Nomen non est omen

Mittwoch, 14. Januar 2009

Heute: "Demokratie"
"Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen."
- Winston Churchill -


"Politische Kraft im Dienst der Demokratie."
- SPD-Ortsverein Münnerstadt, auf seinem Onlineportal -

Das Staatskonzept der Herrschaft des Volkes, auch Demokratie genannt, ist als Begriff durchweg positiv besetzt. Die Unbestimmtheit des Schlagwortes ermöglicht es, interessenspezifische Verwertung, sprich: eine Instrumentalisierung, vorzunehmen. Sei es die "Deutsche Demokratische Republik (DDR)" oder Angriffskriege im Namen der Demokratisierung. Die Beliebigkeit und der Umfang des Terminus kommt vor allem Machthabern zugute, da sie alles unter ihm subsumieren können. Häufig wird der Status der Demokratie an formale, also an einer institutionalisierten und verfassungsgemäßen Verankerung von Grundrechten festgemacht. Wie diese jedoch im Ergebnis sind, d.h. umgesetzt werden, ist eine andere Frage. Deutschland erlebt z.B. tagtäglich Verfassungsbrüche ohne jede Konsequenz.

Ob in der Wissenschaft oder in der öffentlichen Meinung, die Demokratie wird heute als die beste aller möglichen Staatsformen angesehen. So als unterliege die Geschichte einer Zwangsläufigkeit, wird oft die Vorstellung vertreten, dass die Demokratie das "Ende der Geschichte" sei, wie es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 in seinem gleichnamigen Buch formuliert hat. Vielmehr legitimiert sich dadurch eine Herrschaftsideologie, indem sie behauptet: ihre Staatsform sei die beste aller Zeiten. Fern davon eine inhaltliche Auseinandersetzung führen zu wollen, was Demokratie genau sei (und wo eben Verbesserungsbedarf besteht!), ist eben nur Zustimmung zum System gefragt. Wenn also der Präsidentschaftskandidat der Linkspartei Peter Sodann öffentlich sagt, dass er "Deutschland nicht für eine Demokratie halte" gilt das heute als eine undenkbare Äußerung.


Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Masochistischer Bildungsauftrag

Montag, 12. Januar 2009

85 Prozent aller Erwerbstätigen sind mit ihrem Arbeitsplatz unzufrieden - dies besagt eine Umfrage, mit der Volker Kitz und Manuel Tusch ihr "Frustjobkillerbuch" rechtfertigen. Der Inhalt, von beiden Psychologen als bahnbrechende Erkenntnis in den öffentlichen Diskurs geworfen, ist in einigen knappen Sätzen erläutert. Immer mehr Menschen sind unzufrieden mit ihren Berufsleben, glauben sich im falschen Film, wenn sie täglich immer wieder den gleichen Ort betreten müssen, an dem sie zu wenig verdienen und zu wenig Anerkennung zugesprochen bekommen. Aber der daraus entstehende Frust ist nicht die "Leistung" des dortigen Umfeldes - nein, die Schuld trägt der Unzufriedene selbst, schlicht deshalb, weil er unzufrieden ist. Was Kitz und Tusch als wissenschaftlich angehauchtes Populärwerk verkaufen, ist also zunächst nichts anderes, wie die Aufarbeitung eines Phänomens, durch tautologisches Wiederkäuen desselbigen.

Die konkreten Beispiele sind leicht gegeben. Erwartet man als Arbeitnehmer Anerkennung seitens des Vorgesetzten, so sollte man keine zu große Erwartungshaltung an den Tag legen - wer weniger erwartet, wird weniger enttäuscht. Gleichfalls in puncto Gehalt: auch hier sollte man grundsätzlich nicht zu viel erwarten, um nachher nicht mit Enttäuschungen kämpfen zu müssen. Und sollten die unliebsamen und nervigen Kollegen, die mobben und jede Tätigkeit des Gemobbten ganz genau beobachten, einem das Leben erschweren und die Arbeitstage unerträglich machen - die Momente des Privaten ebenso, weil sich erlittenes und durchgemachtes Mobbing nicht an der Stechuhr abschütteln läßt -, dann sollte man in sich kehren und erkennen, dass die Kollegen womöglich unter der gleichen Frustration leiden wie man es selbst tut, weswegen sie so reagieren - Verständnis statt Bekämpfung dieses Mißstandes.

So einfach kann das Arbeitsleben sein. Es liegt nie an den Zuständen, nicht an der Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre, nicht an der immer uniformeren Hierarchie innerhalb der Unternehmen, nicht an dem Druck, den mancher Zeitgenosse nur durch Unterdrückung seiner Kollegen kompensieren kann, zumal ein durch Unterdrückung zu Fehler getriebener Kollege den eigenen Arbeitsplatz ein wenig sichert - es liegt immer an einem selbst. Das "Jobfrustkillerbuch" schwimmt damit auf der Welle der üblichen think positive-Bestseller, die einem erklären wollen, dass die Rätsel aller (Alltags-)Probleme immer in einem selbst vorhanden sind - man muß nur solange an sich herumfeilen, sich verdrehen und winden, sich verleugnen und unliebsamen Zwängen unterwerfen, sich selbst anlügen und es sich selbst schönreden, bis man glaubt, was man eigentlich gar nicht glauben wollte, bis man seinen Frust als Produkt eines fehlgeleiteten Individuums erkennt, nicht mehr als Folge aus den gegebenen Umständen. Wenn man das erst erkannt und umgesetzt hat, dann blüht eine schöne neue Welt - mit positiver Denke wird sie uns zugänglich.

Warum der think positive-Quatsch, aus der Schmiede neoliberalen Eigenverantwortungs-Geschwätzes, hier abgehandelt wird? Wo doch das besagte Buch keine Neuheit auf dem Büchermarkt ist. - Weil Manuel Tusch einen feinen Auftritt im ZDF absolvieren durfte, weil der Diplom-Psychologe im "Mittagsmagazin" saß und erklären durfte, warum es bei vielen Menschen, die mit ihrem Arbeitsplatz unzufrieden sind, falsch läuft. Weil er ein Forum für sein fadenscheiniges Beratungselaborat angeboten bekam. Warum ausgerechnet er? Warum der "Frustjobkiller" dort vorgestellt wurde, obwohl er schon seit Monaten käuflich ist? - Weil es zur Strategie des Einschwörens gehört, zu jeder Tages- und Nachtzeit, mit allen Mitteln, auch mit solchen Hinweisen zu angeblich lesenswerten Büchern, die Menschen auf Linie zu bringen. Sie sollen verinnerlicht bekommen, dass nicht die äußere Welt Verantwortung für ihren Frust trägt, sondern sie selbst es sind, die an sich arbeiten müssen - beseitigt nicht die Zustände, die euch quälen; beseitigt das, was in euch drinnen nicht stimmt! Nicht Lohnzurückhaltung, nicht Abbau von Arbeitnehmerrechten, nicht Sozial- und Demokratieabbau, die ja auch in die Arbeitswelt hineinstrahlen, haben die Unzufriedenheit bewirkt, sondern womöglich irgendein psychischer Defekt, den man sich doch bitte per Ferntherapie, d.h. durch das Lesen solcher Bücher, heilen möchte.

Es gäbe auch heute genug aufklärende Bücher, die diese Gesellschaft ins rechte Licht rücken, die erklären, warum eine total frustrierte Arbeitsmentalität entstand, die die Schuldigen der Misere nennen würden - aber das ZDF bietet so eine Information nicht an, sondern rekrutiert einen Psychologen, der in die Masochismus-Wunde hineinbohrt, der also erklärt, dass man masochistisch genug sein sollte, in sich selbst die Quelle des Mißstandes zu suchen. Das ist der neue Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten...

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Sit venia verbo

"Ich bin in keiner Weise respectable geworden. Bin mehr denn je der Meinung, dass man eine menschenwürdige Existenz nur am Rande der Gesellschaft sich heute ermöglichen kann, wobei man dann mit mehr oder weniger Humor riskiert, von ihr entweder gesteinigt oder zum Hungertod verurteilt zu werden."
- Hannah Arendt, Brief an Karl Jaspers 1946 -

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Krise stärkt neoliberale Positionen

Sonntag, 11. Januar 2009

Schon seit einem Jahrzehnt, wahrscheinlich aber schon viel länger, predigt die deutsche Presse den Lohnerhöhern, also denen, die die Löhne ihrer Klientel erhöhen wollen, dass dies ein Vorhaben sei, was der deutschen Wirtschaft schade. In den letzten zwei Jahren, angestachelt durch den Wunsch der Reformer, ihre Reformen mögen fruchten - zumindest aber fruchtbar aussehen -, hat man das mit der Metapher des noch "zarten Pflänzchens" umschrieben, als welches der vermeintliche Aufschwung anzusehen, und welches, weil es so zart und schwach wäre, nicht mit allzudicken Früchten - also nennenswerten Lohnerhöhungen - zu beschweren sei, sofern es nicht abknicken solle.

Doch jetzt, einer ins Haus stehenden und bereits spürbaren Wirtschaftskrise sei Dank, hat man den Irrtum erkannt, der zu Lasten der Binnennachfrage ging, stattdessen einem Exportfetisch zugute kam, der folglich großen Konzernen Gutes sicherte. Natürlich gibt man nur unmerklich zu, dass man sich täuschte, eine öffentliche Irrtumserklärung der Presse gab es nicht, ist auch gar nicht zu erwarten, aber es scheint ein zögerliches Umdenken vollzogen, weil es endlich wieder sinnvoll erscheint, dass die Menschen mehr im Geldbeutel haben müssen, um die Binnenkonjunktur zu stärken. Doch diese neue Einsicht findet unter falschen Vorzeichen statt.

Es wird verstärkt vom "mehr Netto vom Brutto" geschwafelt, also davon, dass Steuern und Abgaben gesenkt werden müssen, während die Löhne auf gleichbleibenden Niveau eingependelt bleiben sollen. Diese Orgie zugunsten eines volleren Geldbeutels, welcher dann die Binnennachfrage ankurbeln soll, erscheint wie ein vernunftvolles Einfordern von ökonomisch sinnvollen Maßnahmen, die in Zeiten der Not ja sofort und ohne weitere Debatte umgesetzt werden sollen - und doch ist es nichts weiter als der alte Schlachtruf derer, die das immer schon predigten, die sich in dieser Weise immer schon als Liberale - ob neue oder alte gleichermaßen - begriffen, und im Steuer- und Abgabenstopp den sichersten Weg zum Sozialabbau und damit zur "aristokratischen Demokratie", erblickten.

Zumindest aber wird derzeit wieder wahrgenommen, was jahrelang nicht gesehen werden wollte: die fehlende Binnennachfrage, die einem stetig sinkenden Lohnniveau geschuldet war und weiterhin ist.

Aber diese neue Einsicht, die für viele Ökonomen, die man seit Jahren mundtot machte, eine alte Einsicht ist, gründet auf eben jenem Irrtum, wonach ein Mehr im Geldbeutel der Bürger nur über den Weg des "Mehr Netto vom Brutto" machbar sei. Anders gesagt: Nicht jene Unternehmen, die nun seit Jahren von der Exportweltmeisterschaft profitierten, sollen ihren Mitarbeitern höhere Löhne zukommen lassen, sondern die Gesellschaft soll ermöglichen, dass Arbeitnehmer mehr Geld zur Verfügung haben, indem man die Steuern und Abgaben zügelt. Der Staat wird dann noch weniger Spielraum haben, weil neben der horrenden Verschuldung im Namen der Banken, auch noch ein finanzielles Minus bei den Einnahmen zu verzeichnen sein wird. Für die Grundlage einer erhöhten Binnennachfrage sollen demnach nicht jene sorgen, die vom Irrtum des Binnennachfrage-Verweigerns profitierten, sondern die Solidargemeinschaft selbst, die dann, wenn der Staat noch weniger Einnahmen hat, als er es sowieso schon hat, gar nicht mehr solidarisch sein kann, aufgrund fehlender Mittel.

Als die Finanz- und Wirtschaftskrise ins Land stand, glaubte man, nun sei mit allen Irrtümern der Vorzeit aufgeräumt worden, endlich sei der Neoliberalismus zu Boden gerungen, die Reformer würden ihren Mund halten, weil ihre Art des Reformierens das Unheil zu großen Stücken mitbeeinflusst hat - immerhin waren sie es ja, die die Staatsquote ins unkenntlich Kleine drücken wollten, den Menschen ohne Arbeit finanziellen Spielraum raubten, denen mit Arbeit Privatrente und Eigenverantwortungen aufnötigten, womit diesen ebenso das Geld für den Konsum im Inland entzogen wurde. Damit hat man sich getäuscht, denn nun werden die früher - vor der Krise - oft unvernünftigen Forderungen der neoliberalen Reformer als einzig gangbares Krisenmanagement verkauft. Vor Monaten hielt man den Schrei "Mehr Netto vom Brutto" und das Einfordern einer möglichst niedrigen Staatsquote vielerorts für populistisch gesitteten Lobbyismus, für das Verbalmarschieren einiger Sektierer - heute ist das Auffüllen des Geldbeutels, der ja dank der Krise mit akuter Leere zu rechnen hat, mit demselben Schlachtruf und ähnlichen Forderungen bezüglich Staatsquote vereint. Was einst von vielen zwar ernstgenommen wurde, aber doch fragwürdig war, ist heute einzig geltende Wahrheit geworden. Die fehlende Binnennachfrage, die es vor einigen Wochen offiziell nicht gab, die verleugnet wurde, weil Deutschland ein angeblich reines Exportland sei, soll nun gestärkt werden - egal wie, ob nun mit Lohnerhöhungen von denen, die Milliardengewinne einstrichen oder durch weniger Steuern und Abgaben, scheint im Vorhof zur finanziellen Eingeschränktheit, nicht mehr relevant zu sein. Hauptsache am Ende steht ein dickes Plus unter dem Strich, welches verkonsumiert werden kann.

