Bis dass der Profit uns scheidet

Montag, 6. September 2010

Der Bund fürs Leben als Kosten-Nutzwert-Analyse! Henrik Ankenbrand bemüht Ökonomen, die dem Streit der Geschlechter neues Kanonenfutter lieferten. Wer von der Ehe profitiere, wer die höchste Glücksdividende (sic!) einführe: all das würden Wirtschaftler nun analysiert und ausgewertet haben. Und siehe da: die Ehe ist ein Männergenesungswerk, eine Institution, an der sich Männer bereichern, weil Frauen viel fürsorglicher auf des Gatten Wohl achten, als das andersherum der Fall ist. Durch die Ehe stößt sich der Mann gesund - gesundstoßen: eine Ausdrucksweise, die verbunden mit der uralten Doktrin, der Ehehafen sei von patriachalischen Gesellschaften nur deshalb geschaffen worden, um sich den wöchentlichen Bordellgang zu ersparen, durchaus doppelsinnig aufgeschnappt werden könnte.

Es ist kein Wunder, dass feministische Analytik sich der pekuniären, ökonomischen Sichtweise bedient. Gleichberechtigung wurde bevorzugt als Gleichheit der Berufs- und Aufstiegschancen dargestellt, heute noch mehr als früher - es ging bei den Mehrzahl feministischer Debatten weniger um ideelle Gleichheitsrechte, als um die Tatsache, dem Manne möglichst gleich verdienen, gleich aufsteigen und gleich anschaffen zu dürfen. Hier entblättert sich der oft aufgeworfene Denkansatz einiger Progressiver, wonach die Emanzipationsbewegung der Frau sich vom Klassenkampf gelöst, ihn gespalten habe - die Solidarität gegen Arbeitgeber und Konzerne war dahin, weil ein Kampf der Geschlechter entfesselt wurde, was objektiv besehen immer schon ein höchst künstliches Gefecht zwischen gleichberechtigt Ausgebeuteten war. Heute spielt sich die im Feuilleton wiedergegebene Parole von gleichen Aufstiegschancen ohnehin in der Oberschicht ab - Verkäuferinnen oder Kassiererinnen, die nicht mehr möchten, als etwas mehr zu verdienen, gelten schnell als resignative Heimchen, die keinen Mumm und keinen Selbstwert in den Knochen haben, eine Schande für die moderne Frau seien.

Die Ehe nun aber im feministischen Eifer durch den Jargon der Geschäftswelt analysieren zu wollen, darf man getrost als Steigerung dieser eindimensionalen geschäftlichen Auslegung von Emanzipation verstehen. Ist das etwa die Sprache der Befreiung, wenn man ökonomische Termini in die (eheliche) Partnerschaft wirft? Ökonomisierung zwischen Mann und Frau: ist das Gleichberechtigung? Führt das zu einer gerechteren Gesellschaft? Man muß die Ehe gar nicht romantisch verklären, um eines festzuhalten: trägt man den Wettbewerb in die Ehe, spricht man von Ehegewinnern und -verlierern, von Dividenden und partnerschaftlichen Anreizen, so befördert das nicht eine Debatte auf gleicher Augenhöhe: das spaltet, hetzt auf, schafft Nebenfronten.

Dass derlei Studien aber feministischen Eiferern und Eifererinnen gefallen, liegt auf der Hand. Denn die Ergebnisse leugnen, dass der "Eheverlierer Frau" - die ja laut Studie nur Verliererin ist, weil sie den Mann häufiger zu Arzt schickt! - in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens als Gewinner hervorgeht: im Scheidungsrecht mitsamt Sorgerechtsstreitigkeiten oder beispielsweise durch Quoten im Beruf - dann in höheren Berufssphären, denn Feminismus ist heute als Sportart gutsituierter Frauen gedacht! Der Feminismus gilt heute den Oberschichtenfrauen, den feinen Damen, ist zum Madamismus gewandelt. Wenn kümmern denn noch die femmes, wenn doch die mesdames arge Nöte leiden? Und solche Studien gefallen natürlich auch, weil sie den Slang ökonomischer Wissenschaften ins Zusammenleben tragen - die Verliererin mit wissenschaftlicher Stütze flankieren. Dass manche Frau auch als Gewinnerin hervorgehen könnte, weil sie das Geld ihres Mannes zur Verfügung, zum Ausgeben hat, kann dann wissenschaftlich von der Hand gewiesen werden.

Glück als Dividende: es scheint, die Pseudowissenschaft hat in Zeiten sarrazinierter Forschungsarbeit an Reputation gewonnen. Partnerschafts- oder im besten Falle Liebesdinge in geldwerten Vorteil umzuwandeln, muß als Symptom einer vollauf ökonomisierten Gesellschaft verstanden werden, die selbst menschliche Beziehungen zu Ware degradiert. Dass eine Bewegung, die zur Meliorisierung der Gesellschaft angetreten ist, so wie einst der Feminismus in grauer Urzeit, die unaufhaltsame Verschlechterung duldet und befürwortet, sagt alles über etwaige moderne Strömungen des Feminismus aus. Dabei wäre ein Ratschlag ganz einfach zu geben: wer in der Partnerschaft nach Profiten fragt, wer danach fragt, was er davon habe, seinem Partner zu geben, der bleibe zu aller Vorteil alleine. Niemand wird zu einer ehelichen Niederlage gezwungen - wer aber mit Profitansprüchen in die Ehe, in eine Partnerschaft stürmt, der wird zwangsläufig verlieren. Vielleicht hätten die Analysten der Glücksdividende sich darüber Gedanken machen sollen...



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Sit venia verbo

"Das Paradox, daß wir mit wachsenden Ausgaben für Gesundheit trotzdem immer kränker werden, hat ganz andere Wurzeln als die meisten Menschen glauben. Dieser vermeintliche Widerspruch von Gesundheitsausgaben und Krankenständen ist in Wahrheit nämlich überhaupt nicht widersprüchlich, und der vermeintlich so bescheidene Ertrag des modernen Medizinbetriebs ist in Wahrheit alles andere als bescheiden. Die Wahrheit, die paradoxe und sehr schmerzhafte Wahrheit ist vielmehr, daß uns die Medizin nicht trotz, sondern wegen ihrer Erfolge immer kränker macht und immer kränker machen muß. Ihr vermeintlich so enttäuschendes Ergebnis ist alles andere als ein Indiz für Impotenz, sondern eine logisch notwendige Konsequenz ihrer großen Siege über Tod und Seuchen, die sie in den letzten 100 Jahren davongetragen hat.
[...]
So haben wir z.B. in Deutschland mit die höchsten Raten an Nierenkranken in der ganzen Welt, aber nicht, weil unsere Medizin so schlecht ist, sondern weil unsere Medizin so gut ist. Hätten wir nicht die weltweit vorbildlichen Möglichkeiten zur künstlichen Blutwäsche für alle, die sie brauchen, so gäbe es heute in Deutschland sehr viele Nierenkranke weniger. In England etwa zählt man nur rund 150 Nierenkranke pro eine Million Einwohner, verglichen mit 400 in der Bundesrepublik, aber nicht, weil diese Krankheit dort seltener auftritt, sondern weil in England kaum ein Nierenkranker seinen 60. Geburtstag überlebt.
Oder nehmen wir den Diabetes. Heute gibt es rund acht Millionen Zuckerkranke in Deutschland, verglichen mit rund 100.000 zu Beginn des Jahrhunderts, aber nicht wegen der Unfähigkeit der modernen Medizin, sondern weil vor 80 Jahren das Insulin erfunden wurde. Ohne dieses Medikament, dessen segensreiche Wirkung wohl von niemandem bestritten werden kann, hätten wir heute viele Zuckerkranke weniger."
- Walter Krämer & Gerald Mackenthun, "Die Panik-Macher" -

