Den Müßiggang endlösen

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Nicht so zimperlich, so verweichlicht sollte unsere Gesellschaft mit notorischen Arbeitsverweigerern umgehen, gaben Sie, gestrenger Seehofer, nun zu Protokoll. Notorische Müßiggänger, das sind für Sie Hartz IV-Bezieher. Wer von denen ein Arbeitsplatzangebot auschlägt, der soll gekürzte Sozialleistungen erhalten, sogar komplett kahl ausgehen. Herr Seehofer, falls es Ihnen entgangen ist: so ist es heute schon - das Ihnen vorschwebende System existiert bereits! Freilich, Sie hätten es gerne noch drastischer, noch despotischer - oder wie Sie zu sagen pflegen: da sei "noch nicht die letzte Tapferkeit entwickelt".

Schade eigentlich, dass diese... dass Ihre Tapferkeit im Sturm Ihrer anderen Äußerungen, zu Arabern und Türken nämlich, untergeht. Aber das Maulheldentum gegen Arbeitslose ist schon so zum Standard geworden, man rückt es nicht mal mehr in Szene, solange man noch Stoff zum fröhlichen Türkendreschen, diesem letzten Schrei innenpolitischer Übertünchungs- und Ablenkungsvulgata, hat. Man setzt Prioritäten, weswegen diese... Ihre Tapferkeitssentenz im Äther versumpft ist. Eine Tapferkeit, die es doch wert wäre, nochmals begutachtet zu werden. In Deutschland, so behaupten Sie, habe sich diese letzte Tapferkeit noch nicht entwickelt. Dabei liegt das Hauptaugenmerk nicht auf der "Tapferkeit"; eine seltsame, prätentiöse Tapferkeit gegen jene, die am untersten Ende der Gesellschaft lungern, die arm und aussortiert sind, die sich oftmals gar nicht mehr selbst zu helfen wissen, weil man sie täglich mit einer gehörigen Dosis Verachtung impft. Allen Mut zusammengefasst, um ihn gegen Schutzbedürftige zu wenden - Tapferkeit gegen Wehrlose: so hat man in manchem Krieg schon Heldenorden verdient!

Doch, wie erwähnt: das ist nicht das Hauptaugenmerk. Dass Sie von der letzten Tapferkeit sprechen, das macht doch betroffen. Was schwebt Ihnen denn vor? Eine Endlösung der Arbeitslosenfrage? Noch einmal, ein allerletztesmal tapfer sein gegen Hilfebedürftige, damit diese zum letztenmal gestört, Kosten verursacht haben? Dieser letzte Mut, er klingt nach Endgültigkeit, nach Ende, nach äußersten Maßnahmen, die ergriffen werden sollen; nach finalem Schritt - oder sogar Schnitt? Einmal noch Mut gegen Ohnmächtige aufwenden, dann sind die Fronten klar, dann gibt es keine falsche Zimperlichkeit mehr, dann ist alles endgelöst. Eine letzte Tapferkeit gegen Erwerbslose, damit diese auch mal ohne Bezüge bleiben, hungern müssen, ihr Dach über den Kopf verlieren, erkranken - wirklich, Herr Seehofer, Sie sind ein mutiger, gar tapferer Recke!

Den Müßiggang endlösen! Keine falsche Humanitätsduselei, letzte Tapferkeit aufwenden - oh, wie sehr das alles nach Krieg klingt, nach geschundener Erbauungsrhetorik, diesen finalen Schritt doch endlich zu vollziehen. Gesellschaft, entfessle die letzte Tapferkeit! Erkläre dich bereit, den Erwerbslosen den totalen Krieg zu erklären - nur noch ein bisschen Tapferkeit, nur noch etwas Mut: dann kann auch wieder gehungert werden, dann raubt man dieser Gruppe von Menschen Sicherheit, tut ihnen eine weitere Sorge auf. Das existenzielle Halseisen auszupacken, Herr Seehofer, das mag für Sie Mut und Tapferkeit sein: man könnte es aber auch als Sadismus bezeichnen, als weiteres Absinken der Hemmschwelle, als Runterschrauben restethischer Messlatten - so hört es sich im Krieg an, wenn man gefühlsduseligen Soldaten nahelegt, eine letzte Tapferkeit zu entwickeln, um dann mal in eine Menschenmenge zu feuern.

