Ein Plädoyer auf den Klassenkampf

Mittwoch, 19. September 2012

Quelle: VAT Verlag André Thiele
"Wir Demokraten denken, dieses Land funktioniert besser mit einer starken Mittelklasse, mit Aufstiegschancen für alle, die sich anstrengen." - Als Bill Clinton kürzlich diesen Satz auf dem Parteitag der Demokraten sprach, da komprimierte er kurz und schmerzlos jenes Leitmotiv, dass über den Thatcherismus und seinen Nachfolger, den New Labour, auf ganz Europa übertragen wurde. Dass wir nun alle Mittelschicht seien, dass es etwas wie eine Arbeiterschicht nicht mehr gäbe, war Thatchers Konzept - als dann nach 18 Jahren die Konservativen abdankten, mit Blair ein Mitglied der Arbeitspartei in das Haus 10 Downing Street zog, da verwarf man dieses Konzept nicht etwa, man übernahm es.

Jetzt liegt die deutsche Ausgabe von Owen Jones' "Chavs. The Demonization of the Working Class" unter dem Titel "Prolls: Die Dämonisierung der Arbeiterklasse" vor.

Jones beschreibt, wie mit Thatcher ein neuer Geist in die britische Gesellschaft einzog. Sie verkündete nämlich dreist, dass es Klassen nicht mehr, dass es nur noch eine Mittelschicht gäbe, in die die Unterschicht - die Reste der vormaligen Arbeiterklasse - vorstoßen könne, wenn sie sich bemühe. Jeder sei willkommen. Eine Arbeiterklasse gäbe es quasi gar nicht mehr - und unter Thatcher wurden dann auch politische Maßnahmen getroffen, um die Arbeiterklasse nachhaltig zu sprengen. Maßnahmen zur Rettung der Industrie, die die Lebensgrundlage vieler Arbeiter und ihrer Familien war, wurden unterlassen; sozialpolitische Verschärfungen angetrieben. Dies geschah, um die Gewerkschaften, die man als zu mächtig ansah, zu schwächen und als Machtfaktor auszuschalten. Nachdem die Labour Party nach langen Jahren konservativer Zerrüttungspolitik wieder einen Premierminister stellte, veränderte sich gar nichts. Blair übernahm nicht nur die politische Stoßrichtung des Thatcherismus, sondern auch all seine jahrelang ausgeklügelten Schauermärchen, die er über die restliche Arbeiterklasse, die man nun Unterschicht oder Chavs, also Prolls, nannte, in die britische Welt setzte. Schlimmer noch, Blair wurde es in Großbritannien zu eng und so arbeitete er zusammen mit Gerhard Schröder einen Kurswechsel der gesamten europäischen Sozialdemokratie aus. New Labour war nun der britische Exportschlager schlechthin. Das wurde honoriert; auf die Frage, was ihr größter Erfolg gewesen sei, antwortete Thatcher: "Tony Blair und New Labour."

Das Schreckgespenst Diktatur des Proletariats sollte somit durch eine Diktatur der Mittelschicht ersetzt werden. Wer Mittelschicht war, blieb aber stets vage. Der Begriff Mittelschicht war ja absichtlich so konzipiert, war geflissentlich nicht zu nuanciert, denn davon lebte er - und tut es noch immer. Denn drunter wollte es nun keiner mehr machen - und das war der Clou. Der traditionelle Zusammenhalt innerhalb der Arbeiterklasse konnte nur zerstampft werden, wenn keiner mehr zu ihr gehören wollte. Durch (Selbstver-)Leugnung geriet die gewerkschaftliche Solidarität in Bedrängnis - und durch die Dämonisierung der Restbestände der Arbeiterklasse, nun Prolls genannt, trieb man immer mehr Menschen aus diesem Lager. Das Repertoire dieser Dämonisierung ist auch dem deutschen Leser bekannt. Der Proll säuft nur, ist faul und dumm; er sitzt viel auf seinem Sofa herum, gibt sein Geld für Zigaretten und Flachbildschirme aus, geht auch hin und wieder arbeiten, dann meist im Niedriglohnsektor, macht minderwertige Arbeit. Der deutsche Proll heißt Hartz IV-Empfänger. Ihm wirft man aber nicht so sehr vor, dass er rassistisch sei, so wie seinem britischen Kollegen - das liegt vermutlich daran, weil dieser Vorwurf von einer Elite käme, die selbst ordentlich rassistisch ist, ihren Rassismus aber gepflegt hinter Begriffen wie Religionskritik versteckt.

Das heutige Großbritannien ist laut Jones ein Klassenstaat, in denen es von offizieller Seite allerdings keine Klassen gibt - Klassenkampf sei ein Begriff aus längst vergangenen Tagen, gleichsam es die Klassenpolitik der Reichen ist, die sich seit drei Jahrzehnten ins Gefecht gegen die Armen wirft. "Die Klassenleugnung ist politisch sinnvoll", schreibt Jones. "So lässt sich leicht davon ablenken, dass gigantische Summen auf die Konten der Reichen verschoben werden, während die Durchschnittslöhne stagnieren. Da Thatcherismus und New Labour den Begriff der "Klasse" aus dem politischen Wortschatz verbannt haben, bleibt die grob ungerechte Verteilung von Macht und Wohlstand im heutigen Großbritannien weitgehend unbemerkt."

Schon bevor der Thatcherismus das Licht der Welt ins Trübe setzte, wurden Tendenzen zur Leugnung des Klassenkampfes beobachtet. So schrieb Herbert Marcuse 1964 in "Der eindimensionale Mensch", dass "die sogenannte Ausgleichung der Klassenunterschiede [...] ideologische Funktion" hätte. Marcuse weiter: "Wenn der Arbeiter und sein Chef sich am selben Fernsehprogramm vergnügen und dieselben Erholungsorte besuchen, wenn die Stenotypistin ebenso attraktiv hergerichtet ist wie die Tochter ihres Arbeitgebers, wenn der Neger einen Cadillac besitzt, wenn sie alle dieselbe Zeitung lesen, dann deutet diese Angleichung nicht auf das Verschwinden der Klassen hin, sondern auf das Ausmaß, in dem die unterworfene Bevölkerung an den Bedürfnissen und Befriedigungen teil hat, die der Erhaltung des Bestehenden dienen." Die Verwerfung des Klassengedankens erhält also das Bestehende, schreibt Marcuse. Thatcher hat ihn vermutlich nie gelesen, verstanden hatte sie trotzdem, dass jene Machtverhältnisse, die sie durch vermeintlich zu starke Gewerkschaften in Gefahr sah, nur zu retten seien, wenn man die Klassen theoretisch auflöst oder besser gesagt: sie umdefiniert. Marcuse mag diese Erhaltung des Bestehenden mit einem gewissen materiellen Wohlstand für all jene, die in diese Angleichung geworfen werden, ausgestattet gesehen haben - Thatchers Angleichung bedeutete jedoch persönliche und gesellschaftliche Pauperisierung.

Die nicht näher definierte Mittelschicht ist der Diktator des Neoliberalismus. Nicht näher definiert ist sie, weil zur Mittelschicht auch diejenigen gehören sollen, die eigentlich zur Oberschicht gehören. Auch letzteren Begriff gibt es nicht offiziell, die Oberschicht geht in der Mitte auf. So kaschiert sie ihre Bereicherung. Mittelschicht ist das Heilsversprechen, sie wird glorifiziert. Wobei man fragen muss, wer jene Arbeit macht, bei der man sich die Hände beschmutzt, wenn doch alle in der Mittelschicht gesellschaftlich heimisch sein wollen. Der Diktator des Neoliberalismus ist sie, weil man in ihrem Namen Sozialleistungen kürzt und Lebensentwürfe ächtet, die nicht ökonomisch angepasst erscheinen. Aus der Solidargemeinschaft wurde eine Schicksalsgemeinschaft gegen das Schmarotzertum konstruiert, die mit dem inbrünstigen Eifer eines Savonarola Transferbezieher zu Ballast erklärt. Mit rhetorischer Perfidie und politischem Mandat grenzt sich diese Mittelschicht von denen ab, die nicht zu ihr gehören sollen. Das ist kurios, weil sich beinahe alle zur Mittelschicht zählen und weil viele Mittelschicht und Arbeiterklasse gleichsetzen.

Owen Jones' tranchiert die britische Gesellschaft mit einem ätzend scharfen Skalpell. Als deutscher Leser könnte man fast durchatmen. Denn viel von dem, was er schreibt, kommt einem zwar bekannt vor, aber so radikal wie auf der Insel, haben sich die neoliberalen Therapien mit dem Schierlingsbecher hierzulande noch nicht durchgesetzt. Wenn man bedenkt, dass die britischen Zustände seit 1979 ihr Unwesen treiben und dass der sozialdemokratische Kurswechsel diese neoliberale Radikalität erst zwanzig Jahre später in Deutschland verankerte, dann kann man sich, gemessen an dieser Zeitspanne zwischen Thatcher und Schröder, durchaus davor fürchten, dass diese Entwicklungen hier mit einiger Verzögerung eintreffen. Insofern liefert Jones nicht nur eine Studie der britischen Gesellschaft, sondern einen Ausblick auf das, was der deutschen Gesellschaft noch blüht.

Das zu verhindern gelingt nur, wenn man das Klassenbewusstsein der Prolls anfacht, wenn man den Klassenkampf aufnimmt, der seit Jahren von den Reichen gegen die Armen geführt wird. Ein Klassenkampf, der den Reichtum zwingt, etwas gegen die Armut zu tun, nicht aber gegen ihre Opfer und Leidtragende. Prolls aller Länder vereinigt Euch! Der Klassenkampf ist nicht als Kriegserklärung zu verstehen; Mitglied einer Arbeiterklasse zu sein, ist nichts wofür man sich schämen müsste. Klassenkampf bedeutet, seine Interessen zu erkennen, zu vertreten und mit Nachdruck durchzusetzen. Eine Gesellschaft, die Interessensausgleich auf ihre Fahnen geschrieben hat, braucht keine Mittelschicht, in der alle, "Arbeiter und sein Chef" (Marcuse), suggeriert bekommen, sie hätten dieselben Absichten und Ziele - sie braucht klassenkämpferisches Engagement, um Kompromisse so ausfallen zu lassen, dass beide Seiten etwas davon haben. Jones' Buch geht so weit nicht, den Klassenkampf wörtlich zu empfehlen. Aber man spürt, dass es das sollte.

"Prolls: Die Dämonisierung der Arbeiterklasse" von Owen Jones erschien im VAT Verlag André Thiele.



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Feurio!

Dienstag, 18. September 2012

Achtung, Feuerzeug! Brennt uns das Feuerzeug nieder?, hieß es neulich bei Günther J. Verbrennen wir tatsächlich unsere Gesellschaft? Ist die Angst vor dem Reibrad und seinem Zündstein begründet? Was bringt es, Feuerzeugnutzer zu schulen? J. stellte Fragen - Gäste beantworteten sie.

Feuerzeuge sollten nur unter Anleitung und in Maßen genutzt werden, eröffnete eine zu Gast gewesene Fernsehmoderatorin und Mutter zweier Kinder, die Runde. Der Staat sollte ein Auge darauf werfen, wer wie und wann ein Feuerzeug verwende, denn immerhin könne man damit ganze Siedlungen in Asche legen. Feuerzeuge seien natürlich auch eine zivilisatorische Bereicherung, aber ganz so offenherzig dürfe der Staat die Anwendung nicht erlauben. Er verletze letztlich seine Fürsorgepflicht und öffne dem Mißbrauch Tür und Tor. Die Benutzung von Feuerzeugen dürfe kein rechtsfreier Raum sein, plädierte sie.

Der wissenschaftliche Journalist Y. betonte hingegen nachdrücklich, dass Feuerzeuge einen Mehrwert darstellten. Man müsste nur erlernen, richtig mit ihm umzugehen. Man kann nicht grundsätzlich für eine Einschränkung oder für ein Verbot sein, denn Feuerzeuge würden ja auch sinnvoll genutzt werden können. Jeder habe doch sicherlich schon mal ein Teelicht angezündet. Außerdem halte er diese generalisierende Haltung, wonach jeder Feuerzeugbesitzer gefährlich sei, für viel zu vereinfachend. Amerikanische Studien haben nämlich bewiesen, dass Feuerzeuge viel öfter dafür genutzt würden, um Kerzen anzuzünden - Häuser würden eher selten damit in Brand gesteckt; Menschen noch seltener. Zudem haben weitere Studien, diesmal aus Deutschland, nachgewiesen, dass ein Feuerzeug alleine kaum etwas verbrennen könne - Brandbeschleuniger seien hierzu notwendig. Und noch eine Studie hatte er in petto: Feuerzeugbesitzer sind eher selten gleichzeitig mit Feuerzeug und Substanzen unterwegs, die die Brandwirkung beschleunigten.