Die Wirtschaftskrise hat kein Umdenken bewirkt, sondern fundamentiert, was seit Jahren vage durch die deutschen Politlüfte wehte, macht das ewige Fordern nach weniger und weniger und noch viel weniger Steuern, gleich wie unvernünftig es ist, gleich ob die Solidargemeinschaft daran zerbricht, zum politischen Kurs der Stunde. Es kommt niemand auf die Idee, den Mindestlohn einzuführen, niemand kommt darauf, mit Hilfe der Politik höhere Löhne von den Unternehmen einzufordern, die vom Exportfetisch profitierten - stattdessen soll der Staat, sollen wir damit, weiter einsparen, sollen zusehen, wie die Kassen immer leerer, der Handlungsrahmen immer enger, die Arbeitslosengelder und Renten immer geringer werden. In Zeiten relativer Zufriedenheit konnten die Reformer den Sozialstaat nicht zerschlagen, jetzt, da er wichtiger denn je wäre, scheint der Moment gekommen, ein trojanisches Pferd in die Mauern des Sozialstaates - dieser Bastion all jener, die nur den Sozialstaat haben, wenn ihnen ein Unglück widerfährt - zu schleppen, um ihn von Innen her zu zerstören. Und weil die Menschen daran glauben, dass alle Protagonisten in Politik und Wirtschaft wirklich ein Interesse daran haben, dass die Krise möglichst zaghaft an allen vorübergeht, glauben sie den Irrsinn, den man ihnen vom schwächeren Staat erzählt.

Keiner fragt danach, warum es sinnvoll sein soll, in Zeiten, in denen nur noch der Staat Zuflucht bieten kann, derselbige geschwächt wird. Es wird als Prämisse hingenommen, ist bereits zur Wahrheit geworden, die nicht antastbar ist.

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Eigentum verpflichtet

Samstag, 10. Januar 2009

Sobald du an meine Seite trittst, Erblindeter, gehören meine Augen dir. Weil du nicht siehst, weil du nur tasten kannst in einer Welt der Sehenden, stehe ich dir bei, lasse meine Augen für dich sehen, führe dich mit dieser mir eigentümlichen Fähigkeit um die Hürden des Daseins, erblicke und erspähe für dich, was dir äußerstenfalls tastbar bleibt, erkenne und beschreibe dir, was dir auch mittels Tastsinn verwährt bleibt, weil es unantastbar ist, so wie mir deine Würde, dein Menschsein unantastbar ist. Meine Augen gehören mir, damit sie dir gehören können; mein Eigentum des Augenlichts, gehört in jenem Moment, in dem du neben mich trittst, auch dir. Und dies mit aller Selbstverständlichkeit - denn Eigentum verpflichtet.

Wenn dir die Beine lahmen, wenn du dich gegebenenfalls vom Hals abwärts nicht mehr bewegen kannst, so stehe ich nicht als fremder Körper an deinem Körper, sondern bin deine übertragene Körperfunktion. Ich laufe dorthin, wo du nicht mehr kannst; ich greife, was du gerne greifen würdest; ich schreibe und koche, was du schreiben und kochen würdest, wenn du es nur könntest. Aus zwei einzelnen Menschen wird eine verschworene Einheit, die sich ergänzt, weil es dem einen Bestandteil dieser Einheit an gewissen Funktionen mangelt, während der andere, der offensichtlich Funktionstüchtigere, vielleicht versteckte Mängel in sich trägt. Meine Funktionen, die ausschließlich meine Eigentümlichkeiten sind, gehören dir ebenso, weil du Teil meiner Selbst bist, weil niemand existiert, ohne mit-existieren, mit-sein zu müssen. Und so kannst du teilhaben, weil du teil an meinem Eigentum hast. Wie sonst teilhaben, wenn nicht durch das verpflichtende Eigentum?

Mit deinen wenigen Jahren kannst du noch nicht begreifen, welcher Wahnsinn diese Welt reitet. Orientierungslos gehst du durch den Tag, suchst von Natur aus Halt bei denen, die sich innerhalb des Wahnsinns schon zu orientieren vermochten. Meine Orientierung schenke ich den Kindern, damit sie möglichst an den geistigen Umnachtungen unserer Erde vorbeimarschieren, damit ihre kleinen Seelen nicht an den in Widerlichkeiten getränkten Irrsinnigkeiten Schaden nimmt. Weil ich schon länger leben konnte, war es mir möglich, Erfahrungen gesammelt, Erfahrungen in Besitz genommen zu haben. Aber dieser Besitz gehört mir nicht alleine, denn ich reiche ihn weiter, breche etwas davon ab, um es denen zu reichen, die das Los eines längeren Lebens noch nicht gezogen haben. Dieser zeitlich erfahrene Besitz bleibt nicht mein Eigentum, wird zur Pflicht an den nächsten, darauffolgenden Nächsten - auch dieses Eigentum verpflichtet.

Viele werden sagen, dass ein solcher Besitz, der nichts kostet, der einem von selbst in den Schoß gefallen ist, nichts mit einem zur Verpflichtung gewordenen Eigentum zu tun habe. Aber ich sage, dass es genau so ist, denn in einem Umfeld, welches Zeit gleichsetzt mit Geld, in dem Zeit gleich Geld ist, da ist das Zeitnehmen zum Sehen, das Zeitnehmen zum Greifen, Gehen, Tätigen, das Zeitnehmen für einen Unerfahreneren, kurz also, das Hergeben von Zeit an einen Nächsten, gleichbedeutend mit dem Öffnen des Geldbeutels, um das dort beinhaltete metallige Eigentum zu seiner Verpflichtung zu führen. Jeder gibt von seiner Habe, das was er entbehren kann, läßt seinen Nächsten teilhaben, ihm das ursprüngliche eigene Eigentum, jetzt zum Eigentum aller verwandelt, zukommen. Der eine gibt Metallstücke, der andere Zeit – so baut sich vor unserem geistigen Auge eine gerechte Solidargemeinschaft auf, wie man sie heute zunehmend moralisch verunglimpft.

Verunglimpft, weil die Metallstückchenbestückten glauben, ihr Teilhabenlassen sei die einzige Form von verpflichtendem Eigentum; weil sie nur ihr Geben als Gabe verstehen; weil sie die investierte Zeit solcher, die nicht durch Metall teilhaben lassen können, als vergeudete Investition in den Nächsten erfassen. Sie wähnen sich moralisch erhaben, weil sie ihre Teilhabe anfassen können, weil das zur Verpflichtung gewordene Eigentum derer, die für ihre Nächsten sehen, greifen, gehen, nichts Fassbares entgegenzusetzen hat. Und weil es den Letzteren daran mangelt, erklärt man Solidarität als Grundlage des gesellschaftlichen Daseins für unmoralisch, weil ungleich gegeben wird, weil die einen ja nichts geben, während die anderen alles bezahlen. Und so verpflichtet der Materiellen Eigentum in anderer Weise, verpflichtet sie dazu, es möglichst unangreifbar zu machen, damit sie sich stündlich an ihrem eingesperrten, weggepackten, für niemand zugänglichen Eigentum laben können.

Dabei berechnen sie nicht, wieviel Zeit, wieviel Maßeinheit Frei- oder Arbeitszeit investiert wurde, um dem Nächsten verpflichtend zur Seite stehen zu können. Zeit, die man nicht mit Konsum zubrachte, die man nicht für die Egoismen des Lebens ausbeutete, die man nicht zur Verfügung hatte, um auf die Jagd nach Metallstücken zu gehen. Im Jargon der Beschränkten: Welch horrendes Gehalt würde manches Konto zieren, wenn man das investierte Zeiteigentum sich ausbezahlen lassen wollte? Womöglich mehr als deren materielles, aber nur höchst ungern getätigtes Abgeben? Wann zerbräche das bisschen Gesellschaft, das man sich noch bewahrt hat, gänzlich: wenn die Materiellen nicht mehr teilhaben lassen wollen oder wenn keiner mehr seine Zeit an den Nächsten verschenken würde? Es wäre eine zeitlose Welt, in der wir unseren Mitmenschen keine Zeit mehr darbringen würden – hoffentlich so zeitlos, dass es ihr an eben dieser Zeit mangeln wird, um je zeitliche Realität zu werden.

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De auditu

Freitag, 9. Januar 2009

Alle Welt spricht vom Krieg in Gaza oder, um ein Schlagwort, eine leicht zu findende Kategorisierung für die Geschichtsbücher zu haben: vom Gazakrieg. Dabei wird suggeriert, es würde sich um ein kriegerisches Ringen zweier Parteien handeln, welches wir mit den üblichen Konnotationen des Begriffes begreifen sollen, die den Krieg zwar nicht als erstrebenswerten Zustand, aber doch als Zustand völkerrechtlicher Realität darstellen, in der er als ein Gegeneinander zweier, auf gleicher Höhe stehender Parteien verstanden wird.

Während in diesem Falle eine der etymologischen Wurzeln des Kriegsbegriffes einigermaßen treffend ist, nämlich ein Bekommen-, Erhalten- und Kriegenwollen von Zuständen, welche die Israelis als ihr gerechtfertigtes Fordern ansehen, ist es der gebeugte, mit der Zeit gewandelte Begriff, der hier blind werden läßt für die realen Tatsachen. Krieg bedeutet für uns, dass sich zwei Armeen gegenüberstehen, zumindest aber zwei Milizen, die armeegleich sind, dass man versucht Zivilisten zu schonen, wenngleich dies nicht immer umsetzbar ist, dass man von zwei Heeresleitungen ausgehen kann, die strategische Kriegsmanöver planen, die also zumindest im Theoretischen - nicht unbedingt beim Kriegs- und Menschenmaterial - gleichwertig besetzt sind. Der Krieg ist ein Zustand, in dem Armeen zweier Parteien gegeneinander vorgehen, in denen als totalitaristische Komponente des Zeitalters des totalen Krieges, auch ganze Völker mobilisiert werden, um gegen das Feindvolk anzugehen, es letztlich zu besiegen - aber das Einbeziehen folgt erst nach der Mobilisierung, nach dem Frontgang der Armeen. Haben "Krieg" und "kriegen" auch einen gemeinsamen Ursprung - man kann sich bekriegen und als Folge daraus, auch die Ressourcen des Feindes kriegen -, so ist es hier der historisch gewandelte Begriff, der uns vorschwebt, wenn wir von Krieg sprechen - einerseits unsägliches Leid, andererseits Soldaten, die sich gegenseitig den Garaus machen.

Doch das, was als Krieg in Gaza in die Wohnzimmer des Westens ausstrahlt, entbehrt all dessen, was wir als Grundlage des Krieges eigentlich voraussetzen. Dabei sei ebenso anzumerken, dass wir uns einen Krieg als ein solches Ereignis vorstellen, dass zwischen zwei Staaten stattfindet; oder sofern es sich um einen Bürgerkrieg handelt, innerhalb desselben, also innerhalb fester staatlicher Strukturen. Im Falle Gazas ist weder das eine noch das andere gegeben. Es ist kein Krieg, der mit den üblichen Konnotationen verbunden ist, sondern ein Massaker, unverblümt gesagt, ein großer, scheinbar völkerrechtlich legitimierter Mord, der es als heldische Tat des Kriegers darstellt, wenn dieser ein Haus mit Zivilisten araberrein gemacht hat; es ist kein Krieg, weil es an einer Armee mangelt, die Widerstand leisten könnte, es bestenfalls einige Widerständler gibt, die ihre Familien verteidigen wollen. Und ein Krieg von Staaten ist er sowieso nicht, denn seit Jahrzehnten geht es ja eben darum, den Bekriegten bloß kein Staatsgebiet zusprechen zu müssen.

All das muß man erläutern, wenn die gesamte Medienlandschaft, hernach freilich auch sämtliche Menschen im Privaten, dazu übergehen, einen Mord zum Krieg zu küren. Wer beginnt an Worten zu feilen, die eine Untat verschönen sollen, der beginnt damit, die Geschichte bereits in der Gegenwart zu klittern. Gerade bei so existenziell wichtigen Begriffen, wie eben jenem "Krieg", gilt Camus' Ausspruch verstärkt, wonach es einer Verschlimmerung des Unglücks der Welt entspricht, wenn man falsche Worte benutzt. Vom Leid derer zu sprechen, die nicht Opfer eines Krieges, sondern eines Blutrausches sind, der an Unschuldigen und Wehrlosen ausgelebt wird, diese Opfer aber dann als Kriegsopfer zu bezeichnen, entspricht nicht wirklicher Solidarisierung, sondern ist ein besinnlich und vernünftig anmutendes Gebaren, innerhalb des agenda setting; unreflektiertes Anteilnehmen an den Opfern, die man aber als legitime Opfer, weil Kriegsopfer, betrachtet. Der erste Schritt der Solidarisierung mit den Wehrlosen, Unterdrückten und vom Leid Geplagten ist das Erkennen der Tatsachen, das Erkennen des Mordes.