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Gut, dass er das nicht mehr erleben muß

Samstag, 4. September 2010

Ich gebe es offen zu: ich fürchte mich. Mir wird es schwindelig, wenn ich die Kommentare verfolge, die man Sarrazins Buch angedeihen läßt, wenn ich auf Verkaufsplattformen klicke, bei denen die Kundenrezensionen fast einheitlich voll des Lobes sind für diesen Mann und seine konfusen Thesen. Angst stellt sich ein, wenn ich aus jeder Ecke höre, er sei zwar vulgär und unanständig, aber im Kern habe er, das müsse man honorieren, doch vollkommen recht. Mich triezt der Magen, wenn ich von "bitteren Wahrheiten" oder von "Wahrheiten, die man nicht hören will" lesen oder hören muß. Es löst bei mir Koliken aus, wenn ich die milde vor sich hindampfenden Proteste vernehme, die sich halb an Sarrazins Hals hängen, ihm halb gratulieren, ihn hälftig loben, um auf der anderen Seite mahnend den Drohfinger zu schwingen - Drohgebärden, die nicht zu doll, nicht zu erbost, nur tadelnd wirken sollen, lediglich etwas mehr Etikette einfordernd.

Nervös macht mich das alles; Schiss bekomme ich da regelrecht, wenn ich diese ganze Chose, diese Entwicklung fortspinne, wenn ich weiterdenke, was ein solcher wohlwollend aufgefasster Diskurs für die Zukunft dieser Gesellschaft bedeuten könnte. Schämen muß man sich zukünftig jedenfalls nicht mehr, derlei rassistisches und sozialeugenisches Gedankengut zu verbreiten - man gilt dann sogar als jemand, der den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Kants Magengeschwür würde aufbrechen, hätte er sich diesem geistig trägen Zeitalter nicht bereits durch Tod entzogen.
Und was werde ich tun, wenn jeder dahergelaufene Dummkopf schreit, dass der Muslim oder der Arbeitslose unser Unglück sei? Später vielleicht sogar jeder kostenintensive Senior oder jeder teure Kranke - Stillstand ist ja bekanntlich Rückschritt! Man muß auch bei der Aufhetzung fortschrittlich denken! Was ich also dann tue? Was bleibt da schon zu tun: bekehren kann man die gesellschaftlich anerkannte Blödheit nicht, denn sie wähnt sich ja nicht blöde, ganz konträr, sie bildet sich ja gerade ein, dass sie besonders gescheit ist - das ist ja das ganze Problem! Wenn der Blödmann von seiner Blödheit wüsste, dann bestünde durchaus Hoffnung; wenn er aber meint, ausgewiesenes Musterexemplar von Intelligenz zu sein: dann wird es gefährlich. Und sicher ist es so, dass nicht nur Blödiane diesem Herrn beipflichten - es sind ja gerade die besonders hellen Köpfchen aus Politik und Wirtschaft, Funk und Fernsehen, Presse und Geisteswissenschaft, die ein Hallelujah anstimmen, auch wenn sie nun so tun, als habe sich Sarrazin schwer versündigt. Aber unzählige Hellköpfe, die dergleichen nur aus Kalkül betreiben, kann es gar nicht geben - ein solcher Konsens muß zwangsläufig auf die massenhafte Blödheit bauen, wenn er Massenartikel werden soll.

Was tut man also? - Man schweigt. Ich will ohnehin nicht dagegenhalten, mit Gegenargumenten um mich werfen, mit denen ich belegen möchte, warum Türken, Araber oder Langzeitarbeitslose doch nicht so schlecht seien, denn das hieße ja, ich müsste ihre Existenz in Deutschland rechtfertigen, sie entschuldigen. Einen solche Diskussion will ich mir nicht aufdrücken lassen - das sind keine fairen Spielregeln. Es geht auch nicht darum, Faktenlagen zu schaffen, angebliche Statistiken zu entkräften - es geht eher um Ethik. Wird denn die Aufwiegelung gegen gesellschaftliche Gruppen ethischer, wenn sie mit Zahlen und Ziffern unterlegt werden kann? Lösen Statistiken, was auch immer sie aussagen, die Menschenrechte auf? Ist Nächsteliebe etwas, das sich nur dann umsetzen läßt, wenn Erhebungen die passenden Zahlen liefern? Wenn es um Umweltprojekte oder dergleichen geht - von mir aus, da benutze man Statistiken zur Argumentation. Aber doch nicht, wenn es um die Existenz von Menschen geht - schon gar nicht im Verbund mit pseudowissenschaftlichen Thesen zur Humangenetik.
Eine Anekdote aus dem Talmud hat mich stets sehr beeindruckt: dort heißt es sinngemäß, dass man Menschen nie mit Zahlen belegen soll - niemand ist eine Eins, eine Zwei, eine Drei und so weiter. Man könne demnach nicht auf Menschen deutend zählen. Wenn überhaupt so könnte man nur zählen: Einer, noch einer, noch einer... das unterstreicht die Individualität, den Menschen dahinter. Ich gebe ja zu, ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich dieses Gleichnis aus dem Talmud habe oder nicht - aber es könnte daraus stammen, denn es beinhaltet jene jüdische Eigenart, gegebene Realitäten gegen den Strich zu bürsten. Das hat nichts mit jüdischen Genen zu tun, die ein solches Verhalten begründen - das ist jüdische Bildung, jüdische Spiritualität, etwas Angelerntes, nichts körperlich Vererbtes. Wenn man also Statistiken herauskramt, dann erdrückt man die Menschen, die dann nurmehr anhand dieser Zahlen wahrgenommen würden. Manchmal mag es ja nicht anders gehen - um das menschliche Zusammenleben zu erfassen, sind solche Verfahren jedoch ungeeignet. Daher will ich nichts dagegenhalten, ich will mich nicht auf die Zahlenebene begeben und die Spielregeln derer annehmen, die Menschen in Statistiken pfropfen, um sie darin verächtlich und zum Freiwild für vollendete Wirrköpfe zu machen.

Sarrazin sprach von den Genen der Juden und Basken. Aber nicht erst deshalb, weil mein Vater Baske war, geht mich diese Diskussion dennoch etwas an. Sie geht mich als Mensch an! Sicher, ich bin kein Moslem, niemand aus einem gänzlich anderen Kulturkreis - aber ich bin der Sohn eines Spaniers, der zeit seines Lebens, an anderer Stelle wurde darüber berichtet, nie in Deutschland ankam. Und ich bin der Sohn eines Vaters, der nicht mehr lebt. Beobachte ich das, was sich hier in diesem Lande entwickelt, muß ich fast froh sein, dass er nicht mehr ist. Wie hätte er sich aufgeregt, wie wäre er cholerisch geworden, halb deliriert- ich bin mir sicher, wäre ihm einer dieser Sarrazinbefürworter, wie man sie derzeit an jeder noch so gammeligen Ecke finden kann, mit Lobhudelei für den aufrechten Hugenottensprössling gekommen, er hätte ihm im unkontrollierten Anflug von Wut allerlei Beleidigungen an den Kopf geknallt. Und was hätte der Sarrazinjünger getan? Er hätte sich bestätigt gefühlt, hätte auf meinen wütenden Vater gedeutet und gesagt: Da, schau, jetzt sieht man es mal wieder, wie die Ausländer sind! Frech und bösartig - man darf im eigenen Land nichts sagen, ohne dass man sich von so einem Fremden beleidigen lassen muß! Was für ein Teufelskreis! Man stachelt an und erntet Wut, damit man wieder Grund zum Anstacheln hat... ich muß fast froh sein, keinen Vater mehr zu haben; es erleichtert mich, dass er dieses rabiate Umschlagen der Stimmung nicht erleben muß. Freundlich ging es gegen Ausländer in diesem Lande selten zu - aber so radikal, so gehässig: das ist eine neue Qualität von Groll.