Philosoph P. stimmte zu, man müsse den Umgang lernen. Der Prometheus aus der Hosentasche dürfe auf keinen Fall stigmatisiert werden, nur weil einige traurige Einzelfälle bewiesen hätten, dass man mit ihm auch Schindluder treiben könne. Niemand sage, ein Feuerzeug sei nicht gefährlich - aber man müsse sich den Gefahren des Daseins stellen und hoffen, dass die Menschen hineinwachsen in den richtigen Umgang mit neuen Technologien. Nicht umsonst sage ein deutsches Sprichwort, dass Feuer ein guter Diener sei, aber ein schlechter Herr. Das Feuerzeug habe eine Fülle an Anzündgelegenheiten geschaffen; nun zu sondieren, was aus den richtigen Gründen entflammbar ist und was nicht, sei jetzt der Gesellschaftsauftrag. Vielleicht könne man dem ja hilfreich zur Hand gehen, indem die Bundesregierung einen Feuerzeugbeauftragten ins Leben riefe.

Herr H., Vater eines Sohnes, der feuerzeugsüchtig war und einige Häuser samt Inhalt abfackelte, konnte sich da kaum noch beherrschen. Besonders junge Menschen müssten vor Feuerzeugen geschützt werden, rief er. Niemand habe ihn vorher aufgeklärt; eines Tages kam sein Sohn mit einem Feuerzeug heim und er habe sich nichts dabei gedacht. Woher hätte er wissen sollen, dass die Flamme aus einem Feuerzeug alles anzünden könne, selbst Dinge, die man eigentlich nicht anzünden soll oder darf? Feuerzeuge seien keine Chance, sie seien ausgemachte Feuersbrünste und wie man auch nur einen Gedanken daran verschwenden könne, sie öffentlich zugänglich zu machen, irritiere ihn gehörig. Das sei eine Technik, die in staatliche Gewalt gehöre - unter Aufsicht, eventuell in extra geschaffenen Fire-Shops. Dort wären die Feuerzeugnutzer unter Aufsicht eines Beamten und eines Brandschutzexperten angehalten, keinen Unfug zu treiben.

Dem widersprach Pirat P., der sich bislang sehr zurückgehalten hatte. Er möchte doch mal mit dem Unsinn aufräumen, dass das Feuerzeug ein rechtsfreier Raum sei. Wenn er heute ein Haus anzünde und geschnappt würde, sperre man ihn auch ein. Und er selbst nutze täglich mehrfach das Feuerzeug, zünde sich damit zwischen zehn und zwanzig Zigaretten an. Diese Äußerung rang dem gesamten Studio ein Raunen ab. Herr H. wandte sich brüskiert ab und nannte P. einen Radikalo. Feuerzeugkompetenzen könne man nur entwickeln, sprach P. weiter, wenn man täglich mit ihnen zu tun habe, und nicht, indem man sie wegsperren lasse. Die Piraten fordern daher auf, sich den technologischen Neuerungen zu stellen. Reaktionäres Verbieten drehe die Entwicklung ja nicht zurück, sondern würfe lediglich die deutsche Gesellschaft nach hinten.

Günther J. beschloss die Sendung mit ernster Miene. Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, erklärte er. Feuerzeuge werden noch Gemüter erhitzen. Es sei ein spannender Abend gewesen und man habe viel erfahren. Ausgeräumt sei die Angst natürlich nicht, zumal auch von wissenschaftlicher Seite immer wieder bestätigt würde, dass man es mit einem brandgefährlichen Ding zu tun habe. Wie man die Verantwortung schulen könne, wisse man immer noch nicht - und die anwesende Runde sei sich ja auch uneinig. Er würde sich aber freuen, wenn er nächste Woche wieder eingeschaltet wurde. Thema wird dann wahrscheinlich sein: Glühbirne und Atombombe, Liebesgedichte und Folterprotokolle, Medizin und Exekutionen - ist der Mensch gefährlich oder nicht? Gehört er unter staatliche Aufsicht oder verboten? Oder so ähnlich ...



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De dicto

Montag, 17. September 2012

"Gabriel und von der Leyen sprechen aber nie von denen, die es aus eigenem Verschulden auf keinen grünen Zweig bringen. Die „keinen Bock“ hatten, ihre Ausbildung abzuschließen. Die schon am Montagmorgen die Stunden bis Freitagmittag zählen. Die sich weder weiterbilden noch anstrengen wollen. Die sich lieber zwei Handys leisten als einen Riester-Vertrag.
Das Muster der Altersarmuts-Debatte lautet: Schuld sind immer die anderen. Raffgierige Unternehmer, neoliberale Rentenpolitiker, wahlweise CDU oder SPD: Sie alle sind angeblich an den Mini-Renten schuld. Nur von den Mitmenschen, die es sich leisten, nichts zu leisten, ist keiner verantwortlich.
850 Euro Mindestrente nach schwarz-rotem Modell belohnt die Falschen. Und bestraft durch höhere Abgaben oder Steuern die, die sich ihre Rente in dieser Höhe mühsam erarbeiten. Da gilt: Der Fleißige ist der Dumme. Und das muss doch mal gesagt werden!"
- Hugo Müller-Vogg, BILD-Zeitung vom 13. September 2012 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Natürlich, wie sollte es ein rechtsgerichteter Feuilletonist auch anders sehen wollen oder können! Man kann Gabriel und von der Leyen allerlei vorwerfen - dass sie aber nicht diejenigen abkanzlern, die selbst schuld sind, dass sie kaum Rente kriegen werden, ist so hanebüchen und idiotisch, dass es zum Schreien ist. Und im Falle von der Leyens stimmt es nicht mal, sie sagte es ja zwischen den Zeilen und auch als Zeile. Was Müller-Vogg da fordert ist nicht eine Debatte über eine Rente, von der man leben können soll - er will, dass Gabriel und von der Leyen davon ablenken. Sie sollen die Verantwortung jenen übertragen, die Opfer einer Anti-Staatsrenten-Politik wurden und sollen auf billigster Grundlage stigmatisieren.

Es sind ewig sich wiederholende konservative Affekte, die dieser Kolumnist erleidet. Man benennt Sündenböcke, wirft einen populistischen Satz wie Der Fleißige ist der Dumme! in die Runde und tut so, als sei der Fleißige der Dumme, weil es die Faulen sind, die ihn dumm dastehen lassen - dass es eine zielgerichtete Politik für die Versicherungswirtschaft war, soll diesem vermeintlichen Dummkopf so unbekannt bleiben. Und wenn man weiß, dass man Unsinn verbreitet, so hat es sich seit Sarrazin eingebürgert und bewährt, sein Statement mit Das wird man doch mal sagen dürfen! oder mit Das muss doch mal gesagt werden! zu beschließen. Wohl das profundeste Argument der aufhetzenden Worthülse ohne Inhalt. Wie ein trotziges Kind, dass noch einen draufsetzt, obgleich es weiß, dass es Mist gebaut hat.

Leute ohne Riester-Vertrag tragen Schuld, dass ihnen das Geld im Alter nicht reicht, meint er. Ob Müller-Vogg viel über die Konditionen der Riesterei weiß? Über die halbseidene Einriesterung der Versicherungswirtschaft in öffentliche Belange zu Zeiten der schröderianischen Reformära? Natürlich weiß er es. Naiv zu glauben, er wüsste es nicht. Und er weiß auch, dass es viele Menschen mit so niedrigen Einkommen gibt, dass sie sich die monatlichen Beiträge für eine Privatrente nicht leisten können. Man hört ihn in seinem Kämmerlein zetern: Aber für Alkohol und Zigaretten ist Geld da! Und sein Blatt macht dieser Tage ja auch wieder Stimmung. Generalangriff auf die, die man für Schmarotzer hält. Schuldig sind die Leute, die mal kleine Renten erhalten, weil sie nicht genug Geld haben. Standesdünkel würde man das normalerweise nennen - seine Zeitung nennt es meinungsstark. Dass das Geld selten reicht, um auch noch eine Privatrente zu finanzieren, davon schreibt er nichts, denn dann fiele seine Philippika auf den Schmarotzer durch, dann verlöre sie ihren konservativen Erbauungswert. Da kann man noch so fleißig sein, wenn das Geld nicht reicht, dann riestert man nicht - alles andere ist dummes Geschwätz. Und daher kann es nicht heißen, dass der Fleißige der Dumme ist, sondern dass der Dumme recht fleißig Kolumnen schreibt - das muss doch mal gesagt werden!



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Der Wert eines Arbeiters

Freitag, 14. September 2012

Da lag er. Er sei tot, wie man mir sagte. Ich konnte nur seine bejeansten Beine, seine mit Stahlkappen gefütterten Schuhe sehen. Alles andere war von einem grünen Stahlschrank verdeckt. Als ich die Werkshalle zur Spätschicht betrat, fiel mir eine Ambulanz, fiel mir ein Polizeiwagen auf. Alleine ich dachte mir wenig dabei; sei es aus jugendlicher Ignoranz gewesen, sei es, weil ich anderen Gedanken nachhing. Ich zog mich gedankenlos um, verschloss gedankenlos meinen Spind, betrat gedankenlos und wenig motiviert die Produktionshalle, ging an die Maschine, die mir bis Neun kostbare Freitzeit stehlen sollte, ging nochmal zurück zur Automatenstation, um mir eine Cola zu ziehen, kam zurück und da erst sah ich Beine und Schuhe; sah ich Polizei, Notärzte, sah ich Abteilungsleiter und Meister, sah ich Arbeiter, die am Leichnam vorbei paradierten.

Das ist nun viele Jahre her. Ich habe es nie vergessen. Konnte es nie vergessen. Wie denn auch? Kaum etwas prägte mich so sehr, kaum etwas widerfuhr mir so roh und unmenschlich, wie das, was sich damals ereignete.

Der Tote war ein Leiharbeiter, der etwa zwei Wochen vorher in die Abteilung kam. Viel gesprochen hatten wir bis dato nicht, denn er war viel zu fleißig, immer in Eile, fand keine Zeit zum Plaudern. Später erfuhr ich, er war Mitte Vierzig, verheiratet, Vater. Vielleicht eine Stunde bevor ich die Halle betrat, bevor ich ihn am Boden liegen sah, das was ich von ihm sehen konnte, nahm er sich eine Stahlkiste, um darin irgendwelche Teile, die er vorher gespindelt oder gebohrt oder wer weiß was hatte, einzuräumen - nahm er sich, ging einige Schritte, fiel um, war vermutlich sofort tot. Die Todesursache habe ich nie erfahren. Man kann sie sich ausmalen, wenn man ihr unbedingt Bedeutung zumessen möchte.

Rückblickend sage ich, dass dergleichen passiert - tragisch, aber es passiert, es ist unvermeidbar, man muss damit leben, man muss damit sterben. In jenem Augenblick damals nahm ich es nicht so stoisch auf, damals war ich erschüttert, ratlos - als junger Mensch erschlägt einen die Brutalität des Lebens und speziell des Entlebens. Man glaubt, an einer schrecklichen Ungerechtigkeit beteiligt zu sein, wenn jemand so stirbt. Das sind Keime metaphysischer Revolte, Auflehnung gegen Naturgewalten, gegen Unentrinnbares. Altert man, erkennt man, dass solche Revolten schwachsinnig sind. Man erfährt Demut, lernt hinzunehmen.

Ich war damals also mit dem Tode konfrontiert, was ich bis dahin nicht sehr oft war. Nicht lange danach sollte mein Vater sterben und erst dann wurde mir bewusst, was es bedeutet, den Tod eines Menschen zu verarbeiten, den man liebte. Damals, als der Leiharbeiter starb, war da der Tod, aber die Verarbeitung, die quälenden Stunden danach, die langen Wochen der Trauer, die lernte ich nicht kennen. Nur der Augenblick des Todes, die Momente darauf, bis der Leichnam aus den Augen war.

Zur Erklärung: Leiharbeiter, sage ich. Wie soll ich sonst sagen? Seinen Namen weiß ich nicht mehr. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn je kannte.
Zur Erklärung: So ergeht es vielen Leiharbeitern in Entleihbetrieben, selbst nach Monaten kennt man ihren Namen noch nicht.
Zur Erklärung: Das entschuldigt nichts, ich hätte mit dieser Tradition, den Namen eines Leiharbeiters nicht erfragen zu wollen, brechen können.
Zur Erklärung: Ich war jung, ich war dumm... ich war nicht der, der ich heute bin. Ich kannte Heraklit noch nicht. Heute kenne ich ihn. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss; in dem Wasser von damals, stehe ich heute nicht mehr.

Nach vergeblichen Bemühungen der Notärzte: sie holten ihn nicht mehr zurück. Da lag er jetzt und nun geschah, was sich mir einbrannte. Es war nicht der Tod, mit dem findet man sich ab. Man lebt auch weiter, wenn die Eltern gehen, man überlebt den Verlust eines Partners. Der Tod ist irgendwann akzeptabel. Nicht aber der Umgang mit ihm. Denn die Arbeitsplätze unmittelbar neben dem Leichnam wurden nicht etwa pietätvoll geräumt, die Arbeit wurde nicht etwa unterbrochen. Nein, es musste ja verdient werden. Da werkelten und schufteten sie direkt neben dem Leichnam. Einer, die widerlichste Figur der Abteilung, stand zwei Meter weg, blies seine Stahlleisten mit Druckluft ab, arbeitete pausenlos, ja mir schien, er arbeitete pausenloser als sonst - vielleicht verständlich, stand doch der Abteilungsleiter mit einem Polizeibeamten gleich bei ihm, gleich beim Leichnam. Ersterer ließ sich selten hienieden sehen, aber heute war er da; und mit dem Beamten flachste er, lachte er, gab sich nonchalant - das alles direkt neben der sterblichen Hülle dieses Mannes, für den er wenigstens theoretisch verantwortlich war.

