Wahlen. Wie ein dumpfes Grollen vernimmt man, dass da irgendwas nicht mehr stimmig ist, dass das System morsch ist und die raffgierigen Säulen, auf die das System ruht, nicht mehr haltbar. Aber es geschieht nichts.

... ist der Konsumismus

Houellebecq versteht es in seinen Büchern von jeher, die Rolle des Menschen in der Konsumlandschaft mit soziologischer Schärfe zu analysieren. Für ihn ist der moderne Mensch ein Wesen, das mit sich selbst, mit ideellem Vermögen, kaum Glücksgefühle erlangen kann - schon gar nicht in einer Gesellschaft, die sich nach materiellen Gütern reckt und streckt. Glück, oder das, was man ersatzweise als solches bezeichnen könnte, liegt im Erwerb von Gütern, im fortschrittlichen Technik-Schnickschnack begraben. Der moderne Mensch pflegt Bindungen zu Besitz und zu Dienstleistungen, die er in Anspruch nehmen kann. Bindungen zu Mitmenschen sind um so viel anstrengender. Der Mensch nach houellebecqscher Lesart, er lebt mit dem Ding, nicht mit dem Beseelten - der Nächste ist im einerlei; das Nächste kümmert ihn.

Der Warenfetisch ist es, der seit der Nachkriegszeit Besitz von der Gesellschaft ergriffen hat - der Pop als Reaktion auf konsumtive Ausrichtung des Daseins in der Welt, als ökonomischer Lebensstil ist heute allgemeingültig. Houellebecqs Figuren sind oftmals nur eine gelinde Überspitzung - sie sind ausgebrannt und hohl, gefühlskalt und seelisch verstümmelt. Die Menschen sind in Wirklichkeit natürlich nicht alle so gravierend verstört. Doch die Tendenz stimmt. Hier ist vermutlich die Ursache dafür zu suchen, weshalb trotz der Gewissheit, dass der Kapitalismus mitsamt neoliberaler Schule vor die Hunde geht, keine linken Alternativen aufgeworfen werden. Der Kapitalismus ist nicht mehr der Überbau, er wurde selbst überbaut. Der Konsumismus ist der eigentliche Lenker. Die Habgier, im wahrsten Sinne des Wortes, sie läßt über die Systematik des Anhäufens hinwegsehen. Ob nun Konsum im Kapitalismus oder sonstwo, spielt dabei keine Rolle mehr. Solange man erwerben und kaufen kann, solange die Bedürfnisse gestillt sind, ist es egal, wie man den Apparat nennt, in dem Bedürfnisstillung stattfindet.

Hoffnungslosigkeit

Houellebecqs Auslegung ist zutreffend. Das (ohnehin fiktive) Ringen im Kapitalismus zwischen rechter Auslegung, die tendenziös diktatorisch, und linker Auslegung, die tendenziös freiheitlich, manchmal tendenziös sozialistisch, verstanden werden kann, sind wertlose Scharmützel, die mit dem wirklichen Motor allen menschlichen Strebens in der westlichen Welt und den Schwellenländern, nichts mehr gemein hat. Die Menschen wollen mit Konsumartikeln versorgt sein - nicht nur mit den nötigsten Artikeln, sie sind ja keine Asketen, sondern mit allem, was der weite Kosmos des Konsums an Annehmlichkeiten bietet. Das ist keine Frage von Kapitalismus oder Kommunismus mehr - der Konsumismus hat jedes System unter sich gebracht, hat er schon seit der Nachkriegszeit, als der Funktionalismus dazu überging, die Kompliziertheiten des Lebens streng zu erleichtern und zu Konsumgut zu machen.

