De dicto

Dienstag, 12. Oktober 2010

"Soeben hat der Historiker Hans-Ulrich Wehler das Deutschland-Buch von Thilo Sarrazin in der „Zeit“ kommentiert. Es ist nicht untertrieben zu sagen, dass dieser Beitrag der Debatte eine völlig neue Wendung gibt.
Hans-Ulrich Wehler gehört zu den besten Kennern dessen, wovon Sarrazin handelt, der sozialen Schichtung in Deutschland nämlich. Und er bezeichnet das Buch nun als „das Reformplädoyer eines geradezu leidenschaftlichen Sozialdemokraten“. Wehler muss es wissen, er ist selbst ein Linker: völlig unverdächtig rechtspopulistischer Neigungen, unanfällig für Irrationalismen - Wehler hat einst den Historikerstreit gegen Relativierungen des Nationalsozialismus in Gang gebracht -, unempfänglich für eine elitäre Missachtung von Unterschichten.
"
- Jürgen Kaube, Frankfurter Allgemeine vom 8. Oktober 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Schützenhilfe aus berufenen Munde für Sarrazin. Wehler, der Verfasser der fünfbändigen "Deutschen Gesellschaftsgeschichte", springt dem dilettantischen Erbbiologen bei. "Anstatt die schwer zu widerlegenden Befunde Sarrazins zur Bilanz der Einwanderung anzuerkennen, verschanze man sich hinter Einwänden gegen Erbbiologie", zitiert Kaube Wehler. Schwer zu widerlegen! und Verschanzen hinter Sarrazins Erbbiologie!, stehen als Kampfbegriffe gegen Sarrazins Kritiker im Raum. Ist der "für rechtspopulistische Neigungen völlig unverdächtige Linke" Wehler ein objektiver Beobachter?

Die Komplimente Kaubes lassen das freilich annehmen. Doch ganz so objektiv und so unvoreingenommen, scheint Wehler nicht zu sein: Historiker werfen ihm vor, eine Apologetik zu bedienen, die einst weiße Herrenmenschen zur Legitimation kolonialen Sendungsbewusstseins anwandten. Dieser Vorwurf rückt den "Linken Wehler" in eine Gesinnungsgenossenschaft zu Sarrazin, der die geistige Besserstellung des europäischen Menschen gegenüber Arabern und Moslems, noch etwas biogenetisch herausgeputzt hat, während Wehler sich dieserlei Erklärungsmuster ausspart. Joachim Zeller, Autor des Buches "Bilderschule der Herrenmenschen", arbeitet Wehlers krude Thesen folgendermaßen heraus:
"Die nichtwestlichen Regionen des Globus hätten "aus Mangel an einem hinreichenden endogenen Entwicklungspotential durch den westlichen Imperialismus gewaltsam an die moderne Welt" angeschlossen werden müssen. Die deutsche Arbeitspolitik in den Kolonien habe gar nicht anders gekonnt, "als die Einheimischen in einem langwierigen Disziplinierungsprozeß an regelmäßige Arbeit im europäischen Sinn zu gewöhnen". Solche kruden modernisierungstheoretischen Argumentationsmuster ins Feld zu führen, die den Kolonialismus als eine frühe Form der Entwicklungshilfe verklären, ja das Bild vom "Müßiggang des Negers" heraufzubeschwören, das war bisher die Domäne Ewiggestriger."

Hinter solcherlei Kritik wittert Wehler den "unheilvollen Einfluss von Foucault", durch den es erst möglich wurde, die Geschichte der modernen Welt als eine Geschichte von Disziplinierung und Inhaftierung zu entblättern; Foucault hat eine Geschichte der Macht geschrieben, in der diese als penetranter Selbstzweck erörtert wurde. Anders gesagt: weil mit den Augen derer, die mit Foucault argumentieren, der Kolonialismus nicht als positives Geschehen zugunsten der kolonisierten Völker gesehen werden kann, sondern dergestalt, dass Macht immer um Legitimationsmotive ringt, wittert Wehler - der Überschrift Zellers gemäß - ein "diffuses foucaultianisches Lebensgefühl".

Die völlig neue Wendung, die die Frankfurter Allgemeine in der Sache Sarrazin heraufbeschwören will, ist folgende: Sarrazin erhält Beistand von jemanden, der aus einer arg eurozentristischen Sichtweise heraus, das protestantische Arbeitsethos als Segen für unterjochte Völker umschreiben möchte. Von einem Historiker also, der in Fragen Sendungsbewusstsein westlicher Völker den Sichtweisen Sarrazins gar nicht abhold zur Seite stehen kann. Beiden geht es um europäische Leitkultur; beide sehen die westliche Hemisphäre in einer geistigen Vorreiterrolle; beide glauben sie in fremder Kultur nur primitiven Geist zu erkennen. Die große Wende ist letztlich, dass sich Gesinnungsgenossen gegenüberstehen - zwei stockkonservative Herren, die besonders stolz sind, im prädestinierten Teil der Welt walten zu dürfen.

