Erst wenn es allen schlechter geht, geht es allen schlechter

Freitag, 25. November 2011

Es soll Leute geben, und jeder von uns kennt wohl solche Leute, die der festen Überzeugung sind, dass erst dann gesellschaftliche Veränderung vollzogen werden kann, wenn es möglichst vielen Menschen, denen es jetzt noch gut oder wenigstens nicht ungut geht, schlechter, viel schlechter ginge. Die Not, so wollen sie damit zum Ausdruck bringen, verschmelze die Menschen und mache sie zu einer revolutionären Masse. Je schlimmer das Elend, desto fester zieht man an einem Strang. Der Kummer und die Verzweiflung als Schmiede der Harmonie. So eine romantische Vorstellung! Und wohl so eine falsche Vorstellung.

Wenn es allen schlechter geht, dann kommt das große Umdenken, dann gehen die Menschen auf die Straße. Das klingt schlüssig und irgendwie tröstend, denn wann es allen endlich schlechter geht, weiß man ja nicht ganz genau. Dieses Szenario gleicht insofern den Beteuerungen alter Sozialisten, die sich im wilhelminischen Deutschland oder dem Frankreich der Dritten Republik niederließen und auf die Revolution verwiesen, die dann bald kommen möge und derentwegen man nun ein wenig bürgerlich tat, Mandate annahm und es sich im Parlamentarismus gemütlich machte. So wie die Revolution ein Irrtum war, weil sie vom institutionalisierten Sozialismus gar nicht real, sondern nur als Wunschbild erbeten wurde, so ist auch die Annahme, es würde alles besser, wenn es allen schlechter ginge, eine fatale Fehleinschätzung.

Wenn es allen schlechter geht, geht es allen schlechter. Das ist die einfache Wahrheit, die sich hinter solchen Parolen verbirgt. Die Hoffnung auf massenweise Verschlechterung der Lebensumstände, sie ist nur eine Scheinhoffnung. In Wirklichkeit ist sie eine Tautologie des Elends. Wenn es allen schlechter geht, geht es allen schlechter, geht es allen schlechter. Eine Gesellschaft, in die die Not einbricht, wird nicht von gefühlvollen, mitfühlenden Einzelnen geprägt. In so einer Gesellschaft ist man sich schnell selbst der Nächste. Da regiert Hunger - da dominieren eigene Sorgen - da amtieren Rechnungen, die man nicht bezahlen kann - da herrscht Existenzangst - da gebieten die Erwartungen, um die man betrogen wurde. Manchmal blitzt freilich auch Mitmenschlichkeit auf - aber die ist keine Konstante, nicht die unsichtbare Hand des Elends. Sie schimmert trotzdem manchmal durch, ist ein Dennoch, kein Deswegen. Jedenfalls ist sie seltener Gast an Tafeln, die üppig mit Leere gedeckt sind.

Jorge Semprún beschreibt in "Die große Reise" seine Gefangenschaft. Als Widerstandskämpfer in Frankreich wurde er von den Nazis inhaftiert und im Gefängnis waren sie alle ins Elend gestoßen. Da gab es Widerständler und solche, die für Dissidenten gehalten wurden, aus allen gesellschaftlichen Schichten. Und da gab es einen Mann, der Ramaillet hieß. Während Semprún nur die dünne Suppe löffelte, die die Gefängnisküche täglich ausgab, erhielt dieser Ramaillet stets feine Fresspakete von der Außenwelt. Wenigstens hatte er in der Not zu fressen. Aber teilen wollte er nicht, denn das wäre ungerecht, meinte Ramaillet, wenn man sein Fresspaket unter drei Männern - es war noch ein dritter Mann in die Zelle gestoßen worden - aufteilte. Denn Semprún erhielt ja gar nichts, würde sich aber an ihm, an seinen Paketen schadlos halten, obwohl er nichts für die Allgemeinheit tut.