Während Arbeitslose immer mehr in die Enge getrieben werden, fahren Sie mit Kriegs- und Heldenrhetorik auf! Ausgerechnet Sie, ausgerechnet der Seehofer, dem man nach seiner schweren Krankheit stets nachsagte, er wäre durch Läuterung zum sozialen Gewissen mutiert - bei Ihnen gilt: sozial ist, was Tapferkeitsmedaillen schafft! In den zuständigen Behörden sitzen sicherlich viele Helden, die sich tapfer und soldatisch dem Feind stellen - Helden der Arbeit, Helden der Gesellschaft, die nicht allzu gefühlsbetont Hunger, Obdachlosigkeit und Krankheit verordneten, wenn man ihnen nur die gesetzliche Grundlage hierfür lieferte. Sie, Herr Seehofer, sind einer der vielen emsigen Vorreiter dieser neuen Art von Endlösung!



30 Kommentare:

Margareth 13. Oktober 2010 um 07:32  

Sie, Herr Seehofer, sind einer der vielen emsigen Vorreiter dieser neuen Art von Endlösung!

Zum NachDenken zitiere ich passend dazu aus Robertos Buch Unzugehörig Seite 63

"Erhobenen Hauptes":


woran man sei wird man gefragt: kopflos sei man, gibt man zurück, müsse sein Haupt umhertragen wie eine speckige Aktentasche, hört man sich wie unterm Galgen spotten.......

(..)Man flüchtet stolpernd vom Hort der vielen Kämmerchen, wird noch auf dem Heimweg aufgegabelt, festgehalten, fixiert, um den losen Kopf erleichert, der im Kofferraum des grünen Taxis landet, wird verhört, ausgequetscht, nach Motiven durchleuchtet. Man weiht die Grünjacken in die hohe Schule der Rationalisierung ein, macht schrittweise klar, dass jede halbwegs gesunde Körperzelle noch Arbeit leisten kann, verschwindet mitsamt Kopf in einer dunklen Zelle.

Die Zellenwärter treten vor die Kamera, legen dar, dass wieder einmal einer den Kopf verloren hat, in seinem Wahn lynchte, kopflos flüchtete, in Gewahrsam zusammenhanglose Geschichten feilbot. Man wird erklären, dass jener nur einer von vielen sei, einer von vielen Kopflosen, einer von vielen bald kopflos Gewordenen, die sich anders als durch unkalkulierten Wahn nicht mehr zu helfen wissen.


Man wird nicht berichten, dass der kopflose Wahn am anderen Ufer der Schreibtische seinen Anfang nahm, dass das Kopflose in den fest verankerten Köpfen seinen Beginn erlebte.

Kurt 13. Oktober 2010 um 09:18  

Nun ja, es ist ja nicht nur Seehofer allein, die Zahl der Hartz-IV-Draufprügler ist Legion. Er hat doch nichts anderes gemacht, als was in diesem Lande Staatsräson ist. Auch der stramme Türkenfresser Sarrazin hat auf die "Unterschicht" eingeprügelt, nur dass es wenige bemerkt haben.
Das ist nicht nur dumm, das ist Methode, selbst wenn diese dumm ist. Auf diese Weise könnte der Kapitalismus sich höchstpersönlich in die Lage versetzen, sich selbst abzuschaffen. Weshalb Hundt und Co. schon besorgt ums deutsche Image sind, Brüderle schon was von Erhöhung der Arbeitseinkommen faselte. Aber das wusste schon Bismarck, so neu ist das alles nicht. Seehofer hat hier nur den momentan nützlichen Idioten gespielt. Was natürlich nicht heißt, dass das Bayerische Landesgericht ihn nun zu Hartz IV verurteilen würde.

Anonym 13. Oktober 2010 um 09:30  

A.

Wie ich irgendwo schon mal erwähnt hatte: Wenn es die Konzentrationslager nicht gegeben hätte, wäre jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen!
Menschenverachtung , Ungerechtigkeit, ist nicht nur eine Eigenschaft der Faschisten sondern eben auch der Demokraten. Es hängt alles enger zusammen als mir lieb ist.

Daniel Limberger 13. Oktober 2010 um 10:38  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
fletcher2 13. Oktober 2010 um 10:49  

Herr Seehofer, gehen Sie mit gutem Beispiel voran; beweisen Sie Tapferkeit und Mut, verzichten Sie auf Ihre gepanzerte Limousine und Ihre Bodygards, nutzen Sie mal U-Bahn und Bus, kaufen Sie bei ALDI und Penny ein.