Niemand kam auf die Idee, die Arbeit ruhen zu lassen, bis der Leichnam beseitigt wäre. Mein Kollege, die mir entgegengesetzte Frühschicht, war empört, stellte die Arbeit ein, er könne das nicht, so tun als sei nichts, meinte er. Aber so viele andere, sie machten weiter, machten einige Meter vom Toten so weiter, als sei nichts geschehen. Man bedeckte den Toten nicht, man spannte keinen Sichtschutz auf. Ich stellte mir vor, wie der Typ, der seine Stahlleisten fertigte, Späne und Kühlmittelreste auf diesen toten Menschen blies; ich empfand Ekel vor einer Haltung, die den Menschen nicht würdigt, die ihn wie eine Funktion, wie einen Apparat zur Pflichterfüllung behandelt.

Wenn der Mensch stirbt, so hat sein Leichnam in jeder Kultur mehr oder minder, auf die eine oder andere Weise, noch einen Anspruch, mit gewisser Würde behandelt zu werden. Der Augenblick des Todes ist nicht der Augenblick, in dem wir dem Leichnam das Menschsein absprechen. Die sterbliche Hülle ist nicht einfach organischer Abfall, sie ist etwas Kostbares, sie ist einerseits das Antlitz der eigenen Sterblichkeit, die wir auch respektiert wissen wollen im Fall der Fälle. Und sie wird andererseits gewürdigt, um einen letzten Liebesdienst an einem Menschen zu tun, den man respektierte, schätzte oder sogar liebte. Der Leiharbeiter, tot in der Halle, der zwischen Arbeitseifer und scherzenden Abteilungsleiter lag, er war in dem Moment, da er umfiel, wertlos geworden. Gerade noch Personalressource, gerade noch Träger von acht Stunden Arbeitszeit, gerade noch Faktor für die Buchhaltung, ward er zum störenden Fleischklumpen gewandelt, den man schnell loswerden wollte; ward er zur entwerteten Hülle reduziert, die den Produktionsablauf bloß nicht behindern sollte.

In jenen Jahren wusste ich nicht viel vom Kapitalismus. Den Begriff kannte ich, aber was er bedeutet, wie er sich definierte: keine Ahnung! Es kümmerten mich andere Dinge; ich widmete mich den Sachen, die man in jenem Alter für wichtiger erachtet und die da wohl auch wichtiger sind. An jenem Tag machte ich Bekanntschaft mit dem Zynismus des Systems, damals lernte ich, dass es keine Romantizismen kennt, dass es knallhart ist, dass es Menschen nicht für durchblutet und beseelt, sondern für funktional und nützlich ansieht.

Keiner behinderte die Arbeiter, die aus anderen Werkshallen herströmten, um das Tagesgespräch mit eigenen Augen zu sehen. Keiner hatte auch nur den Anflug pietistischer Ansichten. Sie kamen zum Gaffen, sie kamen um mit dem Finger auf ihn zu deuten. Ein Moslem betete - der hat sich mir eingebrannt; er war das menschliche Antlitz dieses Tages. Der Abteilungsleiter stand daneben, noch immer im angenehmen Gespräch mit dem Polizisten und sagte nichts zu den Gaffern - sie gingen ihn ja nichts an, sie kamen aus anderen Abteilungen, für die er nicht verantwortlich war. Wären sie aus seiner Abteilung gewesen, er hätte natürlich einschreiten müssen - nicht aus Pietät gegenüber dem Toten, sondern aus Respekt vor dem Profit.

Natürlich denkt sich nun mancher, der Verfasser übertreibt, bauscht auf, um pointierter zum Ziel zu geleiten, damit seine billige Parabel nicht verröchelt, bevor sie sich entfaltet. Ich könnte verstehen, wenn man das meint. Nur es wäre ein falscher Verdacht. Nichts ist hier auf die Spitze getrieben - exakt so war es, genau so und vielleicht noch derber, ging es zu. Vielleicht habe ich manche zynische Nuance damals noch gar nicht verstanden.

Ich sehe diesen schlacksigen, in Anzug gerafften Mann immer noch vor mir, seine Visage, seine Zahnleiste, seine in Körperhaltung veranschlagte Arroganz. Diesen Abteilungsleiter mit einem Allerweltsnamen, den ich allerdings nicht mehr weiß, weil er so allerweltlich war. Der, der seine Stahlleisten bohrte, der sie entgratete, sie abblies, sie in Kisten schichtete, den habe ich auch noch vor Augen. Er war nicht der einzige, der in Gegenwart des Leichnams so arbeitete, als sei nichts geschehen. Aber ihn habe ich noch im Kopf, ihn habe ich nicht vergessen. Ich meine, ich kannte ihn ja leider vorher schon, er erzählte mir von seinen Heldentaten als Fischereiaufseher, davon, dass ihn junge Mädchen anschmachteten, weil er der Sheriff vom Baggersee sei. Er war, ich mache es kurz, ein Dummkopf, der sich gerne hervortat - und dass er nach einer Weile, da er so neben dem Tod arbeitete, meinte, er habe heute mehr geschafft, als zeitlich veranschlagt war, zeigt das doch anschaulich. Dieses System, dieser Kapitalismus, das wurde mir viel später, bei der Exegese jenes Tages, deutlich, ist das geliebte System von gewissenlosen Zynikern, geschaffen für ausgemachte Dummköpfe.

Ich will die Ereignisse jenes Tages, von dem ich nicht mal mehr ein Datum habe, nicht als Parabel feilbieten. Sie taugt dazu womöglich nicht. Vielleicht ist sie mir eine persönliche Parabel - als ein Erweckungserlebnis dient mir jener Tag aber sicher. Er rührte am Schlaf meiner jugendlichen Welt. Mir fielen nicht flugs Schuppen von den Augen, was da geschah, rumorte und arbeitete lange in mir; aber klar ist mir, ich will so etwas nie wieder erleben. Und falls doch, so werde ich nicht, so wie damals, als ich ein junger Mann war, ja ein Bub eigentlich noch, schweigen.



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Bildung, dass es eine wahre Precht ist

Donnerstag, 13. September 2012

Letzte Woche kam ich auf die Exilierung Richard David Prechts ins Nachtprogramm zu sprechen. Das neue Sendeformat, das das ZDF monatlich plant, verdient tatsächlich nähere Betrachtung. Es soll nicht das Format an sich besprochen werden, sondern der Inhalt. Wie damals angerissen, ging es in der ersten Ausgabe um Bildung und die falsche Auslegung der Gesellschaft von ihr.

Prechts Gast Gerald Hüther, Neurobiologe und Hirnforscher, sprach davon, dass man Bildung nicht schaffen könne, sie könne wohl aber gelingen - dieses Wörtchen Gelingen sei der Schlüssel. Im Gelingen stecke alles, was eine Kultur freudigen Erfahrenwollens und der bewusst geförderten Neugier, eigentlich ausmache. Bildung schaffen ist der Weg humorloser Schulbürokraten, von eingerosteten Strukturen - Bildung gelingbar machen ist die gesamtgesellschaftliche Ausrichtung an Wissensbildung, die durch die Hirnforschung unterstützt, nur durch Leidenschaft und die Gier auf neu Erfahrbares, wirklich werden könne. Neugier sei somit das Einfallstor in Bildung; jene Neugier, die wir bei Kindern oftmals bemängeln und die wir aberziehen wollen.

Hüther finde es schlimm, dass die Schule als einziger Ort der Bildung angesehen wird - Bildung ist allumfassender und überall, meint er. Die britische Bildungsaktivistin Fiona Millar sieht es ähnlich, wird aber konkreter: "Die Schule beeinflusst den Lernerfolg von Kindern höchstens zu 20%, wenn man den Studien glauben darf. Stadtgeographie und Wohnsituation, die Lerngruppe, der Bildungsstand der Eltern, die Unterstützung durch die Eltern" hält sie für wichtiger. Bildung bedeutet nicht das schematische Erlernen von Lehrplaninhalten, sondern meint auch Herzensbildung, wie Hüther es nannte. Was zu kurz kam in dieser Erkenntnis, wonach Schule nicht gleich Bildung ist, ist jenes, was Millar meint: Wer Bildungspolitik machen will, der muss Sozialpolitik machen, der muss die allgemeine soziale Situation von Schülern und Eltern verbessern. Nicht in der Schule reformieren, sondern im Sozialen. Das räumt mit bürgerlichen Prämissen auf, denn Bildung schafft so gesehen nicht die Chancen für einen sozialen Aufstieg, sondern die soziale Besserstellung ist förderlich für die Bildung. Eltern aus allen Gesellschaftsschichten, da sind sich Hüther und Millar aber einig, machen es sich sehr einfach, wenn sie ihren Bildungsauftrag den Schulen überschreiben - Bildung kann nach beider Ansicht auch sein, wenn man sich beim Abendessen über ein aktuelles oder historisches Thema unterhält; alleine das Dogma, dass Schule gleich Bildung sei, verniedlicht solche Tischgespräche zu nutzlosem Geschwätz und macht sie zu intellektuellem Zeitraub.

Precht kommt darauf zu sprechen, dass Wilhelm von Humboldt der Hirnforschung auf diesem Gebiet vorausging. Was Entwicklungspsychologen und Neurobiologen heute wüssten, habe Humboldt geahnt und umgesetzt. Die Köpfe der Kinder seien keine Trichter, die man einfach bloß abfüllen könne oder dürfe. Das könnte Humboldt auch bei John Locke gelesen haben, der es schon weit vor Humboldt ähnlich aufschrieb. Humboldt habe auch die Freude am Erlernbaren als wesentlichen Antrieb gelingender Bildung angesehen und angeregt, sei aber an seiner Zeit gescheitert, die sich somit, so Precht, kaum verändert habe in dieser Beziehung.

Man kann dem nur zustimmen. Dass heute einvernehmlich von Bildung gesprochen wird, wo eigentlich Wissensbildung und Charakterbildung gemeint sind, sagt vieles über die starren Strukturen innerhalb des Bildungssektors aus - dass es einen Begriff wie Bildungssektor überhaupt gibt, ist insofern schon verräterisch, denn Bildung ist kein abzugrenzendes Areal, sondern ein Lebensgefühl und insofern Lebensrealität, denn Erfahren, Erlernen und Erkennen sind tägliche Konstanten im Leben jedes Menschen. Kreativ könne man in einem solchen Sektor jedenfalls nicht werden und er bringe die Schüler gegen das Lernen auf, meint Precht weiter.

Dass sich die Schule in sechs Jahren hirngerechter anstellen wird, dass sie neue Wege betreten werde, die sich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse stützten, dass überhaupt Bildung nicht mehr alleine schulische Veranstaltung sein wird, sondern ein gesamtgesellschaftliches Milieu der Wissensbegierigkeit entsteht, wie Hüther optimistisch träumt, dürfte als Hirnforschungsesoterik eingestuft werden. Aber er hat recht: Der heutige Apparat ist ineffizient - er kostet viel Geld, wobei auch da immer weniger dort ankommt, wo es sollte, nämlich bei den Schülern. Und er erstickt kindliche Begabungen. Er erhöht Zensuren zu Alleinstellungsmerkmalen der Schüler, obgleich auch andere Begabungen als schulisch gefragte für eine Gesellschaft wichtig sind - Hüther erklärt, es gäbe Kinder, die begabt sind im Zwischenmenschlichen, die Empathie leben können, was aber im Schulalltag nur peripher interessant ist, wenn es um die Klassenordnung geht beispielsweise. Als Lerninhalt kommt diese Begabung zur Nächstenliebe nicht vor, die charakterliche Schulung beschränkt sich auf Melde Dich, wenn Du was sagen willst! und Lass Deinen Mitschüler aussprechen!

So wohlwollend und richtig Prechts und Hüthers rhetorischer Einsatz für eine neue Mentalität der Wissensvermittlung und -bildung auch ist, so offenbart sich in ihm gleichzeitig der Fetisch der Mittelschicht. Als man den Weg nach vorne für Europas Sozialdemokraten bestritt, griff man auf die Leitmotive des Thatcherismus zurück. Eines davon war, dass es die Arbeiterschicht nicht mehr gäbe oder jedenfalls nicht mehr geben sollte - stattdessen sei die ganze Gesellschaft nun Mittelschicht und jeder der dazugehören wolle, der könne dorthin auch aufschließen. Der Klassenkampf war nun auch offiziell von sozialdemokratischer Seite beendet worden. Das Stichwort zum Beitritt in die Mittelschicht sei Bildung - gute Abschlüsse, der Griff nach Hochschulabschlüssen sei es, der die Gesellschaft klassenfrei mache, sie zu einer geschlossenen Mittelschicht erhebe. Phantasmagorien wie die Dienstleistungsgesellschaft rekrutierten sich aus diesem neuen Gesellschaftsbild. Alle, die nicht in diese vermeintlich für jeden offene Gesellschaft vordringen, sind entweder faul oder dumm oder beides. Nun haben Precht und Hüther nicht davon gesprochen, dass es von Natur aus Bildungsfaulheit gäbe, sie sprachen auch nicht von klassenbedingter Faulheit, ganz im Gegenteil, Precht hat sogar ausdrücklich jenen Genetik-Hokuspokus verlacht, der viele Eltern aus der Mittelschicht verzaubert, indem er ihnen weismachen will, dass ihre Intelligenz auf ihren Nachwuchs vererblich sei.