Wie schlimm es um ein Land steht, in dem ein Sohn froh über seines ausländischen Vaters Tod sein muß - wie schlecht die Lebensqualität in einer solchen Gesellschaft doch sein muß! Was hat dieses gesellschaftliche Klima aus mir gemacht, mir aufgehalst, wenn ich über diese Tragödie im Leben eines Sohnes auch noch entzückt sein muß? Natürlich hätten sie ihn beschwichtigt: um dich geht es doch nicht; wir meinen doch nicht die Spanier, wir meinen die Araber, die Türken - und gelegentlich die Arbeitslosen natürlich. Aber du doch nicht, du warst doch immer anständig, hast gearbeitet. Gegen dich sind Sarrazins Worte nicht gerichtet! Vergessen hätten sie die Zeiten, in denen man solche wie meinen Vater hier in Bayern als Katzlmacher beleidigte - was noch eine nettere Diffamierung war! Natürlich meinte man Italiener damit: aber Spanier, Italiener - das ist doch alles dasselbe! Vergessen jene Ära, in der man Gastarbeitern zusetzte, sie liebend gerne nach verrichteter Arbeit dorthin zurückgeschickt hätte, von wo sie gekommen waren.

Er muß glücklicherweise nicht mehr erleben, wie selbst in der Verwandtschaft lobende Worte für die aufrechte deutsche Eiche Sarrazin gefunden werden - dieser Ärger bleibt mir vorenthalten. Wiewohl er natürlich die Ausländerfeindlichkeiten aus der Verwandtschaft auch damals schon erlebt hatte. Er ist jetzt aus dem Schneider. Und ich, ich höre mir sowas an, setze zur Gegenwehr an und verstumme schnell wieder, weil die hier offenbarte Dummheit nicht bezwingbar ist. Man kann einem mit Vorurteilen vollgestopften Gemüt keine gegensätzlichen Positionen vorsetzen, das endet immer in Peinlichkeit - in der Peinlichkeit, als unverstandener Gutmensch begriffen zu werden, und in der Peinlichkeit, den anderen als plumpen Idioten geoutet zu haben. Man kommt aber nicht einen Schritt weiter. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Mann, er hätte gewettert und geschimpft, er hätte niemals wortlos hingenommen, er hätte sich an den Mauern, die solche Dummköpfe hochziehen, mürbe gestoßen. Für nichts! Nur dafür, einen Schritt näher am Herzinfarkt zu sein!

Ich fürchte mich vor dem was kommt. Als ich sah, mit welcher Aufmerksamkeit man Sarrazins Buchpräsentation belohnte, gesellte sich zur der Furcht auch noch Abscheu und ein empfindlich beleidigtes Gerechtigkeitsgefühl. Wie kann man einem solchen Schmierfinken, einem solchen Aufwiegler und Lügenbaron, diese literarische Achtsamkeit entgegenbringen? Selbst ein Grass bekommt für der Veröffentlichung eines neuen Buches keinen solchen großen Bahnhof. Ist NTV und BILD vor Ort, wenn Grass aus seinem neuesten Werk liest? Und dann gibt es solche Verfasser wie mich, die sich mühen, die versuchen ein Mindestmaß an Qualität zu bewahren... und was muß man dann sehen: einen gestrigen Charakter, der vorgestrige Lehren bemüht, dafür sogar noch Applaus und Publizität erntet! Man fühlt sich zwangsläufig beleidigt, zurückgesetzt. Ich behaupte sogar, selbst ein Grass sitzt fassungslos daheim. Jedenfalls will ich es mir einbilden, dass es so ist. Grass, sich grämend, sich fragend, für was die Kunst der Worte zu bemühen sei, wenn schreiberische Berühmtheit auch mit Dreck erlangt werden könne. Man muß kein Freund von Grass sein, seine Bücher nicht mögen: aber er veröffentlicht keine Bücherdeckel, zwischen denen irgendwelche Scheiße gebunden ist. Er schafft Kunst, bietet hohes Niveau. Wenn schon Massenansturm, dann für Leute wie Grass - stattdessen muß man zusehen, wie man einen Stümper hofiert, in den Arsch kriecht, im Absatzzahlen sichert. Welche Beleidigung für den letzten Rest deutschen Intellektualismus!

Aber man lese nur die Kommentare unterhalb der publizierten Sarrazinaden. Dort wettert man gegen die Gutmenschen, gegen die Intellektuellen. Letzteres gilt wieder als Beleidigung, als Gefährdung für den Volkskörper, als Arroganz gegen Volksempfinden. Auch das hat Sarrazin geschafft: er greift nicht nur Migranten und die Unterschicht an, er hat mit seinem strengen Anti-Intellekt dafür gesorgt, dass nun jeder halbwegs durchdachte Beitrag im Keim erstickt wird. Es geht für jene, die Sarrazin an den Lippen haften, gar nicht mehr um ernstliche Auseinandersetzung mit dem Thema - sie wollen nur ihre innerste Empfindung bestätigt sehen, immer und immer wieder. Bedenkenträger stören da nur, sind intellektuelle Feinde des gesunden Volksempfindens. Karl Kraus sagt irgendwo, dass das Geheimnis des Agitators sei, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit diese glauben, sie seien so gescheit wie er - ob Kraus Sarrazin und seine Anhängerschaft wohl kannte? Ähnliche Herrschaften kannte er aber sicherlich...