Falls Sie das alles unbeschadet an Leib und Leben überstehen, setzen Sie sich in irgendeine ARGE und versuchen Sie, einem Müßiggänger einen guten Job zu vermitteln.

Ich setze mich derweil für einen wohlwollenden Nachruf in einer Zeitung Ihrer Wahl ein.

landbewohner 13. Oktober 2010 um 11:21  

es herrscht krieg im land und seehofer ist nur einer unter vielen, der da mal wieder eine breitseite auf den feind, die arbeitende bevölkerung bzw. seine schwächste stelle, die arbeitslosen, abfeuert.
und oder aber auch bei denen, die diesen krieg erklärt haben, schon lange vor hartz 4, wird die angst grösser wie man an härteren strafen für bagatelldelikte, brutalere und häufigere polizeieinsätze und immer schärfen entgleisungen bei wortwahl und äusserungen sieht.
und diese angst der "eliten" ist auch etwas, was einen hoffnungsschimmer aufflackern lässt.

Your Ugly Mom 13. Oktober 2010 um 12:27  

Lieber Roberto,

ich widerspreche ungern, aber bei diesem Satz habe ich gedacht, nein das stimmt nicht...
"Schade eigentlich, dass diese... dass Ihre Tapferkeit im Sturm Ihrer anderen Äußerungen, zu Arabern und Türken nämlich, untergeht."
Dieses war nicht der Fall bei mir. Ich habe an der Stelle bei den Aussagen von Seehofer den Kopf geschüttelt und bin beim Lesen immer wieder dahin zurückgekehrt...gedanklich...Ich fande die Stelle mit Abstand am bermerkenswertesten in den Aussagen und stelle mit Freude fest, dass Dir das scheinbar genausoging :)
Danke für den schönen Artikel !!!


Gruß
YUM

Roberto J. De Lapuente 13. Oktober 2010 um 12:35  

@ YUM

Ja Dir! Dir ist seine Äußerung nicht aus dem Sinn geraten! Nur die Medien, die schweigen stille... Hetze gegen Arbeitslose ist Normalität; Hetze gegen Moslems ist trendy... ich weiß nicht, was besser ist.

Anonym 13. Oktober 2010 um 12:53  

Seehofer wäre übrigens beinahe Präsident des VdK geworden ;o)

Ich verstehe wirklich nicht, was einen Menschen antreibt, sich derart seelisch zu prostituieren. Wenn es politisch opportun wäre, Mindestlöhne in Höhe von € 25,00 zu fordern, dann könnten wir es morgen von Herrn Seehofer hören. Wenn es politisch opportun wäre, die "Endlösung der Arbeitslosenfrage" zu fordern, dann wäre Seehofer auch wieder ganz vorne mit dabei.

Ich verstehe solche Menschen nicht. Was nützt einem das ganze Geld, wenn man dafür eine opportunistische Drecksau sein muß und jeden Tag morgens beim Blick in den Spiegel das große Kotzen bekommt? Wieso versucht man mit Geld und Macht unzureichend die großen seelischen Löcher stopfen, die nicht da wären, wenn man nicht ein solch ekelhafter Schmierlappen wäre?

Seehofer ist doch nur ein ganz kleiner Wicht, der keine Eier und vor allem kein Selbstwertgefühl hat. Einfach widerwärtig und kotzhaft!

PS: Was ist der Unterschied zwischen einer Nutte und einem Berufspolitiker der CDUCSUFDPGRÜNENSPD-Blockparteien?

Die Nutte verkauft nur ihren Körper.