Einem anderen Hokuspokus ließen Precht und Hüther aber freie Bahn. Dem, der meint, Bildung sei der einzige Schlüssel zu einer wohlständigen Gesellschaft. Teilweise phantasierten beide von einer Gesellschaft, in der achtzig Prozent aller Schüler das Abitur machten - dies sei möglich, weil eine Beschulung auf Grundlagen der Erkenntnisse aus der Hirnforschung natürlicheres, unverkrampfteres Lernen ermögliche; denn es sei ein Lernen, das auf Grundlage der Erfahrbarmachung basiert. Daran ist überhaupt nicht zu zweifeln, womöglich kann man Lernprozesse tatsächlich sinnlicher gestalten. Hüther führte auf, dass nun sogar Menschen mit Down-Syndrom ihr Abitur gemacht hätten, obwohl man bis vor einigen Jahren dachte, dass man solche Menschen gar nicht beschulen könne. Die Hirnforschung hat dabei geholfen, die zerebralen Prozesse bei Menschen mit Down-Syndrom besser zu verstehen und hat folglich Lerntaktiken entwickelt, die gelingen können. Fraglich bleibt aber doch, ob eine Gesellschaft, in der achtzig Prozent Abitur hätten, so viel anders aussähe als die jetzige. Ein ordentlicher Schulabschluss kann (muss aber nicht!) tatsächlich für den Einzelnen Aufstiegschancen mit sich bringen - wenn aber so gut wie alle einen ordentlichen Schulabschluss mitbringen, wohin steigt man dann auf? Werden alle Sachbearbeiter, Fachangestellte und Beamte? Oder landen nicht zwangsläufig massenhaft Abiturienten in Call-Centern und bei Regaleinräum-Services? Und was ist an klassischen Berufen aus der Arbeiterklasse schlimm? Denn die Flucht aus dieser Arbeiterklasse, die nun so nicht mehr heißt, ist doch das Ziel. Die Bildung soll Fluchthelfer sein.

Es gibt Tätigkeiten die gemacht werden müssen. Auch in einer Abi-Gesellschaft. Man könnte Precht und Hüther nun unterstellen, sie würden sich unterschwellig dafür aussprechen, dass man dann Zuwanderung entbürokratisieren sollte, um die anfallende minderwertige Arbeit erledigt zu bekommen. Oder man könnte annehmen, dass sie bei achtzig Prozent Abiturienten, die restlichen zwanzig Prozent dafür vorsehen - quasi als Reminiszenz an das Schreckgespenst 20-zu-80-Gesellschaft, das in Zeiten, als man noch reger von der Dienstleistungsgesellschaft sprach, herumspukte. Könnte man unterstellen! Nur in diese Richtung ging die Diskussion nie und beide unterstrichen ja mehrmals, dass sie klassistische Ansätze nicht verfolgten. Und warum eine vernünftige Wissensbildung unbedingt mit verbesserten Abschlüssen korrelieren muss, obgleich es doch hieß, dass Schulen das Potenzial der Schüler einschläfere, obgleich man betonte, dass Schule nicht alleinige Bildungsinstanz sei, wollte Precht nicht erklären.

Sonderbar war letztlich auch, dass Precht attestierte, nie vorher hätten es Schüler einfacher gehabt, in Berufe zu kommen. Das ist weltfremd. Und ob es mehr in Frage kommende Berufe in einer Gesellschaft mit achtzig Prozent Abiturienten gäbe, darf stark bezweifelt werden. Das soll kein Plädoyer sein, nicht jedem den Weg zu einem höherwertigen Schulabschluss zu ermöglichen. Aber wenn alle Abitur haben, dann ist es so, als habe es keiner - die logische Schlußfolgerung wäre dann aber, Zensuren abzuschaffen und Reifeprüfungen anders, lebensbezogener zu gestalten. Hüther meinte, dass viele Schulabgänger heute frustriert ins Berufsleben gingen, weil sie im Bildungsapparat erstickt wurden - auch Alkoholismus ist eine schichtübergreifende Folge hiervon. Precht verlagert die Unzfriedenheit mit seiner Achtzig-Prozent-Vision nur; solange noch die Hoffnung besteht, der angehende Abiturient erhielte später, nach dem Studium, einen Arbeitsplatz, der relativ anspruchsvoll ist, bleibt Zuversicht - aber zwangsläufig landen auch welche in Berufen, die sie nicht beglücken und erfüllen werden, oder sie werden arbeitslos, womit dieselbe Depression einträte, die nun beklagt wird.

Die Fetischierung der Bildung, die man als Aufstiegschance sieht, kann nur in begrenzten Rahmen so gesehen werden. Auch wenn die Abiturienten-Gesellschaft unrealistisch ist, so muss doch unbedingt ein positiverer Bezug zur Wissensbildung umgesetzt werden - bewusst sei gesagt zur Wissensbildung, nicht zur Bildung. Bildungsgipfel, wie sie dieses Land schon hatte, sind nur strukturierte Lehrplanabgleiche - nötig ist es, eine gesellschaftliche Aufbruchstimmung zur Wissensvermittlung und -aneignung zu schaffen, Freude an der Wissbegier zu fördern. Ob das dann mehr Abiture ermöglicht oder nicht, ist dabei irrelevant - Hauptschüler, die in der Hauptschule umfassend beschult wurden, denen man eine ansehnliche Allgemeinbildung vermittelte, brauchen zumindest kein Abitur dafür, um selbstbestimmt und selbstbewusst ins Leben zu treten. Denn Wissen ist vom Abschluss unberührt - die Macht des Wissens greift auch dann, wenn der Abschluss nicht von hohen Weihen ist.

Eine solche Aufbruchsstimmung zu schüren, schmiss vieles auf den Prüfstand. Auch müssten die Medienwächter wieder weniger zurückhaltend sein, dürften nicht wortlos abnicken, was an Stumpfsinn über den Äther läuft. Da finge es an, ein neues Bewusstsein für Wissen zu vermitteln. Und Dialoge wie jener zwischen Precht und Hüther gehörten nicht in die Nacht, sondern - trotz aller Kritik - müssten Abendsendung sein - der Markt, auf dem sich das Fernsehen immer dann beruft, wenn es seine eigene Dumpfheit seinem Publikum in die Schuhe schieben will, wenn es sagt, die Zuschauer wollten es so, darf nicht als Alibi herhalten.

Precht argumentiert aus dem Postulat der Mittelschicht heraus. Hüther, auch Mitglied des Zukunftsrats der Bundesregierung, nickt es ab. Gleichwohl ist das Format Precht lehrreich und relativ frei, von einigen Floskeln abgesehen, vom Mainstreamsprech, der andernorts jeden Erkenntnisgewinn untergräbt. Insofern zeigt sich, dass Wissenvermittlung, und Precht ist ja nichts anderes, als über Fernsehen vermitteltes Wissen, immer auch ideologisch gefärbt ist.



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Der Preis der Sparsamkeit

Mittwoch, 12. September 2012

Am Montag berichteten hessische Radioanstalten von der Verleihung des Spar-Euro 2012. Ausgezeichnet würden Kommunen, "die in einem besonderen Maß verantwortungsvoll und sparsam mit öffentlichen Geldern umgehen". Und weil Sparsamkeit letztlich bedeutet, das zu Erledigende zunächst mal nicht erledigt zu bekommen, bedarf es natürlich vieler günstiger oder gar kostenloser Hände. Deshalb will der Spar-Euro "zugleich zu gemeinnützigen Handeln und zu bürgerschaftlichen Engagement für das Gemeinwohl" ermutigen. Ein zugegeben schön klingender Euphemismus dafür, den Rückzug der öffentlichen Hand zugunsten kostengünstiger Freizeitarbeitskraft zu verbrämen.

Made in Hessia

Initiatoren des Preises sind der Hessische Städte- und Gemeindebund und der Bund der Steuerzahler Hessen. Letzterer ist nicht, wie von der Öffentlichkeit irrtümlich oft angenommen, eine staatliche Kontrollinstanz, sondern eine Interessensvertretung, deren Bundeszentrale auf Platz 222 der Lobbyliste (Stand: Mai 2012) geführt wird. Dieser Bund der Steuerzahler macht sich gerne zum Sprachrohr braver Bürger, die pünktlich ihre Steuern bezahlen. In deren Namen deklariert er dann Steuergeldverschwendung - dabei ist für ihn der Bau einer unnötigen Brücke oder die geleisteten Transferzahlungen an Rentner und Arbeitslose gleichermaßen Verschwendung. Die Steuern seien in Deutschland nur deshalb so hoch, weil es diese vielen verschiedenen Verschwendungsformen gibt.

So, aus Hayekschem Geist, wuchs, von Friedman geschweißt, eine Denkschule heran, die üblicherweise als Neoliberalismus gerufen wird und die heute als alternativloses Mantra gilt. In Deutschland ist Hessen eines der Länder, die eine neoliberale Vorreiterrolle eingenommen haben; unter der Regierung Koch erblühten neoliberale Gesetze und Regelungen, die nun unter seinem Diadochen weitergepflegt werden. Das Schulwesen zum Beispiel, das ist von neoliberalen Gedanken durchsetzt wie kaum wo - Wettbewerb, gezielte Unterbesetzung und absichtlich vom Land klamm gehaltene Kassen; dazu die Zusammenlegung von Hauptschülern und Realschülern; nicht von Hauptschule und Realschule, sondern von den Schülern, die in einer Klasse von einem Klassenlehrer mit zwei unterschiedlichen Lehrplänen synchron unterrichtet werden, was natürlich innerhalb des Klassenverbandes eine Art sozialer Hierarchie entstehen läßt und die Schüler geradezu zu klassizistischen Auswüchsen anhält.

Dies nur als Beispiel. Es gibt so vieles mehr. Und die hessischen Medienanstalten bringen den vom Bundesland verordneten Neoliberalismus ins Leben der Menschen - so berichteten sie etwa vom Spar-Euro. Dass es den ausgerechnet in Hessen gibt, ist so gesehen kein Zufall.

Missstände werden belobigt, nicht beseitigt

Dass man diesem doch eigentlich so unscheinbaren, so uninteressanten Preis medial doch Beachtung schenkt, zeigt nur, wie sehr hier Aktionen, die dem neoliberalen Weltbild zupass kommen, inszeniert werden. Dieses Jahr lobte man eine Kommune, die das Schulangebot von Eltern abdecken und das Freibad mit ehrenamtlichen Engagement führen ließ. Was also bezahlte Arbeit beseitigt und aufgegeben hat und das Ehrenamt förderte, ist dem Bund der Steuerzahler eine Auszeichnung wert. Gedanken darüber, wie man Einrichtungen sinnvoll finanzieren, wie man finanzschwachen Kommunen ein Auskommen sichern kann, spielen für ihn überhaupt keine Rolle. Es scheint die Alternative höherer Besteuerung durch Land oder Bund und einer sich daraus erzielenden Umverteilung auf strukturschwachen Kommunen gar nicht zu geben, denn im Neoliberalismus ist Sparsamkeit die einzige Alternative - alles andere ist undenkbar und wird für undurchführbar erklärt.

Ähnlich ist es, wenn man im hessischen Radio lautstark drei Kommunen lobt, die man nun auszeichnete, weil sie sich einen Bagger teilten, statt drei Bagger gekauft zu haben. Das ist sicher sinnvoll und mag für kleine Kommunen die einzige Lösung sein - nur wer denkt aber auch mal daran, dass mehr Investitionen, mehr Aufträge an Betriebe, mehr benötigte Arbeitskraft der Gesellschaft mehr geben könnten, als knausern und knapsen?

Dass es Kommunen gibt, die sparsam mit ihrem Geld umgehen müssen, steht außer Frage - sie gehören aber nicht dafür belohnt, dass sie aus ihrer Not eine Tugend machten, ihnen gehört vielmehr geholfen. Der Neoliberalismus glaubt aber nicht an Hilfe, sondern nur daran, dass man demjenigen, der sich mit seiner Not und mit Missständen arrangiert, loben sollte. Und mit Auszeichnungen wie dem Spar-Euro, den man Relevanz schenkt, indem man ihn öffentlich platziert und ihm somit ein Forum schenkt, verfestigt man diese Denkweise in den Köpfen der Menschen.


Frage zum Schluss: Wem gebührt eigentlich der Spar-Euro? Denen, die Sozialleistungen trotz Anspruch nicht beantragen oder denen, die jahrelang darauf hinwirkten, Sozialleistungen für moralisch so fadenscheinig zu erklären, dass sie Menschen gar nicht mehr in Anspruch nehmen wollen?