Da ging es allen schlechter als vorher - und die Folge? Nichts Neues, denn es zog nicht Harmonie und Zusammenhalt ein, nicht mal Solidarität im Geiste, denn Ramaillet gab die Schuld seiner Haft solchen Leuten wie Semprún, sie hätten ihn, den unbescholtenen Bürger, das Leben versaut; was sich einstellte war Egoismus, Gier, Gleichgültigkeit. Da ging es allen schlechter als vorher, nur damit es nachher allen schlechter als vorher ging. Gleicht das nicht dem, was man so liest, wie das Leben unter Obdachlosen wütet? Die bestehlen sich, die belauern sich. Das kann man ihnen nicht mal ankreiden. Wer nichts hat, der will sich auch das Nichts des Habenichts' aneignen, der neben ihm in Einkaufspassagen nächtigt. Nichts und Nichts, vielleicht gibt das was! Wie Minus und Minus ja gleichfalls Plus ergibt! Aber am Ende gesellt sich zur Armut auch noch Angst, Angst um die eigene spärliche Habe, Angst vor demjenigen, der im gleichen lecken Boot hockt, wie man selbst. Armut für alle ist keine Erlösung, es ist Lähmung und Misstrauen.

Einwände könnten nun sein, dass in französischen Gefängnissen unter deutscher Führung oder unter Obdachlosen, Sonderkonditionen gelten. Das seien Extremerfahrungen und das Elend, es sei ja nur das Elend einer Gruppe, einer Gesellschaftsschicht alleine, nicht das Elend der Gesellschaft schlechthin oder der Mittelschicht, die stückchenweise in die Not hinabrutscht. Aber dieser Einwand greift zu kurz, denn es kentert niemals eine Gesellschaft oder eine ganze Schicht vom Ausmaß der Mitte, in die Armut oder ins Elend. Es sind immer einzelne unterprivilegierte Gruppen und Schichten, die diesen schweren Gang antreten. Wer heute meint, dass wenn es allen schlechter geht, gehe es bald wieder bergauf, der meint gar nicht Alle. Der meint einige, diejenigen, die gerade noch ein anständiges Leben führen können. Die können doch ernsthaft nicht den Typen meinen, der seit Jahren fünfstellig verdient und fünfstellig lebt. Selbst wenn es so einem mal etwas schlechter geht, dann geht es ihm noch gut. In solchen gesellschaftlichen Sphären stimmt die Losung halbwegs. Zwar geht es nicht bergauf, wenn es denen alle schlechter ginge, aber es geht immerhin nicht bergab. Zu viel Substanz. Zu viel Rücklagen. Zu viel Beziehungen, um aus dem Sumpf, der gar kein Sumpf, sondern eine drei Millimeter tiefe Pfütze ist, zu entsteigen.

Und was ist das überhaupt für eine Parole, ja für ein Weltbild, das die Not vieler vieler Menschen bevorzugt, um irgendwann einmal Resultate zu zeitigen? Wenn soziale Errungenschaften abgebaut werden, womit es vielen Leuten existenziell an den Kragen ginge, dann stößt diese Prekarisierung vielleicht Unmut an. Nur abgebaute soziale Errungenschaften werden wohl kaum erneut von denen wiedererweckt, die sie abbauten. Und selbst wenn, was hat denn der Fünfzigjährige davon, der plötzlich keinen Kündigungsschutz mehr hatte, wenn nach seiner Entlassung der Kündigungsschutz wieder eingesetzt würde? Wird alles besser, wenn es allen schlechter geht? Gerechtigkeit schaffen durch zunächst entstandene Ungerechtigkeit? Als List der Vernunft, wie Hegel seinen Trick nannte, nachdem er erkannte, dass die Welt kein fortwährender Prozess der Verbesserung, des Fortschritts ist?

Wenn es allen erstmal schlechter geht, und das wäre die eigentliche Einsicht, zu der man gelangen sollte, dann ist es zu spät. Wen man die Butter vom Brot stahl, der kämpft in der Regel nicht mehr dafür, nochmal ein Stückchen Butter zu bekommen - er kämpft darum, seinen Kanten Brot nicht auch noch abtreten zu müssen.



19 Kommentare:

Anonym 25. November 2011 um 08:08  

Die Schwachen kämpfen nicht.
Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.
Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre.
Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.
Diese sind unentbehrlich.