Wie das Feuilleton, die Kommentatoren und Meinungsokkupanten nun aus ihren Eigentumswohnungen kriechen, um Sarrazins Hinschied bei der Bundesbank anzufeinden. Persönlich ist es mir egal, ob er nun weiterhin dort Vorstand bleibt oder nicht. Es paßt doch ganz gut, wenn er unter Herrschaften in feinen Garn bleibt - so wie es nur konsequent wäre, wenn er weiterhin bei der SPD bliebe. Man darf Sarrazin nicht an den rechten Rand, in die NPD drängen: man muß ihn integrieren. Dort integrieren, wo sein Gedankengut herkommt, blüht und gedeiht: aus der gesellschaftlichen Mitte. Das ist die Heimat Sarrazins, das ist die Heimat einer solchen Denkweise - die genetischen Taschenspielertricks sind nur ein Spleen. Andere aus der gesellschaftlichen Mitte, gerade auch aus der Sozialdemokratie, brauchen keine Gene, um ganz ähnliche verächtliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Viele Wege führen nach Rom - mindestens ebensoviele wie nach Großberlin, wie in eine Geisteshaltung, die sich großmannssüchtig und großkotzig deutsch aufgewertet, geradezu aufgedeutscht hat.
Was sie alles in die Debatte werfen! Ein Armutszeugnis sei der Rauswurf bei der Deutschen Bank, ein unglaublicher Eingriff der Politik. Ausgereicht habe Sarrazins genetische Disposition nicht, um den Rauswurf zu begründen. Nicht mal mehr seine Meinung dürfe man laut sagen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Das deutsche Feuilleton würde gerne laut Faschismus! rufen oder etwa gemäßigter Das ist doch fast wie im Faschismus! - aber das ist nicht opportun. Daher berufen sie sich auf die SED, plärren laut, dass es hier mittlerweile zugehe wie in der DDR. Freie Meinung ist es hierzulande beispielsweise nicht, einen vernünftigen Diskurs zur RAF zu etablieren, nicht mal zum Sozialstaat darf man frei von Ideologie argumentieren - ersteres das ist verbaler Terrorismus, zweiteres längst vergangene Romantik. Meinungsfreiheit war es auch nicht, als dieses Jahr am Nockherberg der Kabarettist Lerchenberg sich dazu aufschwang, Westerwelle als Kapo zu stilisierten - sowas sage man nicht! Selbst die künstlerische Freiheit habe ihre Grenzen! Es ist Meinungsfreiheit, gegen Minderheiten und Randgruppen zu hetzen - es verletzt sie aber, wenn die Hetze gegen etablierte Kreise, gegen Eliten stattfindet.
Wie sie da nun allesamt den Unrechtsstaat heraufbeschwören, nur weil man nicht mal mehr in aller Ruhe Sozialgenetik betreiben darf - wobei man die ja verurteilt. Trotz allem hätte Sarrazin aber recht, man müsse die Gengeschichte nur zur Seite schieben, dann bleibt die Wahrheit, nichts als die reine Wahrheit, so wahr ihm Houston Stewart Chamberlain helfe! Nicht mal mehr Zivilcourage dürfe man mehr zeigen, beschwert man sich öffentlich. Was für ein Skandal! Es würde mich gar nicht wundern, wenn sie bald Thoreau bemühen, die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat ausrufen - natürlich nur für Deutschtümler! Soldaten oder Demonstranten haben diese Pflicht, sich ein Recht herauszunehmen natürlich nicht. Thoreau hat aus einer Nichtigkeit heraus, weil er eine Nacht im Gefängnis verbringen musste, aufgrund einer verweigerten Steuerzahlung, ein zeitloses Traktat verfasst. Jene, die nun fehlende Meinungsfreiheit postulieren, bauen nicht mal auf eine Nichtigkeit; sie zementieren auf einer Schweinerei, verwechseln Meinungsfreiheit mit Beleidigung und Diffamierung und konstruieren daraus ein getretenes Menschenrecht, einen geschundenen Märtyrer. Lauter zwergenhafte Thoreaus ereifern sich nun in den Meinungsspalten - ihre Staatsfeindlichkeit ist bereits so ausgereift, dass es nicht mehr nur der Steuerbescheid ist, der sie zu Pekuniäranarchisten werden läßt - sie haben für alles Beißreflexe ausgeprägt, was irgendwie nach Verpflichtung oder Verantwortung stinkt. Und sei es nur die Verantwortung, mit dem hohen Gut der Meinungsfreiheit verantwortungsvoll umzugehen. In einem Staat, wo man Verantwortung verlangt, da herrscht Unrecht, da herrscht eine versteckte SED... und da ergreifen Kleingeister, die sich ganz groß glauben, das Meinungsmonopol.

Was lauert da in der Ferne? Die aufgeklärte Gesellschaft, sie mag noch nicht ganz tot sein - aber sie zuckt und windet sich im schmerzhaften Todeskampf. Sarrazin ist kein Hitler - nicht mal dazu ist er begabt genug. Er wird kein Volkstribun werden, doch er macht Ansichten gesellschaftsfähig, macht sie zum guten Ton neuer öffentlicher Debatten. Der Ton wird noch schärfer werden, die Mitmenschlichkeit wird noch mehr schwinden, die angeblich strauchelnde Integration wird immer schwieriger, immer mehr zum Verrat an den eigenen Wurzeln und zum Umsetzen einer nicht offiziell auferlegten deutschen Leitkultur. Diejenigen, die sich gegen diesen Konsens auflehnen, werden abgelehnt, werden verspottet und - ich befürchte es fast - hin und wieder verprügelt. Intellektuelles Schwein! oder Nestbeschmutzer! werden dann gern gebrauchte Floskeln sein. Und abends sitzt die Nation vorm Fernseher, Rückblicke betrachtend, Knopp lauschend, wie es damals so war, wie es damals so weit kommen konnte, damals: 1933. Sie werden entrüstet den Kopf schütteln, auch jene Jahrgänge, die noch vor Jahren gegen das Mitläufertum ihrer Eltern protestiert haben, werden da rege mit dem Kopf schlingern - wie konnten die damals nur so blöd sein, werden sie sich auf dem Sofa sitzend gegenseitig fragen. So eine finstere, dumme Zeit! Gottlob, wir haben es besser! Sind gescheiter...



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Die verarschte Schicksalsgemeinschaft

Freitag, 3. September 2010

Die Arbeitenden sind die Dummen! oder Ausländer wollen sich nicht an uns anpassen! sind Devisen, wie man sie dutzendmal täglich hört. Sporadisch durchschneiden noch andere Parolen die Stille, Parolen wie Die Alten kosten den Jungen Geld! oder ganz sonderbare Schlachtrufe wie Unsere Kinder werden bedroht! Ständig liegt ein Odeur von Bedrohung in der Luft, eine emotionale Ausdünstung, die klarmachen soll, dass hier irgendwer, jemand der vorzugsweise mit Wir tituliert wird, um seinen Lohn gebracht werden soll.

Alles Skandieren richtet sich gegen ein meist nicht näher genanntes Kollektiv, gegen eine Gemeinschaft, die markig mit Wir bezeichnet wird. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl erwacht: Wir gegen die Arbeitslosen! Wir gegen die Fremden! Wir gegen die Alten! Dieses Wir ist allerdings etwas, was sich schlecht mit soziologischen Begriffen einfangen läßt. Es ist nicht das, was man der Einfachheit halber bürgerliche Mitte nennt - Wir bedeutet auch alles, was über dieser Mitte liegt, jene gesellschaftliche Schicht, die sich als Anführerschicht, als wahre Leistungsträgerschicht versteht. Und innerhalb dieses Wir schlummert auch kleinbürgerlicher Taumel, subsumiert sich alles was sich unterhalb dieser Mitte nicht entblödet, sich selbst zur Mitte zu addieren.

Was sich herauskristallisiert ist eine Schicksalsgemeinschaft, die jedoch nicht immer haarklein definiert ist. Ein Gefühl von Kollektivzugehörigkeit wird entworfen und Leser, Zuhörer, Zuseher werden wie selbstverständlich ins Boot gezogen. Man reiht sie ein in eine Schicksalsgemeinschaft, eine Zweckgemeinschaft, die sich fortwährend entrüstet, die sich andauernd betrogen und verarscht fühlt. Ein chronischer Sinn nach Betrug und Hintergehung nistet sich als narrative Ausgestaltung in die "Öffentlichkeitsarbeit" der Schicksalsgemeinschaft ein. Die Faulpelze sind teuer, die Ausländer frech, die Alten nutzlos und hin und wieder bedroht ein Sexualstraftäter alle Kinder Deutschlands - die Hysterie, die Neurose immer griffbereit. Zusammen fühlt man sich stark, traut man sich gegen dieses schier unabwendbare Schicksal aufzustehen.

Diese nach oben vollständig nach unten leicht geöffnete gesellschaftliche Mitte, sie wird als Hort dauernder Ausbeutung umschrieben. Sie fühlt sich immer benachteiligt, ausgezehrt, unterbuttert, diskriminiert. Allerlei gesellschaftliche Randgruppen wollen sie um den verdienten Lohn bringen. Bevor das divide et impera angeschmissen wird, bedarf es eines Wir-Gefühls, bedarf es eines Ganzen, das teilbar und damit beherrschbar wird. Und diejenigen, die gegen Gruppen aufwiegeln, die schmieden ein solches Wir - und was für eines! Als Gemeinschaft, die das Schicksal zusammengeführt hat, stilisieren sie sie; als Gruppe von Individuen, die vereint sind in ihren vermeintlichen Zielen, Wünschen, Werten, die wie Klone im Geiste wirken.