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Suizidanten - ein kurzer Nachtrag

Obschon Vieles zum Freitod des Milliardärs gesagt wurde, obschon man nun auch voranschreitet, den Suizid dieses Mannes in einer Gesamtheit wahrzunehmen, die nicht nur seine subjektive Entscheidung erfassen, sondern objektiveres Szenario widerspiegeln soll, so bleibt doch ein wesentlicher, ja beinahe muß man sagen: bezeichnender Punkt, in Verschwiegenheit gehüllt. Aus Pietätsgründen, so darf vermutet werden, wird kaum erwähnt, was über einen Toten Schlechtes zu erzählen wäre - eine Pietät, die aber dann irrelevant war und ist, wenn es an das Verunglimpfen von Unterschichten geht; eine Pietät, die in Kreisen, in denen sich der berühmte Selbstentleiber bewegte, kein Grund war, auch einmal zurückzustecken, anständig zu bleiben, sich zu beherrschen.

Damit wären wir beim bezeichnenden Punkt angelangt, der kaum Beachtung findet, weil nicht ausgesprochen werden darf, was das Andenken verunreinigen könnte. Die spitze Feder der Aufklärung hat aber den Auftrag, geradezu eine selbsterklärte Verpflichtung, auch solch unangenehme Positionen anzuprangern, selbst dann, wenn sie womöglich gegen den guten Geschmack, gegen bürgerlichen Traditionalismus mitsamt christlich-abendländischer Konditionierung verstoßen.

Verschiedene Medien berichteten vom Spekulationsfiasko dieses Mannes, der angeblich sein ganzes Firmenimperium an der Börse verspielt hätte. Milliarden hätte er verloren - Milliarden, so wurde zudem berichtet, die er als williger Bruder im Geiste des Profites, skrupellos akkumulierte, die er seinen Kontrahenten regelrecht aus der Tasche nahm. Der freie Markt dieses Herrn war der unfreie Markt all jener, die ihm in die Quere kamen. Wir erinnern uns an den Ausspruch, dass man an ein Milliardenvermögen nicht mittels Ehrlichkeit herankommt - und erfahrungsgemäß wissen wir, die wir nicht einmal fähig sind, eine Million ehrlich zu verdienen, dass diese proletarische Polemik in Spruchform, durchaus ein Korn Wahrheit in sich bergen könnte. Zwar wurde er als bescheidener Patriarch dargestellt, der privaten Asketismus lebte, zwischen Bundesverdienstkreuz, Alpenverein und Studentenverbindung, der aber im Geschäftlichen aufblühte, was soviel heißt wie: verwelkte, weil er alles Zwischenmenschliche absterben ließ. Menschen, ob Angestellte oder Vertreter aus Politik, waren für ihn nur Mittel zum Zweck, benutzbare Bestandteile aus einem Kollektiv verwertbarer Humanroboter, die zur Sicherung und Wahrung, aber natürlich auch zum Ausbau seines Vermögens heranziehbar seien.

Vor diesem Hintergrund ist sein letzter Akt zu sehen. Er suchte ein Gleis auf, weil er selbst nicht tun wollte oder konnte, was einem Menschen, selbst bei größter Lebensmüdigkeit, nicht leichtfällt. So bediente er sich der Deutschen Bahn, genauer eines Lokführers, der zum ungewollten Tötungsinstrument werden sollte. Letzterer wird wohl die nächsten Wochen und Monate damit zubringen, mit sich innerlich zu ringen, so wie es Lokführer häufig tun, wenn sie zwar schuldlos, aber doch an vorderster Front, einen Suizidversuch erfolgreich mitbewirkt haben. Der letzte Helfershelfer aus dem Kollektiv des Humanverwertbaren war demnach jener Lokführer, der den letzten Willen dieses Milliardärs erfüllte. Der Dank für diesen Akt der Unwissenheit wird sein, dass es ihn zu Psychiatern führen wird, die sich dann mit seinen Alpträumen beschäftigen müssen, die ihn womöglich plagen. Auch hier ist Undank des Milliardärs Lohn.

Wie im Leben so auch im Sterben. Dies ist der bezeichnende Punkt im Lebensende dieses elitären Menschen, der darlegt, wie wahllos und rücksichtslos diese Kreise voranpreschen, nur um ihren Willen erfüllt zu wissen. So wie im Leben wenig Rücksicht genommen wurde, Milliarden angehäuft - und später verspielt - wurden, während andere nichts hatten, oder durch das Verspielen des Imperiums ihren Arbeitsplatz einbüßten, so bediente er sich auch im Moment seines nahenden Todes dieser Rücksichtslosigkeit. Hier aber soll der gute Geschmack, ein bißchen Pietät an den Tag gelegt, nicht darüber spekuliert werden, welche Selbsttötungsart ihm wohl besser angeraten gewesen wäre - das wäre nämlich wirklich geschmacklos.

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Suizidanten

Donnerstag, 8. Januar 2009

Es ist fraglich, ob jener Milliardär, der am Ende vielleicht nur noch Millionär war, wirklich derart in finanzielle Zwänge geraten, von erdrückenden Existenzsorgen genötigt worden wäre, um seinen Selbstmord erklärbar zu machen. Einerlei! Er hat seine Entscheidung getroffen, hat sich das Leben genommen, seiner Familie - so wird berichtet - einen Brief hinterlassen, der die Behauptung zuläßt, wonach ihn die Wirtschafts- und wohl doch eher die Finanzkrise gebrochen hätte. Es gilt nicht moralisch zu beurteilen, ob sich der - nun erlöste - Leidgeplagte feige aus der Affäre gestohlen hätte, ob ein solches Aus-dem-Leben-gehen überhaupt moralisch legitim erscheint - kein Beurteilungen, keine Verurteilungen.

Was aber beurteilt, was behandelt werden soll, sogar muß, ist die Tatsache, dass die erwähnte Person, auch wenn sie im Leben, so wie berichtet wurde, wenig Rücksichten auf seine Nächsten nahm, mit seinem Ableben etwas anstossen könnte, was bis dato immer wieder gekonnt aus der Öffentlichkeit herausgehalten wurde: das Tabu - der Suizid. Er geschieht aus vielen Gründen: unheilbare Krankheit, psychische Erkrankungen, Liebesleid. Und obwohl der Suizid immer noch ein heikles Thema für die Öffentlichkeit ist, weil ein traditionell-religiöses Denken selbst den Atheisten in dieser Frage vorgeprägt hat, sind doch die hier angegebenen Gründe nicht wahrhaft Tabuthema. Über Selbsttötungen aus solcherlei Gründen wird gesprochen, wird der Kopf geschüttelt, wird freilich auch moralisch geurteilt - doch all das findet öffentlich statt. Aber es gibt eine besondere Form des Suizides, die kaum behandelt, von der nicht gerne gesprochen wird. Nämlich jenen, wenn das Beenden des eigenen Lebens der finale Akt eines langwierigen, entwürdigenden, mit finanzieller Halsschlinge versehenen Vorspiels ist, wenn der Suizid also ökonomische Motive zur Grundlage hat; wenn der aus dem Leben Gehende durch Repressalien, öffentlichen Druck und dazugehöriger Häme, durch sozialen Abstieg und staatlich geduldete finanzielle Engpässe, die ihm ein würdiges Leben innerhalb der Gesellschaft verunmöglicht haben, aus purer Verzweiflung über seinen fundamentierten Status als Paria, ins selbstbestimmten Lebensende flüchtet.

Und solche Lebensabschlüsse sind keine Rarität, die dazugehörigen Gedanken, die einem solchen Entschluss oft schon Monate oder Jahre vorausgehen, dürften jedoch noch weniger rar sein. In diesem Lande - womöglich überall dort, wo angebotsorientierte Reform- und neoliberale Sozialpolitik betrieben wird - ist es keine Utopie mehr, dass sich Menschen das Leben nehmen, weil sie unter die Räder der gesellschaftlichen Ächtung geraten sind, wie sie im SGB II ausführlich definiert wurden. Nun war der betroffene Milliardär, dessen Tod nun die Klatschpresse betroffen macht, sicherlich keiner, der in den Genuss dieser vorzüglichen Reformesarbeit gekommen wäre - von den Wunderbarkeiten staatlicher Repression, finanzieller Garotten und gesellschaftsausschließender Guillotinen, hätte er wohl nie etwas erfahren, und dennoch ist er an diesem System zerbrochen. Zerbrochen daran, nicht mehr Gewinner gewesen zu sein, auch wenn sein Verlierertum ein relativ üppiges war, gewesen wäre - aber er steht denen, die sich aus reiner Verzweiflung, innerhalb dieser Gesellschaft keinen Fuß mehr auf dem Boden zu bekommen, ins Messer geworfen haben, doch sehr nahe. Hüben wie drüben war es dieses System des ungezügelten Marktes, welches den Menschen täglich predigt, es sei die einzig gangbare Art und Weise, allen Menschen zu ihrem Glück zu verhelfen, dass den Tod bewirkte - beidemale war nicht ein persönlicher Grund Antrieb zum Freitod, sondern die sozio-ökonomischen Strukturen; in beiden Kategorien - beim Milliardär und den verzweifelten Entrechteten - war das Entgleiten aus dem Hier und Jetzt ein vergesellschafteter Prozess- freilich in beiden Kategorien aus verschiedenen Sichtweisen, unterschiedlichen Schmähungen gelastet. Es macht einen Unterschied, ob verzockte Milliarden, die eine Reduzierung ungebremsten Reichtums und Macht zur Folge haben, oder nicht ausreichende 351 Euro als Grundlage zum "einzigen ernsten philosophischen Problem" (Camus) gemacht wurden - aber beidemale bewegt sich die Entscheidung im gleichen Rahmen, beidemale ist er sozio-ökonomischer Natur.

Er könnte also etwas anstossen, etwas bewirken im Tode, was er im Leben womöglich - wenn man den Berichten glauben darf - nie getan hat. Es hieß, er wäre einer der skrupellosesten Geschäftsleute dieser Republik gewesen, und da sich Milliarden nicht mit freundlichem Lächeln erwirtschaften lassen, darf man geneigt sein, daran nicht herumzuzweifeln - er war demnach nicht der vorbildliche Mitmensch. Aber in seinem Ableben könnte sich etwas Mitmenschliches finden, nämlich dann, wenn die Medien begreifen, dass die Berichterstattung über den Freitod eines Milliardärs nur der Einstieg sein kann, um dann auch über all die anderen zu sprechen, die als Opfer menschenverachtender Reformiererei, als Opfer eines Systems das stündlich inhumaner wird, den vorzeitigen Tod suchten. Es sollte darüber gesprochen werden, dass in einem System, in welchem Menschen lediglich aus ökonomischen Zwängen heraus zum allerletzten Mittel greifen, etwas nicht in Ordnung sein kann; darüber, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich ein Paria tötet, weil sein Status es quasi vorherbestimmt; darüber, dass eine Gesellschaft, die Menschen in oft ehrabschneidender Weise exkludiert, etwas im Argen liegt; darüber, dass der Tod vieler armgemachter, entwürdigter, abhängiggemachter Menschen dasselbe Recht hat, öffentlich diskutiert zu werden, wie der Suizid eines Milliardärs.

Doch der Tod von Hungerleidern ist wertlos, was Wert besitzt ist die Unglaublichkeit der Story, die in jenem aktuellem Fall wie ein Stoff für eine schlecht umgesetzte filmische Eigenproduktion eines Privatsenders anmutet. Und so entrüstet sich die eine Hälfte der Menschen moralisch über das Ableben des Reichen, während die andere sich im Mitleid suhlt - und die gesellschaftlich Ausgegrenzten sterben weiter, womöglich, wenn es so bitter kommt, wie manche befürchten, noch akuter, noch häufiger, noch freimütiger - so wie damals, 1929, als Berlin sieben Selbstmorde am Tag zählte.

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In nuce

Mittwoch, 7. Januar 2009

Bereits 400 Terroristen sollen von der israelischen Armee getötet worden sein - so berichten es diverse Medien, hinterfragen dabei aber nicht, woher man sich sicher sein will, dass die Getöteten wirklich Terroristen waren. Aber Abhilfe schaffen die Vereinten Nationen, die zwei Kriterien ins Leben gerufen haben, mit welchen festzustellen sein soll, ob es sich bei den Ermordeten um "zivile Opfer" oder Hamas-Leute handelte. Die Kriterien lauten: Alter und Geschlecht - Frauen und Kinder sind demnach "zivile Opfer", während Männer im wehrfähigen Alter zunächst als Hamas-Kämpfer zu gelten haben. So einfach kann man sich Opferzahlen ein wenig schönrechnen.
Die TAZ macht diesen Umstand zu ihrer "Entscheidung des Tages" (siehe Bild), fragt danach, ob diese Zählweise nicht diskriminierend sei und bietet ganze zwei Antwortmöglichkeiten an, die beide wenig Spielraum lassen. Entweder pflichtet man der Zählweise der UN bei oder man spricht sich dafür aus, dass die Zählart zwar hanebüchen ist, aber nur, weil ja auch jugendliche oder weibliche Palästinenser potenzielle Terroristen sein könnten. Anders gesagt: Entweder kann man laut TAZ also glauben, dass nur jeder männliche Palästinenser im Wehralter a priori als Hamas-Mann gilt oder man glaubt gar, das ganze Volk steht zur Hamas. So besehen schlummert im palästinensischen Volk so oder so ein riesiges Aggressionspotenzial. Für den Lösungsweg zunächst jedes Opfer zu zählen, jeden Toten einzureihen, darauf kommt nicht mal dieses traditionelle Blatt der deutschen Linken - man gönnt eben Israel einen Krieg mit möglichst wenigen Kollateralschäden.