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Sit venia verbo

"Ich glaube nicht an die "böse" Natur des Menschen, ich glaube, daß er das Schrecklichste tut aus Mangel an Phantasie, aus Trägheit des Herzens.
Habe ich nicht selbst, wenn ich von Hungersnöten in China, von Massakern in Armenien, von gefolterten Gefangenen auf dem Balkan las, die Zeitung aus den Händen gelegt und, ohne innezuhalten, mein gewohntes Tagewerk fortgesetzt? Zehntausend Verhungerte, tausend Erschossene, was bedeuten mir diese Zahlen, ich las sie und hatte sie eine Stunde später vergessen. Aus Mangel an Phantasie. Wie oft habe ich Hilfesuchenden nicht geholfen. Aus der Trägheit meines Herzens.
Würden Täter und Tatlose sinnlich begreifen, was sie tun und was sie unterlassen, der Mensch wäre nicht des Menschen ärgster Feind.
Die wichtigste Aufgabe künftiger Schulen ist, die menschliche Phantasie des Kindes, sein Einfühlungsvermögen zu entwickeln, die Trägheit seines Herzens zu bekämpfen und zu überwinden."
- Ernst Toller, "Eine Jugend in Deutschland" -

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Tage wie dieser

Dienstag, 11. September 2012

Es ist nicht mehr der elfte Tag des September, nicht der heutige Tag, der unser aller Leben veränderte - was er ohnehin nie war, denn chronistisch gesehen war es der 25. Oktober, der uns als Gesellschaft verformte. Dieser 11. September hat abgewirtschaftet als Tag kollektiven Bewusstseins darüber, dass sich etwas verändert habe. Er war sowieso nur der sentimentale Auswurf eines aufgeblähten Weltveränderungsmythos' - denn nicht die Terroristen hatten die Welt verändert, sie rissen lediglich eine Lücke in die Skyline New Yorks und in etliche, aber doch überschaubare Schicksale; die wahrhaften Veränderer waren westliche Politiker, die einen Monat danach, als Oktoberrevolutionäre sozusagen, das Antlitz der Welt nachhaltig prägten, ihn zu einen unfreieren Ort machten. Nun wartet ein neuer Gedenktag; die neuen Iden des März liegen ebenfalls im September, jedoch nur einen Tag nach dem elften Tage dieses Monats.

Morgen befindet das Bundesverfassungsgericht über einen Umknetungsprozess, der unser aller Leben umgestalten wird.

Old Europe ist langweilig, hat keinen Sinn für Show, für Kitsch und Glamour, für Katastrophenstilistik. Das wirft man in den Staaten den Europäern gerne und oft vor. Dasselbe andersherum geht an die Adresse der verhollywoodeten US-Amerikaner. Schafft die US-Administration Tage, die die Welt verändern sollen, dann baut sie auf einstürzende Hochhäuser, auf Tränen und herzzerfetzende Schicksale, auf tragische Sequenzen und auf starke Sheriffs, die auf Rache sinnen, wenn sie von Gerechtigkeit quatschen; mit Fanfaren blasen sie zu metaphernreichen Reden und mit Trommelwirbel präsentieren sie Gesetze, die Freiheit dadurch sichern sollen, dass sie Unfreiheit festschreiben. Und Europa? Das ändert die Leben der Menschen langweilig, heimlich fast, in der Stille des Eurokratismus, ohne Pomp, ohne Katastrophen, was Glück ist!, ohne Tränendrüse, ganz sachlich, nüchtern, unterkühlt, im Duktus eisiger Ökonomen, in Wirtschaftssprech. Die Emotion steht der Ratio entgegen - beide kämpfen aber nicht gegeneinander, sie akzeptieren sich; beide haben ihren Bürgern auf ihre ganz individuelle Weise den Krieg erklärt.

Doch es sind stets stille Tage, die die Welt fast schon lakonisch modifizieren. Der 25. Oktober war auch kein bombastisches Feuerwerk, sondern einfach nur ein exekutiver Akt, der John Doe etwa so in den Bann schlägt, wie Monsieur Tout-le-monde oder eben Otto Normalverbraucher-Mustermann. Morgen erlebt letzterer den Tag der Veränderung als einen Akt judikativer Staatsgewalt, nicht als Folge terroristischer Anschläge.

Und wie verändern sie? Der Patriot Act setzte Bücher auf den Index, erschwerte deren Ausleihen - der ESM erschwert die Bücherleihe, indem er öffentliche Kassen leer hält und Kulturbudgets zusammenstreicht. Der Patriot Act machte Bürger zu terroristischen Verdachtsmomenten auf zwei Beinen - der ESM verdächtigt jede Ausgabe im Sozialwesen als unnötig und damit jeden Transferbezieher als überflüssig. Der Patriot Act schuf Gefängnisse, in denen ohne Richterspruch eingesperrt werden konnte - der ESM macht Gefängnisse zu profitbasierten Unternehmen, die sich selbst tragen müssen. Der Patriot Act sozialisierte Persönlichkeitsrechte, kollektivierte Privatsphäre, verstaatlichte Intimität - der ESM privatisiert den Sozialstaat, individualisiert soziale Probleme zu Folgen unmoralischer Lebensführung, zerstückelt das Allgemeinwohl.

Die Richter des Bundesverfassungsgerichtes, man darf es ahnen, werden sich nicht sperren. Mit Hurra! werden sie auch nicht in den ESM geleiten, die Haushaltshoheít werden sie theoretisch vom Bundestag eingehalten sehen wollen, gleichwohl sie praktisch in Brüssel ausgeübt werden wird. Bedenken werden sie als verständlich erklären, aber als unbegründet, wenn man sich an die Ratschläge hält, die man aus Karlsruhe der Politik erteilt - wie beim Bundeswehreinsatz im Inland.

Der 12. September 2012: ein Gedenktag. Und für die Propheten der neoliberalen Weltanschauung, für Sozialdarwinisten und Klassisten, für die Lehrer egoistischer Strukturen ein Dankestag. Free at last! werden sie rufen - und meinen die Freiheit, die sie haben, weil Staatshaushalte keinerlei Freiheiten mehr geben. Free at last! jubeln sie - und feiern jene Freiheit, die durch die Unfreiheit der 99 Prozent gesichert wurde. Free at last! brüllen sie sich zu - und sie werden hinzufügen: Wer sich bemüht, wer sich anstrengt, der wird auch frei - alleine es wollen so viele nicht ...



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Seid umschlungen Millionen

Montag, 10. September 2012

Es ist keine Eigenschaft des Qualitätsjournalismus', wenn er beständig von Uns und Wir spricht. Dies war ursprünglich einzig die Stilistik des Boulevard, Springeristik sozusagen - heute nimmt man diese Tour auch andernorts wahr.

Unsere Sportler, unsere Minister

Leider verfallen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zusehends in boulevardeske Schablonen. Auch sie bedienen sich mittlerweile solcher fraternisierenden Pronomen, auch dort verbrüdern sich Nachrichtensprecher und Moderatoren mit ihren Zuschauern.

Bei den Olympischen Spielen war es Usus, dass Reporter "unsere Athleten" lobten oder kritisierten. Den nötigen journalistischen Abstand, um von "deutschen Athleten" zu reden, brachte man nicht mehr auf. Und selbst bei heute mehrt sich diese verbrüdernde Entjournalisierung. Neulich meinte ein junger Nachrichtensprecher, "unser Verkehrsminister" habe mit seiner KFZ-Schilder-Idee etwas losgetreten. Das ist eine neue Qualität, denn dass man Sportler ins Uns kollektiviert, war nicht neu, kannte man ausreichend. Einen Verkehrsminister zu "unserem Minister" zu machen, das klingt furchteinflössend, als kriegten wir ihn am Ende gar nicht mehr los, denn er gehört doch zu uns.

Die nüchterne Distanz und die absichtlich gewählte Unterkühlung gegenüber den Sujets der Berichterstattung machten mal gute journalistische Arbeit aus. In dritter Person zu berichten, galt als sprachliche Ausformung von Objektivität. Die Worte Abstand und Anstand hatten in diesem Metier insofern eine Wurzel. Objektivität war sicherlich auch nicht stets gegeben, es gab immer parteiische Journalisten - aber der Stil, das Handwerk, ja die Seriosität wurde wenigstens noch eingehalten.

Journalistische Ver-Wir(r)-ungen

Die distanzlose Ver-Wir-ung und Ver-Uns-ung ist weder seriös noch realitätsnah, denn sie suggeriert, es gäbe eine nicht näher definierte Schicksalsgemeinschaft. Wir und Uns schmiedet gesellschaftliche Partikularinteressen zusammen und sondert gegenteilige Ansichten und Interpretationen ab. Das Personalpronomen personifiziert die Sichtweise auf Dinge, die eigentlich aus Informationszwecken unpersönlich gestaltet und gehalten sein sollten. Diese persönliche Zuordnung erzeugt eine rhetorische Annäherung, täuscht eine Schicksalsgemeinschaft vor, in die wir alle eingebettet sind. Alle sind eingebunden, die Millionen umschlungen.

Du bist Deutschland! war eine Kampagne, die nicht wenig kritisiert wurde. Denn die Verwirrung mit der Ver-Wir-ung ist - und das Du in dieser Kampagne sprach einzig das Wir an -, dass sie das Zusammen postuliert, gleichwohl die Dynamiken zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten und -gruppen, kein naives Zusammenspiel, sondern ein mehr oder minder ordentlich organisiertes Nebeneinander ist, ein Arrangement und zuweilen ein unversöhnliches Gegeneinander. Der Qualitätsjournalismus nimmt sich dieses Wir mittlerweile ungeniert an, wahrscheinlich nicht ideologisch bedingt, sondern um flapsig zu klingen, nicht altbacken zu sein - er nimmt damit Abschied von journalistischen Tugenden und drückt dem Abnehmer journalistischer Berichte Tendenzen auf.



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Bäuchlings

Freitag, 7. September 2012

Die Losungen rechter Parteien und Kandidaten, der angerechteten Mitte und der Presse, klingen einfach, zielgerichtet und suggerieren, dass man ganz genau wisse, worauf es ankomme. Progressive Slogans, manchmal auch als linke Parolen verortet, wirken hingegen oft kompliziert, vertrackt und verkopft und nötigen dem Zuhörer Anstrengung und hohe Aufmerksamkeit ab. Es verwundert nicht, dass das, was die rechtskonservativ modifizierte Mitte der Gesellschaft hören will, aus dem Äther von rechten Gedankenkonstrukteuren kommt. Um fair zu bleiben sei noch darauf hingewiesen, dass rechte Positionen nicht zwangsläufig konservativ sind - sie äußern sich heute weitestgehend über neoliberale Kanäle. Solche rechtsliberalen Parolen sprechen den Bauch an, sparen den Kopf aus. Sie bauen ihre Lösungsversuche und politischen Botschaften auf Bauchgefühl, inzwischen linke Modelle den Kopf bemühen und somit als Stichwortgeber für öffentliche Debatten quasi vollständig ausscheiden.

Wer etwas in Unkenntnis oder wider aller Bedenken erlaubt oder befürwortet, der tut das mit Bauchschmerzen oder Bauchgrummeln. Wenn etwas nebulös bleibt, sich aber Skepsis einschleicht, sagt einem ein vages Bauchgefühl etwas, was der Kopf nicht vermag. Man sagt: Mein Bauch sagt mir. Spontan und unüberlegt entscheidet man aus dem Bauch heraus. Den Zorn, im Gegensatz zur Wut, kann man als einen durchdachten Auftrag an sich selbst sehen, etwa als heiligen Zorn. "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht", schrieb Papst Gregor, zitierte ihn Georg Schramm. Die affektive Wut hat man allerdings im Bauch, sie ist keine Kopfangelegenheit. Das undefinierbare Gefühl der Liebe macht Schmetterlinge, oder mit Grönemeyer: Flugzeuge im Bauch. Manchem Bauchgefühl, manchen Bauchflugzeugen folgt die Bauchlandung - oft Produkt mancher emotionalen Handlung. Kurzum, im Bauch ruht das Undefinierbare, das nicht denkbar Erfassbare, ruhen Ressentiments und verinnerlichte Prämissen, ruht Undurchdachtheit und Aktionismus; im Kopf hingegen findet mit etwas Glück das Gegenteil statt, dort wird aus undefinierbaren Bauchgefühlen eine konkretere Ansicht, dort werden Vorurteile durch Urteile des Denkprozesses nochmal geprüft - im Idealfall, denn in vielen Köpfen logiert fein angeschult und angelernt nichts weiter, als die abdomatische Vertretung des Bauches unter der Schädeldecke.

Dieses Körperteil, das nur verschwommen "wahrnimmt", das Gefühle bemerkbar macht, nicht konkretisiert, das qua seines organischen Aufgabenspektrums keine Denkmuster kennt, dieses Körperteil des Ahnens, Glaubens, Wähnens und Vermutens ist es, welches das Rechte, das Neoliberale anspricht. Deren Thesen und Anschauungen zielen auf die Bauchhöhle - dort dringen sie spielend ein, dort flutschen sie hinein wie in weiche Butter. Einfache Konstrukte, Bestätigungen sowieso herrschender Vorurteile, Abschieben von Verantwortungen, Zucht von Sünden- und Prellböcken - all das, um der Klientel ein rundherum gutes Gefühl, ein gutes Bauchgefühl zu schenken. Im Neoliberal-Rechtskonservativen fühlt sich die Mehrheit so wohl, weil es so ein praktikabel leichtes Weltbild pflegt, weil es die erträgliche Leichtigkeit des Seins hegt, weil es jede Schuld auf Leute und Gruppen abwälzt, die sich nicht wehren können. Ein voller Bauch studiert nicht gerne, lautet ein weitere Redensart. Wenn Parolen auf die Füllung des Bauches abzielen, wie soll man sich dann um vernünftigte Einsichten bemühen. Studere, sich bemühen, gelingt nicht, wenn der Bauch verdaut, was des Kopfes wäre.

Progressivere Parolen sind oft so viel komplexer, zielen auf Denkleistung. Es ist eben nicht der faule Grieche, der Europa in die Krise stürzte, sondern es waren komplexe und pervertierte Abläufe auf dem Finanzmarkt. Das zu verstehen ist meist nicht einfach. Mit Sparpolitik saniert man eben nicht Haushalte, wie man das von mit Neoliberalismus getunktem Konservatismus dauernd hört, sondern mit Investitionen - das steht den Erfahrungen des Bauchmenschen entgegen, daher ist es ihm unbegreiflich. "Sie würden es doch privat nicht anders machen", argumentieren Sparpolitiker - das kann der Bauch verarbeiten, das kann er verstehen. Ausgeben ohne zu besitzen: unvorstellbar, unverantwortlich. Da bekommt man so ein schlechtes Bauchgefühl dabei. Bauch gegen Kopf, das ist Überschuldung durch Sozialstaat gegen Mittelknappheit durch Steuersenkungen, das ist faule Schüler gegen verknappte Gelder in Bildung und Kultur, das ist Angst durch Überfremdung gegen Chancen der Multikulturalität, das ist zu viele Alte gegen Stärkung des Umlageverfahrens, das ist südländischer Müßiggang gegen spekulative Maßlosigkeit, das ist Moslems sind rückständig gegen jeder Kulturkreis hat seine historisch bedingten Erscheinungsformen. Der Bauch ist seinen Bauchrednern heilig, daher fragt und nagt man keine Löcher in die Bäuche, einfache Ansagen genügen - sonst entfleuchen noch die wertvollen Bauchgefühle, schlüpfen sie aus der löchrigen Bauchwand. Und dieses Bauchgefühl ist doch so ein vortrefflicher Rohstoff für die neoliberale Politik; sie braucht es, um wider allen Kopfes doch als attraktiv empfunden werden zu können.

Es ist mitnichten der Wohlstandsbauch alleine, der sich selbst zum Denkorgan erhebt. Es ist die Beschränktheit und Eingezäuntheit kleiner Leben in kleinem Umfeld, die pars pro toto persönliche Erfahrungen mit gesamtgesellschaftlichen Dynamiken vergleichen, verwechseln oder gleichsetzen. Auf solche Gemüter zielen neoliberale Parolen ab. Sie kultivieren das einfältige Weltbild ihrer Abnehmer, ihr Bildungsauftrag ist, nicht umfänglich zu bilden, sondern Affekte, Vorurteile und Überspanntheiten weiterzubilden. Progressivere Ansichten, vulgo auch linke Slogans genannt, sind in diesen Tagen auch deshalb so erfolglos, weil eine auf Bauch getrimmte Wirtschaft - ihr Marketing, ihre Werbung ist ja nichts weiter, als das Pinseln von Bäuchen, als das Entfachen undefinierbarer Bauchgefühle - und ihre Politik ein unentwirrbares Netz an Verbauchungen geschaffen haben. Sie haben die res publica simplifiziert auf Parolen, die jedermann verstehen kann, weil sie so simpel und eingängig sind, dass sie nicht mißverstanden werden können, weil sie auf Affekte abzielen, die in jedem Bauch hausen.

Progressive Parolen sind daher Hetze, weil sie auf die Köpfe zielen, mit der Absicht, Bäuche zu sättigen - neoliberale Slogans sind deshalb Wahrheiten, weil sie auf Bäuche halten, mit dem Vorhaben, Köpfe nicht zu sehr zu beanspruchen. Bauch ist immer eingängig, schnell begreifbar. In Zeiten, da man schnelle Erkenntnisse schätzt, um schnelle Lösungen sichern zu können, ist das natürlich das Körperteil des Augenblicks - der Kopf ist immer bleiern, schweißtreibend, braucht Geduld, muß per Synapsen Zusammenhänge verbandeln. Kopflastig nennt man das heute - kompliziert, nicht effektiv, zeitraubend, sind die Vorwürfe. Sie sind nicht das, was Bauchmenschen gerne hören und lesen wollen, um ihre Wut im Bauch als gerechtfertigt zu wissen.



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Ridendo dicere verum

Donnerstag, 6. September 2012

"In aller Welt werden die Parallelen zur Krise 1929 diskutiert, aber damals wurde wenigstens noch die Verantwortung übernommen. Da sind die Banker noch reihenweise von ihren Dächern gesprungen. Das kommt mir heute’n bißchen zu kurz!"

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Beiläufig klassenkämpferisch

Wer fleißig gearbeitet hat, darf nicht so wenig Rente bekommen, sagte sie. Betonung auf fleißig. So läßt sie sich in Interviews zitieren, so sagte sie es selbst in Mikrofone. Fleißig gearbeitet oder Variation: Wer fleißig gearbeitet und in die Rentenkasse einbezahlt hat ... Braucht es denn unbedingt Fleiß, um in die Rentenkasse einzahlen zu dürfen? Ist sie am Ende gar eine Fleißkasse? Warum diese Hervorhebung des Fleißes, wo er doch gar nicht wesentlich wäre? Letztlich zählen einzig und alleine die Zeiträume, in denen man in die Rentenkasse einbezahlt hat; letztlich zählt nur, ob jemand möglichst viele Jahre mit einem gültigen Arbeitsvertrag abdecken konnte oder nicht - ob er allerdings fleißig war oder nicht, das ist wenn überhaupt lediglich eine zu klärende Frage zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dem Rententräger ist das einerlei.

Warum dieser fleißige Umgang mit einem Fleiß, der ohne Not hervorgehoben wird? Die Arbeitsministerin betreibt sprachliche Abschottung zu jenem Bodensatz der Gesellschaft, der angeblich geschlossen nicht arbeiten will und nichts mit Fleiß am Hut hat, vulgo Unterschicht genannt. Der von ihr genannte Fleiß der Arbeitnehmer meint eigentlich die Faulheit der Arbeitslosen. Ein süffisant gesetztes Attribut, wo es nicht sein müsste, sagt oft mehr als ganze Absätze. Man muss die Faulheit gar nicht boulevardesk aufbereiten, sie aufbauschen, sie von einschlägigen Medien für beste Sendezeiten inszenieren, um mit dem Finger auf Niedriglöhner und Arbeitslose deuten zu können. Es reicht, wenn man vom Fleiß arbeitender Menschen spricht, um damit die Faulheit wenig oder gar nicht arbeitender Menschen thematisiert zu haben. Man kann Dinge sagen, ohne sie zu sagen. Man kann das neoliberale Menschenbild deutlich machen, ohne es direkt anzusprechen.

Interessant ist die lapidare Sprachwahl immer; sie sagt viel über Herkunft und Ziel einer Person aus, über Motive und Leitgedanken. Dazu muss man nicht den Soziolekt auswerten, der kultiviert wird und irgendwann zum allgemeinen Sprach- und Metaphernschatz wird; die Analyse der Gruppensprache, die später auch Massensprache werden kann, ist das Offenbare, zeigt das auf, was erst auf der Zunge, hernach auf der Hand liegt. In meinem Essay Worte schreibe ich hierzu: "Dass an dieser Stelle nicht weiter von und über neoliberale Sprache, ihren Neologismen und Euphemismen gesprochen wird, hat [...] einen [...] Grund: es sind nämlich nicht nur so genannte neoliberale Sprachkonstruktionen, Schlagworte oder Parolen, die die hier angemahnte Sprechweise durchpulsen. Es sind vorrangig ordinäre, banale Alltagsvokabeln der Umgangs- und Hochsprache, die in doppelzüngigen, heimtückischen und überaus bedenklichen Zusammenhang gebracht werden. Solche völlig normalen Worte der deutschen Sprache, zweckentfremdet oder in fragwürdige Beziehung geschoben, sind zumeist sogar noch viel gefährlicher und manipulativer als neoliberale Termini."

Vermeintlich nebensächliche Worte in Gebrauch zu nehmen, die doch mehr sagen, als der gesamte inhaltliche Aspekt einer kompletten Abhandlung, verrät mehr als die Anwendung einschlägiger Begriffe. Der Fleiß im Satz der Ministerin ist insofern auch kein Zufallsprodukt. Sprache ist spontan und assoziativ, sie reagiert in Zehntelsekunden, kann Sachverhalte schier synchron zum Geschehen begrifflich verstehbar machen, passende Worte werden in der Regel nicht zäh erdacht, sie kommen einem unüberlegt in den Sinn, fallen einem auf die Zunge. Wenn es einem sprichwörtlich die Sprache verschlägt, ist dieser natürliche Mechanismus menschlicher Kommunikationsfähigkeit kurzfristig abgestellt und gilt eher als Ausnahmefall. Dieser ministerielle Fleiß ist fürwahr kein Produkt von Spontanität, nicht einfach zufällig fallengelassen. Er fiel so zwischen die Worte geschoben viel zu oft, als dass man das glauben könnte. Er ist klar gesetzt, wird gezielt wiederholt und verschlagwortet, wird als unscheinbare Kampagne innerhalb des Satzes geführt. Fleißig gearbeitet klingt für jene bürgerliche Mitte, die in protestantische Arbeitsmoral und neoliberalen Klassismus getunkt wurden, heimelig und kuschelig, klingt belobigend, streichelt diejenigen, die sich angesprochen fühlen, grenzt von denen ab, die man als nicht fleißig wahrnimmt, egal ob sie nicht fleißig sein können, wollen, dürfen oder sollen. Dass Arbeit nicht Fleiß heißt in diesem speziellen Falle, wo es um Renten geht, dass Anwesenheit gemeint wäre, kommt dabei gar nicht mehr in den Sinn. Denn die Ministerin meint Anwesenheit - und die fehlende Anwesenheit von Menschen an irgendeinem Arbeitsplatz, auch Arbeitslosigkeit genannt, die meint das Gegenteil vom ministeriell sprachverordneten Fleiß. Letzteren zu erwähnen, wäre nicht notwendig - er ist es nur, weil damit eine Botschaft transportiert werden soll, nicht zwischen den Zeilen, sondern zwischen den Worten als überflüssiges, jedoch dennoch eingebautes Wort.

Die Ministerin ist Meisterin der unverfänglichen Worte, die sie unscheinbar einknüpft, die jedoch immer anzeigen, für welche Klientel sie die politischen Geschäfte besorgt. Sie ist die stille, die unverfängliche, die beiläufige Klassenkämpferin einer bürgerlichen Mitte, die sich mit aller Macht und mit moralischer Ächtung von denen abgrenzt, die sie Unterschicht nennt. Sie schiebt klassenkämpferisch Worte an Satzstellen, die unnötig wären, die aber trotzdem fallen, um die Abschottung sprachlich, denkerisch und letztlich auch wirklich kenntlich zu machen.



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Mittagshetze und Nachtexil

Mittwoch, 5. September 2012

Was ist Bildungsauftrag? Bildungsauftrag ist wohl das Einschläfern des Menschen in seine "wohlverdiente" Gedankenlosigkeit. Gedankenlosigkeit ist das gewollte Resultat, sich seines Verstandes unter der Anleitung eines Mediums, das ein "umfassendes Bild der [...] Wirklichkeit" (§ 5 (1), ZDF-Staatsvertrag) vermittelt, zu bedienen. Senderverschuldet ist diese Gedankenlosigkeit, weil die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern des Entschlusses liegt, sich seiner laut Staatsvertrag verpflichtenden Gestaltungen zu entziehen. So oder so ähnlich.

Weniger kantianisch, weniger angekantet ausgedrückt: Bildungsauftrag interpretiert das ZDF so: Sonntags darf zum Mittagessen gehetzt werden - und zwar nicht unterschwellig, und zwar nicht besonders kunstfertig, sondern ganz arglos, völlig hüllenlos. Und kritische Sendungen, die innovative Ansätze postulieren, die Tadel an herrschender Politik üben, die verschwinden tief im Dunkel der Nacht. Wir sprechen von Hahne - und wir meinen Precht. Beide bringt das ZDF unter einen Hut.

Hahne eröffnete seine sonntägliche küchentheologische Sendung neulich mit der Ansage, dass wenn es stimme, dass ein muslimischer Jugendlicher einen Rabbi krankenhausreif geschlagen habe, ob dann nicht der Islam doch radikal sei, der Islamunterricht an Schulen fehlgeleitet. Zu Gast in seiner Sendung, die den integrativen Titel "Wie viel Islam braucht Deutschland?" trug: Friedmann und Kelek, nachweislich zwei Charaktere, die den Islam gerne diabolisieren und mit ihm natürlich all jene, die ihm zugehörig sind. Beide wurden laut ZDF-Portal zu einer "sicherlich kontroversen Diskussion" erwartet. Wie kontrovers ist so eine Diskussion zum Vegetarismus, wenn man zwei Metzger einlädt, um darüber zu sprechen? Wer wäre eigentlich als Gast gekommen, wenn der Rabbi von einem Protestanten verprügelt worden wäre, einem Protestanten, der in seinem Eifer vielleicht Luthers Schrift "Von den Juden und ihre Lügen" unter dem Arm geklemmt gehalten hätte, synchron er schlug? Hätte Hahne den christlichen Religionsunterricht als Ursprung einer solchen Gewaltbereitschaft abgetan?

Wie vereinbart das ZDF dieses Mittagsgehetze mit § 5 (3) des ZDF-Staatsvertrages, in dem man nachlesen kann, dass das ZDF auf "ein diskriminierungsfreies Miteinander hinwirken" solle? "Die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten", liest man dort auch. Ist es mittlerweile sittliche Überzeugung, eine Religion zu kriminalisieren, weil eventuell ein etwaiger Religionszugehöriger gewalttätig geworden ist?

Mittlerweile ward es Nacht im ZDF geworden, nachdem der Mittag schon umnachtet war. Es wurde Zeit für jene neue Sendereihe unter Leitung von Richard David Precht. Wissenschaft und Philosophie sollen dort Einzug finden, provokant in den Raum gestellt werden. "Macht lernen dumm?", fragte man in der ersten Ausgabe - und dieser reißerische Titel ist der wesentliche Kritikpunkt; dergleichen müsste nicht sein. Inhaltlich allerdings gibt es wenige Flächen für Kritik. Falsche Methoden der Wissensbildung sind seit Jahren attestiert - der Hirnforschung sei Dank. Auswendiglernen von Vokabeln beispielsweise ist wenig sinnvoll, Sprachen lassen sich nicht auf Abrufbereitschaft erlernen, sondern müssen so beigebracht werden, dass das Muster "Ich will auf Englisch Tisch sagen - Suche nach Tisch im Wortschatz - a table - Einbau in einen Satz, der vorher auf dieselbe Art vorgefertigt wurde" insofern umgangen wird, dass man durch gezielte hirngerechte Schulung Sprachen nicht nur erlernt, sondern verinnerlicht. Sprache ist flexibel, birgt schnelle Reaktionszeiten, geschieht automatisiert - wie wir Sprache büffeln, wird dem nicht gerecht, denn sie ist kein Baukastensystem, jedenfalls nicht in der Praxis. Kleinkinder lernen Sprachen hirngerecht - man kann das nicht kopieren, sich aber daran orientieren.

"Vielleicht liegt es daran, dass ein völlig verändertes Bildungssystem, das nicht nur jedem eine gerechte Chance gibt, sondern kreative, eigenständige und unbequeme Persönlichkeiten hervorbringt, zugleich eine ganz andere Gesellschaft voraussetzt oder entstehen lässt? Das jedenfalls meint Richard David Precht." So schreibt es das ZDF-Portal. Sein Gast Gerald Hüther, Hirnforscher und Bildungskritiker, meint zudem, dass es so betrachtet keine dummen Kinder gäbe - das bürgerliche Bildungssystem mache es dumm. Womit der provokante Titel der Sendung vielleicht doch berechtigt wäre. Dass nun Precht nicht auf Gegenliebe stieß in den Nachbetrachtungen, ist nicht überraschend - da überschritt doch jemand die Demarkationslinie, denn wenn Klugheit sich nicht durch Reichtum bedinge, wenn Armut nicht gleich dumm ist, dann ist das für das bürgerliche Verständnis der Mittelschicht geschmacklos. Armut ist ein Produkt der Dummheit - daran rüttelt man nicht; das Bildungswesen ist in der amtierenden Weise richtig, weil es kluge Menschen weiterhin reich sein läßt. Precht beschwört da einen Bildungsklassenkampf - und wir wissen doch, Klassenkampf ist ausgestorben, es gibt nur noch Mittelschicht und die, die dorthin aufschließen wollen oder sich aus Faulheit und Dummheit nicht dazu aufrappeln können, dorthin zu stoßen.

Die "kulturelle Vielfalt", wie es unter § 5 (2) des ZDF-Staatsvertrages heißt, scheint ja durchaus gegeben. Einerseits Volksverhetzung, andererseits Bildung - einerseits Hahne, andererseits Precht. Da dürfte für jeden etwas dabei sein - und genau das ist die Maxime öffentlich-rechtlicher Sender: alles abdecken, jedem etwas bieten. Und wenn es mittlerweile zur Kultur gehört, stereotype und rassistisch konzeptionierte Parolen ins Land zu plärren, dann ist mit Hahne auch dieses Zuschauerbedürfnis abgedeckt. Warum aber setzt man den Hetzer nicht in die Nacht, wenn schon nicht vor die Türe - und stellt dafür qualitativ hochwertiges Fernsehen, wie es in diesem Lande fast nur die öffentlich-rechtlichen Sender leisten, wenn sie es denn leisten wollen, nicht in die Primetime, nimmt sie raus aus dem Nachtexil? Klar doch, wir kennen die Ausflüchte. Die Leute wollten das nicht sehen, sie sehen lieber ihren Tatort und mittags ihren Hahne, denn Haxe und Hetze klingt fast gleich.

Der Bildungsauftrag ist außer Kraft gesetzt, weil Bildung nicht gefragt ist? Das ist doch fast so, als würden Schüler klarstellen, es habe sich ausgelernt, worauf das Schulwesen einknickt und erklärt: Einverstanden, dann gehen wir eben Baden. So ähnlich treiben es die Öffentlich-rechtlichen; sie verweigern den Auftrag zur Bildung, weil angeblich kein Bedürfnis nach Bildung besteht. Es würden Zuschauer wegschalten, erklären sie - doch ist das so sicher? Passten sich die Interessen der Zuschauer nicht auch dem neuen Konzept an? Es müsste ja nicht immer gleich Precht sein, es reichte weniger, was dennoch bildend sein könnte - damit ist Jauch und Maischberger aber nicht gemeint. Wir sprechen von Bildung und nicht von der Einbildung etwaiger Moderatoren, sie würden politische Sprechstunden abhalten.

Um es mit dem ZDF-Portal zu sagen: Vielleicht liegt es daran, dass eine veränderte Fernsehkultur, die nicht nur jedem einen berieselten Abend gibt, sondern kreative, eigenständige und unbequeme Persönlichkeiten hervorbringt, zugleich eine ganz andere Gesellschaft entstehen lässt! Bildungsaufträge die damit entschuldigt werden, dass kein Bildungsbedarf besteht - Precht hat vermutlich recht, unsere Bildungsmoral ist am Boden; wenn er von der Schule spricht, meint er unbewusst auch die schulischen Aufgaben der Medien: als vierte Gewalt, als Aufklärer, als Bildungsvermittler. Man nimmt zu viel Rücksicht auf die bildungsfernen Schichten, die ihren Tatort und ihren Pilawa sehen wollen. Jeder Pädagoge weiß, dass Bildung auch bedeutet, nachdrücklich zu sein, um die Bildungsthemen zu vermitteln. Freiwillig lernen Schüler nicht immer - dennoch kann man sich nicht dauerhaft zurückziehen und diesen "demokratischen Willen zur Lernunwilligkeit" zu seinem Recht verhelfen. Das gilt eigentlich für Schulen, für Lehrer und für Institutionen, die einen staatsvertraglich vereinbarten Bildungsauftrag haben ...



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Kein Freund ist Ausländer

Dienstag, 4. September 2012

Am kommenden dritten Spieltag der Fußball-Bundesliga sind die Trikotsponsoren der Vereine von der Brust gestrichen. Stattdessen wird darauf ein Leitmotiv zu lesen sein - "Geh' Deinen Weg" heißt das und ist der Wahlspruch und der Name eines Stipendien- und Mentorenprogrammes der Deutschlandstiftung Integration.

Slogan ohne Wenn und Aber

Schon 1992 initiierte der DFB eine Trikot-Aktion. Nachdem drei dunkelhäutige Bundesliga-Fußballer namens Baffoe, Yeboah und Sane einen offenen Brief formulierten, in dem es unter anderem hieß, dass es sie ins Herz treffe, was sie in deutschen Stadien so an Beleidigungen zu hören bekämen und was sie damit erdulden müssten, rief der DFB eine gemeinsame Aktion ins Leben. "Friedlich miteinander - Mein Freund ist Ausländer" nannte sich die und ließ sich an einem Spieltag von der Brust aller damaligen Bundesliga-Teams lesen. Es gab in der Folge Plakate, Stadiondurchsagen und eine Schweigeminute für die Opfer des Solinger Brandanschlages, bei dem fünf Menschen (zwei Frauen, drei Mädchen türkischer Herkunft) starben.

Die zentrale Botschaft war unmissverständlich. Da sind Menschen fremder Herkunft und sie sind unsere Freunde, gehören zu uns - ohne Wenn, ohne Aber. Für Freunde setzt man sich ein, man steht an ihrer Seite. Die Botschaft, die nun in Kürze von den Trikots strahlen soll, ist da weniger eindeutig. Sie meint, dass Menschen mit Migrationshintergrund, wie man das heute so galant nennt, zu uns gehören, wenn sie bestimmte Vorstellungen erfüllen. Das langjährige Geschwätz von der Leitkultur hat ganze Arbeit geleistet. Heute sind Ausländer zwar Freunde, aber sie sollten schon etwas leisten, etwas können, etwas sollen. Eine an Bedingungen geknüpfte Freundschaft.

Bedingte "Freundschaft"

Der Vorstand der Deutschlandstiftung Integration rekrutiert sich aus Unternehmern, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und aus Kai Diekmann; Vorsitzender des Beirates ist Hubert Burda - die Stiftung ist also fest in Hand von Meinungsmachern; noch dazu von solchen, die zu Hochzeiten der Leitkulturdebatte am lautesten wieherten und die Phantasien christdemokratischer Leitkulturhammel zu publizistischer Massenware verarbeiteten. Passend hierzu ist die Bundeskanzlerin Schirmherrin der Aktion.

Der Hintergrund und die Stoßrichtung der Stiftung ist so konservativ wie elitär. Mit dem Programm "Geh' Deinen Weg" sollen "Migranten angesprochen werden, die in Deutschland "angekommen" und" erfolgreich" sind und damit belegen, dass und wie Integration gelingen kann". Ökonomisch wie politisch und weltanschaulich angepasste Migranten, denn um die geht es dieser Stiftung, sollen mit einem Stipendium für zwei Jahre ausgestattet werden. Gesucht werden daher "die besten und talentiertesten jungen Menschen, die leidenschaftlich und leistungsbereit ihre Ziele im Leben verfolgen" - wie ein Bekenntnis zur Integration aller Menschen in die deutsche Gesellschaft liest sich das nicht gerade.

Dennoch ist überall davon zu lesen, dass die Aktion, die am dritten Spieltag der Bundesliga einem Massenpublikum vorgebracht werden soll, eine Initiative zur Integration sei, etwas, das an "Mein Freund ist Ausländer" erinnere oder gar anknüpfe. 

Paradigmenwechsel auf Trikotbrust angekommen

Heute, nach Jahren der Renationalisierung und Leitkulturalität weiß man: Kein Freund ist Ausländer - nein, wenn er ein wirklicher Freund sein will, so hat er sich eingedeutscht. Wenn er angekommen ist, wenn er erfolgreich ist, wenn er belegen kann, deutsche Lebensart angenommen zu haben, dann ist er freundschaftsfähig. Dahinter stecken auch Zweckdenken und ein ökonomisiertes Weltbild. Der Mensch aus der Fremde ist nicht der bedingungslos akzeptierte Freund, er ist jemand, der sich beweisen muss, der bestätigen muss, dass er einen Wert für die deutsche Gesellschaft birgt.

Es ist nicht so, dass dieses Weltbild gänzlich neu ist. Schon immer fragte man hierzulande, schon vor der Debatte zur Leitkultur, was der Ausländer, der nach Deutschland kommt, denn kann - was ihn befähigt hier leben zu dürfen. Gastarbeiter wurden kritisch beäugt, ob sie denn auch was leisteten, ob sie fleißig waren und nützlich. Das galt gerade in den Sechziger- und Siebzigerjahren als ganz normaler Beschau von Fremden. So vehement und aggressiv wie heute hat man dieses Weltbild jedoch nie vertreten. Heute geschieht das hinter freundlicher Fassade, der Ausländer ist ja auch bloß Migrant oder hat Migrationshintergrund, das klingt aufgeklärter, nachdem der Terminus "Ausländer" vom Stammtischgezeter so diskreditiert wurde, dass man ihn nicht mehr benutzen kann, ohne in rechtsextremen Ruch zu geraten.

Was dann ab den Achtzigerjahren hinter vorgehaltener Hand gesagt werden musste, weil es als nicht mehr gewollt abgestempelt war, weil durch das damalige politische Engagement der Bürger, durch Journalisten wie Wallraff und durch die postulierten Chancen der Multikulturalität, ein neues Bewusstsein im Umgang mit Menschen anderer Herkunft entstand, ist heute wieder bedingungslos salonfähig. Lange währte die Aufklärung ohnehin nicht, die Wiedervereinigung vernebelte manches Gehirn und machte das Wir sind wieder wer in der Welt! zum gedanklichen Leitmotiv vieler Deutscher. Multikulturalität ist heute kein Ziel mehr - Ziel ist das, was man Integration nennt, was aber Leitkultur meint. Und dieser Umgang mit deutschem Anleiten wird nachdrücklich vertreten und aggressiv umworben. Hierzu sind auch die Brüste von Fußballern recht.

In einer solchen Zeit...