Unerwartet ist es daher bei alldem nicht, dass Hans-Ulrich Wehler auch für die BILD-Zeitung zum Gewinner des Tages (am 8. Oktober 2010) taugte, dass man ihm lobend eine "weise Wortmeldung!" als Fazit nachschob. Die dortige Leserschaft kennt Wehler bestimmt nicht; aber er schimpft sich "Historiker" - einer mit Titel und Befähigung, der Sarrazin verteidigt: jetzt ist es endgültig auf dem Tisch... Sarrazin muß einfach recht gehabt haben!



24 Kommentare:

Klaus Baum 12. Oktober 2010 um 08:21  

ein völlig unsachliches argument meinerseits zu wehler: in einem seminar zum poetischen realismus - fontane, raabe, thomas und heinrich mann - empfahl einst mein prof., wehlers buch zum deutschen kaiserreich zu lesen. ich fand es damals derart langweilig, dass ich nicht über die ersten 10 seiten hinaus gekommen bin.

Inglorious Basterd 12. Oktober 2010 um 08:37  

In einem wichtigen Punkt allerdings geht Sarrazin über das hinaus, was als Common Sense der Bundestagsparteien (die LINKE ausgenommen) gelten kann: Er begründet seinen Vorstoß offen mit eugenischen Ideologemen (Elemente einer Ideologeie), die von ihm geforderte Streichung von Hartz IV ist gedacht als Mittel eines sozialrassistischen Programms, mit dem die "tendenziell fruchtbareren ... weniger Tüchtigen" (Sarrazin) davon abgebracht werden sollen, sich weiter zu vermehren.

Eugenische Ideologeme sind essenzielle Kernbestandteile faschistischer Ideologie. Zu den Ideologemen der Eugenik zählen u.a. ein biologistisches Gesellschaftsverständnis, sozialdarwinistisches Gedankengut, der Glaube an die Ungleichheit konstruierter Menschenrassen, die Lehre von der ungleichen Wertigkeit menschlicher Individuen aufgrund ihres Genotyps, die Identifizierung der ,besser Veranlagten` mit den oberen Klassen, die Gegnerschaft von Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen für sozial Schwache, der Glaube an die Degeneration des ,genetischen Volkskörpers` in Richtung des Durchschnitts, die Diffamierung einzelner Menschen und Menschengruppen als KostgängerInnen, der Schutz der ,Volksgesundheit` vor ,genetischer Entartung` sowie Propagierung apokalyptischer Bevölkerungsvisionen."
Von Wehler und Kaube wird diese braune Brühe noch einmal aufgekocht. Stichwortgeber finden sich ja aktuell im rechten Lager noch genug. Nichts daran ist neu. Sarrazins GenossInnen, aber auch die PolitikerInnen der anderen Parteien, hätten also für die Auseinandersetzung mit ihm gewappnet sein können. Sie sind es vor allem deshalb nicht, weil sie Sarrazins Rettungsplan nicht prinzipiell ablehnen. Ghettoisierende Abschließung ganzer Bevölkerungsgruppen durch die Versagung sozialer Leistungen sowie elementarer Anerkennung und Würde, das ist das Ziel. Der Verlauf der "Sarrazin-Debatte" und die einschlägigen Umfragen zeigen, dass in dieser Frage ein vermeintlicher Außenseiter zum Meinungsführer geworden ist.

Anonym 12. Oktober 2010 um 10:50  

Danke für den Beitrag, und die Aufklärung.

Die Sarrazin-Unterstützer mißbrauchen also nun auch den beliebig verwendbaren Begriff "Links" für ihre Zwecke.

Ich meinte ja einmal, dass "Links" und "Rechts" heute als Unterscheidung nichts mehr taugen, und dies gilt spätestens seit der Rot-Grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder, der diesen Begriff dermaßen beliebig gebraucht hat, dass heute sogar die offen Rechtsextremen als "Linke" gelten.

Soweit hat es die Beliebigkeit bereits getrieben, dass sich Ausländerfeindlichkeit, Sozialrassismus und -darwinismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus und offen rechte Positionen als "Links" geben.

Armes Deutschland!!!

