Aber es ging doch demokratisch zu!

Dienstag, 5. Oktober 2010

Erkennt endlich an, ihr schwäbischen Querulanten, dass es keinen Grund zum Protest gibt! Ihr habt kein Recht auf Widerstand, kein Recht dazu, euren Unmut zu bekunden. Das heißt, friedlich und ohne jemanden im Wege zu stehen, irgendwo vor den Toren Stuttgarts vielleicht, außerhalb Schwabens, weitab vom Wirbel, oder im heimische Wohnzimmer jeder für sich: das ist erlaubt! Das ist sogar erwünscht, denn das zeugt von demokratischer Lebensart. Wobei das gönnerhaft gemeint ist, denn die Demokratie hat in Sachen Stuttgart 21 schon lange gewaltet - ohne eine demokratische Legitimation gäbe es ein solches Projekt ja gar nicht. Aber man will ja nicht kleinlich sein, gönnt dem Querulanten seine demokratische Unsitte, erlaubt ihm einen Protest, der ruhig hübsch aussehen darf, aber bitteschön keine Wirkung haben soll.

Da erlaubt man euch jovial ein bisschen protestierende Unmutsbekundung, und ihr haltet es für euer gott- oder verfassungsgegebenes demokratisches Recht! Dabei hat doch die Demokratie schon gewirkt. Sie war an der Arbeit, als eure Abgeordneten, die nur ihrem Gewissen verpflichtet sind, schlaflose Nächte hatten, weil sie darüber brüteten, ob sie nun mit Ja oder Nein abstimmen sollten. Und sie fungierte, als die Wirtschaft Spendengelder an die Mandatsträger und ihre Parteien überwies - der vulgäre Volksmund nennt das Schmiergeldzahlungen, Bestechung, Korruption: dabei ist das die Demokratie, die sich entfaltet, die ihre Blüten treibt. Man ist nur konsequent, muß als öffentliche Hand auch mal die Hand offen halten - bevor man sie gefüllt verschließt. Danach Ausschüsse und Kompetenzrunden, Kommissionen und Gremien: alles demokratisch! Wirtschaftseinfluss hier, Modernisierungswahn dort, Profitfetisch ohnehin an allen Ecken und Enden: das zeugt von demokratischer Legitimität. Alle Instanzen waren durchlaufen; erst Spenden- und Entscheidungserleichterungsgelder, dann das Gewissen, hernach die wirtschaftlichen Kuratorien, gemeinsames Abendessen zwischen Mandatsträger und Mandatsbezahler - und dann pilgert ihr in Horden auf den Plan, rüttelt alles durcheinander und erkühnt euch, auch ein wenig demokratisch teilhaben zu wollen!

Wir sind das Volk! Ha! Seid doch nicht so schrecklich sentimental! Das ist eine schöne Erinnerung, ein herrliches Andenken; etwas, womit man den Bürgern Ostdeutschlands ein wenig lobenden Honig ums Maul schmieren kann. Die haben friedlich demonstriert, keine Gewalt durchzog den Verlauf. Was für ein glorreiches Verdienst! Aber das ist lange vorbei; heute sind die Menschen glücklicher, sie müssen nicht mehr protestieren. Wir sind das Volk! ist das Kennwort von gestern; nicht wiederholbar, nicht erwünscht. Damals verlief es friedlich, heute müssen selbst Rentner und Schüler verprügelt werden. Das liegt aber nicht an der Polizei - das liegt an euch! Denn damals sind es todunglückliche Leute gewesen, die marschierten. Und solche dürfen marschieren, sollen nicht zusammengeknüppelt werden - aber ihr, ihr seid Menschen einer glücklichen Gesellschaft und lamentiert trotzdem dekadent vor euch hin: einige Ohrfeigen schaden da nicht, um euch zur Besinnung zu bringen. Diese Freiheit des Polizeiknüppels und die Freiheit der darstellenden Presse, den Knüppel zu rechtfertigen, nehmen sich die Dirigenten und Funktionäre dieses Gemeinwesens doch nur, um euch einsichtig zu machen. Und seid doch mal aufrichtig, ihr Meckerer: ihr seid in nuce gewalttätig! Steht einfach auf, stellt euch in den Weg, bekundet Unzufriedenheit, beschwört friedliche Proteste, die es nur in der Legende von 1989 geben darf, als Narrativ, als Sage, als romantische Novelle - jedoch nicht als Realität. Na, wenn das nicht gewalttätig ist! Wenn das nicht provoziert! Die leitenden Angestellten dieser Gesellschaft sind so ein rebellisches Naturell nicht gewöhnt; sie kennen nur die Protestkultur der Gewerkschaften, die stets nachfragt, die Rücksprache hält: Ist Ihnen der Streik an diesem Tag recht? oder Bereiten wir Ihnen, Herr Unternehmer, nicht zu viel Unannehmlichkeiten?