Ob es denn besonders bedeutungsvoll ist, wenn die Bundesliga Stellung bezieht, ist natürlich streitbar. Es zählt die Absicht. Tut sie es, so wünscht man sich eigentlich ein Bekenntnis ohne Hintergedanken, ohne Wenn und Aber. Dass sie sich nun hergibt, die Parolen einer elitären Stiftung zu übernehmen, die für sich in Anspruch nimmt, etwas gegen Ausländerfeindlichkeit zu tun, während sie die Debatte mit ihrer Spaltungsrhetorik (nützlicher und weniger nützlicher Ausländer) verschärft, macht zornig und unterstreicht, wie tief die Leitkulturellen ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen sind. Integratives Denken, sowieso nach der Leitkulturdiskussion der letzten Jahre als Begriff verunglimpft, ist deren "Geh' Deinen Weg" nicht.

Damals, als im wiedervereinigten Deutschland der nationale Überschwang mit Hass auf Ausländern koalierte, als in Rostock, Solingen und Mölln das Verbrechen von der Bevölkerung damit entschuldigt wurde, dass mit manchem jungen Deutschen schon mal die Gäule durchgehen könnten, wenn er in die Legionen von Fremden starrt, die zu uns kommen - damals reagierte der DFB mit "Mein Freund ist Ausländer". Nun leben wir in Zeiten, da wir vom Gedenken an jene Tage in Rostock-Lichtenhagen sprechen, bald jährt sich Solingen und Mölln; wir leben in einer Zeit, da wir wissen, dass der Hass sich organisiert und todbringend gegen ausländische Menschen richtete - und was fällt der Bundesliga anderes ein, als sich Slogans aufzupinseln, die nichts Entschädigendes, nichts Verbrüderndes, nichts Bekennendes aufwerfen! In Zeiten nach dem NSU-Töten sind nicht Ausländer auf Trikots genannte Freunde, sie sollen hingegen der Leitkultur beitreten - dann könnten sie unsere Freunde werden, wobei auch das falsch ist, denn in einer ökonomisierten Gesellschaft gibt es keine Freunde, sondern nur Geschäftspartner. "Ausländer sei Geschäftspartner" - das ist der eigentliche Wahlspruch, mit dem in einigen Tagen die Bundesliga wirbt.



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Facie prima

Montag, 3. September 2012

Heute: Der Verbrämte, das Altkanzlerische

Derer sind es drei; sie residieren ohne politische Macht, die ihnen innewohnte, werden als Koryphäen in das gesellschaftliche Bewusstsein verschraubt, gelten als unantastbar. Das Altkanzlerische wiegt viel in Funk und Fernsehen, in Print und Presse. Es tritt als Mahner auf, als Visionär, als elder statesman von höchsten Weihen. Alles, was das Kanzlerische nicht hatte, soll nun im Altkanzlerischen aufgehen, soll dort sprießen, wo es damals keinen Boden hierfür gab. Selbst das ist Legende, denn das Altkanzlerische ist nicht selten die Fortführung des Kanzlerischen mit publizistischen Mitteln. Eines dieser Mittel ist es, dass man diese verödete Richtlinienkompetenz in eitle, in weihevolle und gravitätische Bilder bannt. Der Altkanzler ist niemals einer, der dümmlich dreinblickt. Er ist einer, der stets mit würdevollem Gesichtsausdruck abgelichtet wird. Und falls das Gesicht wenig Würde abwirft, so wirkt er doch jedenfalls energisch, beschwörerisch, in seiner Weltsicht omnipotent. Der Altkanzler ist stets der, der es hinterher schon immer gesagt hat und stets der, der es vorher immer anders meinte, als es interpretiert wurde. So steht das schröderianische Altkanzlerische mit Professur verleihender Sehhilfe vor einem Mikrofon, abseits gestellt, als stehe er außer aller Ordnung, außerhalb des Politbetriebes, als bebrilltes Menetekel, vor Leuten, die er aufrütteln muss, die er bekrittelt, die er beschwört. Er steht da als eingefleischtes Lob seiner seelenlosen Politik, als mutiger Visionär und Reformer.

Wir sehen eigentlich das Gesicht eines Mannes, der gezeichnet ist vom Leben; dem die Fähigkeit des Sprechens peu a peu abhandenkommt, der an den Rollstuhl gefesselt ist und sein eigenes Gebrechen verwaltet. Dennoch zieren Bilder eines standhaften, eines fürstlich stierenden Altkanzlers diverse Interviews, die er leistet. Das kohlsche Altkanzlerische ist stets auch vom feierlichen Antlitz seines Trägers geleitet. Ein im Alter starrer, ja fast starrsinniger Fels in der konservativen Brandung, der in Sendungen von diversen Schildträgern und Vasallen vertreten wird, der aufgrund seiner Konstitution kaum mehr selbst auftritt, sondern seine Spitzen in die politischen Debattiervereine des Fernsehens ausschickt, um dort sein Andenken zu pflegen. Dennoch lächelt uns immer süffisant ein Altkanzler an, den man die Rolle des fragilen Greisen nicht recht abnehmen mag. Vor schwarzem Hintergrund ist der bildlich gestaltete Kohl eine Ikone, die mit der wirklichen Figur nichts mehr gemein hat. Er ist die fachmännisch von einem Fotographen aufgepeppte Fassade eines abgezehrten und angegriffenen Mannes, die nur noch als altväterliche Karikatur eines Wetzsteines für konservative Sittenwächterei fungiert. Er ist der Kanzler, der Geschichte machte wie alle Kanzler, die aber überhöht und übertrieben wird, seitdem er altkanzlert.

Anders das älteste Altkanzlerische. Ob er sozialdemokratische Werte vertritt, die ihn zur omnipräsenten Gestalt berechtigen, sei dahingestellt. Interessant wäre im Vergleich zu ihm eine heutige Altkanzlerschaft Willy Brandts. Wäre der bald hundertjährige Brandt auch der Vertreter einer Altkanzlerschaft der Hoffnung? Die schmidtsche Variante ist dies nicht. Er redet viel, manchmal zu viel. Seine Ansichten sind angekommen in der heutigen Zeit; nennt man die Zeit, da Kohl die Kanzlerschaft ergriff, auch die geistig-moralische Wende, womit impliziert wird, dass Kanzler Schmidt noch vor dieser Wende Dienst tat, so muss man heute festhalten, dass seine Altkanzlerschaft diese Wende angenommen hat. Der stilisierte Schmidt ist eine still beseligte Gestalt in Rauchschwaden; Kettenraucher und dennoch Methusalem, was heißt: Der hält was aus, der hat eine unverwundbare Konstitution. Er wird wie kein anderer mit fast schon kultischer Staatsmännigkeit dargestellt; seine Hände sprechen stets visionär, väterlich erklärend, stimmungsvoll getragen. Er vertritt eine pathetische Altkanzlerschaft; eine, die auch zum Sozialabbau nicht mahnend spricht, die dennoch Anerkennung erntet hierfür. Das schmidtsche Altkanzlerische ist die mediale Ausschlachtung und die foto- und filmtechnisch ausgereifteste Kampagne, die hierfür denkbar ist. Weihevolle Bilder, agile Aufnahmen, im Fernsehen schnelle Schnitte und genussvolles Rauchen verleihen diesem Mann eine irrationale Aura von Unsterblichkeit. Diese professionelle Altkanzlerschaft suggeriert, er habe die beste aller Kanzlerschaften getragen.




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In Entscheidungsgremien

Samstag, 1. September 2012

Hochinteressant... wirklich hochinteressant! Mit langem O. Der Systemfunk instruierte uns, den offenen Landtag zu Wiesbaden zu besuchen. Landtagspräsident Kartmann, so hieß man uns weiter, lade "alle Bürger ein, die Arbeit von Parlament, Parteien und Protokollern hautnah zu erleben". Eine Verheißung, die zu verpassen wir nicht gewillt waren. Sodenn landeten wir in Wiesbaden - einmal hinter jenes potemkinsche Dorf blicken, das sich im Stadtschloss eingenistet hat; einmal begreifen lernen, wie sich Entscheidungen machen, wie sich Gesetze verabschieden und wie gesellschaftliche Interessen die Arbeit der Parlamentarier beeinflussen.

Dorthin, wo politische Entscheidungen stattfinden. Man lotste uns in ein schummriges Zimmer, das die Aufmachung eines miefiges Tagungsraumes aufwies, zu dem normalerweise, wie uns der Führer erklärte, die Öffentlichkeit und die Presse auf keinen Fall Zutritt erlangten. Hier sei es Usus, dass sich Abgeordnete oder Minister und deren Staatssekretäre mit Vertretern der Wirtschaft träfen, um über etwaige Partikularinteressen zu diskuschmieren, die dann allgemeinverbindliche Gesetze und Regeln werden sollten. Hier leisteten Unternehmen ihren Obolus in Parteikassen und Parteifunktionäre zeigten hier ihre Wirtschaftsnähe. Wenn weitere Kommunen ausbaubedingt im Fluglärm erstickten, dann wäre hier der Ort, an dem die Arbeit des Parlaments beginne, stattfinde, ende - nicht gänzlich ende, denn letztlich verlagere man das Gespräch. Von trauter Runde ginge es rüber in den Plenarsaal, dort vollende und genehmige man, was entspannt und natürlich ergebnisoffen - na-tür-lich betonte er energisch! - schon vorher besprochen wurde.

In einem weiteren dieser Entscheidungszimmer, die es übrigens laut Aussage unseres jungen Begleiters mehrfach in Gebäude und etwaigen Außendienststellen gäbe, empfing uns ein wortgewandter Mann. Dieser sei beruflich als Interessensvertreter eines großen, heute aber ungenannten Unternehmens tätig, belehrte uns unser Führer, bevor er dem Interessensvertreter das Wort erteilte. Sofortige Zwischenfragen wie Sind Sie Lobbyist? konterte er sachlich mit Ich bin für Public Affairs zuständig! Das beruhigte die Besucher sofort nachhaltig. Das klang seriös. Er erläuterte uns am Szenario der Leiharbeitsbranche, wie er arbeite. Die sei nämlich arg gebeutelt, weil sie Flexibilität nicht mehr gewähren könne, wenn sie vom öffentlichen Druck dazu verdonnert würde, ihre Mitarbeiter so überteuert zu bezahlen, wie es hochgradig qualifizierte Fachkräfte seien. Mein Leiharbeiter sind aber oft Facharbeiter, die keine reguläre Stelle mehr finden! überging er charmant, indem er mir das Wort abschnitt. Seine Arbeit sei so: Ein Gespräch hier, eine Unterredung dort, manchmal noch Aufklärungsarbeit und Vorlegen von Studien, die er vorher in mühseliger Instruktion bis ins Detail, bis zum Resultat, in Auftrag gab. Danach stecke er Umschläge zu, Koffer seien aus der Mode, die Bargeldlosigkeit sei auch hier angelangt, PayPal nicht unbeliebt. Diese immense Maß an Überzeugungsarbeit, das er leisten müsse, sei natürlich kraftraubend, aber als ein Akt für die ganze Gesellschaft zu sehen.

Wir Besucher waren uns hernach darüber einig, dass die Leiharbeitsbranche dringend staatlichen Schutz benötige, wenn sie weiterhin eine "attraktive Option auf dem Arbeitsmarkt" sein möchte, wie das der eloquente Antichambreur so schön formulierte. Und ein Kollege dieses Mannes, der uns nur kurz beehrte, machte uns klar und stichhaltig, dass Steuer-CDs niemals von staatlichen Institutionen gekauft werden dürften, so schön wie er sprach, konnten wir nicht anders, als ihm zu glauben.

Meine Frage, wann wir den Plenarsaal sehen würden, stieß dann jedoch auf Unverständnis. Man wolle uns die Entscheidungsgremien und deren Arbeitsweise nahe bringen; der Plenarsaal sei insofern nicht relevant. Dort werden längst getroffene Entscheidungen nur nochmal nach gebotener Sitte und den postdemokratischen Überlieferungen durchgekaut und ein althergebrachter Zustimmungsritus begangen, der sich aus Lesungen, Wortgefechten und dem obligatorischen Handheben aus Zustimmungszwecken zusammensetze. Die eigentliche Arbeit passiere genau hier und drüben im Rotlichtviertel, wo man uns gleich per Shuttle hinfahren wolle. Dort bekämen wir jenes Stundenhotel-Zimmer zu sehen, in dem die Atomkraft gerettet, in dem der Ausstieg vom Ausstieg erbumst und die Laufzeitverlängerung dereinst erblasen wurde.

Man nenne uns nun Spießer, wir haben das Shuttle allerdings nie bestiegen, so wie wir Wiesbaden nie betreten haben. Nicht heute jedenfalls. Denn Entscheidungsorte, Hinterzimmer und Séparées hätte ich gerne gesehen; und einen Lobbyisten, einen wirklichen Träger von gestalterischer Macht, hätte ich gerne mal begafft. Das wäre hochinteressant gewesen. Hochinteressant. Mit langem O und abgehackten Silben. Aber auf die Scharade in Zwirn und guter Laune hatten wir keine Lust...

Wenn Sie mich schön postdemokratisch schmieren möchten, teile Ihnen gerne meine Kontodaten mit oder Sie stellen einfach Ihren für mich bestimmten schwarzen Koffer bei PayPal ab. Und wer es noch nicht hat, darf auch gerne aus seinem Hinterzimmer heraus eines meiner zwei Bücher bestellen.



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