Lösch deinen Account und hör auf den Hofnarren zu spielen!

Samstag, 12. April 2014

Ich werde euch keinen Namen nennen. Nicht jetzt und nicht auf Nachfrage. Das geschieht aus Loyalität. Was ich sagen will, kann auch namenlos gesagt werden.

Boethius prägte in seinem »Trost der Philosophie« ein Zitat, das mir neuerdings immer einfällt, wenn ich bei dieser hier namenlosen Person in der Facebook-Pinnwand stochere: »Si tacuisses, philosophus mansisses.« (»Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben.«) Facebook und Konsorten bedeuten viel in diesen Tagen. In der Serie #Aufschrei der Dummheit schreibe ich manchmal davon. Über Klick-Aktivisten, Banalisierung und asoziale Vernetzung gibt es einiges zu berichten. Eines kommt dieser Tage für mich und sicher auch für andere noch hinzu: Es gibt Leute, die wir Linken verehrt, die wir als Koryphäen des linken politischen Spektrums geachtet haben, und die sich just in dem Moment entzaubert haben, da sie via Facebook in unser tägliches Leben traten. Als Figuren in den alten Medien flößten sie uns Respekt ein - in der Echtzeit der Social Media jedoch enttäuschen sie uns.

Mir geht es vor allem um eine Person. Was habe ich ihre Bücher geliebt. Sie verschlungen. Neue Bücher sofort erstanden. Auch damals, als mir der Regelsatz kaum Spielräume für Buchkäufe ließ. Ich sah sie in politischen Talkshows. Bei Plasberg, Illner und Maischberger, später auch bei Lanz und im österreichischen Fernsehen. Sie machte meist eine gute Figur. War beredt, frech und hatte Fakten und Argumente zur Hand. Diese charmante Unmanierlichkeit gefiehl mir immer sehr an ihr. Ihre Meinung war fast immer meine Meinung. Wie sie den Gauck in einer dieser Talkshows kritisierte! Mit welcher Verve! Diese Lebhaftigkeit mochte ich an ihr. Vor Jahren saß die Person mal mit einigen Frauen (unter anderem Nina Hagen) zusammen in einer Runde. Es ging um den alten Traum der Feministinnen: Eine Frau an der Macht. Und damals kam in Deutschland gerade eine Frau dorthin. Sie ist es bis heute geblieben. Sie aber sagte, das Weibliche sei kein Kriterium. Da müsse schon mehr kommen. Dann wedelte sie einfach weiter unbeeindruckt mit einem Fächer vor sich hin.

Lange ist sie schon dabei. In den letzten zehn, zwölf Jahren kam sie mir näher, obwohl sie schon Jahre vor meiner Politisierung politisch war. Sie blieb es bis heute - wenn auch im kleineren Rahmen. Sie blieb gefragt. Man wollte wissen: »Wie war das damals mit der Parteigründung, an der sie beteiligt war? Und wie sehen sie die Partei heute?« Man holte ihre Meinung ein. Für die Konservativen, damit sie was zum Pikiertsein hatten - bei uns Linken, weil sie was zu sagen hatte. Und was sie zu sagen hatte! Soziologisch betrachtet war sie richtig gut. Ist sie es bis heute noch. Sie kritisiert den Kapitalismus angemessen. Vielleicht manchmal zu polemisch. Aber verdammt, das muss gelegentlich sein in Zeiten, da man Aufmerksamkeit nur noch erlangt, wenn man aus der grauen Masse heraussticht.

Und dann landete diese Person, deren Namen ich hier und heute nicht nenne, bei Facebook. Sie könne sich nicht mehr verweigern, schrieb sie. Über diese These kann man streiten. Ich freilich nicht - bin ja selbst dabei. Bin nicht glaubwürdig. Aber dort ist sicher nicht alles schlecht. Aber darum geht es ja gar nicht.

Anfangs empfahl sie noch ihre Bücher und meldete, dass sie heute da und morgen dort sei oder bei irgendeiner Pappnase im Studio saß, dem Mainstream Paroli bot. Irgendwann entdeckte sie, dass sie ihre »Freunde« auch agitieren konnte und fing an zu erziehen. »Lest den nicht!« und »Der ist antisemitisch!« las man bei ihr. »Das ist faschistoid!« Sie wusste, was man lesen soll und wovon man die Finger lassen sollte. Manchmal war das berechtigt - manchmal haltlos oder einfach nur einem Bauchgefühl geschuldet. Sie hat es geschafft Leute als Antisemiten zu bezeichnen, eine Erklärung zu liefern und trotzdem nichts Konkretes gesagt zu haben. Sie honorierte auch Texte anderer Schreiber, in denen Kaffeesatz gelesen wird und die zum Beispiel erklären, dass »Ostküste« ein rechtes Chiffre für »internationales Finanzjudentum« sei. Man kann es auch übertreiben! Natürlich war sie dann auch gegen »Occupy«, weil diese Bewegung Fehler in ihrer Argumentation hatte. »Occupy« war für sie wohl nicht zu hundert Prozent mit den richtigen Parolen durchgetaktet. Die »Bildzeitung«, die sie verachtet, sah das sicher nicht viel anders.

Zuletzt erzog sie ihre »Freunde« dazu, diese neuen »Montagsdemos« und ihre Macher zu ächten. Esoterisch und neurechts seien sie. Das mit der Esoterik klingt bei manchen dort tatsächlich ein wenig danach. Aber die Sozialdemokratie beschwört seit Jahren esoterisch eine Wahrnehmung ihrer Partei, die nur sie selbst von sich hat. Ohne Eso-Gequatsche geht es heute vermutlich gar nicht mehr. Und seien wir ehrlich, mancher von »Die Linke« klingt hin und wieder auch wie einer aus »Astro-TV«. Von dieser Esoterik spannt sie den Bogen zur Barbarei. Vielleicht nicht ganz unberechtigt. Teilweise klingen ihre Einwürfe aber arg konstruiert. Deswegen müssen sie aber nicht grundsätzlich falsch sein. Sie klingen trotzdem leicht paranoid.

Wenn es nur um ihre Kritik gegangen wäre, könnte man damit leben. Ich bin da auch kritisch. Doch dabei ließ sie es ja nicht bewenden. Die Person fing an Empfehlungen auszusprechen, wen man zu »entfreunden« habe, um auch weiterhin als aufrechter Mensch durchs Leben gehen zu können. Und wer nicht spurte, den »entfreundete« sie. Schließlich wollte sie ja rein bleiben. Mein Gott, Deutschland, bist du und die deinen nur als Erzieher und Blockwart denkbar? Selbst die Linken geben sich bei dir und in dir als spießige Lehrmeister. Entspannt geht es wohl nicht? Ich schrieb vor langem schon von der »Unmöglichkeit reinen Lebens« - seht das doch endlich ein, ihr Linken in Deutschland. Entkrampft euch, der Mensch ist fehlbar und lebt in der Zwiespältigkeit, in der Diskrepanz wie es sein soll und wie es letztlich ist. Jeder von uns hat Punkte, in der er sich unglaubhaft macht. In der linke Theorie mit kapitalistischer Wirklichkeit kollidiert. Und jeder von uns kennt in seinem Umfeld Leute, die politisch fadenscheinig bis semi-kriminell sind und reißt ihnen deshalb noch lange nicht den Kopf ab, sondern versucht mit ihnen irgendwie auszukommen. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Grenze. Das ist auch eine Frage des Stils.

Ich lese den von der Person abgewickelten Unsinn, den Erziehungsterror, die totalitäre Gesinnungsprüfung und sage nur leise vor mich hin: »Schweig und sei weise. Hör auf, ich will dich weiter respektieren können; dich nicht als fanatischen Savonarola in Gedanken tragen müssen.« Aber ich befürchte, es ist zu spät. Für mich und meine Gedanken. Und für sie. Da kommt sie nicht mehr raus. Sie hat sich entzaubert. Ihr Mysterium ist entschlüsselt. Ihre Aura dechiffriert. Ihr Nimbus entschleiert. Ohne Facebook hätte sie weiterhin geschwiegen und klüger ausgesehen. Wie ein satter Buddha hätte sie gethront. Wie ein Philosophenkönig. Jetzt wirkt sie nur wie der Hofnarr, der zu Füßen dieses Königs sitzt. Sei so gut, lösch' deinen Facebook-Account und werd' wieder philosophisch. Es fühlte sich viel besser an, als man nur selten was von dir vernahm. Sich rar machen: Das stand dir so ausgesprochen gut. Viele Intellektuelle haben es genau so gemacht. Nur reden, wenn man was gefragt wird, haben sie sich als Motto gegeben. Und auch dann nur knapp antworten. So bleibt man jemand mit Aura. Wenn man aber erst merkt, dass das Vorbild nicht nur ein Mensch, sondern auch noch ein Stinkstiefel ist, dann verpufft die Aura wie ein Tropfen Wasser in heißem Öl.

Ich bleibe loyal. Nenne deinen Namen nicht. Als Reminiszenz. Weil es immer so gut war, dich zu lesen. Ich merke mir dich als Namen auf Büchern. Ich rede mir ein, dass die Person, die deinen Namen trägt, gar nichts mit dir zu tun hat. Vielleicht bist du nur ein fehlgeleiteter Algorithmus von Facebook, ein Streich, den mir dieses beschissene Social Media spielt und in Wirklichkeit bist du doch der Menschenfreund und Philosoph, den ich mir immer vorgestellt habe. Wenn du dich schon vom Sockel wirfst, stemme ich mich wie ein Sisyphos dagegen.


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Ein Tag im Leben eines vom Profit Verfolgten

Freitag, 11. April 2014

»Ich hätte Hoeneß eine sehr hohe Strafe zahlen lassen, aber nicht eingesperrt«, sagte er zu mir.
   Mir lief fast der Kaffee aus den Nasenlöchern. Na ja, nicht schade drum.
   »Aha?«
   Ich hatte meinen Kollegen eher als vernünftigen Menschen kennengelernt.
   »Was haben wir denn jetzt davon, dass er in den Knast geht? Er kostet Geld. Hätte man ihn lieber mit der doppelten Steuerschuld belastet, dann hätte jeder was davon.«
   Das klang logisch. Ich gebe es ja zu. Aber ist Strafe und Rechtssprechung mittlerweile auch etwas, was man der bestechenden Logik von Kosten und Nutzen unterziehen darf?
   »Und wenn einer mit viel Geld einen tötet? Soll er dann enteignet werden und kann frei bleiben?«
   Er nippte am Kaffee und gab keine Antwort.
   »Strafe kann doch nicht nach dem, was gerade nützlich wäre, gestaltet werden. Du liegst völlig daneben, Norbert.«
   Die Pause lag in den letzten Zuckungen und er machte sich auf den Weg. Wahrscheinlich kam es ihm gelegen. Seine innovative Ansicht war ein Rohrkrepierer.
   »Und der, der nicht genug Geld hat, um sich freizukaufen, was geschieht mit dem?«
   Ich wollte ihn noch fragen, ob der einen billigen Kredit beim Jobcenter kriegt. Aber da war keine Zeit mehr zum Schwatzen. Ich schüttete meinen Kaffee in den Busch und bedauerte die Pflanze dafür. Wir Menschen sind alle grausam zur Natur. Jeder so wie er gerade kann.

Kurz nach Feierabend ging es mal wieder um Fußball. Der übliche Zeitvertreib der Männer am Arbeitsplatz. Und dass ich den FC Bayern München verabscheue und mich über eine baldige Niederlage im Europapokal freuen würde, wissen sie alle.
   »Komischer Bayer bist du - freust dich, wenn die verlieren«, spöttelte einer und versuchte sich bayerisch anzuhören.
   »Dabei sollte jemand wie du, der dem anderen Verein in München anhängt, doch ein Interesse am Wohl der Bayern haben. Das tut der Stadt gut und den Menschen in der Region auch. Und den Sechzgern!«
   Man muss als jemand, der die Bayern immer verachtet hat, also neuerdings für die Bayern sein, weil deren Erfolg ökonomisch wertvoll ist. Meine Güte, dachte ich mir, was ist nur aus der Passion der Leute von heute geworden? Ökonomisch denkend bis in den Zeitvertreib hinein.
   »Das sind ja auch Arbeitsplätze, die so ein erfolgreicher Verein entstehen lässt«, fügte Norbert hinzu.
   »Ja. Komm, zahl deine Rechnungen bitte nicht mehr und stabilisiere so Arbeitsplätze der Inkasso-Industrie. Sei so gut.«
   Einer grinste nach diesem Einwand. Die anderen nuckelten am Kaffee und sprachen von der Eintracht und vom FC Bayern.
   Ich ging dann heim. Mich drückte ein Text und wenn ich denn nicht gleich rausließ, würde er mir im Hirn steckenbleiben und meine Verdauung belasten.