Trojanerin 13. Oktober 2010 um 14:56  

Dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen.
Ich selbst bin aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage zu arbeiten. Mein ganzes sozialrechtliches Wissen muss ich aufwenden, um die Auseinandersetzungen mit verschiedenen Sozialleistungsträgern zu führen.
Wenn ich die Hetzeverfolge, die in den Medien gegen Arbeitslose und andere benachteiligte Gruppen vorgenommen wird, bekomme ich große Wut aber auch Angst. 1993 war ich lebensbedrohlich erkrankt. Es wurde alles menschenmögliche getan, um mich am Leben zu halten. Ich glaube, heute wäre das nicht mehr so. Ob das stimmt oder nicht – es hat sich grundsätzlich etwas geändert in unserem Land im Umgang und der Wahrnehmung von Menschen, die Schicksalsschläge erlitten haben. Zu solchen Schicksalsschlägen zähle ich auch den Eintritt der Arbeitslosigkeit.
Wer unterscheidet denn, welcher Arbeitslose(angeblich) faul ist und welcher Arbeitslose nicht arbeiten kann?
Ich sehe kaum noch fern, weil immer das Märchen vom faulen, unwilligen Arbeitslosen verbreitet wird. Mit der Lebenswirklichkeit der betroffenen Menschen hat das gar nichts zu tun.
Es dient lediglich dazu, verschiedene Gruppen, nämlich Arbeitslose und arbeitende Geringverdiener gegeneinander auszuspielen.
So muss wenigstens niemand – kein Politiker und kein Volkswirt erklären, warum es einen strukturellen Mangel an existenzsichernden Arbeitsplätzen gibt.

Anonym 13. Oktober 2010 um 15:31  

Margareth, 13. Oktober 2010 07:32
Man wird nicht berichten, dass der kopflose Wahn am anderen Ufer der Schreibtische seinen Anfang nahm, dass das Kopflose in den fest verankerten Köpfen seinen Beginn erlebte.

Tja, Seehofer und Sarrazin, da haben wir die beiden Buchstaben zur Planung einer Endlösung schon wieder zusammen.

Und wieder, liest man die vielen Leserkommentare, rauschender Applaus .... Einen Applaus, den es im Nachgang, öffentlich geäußert, natürlich niemals gegeben haben wird, während man in seinem Inneren vermutlich immer noch nicht die Frage beantwortet hat, was daran eigentlich so falsch gewesen sein soll. Zumindest zeigt dies der "neue" alte Applaus so auf.

Die Frage, also die im Inneren, die hätte man besser ausführlich beantwortet. Auch Wehler hätte gut daran getan, statt sich davor zu drücken. Obwohl der Begriff "drücken" hier schon nicht mehr passt, ist es doch eher ein gewaltsames Ausblenden.

Unschlüssig in meiner Einschätzung bin ich zu: Rollt die Lawine schon?

Daniel Limberger 13. Oktober 2010 um 16:11  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Jutta Rydzewski 13. Oktober 2010 um 19:24  

Leider, lieber Herr De Lapuente, scheinen es die versammelten Sarrazinaten, die jahrelange erbärmliche Hetze, an denen sich alle und alles beteiligt hat, weitgehend geschafft zu haben. Das wird in einer Studie, im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, erschreckend deutlich. Demnach schließt sich ein Viertel der Bevölkerung fremdenfeindlichen Aussagen an. Mehr als 30 Prozent stimmen der Einschätzung zu: "Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen." Eine ebenso großer Anteil meint, bei knappen Arbeitsplätzen "sollte man Ausländer wieder in ihre Heimat schicken", und durch "die vielen Ausländer" werde Deutschland "in einem gefährlichen Maß überfremdet". Die Feindseligkeit gegenüber dem Islam ist der Studie zufolge besonders ausgeprägt. Sogar der Aussage "für Muslime in Deutschland sollte die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden" stimmen 58,4 Prozent der Bevölkerung an - in Ostdeutschland sogar 75,7 Prozent. Gut jeder Vierte wünscht sich laut der Umfrage eine "starke Partei", die die "Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert". Mehr als jeder Zehnte sehnt sich nach einem ... "Führer", der "Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert" und hält eine Diktatur für "die bessere Staatsform". Die Forderung, Deutschland die "Macht und Geltung" zu verschaffen, "die ihm zusteht", findet bei mehr als jedem vierten Befragten Zustimmung. Für ein "hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland" ist jeder Dritte, und "Mut zu einem starken Nationalgefühl" wünschen sich fast 40 Prozent. Gut 20 Prozent stimmten diesen Aussagen insgesamt zu.

Na, bitte, auf die Deutschen, zumindest den zahlenmäßig nicht gerade unbedeutenden, nach "alter Väter Sitte" autoritäts- und obrigkeitshörigen Teil, ist offenbar "Verlass". Unter den "Führerhörigen" befindet sich auch ein nicht gerade unbekannter so genannter Historiker. Überaus passend, am 09. November 2003, schwärmte ein gewisser, Arnulf Baring, im Nachtstudio des ZDF, für einen gewissen Hitler:

"Der Hitler hat ja in einem Maße dieses Land in Bewegung gebracht, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Er hat in den 30er Jahren, was bis in die 40er, 50er - man kann sagen - in die 60er Jahre weitergewirkt hat, den Leuten einen Elan vermittelt, der vollkommen von uns gewichen ist."