Gruß
Bernie

Anonym 12. Oktober 2010 um 11:13  

"[...]Die dortige Leserschaft kennt Wehler bestimmt nicht; aber er schimpft sich "Historiker" - einer mit Titel und Befähigung, der Sarrazin verteidigt: jetzt ist es endgültig auf dem Tisch... Sarrazin muß einfach recht gehabt haben![...]"

Die Bild-Leserschaft ist so schlicht gestrickt, dass die beim Wort "Historiker" stramm steht? Na ja, mir als Nicht-Bildleser ist diese Berufsbezeichnung ja längst verdächtig, spätestens seit "Historiker" wie Guido Knopp, zwecks Geldverdienen, jeden Dienstagabend die Opfergeschichte der Deutschen, statt der Opfer des dt. Nationalsozialismus erzählen.

Übrigens, es gibt sogar mit David Irving einen, der sich den Titel "Historiker" nicht erarbeitet hat, sondern anmaßt, und deswegen sogar rechtskräftig als "Geschichtsfälscher" verurteilt wurde.

Ich weiß, neoliberale Marktradikale meinen, dass dies nur ein paar schwarze Schafe sind, aber ich vermute einmal, dass, gerade wegen der neoliberalen Ausrichtung auch unseres Bildungssystems, bald noch mehr Einzelfälle von schwarzen Historikerschäfchen auftauchen, die zwecks Geldverdienen, und neoliberaler Ideologie, die Weltgeschichte umschreiben wollen.

Orwell, der sich mit "1984" eigentlich auf ein anderes geschichtsfälschendes System bezog - den Sowjetkommunismus - würde sich im Grabe umdrehen, nein rotieren, wenn er wüßte wie heutige Kapitalisten, die Geschichte im Sinne ihrer Ideologie, wie einst Stalin seinen Kommunismus, umschreiben.

Gruß
Bernie

Anonym 12. Oktober 2010 um 12:08  

Ein guter Artikel. Auch andere leute sprechen sich für Sarrazin aus, wie z.B. Peter Zwegat.
http://www.campodecriptana.de/blog/

radierer 12. Oktober 2010 um 12:27  

Wehlers Wortmeldungen gehören zum Seltsamsten in dieser an Seltsamkeiten nun wirklich nicht armen "Debatte". Er hat zu Sarrazin nichts Triftiges zu sagen. Er lässt sich bloß von anderen für Ad-hominem-Argumente benutzen: als ob Sarrazins Thesengewirr durch Wehlers Sympathien auf einmal richtiger würde. Dabei stärkt er in Wirklichkeit nicht Sarrazins Glaubwürdigkeit, sonder schwächt seine eigene.

Die Argumentation rund um Eugenik und Erblichkeit von Intelligenz, die laut Schirrmacher den eigentlichen "Kern" von Sarrazins Buch ausmacht, operiert er fein säuberlich heraus: Das sei ja eigentlich ganz nebensächlich, da habe sich der Autor halt in bester Absicht etwas verrannt. Aber im Übrigen habe er doch Recht! Das "Übrige", was er der angeblich so verschlafenen und abgehobenen Politik dann mit großem Gestus vorhält, sind genau die Klischees, Formeln und Allgemeinplätze, die sowieso seit langem gebetsmühlenartig wiederholt werden und von Merkel über Westerwelle bis Wulff, Gauck und Gabriel völlig unstrittig sind. Wehler sagt also eigentlich dasselbe, was sie sagen - aber er sagt es so, dass er von Kaube mit Aplomb zum Kronzeugen gegen sie und für Sarrazin aufgerufen werden kann.

Im FAZ-Gespräch mit Kaube bringt Wehler es dann fertig, für die "Integrationsprobleme" das Versagen der "kemalistischen Bildungspolitik in Anatolien" verantwortlich zu machen. Und er bekräftigt die gängigen Beschreibungen der bildungsfernen, integrationsverweigernden Parallelgesellschaft mit der Beteuerung: "Wir haben selbst gerade drei Jahre lang in Berlin gewohnt." Er weiß also, wovon er redet! Er berichtet frisch vom Kriegsschauplatz, er war praktisch mitten im Auge des Orkans!! (Ich wohne seit 25 Jahren in Berlin und könnte so gesehen mit noch größerer Berechtigung im Brustton der Überzeugung angelesene Allgemeinplätze verbreiten. Aber Professor Wehler hat in seiner Berliner Zeit sicher ausführliche Milieustudien in Neukölln und im Wedding betrieben, um sich aus eigener Anschauung und unabhängig von Medienberichten mit der Situation vertraut zu machen...)