Man muß fragen, ob man nicht im Weg stünde, falls man eventuell demonstrieren wolle; man muß verantwortungsvoll daneben stehen, wenn einem etwas nicht gefällt. Daneben! Denn ein guter Souverän drängt sich nicht auf. Tut man das nicht, dann ist man nicht Demonstrant, nicht Querulant, dann ist man gewalttätig und rabiat und vielleicht sogar eine besonders nervige Form von Terrorist! Dann ist man eine Gefahr für die öffentliche Ordnung! Ihr Nörgler fragt wohl nicht gerne, wollt keine Rücksprachen halten - man hätte doch darüber reden können! Und dann hätte man euch sicherlich eine Protestwiese zugewiesen, irgendwo im Stuttgarter Umland. Vielleicht sogar mit Imbisstheke und Bühne, mit Bratwurst zum Sozialpreis und einen Auftritt von Wader oder Wecker - alles bezahlt von der Bahn, von Subunternehmen, die wirtschaftliches Interesse an Stuttgart 21 haben, und von der Landesregierung natürlich - vom Steuerzahler, der seine eigene Sozialbratwurst refinanziert. Dies alles zur Förderung und Bewahrung der Demokratie, versteht sich. Als Beitrag zum Erhalt der Protestkultur. Demokratie muß gehegt und gepflegt werden, irgendwo draußen, irgendwo außerhalb. Dort wäre alles besser organisiert, mehr Platz gewesen, hättet ihr niemanden im Wege gestanden. Und ihr wäret verantwortungsbewusst mit eurer demokratischen Wichtigtuerei umgegangen. Man hätte mit den Verantwortlichen nur reden müssen, dann wäre euer Protest ein nettes Event geworden. Aber so? So ungestüm, so penetrant, so stur? So kann man mit denen, die diese Demokratie leiten, nicht umgehen.

Vergesst nicht, schwäbische Sturköpfe: ihr seid Bürger dieses Landes. Und als solche habt ihr keine Identitätskarte wie in anderen Ländern, kein identity document, kein documento de identidad, keine carte d'identité, nessuna carta d'identità; ihr habt einen Personalausweis! Ihr seid Personal dieses Landes! Personal eures Chefs und Personal eurer Nation! Der Deutschland AG! Personal muß buckeln, muß sich wegducken, darf keine Widerrede im Munde führen und soll nicht die Betriebsabläufe stören. Geschieht es dennoch, so könnte man euch kündigen. Und was tun die gütigen Herrn dieser Demokratie? Sie sind milde! Sie lassen euch nur prügeln, damit sie euch nicht entlassen müssen. Verpassen euch nur eine Abreibung, damit ihr lernt, dass Demokratie die Sache einiger feiner Kapos, Vorarbeiter, Meister ist: jedoch nicht die Sorge des unteren Personals! Ihr dürft zwar theoretische demokratische Werte in euren Alltag hinaustragen, fanatisch davon berichten, frohe Botschaften verkündigen: aber praktische Demokratie leben dürft ihr nicht - nur unter Ankündigung, auf Antrag, auf einer Wiese vor der Stätte des Geschehens! Auf Baustellen ist hierfür aber leider keine Zeit - stört die malochenden Bauarbeiter nicht mit eurem Quatsch!

Fahrt ins Grüne und seid dort demokratisch - mit dem Segen der herrschaftlichen Damen und Herren, die euch dieses Stückchen Demokratie gewähren, obwohl in Sachen Stuttgart 21 bereits alles Demokratische gesagt und verabschiedet wurde. Seid dankbar für die Genehmigung eurer illegitimen Aktion! Fordert nicht auch noch Konsequenzen - dass ihr überhaupt eine andere Meinung zur Schau stellen dürfte: das ist doch schon was! Und wenn Stuttgart 21 keinen mehr juckt, dann gleich nochmals raus ins Grüne, gegen die Praxis bei Hartz IV und gegen die sarrazinistische Ausbreitung des Rassismus protestiert! Wie meint ihr? Irgendwann müsse man es auch gut sein lassen? Soso...