Eine kleine Fortsetzung kommt noch.;-)

Jutta Rydzewski 13. Oktober 2010 um 19:32  

2. Teil

Und diese braune Type (schon beim Schreiben des Namens wird mir kotzübel), der dem verloren gegangenen Hitler-Elan nachtrauert, ist Dauergast in den öffentlich-rechtlichen Klamaukveranstaltungen, die sich Talkshows nennen. Der ganze Scheiß wird ohnehin immer unglaublicher, ein qualitativ dramatischer Niedergang bei den Öffentlich-Rechtlichen, was schon bei den Überschriften beginnt (heute bei Plassberg: Özil hui, Ali pfui - welche Zuwanderer brauchen wir?) Übrigens, selbige unsägliche Gestalt, die von den Illners, Wills und Plassbergs, mit Hochachtung als großer Historiker vorgestellt wird, hat am 14. September 2006, unter tosendem Beifall der hessischen CDU, die Zeit zwischen 33 und 45 als eine "bedauerliche Entgleisung" bezeichnet. Demnach sind Millionen viehisch ermordeter Juden, Sinti, Roma und politische Gegner, sind über 50 Millionen Tote des 2. Weltkrieges, einfach nur eine "bedauerliche Entgleisung".

Die braune Seuche wird aus einem zahlenmäßig erschreckend großen Teil der Deutschen, an der Spitze die so genannten politischen und gesellschaftlichen Eliten, offenbar nie herauszubekommen sein. Wie ist es sonst möglich, dass diese moralisch intellektuellen Ungeheuerlichkeiten eines Barings, diese schier unglaublichen Verharmlosungen singulärer Menschheitsverbrechen, nicht schon lange seine gesellschaftliche, zumindest seine mediale Ächtung nach sich gezogen haben, sondern, ganz im Gegenteil, dieser Mann fast täglich in der Republik öffentlich herumgereicht und teilweise sogar gefeiert wird. Wenn ich dann noch an die sarrazinischen Clements, Müntes, Henkels, Buschkowskys, Heinsohns, Sloterdyks usw. usw. denke, wundere ich mich nicht mehr über die Ergebnisse der eingangs erwähnten Studie, und über den "tapferen" Seehofer schon mal gar nicht. Übrigens, das hat dieser Seehofer, sozusagen in einem Abwasch, sehr deutlich gemacht, zwischen dem (Un)Wert von "Ausländern" und den inländischen Hartz IV-ern, Obdachlosen, Drogenabhängigen, Straffälligen, macht der "gute, richtige und führerhörige" Deutsche, einige Namen habe ich genannt, mittlerweile keinen Unterschied mehr. Immer öfters kann ich es einfach nicht fassen, was in diesem Lande geschieht, bzw. in den letzten Jahren schon geschehen ist.

mfg
Jutta Rydzewski

Peinhart 13. Oktober 2010 um 19:44  

Die Verfinsterung der deutschen Mitte - insbesondere der letzte Absatz, 'Die ökonomische Landnahme' ist interessant.

Manul 13. Oktober 2010 um 19:52  

@Anonym 13. Oktober 2010 09:30
"Menschenverachtung , Ungerechtigkeit, ist nicht nur eine Eigenschaft der Faschisten sondern eben auch der Demokraten."

Das eine schliesst das andere nicht aus, denn Faschismus ist keine politische Richtung, Faschismus ist eine Denkweise, die irgendwie uns allen ein Stück weit angelegt ist. Wir neigen ja schliesslich alle dazu uns mit anderen zusammen zu tun aufgrund von Gemeinsamkeiten, welche auch immer es sind, und uns dabei von anderen abzugrenzen. Der Faschismus ist also immer latent vorhanden und es kommt immer auf die Umstände an, ob diese Pestbeule aufbricht oder sich weiterhin nur mit Eiter füllt.

Anonym 13. Oktober 2010 um 20:02  

Die "Tapferkeit" dieses Polit-Ganoven Seehofer und vieler anderer seiner Species aus den CDU/CSU/SPD/FDP/GRünen Blockparteien erinnert doch verdächtig an die "Tapferkeit" eines Joseph Goebbels NACH der Machtübernahme Anfang 1933, als er in einer Rede vor einer Menge Zuschauer und Radio-Übertragung den "Juden" öffentlich drohte - wortwörtlich! - "das freche Lügenmaul zu stopfen".
Einfach alles nur normale bürgerliche Politiker, egal, in welchen Zeiten, in welchen Parteien sie ihre Schmutz- und Hetzarbeit für die Eliten verrichten.
Man sollte sich von diesem Pack nur noch voller Ekel abwenden!