(Link zum oben zitierten FAZ-Gespräch: http://www.faz.net/s/Rub546D91F15D9A404286667CCD54ACA9BA/Doc~EF6E54E0275CD4FA5860F181736BCBFB7~ATpl~Ecommon~Scontent.html )

Inglorious Basterd 12. Oktober 2010 um 12:54  

Bernie: Du hast in Deiner Aufzählung dubioser Historiker den talkenden Wanderpokal und Goldhagen-Basher Arnulf Baring vergessen.

Anonym 12. Oktober 2010 um 20:05  

Sarrazin und Stuttgart 21 - das ist alles nur Show, um von den echten Skandalen abzulenken. Atomaustieg und Bankenrettung, Lobbyismus, Korruption, Käuflichkeit der Politiker, Überwachung der Bürger, usw. usf.

Einfach verschwendete Zeit. Wir leben schon lange nicht mehr in einer Demokratie. Dem 'dummen Wahlpöbel' wird halt ab und zu eine Mohrrübe vor die Nase gehalten. Fuck them. Von Herrn Olaf Henkel hört man ja nicht viel Gutes. In einem Punkt aber hat er Recht: Deutschland ist ein Auswanderungsland...

Anonym 12. Oktober 2010 um 20:07  

Da hat man Wehlers und Kockas wegen in Bielefeld geschichte studiert und dann kam alles ganz anders. Examen bei einem großen historiker und liebenswerten menschen: Sidney Pollard, der einen ganz anderen stil im umgang mit studenten und jüngeren "abhängigen" kollegen pflegte als oben genannte herren. Hans-Ulrich "Eitler von" Wehler -Zitat: "Ich bin ein entschiedener Gegner jeder direkten Demokratie" - gefiel sich immer in seinen elitär narzisstischen posen, Kocka schien die lehre für ein notwendiges übel zu halten und nutzte die möglichkeit "urlaubssemester" zu machen nach meiner erinnerung reichlich. Dass Wehler jetzt den Treitschke gibt, darüber kann man, muss man sich nicht wundern, das ganze unter alterssenilität zu verbuchen würde jedoch zu kurz greifen. Ich frage mich nur ob Kocka jetzt den Mommsen gibt, dann hätten wir quasi den antisemitismusstreit reloaded. Allerdings würde mich eine solche reaktion überraschen. Wehler, nun ja, die tragödie eines lächerlichen eitlen alten mannes, der sich und sein lebenswerk mit solchen äusserungen in gewisser weise desavouiert. Das lebenswerk des historikers Wehler, insbesondere seine fünfbändige deutsche gesellschaftsgeschichte, wird dennoch ein meilenstein deutscher geschichtsschreibung bleiben, gut, zumindest band 1-4. Der mensch Hans-Ulrich Wehler hat mit diesem interview seine demission als ernstzunehmender historiker gegeben, der sich zu gesellschaftspolitischen themen zu wort meldet und sich hier freilich nicht zum ersten mal und dieses mal mehr als nur "daneben" geäußert hat.

oblomow

Daniel Limberger 12. Oktober 2010 um 20:20  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Anonym 12. Oktober 2010 um 22:35  

"[...]Bernie: Du hast in Deiner Aufzählung dubioser Historiker den talkenden Wanderpokal und Goldhagen-Basher Arnulf Baring vergessen[...]"

Inglorious Basterd

Hast natürlich recht, es gibt sicher noch mehr von der Sorte Guido Knopp, David Irving, Arnulf Baring (INSM-Botschafter) usw. usf.

Ich wollte hier aber keine ganze Liste aufstellen, sondern nur einige Beispiele nennen.

Du kannst getrost weitere suchen ;-)

Liebe Grüße
Bernie

Anonym 12. Oktober 2010 um 22:37  

"[...]In einem Punkt aber hat er Recht: Deutschland ist ein Auswanderungsland...[...]"

Mag schon sein, aber viele enttäuschte Auswanderer kommen auch ganz rasch nach Deutschland wieder zurück, denn in anderen Ländern kann es oft mieser als in Deutschland aussehen - sogar in Obamas USA.

Auswanderungswillige sollten sich immer erst umschauen, denn entgegen, sehr oft gecasteten RTL-Auswanderungssendungen, ist Auswandern ein Knochenjob, und so mancher der ausgewandert ist ist ganz schnell wieder in Deutschland zurück angekommen.

Nichts für ungut
meine Meinung als Auswanderungskandidat
Gruß
Bernie

Anonym 12. Oktober 2010 um 22:46  

@Daniel Limberger

Wir beschränken uns ja nur auf deutschstämmige "Historiker", aber ich bin sicher, dass es auch international "Historiker" gibt, die die Geschichte im Sinne der neoliberalen Ideologie, die keine Ideologie sein will aber dennoch eine ist, umschreiben.