Daheim angelangt musste ich zuerst mal auf die Schüssel. Ich hasse es, wenn der Schiss vor dem Schrieb kommt. Aber das kann man schlecht ändern. Ich nahm den Willemsen mit aufs Klo. Las dort weiter in seinem außerordentlich lesenswerten Buch »Das Hohe Haus«. Darüber wird noch zu berichten sein. Ich stolperte über eine Passage, in der eine Parlamentarierin über die »Kultur- und Kreativwirtschaft« redet und sie als »eine der wichtigsten Zukunftsressourcen in unserem Land« bezeichnet. Daher heiße es, in Kulturschaffende zu investieren, »um so Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft auch in Zukunft zu erhalten«. Willemsen macht sich auch so seine Gedanken dazu und schreibt: »Auch hier wird deutlich: Die Frage der Zukunft ist synonym für Rendite. Flankiert von einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, gibt der Zustand der Wirtschaft die Idee dessen vor, was Zukunft ist. Ja, selbst auf kulturellen Gebiet setzt man auf Wachstum und Gewinnmaximierung. Warum nicht auf Beständigkeit oder Vergangenheit?«

Ist das Leben insgesamt nur noch als Profit denkbar? Dass die Leute im Bundestag gar nicht mehr anders können, als so zu ticken, muss man wohl verschmerzen. Diese Leute kommen ja nicht raus. Stubenhocker entwickeln sich manchmal komisch. Dass aber normale Typen mit dieser Logik vom Profit argumentieren, das macht doch nachdenklich. Die Berieselung vieler Jahre hat Wirkung gezeigt. Leben ist kein Akt zwischen verschiedenen Schauplätzen mehr, in dem verschiedene Grundprinzipien walten, sondern das Grundprinzip ist nun überall dasselbe. So gestattet man der Justiz eben nicht mehr die Prinzipien »Strafe« und »Sühne« - sie werden durch eine »profitablere Wahrnehmung« ersetzt. »Gerechtigkeit« muss sich wieder lohnen! Und was sich nicht rechnet scheint unhaltbar zu sein.

Nachdem ich abgedrückt hatte versuchte ich mich an einem Text, landete dann aber über Umwege bei einem Artikel über die »Pisa«-Studie. Ich sondierte auch die Kommentare, die mitteilsame Leute drunter angebracht hatten. Da ging es ganz schnell wieder um Geld und ob das Geld auch dort, wo man es fordert, wirklich Nutzen abwerfen würde. Mancher wollte mal wieder »unsere Kinder fit für den Arbeitsmarkt machen«. Ein anderes Bildungsideal scheint es gar nicht mehr zu geben. Dabei gehen die Kinder doch nicht zur Schule, um dann mal fit für einen Arbeitgeber zu sein, sondern um etwas zu erfahren, Wissen zu sammeln, um für sich selbst fit zu sein. Das hat auch etwas mit Würde zu tun. Aber Würde ist ohnehin so ein Begriff, der sich so schlecht ökonomisch deuten lässt.

Wieder mal so ein Tag, an dem mir das Leben nur als Profit begegnete. Als dann mein Kind abends beim Essen erzählte, dass es mit der Halbwüchsigen von gegenüber nicht mehr befreundet sein will, weil sie ständig Ärger macht und es seine Ausführungen mit »Was habe ich davon?« beendete, da war das Maß voll.
   »Wenn sie dich nervt - gut. Dann bin ich froh. Die bereitete dir bislang nur Kummer. Aber was du davon haben solltest, das verstehe ich nicht.«
   »Bringt mir ja nichts«, antwortete es nun »ausführlicher«.
Ich schaute es etwas ratlos an und kaute auf den Reis herum.
   »Freundschaften geht man nicht ein, damit sie einem was bringen. Und man beendet sie nicht, weil sie einem nichts bringen.«
   »Weiß ich doch, Papa.«
   »Und warum sagst du das dann so?«
So weit haben wir es gebracht. Selbst Zwischenmenschliches wird nach Mehrwert sondiert und der Nutzen hochgerechnet.
   »Entweder man mag sich oder man mag sich nicht. Das ist die Grundlage für Freundschaft.«
   Fast hatte ich nun den Drang, meinem Kind diese Freundschaft wieder einzureden. Aber dieses Mädchen von gegenüber ist ja nicht ohne, wiegelt ständig Kinder gegeneinander auf und erpresst überall Anerkennung. Armes Ding eigentlich.
   »Mensch, Papa, ich weiß das doch. Und ich mag sie nicht, also bringt mir das nichts.«
Auch wieder wahr.

Ich ging an diesem Tag früh zu Bett. Ich war geschafft und wollte mehr von der Nacht haben. Eine Stunde Schlafprofit rausholen. Gewinn machen. Einen Überschuss erschlafen. Meine Kosten nicht durch Wachsein erhöhen und meinen Nutzen schlafend mehren. Es sollte ein Bombengeschäft sein. Aber ich erwachte abgekämpft und matt. War immer noch müde. Was hat mir das frühe Zubettgehen gebracht? Damit hatte ich nichts gewonnen. Nur einen weiteren Tag in der Profitlastigkeit. Aber wenigstens war ich heute kraftlos genug, die ganze Profit-Rhetorik zu überhören.


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Welchem Anspruch dient der Traktor auf vier rohen Eiern?

Donnerstag, 10. April 2014

Die Einstellung von »Wetten, dass..?« ist nur auf den ersten Blick vernünftig begründet. In Wirklichkeit kommt hier eine Marktlogik zum Tragen, die in einem System der Gebührenfinanzierung gar nicht greifen müsste.

Klar, das Konzept ist veraltet. War es vielleicht immer. Und es war nie besonders spektakulär. Aber in den Achtzigern und Neunzigern war man halt mit wenig zufrieden. Wenn dann noch ab und zu ein Michael Jackson Einzug hielt, dann schaltete man gerne ein, war selig und nahm an, die beste aller möglichen Unterhaltungen gesehen zu haben.

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Die Finanzkrise, an der die ökonomischen Dummköpfe schuld haben

Langsam wird es lästig, die Lächerlichkeit dieses Bundespräsidenten ständig wieder zu konkretisieren. Aber er lässt ja nicht locker. Sein Auftritt auf dem Bankentag war mal wieder denkwürdig.

Gauck legte dar, dass die Finanzkrise aus einer Wechselwirkung zwischen gierigem Bankwesen und Bürgern in »ökonomischer Apathie« hervorging. Hätten die Bürger mehr wirtschaftliche Ahnung und Interesse an den Zusammenhängen, so hätten Banker nicht den erarbeiteten Mehrwert und die Arbeitsplätze von abhängig Beschäftigten verjuxen können. Und man hätte den Leuten keine faulen Kredite angedreht, weil sie das falsche Spiel sofort durchschaut haben würden. Sie hätten dann vermutlich gesagt: »Ich will nen sauberen Kredit - her damit!« Oder wäre es dann etwa nicht so gewesen? Vereinfacht - oder mit Gauck - gesagt: Wer nicht beschissen werden will, »der muss sich informieren und in Finanzfragen kompetener werden.« So einfach ist das manchmal. Nicht die Finanzwirtschaft mit ihrem endlos Drang nach Renditen trägt die Verantwortung, sondern der dumme Bürger, der sich hat nach Strich und Faden verarschen lassen.

Der Mann klingt wie einer jener ganz besonders gescheiten Leute, die arrogant auf Opfer von Trickbetrüger herabschauen. »Also wie kann man einem Fremden nur Geld geben?«, fragen sie herablassend. »Mir würde sowas ja nicht passieren; ich durchschaue sowas gleich. Wie kann man nur so dumm sein? Im Grunde selber schuld wer sich so verarschen lässt.« Dieses »Ich-bin-zu-gelehrt-um-betrogen-zu-werden« kann man ja noch verstehen, wenn man bei »Aktenzeichen XY« zusieht, wie leicht sich mancher aufs Kreuz legen lässt. Aber die Leute, die Banken und Realwirtschaft in die Krise rissen, waren eben keine betrügerischen Klingelputzer, sondern Personen, die von der Politik als »ehrliche Makler« deklariert wurden. Und was hätte mehr Ahnung von Ökonomie da schon geholfen?

Man darf nicht ungerecht sein, Gauck hat nicht nur die Verantwortung an die Bürger weitergeschoben, sondern auch die Banker kritisiert und erklärt, dass nicht alles, was legal ist, auch ethisch vertretbar sei. Er appellierte mal wieder: Du sollst nicht! Man bekommt bei ihm den Eindruck, er sieht die Finanzkrise als Betriebsunfall an, nicht als systematische Immanenz. Ein bisschen was von der »zu viel Gier« mit frommen Sprüchen zügeln: Und schon sind wir aus dem Schneider. Und wenn dann auch noch die Bürger mündiger werden, weil sie die Wirtschaft plötzlich besser verstehen, dann kann Vergleichbares nie mehr geschehen.

Damit ein Anfang gemacht wird, sollten Schulen Wirtschaft lehren, findet der Bundespräsident. Das hat die »Bertelsmann-Stiftung« auch schon vor Jahren gefordert. So richtig ein solches Schulfach auch sein mag: Wenn jemand wie Gauck, der eingeschworene Hohepriester des BWL und der »Jeder-schaue-auf-sich-selbst«-Doktrin, dergleichen fordert, dann hört man die Nachtigall schon trapsen. Ob er findet, man müsste dann auch Marx und Keynes lehren? Oder nur Hayek und Friedman? Und wenn die »INSM« noch Bücher spendiert, steht dann da drin, dass das Gemeinwesen wie ein großer Betrieb ist, bei dem man die Ausgaben drosseln muss, um den Gewinn zu steigern?

Ja, langsam wird es lästig, die Lächerlichkeit dieses Bundespräsidenten immer wieder zu käuen. Aber was soll man denn machen? Er gibt ja keine Ruhe. Wenn er einfach nur nichtssagend eloquent wäre. Aber er ist höchst aussagend eloquent. Und das ist das Problem mit diesem Mann. Wie lange haben wir wohl Zeit, bis er uns wieder im Geiste dieses Neokonservatismus vollsülzt?


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Unsere Erdoğans müssen ja auch dauernd berichtigt werden

Mittwoch, 9. April 2014

Das türkische Verfassungsgericht hat nun also der türkischen Regierung widersprochen und die Twitter-Sperre aufgehoben. Das ist doch ein Beweis dafür, dass die Türkei gar nicht von einem Diktator regiert wird - und das wiederum belegt: Die Türkei ist nicht so viel anders als Deutschland. Beide leiden unter dem gleichen Typus von Politiker.

Zuletzt musste man geradezu den Eindruck erlangen, dass sich die Türkei unter Erdoğan in die Diktatur verabschiedet habe. Der deutsche Medienbetrieb ließ diesen Eindruck jedenfalls entstehen. Der erzählte, dass dieser Mann sämtliche demokratischen Strukturen und Prozesse aufgehoben habe. Und schon man sah ihn mit Hitlerbärtchen auf Plakaten und hierzulande fragte man sich, ob dieser Vergleich nicht etwas zu harsch sei. Dass die Türkei aber diktatorisch geführt würde, stand bei solchen »ästhetischen Fragen« gar nicht zur Debatte. Denn trotz allen war klar, dass Erdoğan sein Land in einen Zustand führe, in dem Demokratisches, das vom Volk ausgeht, drakonisch bestraft würde. Und als er die Netzwerke kappte, war sich dieser deutsche Irrwitz, bestehend aus sich gut ergänzenden Politikern und ihrer Journalisten, darüber einig: Jetzt baut er seine Diktatur aus.

Demokratisches wurde aber auch schon in Deutschland schwer misshandelt. Und übermäßig harten Polizeieinsatz kennen wir hier ebenfalls. Darüber wurde schon mehrfach geschrieben. Man muss das jetzt an dieser Stelle nicht nochmals aufwärmen. Aber was genau ist das für eine Diktatur, in der ein Verfassungsgericht richtigstellen und aufheben darf, was der Tyrann vorher noch beschlossen hat? Stellt man sich Diktaturen nicht ein wenig anders vor?