Bertold Brecht

Hartmut 25. November 2011 um 10:01  

Wenn der Reiche zu fallen droht, helfen ihm seine Freunde auf, wenn der Arme fällt, so stoßen ihn auch seine Freunde zu Boden.

zitiert nach Harry Pross, Der Mensch im Mediennetz, S.14. 2.Abs.

potemkin 25. November 2011 um 10:53  

Die Geschichte hat leider immer wieder gezeigt, dass in Notzeiten das Irrationale, faschistoide, die einfachen Lösungen zum Zuge kommen. Und schon jetzt nimmt man sich nicht die Querulanten zum Vorbild, die sich wehren, sondern pocht darauf, dass auch die letzten auf ihre erkämpften Privilegien verzichten, wobei die Medien kräftig mithelfen. (Die frechen Eisenbahner, die eine Extrawurst haben wollen)

epikur 25. November 2011 um 11:29  

Wenn der Mensch in eine für ihn ungewöhnliche, schwierige Situation gerät, dann fängt er in aller Regel eben nicht an um zu denken, sich zu ändern oder seine Perspektive zu erweitern. In aller Regel passiert nur folgendes: "mehr vom selben". Mehr von dem, was man kann, was man gewohnt ist, was einem Sicherheit und Vertrauen gibt.

Das beste Beispiel sind die neoliberalen Heilsprediger. Denn obwohl ihre ganze Ideologie heute vor ihren Augen zusammenbricht, erhöhen sie einfach die Dosis, machen mehr vom selben. Von Veränderung keine Spur.

hf99 25. November 2011 um 11:59  

Tja, meine Lebenserfahrung sieht ähnlich aus. Schon im Herbst 2008 notierte ich: Wer jetzt glaube, es entstünde aufgrund der Krise eine revolutionäre Situation, der solle die Drogen absetzen.

R@Z€ 25. November 2011 um 13:38  

Im Übrigen weisen dieses Schema auch viele Endzeitfilme der letzten Jahre (28 Days, Downstream - Endzeit 2013, The Road, The Book of Eli, aktuell The Walking Dead –> sehr empfehlenswert) auf. Plünderung, Vergewaltigung, Mord. Es wird einige geben, die ein Gewissen haben (werden), viele werden sich und ihren eigenen Familien aber selbst die nächsten sein, was sie ja auch jetzt schon sind…

Anonym 25. November 2011 um 13:52  

Ein bedenkenswerter Artikel mit ebensolchen Kommentaren.

Mich würde es auch wundern, wenn Menschen, die in einer egoistischen Konsumgesellschaft sozialisiert worden sind, ganz plötzlich auf Altruismus umschalten würden.

Was mir gerade noch im Kopf herumgeht:
Was ist der Kitt, der unsere aktuelle Gesellschaftsordung zusammenhält? Das Verhältnis "Arbeitgeber" - "Arbeitnehmer" ist davon geprägt, dass die Ersteren gegenüber den Letzteren mehr Rechte, Vorteile und Macht besitzen. Das ist aber nicht alles - es gibt da auch noch den Konsumenten, den Kunden, den Verbraucher, der sich im Allgemeinen immer noch mit wenig Geld eine bunte Warenwelt ins Haus holen kann - auch dieser hat relativ viele Rechte. So wird aus dem entrechteten Arbeitnehmer nach Feierabend der Konsument, dem es doch noch ganz gut geht. Durch diese Doppelrolle ergibt sich eine Abmilderung der Klassengegensätze.

Meinungen hierzu sind erbeten.

Paul

Anonym 25. November 2011 um 14:53  

Ein sehr guter und richtiger Beitrag zum Thema Armut und Revolution.
Besonders viele Linke und Pseudo-Marxisten, welche zumindest verbal von Armut den Hals gar nicht voll genug kriegen können zwecks Stellung der "Machtfrage" sollten darüber nochmals mal ruhig nachdenken.

Wo und wann haben jemals die wirlich Verelendeten jemals aus eigener Kraft einen gesellschaftlichen Umsturz herbeigeführt?
Und wo sie als tapfer Kämpfende mitunter auftraten, taten sie es zumeist im Interesse anderer, die am Ende auch den Gewinn einstrichen.