MfG Bakunin

Anonym 13. Oktober 2010 um 21:28  

@Daniel "Diese Gemeinheit, in der die gesamte lohnabhängige Klasse (ca. 85 bis 90 %) in diesem System einzig unter "Kostenfaktor" abgebucht wird, lässt sich nur durch eine Umwälzung der bestehenden Verhältnisse wirklich ändern..."

Problem ist doch, daß sich im Kommunismus daran auch nichts ändern wird. Da heißt es dann "wir brauchen 150.000 Ingenieure, die entsprechende Posten kriegen", und welcher Ingenieur dann nicht zu dieser Zahl gehört, also überschüssig ist, bekommt dann eine andere Arbeit zugewiesen.
In der Marktwirtschaft hätte er zumindest die Möglichkeit, sich weiter zu bewerben, um doch noch seiner Qualifikation gemäß zu arbeiten.

Trojanerin 13. Oktober 2010 um 21:51  

Lieber Daniel Limberger,

Die Umwälzung der bestehenden Verhältnisse – wie soll das gehen?

Zum einen wird die so genannte Unterschicht – ich mag es überhaupt nicht, Menschen in solche Kategorien einzuteilen- gründlich und nachhaltig von Bildungs- und Aufstiegschancen und somit auch Von der Möglichkeit, wirksamen Protest zu organisieren, ferngehalten, zum anderen sind viele unterdrückte zusätzlich gar nicht in der Lage, wirksam zu protestieren, denn mehrere Minijobs oder sinnfreie Maßnahmen der Arbeitsagentur binden viele Ressourcen.

Viele Grüße sendet Trojanerin

Daniel Limberger 13. Oktober 2010 um 23:34  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Daniel Limberger 13. Oktober 2010 um 23:37  
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Daniel Limberger 13. Oktober 2010 um 23:38  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Daniel 13. Oktober 2010 um 23:48  

Liebe Jutta,

was ist falsch an dem Ausdruck "bedauerliche Entgleisung"?
Selbstverständlich ist es zutiefst zu bedauern, und selbstverständlich war es eine Entgleisung, was soll es denn sonst gewesen sein?
Ein Wettbewerb um höchstmögliche Drastik im Audruck ist in der Sache doch abwegig. Roberto hatte dazu mal einen Artikel über die Formelhaftigkeit des Bekennungskults geschrieben.

Bestens,
Daniel

Anonym 13. Oktober 2010 um 23:50  

Hallo Trojanerin, auch aus der geschichtlichen Erfahrung heraus hast du vollkommen Recht!
Die eigentlich Unterdrückten und am meisten Ausgebeuteten und Leidenden haben es noch in keiner einzigen geschichtlichen Epoche vermocht, sich allein, aus eigener Kraft zu befreien.
Ob die Sklaven der Antike, die unterdrückten Bauern im europäischen und asiatischen Feudalismus, die modernen Proletarier, allein, nur auf sich gestellt, vermochten und vermögen sie die Verhältnisse nicht zu kippen.
Möglich werden solche Umwälzungen nur, wenn auch noch andere bedeutsame gesellschaftlichen Kräfte, Gruppierungen dazukommen, die ein Interesse an nachhaltigen Veränderungen haben, so wie bisher nicht mehr weiterleben wollen oder können.
Einer wirklichen gesellschaftlichen Umwälzung muss die Schaffung eines mächtigen gesellschaftlichen Bündnisses vorausgehen, eines Bündnisses, dass sich nicht nur aus Menschen einer einzigen gesellschaftlichen Schicht zusammensetzt, sondern Menschen aus vielen Schichten der Gesellschaft in dem Wunsch vereinigt, die gegenwärtige Ordnung zu zertrümmern und durch eine bessere zu ersetzen.
Und eine wichtige Voraussetzung sehe ich ganz persönlich darin, möglichst auf zu dicke ideologische Brillen zu verzichten, die Dinge äußerst pragmatisch anzugehen, und sich vor allem nicht von den tatsächlich Herrschenden gegeneinander aufhetzen, auseinanderdividieren zu lassen.