Robert Gellately z.B. ist mir da so einer, der Hitler, Stalin und Lenin in einen Topf wirft, und dabei fatal an manch dt. "Historiker" erinnert, z.B. Hubertus Knabe, der aus der SED eine schlimmere Version der NSDAP machen will, d.h. völlig geschichtsvergessen rot = braun setzt.

Es würde wohl Bände füllen alle "Historiker" aufzuzählen, die im Sinne von Orwells "1984" global daran arbeiten die Weltgeschichte umzuschreiben - Ich bin mir fast sicher, die sind Legion. Auch in anderen Ländern wird neoliberal "reformiert".

Übrigens als ex-religiösem Katholiken fällt mir da sofort die Gegenreformation ein, die auf Luthers Thesen folgte.

Nichts anderes macht die neoliberale Ideologie nun als weltliche Religion, eine Art neoliberaler Gegenreformation in Zeiten einer Neuen Weltwirtschaftskrise, um auch noch den letzten wohlfahrtsstaatlichen Gedanken zu schleifen.

Dazu gehört auch die Evolution so umzuschreiben, dass die mit der neoliberalen Ideologie übereinstimmt - Sarrazin ist da sicher kein Einzelfall -, und zwar völlig entgegen den neuesten Erkenntnissen der Evolutionstheorie, die den Wohlfahrtsstaatlern mehr Recht geben als jedem Neoliberalen dieser Welt.

Da muß man - als neoliberaler Gegenreformator - eben, entgegen modernster wissenschaftlicher Erkenntnisse, entgegenhalten.

Bildung könnte für Neolibs ein Schuss in den eigenen Ofen sein, denn wüßten mehr Menschen - außer ein paar Internetusern - dass die Neolibs von Vorvorgestern sind, dann wäre diese Ideologie, trotz Zombie-Kapitalismus, erledigt.

Gruß
Bernie

Anonym 13. Oktober 2010 um 15:02  

T1
Eine sehr schöne Gegendarstellung .... hier wird auch Stellung zu Hans-Ulrich Wehler genommen. Obschon ich denke - sicher kann ich mir da nicht sein - vll. nicht ganz so korrekt. Eigentlich ist Wehler in der Tat recht unverdächtig. Wenn er bei der Analyse von Sarrazins Buch m.E. auch den gleichen Fehler begeht, wie in seinen Werken. Über die ihm vorgeworfene Apologetik habe ich eher das Gegenteil gefunden. Vertritt er nicht das andere Lager, zusammen mit Habermas und anderen (http://docupedia.de/zg/Historikerstreit)? Zumindest so im www, bin irritiert ...

Aber Wehler übersieht die Gewichtung eben jener Emotionen, die hinter der Eugenik (letztlich nur ein Mittel) und dem Antisemitismus liegen, die Psychologie. Natürlich hat er teilweise Recht, es lag nicht wirklich am Judentum, der Hass auf die Juden, die Ursachen waren andere, er macht die Ursachen nur nicht fest. Er vergisst, damals wie heute, die Sau, die durchs Dorf getrieben wird, ist beliebig austauschbar und trotzdem bleibt hier etwas zu instrumentalisieren.

http://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus_%28nach_1945%29
Die Antisemitismusforscher Herbert A. Strauss und Norbert Kampe schrieben 1985 dazu:
    „daß selbst die monströsen Konsequenzen des ‚Antisemitismus an der Macht‘ nicht die Weiterexistenz antisemitischer Stereotypen verhindert hat. Ohne die von gewalttätigen Randgruppen ausgehende Gefahr verkleinern zu wollen, scheint die Verbreitung eines Antisemitismus im Zustand der Latenz das Hauptproblem darzustellen.“


Letztlich ist der Antisemitismus nur eine auf das Judentum spezialisierte Richtung, geboren aus einer Freund/Feind-Denke als Mittel zur Bekämpfung der eigenen Hilflosigkeit. Das ewige Wechselspiel, vom Opfer zum Täter und/oder Mitläufer werden zu wollen. Ist jetzt das Problem beseitigt, indem man den Feind austauscht? Doch höchsten für die Begriffsdefinition, wenn sie für das Judentum vorbehalten bleibt. Trotzdem bedient sich der Antisemitismus derselben psychologischen Mittel, wie jeder andere Rassismus auch. Nur die Taten, wann eine Nation das wie und an wem praktiziert, die unterscheiden sich. Die Praxis ändert jedoch nichts an der Motivation.