Geblieben ist die fehlende Umverteilung, die das Prinzip des Kapitalismus schon war. Wo über den Verhältnissen konsumiert wird, muß andernorts unter den Verhältnissen gelebt werden. Der Konsumismus ist noch weniger als der Kapitalismus auf Ausgewogenheit getrimmt. Er ist das zur allgemeinen Gesellschaftsordnung gemachte Gesicht des individuellen Egoismus. Und mangels Ansatzpunkt, da enthoben von jedem System, kaum reformierbar. Das gelänge nur durch Umerziehung, die aber nicht von der Werbeindustrie, die sich am Konsumismus mästet, initiiert werden kann - oder durch kalkulierte Mangelwirtschaft, die desaströs wäre. Diese Einsicht ist es, die Houellebecq unter anderem umtreibt - sie macht auch, dass sein gesamtes Werk von konsequenter Hoffnungslosigkeit durchdrungen ist. Auch er findet aus dem Dilemma, in das der Mensch sich geschmissen hat - jenem, ein Wesen zu werden, das Glück als Shoppingtour definiert und Zufriedenheit für eine Untugend hält, weil man sich stetig verbessern kann, auch auf konsumtiver Ebene -, keinen Ausweg.



16 Kommentare:

Anonym 21. Dezember 2011 um 08:41  

A.
Konsumismus ist ein Droge, sie macht abhängig und musst ständig neu befriedigt werden. Somit sind wir auch Drogenabhängige. Davon los und zur Besinnung kommen wir nur durch kalten Entzug bzw. wenn der Kapitalismus kollabiert.
Es ist auch schon ein Widerspruch wenn in unserem christlichen Gemeinschaft mit dem Fers: " ... führe uns nicht in Versuchung!" man von morgens bis abends mit Werbung bombardiert wird was einem alles zum Glücklichsein fehlt.

potemkin 21. Dezember 2011 um 09:04  

Ein sehr gut geschriebener, wichtiger Beitrag! Solange der Konsumismus so tief im Denken verankert ist, hat der Kommunismus keine Chance. Dazu kommt ein mediales Umfeld, welches den Rezipienten nur noch als Verbraucher anspricht. Wohl auch deshalb wollen 70% der Bevölkerung das gierige Staatsoberhaupt behalten. Das Haben hat über das Sein gesiegt...

Anonym 21. Dezember 2011 um 09:33  

Dies ist eine sehr treffende Analyse unseres "Systems".
Manchmal frage ich mich, ob ich "so neben der Spur" bin, weil ich eigentlich keinen Spass am Shoppen habe. In meinem Schrank hängen genug Klamotten, ich habe ein uraltes Handy, mit dem man aber telefonieren kann, wozu also ein Neues?
Mein Auto wird 39 Jahre alt und hat den Vorteil, dass ich sehr viel selbst reparieren kann und es bringt mich genauso zur Arbeit wie ein unnötig schwerer und teurer SUV.
Nicht einmal ansatzweise verspüre ich Lust, etwas Neues anzuschaffen, aber oft macht mir halt die Industrie einen Strich durch die Rechnung und zwingt mich zum Neukauf, weil eben viele Alltagsdinge schlechter gefertigt sind und-auch wenn nur ein kleines Teil defekt ist- weggeworfen werden müssen-eine Reparatur lohnt ja nicht...

Mich kotzt diese Konsumwelt nur noch an, wenn meine erwachsenen Kinder endlich eine Arbeit finden würden, von der sie leben können, dann könnte ich aus diesem Hamsterrad aussteigen....

Mir ist es total egal, dass ich von vielen Arbeitskollegen belächelt werde, weil ich ein uraltes Auto (kein Vorzeige-Oldtimer...) fahre und eine "Telefonzelle" als Mobiltelefon habe.

Wenn mal bissl Kauflust entsteht, dann bei interessanten Büchern, ja, im Buchladen "shoppe" ich gerne!