Und wie verschweißt man eine so heterogene Gruppe? Man impft ihr ein, pausenlos betrogen, verschmäht, übergangen zu sein - man füttert sie mit Entrüstung und Empörung, macht sie hysterisch in ihrer Gier nach Parolen, nach Wir sind die Verarschten!-Slogans, ermuntert sie täglich neu, sich über etwaige Verarscher zu echauffieren. Nur hysterisch empörte Bürger sind lenkbare Bürger. Nur wer den Kopf voller Wut und Erbitterung hat, leidet unter getrübtem Blick. Bloß nicht zur Ruhe kommen, bloß keine Besonnenheit einziehen lassen - schnellschnell die nächste Sau, den nächsten Verarscher durch die Republik gejagt!

Das Schicksal dieser Gemeinschaft läßt sich in der Zeitung nachlesen, im Radio hören, im Fernsehen sehen. Wir sterben aus! Wir überfremden! Wir arbeiten für die Faulen! Wir verhungern, weil wir Alte alimentieren! Wir müssen uns vor entlassenen Straftätern schützen! Wir sind fortwährend bedroht, werden verarscht, ziehen immer den Kürzeren. Wer zu diesem Wir gehört steht außer Frage - jeder darf sich zugehörig wähnen, es ist nicht festgelegt, wer zum großen, verbrüdernden Wir gehören darf. Per definitionem ist es ein nebulöses Schicksal, das verbindet - und die einschlägige Hysterie, der Hass auf Fremde, die Abscheu vor sozialen Unterschichten trägt dazu bei.

Es ist die liebgewonnene Entrüstung, die verschwistert, die eine Schicksalsgemeinschaft erwachen läßt; die Entrüstung, die den sich auskotzenden Angestellten und die empörte Putzfrau bei der morgendlichen Busfahrt zusammenkommen läßt; es ist die Entrüstung, die den optimistischen Arbeitslosen und den geizigen Zeitarbeitsdisponenten, seinen potenziellen Ausbeuter im Wartestand quasi, auf einen gemeinsamen Nenner, einen Nenner des Wetterns, Schimpfens, Erregens, bringt. Das was die Empörer aus Funk und Fernsehen und Print liefern, verbindet, läßt aus dem lose zusammengewürfelten Volk, aus seperaten Gesellschaftsklassen erst eine verschworene Schicksalsgemeinschaft entstehen. Ohne Empörung kein Wir-Gefühl!

Historiker behaupten bisweilen, dass sich der deutsche aber auch der italienische Nationalismus deswegen auf Sprache und Blut, auf rassistischen Nährboden baute, weil er jeweils zu spät ins Leben trat. Es gab vormals keinen deutschen, keinen italienischen Einheitsstaat - eine englische oder französische Einheit bestand aber seit dem Mittelalter. England und Frankreich haben auf der Grundlage ihrer Nationalismen Weltimperien begründet und ebenso Blutbäder bereitet. Aber der rassistische Aspekt, er fehlte weitestgehend - mit Ausnahmen und Sonderfällen freilich. Ihr Nationalstolz baute von jeher auf Tradition, auf den Stolz - aus Mangel an einem treffenderen Begriff sei an dieser Stelle der Stolz bemüht -, Bürger eines funktionierenden Staatswesens zu sein; in einem Gemeinwesen zu leben, das Justiz kennt, Rechtssicherheit, Rechte und Pflichten für jedermann. Auch diese Art von nationalen Selbstbewusstsein hat Menschenleben gekostet; schließlich war man seiner ausgewiesenen, privilegierten Position in der Welt bewusst und entwickelte darauf basierend einen Sendungsauftrag. Gleichwohl, dieser gemeinsame, einheitsstaatliche Stolz konnte Deutschland oder Italien nie ereilen - es gab ihn historisch begründet einfach nicht. Daher die Rückgriffe auf gemeinsames Blut, gemeinsame Sprache, auf Germanentum da, auf Römertum dort - die Schicksalsgemeinschaft war nicht historisch gewachsen, sie wurde von Bismarck da, von Cavour dort gezimmert.

Heute reicht die Empörung als Gründer der Schicksalsgemeinschaft. Nichts verbindet diese Nation so sehr, wie die Abneigung gegen Randgruppen, wie das gemeinsame Gefühl der Verarschung, wie der Umstand, sich gegenseitig zuraunen zu können, wieder mal betrogen worden zu sein. Hysterie vereint die Gesellschaft - nicht der Stolz auf Institutionen, Sozialstaatlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und so weiter. Die werden eher geächtet: das gemeinsame Verarschtsein birgt die Gemeinschaft. Man steht zusammen, weil man scheinbar verarscht wird - das funktioniert sogar klassenübergreifend. Die Empörung ist aber nicht nur heute modern als Klebstoff - sie war es in der letzten deutschen Demokratie auch schon. Sich kollektiv betrogen gefühlt zu haben: das war der Grundstock, auf den ganz besonders empörte Herren in braunen Phantasieuniformen bauten. Auch jene sprachen von Schicksalsgemeinschaft, die aber nicht sie entworfen oder terminologisch ersonnen hatten - sie rauschte in ihrer ganzen Empörung schon seit mehr als einem Jahrzehnt durch den Blätterwald, als man von der großen Verarsche der gesellschaftlichen Mitte berichteten...



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Die Anti-Atomkraft-Bewegung lebt!

Donnerstag, 2. September 2010

Die Union ist sich nun doch einig: sie ist keinesfalls für eine Laufzeitverlängerung, im Gegenteil, sie sähe es gerne, wenn bereits morgen der Betrieb des Atomkraftwerks eingestellt würde. Dass die Sozialdemokratie und die Grünen sowieso immer dieser Ansicht waren, muß nicht gesondert erwähnt werden. Nur dass die FDP jetzt nachrückt und auf sofortiges Abschalten plädiert, überrascht doch erheblich.

Man ist sich einig darüber, dass die unermesslichen Gefahren der Atomkraft sofort gebannt werden müssen. Das ist Konsens zwischen den Parteien. Aber nicht nur hier: die gesamte politische Rechte, Organisationen und Gruppen, auch die gesellschaftliche Mitte, die fast geschlossen nach rechts linst, schließt sich diesem Konsens an. Schließt das Atomkraftwerk! ist die neue Losung der neuen Anti-AKW-Bewegung. Lieber gleich als später - wenn es vielleicht zu spät wäre.

Kurios ist, dass die politische Linke weniger Interesse am Ende der Atomkraft hat. Sie spricht sich eher für ein freies internationales Unternehmertum aus, auf das man keinen Einfluss nehmen sollte. Blockaden und Bauplatzbesetzungen empfindet sie als unerträglichen Eingriff in die Freiheit - Atomkraft sei ohnehin nicht so gefährlich, wie man das zuweilen annehmen möchte. Die politische Linke schmunzelt nur über die Paranoia und das Delirium der politischen Rechten. Wie kann man nur dermaßen die Hosen voll haben, fragt sie sich naiv.

Union und FDP sind sich also einig: keine Atomkraft mehr. SPD und Grüne schließen sich erleichtert an. Zusammen wird man gegen die Absichten der Atomkraftbetreiber intervenieren. Schließt euren Laden, werde sie schreien - zusammen mit der Weltgemeinschaft. Macht dicht! Kein AKW Buschehr mehr! Keine Laufzeit mehr für Buschehr! Es ist einfach zu gefährlich, wird vielleicht zu teuer - vernünftig sein, heißt die Devise: den Laden dicht machen... Druck ausüben, um dieses Ziel zu erreichen; Druck ausüben, wie die Lobbyisten der Atomkraft es hierzulande tun!



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De dicto

Mittwoch, 1. September 2010

"Wer in Deutschland von einem Gen der Juden spricht, dem ist nicht mehr zu helfen. [...]
Das hätte Sarrazin wissen müssen. Mit seinen Ausflügen in die Genetik machte er sich angreifbar."