Und er analysiert nicht dieses Problem, umschifft es geschickt, spielt es schlichtweg runter zur Nebenrolle, die Kanalisierung des Hasses, die Instrumentalisierung, das Mittel der Wahl. Der Krieg gegen andere Nationen ist ein Indikator, auch eine Spielart des Rassismus, im Volk gab es den Willen, andere zu besiegen oder gar vom Erdball zu tilgen, Kriegseuphorie. Deutschland gegen den Rest der Welt und der sog. "Zivilist" kann von Zuhause aus gleich ein wenig mitspielen. Das sieht er m.E. nicht wirklich.
T2 f.

Anonym 13. Oktober 2010 um 15:06  

T2
Manchmal kann er nicht daran vorbei, es gefällt ihm jedoch nicht. Dazu müsste man dem Deutschen, also quasi sich selbst mit dem eigenen Spiegelbild konfrontieren. Nahezu klassisch, diese Verweigerung.

Und dann kommt es zu so etwas:
http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/kann-das-ungeheuerliche-erklaert-werden.html
.........„Der praktizierte Antisemitismus des ‚Dritten Reiches‘ war nicht das Ergebnis einer judenfeindlichen Massenstimmung“, weshalb er „auch keiner systemfördernden Integration dienen“ konnte.
Mit Teil 1 hat er ja theoretisch Recht, könnten auch Türken, der Islam oder Leistungsempfänger sein ... Bei Teil 2 übersieht er die vorhandene latente Bereitschaft. Die Ursachen liegen tief im psychologischem Bereich ... und die Stimmung wurde zu diesem Zwecke erst richtig aufgeweckt, geschürt, um die Taten zu begehen, die Rechtfertigung, nicht um Bestehendes zu integrieren. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Sie basiert auf Angst und Hass, diese Stimmung und die Bereitschaft, sie stets auf eine Minderheit richten zu wollen, von der man nicht all zu sehr Widerstand erwartet oder, wie bei der Kriegseuphorie, sich des Sieges gewiss zu sein scheint. Der Große quält und schlägt halt den Kleinen, wenn er Wut und Hass raus lässt. Und bekanntlich resultiert die aus Hilflosigkeit, Frust und Angst. Kann man auf jedem Schulhof beobachten.
Wehlers Darstellung verdeutlicht die weltanschaulichen Divergenzen zwischen Führer, Herrschaftselite und Anhängern und ihre unterschiedlichen Interessen. „Viele unterschiedliche Motive und Initiativen flossen da [bei der Umsetzung und Realisierung der Ermordung der Juden] zusammen.“
Auch damit hat er Recht, gar viele Interessen flossen hier zusammen
Der Radikalnationalismus sei die wichtigste aller „Schubkräfte“ des Nationalsozialismus gewesen, auch wenn „zu seinem Kernbestand ein gesteigerter Antisemitismus und ein durch die KPD und den Bolschewismus verschärfter Antimarxismus“ gehörten.
Irgendwie vermittelt er den Eindruck, er verwechselt Ziel bzw. Interessen und Mittel, oder auch nicht?:
Aber schon im nächsten Absatz widerspricht sich Wehler, wenn er schreibt: „Der Judenhass erwies sich als die vergleichsweise stärkste Motivationskraft.“
Eben, das Mittel, welches bei dieser Nation stets zur Verfügung steht, nur knapp unter der Oberfläche darauf lauert, wieder einmal befreit zu werden. Und er sieht auch nicht, die volle Kraft der Macht- und wirtschaftlichen Interessen, die sich stets dieser Mittel zu bedienen wissen. Funktioniert in einer Art Schneeballeffekt und je schneller die Lawine wird, desto eher geht der Blick fürs Ganze verloren.
T3 f.