Liebe Grüße

Christine Reichelt

Kehraus 21. Dezember 2011 um 11:41  

Eine gute Analyse der Misere. Allerdings würde ich sie nicht Michel Houellebecq zuschreiben. Schon wesentlich früher hat es Erich Fromm beschrieben in „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ indem er sagte:

Verloren ging die Bezogenheit. Die Bezogenheit ist der Rahmen der Orientierung und das Objekt der Hingabe. Dieses Entspringt dem Bedürfnis nach Verwurzelung, Transzendenz, Identitätserleben. Es wurde mancherlei Ersatzlösungen für ein echtes individuelles Identitätserlebnis gesucht und auch gefunden. Nation, Religion, Klasse und Beruf dienen als Lieferanten dieses Identitätsgefühls. Ich bin Amerikaner, ich bin Protestant, ich bin Geschäftsmann, das sind die Formeln, die zu einem Identitätsgefühl verhelfen, nachdem die Clanidentität verloren ging.

Da die offenen Autorität (König, Fürsten, Priester) durch anonyme Autorität (Staat, Institutionen) ersetzt wurden, wurde auch das individuelle Gewissen ersetzt durch das Bedürfnis sich anzupassen und dadurch Billigung des anderen zu finden. Dies ergibt eine Tendenz sich selbst und andere zu manipulieren. Der Mensch entwickelte einen Marketingcharakter. Daraus folgt: Selbstgefühl basiert auf seiner sozio- ökonomischen Rolle. Sein Körper, Geist, Seele sind sein Kapital was vorteilhaft investiert werden muss um Profit aus sich zu ziehen. Diese Eigenschaften bilden das Persönlichkeitspaket mit dem man –je nachdem- einen höheren Preis auf dem Personenmarkt erzielen kann. Dadurch aber Verlust des Selbstgefühls.

Die Entfremdung ist heute fast total. Sie ist Kennzeichnend durch die Beziehung zu seiner Arbeit, zu den Dinge die er konsumiert, zum Staat, zu Mitmenschen und zu sich selbst. Er hat sich eine Welt von „im selbst geschaffenen Dingen“ geschaffen.

Der Mensch erfährt sich nicht als aktiver Träger seiner Kräfte und seines Reichtums sondern als ein verarmtes Ding das von Kräften außerhalb seines selbst abhängig ist in der er seine lebendige Substanz hinein interpretiert hat.

Roberto J. De Lapuente 21. Dezember 2011 um 11:44  

Natürlich nicht ausschließlich Houellebecq. Wobei man sagen muß, dass er es wie kein anderer versteht, den modernen Menschen in seiner Natur und in der Natur zu umschreiben.

ulli 21. Dezember 2011 um 12:35  

Schon in den 20er und 30er Jahren habe viele linke Intellektuelle sich die Frage gestellt, wieso sich die Menschen angesichts der katastrophlen Lage nicht in Scharen nach links wenden. Aber war es so falsch, dass viele von Leninismus oder gar Stalinismus nichts wissen wollten? Auch die Intellektuellen sind ja dann allesamt in die USA emigriert, kaum einer war so wahnsinnig oder lebensmüde, um in den "Sozialismus" zu emigrieren. (Selbst ein Radikalinski wie Brecht ging in die USA; als er dann in der DDR lebte, was er österreichischer Staatsbürger, hatte seine Verlagsrechte in der BRD und sein Geld in der Schweiz - warum wohl?)
Es stimmt nämlich nicht, dass "das (ohnehin fiktive) Ringen im Kapitalismus zwischen rechter Auslegung, die tendenziös diktatorisch, und linker Auslegung, die tendenziös freiheitlich, manchmal tendenziös sozialistisch, verstanden werden kann, ein wertloses Scharmützel" ist. Nicht auf vermeintliche Systemalternativen (die doch in der Wirklichkeit bislang alle daneben gegangen sind), sondern genau auf diese Frage kommt es an. Daran entscheidet sich, wie die Menschen tatsächlich leben können.