Nein, hier zeichnet sich ab, dass Erdoğan einer dieser Sorte von Machtmenschen ist, die wir auch in diesem Lande haben. Eine überdrehte Machtfigur, die ihre Gönner und Geschäftspartner in Stellung bringt und sich selbst für sakrosankt erklärt. Ein Politiker, der im Wahn seines politischen Höhenflugs vergessen hat, dass es neben ihn auch noch demokratische Elemente gibt, die den Staat gestalten können und sollen. Wir haben es hier mit einem von der Wirtschaft delegierten Machtokkupator und Autokraten zu tun, der den harten Mann spielt, um der Oligarchie seines Landes Sicherheit und Kontinuität zu Füßen zu legen.

Solche haben wir in Deutschland auch. Um ein Beispiel zu nennen: Erdoğan sagte zur oben genannten Entscheidung des Verfassungsgerichts, dass er sich zwar beugen werde, aber daran festhalte, dass die Sperre von Twitter eigentlich notwendig sei, um ausländischen Einfluss zu beschränken. Als das Bundesverfassungsgericht vor Jahren entschied, dass der Abschuss eines entführten Flugzeuges verfassungswidrig wäre, sagte der damalige Innenminister dieses Landes rotzig, dass er es trotzdem veranlassen würde, wenn es dazu käme. Das klang damals viel weniger einsichtig als bei Erdoğan jetzt. Ob wohl der türkische Ministerpräsident auch erwägt, die Rechte der Verfassungsrichter zu beschränken? Die hiesige Regierungspartei jedenfalls denkt darüber nach, denn die Verfassungsrichter haben für ihren Geschmack zu oft dazwischengefunkt und sich als unkalkulierbarer Faktor erwiesen.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder nennen wir die machtgeilen Gestalten, die fortwährend ihre Grenzen austesten und die Demokratie damit stutzen, überall dort, wo sie an der Spitze eines Landes stehen, einfach mal »Diktatoren«. Und dann sind damit auch die Merkels, Schäubles und Kauders gemeint. Oder wir lehnen uns mal nicht so weit aus dem Fenster und sagen uns: Das sind die üblichen Typen, die es im Zeitalter der Postdemokratie nach oben spült - keine Diktatoren, wie man sie klassisch kennt, sondern einfach nur Opportunisten und Karrieristen, die aus Selbstliebe wie auch aus Gründen der Gönnerzufriedenstellung, Entscheidungen treffen und durchboxen, die standhafte Demokraten völlig verschrecken. Gefährliche Aushöhler der Demokratie, neoliberale Agendamenschen und Narkoseärzte am Solidaritätsprinzip zwar - aber keine völlig losgelösten Alleinherrscher, bei denen sich die Macht einzig konzentriert und die daher fast unantastbar sind.

Man kann wohl sagen, dass die Türkei nicht an einem Diktator leidet, sondern sich wie alle zeitgenössischen Staaten mit Führungsgestalten herumschlägt, die das Gemeinwesen als Selbstbedienungsladen der Eliten betrachten. Wer die Situation in der Türkei aber »verdiktaturt«, der kaschiert Verhältnisse, die in Deutschland nicht viel anders sind. Die türkischen Verfassungsrichter zeigten an, dass es demokratische Abläufe noch gibt und sie sogar umgesetzt werden. Sie entlarven damit, dass Erdoğan kein Diktator ist. Und sie sagen indirekt damit auch: Packt euch mal an eurer eigenen Nase, ihr in Deutschland. Eure Erdoğans müssen ja auch dauernd kontrolliert und berichtigt werden.


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Aus fremder Feder

Dienstag, 8. April 2014

»Wer sich nicht mit Politik befaßt, hat die politische Parteinahme, die er sich sparen möchte, bereits vollzogen: er dient der herrschenden Partei.«
- Max Frisch, Tagebuch 1946-1949 -

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Die Energiewende, die so seltsam bewusstlos blieb

Montag, 7. April 2014

An den Tag, da die letzte Bundesregierung verlautbarte, sie würde nun nach Fukushima doch für den Atomausstieg sein, erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Nahmen diese Energiewendehälse damals schon das Wort »Energiewende« in den Mund? Ich weiß es nicht mehr. Was ich aber noch weiß ist, dass es optimistische Stimmen gab, die glaubten, jetzt käme endlich ein »Green Deal«.

Kam er aber nicht. Man skizzierte zwar einen Plan, wie man auf erneuerbare Energien umschwenken könne. Die Skizze war aber nicht besonders aussagekräftig. Aber ein »Green Deal«, so habe ich das damals verstanden, sollte so eine Art Paket mit vielen verschiedenen Ansätzen sein, wie man sich von Atom- und Kohleenergie verabschieden könne - aber zentral sollte darin vor allem sein, dass ein neues Bewusstsein für Stromverbrauch und energierelevante Fragen erzeugt würde. Sozusagen eine politisch forcierte Aufbruchstimmung, wie das der »New Deal« seinerzeit auf anderer Ebene auch war. Doch genau zu dieser Bewusstmachung kam es nie. Die Energiewende blieb stets seltsam bewusstlos.

Sie wurde zu einem bürokratischen Akt, der auch in der Öffentlichkeitsarbeit mit einem schnell langweilenden Duktus für Fachleute auffuhr. Die damals so große Hoffnung ist eine reine »Energieverwaltung auf Grundlage der Inkaufnahme weiteren Wachstums des Strombedarfs« geworden. Ein biederer Verwaltungsakt, der Menschen so wenig sensibilisiert und begeistert, wie er Projekte »jenseits der Art der Stromerzeugung« gestaltete. Hat man je etwas davon gelesen, dass diese Regierung neben all der natürlich notwendigen fachlichen Besprechung der (Erzeuger-)Situation, auch über Stromersparnisse und effizientere Elektrogüter unter Beibehaltung der Lebensqualität und des Lebensstandards beraten lässt?

Die Unterbindung von »Sollbruchstellen« und somit die Verpflichtung zu größerer Langlebigkeit bei Elektroartikeln, die fast punktgenau mit Ablauf der Garantiezeit den Geist aufgeben, wäre ein dringende Maßnahme im Zuge einer solchen »Energiewende« gewesen. Dergleichen hätte man mit der Heraufsetzung der Garantiezeit erreichen können. Ferner sollte man stromeffiziente Produkte nicht nur durch Kaufanreize fördern, sondern auch die Produzenten zum Bau solcher Artikel zwingen. Strafsteuern auf Stromfresser wären hierzu eine Option gewesen. Standardmaßnahmen wie die Bereitstellung von Geldern zur Forschung oder die Aufnahme von Ökologie in die Lehrpläne der Schulen hätten selbstverständlich sein müssen. Dort hätte man vielleicht erfahren, dass eine dezentrale Stromversorgung eine realistische Chance auf nachhaltige Energieversorgung birgt. Dieser Lehrinhalt wäre freilich mit der Wirklichkeit kollidiert und hätte den Interessen der Wirtschaft nicht gedient. Letztlich hätten noch symbolische Programme das ganze Konzept abgerundet. Warum leuchtet beispielsweise Frankfurts Skyline so völlig grundlos in die Nacht hinein? Weshalb Lichtmittel aus Gründen der Repräsentanz speisen, während Familien aus dem unteren Lohnsegment ihre Stromrechnungen nicht mehr begleichen können? Von den Gratifikationen für »stromintensive Betriebe« soll gar nicht erst gesprochen werden.

Aber klar, in einem lobbyistischen System sind solche Maßnahmen, die über die bloße Verwaltung und Umverteilung der Stromherkunft hinausgehen, nicht vorgesehen. Vielleicht auch gar nicht möglich. Der Stromverbrauch soll ja gar nicht sinken. Das könnte ja Arbeitsplätze kosten oder, was viel schlimmer wäre, die Profite der Energie-Konzerne schmälern. Und die Elektronikbranche würde wüten, wenn sie plötzlich nachhaltigere Produkte fertigen müsste - so verdient man ja kein Geld in einer Welt, in der Wachstum das oberste Gebot ist. Dann schon lieber Ressourcen verbraten und Absatzzahlen künstlich pushen. In kapitalistischen System sind Veränderungen, die fair und ökologisch zugleich sind, kaum umsetzbar. Und ohne soziale Komponente ist gesunde Ökologie wertlos.

Marx meinte ja, er hätte Hegel richtiggestellt, als er behauptete, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Im Falle dieser »Energiewende« ohne Elan und Begeisterung mag es wohl schon auch so sein, wie Hegel es dachte: Das Bewusstsein bestimmt auch das Sein. Oder aber es ist so, wie ich es neulich auf einer Postkarte las: »Das Sein verstimmt das Bewusstsein«. Der Zustand dieser Wende ist so deprimierend verlaufen und wird auch jetzt nur als bürokratischer Akt verschlimmbessert, dass kein Bewusstsein für diese eigentlich epochale Umstellung der Lebensgrundlagen entstehen kann. Da können nur Verstimmungen auftreten. Und die seelenlosen Parlamentarier, die das Konzept runterspulen und verfachlichen, tragen dazu bei, dass Energie-Verdrossenheit herrscht und die »Atom-Frage« noch nicht vom Tisch ist. Wenn sie heute eine Kampagne zum »vernunftbasierten Zurück zur Atomkraft« starten, würde sich eventuell sogar ein breiter Konsens in der Bevölkerung finden. Spätestens dann wäre klar, dass die Bemühungen zur Veränderung gescheitert sind.

Gescheitert sind, nicht nur, weil der Strom beständig teurer wird, sondern auch deshalb, weil kein Gefühl für die Notwendigkeit und aufklärerische Basisarbeit am Volk geleistete wird. Und weil die, die das Land gestalten sollen, mit einer Begeisterung ans Werk gehen, die man sonst nur im Wartezimmer von Zahnärzten sieht. Das überträgt sich und wird zum Lebensgefühl. Slogans von milliardenschweren Konzernen wie »Wir gehen VoRWEg« sind kein Beleg für Aufbruch, sondern einfach nur Kopfgeburten von Werbetextern. Ein Stimmungsbild zeichnen solche Sprüche nicht.

Diese Losung hätte sich mal die Regierung am Beginn der Wende verinnerlichen sollen und ein großes Paket geschnürt, anhand dem die Menschen erkannt hätten, dass da ein Epochenwandel ansteht und eine neue Energiezeit anbricht. Und das auf allen Ebenen des Alltagslebens. All das unterblieb, weil man es verwaltungsmäßig anging. Da haben das starre Ritual des Parlamentarismus, wie man es als Zuschauer im Bundestag erleben kann, auch auf den Geist der Reform abgefärbt. Wie soll so auch Begeisterung aufkommen und mit Herzblut an die Sache herangegangen werden? Wo Verwalterseelen das Land gestalten, da wird die Gestaltung verwalterisch umgesetzt. Und wenn dann auch noch Krämerseelen mitmischen, dann muss das Verwalterische möglichst günstig abgewickelt werden.


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Ob das mit uns noch mal was wird?

Samstag, 5. April 2014

Letztens schickte mir einer eine e-Mail. Darin ein offener Brief an Putin. »Magste nicht unterzeichnen?«, fragte der Absender. Ich überflog das Ding und mir wurde leicht übel. Nicht wegen dem Inhalt an sich. Manche Ansicht ist ja nicht falsch. Aber der arschkriecherische und verherrlichende Duktus - nee, sowas unterschreibe ich nicht.

Ich habe mich vor vielen Jahren geweigert, einen vorgefassten Brief an Markus Söder zu unterschreiben, weil der schon so staatstragend mit »Sehr geehrter Herr Staatsminister für Umwelt« überschrieben war. Keine Ahnung, um was es damals ging. Ich habe es vergessen. Die Anrede war mir jedenfalls schon zu viel. Der Typ hat doch einen Namen, habe ich gesagt. Schreibt doch »Sehr geehrter Herr Söder« oder »Hallo Söder« - der Mann ist ja nicht mal mein Minister, ich wollte ihn ja gar nicht. Die, die jetzt Putin anschrieben, überstellten ihren Brief an »Seine Exellenz« und wiederholten mehrfach im Text »Sehr geehrter Herr Präsident« und endeten »mit vorzüglicher Hochachtung«. Gehts auch weniger servil?