Henryk M. Broder ist der Mann, der die Gosse ins Feuilleton gebracht hat, der so tut, als schreibe er polemische Zeilen, während er munter beleidigt und unter die Gürtellinie austeilt. Dafür wurde er immer wieder ausgezeichnet, denn die herrschenden Kreise haben es gerne, wenn die Gosse zugunsten des divide et impera (im Falle Broders: Spaltung der Gesellschaft durch journalistisch aufgestachelten "Kampf der Kulturen" und Verklärung der Moslems zu Gewalttätern) zur Waffe erhoben wird - aber nur dann, denn wenn die Gosse ins Politische abdriftet, wenn sie den Politik- und Wirtschaftsgenossen direkt an den Kopf geknallt wird, dann ist sie nicht mehr erwünscht, dann fühlt man sich beleidigt und drangsaliert. Ebendieser Broder, dieser Prometheus des Rinnsteins, hat nun einen Prozess gewonnen. Auf seinem Blog mit dem bezeichnenden Namen "Die Achse des Guten", hat er die Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Heinz Galinski, derb angegriffen und sie eine Antisemitin genannt. Immerhin sei Evelyn Hecht-Galinski, diese "hysterische, geltungsbedürftige Hausfrau" israelkritisch, damit antizionistisch. Die Dame, die diesen Gossenbuben viel zu ernst nahm, zog vor Gericht, weil sie sich nicht als Antisemitin titulieren lassen wollte - und verlor. Sie muß sich demnach durchaus gefallen lassen, als antisemitisch bezeichnet zu werden. Dem kann man auch nur entsprechen, denn es soll ja nicht sein dürfen, dass man mit seiner Meinung, sei sie auch noch so verquer, zurückhalten muß, nur weil irgendein politischer Korrektheitknigge dies verlangt. Und so besehen muß man Broder auch als das bezeichnen, was er ist: Er greift eine jüdische Frau an, beleidigt sie, stellt sie öffentlich bloß - damit ist er ein unerträglicher Antisemit, der seinen zur Perfektion entwickelten Rinnstein-Dialekt als Eloquenz zu verkaufen weiß, während ihm jegliches Gefühl für Benehmen fehlt, Gefühl für Weitsicht und journalistische Klarheit sowieso.

Zum Abschluß noch einige weise Worte zum Thema Gegenöffentlichkeit, die es wert sind, hier zitiert zu werden: "Es langt nicht, Fakten zu benennen, wenn wir uns über die Bedingungen nicht im Klaren sind, die freies Denken ermöglichen - oder eben unterlaufen. Warum sind Vorurteile so attraktiv, dass sie sich wider alle Erfahrung und auch bei offenkundigen Widersprüchen immer wieder durchsetzen? Wer sich diesen Fragen nicht stellt, schreibt seine aufklärenden Texte ins Wasser. Der Aufbau einer Gegenöffentlichkeit macht keinen Sinn, wenn man sich weigert, mit der "Taucherglocke" (Harry Mulisch) zu den Abgründen zu tauchen, in denen der Teufel zu Hause ist. Aka: Jene Gründe zu Hause sind, die Aufklärung häufig so schwierig machen, weil sie symbiotisch mit dem "triumphalen Unheil" verbunden sind. Es ist sinnlos, einem Rassisten einfach Infos zukommen zu lassen. Ich dachte, wenigstens diese Banalität sei im Jahr 62 nach DdA (Dialektik der Aufklärung) so einigermaßen klar."

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BILD kocht

Bereits vor einem Jahr machte sich der Axel-Springer-Verlag zum Garanten kochschen Wahlerfolges. Letzterer blieb zwar aus, doch man meinte es im Wahlkampf gut mit Koch, ließ ihn zu Wort kommen, erlaubte es sich, ihn wie den vorausschauenden Staatsmann an die Leserschaft zu verkaufen, der unliebsame Wahrheiten ausspricht, weil ihm sein reines Politikgewissen das so auferlegt. Gleichzeitig versuchte die BILD, Kochs Aussagen zur alleingültigen Erkenntnis zu stilisieren, benutzte fadenscheinige Statistiken, falsche Zahlen und untermauerte die These, wonach im Ausländer an sich, ein potenzieller Verbrecher schlummere - so sollte aus der Mär eine Gewissheit erwachsen. Selbst als die Wahl nicht gewonnen werden konnte, wandte sich Diekmann nicht von Roland Koch ab - dies geschah jedoch nicht, weil man noch große Stücke auf den Verlierer Koch hielt, es lag eher daran, dass man auf seine Konkurrentin Ypsilanti überhaupt keine Stücke hielt. So verband Koch mit BILD die Abscheu gegen das "linke Gesindel" um Frau Ypsilanti - denn üblicherweise kooperiert die BILD-Zeitung nicht mit Verlierern, hätte bei einem konservativeren SPD-Konkurrenten Koch fallengelassen und sich einer eventuell neuen hessischen Regierung angebiedert.

Die Geschichte ist hinlänglich bekannt, dominierte fast das gesamte Jahr 2008 das öffentliche Geschehen. Ypsilanti ist heute republikweit, nicht nur in Hessen, der Ausdruck für Betrug und Verschlagenheit - Koch hat sich an dieser Inszenierung reingewaschen. Seine rassistischen Kraftmeiereien sind halbwegs vergessen, auch weil er neben der zerrissenen Hessen-SPD wie die Kompetenz in Reinkultur wirkt, beinahe wie ein in die Jahre gekommener Äppelwoi-Messias, der retten soll, was noch zu retten ist. Und genau in diese Kerbe schlägt - wie könnte es auch anders sein - das Sprachrohr deutschen Konservatismus - die Zeitung des kleinen Mannes, Kai Diekmanns BILD. Sie bringt ein Interview mit Roland Koch, in dem dieser scheinbar hart rangenommen wird, weil schon die Überschrift provokativ fragt, ob "es immer noch zu viele junge kriminelle Ausländer" in Deutschland gäbe. (Anmerkung: Sie fragt, besser gesagt, nicht danach, ob es noch zu viele junge kriminelle Ausländer "in Deutschland" gäbe, läßt also das "in Deutschland" einfach weg. Diese Frage läßt sich damit eindeutig mit Ja beantworten, denn man darf sicher sein, dass es in der großen weiten Welt viele, viele, viel zu viele junge kriminelle Ausländer - wenn man es aus deutscher Sicht, aus Deutschland heraus betrachtet - gibt.) Liest man sich dann aber das Interview durch, stellt man nach vier bis fünf Absätzen fest, dass sich gerade einmal eine einzige, nämlich die erste Frage, mit diesem Thema befaßt und, was noch schlimmer ist, dass man Koch mit einer billigen Antwort aus der Bredouille herausläßt - wenn es je als Bredouille erdacht war.

Und so leitet Koch die Inszenierung seiner Person damit ein, dass es die "gegenwärtige Wirtschaftskrise" nicht erlaube, Nebensächlichkeiten wie die Jugendkriminalität zum Gegenstand des Wahlkampfes zu machen. Er spricht bezeichnenderweise auch von "Jugendkriminalität", nicht mehr von "Ausländerkriminalität" - man will ja keine schlafenden Hunde wecken. Und außerdem sollen die BILD-Leser vergessen, dass er damals ein rassistisches Süppchen kochte, Ausländerfeindlichkeiten hoffähig machte - er stritt ja nur für die Bekämpfung der Jugendkriminalität, nicht für die ausländische Jugendkriminalität. Die BILD läßt den "Herrn Ministerpräsidenten" diese kurze und knappe Antwort auch durchgehen - überhaupt: "Herr Ministerpräsident" ist eigentlich gar keiner, sondern ein "geschäftsführender Ministerpräsident". Aber diesen Zusatz läßt man wegfallen, weil damit sein Verlierertum zurück ins Lesergedächtnis schleichen könnte. Plötzlich würde man sich erinnern, dass er damals der große Verlierer der Landtagswahlen war, jemand der so aussah, als hätte er seine Karriere in ein tiefes, finsteres Tal gesetzt, aus dem er so schnell nicht wieder herauskäme, zumindest solange nicht, bis man ihn einen Ministerposten auf Bundesebene zugeteilt hätte. Es soll für alle lesbar sein, dass Koch der amtliche Ministerpräsident Hessens ist, quasi ein vom Landtag legitimiertes Landesoberhaupt, ein Gewinnertyp eben, kein geschäftsführender Ersatzmann, der seiner Ämter nur harrte, bis eine Bessere käme, die den Posten übernehmen sollte. Die Anrede soll dem Amtsbonus zuspielen und Koch als Regenten mit kontinuierlicher Herrschaftszeit ausweisen.

Was folgt ist das immer gleiche Dilemma des Konservatismus, wie er sich seit Jahrzehnten präsentiert: Ein ständiges Lavieren und Übertreiben, Nicht-konkret-werden und Wichtigmachen, welches alles zusammengenommen dazu dienen soll, die eigene Beschränktheit und die fehlende Weitsicht zu kaschieren. So spricht Koch ganz gezielt nicht von den LINKEN, die Mitschuld trügen, dass die Hessen-SPD nun am Ende sei, sondern von den "extremen LINKEN", was dem Leser implizieren soll, man hätte es mit einer Gruppe von parlamentisierten Terroristen zu tun, mit einer Verbrecherbande, die dem Grundgesetz so fern stünde, wie Roland Koch der Machtgier - er selbst deutete die Anzeichen an seiner Person, die für eine solche Machtversessenheit sprachen, nur als Verantwortungsgefühl. Ein Verantwortungsgefühl, dass er auch gegenüber dem hessischen Souverän hegt, denn er läßt verlauten, dass er auch gedenke, die gesamte kommende Amtszeit abzusitzen, sich nicht von Berlin ködern zu lassen - als sich der Souverän Hessens für eine Mehrheit von SPD, Grüne und LINKEN entschieden hat, da war ihm der Wählerwille aber nicht sonderlich heilig, da hielt er den Souverän womöglich für eine Anhäufung aufmüpfiger Frustrationswähler, denen man sich nicht zu beugen habe.

Koch weiß nicht, wie er seine Kompetenzen verkaufen soll, die er ja auch gar nicht besitzt, weswegen er sich dem ewigwährenden Kniff bedient, außenstehende Ereignisse zu dramatisieren, sie in ein Licht der absoluten Neuheit zu rücken, um möglicherweise entstehende Fehler oder schon bestehende Mängel zu entschuldigen. Mit diesem Kniff rechtfertigten einige bundesdeutsche Regierungen schon ihre wirkungslosen, verschlimmbessernden Reformen, indem sie einfach auf die Neuheit der Globalisierung verwiesen. Für Koch ist eine solche Neuheit die "neuartige Doppelkrise der Finanz- und Realwirtschaft" - das sagt er so, als wären die großen ökonomischen Krisen der Geschichte, immer nur ein Entweder-Oder gewesen. So dramatisierend, weil historisch vollkommen an den Haaren herbeigezogen, muß er es darstellen, denn er will die Maßnahmen der amtierenden Bundesregierung unter dem Primat der Union als kompetenzlastiges Heilsprojekt darstellen - ein Projekt, welches er in Hessen ebenso mittragen werde, weil er doch Teil dieser Kompetenzmeister ist, als Mitglied der Union. In so einer Phase, dies ist ehedem schon immer der Ausspruch der Christdemokraten dieses Landes gewesen, dürfe kein Sozialdemokrat - die es ja allesamt nicht können - das Ruder in der Hand halten - mit dem Kniff des historisch Neuartigem will Koch es möglich machen, als Hessens geballte Kompetenz zu erscheinen. Nur er könne sich diesem unbekannten Riesen in den Weg stellen, was sich auch am letzten Satz dieser Haus- und Hofberichterstattung erkennen läßt. Seine Kompetenz unterstreichend, serviert Koch dem Leser eine strikte Haltung zur Steuersenkung: Er verstehe gar nicht, wie man nun in diesen Krisenzeiten von Spitzenverdienern höhere Steuern erwarten könne. Auf die Idee, dass in Zeiten sich schnell leerender Kassen, es durchaus sinnvoll ist, diejenigen zur Auffüllung ebendieser Kassen heranzuziehen, die selbst bei einer gravierenden Krise keine Angst vor dem Hungertod haben müssen, was ja Sinn und Zweck der Solidargemeinschaft wäre, auf diese Idee kommt er nicht. Aber was weiß Koch schon von Solidargemeinschaft, die für ihn schon lange nicht mehr als geltend begriffen wird.

Was die BILD-Zeitung dem Leser präsentiert, ist ein weiteres Meisterwerk politischer Verdummung. Das Interview ist ein Aneinanderreihen von Plattitüden, bohrendes Nachfragen findet gar nicht statt, schon die Grundfragen sind uninspiriert gestellt. Während die Berichterstattung zu Andrea Ypsilanti immer mit Bildern unterstützt wurde, auf denen man entweder eine resignierte SPD-Kandidatin sah, oder manchmal gar eine aggressiv anmutende, bissig wirkende Domina-Gestalt, sind die ausgewählten Bilder des hessischen Geschäftsführers geradezu vor Frohsinn strotzend - ein lachender Koch, ein freudig erregter Koch und natürlich ein in Gestik verfangener Koch, der politisiert und ganz staatsmännisch erklärt und darlegt. Der knallharte Kampagnenjournalismus neigt dazu, aus dem ansehnlichen Gesicht einer Frau, eine Fratze zu formen, während andersherum volksverhetzende Fratzen zu ansehnlichen Gesichtern modelliert werden. Kurzum: BILD liefert Hofberichterstattung, die nicht in die Substanz gehen, sondern einfach nur einem Wahlsieg Kochs dienlich sein soll. Bloß kein neues 2008 mehr in Hessen, so lautet die nicht genannte Devise; ja kein Ringen um den Stuhl des Ministerpräsidenten mehr, auf dem dann wieder der Geschäftsführer Koch säße - verantwortungsbewußt, nicht machthungrig, versteht sich...