Roberto J. De Lapuente 21. Dezember 2011 um 12:47  

Die Menschen haben sich doch bereits entschieden. Sie wollen in einem großen Angebot leben, sie wollen Konsumgüter zur Auswahl haben, sie möchten ihre Bedürfnisse befriedigen. Alles andere ist dabei mindestens zweitrangig - damit ist die Frage Kapitalismus oder Alternative nicht die Frage, die sich der westliche Lebensstil stellt. Wer den Konsum sichert, dem eilt man nach.

algore85 21. Dezember 2011 um 13:05  

"Wer den Konsum sichert, dem eilt man nach."

Gibt es sowas wie linken Konsumismus? Ist grünes und soziales Shopping eine Alternative?

Halte mich da auch an Erich Fromm.

Sehe und höre es jeden Tag, junge entfremdete Menschen, die einem falschem Ideal hinterherlaufen? Für was? Nen dickeren Fehrnseher, ne größere Wohnung, ein dickes Auto.

Muss man für sowas die eigenen Träume verleugnen und sich in der Lohnarbeitskollonne anstellen?

Aber das ist noch nicht mal das Schlimmste, viele haben gar keine Träume mehr, gar kein Ziel. Die haben nicht mal etwas, was sie verleugnen können. Nur Arbeit für andere und Konsumismus.

Anonym 21. Dezember 2011 um 14:16  

Warum diese Schärfe in der Verurteilung der "Konsumisten"? Schimmert nicht die alte Arroganz durch: diese da, sind höchstens gut genug uns die Füße zu entstauben. Wie unendlich viele Generationen hat die große Masse nicht einmal vom Nötigsten gekostet. Und nun, seit knapp 40 Jahren biegen sich die Tische. Das ganze Volk lebt(scheinbar) wie die Fürsten!
Das dieses Schlemmerleben seinen Tribut fordern wird, diese Wissen ist im Untergrund verankert! Ich bin da ganz sicher und gelassen.

Aber etwas scheint mir neu! Umbrüche/Revolutionen rasten zu allen Zeiten über die Völker hinweg. Brachten wiederum "Schlemmerleben" für eine Handvoll, der Rest lebte nach wie vor völlig unwissend und von Krumen.

Wenn ich heute so durchs Netz wandere, beeindrucken mich die Vorbereitungen. Nicht mehr nur eine Handvoll "Eingeweihter"!

Dieses so unglaublich schnelle Netz nimmt sich Zeit. Es läßt die
notwendigen Kräfte reifen.
Wenn wir dauerhafte Freiheit und Verantwortung wollen, dann können wir nur wie Goethe`s Faust handeln:

Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.

Ich habe dieses Fragment dem Buch von Rollo May entnommen: Antwort auf die Angst. Leben mit einer verdrängten Dimension

Iris 21. Dezember 2011 um 14:17  

Ja, das hier passt zu dem, was ich schon seit Langem fühle. Aber ich glaube, es gibt eine Heilung. Denn in Wahrheit macht uns der Konsum ja gar nicht glücklich. Er ist nur eine Droge, mit der wir unsere Sehnsucht nach Glück betäuben. Die Menschen in den Konsumgesellschaften brauchen eine Therapie, eine Konsumentziehungskur. Parallel dazu müssen wir wieder lernen, das Leben zu lieben. Denn DAS macht glücklich. Das weiß ich genau, denn darum bin ich passionierte Gärtnerin ;o).

Micha 21. Dezember 2011 um 18:55  

Roberto, wenn sich "die Menschen bereits entschieden haben", warum willst du dann ihre Umentscheidung?
Wo sie doch nicht wollen, was Du willst?
Diese Gretchenfrage ist nach all den Jahren nicht beantwortet.

Roberto J. De Lapuente 21. Dezember 2011 um 19:26  

Ob ich das will, ist doch gar nicht die Frage. Aber selbst wenn es so sein sollte, was ich nicht weiß, weil mein Auftrag nicht die Umerziehung ist, so würden gemachte Zustände nicht zwangsläufig bedeuten müssen, sich dem Gemachten zu ergeben.