Für so was Hündisches habe ich nichts übrig. Das ist nämlich keine Frage des Respekts, sondern der Selbstwahrnehmung. Da kann das Gesagte noch so verständig daherkommen. So bin ich nicht dabei. Es kommt darauf an, als autonomer Mensch aufzutreten, als jemand, der sich nicht von Posten und Ämter beeindrucken lässt. Das war stets das linke Verständnis von Welt und Autorität - und mein Verständnis. Es mag zwar Leute geben, die in der offiziellen Hierarchie höher stehen. Aber buckeln und arschkriechen muss man deswegen noch lange nicht. Selbstbewusst zu sein und aufrecht gehen: Das sind die Werte aufgeklärter Menschen. Wenn man dieses Verständnis aufgibt, dann gibt man auch die Ideale auf, für die man eintritt.

»Seine Exellenz« - ich lach' mich noch immer kaputt. Fortschritt, du Märchengestalt. Dich hat es nie gegeben. Mal abgesehen bei Mobiltelefonen und Kloschüsseln und einiges mehr. Aber wenn Aufklärung mit den Floskeln der Untertänigkeit einhergeht, dann klärt sie nicht auf, sondern trägt zur Verklärung bei und ist nicht mehr das, was sie sein will. Woher kommt denn dieser Drang bei manchem, diesen Kerl jetzt anzuhimmeln? Etwa als Reaktion auf die unqualifizierten Reden, die »uns« nicht Mainstream-Schwimmer als »Putin-Versteher« bezeichnen? Leute, lasst euch doch nicht so diktieren. Lasst die Einfältigen doch quatschen. Ihr müsst ihnen doch nichts beweisen. Man kann doch wohl Putin verstehen und ihn trotzdem angemessen distanziert behandeln.

Ich indes distanziere mich genauso von den Schwachköpfen dieser Regierung und den ganzen Atlantikern, die die Krise immer mehr ausufern lassen. Und ich distanziere mich aber auch davor, dass Putins Russland als hervorragender Gegenentwurf zum Westen stilisiert wird. Ist es nicht. Alles mehr oder weniger dasselbe Fabrikat. Alles geführt von Leuten, denen es lediglich um wirtschaftliche Interessen geht. Wenn ich was nicht leiden kann, dann Bigotterie. Würde sich der Außenminister hinstellen und sagen: »Wir sind Arschlöcher, lasst uns die Arschlöcher im Osten bedrängen«, ich würde gar nicht viel kommentieren. Dann würde der Mann ja nur sagen, was sich für jeden unabhängig denkenden Menschen schon lange als Wahrheit manifestiert hat.

So gesehen distanziere ich mich von der gesamten Menschheit - von dem Teil der Menschheit, den ich wahrnehme und der nur aus denkfaulen Idioten und Hysterikern zu bestehen scheint und der immer auf irgendeiner Seite stehen möchte. Ich brauche eine Auszeit von ihr. Abstand. Rückzugsmöglichkeit. Beziehungspause. Aber das kenne wir ja, sobald zwei eine solche Pause vereinbaren, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Bruch erfolgt. Ob das mit uns noch mal was wird?

Noch was in eigener Sache: Wer mag, darf ad sinistram auch unterstützen. ad sinistram oder, seien wir ehrlicher: mich. Ich schiebe es gerne auf »ad sinistram« - das klingt weniger anzüglich. Ihr müsst wissen: Mir selbst geht es eigentlich nicht ums Geld. Die anderen wollen immer welches von mir. Unterstützung geht entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Meine Kontodaten teile ich auf Nachfrage gerne mit. Ich nenne Euch dabei sogar »Exellenz«, wenn Ihr wollt. Na ja, wollen wir es nicht übertreiben. Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die mich seit langem und regelmäßig nicht nur ertragen, sondern sogar noch unterstützen. Und auch an alle, die es künftig tun wollen.


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Bekenntnisse eines Kerls, der sich den Wahnsinn leistet, Bahn zu fahren

Freitag, 4. April 2014

Letzte Woche beklagte sich die »Gewerkschaft der Lokführer« (GDL) darüber, dass Zugbegleiter immer häufiger Angst vor Gewalt am Arbeitsplatz hätten. Ich hörte dem Sprecher der GDL bei einem Radio-Interview zu und erinnerte mich, wie ich auf einer der letzten Zugfahrten dem Zugbegleiter am liebsten meine Faust in seinen Bauch gerammt hätte.

Zu mir war der Mann ja freundlich. Mein Ticket sah er nur aus der Ferne an, winkte ab. Ging weiter. Ohne Lächeln, aber das braucht es auch nicht. Aber der Schwarze, der versetzt vor mir saß, der wie ich mit seinem Ticket wedelte, den nahm er sich mal genauer vor. Er warf einen ganz ausgiebigen Blick darauf und fragte nochmal nach, wo er denn eingestiegen sei. Der Mann antwortete und der Bahnwart guckte nochmal auf das Ticket. Und nochmal. Schaute sich noch mal den Besitzer des rechteckigen Pappstreifens an und wirkte einige Momente etwas phlegmatisch. Als wüsste er nicht, was er tun sollte. Er zögerte noch ein bisschen, gab das Ticket aber dann wortlos zurück. Dabei schien er fast wehmütig. Ja, irgendwie enttäuscht. Den nächsten Fahrgast, einen der aussah wie er selbst, fertigte er im Vorübergehen ab.

Wer sich so benimmt, dachte ich mir, der soll auch Angst haben müssen am Arbeitsplatz. Der sollte gar keinen Arbeitsplatz haben, wo er auf Menschen trifft. Warum hat er mich nicht so genau geprüft? Ich will verdammt nochmal auch so genau geprüft werden! Nur weil ich weiß bin und aussehe wie einer seiner fetten Kumpel vom Stammtisch, muss er mich doch nicht im Vorbeigehen abhandeln. Ich hätte natürlich patzig werden können. So einfach ist das heute aber nicht mehr. Vor einiger Zeit stand eine junge Frau einem schwarzen Mann bei, der von zwei Bundespolizisten in der Bahn gegängelt wurde. Zivilcourage sei das aber nicht gewesen, sagte ein Gericht, eher Behinderung der Polizeiarbeit, weswegen das Abführen der Frau mittels Polizeigriff auch in Ordnung gegangen sei.

»Du kannst dir nicht vorstellen, was ich heute am Frankfurter Bahnhof gesehen habe«, sagte meine Frau, kaum dass sie zur Türe hinein war.
   »Ich weiß doch, der Cookie-Laden am Eck ist zu. Hast du mir gestern schon erzählt.«
   »Quatsch! Da war ein Farbiger, der in den Zug einsteigen wollte und vor dem Waggon standen einige Schaffner beim Plausch. Plötzlich sagte der eine zu dem Farbigen, er soll sein Ticket herzeigen. Der Mann verweigerte aber.«
   »Warum sollte er auch das Ticket vor Abfahrt zeigen?«, fragte ich.
   Er bezahlt ja nicht für das Betreten des Zuges. Wäre dem so, hätte ich schon oft einen Zug illegal betreten. Wie oft habe ich jemanden geholfen, den Koffer zu verstauen, mich nochmals verabschiedet und dann noch mal an Bord gepisst. Braucht man da schon ein Ticket? Das mag vielleicht bahnregulär sein, aber menschlich ist es nicht. Und in diesem Fall war es sogar rassistisch.
   »Das war so ein junger Schaffner und der meinte dann auch irgendwie, dass er bei bestimmten Gästen genau schauen muss. Aber der Mann verweigerte, stieg ein und der Schaffner quatschte einfach weiter mit seinen Kollegen.«
   Vermutlich hatte er keine Lust auf Trubel und fand sich dann noch mordsmäßig großzügig, einen Neger einfach so einsteigen zu lassen.
   Sie nannte diesen Zugbegleiter »so einen Wichser« - wenn sie schon mal sowas sagt, muss sie wirklich beeindruckt gewesen sein von dieser Szene. Wäre es nicht irgendwie verständlich, wenn ein solches Benehmen zu einem Gewaltausbruch führte? »Immer feste drauf, Schatz, ich halte seine Kumpels auf Abstand ... und wir spielen Bonnie und Clyde.«

Der Wichser hat den schwarzen Fahrgast natürlich geduzt. Diesen Mechanismus kenne ich ja noch von früher, als mancher Typ meinte, er könne meinen Vater grundsätzlich duzen, weil er ein Ausländer sei. Ich bin ja nun kein großer Freund des Siezens, aber wenn es üblich ist, dann muss es bei allen üblich sein. Ich bin doch auch höflich und sieze, wenn ich sage: »Sie Wichser gehören nicht von der GDL verteidigt, es wäre viel mehr schön, wenn Sie wirklich Angst hätten zur Arbeit zu gehen.«

Dieser Sprecher von der GDL war ohnehin so ein leicht beleidigter Typus. Dass es seinen Kolleginnen und Kollegen so ergehe, habe mit den Fahrgästen zu tun. Die lassen es manchmal grundlegend an Respekt fehlen, sagte er mürrisch. Erst auf Nachfrage gab er auch der Bahn eine Teilschuld, weil die Fahrgäste manchmal viele Stunden ohne Informationen am Bahnsteig stehen läßt. Deshalb muss man aber sicherlich keinem eins in die Fresse geben. Dagegen bin ich auch. Eigentlich auch, wenn sie rassistisch profilen. Aber dass es einem in den Fäusten juckt, das kann ich in so einem Fall eben verstehen.

Das hat mich dann wieder ernüchtert, dass es meistens nur die wirklich schlechte Informationspolitik der Bahn ist, die zu solchen Ausrastern führt. Klar, es ist wie immer: Meine Verspätung ist schlimmer als der unmenschliche Übergriff auf meinen Nächsten. Und wenn man doch was sagt, dann bringt man sich in die Klemme. Der Zugbegleiter kann ja anweisen, dass man am nächsten Bahnhof aus dem Zug entfernt wird. Keine Seltenheit bei »Querulanten« und »Störern«. Aber was sagt man in einer solchen Situation auch? Man ist so vor den Kopf gestossen, dass man perplex ist. Und bis einem doch was einfällt, hat der Typ seinen Herrenmenschenarsch schon weitergeschoben.

Manche Zugbegleiter leiden nicht zu viel, sondern viel zu wenig an ihrer beruflichen Situation. Manche bräuchten tatsächlich welche auf die Backen. Gewalt ist keine Lösung. Aber bei solchen widerwärtigen Typen löste sie wenigstens die Verbitterung, die nach solchen Erlebnissen des Bahnalltages entsteht. »Uhhh, jetzt tickt er aber aus«, wird mancher sagen. »Nu wird er aber geschmacklos.« Kann sein. Mir egal! Dass ich den Rassismus in Phantasieuniform irgendwie respektieren muss, kann man aber nicht von mir verlangen. Schade um all die anständigen Zugbegleiter. Schade aber auch, dass all das bahnuniformierte braune Gesindel nicht mehr Angst haben muss in dieser ach so zivilisierten Mobilitätsgesellschaft.


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Fröhliche Verbraucher, die traurige Arbeitnehmer sind

Donnerstag, 3. April 2014

Die Wirtschaftsressorts großer Zeitungen sind betriebswirtschaftlich geschulte »Tendenzbetriebe«. So verbreiten sie tolle News für Verbraucher, vergessen dabei aber, dass diese Verbraucher auch Beschäftigte sind, für die es weniger Grund zu Freude gibt.

Unter »Wirtschafts-News« findet man bei »Focus Online« dieser Tage mal wieder frohe Kunde: »Preisschlacht der Discounter« und natürlich »... die Verbraucher profitieren«. Das zeigt mal wieder ganz gut, wie »Wirtschaft« in vielen Redaktionen dieses Landes verstanden wird: Als ein »Gesamtorganismus«, in dem alles mit allem zusammenhängt, ganz sicher nicht. Verkettungen nimmt man dort nur so beschränkt wahr, wie Betriebswirte gesamtgesellschaftliche Verflechtungen berücksichtigen – nämlich kaum. Sein Betrieb ist sein Kosmos – und vielen Wirtschaftsjournalisten reicht es augenscheinlich, nicht zu allumfassend zu berichten.

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Lazarus mit Kalaschnikow

Mittwoch, 2. April 2014

Ich muss an dieser Stelle mal wieder etwas Positives melden. Kommt ja leider nicht oft vor. Aber ab und zu muss man auch das Gute sehen. Was habe ich nicht schon über die Deinstallierung des paritätischen Gesundheitssystem geschimpft. Aber die Ärzte, die gehören trotzdem immer noch zur globalen Elite des Fachs.