14 Kommentare:

Anonym 5. Oktober 2010 um 10:33  

Hallo Roberto, wie du es ganz richtig sagst, "Proteste" auf irgend einer Wiese mit Imistheke, Bratwürsten, Wader, Wecker....., vorher abgestimmt und abgesprochen mit den Vertretern der "Wirtschaft" und der Politik, ja, diese "Protestkultur", vornehmlich unserer "Gewerkschaften", aber auch vieler Bürgerinitiativen kennen wir schon seit Jahrzehnten: bunt, ein wenig lustig, friedlich, dabei möglichst auch noch gut gelaunt, dazu noch ein paar verlogene populistische "Oppositionspolitiker" mit ihren völlig unernst gemeinten "Protestreden"!
Aber kennen wir nicht auch die Ergebnisse aller dieser "Proteste" seit Jahrzehnten bestens?
Es ist doch klar, dass diese Art der "Proteste" den wirklich Mächtigen und Herrschenden dieses Landes so sehr zusagen, sie sich daran so gewöhnt haben, alle anderen Formen von wirklichen Protesten aber in ihren Augen schon "Rechtsbrüche", "Gewalt", "Krawall" darstellen.
Was wir gerade wieder ganz aktuell in Stuttgart sehen ist nichts anderes als ganz normaler Alltag in diesem Land: Übelste Korruption mit (notdürftiger)demokratischer Fassade und jeder Protest, Widerstand seitens wacher Bürger dagegen "Krawall", "Gewalt", unerlaubter Widerstand gegen den "Rechtsstaat", natürlich so kolportiert auch von einem Großteil der Medien.
Alles wie gehabt seit eh und jeh!

MfG Bakunin

Rallinsky 5. Oktober 2010 um 10:44  

Bravo! - Bravissimo!!!
Endlich einmal ein Bericht nach meinem gusto... Wo glauben diese Berufsdemonstranten eigentlich wo sie mit ihrer Majorität hinkommen, wenn sie nicht bereit sind, sich dem witschaftlichem Interesse und Wohlverstand Einzelner zu beugen?

Daniel Limberger 5. Oktober 2010 um 10:55  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Anonym 5. Oktober 2010 um 14:03  

Ich weiß nicht, wo das Problem ist.
Neulich wurde hier doch die Ausrichtungsparole "Demonstration, nicht Revolution" ausgegeben.
Demonstration kommt von lateinisch "demonstrare", das heißt "zeigen". Das Volk zeigt den Volksvertretern, wenn es etwas nicht will, und die Volksvertreter wissen dann: entweder anders weitermachen oder abgewählt werden.
Es steht den Stuttgartern ja völlig frei, bei sich z.B. eine rein sozalistische Linksregierung zu installieren, die dann wohl eher nicht von der Industrie gebauchpinselt wird.
Also nochmal ganz klare Frage: Wo liegt das grundsätzliche Problem?

pascal 5. Oktober 2010 um 15:52  

Die Leuten brauchen sich doch garnet zu wundern, was hier passiert...

"Demokratie bedeutet zugleich, dass das Volk von dem Volk für das Volk niedergeknüppelt wird" [Oskar Wilde]

Bilden sich die Demonstranten etwa ein, sie hätten hier einen Ponyhof vor sich, auf dem jeder machen und haben kann, was ihm gerade in den Sinn kommt? Naja, vielleicht haben wir das Glück und ein paar verprügelte Demonstranten machen sich tatsächlich soviel Gedanken um darauf zu kommen, woher der Begriff Gewaltmonopol kommt..

Anonym 5. Oktober 2010 um 18:37  

Der Artikel fügt der Protestbewegung eher Schaden zu, da er so rüberkommt, als gäbe es keinerlei Alternative, also auch nicht mit der LINKEn.