Hartmut 21. Dezember 2011 um 21:23  

Ein aufklärender Artikel in neuer Betrachtungsweise, dafür ein Dankeschön.

Hierzu möchte ich einen Gedankengang von Erich Fromm hinzufügen.

Zwanghafter Konsum ist eine Kompensation für Angst. Das Bedürfnis nach dieser Art von Konsum entspringt dem Gefühl der inneren Leere, der Hoffnungslosigkeit, der Verwirrung und dem Stress. Indem man Konsumgüter "in sich aufnimmt", vergewissert man sich sozusagen, daß "man ist". Wenn der Konsum eingeschränkt würde, würde viel Angst manifest werden. Der Widerstand gegen eine eventuelle Erregung von Angst führt dazu, daß man nicht bereit ist, den Verbrauch einzuschränken.
Revolution der Hoffnung, 348

dorengba 22. Dezember 2011 um 19:59  

Konsumismus von rechts zu konstruieren und linksseitig nach "der" Alternative zu suchen, das greift irgendwie nicht.

Wer sich mit Konsumverhalten fundamental anlegt, der sollte auch Stellung beziehen können zum Vormund dieses Verhaltens, das ist die potentielle Freiheit von Not, die ererbt wurde von wissenschaftlich-technischer Anstrengung, besonders seit dem 19. Jahrhundert.

Es wird gern vergessen, dass manch weit ausholende Denkfiguren aus unseren Tagen sich auf den Komfort einer möglichen Selbstvergewisserung stützen können, dazu von Stabilität der Gemütsverfassung für breite Teile der Zeitgenossen profitieren, ein Komfort, wie dies an anderen Plätzen auf der Erde, sowie zu früheren Zeiten, nur als ferne Utopie denkbar ist oder war.

Das ist die Änderung des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die mitbedacht sein will, wo die Ressourcenverschwendung und der Leichtsinn, der von Gier getrieben ist, prinzipiell gedanklich angegangen wird:

Wir kennen die Erde nicht mehr als einen Platz von unergründlicher und prinzipiell bedrohlicher Wildheit.

Das sind nun einmal zwei Seiten derselben Medaille: Mit einer stabilen Gemütsverfassung als Allgemeinzustand und zugleich straff organisierter Produktion geht die Gier einher, diese Lebensform bis zum Exzess auszukosten.

Demgegenüber ist rigorose Bescheidenheit, mitsamt entsprechend sparsamem Umgang mit Ressourcen, zugleich ein Kind solcher Not der Ungewissheit, eben vormals von Not als Lebensprinzip, wo sich die aufgezwungenen Widrigkeiten der Existenz in weiten Teilen als unbezwingbar darstellen. Der Mensch sieht sich hierbei in einer ganz anderen Rolle als ein in die Welt geworfenes Wesen, das macht einen krassen Unterschied.

Diese Medaille kennt wohl nicht den Unterschied der parlamentarischen Fraktionen, in dem Sinn, wie diese Polarität von links und rechts für Alltagsentscheidungen gilt, weil diese Münze für beide dieselbe ist.

Einzig kann von deklariert sozialistischer Linie erhofft werden, dass Verantwortlichkeit per se eine Übung des gesellschaftlichen Weitblicks sein sollte. Kapitalismus ist zwar gut darin, Kräfte zu mobilisieren, hat aber wohl noch nie einer Lage von Not abgeholfen - diese Organistationsform wuchert ja nur wie ein Schädling, sobald jene Gemütsruhe und Stabilität als Normalzustand eingekehrt ist. Ausgerechnet die strammsten Kapitalisten krähen als allererste nach Sozialismus in Reinform, allerdings allein zu ihren Gunsten, wenn es ihnen ans Leder geht.

