Im Schlaraffia arbeitender Leute

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Das Schlaraffenland ist ein Ort, an dem nicht gearbeitet wird. Ohne Mühsal regnet es Hähnchenkeulen in Münder, quellt Wein aus Felsspalten - wahlweise kann sich jeder ausmalen, was es regnen, was es quellen soll. Für die Zeitung, deren Namen heute hier mal ungenannt bleiben soll, ist das Schlaraffenland allerdings ein Platz, an dem es Arbeit gibt - viel Arbeit sogar.

An und für sich ein seltsames Schlaraffia. Diese angewandte Metapher, die skizzieren möchte, dass es Arbeitsverhältnisse regnet und dass Jobs quellen, ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was das gute alte Märchen, dieser ewige Menschheitstraum vom Schlaraffenland, eigentlich zum Ausdruck bringen will. Nun gut, die Zeitung, die heute namenlos bleibt, ist für schmalspurige Vergleiche berühmt. Dass sie nun aber paradiesische Zustände ausruft, das ist man selbst von ihr nicht gewohnt. Einen gewissen Stil der Stillosigkeit pflegte man alleweil, ein Mindestmaß Geschmack von Geschmacklosigkeit hielt man stets empor. Auch das scheint nun abgelegt!

Gründe nennt man trotz aller Schwärmerei dennoch. Keine gehaltvollen, aber doch etwas, das sich nach Gründen liest. Da sind beispielsweise die Hartz-Reformen, die Menschen in Arbeit gebracht hätten, damit am Schlaraffia teilhaben lassen. Das ist nicht mal eine Behauptung: wird das doch von Studien widerlegt - Lüge trifft es eher, oder konjugierte Realität, wenn man freundlicher sein mag. Die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften, die man außerdem noch aufzählt, hat auch etwas bewirkt. Alles bewirkt schließlich irgendwas. Sie hat die Nachfrage im Inland abgewürgt, wissen Ökonomen. Woher Geld für den Konsum nehmen, wenn nicht von der Arbeit, die man täglich tut?

Hartz IV hat aber tatsächlich etwas erblühen lassen. Die Zeitung, sie sagt das, auch wenn sie es nicht sagt. Sie findet es grandios, dass es so viele Erwerbstätige gibt wie nie zuvor. 41 Millionen Menschen sind erwerbstätig - sozialversicherungspflichtig tätig sind davon jedoch nur 28 Millionen. Das ist der Trend, den Hartz IV bewirkt hat - es hat die Arbeits- und Lebenshaltungskosten sozialisiert. Arbeitnehmer (und Erwerbslose) werden in Mini-Beschäftigungen abgedrängt und die Differenz, die dann noch nötig ist, um einen Menschen am Leben zu erhalten, die soll sich der Beschäftigte beim Job-Center abholen. Das ist kein Grund zur Freude, das ist ein Skandal und legt offen, dass die blumige Harmonie eine ausgemachte Kampagne für die Regierung ist.

Und dann sind da noch die offenen Arbeitsstellen, die man feiert. Keine Million sind das. Fast aber drei Millionen Arbeitslose. Wenn jeder Dritte eine rechnerische Chance auf einen Arbeitsplatz hat, dann nennt man das Schlaraffenland - und dass unzählige der offenen Stellen auf Mini-Niveau rangieren, läßt sich natürlich bedenkenlos denken. An diesen Gründen zur Freude zu rütteln, das heißt Pessimismus verstrahlen, schädlich zu sein für das Klima.

Selbstverständlich, auch das ist nichts, was es nicht schon gab in dieser Zeitung. Punktgenau zur Feierlichkeit Kampagnenjournalismus auf niedersten Niveau anbieten. Denn paradiesische Zustände rief sie gerade jetzt aus, da dieses reiche Land seine Einheit feiert, den Eintritt des Ostteils in den Westteil, den man hier euphemistisch Wiedervereinigung nennt. Passend zum Fest, ein Hosianna auf das Aufwärts, auf das Vorwärts - rückwärts nimmer, vorwärts immer. Das erinnert ganz eklatant an jenes Jahr, als ein deutscher Staat seinen vierzigsten Geburtstag, das Glück und die Harmonie im Lande feierte. Die Menschen, denen die Propaganda nachsagte, sie seien glücklich, warfen ihren harmonischen Staat aber aus dem Sattel. Unglückliche Regierungen benötigen glückliche Menschen - das ermächtigt zum Weiterso. Wo Glück ist, schreibt man wenig darüber. Und wo kein Glück ist, da muß man darüber schreiben. Damals in der DDR.

Und in der, so kann man fast annehmen, gab es zwar Propaganda, aber so stillos, so dumm und wenig phantasievoll, wie es die ungenannte Zeitung tat, hat man die Leute sicherlich nicht verarscht. Heißt, vielleicht waren die Ostdeutschen doch nicht so blöd, wie man das zuweilen im Westen annahm - man musste sie schon gehaltvoller für blöd verkaufen, nicht so dumpf, nicht mit Schlaraffia-Schwärmereien und dem Beschwören des Paradieses auf Erden. Damals war Propagandist noch ein schweißtreibender Beruf...



17 Kommentare:

christophe 5. Oktober 2011 um 08:22  

Irgendwie erinnert das alles an die untergegangene DDR. Auch dort wurde offiziell ständig alles besser, der Fortschritt bekam Siebenmeilenstiefel und Unzufriedenheit war pure Nörgelei. Auch heute weicht die offizielle Darstellung von den persönlichen Empfindungen der Menschen immer weiter ab frei nach dem Motto: Um so schlimmer für die Wirklichkeit, wenn sie sich nicht an die Verlautbarungen der Regierenden hält...

Anonym 5. Oktober 2011 um 09:26  

Toller Artikel !

Zur Zeitung, deren Namen ungenannt bleiben soll, fällt mir nur noch ein Zitat von Max Liebermann ein:

"Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen möchte."

Hartmut

Anonym 5. Oktober 2011 um 09:29  

Zu: "Damals war Propagandist noch ein schweißtreibender Beruf... "

Im politischen System des Realsozialismus existierte eben der reale Anspruch, das Wahre, Schöne und Gute zu produzieren, soweit das unter den gegebenen Bedingungen eben möglich war. Und an diesem Anspruch konnte die Realität tatsächlich gemessen werden, etwa von Rudolf Bahro: "Diese Konfrontation mit den tatsächlichen Verhältnissen in den Betrieben brachte ihn bald zu der Überzeugung, dass die DDR-Wirtschaft sich in einer ernsten Krise befinde und dass der Hauptgrund dafür darin liege, dass die Arbeiter in den Betrieben praktisch nichts zu sagen hätten."

Im freien Westen existiert dieser Anspruch nur symbolistisch: Tatsächlich popularisiert der genannte Schlaraffenland-Artikel zwar die politisch verbindliche empirisch-wissenschaftliche Wahrheit, dafür bürgt schliesslich "Arbeitsmarkt-Experte Prof. Rudolf Hickel (Uni Bremen)". Und diese Wahrheit wird auch politisch durchgesetzt: Wer sich - wie damals Bahro - an wissenschaftlichen Institutionen als Renegat erweist, wird einfach ausgeschlossen. Keine Anstellungsmöglichkeiten, keine Publikationsmöglichkeiten, soziale Isolation - "gescheiterte Existenz" erzählen dann die Verbliebenen vom Verschwundenen.

Und weil insgeheim alle wissen, dass alle lügen, sind Flaschenpost-Publikationen wie damals Bahros Buch "Die Alternative" oder heutzutage linke Blogs auch keine Bedrohung für die herrschende Ideologie, denn diese hat gar nicht den Anspruch, Ideologie zu sein, hat gar nicht den Anspruch auf Kohärenz oder gar Empirie. Der einzige Anspruch, für den der Prof. Arbeitsmarkt-Experte hier steht, ist die Tradierung der grossen Erzählung vom Glück, "sicherlich nicht [für] alle" (im Schlusssatz), aber sicherlich für alle, die an dieser grossen Erzählung partizipieren. Aus genannten Gründen geht das für die Wissens-Elite problemlos zusammen mit der Rede vom "Ende der grossen Erzählungen" (Lyotard).

ericool 5. Oktober 2011 um 09:51  

Dem Schreiber dieser "märchenhaften" Zeilen im ungenannten Blatt möchte ich dasselbe - nach einer inzwischen 6-jährigen Odysee durch die schöne neue Arbeitswelt und auch im Namen meiner LeidensgenossInnen - in den eigenen Rachen stopfen.

Aber ja doch, ein Schlaraffia... für Arbeitgeber! Wer, wie ich, mit über 50 mal (wg. Betriebsschließung z. B.) aus einem einigermaßen anständigen Arbeitsverhältnis herausfällt, ist nur noch Freiwild für Billiglohnanbieter und Zeitsklavenfirmen. Ein Sachbearbeiter der Arbeitsagentur hat es mir mal unverblümt gesagt, daß ich trotz meiner Qualifikationen nur noch "Fressen für Call Center" bin.

Ich wohne Luftlinie keine zwei Kilometer vom Springer-Hochhaus entfernt, das zuständige JobCenter für meinen Bezirk liegt Quasi in dessen Schatten. Ich habe mich manchmal schon gefragt, ob die sog. "Journalisten" dieses buntfaschistoiden Propagandablattes morgens hämisch von ihren Bürofenstern aus auf die Traube Menschen herabgrinst, die sich dort unten vorm Eingang drängelt.

Anonym 5. Oktober 2011 um 11:14  

Im angeblichen "Schlaraffia arbeitender Leute" haben sich in Wahrheit alle jene ein wahres Schlaraffenland geschaffen, die jene arbeitenden Leute für sich arbeiten lassen, ausnutzen, ausbeuten, und zum letztlichen Lohne, wenn nicht mehr gebraucht, ungestraft verhöhnen, diffamieren, ausgrenzen können.
Aber, es ist kein böser böser "Neoliberalismus", keine "falsche Politik" etc... es ist ganz gewöhnlicher Kapitalismus, so wie er im Grunde immer war, ist und bleibt bis zu seiner....?

MfG Bakunin

Anonym 5. Oktober 2011 um 11:35  

Noch ein kleiner Nachtrag zu meinem vorherigen Beitag zu den allseits beliebten, aber leider völlig falschen DDR-Vergleichen im Zusammenhang mit der heutigen reinen Wohlfühl-Propaganda beinahe GOebbel'schen Ausmaßes:

In der DDR war der ANSPRUCH, dass es tatsächlich ALLEN immer besser gehen sollte, KEINE von Anfang an vorsätzliche Lüge wie im Kapitalismus. Sozialistische Wirtschafts-und Sozialpolitik sollten diesen Anspruch gesellschaftliche Geltung verschaffen.
Da sich diese Ansprüche aus vielerlei Gründen, ökonomische, außenpolitische u.s.w. aber nicht im vollen Umfange verwirklichen ließen, musste die Propaganda ran, um das Bild ein aufzuhellen, Mißerfolge wegretouschieren...
Dennoch: Der urprüngliche Anspruch war ernst und ehrlich gemeint!
Ganz anders im Kapitalismus.
Dort existiert dieser Anspruch von vornherein als Lüge, weil dieser von vornherein völlig UNTERSCHIEDLICHE ökonomische, gesellschaftliche Interessen verschleiern soll, insbesondere die von niemanden auch nur ernstlich in Frage gestellte Ausbeutung der Besitzlosen, der Lohnabhängigen durch die Besitzenden und "Arbeitgeber", womit allein schon dadurch für die Masse geklärt ist, wie sich Armut und Reichtum in dieser Gesellschaft tatsächlich verteilen.

Propaganda und Propaganda können durchaus auch mal zwei paar Schuh' sein..., der Form gleich, dem Inhalt jedoch verschieden.....

MfG Bakunin

Anonym 5. Oktober 2011 um 12:26  

Ich bin jetzt fast 54 Jahre alt und bin in der damaligen DDR aufgewachsen und für Freiheit und demokratische Verhältnisse mit auf die Straße gegangen, aber inzwischen habe ich von dieser "Freiheit" die Nase voll und fühle mich noch mehr betrogen!

Anonym 5. Oktober 2011 um 12:27  

Wir nähern uns der Poente dieser Scharade...ich denke die *Piep* - Zeitung schaufelt sich ihr eigenes Grab...man stelle sich mal vor, wer dieses Käseblatt so anteilig liest. Diese Leute sind eher NICHT die Gutverdiener und Unternehmer dieses Landes, sondern die, die genau wissen wie weit "unten" in der Gesellschaft sie leben... Diesen Leuten immer wieder mit solchen Ramsch-Geschichten ins Gesicht zu spucken, muss über kurz oder lang, auch bei der blödesten Atze eine Abwehrreaktion hervorrufen...
Oh Mann, wie ich mich auf darauf freue...

Revolutionäre Grüße

Anonym 5. Oktober 2011 um 13:16  

Anonym Anonym hat gesagt...

" Wir nähern uns der Poente dieser Scharade...ich denke die *Piep* - Zeitung schaufelt sich ihr eigenes Grab..."

Dass gesellschaftliche, politische Bewusstsein der überwätigenden Masse des in- und ausländischen BRD-Proletariats ist so unendlich tief, dass für unserer pseudo-proletarisches "LeitMedium" aus dem Hause Springer keinerlei Anlaß zur Sorge darüber besteht, alsbald verschmäht zu werden.