MfG Bakunin

Inglorious Basterd 14. Oktober 2010 um 08:57  

@bakunin und jutta rydzwski ersparen mir diesmal eigene Postings, da ich meisten zu 99,9 % mit ihren Kommentaren übereinstimme und ihnen nichts hinzuzufügen habe.

Bis auf diesen Auszug aus der Posener Rede Himmlers am 4.10.1943 an die KZ-Wächter:
"Von Euch werden die meisten wissen, was es heisst, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht."

Und nun die 1.000.000-Euro-Frage: Was haben diese beiden (Seehofer und Himmler) gemeinsam?

a) das Wort "anständig"
b) Herrenmenschenmentalität
c) es hat ihnen jemand ins Gehirn geschissen und vergessen umzurühren
d) Verlust der humanitären Orientierung

Jutta Rydzewski 14. Oktober 2010 um 11:07  

@ Daniel

"was ist falsch an dem Ausdruck "bedauerliche Entgleisung"?"

Pardon, aber die Frage selbst halte ich schon für eine bedauerliche Entgleisung. Außerdem hatte ich in meinem Beitrag erklärt, warum ich diese Begrifflichkeit für erbärmlich verharmlosend halte:

"Demnach sind Millionen viehisch ermordeter Juden, Sinti, Roma und politische Gegner, sind über 50 Millionen Tote des 2. Weltkrieges, einfach nur eine "bedauerliche Entgleisung".

Es handelt sich also nicht nur um bedauerliche Entgleisungen,auch nicht, wie Sie das nennen, um einen Wettbewerb für höchstmögliche Drastik im Audruck, sondern um unvorstellbare, singuläre Menschheitsverbrechen. Dafür wird Deutschland, werden die Deutschen, für immer und ewig in der Verantwortung stehen. Übrigens, diese personifizierte bedauerliche Entgleisung, Arnulf Baring, lehnt es auch ab, von singulären Menschheitsverbrechen zu sprechen; er hält das für weit übertrieben. ... Es ist einfach unglaublich, wie diese öffentlichen Sprechautomaten, schon wieder oder immer noch, den Naziterror, von der geistigen Planung, bis zur unvorstellbar abscheulichen Umsetzung (dafür gibt es überhaupt keine angemessene Bezeichnung), zu verharmlosen suchen. Baring ist dabei wahrlich nicht der Einzige, aber einer der Schlimmsten. In diesem Zusammenhang muss ich auch noch den allseits hochrespektierten Altkanzler, Helmut Schmidt, erwähnen. Schmidt
hat im Jahre 2005, wohlbemerkt 2005, in einem Interview allen Ernstes behauptet "von den Greueltaten der Nationalsozialisten, der deutschen Wehrmacht, anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird, nichts gewusst zu haben". Doch damit nicht genug. Schmidt will nicht nur von Auschwitz, sondern auch von Konzentrationslagern in Deutschland (damaliger Kindermund: "Wenn du nicht brav bist, kommst du nach Dachau!") nichts mitbekommen haben. Am 8. April 2005 antwortete der Altkanzler im Interview mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher, nachdem er zuvor jegliche Kenntnis des Genozids an den Juden bestritten hatte, auf deren konsternierten Einwand, aber man hat doch gewußt, dass es Konzentrationslager gab: "Ich habe davon nichts gewußt." Auf nochmaliges Insistieren, daß mit Neuengamme und Bergen-Belsen Konzentrationslager praktisch vor Schmidts Hamburger Haustür lagen, beharrte er darauf: "Wir alle haben davon nichts gewußt."

Wie Sie sehen, gibt es ganz prominente "bedauerliche Entgleiser", wie Sie das nennen. Ich nenne das unverantwortlich und geschichtsverfälschend. Im hohen Maße mitverantwortlich sind die öffentlich-rechtlichen Medien, die diesen unsäglichen Schwätzern immer wieder die öffentlichen Plattformen einräumen. Ich erinnere an die wochenlangen Sarrazin-Festspiele, die im Übrigen immer noch laufen. Diesen versammelten Sarrazinaten, die sich erschreckend täglich, wie die Karnickel, zu vermehren scheinen, sollte, schlicht und ergreifend, der Knopf zu ihrem kranken eingebauten Sprechautomatismus abgeschaltet bzw. ganz ausgebaut werden.