Ansonsten hat doch wohl Herbert Marcuse die Crux einer sich verselbständigenden Warenwelt trefflich beschrieben, als Träger von Ideologie, wenn in die Dinge aus den Warenlagern die Hoffnung auf Einlösung von Utopien projeziert werden, was etwa seit 1950 der Fall sein wird.

Wenn etwas zu beklagen sein wird, dann wohl, dass sich die Vernunft schwertut, Öffentlichkeit in "bürgerlicher" Breite zu finden, sobald ein Hang zu autoritären Denkstrukturen dominiert, die mit einer Saturiertheit einhergehen - eben dem Bestreben in Eigendynamik, Strukturen zu verfestigen, die der Behaglichketi dienen.

Es wird dann undankbarer, Gedanken zu formulieren, schwerfälliger, Kritik hin zu Tragfähigkeit zu organisieren.

Aber eingefleischte Apparatschiks und hysterisches Marktgeschrei bleiben einander da wenig schuldig.

Einzig greifen kann der wiederholte Hinweis, dass letztere als opportunes Strohfeuer konstruiert sind, ohne eigentliche Tragfähigkeit.

Das zielt in Richtung Überprüfen der Verantwortlichkeit, so ist "von links her" Vernunft als Triebfeder konstruktiv mit dabei. Das kann man sich zunutze mache.

Die Probleme im Umgang mit Ressourcen und zynischer Auffassung von Lebensführung löst das aber nicht. Nur das ganz andere Gewicht, wie das ernstlicher besprochen werden kann, wird hilfreich sein, als indirekte Größe.

Natipatti 28. Dezember 2011 um 21:26  

Veränderung - persönliche und erst recht gesellschaftliche - ist sehr schwer.

Wer am eigenen Leibe erlebt hat, wie schwer es ist, selbst aus einer manifesten und in ihren Ursachen einem selbst bewusst gewordenen Krise heraus sein Verhalten und - noch viel mehr - sein oder ihr Sein zu verändern, weiß, worauf ich anspiele.

Solange es Möglichkeiten gibt, dem eigentlich Unausweichlichen doch noch irgendwie auszuweichen, verharrt mensch in Abwehr- und Abspaltungsstrategien.
Man denke nur daran, welch aufwändigen, komplizierten Rituale und Verhaltensweisen Menschen entwickeln und praktizieren, um damit (meist eher unbewusst) Traumata und besonders deren Bewußtwerdung zu vermeiden...

Und ich denke auch daran, dass ein Kind (zumindest so viel ich weiß) oft die "böse" Mutter / den "bösen" Vater einer anderen Bezugsperson vorziehen wird: sie/er ist bekannt, vertraut, selbst in ihrer Gewalttätigkeit.
M.E. leben wir in einer Gesellschaft, die massiv infantilisiert (das ist höchst profitabel!) und (vermutlich unbewusste) infantile Hoffnungen nährt. Komfort heißt doch eigentlich auch: "Trost"...

Konsum "tröstet", macht vergessen, lädt zur Regression ein.

Und das ist ein Feind, gegen den offensiv zu kämpfen mir kaum möglich scheint.

Was kann eine Lösung sein?
Das Wecken von tiefen, abgespaltenen Wünschen?

Wo, bitteschön, geht's lang zur Emanzipation?

LG,
Natipatti

fgz-gaukler 25. Januar 2012 um 10:26  

Gewiß macht da das meiste in den letzten jahrzehnten sauer und die unterscheidung läuft leer. aber wie du selbst sagst: "Alles was mir wichtig ist: am Ende soll Fairness, Gerechtigkeit und Gleichheit übrigbleiben, eine lebenswerte Gesellschaft."
so it is, und das kleine büchlein von Noberto bobio ("Rechts und Links: Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung") bleibt deswegen relevant dafür. damit kann die unterscheidung "in letzter instanz" oft ganz gut getroffen werden.

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP