Die Erfindung des Wetters

Donnerstag, 3. Februar 2011

Das Wetter ist eine sinnreiche Erfindung. Einerseits dient es dazu, nichtssagenden Plausch auszufüllen - andererseits läßt es sich trefflich als Ausrede oder Ausflucht benutzen. Man kann demnach mit Zeitgenossen, mit denen man sonst nichts zu quatschen hat, über den anhaltenden Regen oder den ausbleibenden Sonnenschein klagen, unterlegt mit so tiefgreifenden und seherischen Erkenntnissen wie: "Es wird sicherlich bald wieder besser werden!" Oder man benutzt das Wetter dazu, um irgendwelche unliebsamen Entwicklungen zu rechtfertigen - so wie die Publicity-Abteilung des Oktoberfestes, die alljährlich wetterbereinigt bekanntmacht, dass nur deshalb weniger Hektoliter Bieres an durstige Rachen verkauft wurden, weil anhaltender Regen Gäste vergrault, oder wahlweise, weil brennender Sonnenschein Gäste an Badeseen und nicht in Bierzelte getrieben habe.

Das Wetter ist zuweilen wechselhaft; das Wetter als Gesprächsstoff ist gleichfalls wechselhaft - nur nicht zuweilen, sondern immer! Zurückgehender Ausschank oder ausbleibende Gäste bei Veranstaltungen können gleichwohl mit Regen oder Sonne, Kälte oder Hitze gerechtfertigt werden - es ist genauso glaubhaft, ein beispielsweise spärlich besuchtes Konzert mit Wolkenbrüchen und fehlenden Unterstellmöglichkeiten zu erklären, oder es der flirrenden Hitze mitsamt mangelnden Schattenplätzchen zu überschreiben. Bei politischen Urnengängen funktioniert das Wetter ebenfalls wahllos (eine Wahllosigkeit, die Wetter gleich Wahlberechtigte befällt): entweder bleiben Wähler weg, weil sie den Regenschirm nicht aufspannen wollten, auf ihrem Weg zum Wahllokal - oder sie machen ihr Kreuzchen nicht, weil sie den warmen Tag lieber am Badesee verbringen mochten. Alles ist möglich, alles denkbar; das Wetter als Gesprächsgegenstand ist eine dankbare Erfindung! Es ist schwammig, nie konkret, so oder so auslegbar - es läßt sich nicht festnageln, nicht fixieren. Sonne oder Regen oder Regen oder Sonne: beides ist als Erklärungsversuch gleichermaßen einsehbar, gleichermaßen gleichberechtigt...

Die aktuellen Arbeitslosenzahlen sind stark angestiegen. Schuld seien die sogenannten Außenberufe, die bei Frost und Schnee nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können. Außenberufe, die von Frost und Schnee leben, Räumdienste etwa, kommen da scheinbar gar nicht in statistische Betracht. Wäre die Arbeitslosenzahl gesunken, dann hätte die Bundesagentur für Arbeit sich auch nicht entblödet, die Erfolgsgeschichte dem Frost und dem Schnee zuzuschreiben. Dem verstärkten Schneefall wäre es dann zu verdanken, dass die Arbeitslosenzahlen gefallen sind - dem und der Regierung natürlich, die alles richtig gemacht habe, die an den Reformen festhielt und nun die Früchte für diese Sturheit einfährt. Wären die Arbeitslosenzahlen in einem milden Winter angestiegen, hätte man den ausbleibenden Frost und Schnee mitverantwortlich gemacht...

Das Wetter als Erklärungs- und Deutungsmodus ist eine schlagkräftige Erfindung - man kann sich Wetterlagen und Kausalzusammenhänge erfinden, die es so nur spärlich gibt. Steigt die Arbeitslosigkeit im heißen Sommer an, dann ist die Hitze verantwortlich; sinkt sie, so liegt es an der Hitze und der Regierung - steigt die Arbeitslosenquote in einem verregneten Sommer, so schiebt man es auf den Regen - sinkt sie zu jenem Zeitpunkt, muß es wohl am Regen und an der Regierung und ihren Reformen liegen. Kein wetterwendischer Erklärungsversuch ist unzulässig, jeder kann Gültigkeit erlangen und als vernünftige Erklärung einsehbar sein - die Erfindung des Wetters ist, dass der banalste Grund auf Erden als Erklärungsmuster für komplexere Vorgänge dienen kann; ist, dass es als Sündenbock herhalten darf, der nicht gescholten werden kann. Steigen Arbeitslosenzahlen oder sinkt die Anzahl verkaufter Maßkrüge oder die Quote zur Wahl eilender Wähler, so liegt es immer am Wetter - ganz egal, wie es sich dann auch zeigt; sinken Arbeitslosenzahlen, steigt der Bierkonsum oder Wahlquoten, so sind immer besonders gerne und leidenschaftlich Menschen dafür verantwortlich...



8 Kommentare:

pillo 3. Februar 2011 um 11:06  

Das Dumme ist nur, daß der Januar (mal abgesehen von der ersten Woche) gar nicht so frost- und schneereich war, wie man uns nun einreden will. Dank moderner Technik kann man heute selbst auf dem Bau, also einer der besonders wetterabhängigen Branchen, noch bei leichten Minusgraden arbeiten.

Das die Wirtschaftsbonzen und ihre Helfer aus Politik und "Wissenschaft" uns versuchen zu verarschen und jegliche Schuld weit von sich weisen, ist das Eine. Aber, das die so genannte Vierte Macht im Staate dies unkommentiert verbreitet, ist der eigentliche Skandal. Propaganda, Vernebelung und Verblödung wohin man sieht und hört - zum Kotzen!

Anonym 3. Februar 2011 um 14:09  

Grins!

@ pillo:

Hm!

Ich stelle in unserer Stadt immer wieder fest, dass der Baubeginn von Häusern sehr oft im Spätherbst und Winter stattfindet.
Auch regulär geplante Baustellen, z. B. auf/ unter Straßen, werden bei uns vorzugsweise im Winter vorgenommen.

Anton Chigurh 3. Februar 2011 um 16:35  

Die Verblödung fängt doch viel eher an...
Sie beginnt bereits dort, wo Menschen die zusammengelogenen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit zu glauben beginnen.
Unabhängige Quellen sprechen nach wie vor von 6-7 Millionen Arbeitslosen. Die von der Propaganda verbreiteten Zahlen sind doch ein Witz in Tüten.
Sich insofern über die "Wetterkapriolen" der Regierungsheralde zu echauffieren ist ziemlich weit am Problem vorbeigesegelt...

Daniel Limberger 3. Februar 2011 um 18:55  
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Daniel Limberger 3. Februar 2011 um 18:55  
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Daniel Limberger 3. Februar 2011 um 18:55  
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Totschka 3. Februar 2011 um 18:55  

@Anton Chigurh,

beides, also die von Dir angesprochene Kosmetik der Arbeitslosenzahlen als auch die Wetterkapriolen, sind doch nur zwei von vielen verschiedenen Darreichungsformen des Bildes der Mächtigen von "ihrem" Volk: Sie halten uns einfach für blöde, träge und manipulierbar.
Die geistig-moralische Wende, von Kohl damals gesät, fährt jetzt die Ernte ein. Der Geist unterirdisch, und die Moral vom Winde verweht...

Trojanerin 3. Februar 2011 um 20:03  

Nachts ist es weiterhin dunkel.

Selbst die scheinbar banalsten Dinge wie das Wetter werden unter ökonomischen Gesichtspunkten gesehen. Das Wetter verdient nur thematisiert zu werden, als es Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat. Die Zunahme extremer Wetterlagen als Ausdruck des Klimawandels kümmert uns nicht wirklich, denn die Auswirkungen wie Flutkatastrophen, Hitze- und Dürreperioden haben vor allem die Menschen in Afrika und Asien zu tragen.

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