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Sit venia verbo

Dienstag, 6. Januar 2009

"Das Bild, dem zufolge sich die muslimische Welt im Krieg mit dem Abendland befindet, ist eine Ausgeburt der Fantasie. Eine solche "muslimische Welt" existiert nicht. Der Großteil der Konflikte im Mittleren Osten wird zwischen Muslimen ausgetragen. Die bestehenden Regime verstehen sich mehrheitlich als Verbündete des Westens. Das erklärt im Übrigen auch, warum der Iran unter Präsident Ahmadinedschad nach Verbündeten unter den lateinamerikanischen Populisten sucht und nicht bei seinen Nachbarn.
Die Islamisierung wird nur dann zu einem strategischen Faktor, wenn sie sich mit einer weiteren Determinante überschneidet, im Allgemeinen einer nationalistischen (wie im Falle des Hamas oder des Iran), einer ethnischen oder einer tribalistischen (für die Taliban treffen alle drei Punkte zu). Die Komplexität des Spiels der Allianzen widerlegt die demagogische Simplifizierung, die das Schlagwort vom "weltweiten Krieg gegen den Terrorismus" impliziert"
(...)
Der politische Rahmen ist in erster Linie national definiert. Überall ist das Staatsangehörigkeitsrecht sehr restriktiv, der Status von Flüchtlingen prekär, auch wenn sie Araber und Muslime sind. Überall neigen die staatliche Logik und die populäre Demagogie zur Ausgrenzung des anderen, mag er auch Muslim sein. Die Palästinenser im Libanon, die Afghanen im Iran, die Menschen aus Mali in Libyen: Sie alle haben diese bittere Erfahrung gemacht. Im Iran gilt für einen schiitischen, Persisch sprechenden Afghanen, der eine Iranerin heiraten will, dasselbe aufwändige Verfahren, wie für einen nicht-muslimischen Europäer, der zumindest theoretisch konvertieren muss. In den Emiraten am Golf ist zu beobachten, dass die staatlichen Behörden und die öffentliche Meinung sich darüber empören, es würden zu viele Ehen mit "ausländischen" Frauen geschlossen (denn die Brautpreise für die "eigenen" Frauen sind nicht mehr erschwinglich). Nur Jordanien hat die palästinensischen Flüchtlinge von 1948 integriert. Die gleichen Menschenmassen, die in Kairo für Palästina auf die Straße gingen, würden vehement gegen das Ansinnen protestieren, die ägyptische Staatsbürgerschaft auf palästinensische Flüchtlinge auszudehnen. Bei der amerikanischen Intervention im Irak wiederholt sich das Muster: Man bekundet Solidarität mit den Irakern in ihrem Kampf gegen die Amerikaner, aber die zwei Millionen irakischen Flüchtlinge, die sich in anderen arabischen Ländern niederlassen wollen, stoßen bei der lokalen Bevölkerung auf Ressentiments."
- Olivier Roy, "Der falsche Krieg" -

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Kollektiv individuell

Montag, 5. Januar 2009

Immer wieder muß man davon hören, dass es unser System des Individualismus ist, welches diese, unsere westliche Gesellschaft, ausmache und auszeichne. Und gerade dieses System ist nun in Gefahr, weil aufgrund sozialer Ungerechtigkeiten - die außerdem ja unumgänglich seien - ein gewisser Hang zur linken Politik in der Masse spürbar wird - der Kommunismus, der innerhalb linker Parteiprogramme deutlich hervorspähe, so munkelt man, wird alles Individuelle vertilgen, es unmöglich machen, eine Gesellschaft der Gleichmacherei erzeugen.

Der Ruf derer, die sich vom Bolschewismus eines Lafontaine oder Gysi fürchten, mutet einer wahnwitzigen Satire an. Denn es sind ausgerechnet solche Kreise, die sich mokierend hervortun, die sich so gar nicht individuell in ihr Leben stürzen. Solche die ihrem Beruf in identischen Jacketts, ähnlichen Krawatten, haargleichen Aktenkoffern nachgehen, außerhalb dieser "Berufung" an die gleichen Urlaubsziele rasen; solche die wie ein Ei dem anderen gleichend, bei Opernbällen oder anderen gesellschaftlichen Anlässen dahinvegetieren; solche die in ihrer farblosen Bürgerlichkeit kopieren, was man ihnen als kopierenswert vorgibt; und natürlich dürfen auch jene nicht vergessen werden, die aufgrund ihrer Religion gleiche Gewänder, wallende Kleider tragen, sich damit von ihrem Amtskollegen nicht unterscheiden lassen. Und weil dieser Hang zur Uniformierung, der auch in Betrieben und Unternehmen zum Knigge ökonomischer Vernünftelei ernannt wurde, scheinbar für viele noch nicht ausreicht, wird von einigen Reaktionären, in guter preußischer Manier, auch noch etwas mehr Mut zur Uniform gefordert.

Aber was sich bisher in diesen Zeilen nur am Oberflächlichen orientierte, trifft auch für die Geisteshaltung dieser Kreise zu, die zudem von vermeintlich liberalen Kreisen der Presse erfolgreichen Flankenschutz erhalten. Ihre Medien sind Ausdruck von Gleichschaltung, in denen nur spärlich andere Meinungen und Gedankenansätze verbreitet werden dürfen, um wenigstens den Schein von Vielfalt zu wahren, um mit dem Aushängeschild dieser scheinbaren Individualität, für ihre Daseinsform zu werben. Feindbilder werden im gleichen Stil, mit gleichen Mitteln, über die Grenzen der Redaktionen hinweg, angegriffen und in Bedrängnis gebracht. Sogar der Wortlaut gleicht sich häufig in erschreckender Weise. Die freien Medien, frei in der Möglichkeit ihrer Vielfalt, reduzieren ihre Freiheit darauf, nicht vielfältig sein zu wollen, wollen nur vielfältig in ihrer Einfalt wirken. Individuelle Formen der Information, wie sie uns via Internet bekannt sind, verweilen im Ruch des Amateurhaften, werden degradiert, weil sie nicht in der professionellen Aufmachung präsentiert werden, wie die Einheitsfront der vielfältigen Einfaltspinsel. Die Uniform, das Kollektiv, die Gleichmacherei steckt auch hier in marschierenden, auf Gleichschritt bedachten Stiefeln.

Früher deutete man über den Eisernen Vorhang, schimpfte auf die da drüben, die keinen Individualismus kennen würden, weil ihnen ihr System keinerlei Raum dafür gelassen hat. Auch wenn diese Erkenntnis gar keine Propagandamasche des Westens war, so wurde während des Kalten Krieges immer so getan, als gäbe es die uniformierte Gesellschaft nur im Kommunismus, jedoch nicht im freien Teil der Welt. Das war damals schon gelogen - man muß rückblickend nur betrachten, wie westliche Massenmedien über die Staaten jenseits der Mauer und Mauern berichtet haben - meist war es der Schaum vorm Mund, der eine deutliche Artikulation, d.h. eine verständliche Information, verhinderte. Heute ist es nicht anders, wahrscheinlich aber noch schlimmer. Wir zeigen heute auf die Gefahr des wiederaufkeimenden Kommunismus, den wir in einer pro-kapitalistischen Partei wie der LINKEN - die sich ja innerhalb des kapitalistischen Systems arrangiert, die darin Reformen umsetzen und Sozialsysteme stärken will - zu erkennen meinen. Aber auch auf die moslemische Welt wird gedeutet, in der es ja keinen Individualismus gäbe, weil der religiöse Fanatismus dies nicht zulassen würde. Dabei spielt es auch keine Rolle für die Jünger des angeblichen Individualismus, dass man Religionsfanatismus mit nationalen Eigentümeleien oder innerreligiösen Konflikten gleichsetzt - für den Westen ist dort drüben so oder so das Reich der obskuren Gestalten, die alle gleich denken, sich gleich kleiden, gleich handeln und die gleiche Abscheu gegenüber dem Westen hegen.

Und das alles aus dem Munde derer, die innerhalb ihrer uniformierten Lebensentwürfe Gleichmacherei betreiben, wie sie womöglich der andere deutsche Staatsentwurf nach 1945 nicht kannte, zumindest nicht in einer solchen Verlogenheit, den Menschen auch noch zu erklären, dass die Gleichmacherei gar keine sei. Der westliche Individualismus, wie wir ihn heute kennen, zeichnet sich dadurch aus, dass er verneint wird, als Eigenbrötlerei verpönt ist - er wäre zwar möglich, aber die Menschen nutzen ihn millionenfach nicht, ordnen sich lieber einem Kollektiv unter, welches in Traditionen, Institutionen, Konventionen oder mannigfaltigen Gruppierungen unterteilt - aber auch untereinander vermischt - ist. Was damit vom westlichen Individualismus übrigbleibt ist die Einsicht, dass er zwar umsetzbar ist bzw. wäre, dass es dazu lediglich eines mehr oder minder mutigen Schrittes, einer guten Portion Selbstwert bedarf, dass er aber gleichermaßen nicht machbar gemacht wird, weil man ihn diskreditiert - man sei schließlich gerne Teil einer Gesellschaft, die vorgibt, wie man sich zu kleiden und verhalten hat, und die einem klarmacht, was man zu denken habe. Eine Gleichmacherei, die wirtschaftlich erwünscht ist, weil sie so den Menschen modellierbar macht, ihn für seinen wirklichen Daseinsgrund - dem eigentlichen Grund seiner Geburt - leichter zugänglich macht: der Mitarbeit an einer entfesselten Profitmaximierung, der er sich anstandslos und ohne unnötigen Fragereien unterzuordnen hat.

Was den herrschenden Kreisen, den Herrschaften aus der Wirtschaft, als Individualismus vorschwebt, ist nicht die Möglichkeit des Einzelnen, frei und ohne Rücksicht auf Vorgaben sein Leben so leben zu können, wie es ihm entspricht; sich kleiden zu können wie er will, denken zu dürfen, was er denkt, sagen zu dürfen, was seine Zunge gerade formt - was dort als Individualismus gilt, was als Freiheit des Einzelnen verstanden wird, ist die Freiheit des Ausbeutens. Jeder soll dergestalt frei sein, seinen Nächsten so auszubeuten, wie es dieser individuell zuläßt. Individualismus in der uniformierten Konsum- und Handelsgesellschaft bedeutet, Menschen individuell ausbluten zu lassen; sie individuell zu bezahlen - dem einen wenig, dem anderen weniger; sie individuell zu vergeuden und zu verfeuern - gerade so, wie es das ausgebeutete Individuum erlaubt oder wie es ein Arbeitsschutzgesetz nicht unterbindet; sie sollen zu willfährigen Nummern eines Kollektivs gemacht werden, aus dem ein individueller Unternehmer aus dem Vollem schöpfen kann; sie individuell zu verblöden, ihnen zwar kollektiv Informationen und Bildung - wirkliche Bildung, die auch von den Wurzeln nicht haltmacht, philosophische Fragen z.B. nach der Legitimität der Herrschaftsverhältnisse zuläßt - zu verweigern, die Verdummung aber individuell möglich macht, weil letztlich der eine wenig weiß und der andere noch weniger.

Wenn sie sich also entrüsten, weil Lafontaine wieder gleichmacht, wieder kollektiviert im Geiste, wieder den Individualismus verbalzerdeppert, dann meinen sie damit, dass er das Individuum gefährdet, welches innerhalb des Systems Profite erzielen will, die ihm letztlich auch selbst zur Verfügung stehen sollen - die Rädchen des Apparates, die an der Profitmaximierung ihre Lebenszeit vergeuden, die Angestellten und Arbeiter, sind damit nicht gemeint. Was sie eigentlich sagen wollen ist: Sie - die Kommunisten und Feinde der Individualität - gefährden unseren schönen, so frei wirkendenden Kollektivismus, in dem jedermann, gleich all den Einfältigen in Aldous Huxleys Dystopie, dem Irrglauben verfallen ist, in einer freien, ja grenzenlos und gänzlich freien Welt zu leben; einen Kollektivismus, der unseren - d.h. der herrschenden Kreise - Individualismus am Leben erhält, der uns atmen läßt, der andere für uns schwitzen und bluten läßt. Was diese Damen und Herren als Auszeichnung unserer freien Welt begreifen, was sie uns schmackhaft machen wollen, ist ein Zustand, der für die Mehrheit der Menschen in diesem Lande überhaupt nicht gilt, auch nicht gelten soll - sie sollen nicht individuell sein, damit die Ackermanns, Zumwinkels, Weises - und wie sie alle heißen - weiter individuell leben dürfen. Deshalb ihr Engagement, wenn es um die Beibehaltung des Individualismus geht, wenn sie also "Frieden" schreien, aber "Krieg" meinen - ein Schlachtruf zugunsten unseres Kollektivs wird schließlich nicht gerne gehört. Man will nicht an das erinnert werden, was einem in der Magengrube liegt.