- Bertholt Kohler, Frankfurter Allgemeine vom 30. August 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Zwei Sätze, die die gesamte Misere der "Affäre Sarrazin" blanklegen. Unverblümter kann man es kaum formulieren. Der Diskurs, der sich nämlich an Intelligenz oder Dummheit orientiert, gerät nur in Schieflage, das heißt: außer Kontrolle, weil sich der Hauptprotagonist dumm, nicht besonders intelligent verhalten hat - jedoch nicht, weil seine Aussagen haarsträubend rassistisch und eugenisch sind. Und wenn er schon von Genen spricht, so ist man sich bei den Meinungsmachern einig, dann bitte nicht von jüdischen Genen. Die Gene der Dummen sind allerdings Freiwild - da darf eine vermeintliche Dummgenetik erfunden und weniger kritisiert betrieben werden.

Was die bürgerliche Mitte Sarrazin nun vorwirft ist nicht, dass er gegen Ausländer und Arbeitslose drischt, dass er ihnen süffisant unterbreitet, sterilisiert wären sie erträglicher für die Allgemeinheit: was sie ihm vorwerfen ist, dass er sich nicht wissenschaftlich genug an die Sache herangewagt hat. Deshalb ist er jetzt dummerweise angreifbar. Wenn man schon xenophobes Gedankengut verbreitet, dann doch wenigstens wissenschaftlich abgesichert! Denn dann kann man seine sozialeugenischen Affekte, diese Mischung aus Fremdenhass und protestantischem Arbeitsethos, aus "Deutschland den Deutschen!"-Rufen und "Wer nicht arbeitet, soll nicht essen!"-Parolen, hinter der hilfreichen Fassade der Wissenschaftlichkeit verstecken. Dann könnten die Stimmen aus dem bürgerlichen Lager rufen: Nicht wir denken so unmenschlich, es ist die wissenschaftliche Erkenntnis, die uns das Unmenschliche nahelegt! Wir werten nur aus - wir bewerten nicht. Letzteres macht die wissenschaftliche Objektivität für uns, damit wir alle subjektiv schuldlos bleiben.

Und genau daran hakt es bei Sarrazins Auftritt. Er hat irgendwo Aufgeschnapptes in einem Buch verwurstet, hat eine Genetik bemüht, die auf dem Wissensstand von 1920 oder 1930 beruht - einem Wissensstand, der damals schon von fortschrittlichen Biologen angezweifelt wurde -, eine Genetik, die fast schon wieder überholt war, als der berühmte Eugeniker und Vordenker der Euthanasie, Auguste Forel, seinen Lebensabend bestritt. Wenn man seine Überspanntheit, sein fiebriges Kleinbürgertum schon ausleben will, so hat dies unantastbar, anhand neuester Wissenschaftlichkeit zu erfolgen - nicht wie Sarrazin es tut, mittels gestriger Lehren. Hätte er Xenophobie und Klassismus nur zeitgemäß präsentiert, modern untermauert und durch aktuelle Studien gestützt: dann wären die, die nun laut und scheinheilig gegen Sarrazins Gestrigkeit anlaufen, auch öffentliche Bewunderer - doch so müssen sie seinen Schneid im stillen Kämmerlein bestaunen.

Ach Thilo, schreiben sie nun zwischen ihren Zeilen... ach Thilo, das wäre ein großartige Chance gewesen, unsere kleingeistige Großmannssucht, unseren großspurigen Kleinbürgerethos ungeniert zu publizieren - hättest du dich nur geschickter angestellt, du Ewiggestriger. Gesucht wird daher weiterhin ein schnittiger Vorreiter, der das dumpfe Lebensgefühl der bürgerlichen Mitte wissenschaftlich oder philosophisch unterstreicht - ohne genetische Positionen, die schon zu Großmamas Zeiten überholt waren...



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Kein Recht auf Behutsamkeit

Dienstag, 31. August 2010

Achtet man weniger auf das Timbre von Worten und konzentriert sich anstelle auf deren Inhalt und Aussagegehalt, so wird man dessen gewahr, dass die öffentliche Sprache, so wie sie in Redaktionen und Nachrichtenstudios vollzogen und auf der Straße imitiert wird, eine Sprache der Schönfärberei ist. Eine Sprache, die den Tod zwar beim Namen nennt, ihn aber sprachlich verschanzt. Eine Sprache letztlich, die todweiht, die jedes Mitgefühl, jede Anteilnahme, jedes Einfühlungsvermögen der Präfinalität überschreibt, sprachlich, alltagssprachlich ausrottet.

Soldaten fallen im Felde - hier wird der Tod, wie bereits an anderer Stelle behandelt, aus dem Satz geklaubt. Soldaten sterben nicht, sie erliegen im Dienst; sind dann zwar tot, folgen aber zuletzt der verschwiegenen Gewissheit, bei einem todbringenden Arbeitgeber angeheuert zu haben. Nein, Soldaten sterben nicht, jedenfalls nicht so, wie Ununiformierte - sie sterben keinen menschlichen Tod, zumindest nicht in erster Instanz: sie sind ein Verlust an den nationalen Humanressourcen eines Landes, werden wie Schachfigur vom Brett geklaubt. Somit ist eine emotionalisierte Wortwahl für den öffentlichen Raum relativ unnötig - sie wird für inszenierte Trauerfeierlichkeiten aufgespart, für zivilgesellschaftliche Totenmessen, bei denen den zivilen Korpussen unter den Uniformen gedacht wird. Es ist eine besonders beredte, zungenfertige Kunst, das unliebsame Substantiv auszugliedern, zu vergraben - eine wortgewandte Kunst, die Worte gewandet, so sehr verkleidet, dass sie gar nicht mehr zu erkennen sind. Zivilisten jedoch fallen nicht, sie sind ja auch nicht im Dienst. Mit ihrem möglichen Tod ist zwar im Kriege zu rechnen, allerdings nicht zu selbstverständlich. Dummerweise getötete Zivilisten verbirgt man entweder ganz, berichtet von ihnen erst gar nicht - oder aber man kann es nicht mehr vertuschen, muß über deren Tod öffentlich Rechenschaft ablegen und hat den hässlichen Umstand so zu heißen, dass er nicht mehr gar so grausig wirkt.

Zivilisten fallen nicht, bleiben nicht im Felde. Will man dem nach Neuigkeiten dürstenden, lechzenden Publikum beibringen, dass zivile Leiber im Kugelhagel zerrupft, deren Gliedmaßen durch Bombardierung in alle Winde zerstreut wurden, so heißt es: Zivilisten fanden den Tod. Ganz lapidar - sie fanden ihn! Hatten sie ihn vormals verloren? Haben mutige Soldaten ihnen beim Suchen geholfen? Erfolgreich geholfen? Sicher, das sagt man eben so, da ist doch nichts dabei, kein Hintergedanke - alles ganz harmlos. Man plappert es so dahin, wie Pfarrer das tun, wenn sie von der Kanzel herab vom Einschlafen oder Verscheiden eines lieben Bruders, einer lieben Schwester aus der Gemeinde berichten. Auch dann, wenn dieses Einschlafen ein elendes Verrecken, ein Sichsuhlen im unendlichen Schmerz, ein Bad in metastasierten Qualen ist. Da findet eine Sprache Anwendung, die die Wirklichkeit nicht abbildet; eine Sprache, die sich verweigert, das mit dem menschlichen Wahrnehmungapparat Registrierte, auch in den Kehlkopf, auf die Stimmlippen zu legen.