Anonym 13. Oktober 2010 um 15:08  

T3
Den Schaden, der sich nach einer solchen Lawine zeigt, interessieren die vielen gegenläufigen Interessen die zusammen den Hang hinunterstürzen recht wenig. Obschon jede einzelne Interessenrichtung davon ausgeht, der Lawine die Richtung zu geben und sie bei Bedarf steuern und bremsen zu können.
Wehler kann das nicht sehen, wenn er dem keine große Bedeutung zumisst. Ob er das noch weiß, was er selbst schrieb zur stärksten Motivationskraft? Also zum Zeitpunkt als er Sarrazin zur Seite sprang? Nein, ganz sicher nicht, denn er tendiert in seinem Werk selbst wohl eher dazu, diesen Satz wieder zu relativieren um möglichst nicht dahinter schauen zu müssen. Um jeden Preis lehnt er eine solche Sicht ab (eigentlich schade):
Abgesehen von Daniel Goldhagen und seiner These des spezifisch deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“, die Wehler besonders scharf ablehnt,....
http://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus_%28nach_1945%29
Der amerikanische Historiker Daniel Goldhagen eröffnete 1996 mit seinem Buch Hitlers willige Vollstrecker  eine neue Debatte über den Anteil „gewöhnlicher Deutscher“ am Holocaust. Er vertritt die These, ein in der deutschen Bevölkerung tief verwurzelter besonderer eliminatorischer Antisemitismus sei die zentrale Ursache des Holocaust gewesen. Er wandte sich damit besonders gegen die Strukturalisten, denen zufolge nicht der Antisemitismus, sondern die Strukturen von NS-Staat und NSDAP die Vernichtung der Juden verursacht hätten. Sein Buch wurde gegen Goldhagens erklärte Absicht als Neuauflage der Kollektivschuldthese aufgefasst.

Und genau das ist es, was ich stets bemängele, in der Aufarbeitung der dt. Vergangenheit und m.E. einer der Hauptgründe, warum wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen werden können. Es reicht schlichtweg nicht, einige stellvertretend zu verurteilen. Wir müssen uns mit diesen willigen Vollstreckern beschäftigen, wir haben doch schon wieder so viele davon in der Pipeline, die nur darauf warten, wieder "richtig" mitspielen zu dürfen.

Angesichts der neuen Stimmung im Land - Sozialrassismus gegen einkommensschwache Schichten sowie gegen türkische Migranten und Islamfeindlichkeit - sollte es zumindest jetzt einmal Klick machen und die Theorien von Daniel Goldhagen oder die der vielen Psychologen, die sich mit diesem Phänomen ausgiebig beschäftigt haben, könnten eine weitere Überlegung wert sein.

Anonym 13. Oktober 2010 um 16:08  

Ein weiterer Beitrag zu Kaubes Kommentar auf Wehlers Beitrag: http://www.theorieblog.de/index.php/2010/10/wehlers-logik/

Anonym 13. Oktober 2010 um 16:13  

Was ist los in diesem Land?

http://www.youtube.com/watch?v=8fLuuuIptLE

Anonym 13. Oktober 2010 um 16:21  

Bernie, es geht doch erst mal um den Abstieg aus dem Spitzenfeld ins Mittelfeld. Vom "letzten wohlfahrtsstaatlichen Gedanken zu schleifen" zu sprechen ist da nun wirklich verfehlt.

Wolfgang 13. Oktober 2010 um 20:25  

http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2010/20101013.php5?akt=1

85% der Abstimmer wollen die Zuwanderung aus der Türkei und arabischen Ländern beschränken. Geschätzte 99% haben keine Ahnung in wie weit die Zuwanderung bereits beschränkt ist.

Das Gästebuch muss angesichts des Ansturms und wohl auch der Rassistischen Ausfälle die nicht zu veröffentlichen sind teilweise geschlossen werden. Was denoch den Weg ins Gästebuch findet kann einem aber schon angst machen.

Bisher wollte ich immer gegen Dummheit und Ignoranz ankämpfen. Statthafter sein als mein Großvater, der nachdem er von den NAZIS verprügelt worden war weil er die Hitler-Begrüßerei ablehnte, seine Schnautze hielt und in den ungeliebten Krieg zog. Nun aber werde ich müde. Ich habe keine Lust ständig gegen den von Sarrazin, BILD, Spiegel, Focus Hart aber (un)Fair und Co. aufgehetzten Pöbel zu argumentieren. Auswandern. Dieser Gedanke lässt mich seit Wochen nicht mehr los. Aber selbst wenn...wohin kann ein Anhänger der Aufklärung heute noch flüchten?

Anonym 14. Oktober 2010 um 08:49  

Ich habe schon im Kindergarten gelernt wie schrecklich der Mord an den Juden war. In der Schule hatten wir Projekttage über die Schrecklichkeit des Mordes an den Juden. Beim Studium hatten wir im Fach Geschichte 2 Stunden deutsches Mittelalter aber 18 Stunden die Verbrechen der deutschen an den Juden.

Natürlich war es ein Verbrechen. Aber das weiss ich doch schon seit dem Kindergarten. Wundert sich jemand, dass ich anderes spannender finde als das was ich schon in 300 verschiedenen Varianten gehört und selbst in Klassenarbeiten aufgeschrieben habe?