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In eigener Sache

Sonntag, 4. Januar 2009

Nachdem ich während des Jahresausklanges 2007 mit dem Gedanken schwanger ging, ein eigenes Weblog ins Leben zu rufen, um all das, was sich mir als unerträglich aufdrängte, auch in Wort und Schrift zu bannen, gelang mir heute vor einem Jahr mein erster Artikel, mein erster Beitrag zu dem, was sich Gegenöffentlichkeit zu nennen pflegt. Damals waren es die ekelhaften Aussprüche Roland Kochs, dieses Gebräu aus Stammtisch-Rassismus und Anfachen gärender Ressentiments in jenem Teil der Bevölkerung, der sich gerne klug und belesen gibt, sich aber gleichzeitig blöde von solchen Aufwieglern auflesen läßt. Dass es ein Jahr später wieder eine Wahl in Hessen geben würde, ahnte ich seinerzeit nicht - dass es gar ein Wahlkampf sein würde, der Roland Koch nicht als großen Verfechter deutscher Leitkultur darstellen würde, hätte ich damals auch nicht geglaubt, weil ich seine unqualifizierten Äußerungen nicht als Wahlkampftaktik, sondern als Herauskehr seiner tiefsten Gedanken ansah. So sehe ich es heute noch und ich meine im verbissenen Gesichtsausdruck Kochs nicht Läuterung, sondern Verärgerung zu erkennen, weil er einen so braven, gar nicht bissigen Wahlkampf führen muß.

Genug davon, ich wollte nicht von den Irrsinnigen dieser Welt sprechen, nicht heute, nicht in diesen Zeilen. Ein Jahr ist es also her, dass ich hier anfing, jenes niederzuschreiben, was sich mir an Ärger und Frustration aufdrängte, was mir auf der Seele lag. Oft fühlte ich mich, damals noch mit spärlicher Leserschaft ausgestattet, mißverstanden und alleingelassen mit meinem Denken - so ist es heute noch oft, muß wohl so sein, ist das Brot desjenigen Zeitgenossen, der versucht ist, tagtäglich ein wenig seines Denkens in die Öffentlichkeit zu werfen; zumal alles Schreiben, auch wenn es sich größtenteils um Politisches handelt, immer auch ein Spiegelbild der Seele ist, ein Gradmesser der seelischen Verfassung des Autors. Dennoch fand ich nach und nach einen Zugang zu einer breiten Leserschaft, die mir treu hinterherliest, rege an Diskussionen und Gedanken teilnimmt, mir oft auch Anreize zu neuen Sichtweisen gibt, mich zu weiteren Artikeln motiviert.

Bis in den Mai 2008 hinein hatte ich kaum hundert Leser täglich, heute sind es knapp 1.000 Leser, die mich regelmäßig, d.h. jeden Tag, besuchen. Über 150.000 Leser im ersten Jahr von ad sinistram scheinen mir grandios - damit hätte ich vor einem Jahr nicht gerechnet, habe sogar zwischendrin immer wieder ans Aufhören gedacht. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass ich meinen Platz zwischen all den linken Bloggern und Oppositionellen gefunden habe, dass ich dazugehöre zur großen, aber im Hinblick auf das Monopol der Massenmedien, immer noch kleinen Gemeinde derer, die anschreiben gegen den Wahnsinn unserer Zeit.

In solchen Momenten drückt man seinen Dank aus, zählt alle Teilhaber am Jubiläum auf, macht sich kurz gesagt, zum kitschigen Affen, der ausgerechnet im Moment des Gedenktages Dank äußern muß. Bei einigen meiner Begleiter, die mich auch im privaten Miteinander, d.h. über andere Wege der Kommunikation, ertragen müssen, bedanke ich mich zwischendurch immer wieder, weil sie meine Zweifel, meinen Ärger, meine Niedergeschlagenheit ob der Zustände, aber auch meine manchmal überschwängliche Freude aushalten müssen. Andere wissen vielleicht gar nicht, wie wertvoll sie mir sind. Da ist Stefan, der mir gerade in der Anfangszeit dieses Projektes hilfreich zur Seite stand, den ich als Leser seines Blogs auch heute noch schätze; da ist Markus - der mir zum Freund wurde -, der mit seinen Wortanalysen ad sinistram bereichert und seit einiger Zeit selbst zum Blogger wurde; oder Kurt, der mit seinem fachlichen Wissen, aber auch mit seinen Computerkenntnissen, immer ein spannender Gesprächspartner ist; aber auch Inge, die immer wieder aufbauende Worte findet, trotz eigener Nöte immer wieder Mut faßt, aber auch das Gefühl der Resignation - gerade deswegen womöglich - kennt; da sind viele Blogger, die ich regelmäßig lese, allen voran Klaus Baum, Feynsinn, Thomas, Hartmut und die Entenheimer. Und natürlich, wie könnte ich sie hier vergessen, die Macher der NachDenkSeiten, die mich immer wieder, viel öfter als ich es je ahnen konnte, in ihren Hinweisen des Tages vermerkten, mir damit viel Publikum zuspielten, ad sinistram zu dem machten, was es heute ist. Dazu kommen noch diverse Gastautoren, die mir die Ehre erwiesen, ihre Beiträge bei mir anbieten zu dürfen. Und schlussendlich ist da noch ein Leser der ersten Stunde, der sich hier als Kommentator zwar selten betätigt, dafür aber immer wieder Rücksprache mit mir hält - auch Alexander sei damit gedankt.

Alle wie sie dastehen, und ich hoffe, mir ist keiner in der Eile des Tippens unter den Tisch gefallen, stärken mich immer wieder, geben mir stets die Gewissheit, dass es - trotz immer wieder auftretenden Zweifels - nicht umsonst ist, was ich hier tue. Sie befruchten mein Denken, helfen einem wieder aufzustehen, wenn man den ganzen Irrsinn nicht mehr ertragen zu können meint, sind mir im letzten Jahr, jeder auf seine Weise, lieb geworden. Vielen Dank dafür.

Ein spezieller Dank sei an all die Leser gerichtet, die mich jeden Tag aufs Neue besuchen, die meine laienhaften Versuche erdulden, mich antreiben, weil ich weiß, dass mancher neuen Zeilen aus meiner Feder harrt. Mich treiben kein Gehalt, kein Vorgesetzter, keine ökonomischen Zwänge zum Schreiben - was mich antreibt ist, wie wohl jeden Schreibenden, die Anerkennung einer Leserschaft. Wenn Ihr nicht wäret, ad sinistram gäbe es sicher nicht mehr!

Ein Jahr ad sinistram, ein Jahr voller Ärgernisse, über die es sich zu schreiben lohnte. Auch wenn das Schreiben eine Passion ist, wenn das "literarische" Ausformulieren unerträglicher Zustände mehr als nur notwendiges Übel ist, nämlich eine ästhetische Form des Protestes, Laienkunst vielleicht sogar, so würde ich mir immer noch eine Welt wünschen, in der ad sinistram unnötig wäre - dann gäbe es immer noch Dinge, über die es sich zu schreiben lohnte, Dinge die unser Leben wirklich dominieren sollten, schöne Dinge, freudige Dinge, Dinge des Herzens, nicht des ökonomischen Kalküls, nicht Dinge der Machterhaltung oder der Niedertracht. Solange es aber noch nötig ist, über den Misthaufen zu schreiben, den wir unsere Welt nennen, solange wird hier geschrieben werden - und wenn nicht hier, dann andernorts. Doch solange es so ist, wie es ist, werde ich nicht über die Zuckerschleckereien des Lebens schreiben können, über banale Freuden bürgerlichen Zuschnittes, die alle innerhalb einer falschen Welt geschehen - alles zu seiner Zeit. Und derzeit ist noch immer die Zeit des Protestes, der Opposition angesagt - leider!

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Der Moslem stirbt aus eigener Schuld

Freitag, 2. Januar 2009

Während im einen Teil der Welt Raketen der Lebensbejahung gen Himmel geschossen wurden, die das neue Jahr, das Leben innerhalb dieses neuen Jahres, freudig begrüßten, wurde Gaza mit Raketen der Lebensverneinung eingedeckt, wurde das Leben so wie es dort gelebt wird, für verneinens-, das heißt ermordenswert bewertet. Die politische Korrektheit, mit der man in der westlichen Hemisphäre oftmals solchen Geschehnissen begegnet, fand sich bisher noch nicht ein, um dem Morden an unschuldigen Menschen zu gedenken - während das Attentat auf das World Trade Center geradezu von jedem Bürger abverlangte, seine Solidarität anhand zur Schau gestellter Trauer zu präsentieren, wird das Morden an solchen, die vom westlichen Standpunkt aus, immer mehr zu Untermenschen degradiert werden, ignorant geduldet.

Die Masse duldet den Mord, nimmt ihn nicht wahr. Sie soll ihn aber wahrnehmen. Deshalb schicken sich die Massenmedien an, darüber zu informieren. Das eine oder andere Medium mag seiner Aufgabe auch ehrenvoll nachgehen - Diekmann und sie Seinen tun es nicht. Kaum dass Bomben das Leben vieler unbescholtener Menschen beendeten, erklärte BILD den Lesern, warum so viele Moslems Israel auf den Tod hassen. Alleine die Fragestellung offenbart die Vereinfachung und Verknappung der Problematik, denn Moslem ist nicht Moslem und es finden sich in der moslemischen Welt viele Staaten, die sich weniger von Israel, als vom schiitischen Iran bedroht fühlen. Aber ganz abgesehen davon, dass die Fragestellung darauf abzielt, den Moslem an sich zu diffamieren: Es hagelt einen tödlichen Regen auf Palästinenser, auf Moslems also, aber gleichzeitig wird erklärt, warum es Moslems sind, die so abgrundtief hassen - eine Verkehrung der Realitäten, ein Umdrehen der tatsächlich vollzogenen Morde, die die Verantwortung abstreiten sollen! Das Opfer ist schuld, weil es den Täter zur Tat nötigt - im Dritten Reich war es üblich, den Antisemitismus vieler Menschen damit zu entschuldigen, dass nicht der Antisemit schuld ist an seiner Abneigung, sondern der Jude selbst, der mit seinem Verhalten quasi Antisemiten heranzüchtet. Wer so argumentiert betreibt Verdummung, legitimiert Mord und ist, das muß so deutlich gesagt werden, bereits Mörder im Geiste - ein Mörder, der nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben braucht, weil er ja nicht mordet aufgrund seiner Bösartigkeit, sondern weil ihn das Opfer dazu gereizt, ja geradezu herausgefordert hat.

Nun wird der eine oder andere meinen, dass die BILD-Zeitung von jeher auf Seiten Israels stand - und mancher findet diesen Umstand sogar der Honoration wert. Doch Parteilichkeit bei einem Massenschriftstück, welches von sich selbst behauptet, es sei Teil der deutschen Medienkultur, ist nicht zu dulden, gar nicht - im Sinne des Wortes - möglich. "Medium" ist ein lateinischer Begriff, der so viel wie "Mitte" oder "Mittelpunkt" bedeutet. Das Medium ist also der Mittelpunkt zwischen den Informationen und denen, die diese Informationen erhalten sollen - im Falle der BILD-Zeitung, die Leser. In der Mitte steht die Zeitung, die aufgreift was sich an Informationen anbietet, um es den Lesern bekanntzumachen, zu ver-mitteln. Das Medium ist also Vermittler, nicht Gestalter, nicht Deuter, nicht Meinungsmacher - wer aber doch deutet, wer Informationen um eigene Interpretationen anreichert, sie dem Leser als scheinbar objektive Information weitergibt, die aber nicht mehr objektiv ist, weil verschiedene Interpreten daran herumgefeilt haben, der ist nicht mehr Medium, nicht mehr Teil der Medienlandschaft, sondern Kampfblatt und Propagandamaschine.

Das geschieht nicht nur bei der BILD-Zeitung, aber in solch großem Stil, bei solch mörderischen Themen wie einem Krieg, bei dem sich eigentlich nur humane Kollateralschäden verzeichnen lassen, gibt sich kaum jemand so dreist der Meinungsmache hin, wie das Blatt Diekmanns. Diesen Umstand zu dulden, ihn gar zu honorieren, ist eine Verkehrung des Aufgabenfeldes der Medien, eine stille Absegnung aller Verdummungen, Verdrehungen, Propagandaschnippchen die seit Jahren unsere Medienlandschaft vergiften.

Als vor Jahren Möllemann meinte, dass Herr Friedman mit seiner Arroganz und Überheblichkeit dazu beitrage, dass in diesem Land der Antisemitismus neu aufblüht, da hat die BILD auf Möllemann eingedroschen - zurecht, denn das Verhalten Friedmans sollte nicht mit allgemeiner Judenfeindlichkeit in Verbindung gebracht werden. Wer käme schon darauf, nur weil ein Deutscher einen Geldbeutel stiehlt, alle Deutschen als Räuber, als ein Volk von Dieben zu bezeichnen? Nun betreibt die BILD das gleiche Geschäft von der anderen Seite. Die Opfer, die zeitgleich noch bombardiert werden, werden zu Tätern umgedeutet, weil sie ja angeblich Israel so sehr hassen - dies soll den Mord rechtfertigen, der derzeit begangen wird. Und so besehen ist das Töten von Palästinensern kein Kriegsakt, sondern ein Friedenseinsatz...