Die schönfärbende Formulierung erhält eine Konzession, wenn sie Schmerzen, die die Realität zeitweilig bereithält, zu betäuben trachtet. Man kann es einem solchen Geistlichen schwer verübeln, wenn er einen furchtbaren körperlichen Verfallsprozess, die Bewegungseinschränkung, die aufgedunsenen Glieder, die markerschütternden Schreie, das Liegen in den eigenen Exkrementen, dass er all diese Alpträume nicht beim Namen nennt, stattdessen auf das Entschlafen zurückgreift und nicht vom Verrecken, vom Krepieren spricht. Hier verkleidet Sprache pietätvoll, hier nimmt sie Rücksicht auf den Gemütszustand von Hinterbliebenen. Eine angebrachte Behutsamkeit, denn ein solches Sterben gestaltet sich im privaten Raum. Wo aber das Verrecken zur öffentlichen Sache wurde, zum Belang der res publica, da darf nicht pietätvolle Nachsicht walten - hier hat die Öffentlichkeit ein Anrecht auf Abbildung der Wirklichkeit. Zivilisten fanden den Tod!, ist inakzeptabel, weil es geübte Nachsicht an der Befindlichkeit der Öffentlichkeit ist. Falsche Rücksicht! Die Öffentlichkeit ist keine Trauergemeinde, die man nicht zu sehr brüskieren sollte: sie muß sogar kompromittiert werden, um der Realität auf die Schliche kommen zu können.

Falsche Behutsamkeit erzeugt falsche Konnotationen, falsche Nebensinne, falsche Schlüsse. Mit Menschen, die den Tod fanden, kann man leichter leben - man kann es ertragen. Mit zerfetzten, zertrümmerten, zerschossenen Leibern verständigt man sich weniger spielend. Schönfärbende Sprache, die von der privaten Trauerfeierlichkeit in den öffentlichen Raum gehoben wird, verpuppt das Mitempfinden und das Erbarmen. Sie hält auf Distanz, hält vom Leib, erlaubt Reserviertheit. Zwar findet das Wörtchen Tod Einzug in den Satzbau, doch in so zugeknöpfter, unnahbarer Variation, dass es beinahe schon wie eine Nebensächlichkeit klingt. Sie fanden den Tod, etwa so, als haben sie ihn gesucht - nichts von "aus dem Leben reißen", nichts von der Plötzlichkeit, davon, dass der Tod wie der Blitz einschlug und Menschen mit sich riss, die ihn - den Tod - nicht gesucht haben. Nicht gesucht, aber gefunden! Dieses Sie fanden den Tod! befreit davon, in Getöteten Opfer zu erahnen; der Status als Opfer ist aufgehoben, der ereilte "gefundene Tod" wird terminologisch zum unabwendbaren Schicksalsschlag, zum fatalistisch Hinnehmbaren.

Das ist erkaltete Sprache, die dem Tode näher steht als dem Leben. Eine Sprache, die nicht mehr lebensbejahend ist, weil sie die Realität nicht mehr abbilden möchte - der Drang nach Pietät, nach dem blut- und schmutzfreien Wort, erzeugt eine künstliche Weltanschauung; eine, die die Welt als bereinigten Ort in Worte fasst; eine Welt, die sprachlich gereinigt ist. In einem solchen Umfeld verendet das Mitleiden, geht die Gabe verloren, sich in Not und Elend hineinzudenken. Es ist die Sprache von Automaten, nicht die Sprache fühlender, emotionaler Menschen. Ermordeten diese letzte Würde zu rauben, über den Hergang ihres Todes nicht genau Rechenschaft abzulegen, sie nicht als zerfetzte, zerrissene, durchsiebte Leiber sprachlich zu erfassen, sie stattdessen den Tod finden zu lassen: das ist, eben weil sie der Gesellschaft pietätvoll dergleichen Grausamkeiten ersparen will, eine grausame, kalte Sprachkultur - eine Gesellschaft, die Soldaten in die Welt schickt, die Zivilisten als Nebenprodukt kollateral mittötet, hat kein Anrecht darauf, dass man ihr den Tod behutsam beibringt. Sie muß ihrem Werk offen ins Auge sehen - und sei es noch so grausam...



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Ein viel dringlicherer Tabubruch

Montag, 30. August 2010

Es ist ja nicht so, dass man grundsätzlich gegen grobschlächtiges, ruppiges Auftreten sein sollte. Das hat seine gute Billigkeit. Vorallem ist es das Anrecht des Tabubruchs - so einen muß man manchmal ungalant begehen. Problem ist dabei nur, dass der große Tabubrecher, diese schiefschnäuzige Karikatur einer Herrenmenschen-Parodie, überhaupt kein Tabu gebrochen hat. Er hat einfach nur den Stammtisch, den Kleinkrieg aus Mietskasernen und vom beruflichen Pausentisch aufgegriffen und in den öffentlichen Diskurs geschmettert. An jenen Plätzen qualmte nämlich schon immer dieser stinkende Sud aus sozialdarwinistischer und eugenischer Wissenschaftsramschware, aus rassistischer und nationalistischer Verranntheit, angereichert um faschistoides und barbarisches Heroentum - an den genannten Örtlichkeiten war all das nie tabu.

Diese schweigende Mehrheit, die man hinter dem ungestalten Tabubrecher vermutet, die gab es nie - das heißt, es gab sie schon als Masse, nur nicht als schweigende, sich bedeckt haltende Gruppe. An den richtigen Orten dampfte es seit alters her ordentlich, wurde immer schon gesagt, was gesagt werden musste - weils doch wahr sei. Das gilt nicht nur für das angebliche Tabu der Überfremdung - das gilt auch für die klassistischen Aussagen des "Klartext"-Politikers bezüglich Erwerblose, die für ihn eine funktionslose Klasse seien - eine Klasse, die folglich niemand brauche. Dergleichen war auch nie in die Stille verbannt, wurde an heimeligen Orten thematisiert, ausgegrölt, gut hörbar tremoliert.

Nein, da fand kein Tabubruch statt - dieser profilneurotische, offenbar an einem Aufmerksamkeitsdefizit nagende Herr, er ist nicht der Tabubrecher, er plappert nur nach, was irgendwie immer schon irgendwo von irgendjemanden gesagt, geflüstert, mindestens aber laut gedacht wurde. Und das wäre eigentlich schade, wenn es nicht so schön wäre. Denn Tabubrüche, die wären sicherlich entschieden geboten - es gäbe genug Tabus zu brechen in dieser Gesellschaft. Tabus, die der nichttabubrechende Tabubrecher vom Dienst nie zu brechen geneigt wäre. Da fehlte es an Substanz, an Schneid, an cojones, wie man im Spanischen und neuerdings auch im Deutschen sagt; cojones, die man benötigte, um dort Tabuzertrümmerer zu sein, wo einem auch Sturm blüht, nicht nur eine leichte Gegenbrise.

Ja, es gäbe genügend Tabus! Jenes beispielsweise, so zu tun, als ob Politik und Wirtschaft zwei gesonderte Posten seien - warum bricht man nicht dieses hemmende Tabu, entblößt die Politik als das, was sie ist: Wirtschaftspersonal mit Mandat. Wieso sind Berichte aus den Folterlagern der westlichen Welt tabu? Auch die Arbeitswut und der Arbeitfetisch der kapitalistischen Welt: warum tabuisiert man die, warum tabuisiert man des Menschen Recht auf Faulheit? Weshalb gilt es als Tabu, einem offensichtlichen Menschenhasser, einem Vernichtungsbürokraten in Lauerstellung, bei einer öffentlichen Veranstaltung nicht mit Häme begegnen zu dürfen? Warum gebietet es die diplomatische Gepflogenheit, auch so einem Kerl die Hand zu reichen?