Neulich kam mir dieser Gedanke, als ich diese Frau sah, die schon fast am Ende war. Sie war quasi tot. Haben nicht vor einigen Jahren diverse (Boulevard-)Gazetten gemeldet, dass sie mit dem Leben kämpfe? Am Limit war sie im Knast auf alle Fälle. Und ihre Tochter informierte die Welt gedeihlich darüber, dass Mama am Ende sei, wenn sie nicht bald aus dem Gefängnis käme. Alle Welt machte sich Sorgen. Wie lange hält sie noch durch? Internationale Besucher meldeten: Ja, sie ist sehr sehr krank. Dann kam die Meldung, dass sie frei sei und man schob sie im Rollstuhl vor und war ein bisschen gerührt, dass sie es doch geschafft, dass sie doch überlebt hatte.

Dann ließ sie sich schnell in einem deutschen Krankenhaus von deutschen Ärzten behandeln. Ihr Glücksfall! Heute kann sie schon wieder schimpfen und drohen und irgendwelchen »Dreckskerlen Kugeln in den Kopf« wünschen. Selbst mit der NATO kann sie schon wieder ganz schmerzfrei anbandeln. Fast auferstanden von den Toten möchte sie Tote sehen. Selten war jemand so schnell so geheilt wie sie. Und die Frau ist nicht mal krankenversichert in Deutschland. Wie gut muss es erst denen gehen, die es in diesem Lande schon sind?

Die Welt hat sich wahrlich verändert. Wir empfinden nicht mehr so, wie noch Menschen vor mehreren Jahrzehnten empfunden haben. Früher hat einer seine Hand auf die Stirn eines Lahmen aufgelegt und auf ihn eingeflüstert - und der Typ warf seine Krücke weg, sprang in die Luft, rief »Juhu!« und bestieg den nächsten Hügel. Heute setzt sich ein so wundersam Geheilter in einen Sessel, verbreitet Hysterie, will einen Krieg beginnen und erzählt der Welt via geheimdienstlichen Mitschnitt, dass er für Mord und Totschlag schon wieder bereit ist.

Was hat eigentlich Lazarus getan, als ihn Jesus von den Toten erweckt hatte? Dass er Drohungen ausstieß, konnte ich nirgends lesen. So ein Tod schlaucht ja auch. Ich vermute, er hat es sich gut gehen lassen. Heute hätte er sich vielleicht eine Kalaschnikow gekrallt und mit Kopfschüssen gedroht. Auferweckte sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Aber die Ärzte sind besser geworden.


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Kurz kommentiert

Dienstag, 1. April 2014

»Fast jeder Deutsche möchte gerne reich sein. Dennoch sind Wohlhabende hierzulande nicht wohlgelitten. Dabei würden mehr Reiche dem Land durchaus gut tun.«
- Maximilian Weingartner, Frankfurter Allgemeine vom 29. März 2014 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Es gibt Kommentatoren, die sich für nichts zu schade sind; die Argumente aufführen, die gar keine sind und deshalb Schlussfolgerungen ziehen, die so haarsträubend geistesabwesend wirken, dass man sie für einen verfrühten Aprilscherz halten könnte. Schlussfolgerungen übrigens, die gar nicht am Schluss gezogen werden, sondern vorher schon fest standen und noch ein wenig Sachgrund suchten, um als Erkenntnis abgesegnet werden zu können. Ein solcher Kommentator ist Weingartner und eine solche apriorische Erkenntnis ist die, dass viele Reiche notwendig seien für das Wohl aller.

Weingartner beginnt ja schon völlig hanebüchen. Alle wollen reich sein, behauptet er. Deswegen spielen auch so viele Menschen in Deutschland Lotto. Die träumen nämlich alle von einem Leben als Reicher. Das alleine ist schon vermessen. Die meisten werden wohl nicht deshalb spielen, weil sie sich gerne ein Etikett »reich« anheften wollen, sondern weil sie die Schnauze voll davon haben, arm zu sein, sich herumschubsen lassen zu müssen; weil sie abends wachliegen, darüber sinnieren, wie sie die nächste Autoreparatur bezahlen wollen oder was sie tun sollen, falls der laut knarrende Kühlschrank morgen doch den Geist aufgibt. Es geht nicht um Reichtum, sondern um die Flucht aus einem Zustand, in dem Geld immer zu knapp ist. Und überhaupt: Spielen denn nicht auch reiche Leute Lotto? Wenn ja, wie erklärt der Mann denn dieses Phänomen?

Sodann bedient er sich im bekannten Arsenal der Argumente. Reiche zahlen nämlich so viele Steuern, dass man sie eigentlich lieben müsste. Wenn es sie nicht gäbe, wäre der Sozialstaat am Ende. Je reicher, desto besser. Von der Beitragsbemessungsgrenze der Krankenversicherung zum Beispiel, die den Beitragssatz deckelt, sagt er kein Wort. Sollte jemand aus reichem Hause gesetzlich versichert sein, bezahlt er also immer prozentual weniger als jemand, der einen üblichen Lohn bezieht. Aber das nur als Beispiel. Dass nämlich viele Reiche nur wenig Steuern bezahlen, hat man neulich vor einem Münchner Gericht erfahren und wie es aussieht, war das nur die Spitze eines polgroßen Eisgebirges. Währenddessen sinken die Durchschnittslöhne, wächst die prekäre Beschäftigung an und werden Arbeitnehmerrechte geschliffen. Und trotzdem liebt sie keiner, die Reichen, die im Fernsehen von Villen und Traumreisen erzählen? Die ihre Kinder von den Kindern der Habenichtse separieren und selbst auch wenig mit den »Human Ressources« zu tun haben wollen. Warum nur sind sie »nicht wohlgelitten«? Weingartner kann das alles gar nicht fassen.

Natürlich weiß Weingartner, dass man nun auch noch den politisch-ökonomischen Gegner verunglimpfen muss. Daher schreibt er: »Die Umverteiler ziehen alle Register«. Angriff ist immer dann die beste Verteidigung, wenn man unter starken Abwehrproblemen leidet. »Die Umverteiler«? Man hört förmlich, wie bei diesem Wort die Nase verächtlich gerümpft wird. Was bitte ist daran verwerflich, wenn Menschen, die von den gesellschaftlichen Errungenschaften und von den Erkenntnissen der Menschheit gesamt profitierten, auch wieder etwas von ihrem Profit zurückführen an die Basis, die ihnen den Erfolg ermöglichte? Nein, Weingartner geht es nicht darum, eine Lanze für die Reichen zu brechen, er stilisiert sie zu den Säulen des Sozialstaates, den sie großzügig unterhalten, um damit indirekt auch für die Eigenverantwortung zu plädieren. Denn wenn er meint, wir könnten mehr Reiche vertragen, dann spricht er getreu dem Motto: Wenn alle reich wären, gäbe es keine Armen mehr. Oder besser gesagt: Dann müsste man keine Armen mehr alimentieren.


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Die Ikone, die sie über die Leopoldstraße trugen

Montag, 31. März 2014

Der FC Bayern München schwebt nicht nur sportlich in anderen Sphären. In und um den Verein scheint man schon lange die sittliche Bodenhaftung verloren zu haben. Als »Bonzenverein« hat man ihn ja schon vormals bezeichnet. Was aber in der letzten Zeit geschieht, war so noch nicht da.

In München feierten sie diesen »Meistertitel ohne Gegenwehr« wie üblich mit Meisterschalen aus Pappendeckel und wedelnden Schals, die man sich in der Orlandostraße, vis-à-vis des Hofbräuhauses gekauft hat. Erkennbar klebten sie das ikonisierte Konterfei ihres verurteilten Ex-Präsidenten auf das selbst gebastelten Zeichen ihres fußballerischen Erfolges. Wie einen Che Guevara gutsituierter Leute trugen sie ihn durch die Straßen der Stadt und in die Kneipen der Leopoldstraße hinein. Beim Betrachten der Bilder freudetrunkener Bayern-Fans konnte man leicht glauben, hier würde eine Prozession voll satter Pietätlosigkeit stattfinden.

Verwunderlich ist das freilich nicht, denn Trainer Guardiola widmete die Meisterschaft auch gleich nach dem Schlusspfiff in Berlin seinem bald Landsberger Freund. Die Bayern-Granden haben indes bis heute kein kritisches Wort über Hoeneß verloren, sodass man als Fan leicht den Eindruck haben konnte, dass der Mann mehr Opfer als alles andere sei. Und so fertigt man sich eben in falscher Solidarität eine Legende, in der Hoeneß das Opfer eines Staates ist, der immer nur ans schwer verdiente Geld der Reichen will. Ein Anti-Che quasi, der im Grunde sogar noch etwas Richtiges getan, ja einen Akt der Selbstverteidigung vollzogen hat.

Wie gesagt, der FC Bayern München galt immer als Klub der Schickeria. Der Arbeiterverein hingegen kam aus Giesing und spielte ganz in Blau. Gegen dieses mittlerweile antiquierte Image der Stadtkonkurrenz trat man an der Säbener Straße immer blasiert an. Man wollte besser sein. Und jetzt, da die Bundesliga nur noch voller Sparringspartner steckt, scheint man nicht mehr nur ein Verein sein zu wollen, sondern so eine Art asoziale Anarcho-Bewegung, die sich die Staats- und Steuerverdrossenheit auf die Fan-Schale stickt und dabei so tut, als sei man eine eingeschworene Gemeinschaft gegen alles, was von Außenstehenden an »unserer Art zu leben« an Kritik hervorgebracht wird.

Der zeitgenössische FC Bayern ist derzeit der erfolgreichste Verein der Welt. Schier unschlagbar. Und er begreift sich als ein Movement reicher Herrschaften und ihres selten dummen Fußvolkes. Führt die sportliche Unbesiegbarkeit auch außerhalb des Platzes zu Größenwahn? Gerade, wenn man in einem Milieu wie dem bayerischen steckt, in dem man sich »Mia san mia« zuruft und dabei lediglich »Die andan san Scheißdreck« versteht? In diesem Morast aus Bussi-Bussi-Gesellschafter, die aus Staatsparteisoldaten und regionalen Unternehmern, aus Medien-Establishment und staatstragender Kultur stammen, und die sich alle miteinander hochschaukeln mit ihrem Überlegenheitsgefühl, tüftelte man von jeher an einer Parallelgesellschaft. Nur wird das jetzt deutlicher als je zuvor.

Was soll das alles sein? Ein sportives Tea Party Movement auf Bierbasis, getragen von Leuten, die die steuerliche Umverteilung zum Zwecke der allgemeinen Partizipation nicht brauchen - und ausgeführt von einer Gefolgschaft aus kostümierten Dummköpfen, die exakt einen solchen Ausgleich schon bräuchte und das auch wissen müsste, wenn sie mal einen Augenblick darüber nachdenken würde? Wie sich der FC Bayern München dieser Tage doch dem transatlantischen »Geistesbruder« angleicht. Die Hillbillies von drüben brauchen ja auch hohe Steuersätze für Reiche und einen starken Staat, pfeifen aber durch ihre Zahnlücken, dass sie dagegen sind. Den Reichen kann das gerade so egal sein, wie es Guardiola egal ist, was sein ehemaliger Präsident getan hat. Der »nette Pep« braucht schon lange keine Sicherheiten vom Staat mehr. Sein Konto und seine Anlagen sind ihm Sicherheiten genug.

Wenn Steuerbetrug guevareskes Heldentum sein soll und die Kassen deshalb heroisch leer blieben, dann würde mancher dieser Almseppl im roten Trikot auf dem Weg zur Meisterfeier in Schlaglöcher treten und sich ein Bein brechen. Oder er würde im Dunkeln durch München irren und über die vielen defekten Straßenlaternen schimpfen und sich stoßen. Auf den Weg zur Notaufnahme, die chronisch unterbesetzt oder sogar geschlossen ist, holte er die Ikone hervorholen, die dreifarbige Aufbereitung des »Guerrillero Heroico«, des Gesichts jenes Helden, der nur drei Buchstaben im Namen zählt und flüstern: »Danke, lieber Uli, wir sind wieder mal Meister.« Er streichelte das Abbild und spekulierte so auf schnelle Heilung. Jede Zeit hat ihre ganz speziellen Heiligen.