Armut und Unterdrücung müssen immer hier und jetzt schon bekämpft werden, sonst wird es nie was mit dem erträumten sozialen "Himmelreich"!

MfG Bakunin

Hartmut 25. November 2011 um 18:37  

Ein brillant geschriebener Artikel, der mir aus der Seele spricht.

Einen Gedanken zur Wortentstehungsgeschichte von arm möchte ich noch hinzufügen:
urspr. wurde das Wort im Sinn von "vereinsamt, bemitleidenswert und unglücklich" verwendet.
Im Sinne von "besitzlos" als Gegenwort zu "reich" wurde "arm" erst in der Neuzeit.
Die moderne Bedeutung ist stark reduziert auf "nur sehr wenig Geld haben" ! - Ich denke, das sagt sehr viel.

Zu diesem Thema noch ein interessantes Buch:

Geschichte der Armut, Bronislaw Geremek

mann_von_nebenan 26. November 2011 um 11:22  

Hallo Paul,

treffend formuliert!
Konsum hat ohnehin ab einer gewissen Ebene (vitale Bedürfnisbefriedigung) einen ideologiegestützten kompensatorischen Charakter: reicht vom Bier in der Kneipe bis zu PS-starken Penisprothesen - im Grunde der Schnuller fürs unterbefriedigte Kleinkind in höherer Potenz. Man beachte: es gibt kaum Geselligkeit, die nicht mit Konsum verbunden wäre.
Das bekommen Diejenigen schmerzhaft zu spüren, die aus diesem Kreislauf - passive Ausbeutung durch Produktion vs aktive (Mit)ausbeutung durch Konsumtion ausgeschieden werden, spätestetens ab ALG II-Bedürftigkeit.
Auch die Aufgeklärteren unter den Ausgesetzten/>Freigestellten< packt früher oder später der große Katzenjammer oder das schlechte Gewissen: Entzugserscheinungen, verschärft durch den Gram verweigerter Teilhabe an dieser
>Konsum-Eucharistie< als unausbleibliche Folgen …

Anonym 26. November 2011 um 14:26  

Interessant übrigens in dem Kontext: Gewalt geht weltweit zurück...
www.perlentaucher.de/buch/37147.html
"Die Zahlen sind eindeutig. Mit Zahlen haben viele Menschen ihre Schwierigkeiten. Das hat auch mit der Arbeitsweise unseres Gehirns zu tun. Man muss das Rechnen lernen wie das Lesen. Aber viele Geisteswissenschaftler sind stolz darauf, mathematische Analphabeten zu sein."

Anonym 26. November 2011 um 15:42  

"Basel, 29. Juli
Warum dieser Hochmut gegen das Heilgebliebene? Warum auch nur der Hochmut gegen die Bewohner der heilgebliebenen Städte? Sind denn die Menschen drüben, die ehemaligen Bewohner der Ruinen, wirklich erfahrener durch das, was sie erfahren haben? Tiefer durch die Tiefe des Falls? Menschlicher?
Und gesetzt selbst, sie wären es, sie wüßten mehr von "Grenzsituation", sie hätten sich in diesen sogar bewährt - ist denn, wer vom Entsetzlichen weiß und in ihm sich bewährt , "besser dran", oder ist er gar ein besserer oder wünschenswerterer oder erfreulicherer Mensch als der, dem die Chance von Friede und Freundlichkeit treu geblieben war? Warum scheint uns die "Tiefe des Sturzes "höher" als der Stand der Nichtgestürzten? Sind tiefer Gefallene denn "tiefer"? [...] Ist Unglück ein Verdienst?
Oder ist diese düstere Überschätzung von Katastrophe, Krise und Grenzsituation, dieser Stolz auf den Sturz, diese Lust am Jammertal, dieser Hochmut gegen das Glück - ist das alles einfach Ressentiment?"

Günther Anders, "Ruinen heute" in "Die Schrift an der Wand Tagebücher 1946 bis 1966"

W.Buck 26. November 2011 um 19:52  

Ich kann dem Artikel im Wesentlichen zustimmen.
Die Idee, dass die Menschen sich im Elend einigen ist ebenso naiv wie der Gedanke der Markt könne aus dem Streben vieler kleiner Egoisten einen großen sozialen Erfolg machen.