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Nomen non est omen

Donnerstag, 1. Januar 2009

Heute: "(Wirtschafts-)Wachstum"
"Mehr Wachstum bekommen wir nur hin, wenn wir ohne Lohnausgleich wieder mehr arbeiten. Es ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen, wenn ein top ausgebildeter Ingenieur nur 38 Stunden pro Woche arbeitet."
- Henning Kargermann, Manager, SAP auf wirtschaftszitate.de -


"[...]Wachstum erhöht den Lebensstandard der Bevölkerung, schafft Arbeitsplätze, kann soziale Konflikte besser lösen helfen [...]"
- aus dem Online-Lexikon der INSM -

Deskriptiv definiert bezeichnet der Begriff den zeitlichen Anstieg einer bestimmten Messgröße. Hierbei wird in verschiedenen Wachstumsarten, wie z.B. linear, expotentiell oder beschränkt unterschieden. In der Biologie ist das Schlagwort, sowie sein Gegenteil die Schrumpfung bzw. der Zerfall, die Grundeigenschaft des Lebens. Auch findet keine positive oder negative Wertung des Begriffs statt. Schließlich können neben Pflanzen auch Krebsgeschwüre oder andere Krankheiten wachsen. Er bezeichnet hier also nur den Zustand bzw. den Prozess als solches. Anders sieht es in den Wirtschaftswissenschaften aus, die diesen biologischen Terminus neu besetzt haben.

Das Wort "Wirtschafts-Wachstum" ist in unserem Sprachgebrauch ein sogenannter Soll-Begriff. Neben seiner deskriptiven Bedeutung, nimmt er eine auffordernde und befürwortende Stellung ein – besitzt somit eine positive deontische Bedeutung. Die biologistische Herkunft des Terminus soll zugleich suggerieren, dass Wirtschaftswachstum, sprich: der Kapitalismus, ein natürlicher Vorgang sei. Und weil der Begriff so schön positiv konnotiert ist, spricht man auch nicht von einer Schrumpfung der Wirtschaft, sondern vom sogenannten "negativen Wachstum". Quer durch alle Parteien und Lager hinweg, wird das Wirtschaftswachstum einhellig als Lösung vieler Probleme propagiert. Dabei sind die Ressourcen und Märkte der Erde begrenzt, wie Elmar Altvater schon vor Jahren in "Grenzen der Globalisierung" aufgezeigt hat.

Man könnte auch naiv fragen, warum wir eigentlich ein stetiges Wirtschaftswachstum brauchen? Wäre ein Großteil der Menschen nicht zufrieden und glücklich, wenn sie ihre Grundbedürfnisse auf gleichbleibendem Niveau gesichert und gedeckt wissen? Die immer wiederkehrende Propaganda, dass es den Menschen bei steigendem Wohlstand besser gehe, trifft nur auf eine Minderheit zu. Schon heute könnte die ganze Welt ernährt werden und niemand müsste hungern. Nahrungs- und Produktionsmittel, um dies zu bewerkstelligen sind ausreichend vorhanden. Trotzdem hungern weltweit über 850 Millionen Menschen. Das entscheidende Problem ist insofern nicht das vermeintlich mangelnde Wirtschaftswachstum, sondern die weltweite Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums.


Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Die erste Gelegenheit des Jahres

Es war erst einige Minuten nach 0:00 Uhr - die Mehrzahl der Raketen war bereits verschossen, Sektgläser geleert, andere wieder aufgefüllt, Menschen die sich gerade, obwohl sie sich bis kurz vor Jahreswechsel noch gänzlich fremd waren, in den Armen lagen, wendeten sich nun voller Abscheu ob der spontanen Fraternisierung vom Nebenmann ab, gingen wieder zur Normalität über, die sich freilich noch mit Guter-Laune-Musik garnieren ließ; kurz: es war also einige Minuten nach Jahreswechsel, da die ersten medialen Einschwörungen auf einen gemeinsamen Kurs vollzogen wurden.

Nun, da die Masse noch im Freudentaumel lag, da positive Gedanken und zwischenmenschliches Sichbetatschen noch die Sinne betrübte, da wurden die ersten Botschaften verkündet - keine tiefgreifenden Einsichten freilich, nur eine Art Verhaltenskodex für das noch junge Jahr, für das, was es uns bringen wird. Ein Verhaltenskodex mit dem man in der Stunde feierlicher Ausgelassenheit auf Du und Du stand, den man als weise Erkenntnis zwischen all der oberflächlichen Hysterie wahrnehmen mußte, weil es in jenem Moment eben so sehr an Besonnenheit fehlte. Und wer da als "Weiser des Jahreseinstiegs" auftrat, waren nicht Politiker, sondern ordinäres Fernsehpersonal, welches die erstbeste Gelegenheit nutzte, um eine Positivstimmung zu erzeugen, die doch - so hoffen sie - das ganze Jahr über irgendwie anhalten möge.

So zappte man kurz durch die TV-Lande in jenen Minuten nach 0:00 Uhr, vernahm das ekelerregende Verbalerbrechen der trunkenbeglückten Moderatoren und fragte sich, was dieses künstliche Gegrinse und Sichfreuen eigentlich bezwecken sollte. Einer dieser Ewiggrinsenden meinte dann voller Elan, dass das Wort "Finanzmarktkrise" für ihn nicht mehr existiere, dass er es in 2009 nicht benutzen würde und, wenn wir es ihm alle ihm nachmachten, die Krise gar nicht Herr über uns werden könne - die Devise des Jahres lautet also: Optimismus auf Teufel komm' raus! Der drohenden Verelendung einfach grinsend begegnen! Sie ignorieren!

Kaum dass die Uhr auf Januar gesprungen ist, schon wird das Medium Fernsehen mißbraucht, um eine Botschaft in die Lande zu schicken, die für eine große Anzahl von Menschen wie blanker Hohn klingen muß. Jemand wie jener, der mit Mikrofon im Herzen Berlins steht, um über das Lallen und Gröhlen der Feiernden zu berichten, der zudem immer wieder irgendwelche belanglosen Sendungen öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten leiten darf, kann mit beschwingter Leichtigkeit von einem Optimismus fabulieren, den viele Menschen aufgrund grassierender Bedrückung gar nicht entwickeln können. Kaum ins neue Jahr eingetreten, wird die erste Gelegenheit genutzt, um sinnfreie Phrasen, Plattitüden und "Kampfparolen von der großen Einheit" unter das Volk zu bringen. Die Minuten nach dem Silvesterabend sind die erste Gelegenheit des Jahres, die personifizierten Sprachrohre des öffentlichen Diskurses, mit allerlei unpolitisch wirkenden, aber hochgradig politischen Plattheiten in die Wohnzimmer dieser Republik hineinpalavern zu lassen: Jetzt schauen ja alle zu, jetzt müssen sie sich es anhören, jetzt, da sie vor Freude und Leutseligkeit übermannt sind, könnte sogar im Gedächtnis irgendwas davon hängenbleiben.

So war es 2006, als man drei Minuten nach 2005 anfing, die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland zu Maßstab allen Handelns zu küren. Da entblödeten sich allerlei Neujahrsberichterstatter nicht, eine Siegermentalität für jedermann einzufordern - so wie die deutsche Nationalelf mit Engagement und Kampfeswille den Titel holen würde, so müßte jeder Bürger kämpfen und sein Bestes tun; so war es auch, als das Jahr 2007 eintrat und das Elterngeld gefeiert wurde, kaum dass der Sekt ausgeschlürft war - als man aus Krankenhäusern berichtete, jubelierende Eltern erblickte, die die ökonomische Weitsicht ihres zur Welt kommenden Nachwuchses feierten, weil dieser sich entschloss, noch einige Minuten zu warten, damit die Eltern später Elterngeld anstatt des alten Erziehungsgeldes beziehen können. Dass letzteres für jemanden aus den Unterschichten sich finanziell besser rechnete, wurde damals nicht erwähnt - wird auch heute noch nicht medial dargelegt, denn das Elterngeld gilt als "moderne Einrichtung des Sozialstaates".

Kaum hat das Jahr 2009 begonnen, da war schon wieder Kampagnenjournalismus am Werk. Vielleicht nicht so wohlkalkuliert wie in Inszenierungen, die wir als politische Diskussionsrunden gereicht bekommen, aber doch im Kern ebenso dreist, ebenso auf Stimulation bürgerlicher Unbedarftheit ausgerichtet. Wer im gänzlich durchorganisierten Fernsehbetrieb glaubt, der Berichterstatter eines solchen Ereignisses würde frei verkünden dürfen was er will, der hat sich ein reines Herz, einen ungesunden Schuss Naivität bewahrt. Man wird demjenigen schon grob erklärt haben, in welche Richtung die Stimulation zu gehen habe, auf was einzuschwören sei - in eigenen Worten dürfe man das dann schon packen - man sei schließlich Teil der freien Medienlandschaft -, aber der Inhalt, die Botschaft muß erkenntlich, muß leicht zu deuten sein. Man dürfe sich ja schließlich die erste Gelegenheit des Jahres nicht entgehen lassen! Aber ob das Sprachrohr am Mikrofon etwas von dieser Gelegenheit weiß, die er als Werkzeug seines Arbeitgebers auszunutzen habe, darf bezweifelt werden...

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Es wird wieder gegüllnert!

Dienstag, 30. Dezember 2008

Sprachen neigen dazu, bestimmte Verfahren, die man an einer Person oder einer Örtlichkeit festmacht, mit bestimmten Verben auszustatten. So wurde aus der Belagerung und späteren Ermordung halb Magdeburgs (1631), ein neues Wort ersonnen, welches in sich alles beinhalten sollte, was an Grausamkeiten und Leid jene Stadt ertragen mußte. "Magdeburgisieren" - (Damals war die französisch geprägte Endung "-isieren" im Deutschen höchst modern.) - sollte fortan gebräuchlich werden und wer dieses Wort vernahm, der wußte was der Aussprechende damit meinte. Technische Verfahren nahmen ebenso den Namen des Erfinders oder geistigen Vorvaters auf, wie beispielsweise das "Galvanisieren", welches sich vom Nachnamen des Artzes Luigi Galvani ableitete. Die Schweden wenden eine solche Namengebung an, wenn ein Journalist sich in einen Betrieb oder eine Organisation inkognito einschleust, dort schauspielerische Qualitäten an den Tag legt, nur um das Erlebte danach aufzuschreiben - "wallraffen" nennt man diesen Vorgang, in Anlehnung an Günter Wallraff, dem eine solche Ehre in seinem Heimatland bis dato noch nicht widerfahren ist.

Ein neues Verfahren, das freilich so neu nicht ist, schon seit Jahren praktiziert wird, aber in dieser Art und Weise vielleicht nie so ungeniert betrieben wurde, ist folgendes: Als Meinungserfasser bezieht man klare Stellung im öffentlichen Diskurs, urteilt über die meinungstechnisch zu beurteilenden Kandidaten diverser Parteien, mischt sich ein in deren Kandidatenernennungen, gibt den Parteien Hinweise und Winke, wie sie erfolgreicher eine Wahl gewinnen können, wird - um es kurz zu sagen - vom Meinungserfasser zum Meinungsmacher. Dieses Verfahren, welches höchst neutral wirken soll, aber in Wahrheit natürlich parteiisch ist, nennt sich "Güllnern" - und es wird gegüllnert seit Jahr und Tag, manchmal versteckt hinter dem angeblichen Meinungsbild der Bevölkerung, oft aber ganz direkt und unverblümt, wenn der Namensgeber selbst ins Geschehen eingreift und immer dreister seine Güllnerungen in den Ring des politischen Nonsenskonsens wirft.

Einen dieser unverblümten Fälle ließ der Namensgeber Manfred Güllner, Gründer und Geschäftsführer des Forsa-Institutes, kürzlich durch den Blätterwald güllnern. Der Spitzenkandidat der SPD, der in der Landtagswahl 2010 in Schleswig-Holstein antreten soll, sei ein "Kotzbrocken" und sollte daher ausgewechselt werden. Das mag auch sein, vielleicht ist Ralf Stegner - so der Name des Spitzenkandidaten - wirklich ein Kotzbrocken - aber ob das alleine ausreicht, um einen Meinungserfasser derart zum Meinungsmacher zu erheben? Immerhin, das darf nicht unberücksichtigt bleiben, spricht sich Stegner gegen die Kontroll- und Erfassungspolitik Schäubles aus, nebenher plädiert er für die Freiheit der sozialdemokratischen Landesfraktionen, ein Bündnis mit der LINKEN eingehen zu dürfen, wann immer es aus machtpolitischen Gründen sinnvoll erscheint. Und genau dort liegt vermutlich der Hund begraben, denn der Schröderianer Güllner, ausgewiesener Agenda-Freund und damit Anhänger konservativer Sozial- und Wirtschaftspolitik, kann in Stegner, einem liberaleren Exemplar der deutschen Sozialdemokratie - was ihn sicherlich noch nicht zum Linken macht -, keinen verwandten Charakter erkennen, schon gar nicht eine Persönlichkeit, die die SPD in Zukunft prägen sollte.

Güllner hat schon oft durch die Lande gegüllnert. Doch derart offensichtlich und plump, war es schon lange nicht mehr - wenn es überhaupt jemals derart primitiv vonstatten ging. Jemanden, der auch nur den Hauch linker Ambitionen verströmt, quer durch die Gosse als "Kotzbrocken" zu bezeichnen und sich dann auch noch auf die angebliche Meinung der Bevölkerung zu stützen, damit diese fadenscheinige These auch eine Grundlage hat, darf getrost als Verfahren betrachtet werden, welches in dieser platten Dreistigkeit noch nicht gegeben war. Der ungeliebte Kandidat ist ein also Kotzbrocken - so einfach geht Meinungserfassung heute! Womöglich sieht sich Güllner nur als Retter der Sozialdemokratie, weil er eine zweite "Affäre Ypsilanti" verhindert wissen will - er tut es folglich nur aus Parteivernunft. Und natürlich um des schröderianischen Erbes willen! Für solche hehren Motive ist das Güllnern natürlich legitim...