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Eine kurze Expertise über die kurzen Expertisen

Freitag, 28. März 2014

Kurz bevor wir in die Welt da draußen mussten, saßen wir da und starrten in das »Morgenmagazin«. Ich trank dabei wie immer zu dünnen Kaffee. Sie brachten etwas zum verschwundenen Flug MH370. Keine Ahnung was, einfach nur das übliche »Kommt-alle-aus-den-Betten-die-Welt-hat-was-Spannendes-zu-bieten-Gefasel«, das man im Fernsehen um diese Uhrzeit so hört. Die Maschine war zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch nicht gefunden worden.
   »Vielleicht wurde sie ja von Außerirdischen entführt«, sagte ich zu meiner Frau und nippte am Wasser, das Kaffee sein sollte.
   Sie verdrehte nur die Augen. Und das forderte mich heraus, meine These zu verteidigen. Nicht, weil ich an sie glaubte. Ich mag es nur nicht, wenn man mir mit verdrehten Augen kommt.
   »Meinst du vielleicht, es gibt außer uns nichts? Ist das alles?«
   Ich zeigte auf die drei gutgelaunten Wesen auf dem Sofa und den Nachrichten-Mann, der im Hintergrund eingeblendet wurde.
   »Die drei Trottel auf der Couch, die schmale Krawatte von dem Nachrichten-Kerl und die Raute der Kanzlerin? Das muss ja ein mieser Gott sein, dem nicht mehr einfällt.«
   Nein, hört auf Leute, ich hör euch ja schon lamentieren: Ich glaube neuerdings nicht an Gott. Dazu habe ich keine Zeit und auch keine Lust. Aber als Polemik eignet er sich manchmal ganz gut.
   »Was soll also an meiner Theorie so unglaubwürdig sein?«
   Ich nippte nochmal am Wasser.
   »Kann doch sein, oder?«
   Sie gab mir einen Kuss und verdrehte wieder die Augen. Ich nehme an, diesmal, weil ich so ein guter Küsser bin.
   Ich ließ es dabei bewenden, wir mussten ja nun auch vor die Haustüre, ins Reich der Ellenbogen, in dem man sich solcher Gedanken nicht hinzugeben hat, wenn man ein ordentlicher Mensch sein will.

Das meint der Experte
Na gut, so ganz ließ ich es nicht dabei bewenden - jetzt kommt der Nachschlag. Denn wenn ich es mir so recht überlege, wusste ich in dem Moment etwa so viel, wie all die Experten, die sie rekrutiert hatten, als MH370 plötzlich weg war. Ich erinnere mich an einen Burschen, ich glaube von der »Deutschen Flugsicherung«, der sagte, dass allen Anschein nach und nach Sichtung der Fakten nur ein terroristischer Akt in Frage käme. Seine Ferndiagnose zündete nicht. Schon drei Tage später war diese Theorie schon wieder out. Da lag ich mit meiner Alien-Theorie auch nicht schlechter. Nur machte ich mich zum Narren, würde ich mich selbstbewusst hinstellen und sie verkünden. Aber diesen Burschen laden sie bei der nächsten Sonderbarkeit in den Lüften wieder ein.

Solche Experten sieht man alle Furz lang im Fernsehen. Zu jedem Thema ein Fachmann, der in knappen, aber doch bestimmten Stil expliziert, was jetzt ist, sein wird, was war und wieviel es kostet. Wahrscheinlich gibt es keine Studie dazu, aber ich nehme stark an, dass achtzig Prozent dieser Einschätzungen nicht zutreffen. Wer sollte eine solche Studie auch machen? Experten vielleicht?

Man hat es so weit gebracht, dass das »Metier des Experten«, falls man von einem solchen Metier überhaupt sprechen kann, stark gelitten hat. Wenn ich heute höre, dass sie sich mal wieder so einen Fachmann ins Studio eingeladen haben, dann sage ich: »Aha, wieder so ein Arsch von einem Laien, der es versteht, sein Bauchgefühl so bestimmt zu vertreten, dass sich keiner traut ihm zu widersprechen.« Daran mangelt es mir ganz offenbar. Schon wenn jemand mit den Augen dreht, bin ich aus dem Takt.

Die Experten in der Mediokratie sind Herolde der Sensationsmeldung, Verkündiger der Eskalation, Boten des schlimmsten anzunehmenden Vorfalls. Wenn irgendwo eine Bombe hochgeht, sagen sie, dass weitere Anschläge wahrscheinlich sind. Gibt es einen Virus, geben sie als Expertise ab, dass es sich wie eine Spanische Grippe auswirken könnte. Dass man beruhigt sein sollte, nichts so heiß gegessen wie gekocht wird, »Bleibm Se mal cool!« hört man von ihnen eher nicht. Der Fachmann ist im Medienbetrieb nicht dafür da. Er ist nur ein Fachmann, wenn er die Verschlimmerung einer Situation fachlich aufwerten kann. Die Entskandalisierung geschieht still und ohne fachliche Analyse. Sie soll unmerklich eintreten.

Wenn ich also meine kurze Expertise dazu abgeben dürfte: Es gibt sicherlich viele, die von ihrem Fach Ahnung haben. Man merkt es nur nicht mehr so richtig, weil überall kamerageile Quacksalber und selbstverliebte Scharlatane ihre Birne vor Objektive platzieren. Wir haben den Begriff des »Experten« umgedeutet und das glatte Gegenteil dessen dazu gemacht. Der Experte ist in der Schnelllebigkeit der News-Industrie einer, der den Eindruck eines Kenners vermitteln muss. Mehr braucht er nicht können. Meint es einer wirklich seriös und sagt als Soziologe zum Beispiel, dass man die oder jene gesellschaftliche Entwicklung vielleicht gar nicht zu skandalisieren brauche, dann disqualifiziert er sich. »Langweilig!« rufen sie dann und zappen weiter zu dem Soziologen, der gleich noch eine politische Einordnung mit ordentlich Pfeffer auftischt.

Wenn ich mich also jetzt hinstelle und was von Aliens rede, dann treffe ich wahrscheinlich so wenig ins Schwarze wie das seriöse Anzugswürstchen der »Deutschen Flugsicherung«. Aber witziger wäre ich allemal. Dass ich nicht an Aliens glaube, wäre dabei nicht mal hinderlich. Mein Lieblingsautor hat mal geschrieben, dass man wahrscheinlich »um so wirkungsvoller agieren [könne], je weniger man von einer Sache [versteht] oder daran [glaubt]«. Vielleicht sind auch deshalb all diese neoliberalen Pisser so glaubwürdig für die Menschen. Wäre doch auch mal eine These. Darüber muss ich nachdenken. Ich sag euch dann Bescheid.


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Der Mindestlohn nach Nahles

Donnerstag, 27. März 2014

Oder: Spartipps für »umsichtige Unternehmer«

Als Arbeitnehmer muss man die Beschlüsse der (Wirtschafts-)Politiker schon ganz genau im Auge behalten. Denn seitdem die Agenda 2010 ins Land ging, gibt es so viele Schliche und Maschen, um die Kosten für Arbeitskraft zu vergesellschaften, dass man an eine in sich geschlossene, logisch konstruierte und letztlich von wirtschaftlichen Einflüssen freie Reform gar nicht mehr glauben mag.

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Wie die heutigen Stümper das politische Personal von früher adeln

Mittwoch, 26. März 2014

oder Diese Gegenwart taugt nie und nimmer zur »guten alten Zeit« sein.

Es machte »Bing«, die Schiebetüre des Lifts öffnete sich und dann stand Norbert Blüm im Studio von »Die Anstalt«. Uthoff und von Wagner suchten gerade noch eine »charismatischen Anführer«, der gegen die Privatenrente und die Aushebelung der Umlagefinanzierung auf die Barrikaden gehe. Und da kommt dieser Mann aus dem Lift und hesselt: »Also ich ... ich täts mache.« Standing Ovations. Die Zuschauer waren erkennbar aus dem Mittelstandshäuschen. Und für einen kurzen Augenblick schien es mir fast so, als habe sich das Publikum zurückgesehnt in eine Zeit, da jemand wie dieser bodenständige Mann noch Minister - und das in einer konservativen Regierung! - sein konnte.

Und ich gestehe, in diesem Moment ergriff auch mich ein sentimentaler Anflug und ich redete mir ein, dass damals zwar vieles schlecht war, aber nicht alles so schlecht wie heute. Natürlich ist das nur sehr vereinfacht gedacht und im Rückblick verklärt sich ja so viel. Aber dieser Tage kann man schon mal so denken.

Ich hätte ja nie geglaubt, dass ich das mal so sehe. Aber wenn ich mir das heutige politische Personal so ansehe, dann erahne ich erst, dass die Kabinette des dicken Oggersheimers (bis auf einige Ausnahmen wie zum Beispiel den Lambsdorff) noch lange nicht so schlecht waren, wie man das manchmal von diesen Jahren der »geistig-moralischen Wende« liest. Als ich neulich las, wie der Teltschik die Lage auf der Krim einschätzte, dachte ich mir: »Sieh einer an, da ist einer pragmatisch genug, die Welt nicht ins Unglück zu stürzen. Da weiß einer was von Diplomatie und von internationalen Zusammenhängen.« Er hatte gesagt, dass man die Tatsachen, die Rußland nun geschaffen habe, akzeptieren müsse, wolle man einen Waffengang vermeiden. Das klingt in Tagen der Hetzerei fast ein bisschen philosophisch.

Natürlich waren damals die Konservativen auch als Konservative am Ruder - und nicht etwa als Philosophenkönige oder sowas. Diese Leute waren damals teilweise noch spießiger und muffiger, teils weltfremder und durch ihren christlichen Eifer determinierter als ihre Nachfolger. Aber ich glaube, sie waren wenigstens mit ein wenig gesunden Pragmatismus ausgestattet und weniger von dieser schmierigen Glasur bestehend aus kleinlichen Nationalstolz und pathetischen Sendungsbewusstsein überzogen. Pragmatisch sind die heutigen Figuren schlechterdings nur in Wirtschaftsfragen und da auch nur stets im Sinne der herrschenden Ökonomie. Ansonsten treten sie als eurozentrische Moralisten und Weltverbesserer von der verschlechternden Sorte auf, die obendrein noch ordentlich auf die Emotionstube drücken.

Wahrscheinlich wussten viele damals noch, wie es ist, im wirklichen Leben zu stecken. Vielleicht war Bonn auch nicht so abgehoben wie das Regierungsviertel in Berlin. Die Provinz erdet ja manchmal. Es gab ja sogar in der Union einen Arbeitnehmerflügel, der nicht nur schwächelte und traditioneller Tand war, sondern aktiv ins Geschehen eingriff und mit Blüm sogar einen Minister stellte. Wenn man da die mit Zahlen und Statistiken gedopten Humanoidautomaten sieht, die heute das Leben von Menschen regeln sollen, von dem sie lediglich aus Aufstellungen und Flipcharts wissen, kann man nicht anders als an eine gute alte Zeit zurückdenken, die nicht gut, nur alt war, wie das der »Stern« neulich so passend in einem Artikel zur AfD schrieb.

Vor einem halben Jahr schrieb ich beim »Heppenheimer Hiob« etwas über diese Kanzlerin, die sich Zwerge an ihrer Seite hält, um selbst riesenhafter zu wirken. Fazit war, dass »der Dicke nur neben Dünnen dick [ist] - neben noch Dickeren ist er der Dünne«. Dieses Prinzip gilt vermutlich auch in der oben genannten Konstellation. Wenn eine Zukunft folgt, in der die Zeitgenossen sich aus Trotteln und Simpeln zusammensetzen, dann rehabilitiert sich die Vergangenheit von alleine. Aber wahrscheinlich trifft der Spruch trotzdem zu: »Es war ja doch nicht alles schlecht.«

Schwer vorstellbar ist es jedenfalls, dass wir in zwanzig Jahren feststellen werden, dass Merkels Personal nicht grundsätzlich windig war, nur weil die dann aktive Regierung noch viel blöder und arroganter ist. Ist das überhaupt möglich? Turnt dann etwa von der Leyen oder der Friedrich in einer Kabarett-Sendung herum? Und wird letzterer dann etwa für die Wahrheit eintreten, auf Barrikaden steigen und sagen, dass der Staat die absolute Privatsphäre der Bürger einzuhalten habe? Man kann sich als Mensch vieles vorstellen, die Phantasie ist eine unglaubliche Fähigkeit. Aber hier stößt sie an ihre Grenzen. Es gibt einfach unvorstellbare Dinge. Noch jede Gegenwart hat irgendwann zur guten alten Zeit getaugt. Diese allerdings nicht!