mfg
Jutta Rydzewski

flavo 14. Oktober 2010 um 11:28  

Der Müßiggang ist der Schrecken der Welt, möchte man meinen. Wundern braucht man sich nicht. Er ist sicherlich eines der am wenigsten bedachten Phänomene. Das liegt schon daran weil seit 2500 Jahren es den Impetus zur Wahrheit hin gibt. Man muss der Säurebäder durchwaten, bis zum Licht gelangt. Dieser chronische de-zentrierung kehrt auf hundertfache Weise immer wieder. Man muss die Gewichtungen der einzelnen Elemente genau beachten, dann kann man sagen, dass schon alles da ist. Mehr gibt es nicht, als das was in der Gegenwart da ist. Das Objekt der Wahrheitsbegierde hat sich inzwischen in die unendliche Vielfalt verflüchtigt, aber die existetielle Form wirkt: die Anstrengung, die Leistung hin zu etwas, vollkommen egal zu was, tausendfach zementiert durch hundertschaften an Wissensproduzenten. Wir sind alles Esel, die der Gelbrübe ewig nachlaufen. Immer heftiger. Und den Kritikern fällt auch nichts andreres mehr ein: Mit Höchstleistung zur Kritik. Exzellente Kritikleistung. Na los, streng dich an, damit die Kritik gut wird. Und Zähneknirischend rumpft der NAchbar die Nase und antizipiert Nächte der Denke, Askese, den Leistungssieg im Fach Kritik zu meistern. Kritik der Leistung durch Extremleistung. Man sieht das Wie nicht, in dem man sich vollzieht.

Die Katze aus dem Sack 15. Oktober 2010 um 07:04  

@ Anonym 13. Oktober 2010 20:02

Wieso "sollte" man "sich von diesem Pack nur noch voller Ekel abwenden"? Verlangt das Ganze nicht unser aller Aufmerksamkeit, statt ein abwendendes: Macht ruhig weiter?

Es gibt heutzutage tausende Kooperationspartner (gGmbH's, e.V.'s) der Jobcenter, in denen Arbeitslose zu Arbeiten (sinn- und ziellos) gezwungen werden (Sanktionsmechanismen). Früher gab es Arbeits- und Konzentrationslager (Tausende) in denen die Gezwungenen, Arbeiten von öffentlichem und privatem Interesse durchführen mussten.
Kurz nach früher, also etwas später, wurden dann die Vernichtungslager geschaffen. Die gibt es heute noch(!) nicht, bzw. nicht auch noch schon wieder.

Die Frage ist: Will jemand darauf warten oder darauf hin arbeiten?

Sandra Burger 15. Oktober 2010 um 12:58  

@ Trojanerin 13. Oktober 2010 14:56
[...] warum es einen strukturellen Mangel an existenzsichernden Arbeitsplätzen gibt.

Vgl. hierzu:

Soziale Frage im 21. Jahrhundert
# Massenarbeitslosigkeit
# Hungerlöhne / Armutslöhne / Niedriglohn
http://wiki.zum.de/index.php?title=Soziale_Frage_als_politische_Frage&oldid=185230#Bildung_als_.22Soziale_Frage_des_21._Jahrhunderts.22.3F

Vgl. hierzu ferner:

Leben mit "Hartz IV"- wie Armut im Alltag praktisch aussieht
http://forum.piratenpartei.de/viewtopic.php?f=2&t=6275&start=270#p147425

Liebe Grüße:.
san.draB@web.de

P.S.:
Bzgl. des Links "wiki.zum.de" (Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V.) bitte beachten
(Stichwort "Maulkorb" von Seiten der ZUM-Wiki-Administration - ganz offensichtlich
wegen meiner kritischen Äußerungen zur Bertelsmann Stiftung):

Die Bertelsmann Stiftung und ihr Kooperationspartner ZUM-Wiki
http://rolofs.net/phorum5/read.php?101,43390

philgeland 17. Oktober 2010 um 23:46  

Verehrter Roberto,

das erinnert mich an einen von Dir vor längerer Zeit geschriebenen Artikel, in dem Du über eine persönliche Erfahrung berichtet hast. Ich fasse ihn in Form einer Frage zusammen:

"Mit welchen Reaktionen kann man rechnen, wenn man längere Zeit irgendwo im sogenannten "öffentlichen Raum" einfach nur herumsteht und ein Buch liest?"

Leider habe ich Dein Post bis dato nicht gefunden. Habe wohl nicht genug hier herumgestöbert ...

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