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Alles wird gut

Nachdem von mir geschätzte Kollegen es wagten, einen Blick in die Zukunft zu werfen, möchte ich in kurzen Worten kundtun, welche Entwicklungen ich im kommenden Jahr für weiterhin aktuell halte, welche ich sogar in verschärfter Form befürchte. Es dürfte sich im Wesentlichen um drei Punkte halten, die auch das Jahr 2009 dominieren werden. Die nun folgende kurze Auflistung soll im Vollbesitz aller optimistischen Kräfte präsentiert werden.
  • Die Große Koalition wird auch 2009 weiterbestehen. Schlimm genug, denkt man sich, wenn im Bund weitere vier Jahre nur eine Opposition auf Sparflamme stattfinden soll, die zudem immer dann mit der Großen Koalition kollaboriert, wenn man auf ein wenig Gegenwehr gegen die chronische Zweidrittelmehrheit hofft - zumindest betrifft das die FDP und die Grünen häufig. Es wird aber wahrscheinlich noch schlimmer kommen, denn alle vier anstehenden Landtagswahlen könnten mit erneuten und neuen Großen Koalitionen enden; könnten beispielsweise sogar im Saarland eine Große Koalition neben einer starken LINKEN zum Resultat haben, und in Sachsen als Minivariante mit knapper Absolutmehrheit wahr werden. Die Große Koalition wird dort wo sie schon ist bleiben und auch in noch unverschonten Bundesländern in Serie gehen.
  • Die sogenannte Finanz- und Wirtschaftskrise wird Massenelend erzeugen. Beileibe keine umwerfende Neuigkeit, denn Elend gibt es heute schon als Massenfabrikat - aber die Masse vergrößert sich, wird sinnbildlich zum schwarzen Loch. Es werden Massen relativ verelendet sein, aber keiner bekommt es mit, weil das Elend in den Medien schön- oder weggeredet wird. Probleme wird es machen, dass kein großes Fußball-Turnier ansteht, während dem man mit deutschen Flaggen allerlei Ungerechtigkeiten kaschieren kann - aber die Einheitsfront der vermeintlichen Berichterstattung wird Mittel und Wege finden, von den Nöten und Sorgen abzulenken. Und wenn alles nichts hilft, dann erklären uns solche, die es nicht wissen können, weil sie nie in Not lebten, dass letztendlich alles nicht so schlimm sei.
  • Und damit wären wir eigentlich schon beim dritten Punkt angelangt: Die Medien werden 2009 noch banaler, noch oberflächlicher, noch verblödender berichten. Auch wenn man es nicht für möglich hält: Manipulationspotenzial gibt es noch ausreichend, weitere Mechanismen zur gezielten Desinformation sind sicherlich nicht schwer zu finden und umzusetzen.
Wie gesagt, dies alles im Vollbesitz optimistischer Kräfte. Schließlich könnte es auch noch schlimmer kommen! Aber wer will sich die Feierlichkeiten zum neuen Jahr - dieses Hochleben menschlicher Gabe, sich einen Kalender ausgedacht zu haben - schon mit Pessimismus vermiesen lassen? Wahrlich, es könnte schlimmer kommen. Und wenn es 2009 schon nicht schlimm kommt, so bleiben noch viele, viele andere Jahre. Wenn es 2009 so positiv kommt, wie in den drei Punkten nur vage angedeutet wurde, dann gibt es immer noch ein 2010, in dem es schlimmer kommen könnte und wird - als ausgleichende Gerechtigkeit quasi. Und wenn es 2009 doch viel böser kommt, als wir Berufsoptimisten glauben, dann kann man realistischerweise hoffen, dass es 2010 wenigstens etwas besser wird. Irgendwann ist man so tief, dass es nur noch aufwärts gehen kann. Wir sollten nicht vergessen, dass wir im Zeitalter des think positive leben - man muß nur den Mut haben es auch umzusetzen...

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Am Heldensyndrom erkrankt

Montag, 29. Dezember 2008

Es ist ein altes Motiv aus der Literatur; später griff es die Filmindustrie auf, um damit manche Tragödie zu bereichern. Womöglich ist es ratsam, einen dieser Film herauszuheben, um deutlich zu machen, von welchem Motiv die Rede ist; hierzu ist eine kurze und bündige Inhaltsangabe empfehlenswert. Es handelt sich um den US-amerikanischen Thriller "Kopfgeld" aus dem Jahre 1996. (Dieser Film ist dabei nur beliebig ausgewählt, soll nur das Motiv erklären, mehr nicht.) Der Sohn einer wohlhabenden Familie wird entführt, die Entführer fordern 2 Millionen Dollar Lösegeld. Der Vater, gespielt von Mel Gibson, entschließt sich daraufhin, die geforderte Summe zu bezahlen - doch die Geldübergabe scheitert. Nun entschließt sich der Vater zu einem außergewöhnlichen Schritt: Er tritt im Fernsehen auf, vor ihm liegend das gesamte Lösegeld, und erklärt den verdutzten Zuschauern, dass derjenige, der den oder die Entführer tot oder lebendig ausliefert, das ursprüngliche Lösegeld als Kopfgeld erhalten soll.
Soweit die Vorgeschichte, nun nähern wir uns dem besagten traditionellen Motiv aus der erzählenden Kunst: Die Entführerbande läuft natürlich Amok, denn jeder hat Angst, dass er von einem anderen Bandenmitglieder ans Messer geliefert wird. Der Kopf der Gruppe, der im zivilen Leben Polizist ist, tötet sämtliche Mittäter und liefert den Jungen beim Vater ab. Er gebärdet sich als der Held der Stunde, der zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war, um die Entführer zur Strecke zu bringen. Deswegen habe er sich das Kopfgeld redlich verdient, weil er "pflichtgemäß" die Entführer tot ausgeliefert hat. Aus dem Entführer wird also plötzlich ein Held, der Held schlechthin, auf den die gesamte Gesellschaft wohlwollend blickt, ein couragierter Polizist eben, kein "korrupter Bulle" - das ist das erläuterte Motiv.
Der Ausführlichkeit halber sei noch erwähnt, dass der vermeintliche Held enttarnt wird, schließlich handelt es sich um einen Hollywoodfilm, in dem happy ends immer noch gern gesehen sind - er wird sogar in einem Showdown erschossen, wie gesagt: ein Hollywoodfilm eben. Und dass der Film suggeriert, erst die Ausschüttung eines kleinen Reichtums würde bewirken, dass Menschen zum Guten animiert würden, soll uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren.

Vielleicht wäre es sinnvoll, das Motiv etwas abstrakter zu rekapitulieren. Eine Person, die einen Mißstand, einen Skandal, eine Tragödie bewirkt, einen Zustand also, an dem Menschen leiden müssen, eine Person die offensichtlich das Falsche tut, erkennt ihre letzte Ausflucht darin, die Position des Schandtäters zu verlassen, um die direkte Gegenposition einzunehmen. Sie wird urplötzlich - aus pragmatischem Antrieb heraus, weil sie vielleicht kurz vor der Enttarnung steht oder einfach den Druck nicht mehr ertragen kann - zur anderen Seite, zum diametral Entgegengesetzten, scheint sich mit denen, die unter seinem Tun litten, zu solidarisieren. Aber nicht nur dies: Die Person wird aktiv, solidarisiert sich nicht nur, sondern greift positiv ins Geschehen ein, rettet Menschen aus ihrer Misere, wird zur Heldengestalt, weil sie qua der Gewissheiten, die sie vormals als "verbrecherische Person" hatte, genau weiß, wo sie anzusetzen hat, weil sie weiß, wie man den von ihr erwirkten Mißstand beheben kann. Aus dem Peiniger wird der Held, aber nur, weil er in weißer Weste begutachtet wird, weil das Publikum nicht weiß - noch nicht weiß -, dass er es war, der das ganze Spektakel inszeniert hat.

Wie immer, ist auch dieses literarische Motiv durch die Realität beseelt, nicht einfach frei aus dem Gehirn eines Schriftstellers entsprungen. Selbst der phantasievollste Schreibende kann solche Motive nicht lediglich durch seine Geistesleistung entfalten, sondern muß Anleihen im wirklichen Leben machen. Das oben dargelegte Motiv fand sich, so kann man annehmen, schon in früheren Realitäten immer wieder; und selbst heute noch: so hat man schon oftmals der Presse entnommen, dass es Menschen geben soll, die einen Brand nur deshalb legen, um danach die Hausbewohner heldenhaft zu erretten. (Was in einem solchen Falle Geltungssucht ist, ist im Falle des Films "Kopfgeld" die Gier, der Hunger nach Geld - und damit wahrscheinlich nur verkappte, schön kaschierte Geltungssucht.) Außerdem ist es zudem ein höchst politisches Motiv, denn immer wieder wird uns deutlich - heute mehr denn je -, dass dieses Heldensyndrom den politischen Diskurs bestimmt. Aktuell läßt sich das beispielsweise am Falle Köhlers festmachen, der sich heute durch Reden an das Volk als Herr der Vernunft aufspielt, aber vormals fleißig und unvernünftig an der Aufreibung der staatlichen Rente mitgewirkt hat. Oder da wären Steinbrück und Merkel, die nie scheu waren, von den Selbstheilungskräften des Marktes zu sprechen, die so taten, als würde der Rückzug der Politik innerhalb der Wirtschaft dazu führen, dass es letztendlich mehr soziale Gerechtigkeit für alle gäbe - und nun lassen sie sich, via Axel-Springer-Konzern, als die großen Retter in den Fluten der Finanz- und Wirtschaftskrise feiern, tun so, als hätten sie keine Mitschuld an dem, was da nächstes Jahr noch folgen mag, wähnen sich stattdessen als Heroen des Volkes.

Und noch ein aktueller Fall läßt in diesen Tage die Diagnose "Heldensyndrom" zu. Ziehen wir hierzu nochmals die Rollenverteilung des oben erklärten Hollywoodfilms heran. Da ist zunächst der Sohn, der entführt werden soll - in der Realität übernimmt derzeit jener veraltete Zeitgeist diese Rolle, der seit Monaten und Jahren verleugnet wurde, der noch an Demokratie hing, an wirtschaftlicher Teilhabe aller Menschen, an der Mitbestimmung in den Betrieben, der einen Politikwechsel zugunsten mehr sozialer Gerechtigkeit forderte. Verkürzen wir es: Es ist das Gute, zumindest aber das Erstrebenswerte, was in der Sohnesrolle ausharrt. Vielleicht können wir es auch "nächstenliebende Vernunft" nennen. Und dann haben wir den Entführer, den auf Abwegen geratenen Polizisten, den wir mit Bischof Wolfgang Huber besetzen werden.
Da ist nun also der Entführer Huber, der das Erstrebenswerte, die "nächstenliebende Vernunft" seit Jahren verleugnet und damit den Menschen, die dies nötig gehabt hätten, geraubt hat. Mittels diverser Streit- und Denkschriften, Auftritten in politischen Quatschrunden und allerlei Predigten ging er seinem dreisten Handwerk nach, tat so, als gäbe es eben dieses Erstrebenswerte gar nicht mehr, weil die äußeren Zwänge dazu geführt hätten. Aber nun, da er plötzlich merkt, in eine Außenseiterposition geraten zu sein, da der Druck auf ihn zunimmt, weil die "nächstenliebende Vernunft" in Zeiten sich vergrößernden Elends wieder im Trend liegt, da läßt er seine ehemaligen Positionen ruhen, schwingt sich zu neuen Heldentaten auf, mahnt an Weihnachten das zu Fleisch gewordene Synonym für entfesselte Gier - Ackermann - an, und meint, er sei der große Held am Himmel sozialer Gerechtigkeit.

Die Frage wird nun sein, ob seine Schäfchen und solche, die er auch trotz fehlendem Schäfchen-Status medial belästigt hat, dieses falsche Heldentum erkennen werden. Sie müssen ihn ja nicht erschießen, wie den "heldenhaften" Polizisten im Film, aber abschießen dürften sie ihn schon. Huber hat sich mit seinen Äußerungen so sehr von den Ursprüngen christlicher Glaubenslehre entfernt, hat - um es kirchengeschichtlich zu sagen - vom Geldbeutel des Jesus Christus theologisiert, während diejenigen, die im christlichen Glauben noch etwas wie eine jesuanische Liebeslehre erkannten, klarmachten, dass der Nazarener keinen Geldbeutel besaß. Innerhalb seines Protestantismus', der im deutschen Bürgertum schon immer als Basis des Kapitals anzusehen war (Max Weber), mag sein Verhalten gar nicht sonderbar erschienen sein, sondern schlüssig und sinnvoll - aber das, was die Schäfchen seiner Kirche eigentlich brauchen würden, nämlich Rückhalt, einen Streiter für soziale Gerechtigkeit, eine Jesusdeutung, die jenen als Revolutionär begreift, als jemanden der nicht hinnahm, sondern Reformen und Liebe predigte, dazu hat er - Huber - sich nie bekennen wollen. Der heldenhafte Huber gehört zum Teufel gejagt - weil er von selbigen predigte und ihm dabei auch noch einen Heiligenschein aufsetzte, um ihn "Gott" nennen zu können. Und weil er sich nun Gestalten wie Ackermann herausgreift, um sein eigenes fades Menschenbild, das er Jahr und Tag predigte, vergessen zu machen.

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