Anonym 15. Oktober 2010 um 21:12  

Hallo allerseits,
ich bin auch Historiker, auch wenn der eine oder andere zusammenzucken mag. Aber zu Wehler möchte ich ergänzen, dass es von ihm auch noch andere eher "seltsame" Äußerungen gibt, beispielsweise zur Homosexualität von Foucault (eine Äußerung ist hier zitiert:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=19)

Auch hat er sich vor vielen Jahren harsch über die "Müslifresser" hergemacht. So bezeichnete er die "Barfußhistoriker", die in vielen Städten und Regionen Forschungen zur Lokalgeschichte geleistet haben, welche die Universitätshistoriker schlicht vernachlässigt hatten. Wehler fand diese Teilzeithistoriker, die z.B. dem Schicksal von im "Dritten Reich" "abgeholten" Juden in ihrer Stadt nachspürten, aber nicht akademisch und elaboriert genug.

Als letztes fallen mir natürlich noch seine neulich im fünften BAnd der Deutschen Gesellschaftsgeschichte aufgestellten Thesen ein. Die bekannteste ist natürlich, dass die BRD nach 1949 eine "normale" und vorbildliche Entwicklung vollzogen habe, während die DDR von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen und in ihrer Gesamtheit nichts gutes in ihr gewesen sei. Sie sei eben nur eine Fußnote der Weltgeschichte, von der nichts übrig bleiben werde. Im selben Band erklärt Wehler übrigens die bundesrepublikanischen 50er Jahre zu einer tollen Zeit, reformorientiert, zukunftsgewandt und alles in allem ziemlich vorbildlich. Davon, dass gerade die frühen Adenauer-Jahre entsetzlich muffig, in vielerlei Hinsicht restaurativ und in Bezug auf die NS-Aufarbeitung überhaupt nicht vorbildlich waren, will er nichts wissen.

Michel 15. Oktober 2010 um 21:15  

Laut Faz-Artikel beklagt Wehler, dass es keine Ambitionen, keinen Ehrgeiz und keinen Bildungsehrgeiz und kein bewusstes verzichten auf Güter zugunsten der Zukunft (sprich: zielstrebige Sparsamkeit) mehr in der Unterschicht gibt.

Leider vergisst Wehler, dass die Angebote, die heute der Unterschicht mit und ohne Migrationshintergrund gemacht werden, nicht ausreichen, um selbst intelligenteren Individuen den Aufstieg zu ermöglichen. Warum?
Weil die "Unterschichten-Bildungsinstitutionen" kaputtgespart (2. Bildungsweg, Abendschule, VHS) und gezielt kaputtreformiert (Hauptschulen) werden. Wer über diese Institutionen den Aufstieg versucht, scheitert und kriegt dann eingeredet, es sei sein eigener Fehler.

Man kann von jemandem, der schon mit Schullektüren Schwierigkeiten hatte, nicht erwarten, dass er sich in die Relativitätstheorie oder die Euklidsche Geometrie selbstständig einarbeitet, nur weil diese Werke wohl in den meisten Stadtbibliotheken zu finden sind.
Autodidaktische Bildung ist wenigen möglich. Bildung durch gute Schulen funktioniert schon besser, nur sind Schulen alleine nicht ausreichend, Krabbelgruppe, Kindergarten und Grundschule vorher sowie gute akademische und berufliche Bildungsinstitutionen nachher sind ebensow notwendig, dazu Sportvereine, Kunstvereine, Hobbyvereine usw.

Wehlers Argumentation analog funktioniert etwa so: jemand, der mitten in der Wüste Gobi ausgesetzt wird und verdurstet, ist selber Schuld, denn er hätte ja zum Wasser gehen können.

Sarrazins Buch hat leider keine Debatte um die Bildungschancen der Unterschicht mit und ohne Migrationshintergrund angestoßen. Es legalisiert lediglich die Untätigkeit von Politik und Gesellschaft angesichts einer Bildungskatastrophe mit dem Hinweis auf das genetische Selbstverschulden der Unterschicht.

Michel zum Zweiten 15. Oktober 2010 um 21:36  

Wer gegen Bildung und Sozialstaat ist, macht im Grunde genommen die Zukunft dieses Landes kaputt, wirtschaftlich und sozial (und politisch).

Wieso machen dies dann Industrielle, Banker und Politiker? Könnte deren Idee sein, dass Europa abgehalftert hat, dass man hier noch die letzten Tropfen herauspressen muss (Sozialstaat und Bildung usw. kaputtsparen) und dann abhaut? China, naher und mittlerer Osten, BRIC-Staaten usw?

Ich meine, man sch**ßt doch nicht ins Bett, wenn man noch drin schlafen will.

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