Anonym 5. Oktober 2010 um 20:41  

Und es wird weiter demokratisch zugehen. Wie unglaublich demokratisch, das zeigen den demonstrierenden dann schon die "türkenden" grünen mit dem passenden bundesvorsitzenden cem özdemir nach den landtagswahlen im märz und man achte dann besonders auch auf winfried kretschmann(den konnte ich mir jetzt nicht verkneifen, nachdem ich kürzlich irgendwo gelesen habe, das rösler nur deshalb gesundheitsminister geworden ist, damit die deutsche gesundheitspolitik ihr vietnam erlebt). Das mag jetzt nicht pc sein, ist mir allerdings herzlich egal. Die grünen veraschen jeden, mit ausnahme derjenigen mit denen sie eine koalition eingehen um an der "macht" teilzuhaben. Teile und herrsche: die grünen teilen mit, werden mitbeteiligt und herrschen und verdienen mit - kurzum eine durch und durch opportunistische, korrumpierte partei. Die grünen mandatsträger nennen das dann wohl realismus, sachzwang oder auch wir sind durch koalitionsvertrag gebunden, bekommen dafür als gegenleistung aber auch ganz tolle ökologische grünen-wähler-beruhigungspillen (siehe jetzt gerade olympiabewerbung münchen).

oblomow

Anonym 5. Oktober 2010 um 22:28  

Oblomov, diesen angeblichen "Grünen", diesen meist recht arbeitsscheuen, Viertel- Halb,-Dreiviertel "gebildeten" politisierenden Klein- und Spießbürgern, welches sich in aller Regel aber für etwas "Besseres" halten, stören weder Nato-Kriege im Ausland noch Polizeiknüppel gegen Demonstranten im Inneren so lange "Mandate", d.h. Staatsposten mit anschließend lebenslanger 100% Vollversorgung winken.
Jedes Wort dieser "Grünen", welchen Inhalts auch immer, ist nur ein Schrei nach weiter fortlaufenden staatlichen Transfers für irgend welche Staatsposten und die "Alterssicherung".
Sie haben keine politischen Inhalte mehr außer jenen, die sie mit allen Spießern und Möchtegern-Emporkömmlingen dieser Gesellschaft teilen.
Welche Visage bei denen auch immer heuchlerisch-verlogen blubbert, es ist immer dasselbe, vergess dieses heuchlerische Spießbürgerpack ganz einfach - tut der psychischen Gesundheit einfach gut! :-)

Beste ungrüne Grüße von
Bakunin

Anonym 6. Oktober 2010 um 02:09  

Das IOC, das sind doch die "Guten", das sind doch die, die den Sport fördern, das sind doch die die alle zwei Jahre ein so "tolles Event" machen.
Daß sie dabei nach jedem Mal immer größere Löcher in den Haushalten der Länder und immer mehr verbrannte Erde hinterlassen, erfahren nur die, die auch etwas anderes lesen, als die Mainstream.

Klaus H

Christian Klotz 6. Oktober 2010 um 09:21  

ProtestKULTUR
Wenn die Demo(nstration/kratie) nachweislich eine Waffe in der Hand des Volkes wäre, würde sie auf rechtsstaatlichem Wege aus der Welt geschafft.

Rainer 6. Oktober 2010 um 14:54  

Genial ge- und beschrieben!
Dient mir als Überzeugung, Dein Buch zu kaufen.

Anonym 6. Oktober 2010 um 21:07  

Bei schwäbischen Betonkopf-Fundamentalisten steht Baurecht vor Bürgerrecht.
kaha

Kassandra 7. Oktober 2010 um 09:13  

Chapeau!

Anonym 7. Oktober 2010 um 11:16  

In Deutschland werden Demonstrationen gerne unterteilt zwischen "den lieben Bürgern" und den "bösen und aggressiven" Linksextremisten". Der Staatsgewalt (in Form knüppelnder Polizisten) gegen letztere wird generell zugestimmt. Wenn aber die liebe Bürgerdemo mal zu spüren bekommt, dass Demonstration mehr ist als nur singend lustzuwandeln, empören sich alle.
In Frankreich zum Beispiel, wo es selbst zu Strassenschlachten zwischen einer Feuerwehrmännerdemo und der Polizei kommen kann, sind sich die Leute über dieses Machtmonopol bewusst.
Wer auf eine Demonstration geht, hat also selbst die Entscheidung zu tragen, in wie fern er die polizeiliche Gewalt aushalten will.. und mit welchen Mitteln er zurückschlagen kann. Dazu gehören meines erachtens sowohl Sitzblockaden als auch aktivistischere Mittel, die jedoch im Verhältniss zur Polizei Gewalt stehen sollten.

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