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Auf den ersten Blick

Dienstag, 25. März 2014

Heute: Der verluderte Typ mit dem Goldkettchen, Vladimir Putin

Es war ja nie so, dass man den russischen Präsidenten stets ausschließlich als »seriösen Politiker« bebilderte. Er war aber auch selbst schuld daran. Schließlich posierte er ja nicht widerwillig mit all den Kameras, die auf ihn gerichtet waren. Sicherlich hätte sich auch mancher Ausritt ohne Journalisten einrichten lassen. Nun gut, die Bilder sind halt in der Welt. Und nicht nur das Internet verzeiht nichts - auch die Hände, die in Schubladen greifen, in denen Redaktionen solche Fotos parken, sind nicht sehr vergesslich. Bislang hat man meist eher polemische Texte mit diesen Fotos geschmückt. Oder Artikel, die vielleicht des Herrn Probleme mit Schwulen aufgriffen. Dass man jetzt aber Texte, die vor Kriegsbereitschaft und Entschlossenheit nur so geifern, mit solchen Bildern ausstattet, ist nicht einfach nur geschmacklos, sondern will eine Botschaft sein.


Fleischhauer nannte Putin den »obersten Goldkettchenträger«. Und diese Bezeichnung zeigt ganz gut, was die Bilder suggerieren sollen. Es ist das Klischee des Russen, wie ihn die Menschen sich in Deutschland denken. Als Macker und Proleten, mit Gold behangen, ein Ost-Cowboy, der aus einem Land kommt, in dem es Kultur und Sitte nicht gibt. Der водка säuft und нет sagt und dabei vor Aufschneiderei nur so strotzt. Man will darstellen, dass diese Gestalt weniger Präsident als Türsteher ist, weniger Staatsmann als Zuhälterverschnitt. Die ernsten Texte zur Krim-Krise, die Putin so zeigen, wollen das Zwielichtige und Rotlichtige dieser Person betonen. Wir sollen es nicht mit einem Staatschef zu tun haben, will man bildlich aufmixen, sondern mit einem Kuppler, der erpresst und das Messer im Hosenbund trägt und bei dem man unwillkürlich an Mike Hansen denkt, jener Figur Olli Dittrichs, die er bei »RTL Samstag Nacht« erfand und die so sehr Gosse schwatzte, dass es schon wieder komisch war.

Der in Bild gesetzte Lude soll zeigen, dass die pure Grobschlächtigkeit am Werk ist. Kein Politiker unter Politikern, sondern ein Schurke, wie er in jedem Puff oder an jedem Straßenstrich zu finden ist. Der verluderte Putin ist dabei natürlich nicht erst jetzt aufgetreten. Das Russland-Bild ist hierzulande schon viel länger von solchen Klischees behaftet. Früher glaubte man den Untermenschen im Russen zu erkennen, später verachtete man ihn, weil er neureiche Millionäre hervorbrachte, die aber irgendwie dumm, dreist und größenwahnsinnig sein sollen. Dass russische Zuhälterfiguren nun auch in Kitzbühl shoppen, berichteten Boulevardmagazine schon in den Neunzigerjahren und wirkten so mit am neuen Bild, das man »vom Russen« hatte. Putin ist jetzt der Herr dieser Gestalten. Und genau jetzt, da die Krim zur internationalen Frage wird, passt diese Wahrnehmung natürlich blendend ins Konzept. Gegen einen Zuhälter ist man vielleicht nicht gleich gewillt in einen Krieg zu ziehen, aber man kann sich so auf die eigene moralische Überlegenheit zurückziehen und die Kritik am Kurs westlicher Politik eindämmen.


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Das »April, April!«, das erst zur Monatsmitte ertönt

Montag, 24. März 2014

Willkommen in der Endlosschleife neuer Wachstumsmeldungen. Nee, nicht die Wirtschaft wächst. Die wächst nur in den Prognosen. In der Realität passt man diese Zahlen dann wieder an. Aber die Langzeitarbeitslosen, die sorgen jedes Jahr um diese Zeit für Wachstum.

Mitte April 2011 meldeten die Gazetten, dass die »Arbeitsagenturen so viel strafen wie nie«. Im Schnitt kürzen sie »um 123,72 Euro im Monat«. In knapp 500.000 Fällen ging es »um Meldeversäumnisse« und »mehr als 102.000 Mal« war eine »als zumutbar angesehene Arbeit«, die nicht ergriffen wurde, der entscheidende Grund.
Mitte April 2012 hieß es dann: »Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger nehmen zu«. Die Leistungen seien »um 115,99 Euro im Monat gekürzt worden«. Erst weiter unten stand dann: »Betrugsfälle gehen zurück«.
Mitte April 2013 las man, dass »noch nie [...] so viele Sanktionen gegen Arbeitslose ausgesprochen [wurden] wie im letzten Jahr«. Durchschnittlich »110 Euro« habe man nicht ausgezahlt. In »697.000 Fällen« ging es um Meldeversäumnisse, 137.600 Strafen resultierten aus »der Weigerung, eine Arbeit aufzunehmen«.
Mitte März 2014 meldet jetzt die Bildzeitung in einem Vorbericht, dass die »Strafen gegen Empfänger auf Rekordniveau« lägen. Bis November des letzten Jahres hätten sich mehr als 94.000 geweigert, »bestimmte Jobs anzunehmen«. In mehr als 667.000 Fällen gab es Meldeversäumnisse.

Mehr dazu folgt dann sicher Mitte April, der traditionellen Zeit, um über Sanktionsrekorde zu berichten und natürlich für Sofortmaßnahmen gegen den Müßiggang mobil zu machen. Die Bildzeitung hat dann zu ihrem Vorabbericht auch gleich einen redaktionellen Kettenhund losgelassen, der einen Kommentar formulierte, in dem es irgendwie um Verschärfungen geht und um Jobcenter, die ihre »Kunden« per SMS einladen. Als ob das zulässig wäre. Und natürlich hätten sich Hartz-IV-Empfänger mal wieder im System eingerichtet. Ist schon klar, davon lebt man auch so gut und reichlich. Diese Typen schicken uns nicht am Ersten in den April, sondern seit Jahren erst zu Monatsmitte.

Denn die Rekorde sind nur selten welche, wenn man die Zahlen zerlegt und die einzelnen Positionen auflistet. Die Zahl, die die fehlende Motivation von Hartz-IV-Empfängern dokumentieren soll, ist hierfür exemplarisch, denn sie ging ja nicht konstant noch oben. Und dann muss man die Umstände berücksichtigen: Zu den Strafen aufgrund Ablehnung zumutbarer Arbeit gehören generell auch solche »Delikte«, die die Eingliederung in den Arbeitsmarkt vereiteln. Unter anderem ist damit auch die Verweigerung eine Eingliederungsvereinbarung zu unterschreiben gemeint. Die hält einseitig fest, dass der Arbeitslose bestimmte Dinge zu erfüllen und zu belegen hat. Eine bestimmte Anzahl Bewerbungen schreiben zum Beispiel. Mir sind Fälle bekannt, in der das Jobcenter 40 Bewerbungen im Monat forderte. Unterschreibt man diesen Wisch nicht, droht Sanktion. Das Sozialgericht hat mal beanstandet, dass diese Einseitigkeit nicht rechtens sei. Seither führen auch die Jobcenter ihre »Pflichten« auf, im Regelfall ein Standardsatz, der besagt, dass man die Daten des Arbeitslosen in die interne Stellenliste der Behörde einspeist, um so ab und an einen Stellenvorschlag zustellen zu können. Also folglich eine »Leistung«, die ohnehin erbracht werden sollte.

Sanktionen aufgrund von Meldeversäumnissen werden häufig wieder zurückgenommen, weil beispielsweise die Krankmeldung erst verspätet auf dem Tisch des Arbeitsvermittlers landete. Oder es kommen Einladungen gar nicht erst an, was sich dann nur schwer belegen lässt. Als ich noch Hartz IV bezog, bekam ich Einladungen grundsätzlich immer kurzfristig höchstens zwei Tage vor Termin. Manchmal auch erst am Vortag. Die Berliner Behörden haben eine Weile Einladungen so zustellen lassen, dass sie erst am Tag des Termins im Briefkasten lagen.

Kurz gesagt, dieses Aufwärmen statistischer Belege ist nichts wert. Es sagt nichts über die »Arbeitsmoral« von Leistungsbeziehern aus. Nur wenn man die Praxis der Behörden kennt, weiß man, welche Aussagekraft diese Zahlen wirklich haben. Nämlich die, dass hier aus Spargründen ordentlich betrogen und gelogen wird, um sanktionswürdiges Verhalten zu erzeugen. Statistiken erfassen das freilich nicht. Und die Rotte derer, die auf solche Rekorde nur warten, um wieder strengere Gesetze zu fordern und etwaige verantwortliche Minister zum Handeln zu bewegen, wollen von dieser Praxis natürlich nichts wissen. Sie wollen nur den Untergang des Abendlandes herausdeuten, um den Stammtisch, an dem sie abendlich den Frust über ihr verkorkstes Leben hinabsaufen, auch in die Kommentarspalten und auf die politische Agenda dieses Landes zu setzen.

Mitte April gibt es Zahlen und Wasserstandsmeldungen, die uns sagen, dass die Brühe schon wieder höher steht. Ende April ist dann die Zeit der Experten, Mahner und Bild-Serien, in denen es dann um das »wirkliche Leben von Hartz-IV-Beziehern« geht.

Das Wetter ist im April gar nicht so wechselhaft, wenn man Hartz IV bezieht. Es ist dann meist durchgehend frostig und man friert stark wegen des Einbruches sozialer Kälte. »April, April, der macht was er will«, sagte man früher mal. Für Langzeitarbeitslose heißt es schon lange: »April, April, die machen mit uns, was sie wollen.« Das reimt sich zwar nicht, stimmt aber trotzdem.


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Wie mir Hoeneß fast auf die Zehen stieg

Freitag, 21. März 2014

Keine Verteidigungsrede auf Uli Hoeneß, aber ...

Wenn die Medien jetzt mit der Kamera draufhalten, wie Hoeneß in den Bau marschiert, dann ist eine letzte Grenze überschritten. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, über die vom Gericht bescheinigte Schuld informiert zu werden. Aber die Sühne ist nicht mehr für sie bestimmt.

Ich war nie ein Freund von Uli Hoeneß. Schon als Kind nicht. Anfang der Neunziger kam der FC Bayern mal für ein Freundschaftsspiel nach Ingolstadt. Das Stadion blieb aber relativ leer an diesem eiskalten Abend. Ich war jedoch dort. Als dann einige Fans anfingen, lauthals über Bayern-Torwart Aumann zu spotten, marschierte Hoeneß Richtung Fanblock, musste dazu durch den Bereich des Stadions, in dem ich recht verloren stand. Er gestikulierte wild in den Block hinein, hatte einen hochroten Kopf auf und erntete dafür Stinkefinger und Gesänge, die etwas vom »Arschloch« aussagten. Beim Rückmarsch stieg er mir fast auf die Zehen, rumpelte mich an, entschuldigte sich natürlich nicht, nahm mich nicht mal war. Ich war auch nur einer der namenlosen Gesichter, die seinen Erfolgsweg pflasterten. Immer als ich ihn später mit anschaulicher Arroganz in Studios sitzen und sprechen sah, dachte ich an diese Szene zurück.

Wenn ich das Stichwort »Hoeneß« bekomme, denke ich mir eine eisigen Abend, Flutlicht und dieses marode ESV-Stadion. Erst dann kommen mir  all diese unseligen Szenen einer Beziehung in den Sinn, die man als Fußball-Fan in Deutschland mit diesem Mann zwangsläufig eingegangen ist. Sein Kampf gegen Daum, die vollendete Kommerzialisierung der Bundesliga, die Etablierung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft ebendort oder aber seine späteren Auftritte als »politisches Gewicht« und »Leistungsträger«. Noch einige Monate vor der Offenlegung seiner Steuerhinterziehung saß er bei Jauch und schimpfte auf »Die Linke«, gegen Defätisten und natürlich gegen Sozialhilfebezieher, denen es doch eigentlich nicht ganz schlecht gehe.

Nein, man muss diesen Mann wirklich nicht mögen. Aber wie die Medien sich auf diesen Urteilsspruch stürzten, versuchten in Hoeneß' Gesicht Exegese zu betreiben, Psychologen um Expertisen baten und Statements von den belanglosesten Zeitgenossen einsammelten, das war schon ein unwüdiger Akt, den man nicht mal seinen Feind anempfehlen möchte.