Aber eines gebe ich zu bedenken: Menschen denen es dreckig geht sind sehr empfänglich dafür wenn ihnen Schuldige für ihre Misere präsentiert werden. Während der französischen Revolution waren die Sündenböcke die Adligen und der opulente königliche Hofstaat. Die Kapitalisten der Weimarer Republik haben daraus gelernt und A.H. protegiert. Der Mann mit der Rotzbremse sorgte dafür, dass als Schuldige nicht die Politiker, Finanzbonzen und Konzernlenker herhalten mussten sonder Juden, Kommunisten, Schwule, Sinti, Roma etc.
Die Situation ist heute zum Glück (noch) nicht so brenzlig aber auch wir können bereits verfolgen wer so alles zum Sündenbock gekürt wird: die Afroamerikaner, die Hausbesitzer werden wollten oder die ach so faulen Griechen. Die Ackermänner dieser Welt sind ja wohl die großzügigen Retter der Welt, die angeblich auf Gewinne verzichten ... es funktioniert halt immer noch!

Stephan 27. November 2011 um 17:56  

für mehr als die Hälfte der Leute, die ich kennelernen durfte, lohnt es sich nicht zu kämpfen, deren Hirn ist durch Dogmen une Propagnda aufgelöst, ein weiteres Drittel ist vollkommen fatalistisch und schert sich einen Dreck um alles, was um sie vor geht, Hauptsache das TV-programm paßt, ein weiterer Teil ist einfach nur dumm und kann das, was um sie vorgeht, mangels intellekt nicht verstehen, der rest treibt sich in foren rum, meckert, schimpft, meutert, hat schon blasen an den fingerkuppen, und ist schon wund am allerwertesten, aber aucf die strasse treibt es ihn (noch) nicht, zu kalt, zu naß, zu dunkel, tagsüber arbeiten, zu gefährlich......Empörung sieht anders aus! wir blogger sind vielleicht nicht so dumm oder fatalistisch, gelichwohl sind wir umso dogmatischer und vor allem feige! wir wissen es und machen nix draus, sondern warten+, dass andere unser wissen antizipieren und was draus machen....Hurra Deutschland, nach der Arbeit, Zwangsarbeit, nach der zwangsarbeit die substanzielle verwertung, und wer das nicht will kriegt die variante energetische verwertung in einer der modernsten anlage marke auschwitz, made in germany----hart? zynisch? ohnmächtig? wütend? ja, bestimmt, von allem etwas!

Anonym 28. November 2011 um 12:03  

Erst wenn es allen schlechter geht....
Naja, mir geht es ökonomisch überhaupt nicht schlecht und trotzdem widert mich so ziemlich alles an.
Wie kann ich mich gut fühlen, wenn ich auf der Strasse Bettler sehe? Wie kann ich mich gut fühlen, wenn ich von Strassenkindern weiss?
Wie kann ich mich gut fühlen, wenn die Pharmaindustrie in Afrika ihr Unwesen treibt?
Wie kann ich mich gut fühlen, wenn so viele Kinder in einem reichen Land in Armut leben?
Ich könnte es mir leicht machen und mir sagen: Geht mich alles nichts an und wie gerne wünsche ich mir manchmal diesen Charakter, der das kann.
So treibt man sich in Blogs herum und schreibt sich seinen Frust von der Seele, denn die Menschen in der Umgebung haben dafür wenig Verständnis..
Die braune Suppe wird irgendwann überkochen, so wie damals 1939, deshalb wird sie auch nicht verboten, sondern später gebraucht und die braune Suppe köchelte nach dem Krieg leise weiter, siehe Krupp, Flick, Quandt und wie die Menschenverachter alle hiessen und die Nachkommensbrut noch heisst.
Mir wirds immer gruseliger in Deutschland und ich denke oft daran, meine Koffer zu packen. Wenn ich nur wüsste, wohin?

widuwilt 28. November 2011 um 15:15  

Nun ja, im Grundsatz kann ich Roberto und den meisten Mitdiskutanten zustimmen. Freilich der Umkehrschluß, dass die Menschen umso revoluionärer seien, je besser es ihnen geht, ist auch Blödsinn. Wahrscheinlich ist es so, dass Menschen eigentlich nie revolutionär sein können oder wollen. Also belassen wir alles so wie es ist; es ist zwar nicht schön, aber was soll's? Irgendwie können wir schon alle damit leben.