Für die Herrschenden, die Besitzenden ist in diesem Lande alles im "grünen Bereich" - sogar ohne Regierungsbeteiligung der "Grünen"!

Unrevolutionäre Grüße von
Bakunin

Detlef 5. Oktober 2011 um 14:19  

Wenn hier jemand ein Problem mit der heruntergezogenen Mauer hat, kann sie von mir aus stante pede wieder hochgezogen werden.
Ein Volksbegehren würde sicher sofort die nötige Mindeststimmenzahl zusammenbringen, dass dieses Thema verhandelt werden muss.
Worauf wartet man noch?

Roberto J. De Lapuente 5. Oktober 2011 um 14:39  

Kein Mensch hat das hier gesagt. Und keiner will das. Was soll also der unqualifizierte Unsinn? Aber das kennt man ja: wenn jemand soziale Kritik übt, dann kann er ja "nach drüben" gehen...

Anonym 5. Oktober 2011 um 17:07  

Verschiedentlich wird hier gesagt, die aktuelle Schönfärberei und die Schulterklopperei erinnerten an die DDR. Das sind Leute, denen Jacke wie Hose ist. Bakunin hat es geschrieben: Ja, die DDR hatte tatsächlich den ernstgemeinten Anspruch, dass der Mensch im Mittelpunkt all ihrer Bestrebungen steht. Hat nicht immer geklappt, aus inneren und äußeren Schwierigkeiten heraus, vergessen wir es auch nicht, dass da eine fremde Welt war, die nichts sehnlicher wünschte, als dass der Sozialismus zugrunde geht. Das hingegen, was heute geschieht, hat doch überhaupt nichts mit menschlichen Bestrebungen zu tun, alles schreit nur Profit, Profit!
Und wenn im Westen dauernd von Freiheit und Demokratie gelabert wird, dann kann ich nur sagen: Nie war ich so unfrei wie heute.

Anonym 5. Oktober 2011 um 17:34  

Anonym Anonym hat gesagt...

"Verschiedentlich wird hier gesagt, die aktuelle Schönfärberei und die Schulterklopperei erinnerten an die DDR. Das sind Leute, denen Jacke wie Hose ist."

Herr/Frau Anonym, so ist es!

Aber HEUTE kaum noch vermittelbar...
MfG Bakunin

Anonym 5. Oktober 2011 um 21:35  

"[...]Und wenn im Westen dauernd von Freiheit und Demokratie gelabert wird, dann kann ich nur sagen: Nie war ich so unfrei wie heute[...]"

Vortrefflich ausgedrückt, und genau diese Art von "Freiheit" und "Demokratie" exportieren wir - via EU-Rettungsschirm und Waffenexporten - auch in andere in- und außereuropäische Länder:

Das ist der Unterschied zur DDR.

Es heißt wieder, wenn auch diesmal nicht militärisch "Am dt. Wesen soll die Welt genesen".

Oder HartzIV, Minijobs, keine Mindestlöhne, Niedrigstlöhne für alle....es lebe der Export!

Gruß
Bernie

Ort-zu-Ort-Omnibus 10. Oktober 2011 um 17:24  

Stefan Heym schrieb mal sinngemäß, der Fehler des DDR-Journalismus liege darin, kleine Lügen (damit waren die vom Leser überprüfbaren täglichen Ereignisse wie Warenangebot gemeint) zu schreiben und damit auch die große Wahrheit unglaubwürdig zu machen. Im Westen bringe man dagegen kleine Wahrheiten, damit alle die große Lüge glauben...

Anonym 12. Oktober 2011 um 12:43  

In den nächsten Jahren wird sich garantiert nichts ändern, wette ich, selbst wenn noch so viele Blogs unablässig Sturm laufen, fürchte ich:

"... muss Deutschland nach Ansicht von Ökonomen keinen Konjunkturcrash befürchten. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen nicht mit einer Rezession, berichtet das 'Handelsblatt'. Zum Jahresende soll das Bruttoinlandsprodukt zwar schrumpfen, doch danach sind die Aussichten gar nicht so schlecht."
spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791384,00.html

Anonym 12. Oktober 2011 um 19:31  

"[...]spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791384,00.html[...]"

Deinen Optimismus, und Bloggerhass in allen (Un-)ehren. Wieso zitierst du den "Stürmer" der Neoliberalen in Deutschland? Seit wann haben "Bild", und "Bild für Besserverdiener (=SPIEGEL) eigentlich die Zukunftsdeutung für sich gepachtet?

Frägt sich
Bernie

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