Das Medieninteresse am Prozess legitimierte sich durch den Anspruch der Öffentlichkeit, in Schuldfragen informiert zu werden. Immerhin hatte der Angeklagte der Allgemeinheit Schaden zugefügt. Das ist nicht nur in Fällen so, in denen Steuerbetrug auf den Tisch kommt. Auch wenn jemand gewalttätig wurde, gibt es ein Recht auf öffentliche Information. Schließlich wird ja auch immer, wenigstens theoretisch, »im Namen des Volkes« geurteilt. Transparenz ist daher kein gnädigerweise gewährter Akt, sondern substanzieller Bestandteil des Rechtsstaates. Dass man das Strafmaß erfährt, ist die eine Sache. Danach gibt es aber keinen öffentlichen Anspruch mehr. Die Sühne ist eine Sache zwischen Verurteilten und Justizbehörden. Wie der Verurteilte einrückt, seine Tage verbringt, was er »drinnen« trägt und ob in seinem Gesicht Spuren der Reue, der Einsicht, der nervlichen Anspannung oder wahlweise der Wut zu sehen sind, ist nicht mehr relevant.

Im Falle des Gnadengesuchs Christian Klars maßte sich ja die Öffentlichkeit an, über die Einsicht und die Reue des Ex-Terroristen zu befinden. Dabei sind diese beiden Kategorien gar keine rechtsstaatlichen Indikatoren. Wenn jemand 15 Jahre Haft bekommt, dann bekommt er sie nicht unter der Maßgabe, bis dahin bereut zu haben. Wenn die Einsicht eintritt, so ist das ein guter Effekt, aber kein Muss. Gesühnt hat man auch so. Wenn es um Reue ginge, dann könnte man die zeitlichen Strafen auch gleich abschaffen und nur auf eine Reue hinwirken, die dann ehrlich oder aber auch erschwindelt sein könnte. Aber ich verrenne mich gerade in etwas. Ich will ja eigentlich nur deutlich machen, dass alle Regungen und persönlichen Verarbeitungsprozesse während des Strafvollzugs keine Attraktion für das Publikum sind. Hier endet das Anrecht auf Transparenz.

Man kann nun sicherlich über das Strafmaß diskutieren. Wobei ich persönlich denke, dass eine faktische Haftdauer - unter Berücksichtigung guter Führung - von mehr als zwei Jahren für einen Mittsechziger auch nicht unbedingt wenig ist. Selbst bei offenen Vollzug ist das eine Belastung. Vielleicht bin ich da aber auch nur zu gutmütig. Wie gesagt, man kann über viele Sonderbarkeiten im Falle Hoeneß' sprechen. Auch darüber, woher er diverse Gelder erhielt, mit denen er dann zockte. Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Verurteilte Hoeneß durchaus ein Recht darauf hat, als angehender Häftling anständig von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Sollte der Eindruck entstehen, der fade Prozess legitimiere es, Hoeneß auf Schritt und Tritt zu begleiten und mit Häme zu übergießen, dann muss man sich schon die Frage gefallen lassen, welche Auffassung von Rechtsstaat man eigentlich hat.

Nein, das ist keine Verteidigungsrede auf Hoeneß. Wie gesagt, ich konnte und kann den Kerl nicht leiden. Wir würden nie Freunde. Ich halte auch nichts davon, dem Mann jetzt Anstand zu beglaubigen, nur weil er die Strafe akzeptierte und von einer Revision abließ. Wobei ich zugeben muss, dass ich im ersten Affekt dachte, dass er doch noch einen Funken Anstand im Leib habe. Nach mehrere Überlegungen fand ich aber, dass diese Aussage Quatsch sei. Außerdem ging es ihm weniger um Anstand als darum, endlich wieder Ruhe herzustellen. Ein gelungener Clou war es jedenfalls. Das ist es ja, was er kann. Aber dennoch, wenn man denen, die man auf den Tod nicht leiden kann, nicht den unbedingt notwendigen Respekt entgegenbringt, dann muss man sich fragen lassen, für welche Werte man eigentlich sonst so eintritt. Ich kann doch nicht Hoeneß verbales Verhalten gegen die Schwachen der Gesellschaft beklagen und dann, da er selbst eine Rolle der Schwäche einnimmt, mit ähnlichen Mitteln agieren.

Ich kann es nicht verhindern, dass irgendein Schmutzblatt Bilder von einem Hoeneß druckt, wie er in Landsberg an das Tor klopft. Aber sollte es dazu kommen, verurteile ich das scharf. Ich verachte seine Meinung, aber ich gäbe nicht unbedingt mein Leben, wohl aber schon meinen rhetorischen Einsatz dafür, dass er so behandelt wird, wie ich mir das in einer wenigstens auf dem Papier aufgeklärten Gesellschaft vorstelle.


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Exotisches Aussehen als Verdachtsmoment

Donnerstag, 20. März 2014

Die Berichterstatter straften letzte Woche die malaysischen Sicherheitsbeamten mit Belehrungen, weil die zwei gestohlene europäische Pässe durch ihre Lappen gehen ließen. Mit etwas mehr rassistischem Profiling hätte das gelingen müssen.
Letzte Woche hieß es noch, dass sich zwei asiatisch aussehende Männer mit je einem gestohlenen österreichischen und italienischen Pass auf den Flug MH370 begeben hätten, der angeblich zum Ziel eines terroristischen Angriffs werden sollte.

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... wenn man trotzdem lacht

»Hier, [Anm.: in Bayern] wo ich den Grundstein meiner Bewegung einst legte, wurden nun mit Vorliebe die allerdümmsten Kraftmeier verehrt, die ihre scheinheilige Frömmelei und ihre jederzeitige Käuflichkeit durch das Leeren und Schwenken großer Maßkrüge zu verbergen trachteten und an denen die gelegentlichen Bordellbesuche noch das Ehrlichste waren.
[...]
An der Spitze des Landes stand eine klobige Frau mit der zuversichtlichen Ausstrahlung einer Trauerweide, die sich schon dadurch diskreditierte, dass sie den bolschewistischen Ostspuk sechsunddreißig Jahre lang mitgemacht hatte, ohne dass ihre Umgebung dabei irgendeine Form von Unwohlsein hatte feststellen können. Sie hatte sich mit den bayerischen Gemütstrinkern zusammengetan, einer wie mir schien, erbärmlichen Kopie des Nationalsozialismus, die halbgare, sozial wirkende Elemente statt mit nationaler Gesinnung mit der altbekannt ultramontanen Vatikanhörigkeit der Zentrumselemente vergangener Tage verbrämte. Weitere Lücken im Programm stopfte man mit Gebirgschützen und Blaskapellen, es war derart dürftig, man hätte nur so dreinschlagen mögen in die Reihen des verlogenen Gesindels.«
- der auferstandene Hitler über die CSU und Merkel in Timur Vermes' »Er ist wieder da« -

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Darf man eigentlich schon wieder »Iwan« »zum Russen« sagen?

Mittwoch, 19. März 2014

Wer jetzt noch einen Beleg dafür braucht, dass die deutsche Sozialdemokratie nicht mehr ins linke politische Spektrum gehört, der muss nur der Rhetorik der letzten Tage lauschen. Denn auch wenn sie nicht direkt von »vaterlandslosen Gesellen« spricht, so meint sie genau dieses traditionelle Schimpfwort des Konservatismus gegen den linken Internationalismus, wenn sie auf »Die Linke« zu sprechen kommt.

Ob nicht auch die Konservativen vor hundert Jahren dem pazifistischen Flügel der Sozialdemokraten »ignorante Argumente« und nachgeplapperte »dumme Propagandalügen« attestiert hatten? Damals ging es selbstverständlich mit patriotischeren Trara ab. Das kann man heute nicht mehr machen, zumal man einen Europatriotismus beschwören müsste, der so richtig nicht in Schwung kommen will. »Schließt euch dem Burgfrieden an!«, ist die Parole, die Gabriel jetzt »Die Linke« an den Kopf knallt. Wie damals die Konservativen alle fremden Elemente im Staat fürchteten, so keift jetzt Gabriel gegen die, die er als potenzielle Überläufer versteht, die »Spiegel Online« aber noch gemäßigt »die Putin-Versteher« nennt. Während Gabriel der Partei vorwirft, sie würde auf Seiten Russlands argumentieren, laden SPD-Abgeordnete Gysi von parteiübergreifenden Gesprächen aus. Sie stören sich an seiner letzten Bundestagsrede, in der er sagte, dass es unglaubwürdig sei, wenn »Völkerrechtsverletzer einem Völkerrechtsverletzer« moralisch kämen. »Spiegel Online« spricht gar von einer »DDR-Staatsräson«, die da durchscheine. Aber sagte Gysi damit nicht auch, dass auch Russland etwas falsch gemacht hat? Können diese aufgeschreckten Hühner eigentlich noch dialektisch denken?

Der Tenor der Krim-Debatte wird ohnehin immer schärfer. Teilweise erinnert das, was man jetzt zum Lesen vorgesetzt bekommt, an eine von der Obersten Heeresleitung instruierten Presse, die auf Entbehrungen einschwört. Ob die dann durch Krieg oder gegenseitige wirtschaftliche Sanktionen zustande kommen, sei mal dahingestellt. »Die Welt« tönte »So entreißen Sie Putin die Macht über Ihre Heizung« und scheint schon mal auf die übliche Kriegsautarkie einzuschwören. Gott sei Dank beziehen wir nicht auch unsere Lebensmittel von Russland, sonst müssten wir gar noch Empfehlungen lesen, wie man aus Kastanien gutes Mehl gewinnt. Und was soll das eigentlich heißen »Macht über die Heizung«? Sind es nicht deutsche Energieunternehmen, die dem Endverbraucher Wärme verkaufen? Welche Propaganda ist das, die solche profitorientierten Zwischenhändler einfach ausblendet, weil es besser in die Stimmungsmache passt? Drängen wir schon wieder alle in Nationalboot? Arbeitnehmer und Arbeitgeber? Der, der die Heizung aufdreht und der, der dadurch Profite erwirtschaftet?

Fleischhauer nannte Putin flapsig den »obersten Goldkettchenträger« und bediente damit das primitive Klischee vom proletenhaften Russen, dessen »Hemd immer einen Knopf zu weit geöffnet« ist und der »die Beine immer etwas zu breit« positioniert. Wie der Türsteher einer Disko mit vorwiegend russischer Klientel. So viel Oberflächlichkeit gehört wohl zum radical chic dieser Tage. Darf man eigentlich schon wieder »Iwan« »zum Russen« sagen?

Im ZDF präsentierten sie vor einigen Tagen eine Psychologin, die die Körpersprache Putins analysierte und kalkulierte Erkenntnisse präsentierte. Sinngemäß sagte sie, dass der Mann zwar Entschlossenheit zeige, aber das nicht mit der letzten Entschlossenheit. Er sei auch verunsichert und gerade das sei im Grunde gefährlich. Dass er verrückt sei, sagte sie nicht. Aber man konnte sich das ja denken. Irgendwo las ich einen Artikel über die Regierungserklärung der Kanzlerin zur Lage in der Ukraine. Früher hielten Kanzler solche Erklärungen über die Lage in Deutschland und taten sich da schon mit der Wahrheit schwer. Jetzt will sie sich an ein Krisengebiet heranwagen, in dem nach einem berühmten Bonmot, die Wahrheit das erste Opfer ist. Ist das Größenwahn oder doch nur Naivität? Jedenfalls ging es in dem besagten Artikel auch um die Körpersprache der Kanzlerin. Ich war beeindruckt, als ich las, dass die Frau Stärke und Entschlossenheit gezeigt habe. Ohne Hinweis wäre mir das nie aufgefallen.

Man könnte ja jetzt vom Treppenwitz der Geschichte sprechen, dass ausgerechnet die Sozialdemokraten von den »vaterlandslosen Gesellen« schwafeln. Und es wäre ja durchaus auch so ein wundersamer Zeitpunkt. Denn vor genau hundert Jahren blaffte man die Sozialdemokraten noch immer so an. Aber vor 99 ½ Jahren sah es dann schon etwas anders aus. Problem ist nur, dass diese Zahlenspielerei nur eine Legende wäre. Denn schon 1904 erklärte Bebel, dass er die Flinte schultern würde, wenn es gegen Russland in den Krieg ginge. Man glaubte es ihm damals nicht richtig. Und in einer zeitgenössischen Karikatur sagt er dann auch »Pssst! Es ist ja nicht geladen!« Ob Gabriels metaphorische Flinte geladen ist, scheint indes beantwortet. Er schießt ja schon mit unlauteren Unterstellungen auf alles, was nicht im Takt wiegt. Und die Stimmung im Lande gibt ihm dabei Feuerschutz.


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