Sehr schön übrigens, das Brecht-Zitat von Anonym vom 25.11, 8.08 Uhr. Allerdings sollte man Leute nur dann zitieren, wenn man weiß, wie sie geschrieben werden.

Anonym 28. November 2011 um 21:41  

Die Zeiten ändern sich, ich mich auch:

Keine Mitgliedschaft mehr in der Betriebskasse.

Einstand im neuen Job erst, wenn der befristete Vertrag entfristet ist.

Usw. Usw.

Es gibt Bedürftigere in unserem Land, die mit dem Jahresbeitrag einer Betriebskasse sich nicht mal eine Woche ernähren können.

Garfield 4. Juli 2013 um 00:17  

ich weiß nicht wie ich das jetzt lesbar ausdrücken soll -
aber so einfach ist das MMN nicht.

ich denke da gibt's 2 Faktoren, einmal das Gefälle - ein Armer in D kann wirtschaftlich besser dran sein als einer in Afrika, sozial aber sehr viel schlechter - weil er kein "Gleicher unter Gleichen" ist, sondern er für die andern (& nicht selten auch für sich selbst) einfach ein "Penner" ist.

Eigtl muß die Politk nur drauf achten, daß die Armut nicht schlagartig alle betrifft, sondern die Masse nur "schleichend" befällt - dann wird MMN keine "kritische Masse" draus, sondern nur eine Masse kaputter Menschen, die sich vor lauter eigenen Problemen gar nicht mehr den "Luxus" leisten können, sich mit Politik o.Ä. auseinanderzusetzen...

was die These "Armut schafft Barbaren" betrifft - da kommt es MMN v.A. auf "den Grad" des Elends an. Das KZ, wo alles ne Frage von Leben & Tod ist, ist ja schon ein krasses Beispiel...

*etwas* Armut - verbunden mit dem ersten Faktor, gleichmäßig verteilt - schafft aber nicht selten wirklich "menschlichere" Menschen.
Viele behaupten ja, z.B. in der DDR hätten sich die Leute nur aus Berechnung geholfen - ich hab nicht da gelebt, aber sicher gab's da nicht weniger Berechnung als in jeder andern Gesellschaft - MMN kommt aber dazu, daß die Leute selber wissen, wie es ist, nichts zu haben - sie können wirkliches Mitgefühl entwickeln & Arme werden nicht so einfach als "selbst schuld" abgeurteilt.

V.A. fühlen stehn die Armen dann nicht als Verlierer oder "Penner" da, und behalten ihr Selbstbewußtsein - und Selbstbewußtsein ist die Grundvoraussetzung, sich zur Wehr zu setzen.

Garfield 4. Juli 2013 um 00:39  

PS.

«Gleicht das nicht dem, was man so liest, wie das Leben unter Obdachlosen wütet?»

natürlich gibt's auch unter Obdachlosen - wie überall sonst - solche und solche...
v.A. sind die individuellen Gründe für Obdachlosigkeit sehr verschieden, neben wirtschaftl. Not gibt's welche die es wg psych. Problemen oder Alkoholismus/Drogensucht einfach nicht packen... und auch wenn man's kaum glauben sollte, daneben gibt's sogar welche, die mehr oder weniger "freiwillig" auf einen Platz im Asyl verzichten.

Sätze wie «Die bestehlen sich, die belauern sich.» sind aber ne Verallgemeinerung, die man so absolut nicht stehn lassen kann.

und spätestens beim Satz «Das kann man ihnen nicht mal ankreiden» bin ich absolut nicht deiner Meinung...

es macht solche Taten vllt *verständlicher* - eine Entschuldigung ist sowas aber auf gar keinen Fall.

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