Das klingt nach kleinem Tabubruch, nach Bagatelle, Pappenstiel. Jemanden nicht die Hand zu geben - das ist doch, wenn überhaupt, kein Tabubruch von Format. Aber das täuscht: genau das ist der Tabubruch schlechthin. Einem vor aller Welt die Hand zu verweigern, das seriöse Wort zu versagen, ihn eher anzuspucken als zu begrüßen - einem, der gegen Minderheiten hetzt und geifert, Menschen in wertvoll und wertlos katalogisiert, in dieser Weise den Respekt zu verwehren, ihn nicht als Gesprächspartner auf gleicher Augenhöhe anzuerkennen: das ist nicht Unbenehmen, das wäre ein weittragender Tabubruch. Man stelle sich vor, bei Anne Will würde man irgendwelchen Bankkantinenagitatoren den Respekt versagen. Mit Ihnen rede ich nicht! Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch! Wäre das etwa kein Tabubruch in einer Gesellschaft, in der man sogar Eugeniker freundlich begrüßt und sie "sachlich" zu Wort kommen läßt? Aberaber, Arschloch sagt man doch nicht! Eben! Genau deshalb wankte da ein Tabu: bisher durften bestimmte solche nicht so geheißen werden!

Und was würde einem solchen Tabubrecher blühen? Nennte man ihn Klartext-Talker? Klartext-Talker bei Anne Will sagt, was Sache ist? Würde man berichten, dass er den von ihm mit einer Körpereinbuchtung bedachten Diskutanten hart rannahm, ihn des Rassismus, des Klassismus, der Volksverhetzung bezichtigte? Ihn deshalb verachten musste, wenn man nur noch ein Stäubchen demokratischer Ehre im Leib hat? Stünde irgendwo in einer Zeitung, dass man diesem Kerl mitteilte, dass es nur die gute Erziehung sei, die einen davon abhalte, wie ein tolles Alpaka durch die Gegend zu speien? Klartext-Talker vergisst Manieren, um Herrn X ebendiese beizubringen! - Würde man das irgendwo lesen können? Endlich sagt einer, was alle denken; endlich nennt einer Herrn X beim Namen! - Wo zierte dieser Satz das Feuilleton? Klartext-Talker bei Will: neunzig Prozent unserer Leser sagen, er hat recht! - Na, wer schriebe wohl dergleichen?

Nichts wäre es mit Klartext-Talker! Ein ungezogener Kerl wäre man, jemand, der es übertreibe - unsachlich wäre man, weil man der personifizierten Dummheit nicht mit endlosen Sachdiskussionen beigekommen war. Ein Mindestmaß an Betragen würde man einfordern; auch der Hetzer hat Anspruch auf grundlegende Respektsbezeugungen! Hat er? Hat er! Selbstverständlich! Man ging ihm nicht gleich aufgeladen vor Wut an die Gurgel: das zeugt doch von Respekt! Das ist eine kulturelle Leistung, wenn man denjenigen, der ganze Volksgruppen in Verruf bringt, damit Lebensrealitäten noch erschwert, nicht gleich unzimperlich begegnet. Sich zu beherrschen: das zeugt doch von Respekt! Keiner würde einen solchen Tabubrecher als Tabubrecher bezeichnen. Sie sind doch kein Tabubrecher - Sie sind nur schlecht erzogen! Man würde ihm die Berechtigung aberkennen, weiterhin solchen Runden beizuwohnen - den Hetzer lädt man aber wieder ein: er hat sich schließlich anständig benommen!

Dabei wäre es ein vorzüglicher Tabubruch, denn niemals stünden neunzig Prozent hinter einem - und wo nur zehn Prozent loyal sind, da bohrte man eher in ein Tabu, in eine schwärende Wunde, als dort, wo Mehrheiten die Nachhut bilden. Wenn man solchen asozialen Eiferern mal mit dem nötigen Respekt, also der Respektlosigkeit die nötig wäre, begegnete, dann bräche man jenes Tabu, das Hetzer hofiert. Das wäre ein Bruch, der wirklich etwas bewirken könnte. Denn wo sich zusehends geweigert würde, mit Aufwieglern zu diskutieren, sie sachlich zu behandeln, da entzöge man ihnen ihre Legitimität, würde sie in die anrüchige, kriminelle Ecke drängen. Sie können mich mal!, wäre nur ein kleiner Satz für einen Menschen, aber es wäre ein großer Satz, den die Menschheit nach vorne machte...



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Ridendo dicere verum

Samstag, 28. August 2010

"Herr K. sprach über die Unart, erlittenes Unrecht stillschweigend in sich hineinzufressen, und erzählte folgende Geschichte:
Einen vor sich hinweinenden Jungen fragte ein Vorübergehender nach dem Grund seines Kummers. "Ich hatte zwei Groschen für das Kino beisammen", sagte der Knabe, "da kam ein Junge und riss mir einen aus der Hand", und er zeigte auf einen Jungen, der in einiger Entfernung zu sehen war. "Hast du denn nicht um Hilfe geschrien?", fragte der Mann. "Doch", sagte der Junge und schluchzte ein wenig stärker. "Hat dich niemand gehört?", fragte der Mann weiter, ihn liebevoll streichelnd. "Nein", schluchzte der Junge. "Kannst du denn nicht lauter schreien?", fragte der Mann. "Nein", sagte der Junge und blickte ihn mit neuer Hoffnung an. Denn der Mann lächelte. "Dann gib auch den her", sagte er, und nahm ihm den letzten Groschen aus der Hand und ging unbekümmert weiter."
- Bertolt Brecht, "Der hilflose Knabe" -

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Ein enttäuschender Schismatiker?

Freitag, 27. August 2010

Meine Güte, der Lapuente! Also sowas hätte ich nie von ihm gedacht! Schreibt der doch Sachen, die man als Linker niemals schreibe dürfte. Wie neulich, als er den Feminismus angiftete. Das sind wir von dem nicht gewöhnt. Jetzt spinnt er total! Lapuente, sag, drehst du durch? Manchmal kann man ihm nicht mehr folgen, manchmal gibt er seine sonst so vornehmen Positionen auf...

So oder ähnlich vernimmt man es zuweilen; so oder ähnlich gestalten sich Vorwürfe, mit denen man zu ringen hat. Natürlich sagt mir keiner auf den Kopf zu, dass man mir nicht mehr folgen könne - einerseits gibt niemand gerne Gefolgschaft zu, andererseits möchte ich nicht in der Weise verfolgt werden, wie man das hier verstehen möchte oder könnte. Man verfolge meine Zeilen, lese sie - aber man folge mir bitte nicht, mache mich nicht zum Anführer irgendeiner Gesinnung, zum geistigen Oberhaupt, der in geschmackvolle Worte packt, was man an dieser geschmacksarmen Welt verachtet.

Ich bin kein spiritual leader! Für niemanden. Dazu tauge ich nicht, dazu bin ich reichlich unfähig. Die eigene Leserschaft ist einem, das liegt im Wesen der Sache, besonders sympathisch. Ist es ein Affront, wenn man sie ab und an "brüskiert"? Wenn man ihr Texte reicht, die vielleicht nicht beliebt sind, weil darin Standpunkte aufgegriffen werden, denen nicht jedermann zugeneigt ist? So wie neulich, als ich den Feminismus kritisierte - oder so wie vor längerer Zeit, als ich manche elterliche Erziehung angriff, manche familiäre Selbstsucht? All das muß nicht gefallen - und es hat nicht mal Anspruch auf Richtigkeit. Wer bin ich denn, anzunehmen, immer recht haben zu müssen!

Was ich aber nicht will, das weiß ich ganz genau: ich mag es nicht, wenn man von mir enttäuscht ist! In der Art, weil ich doch sonst immer das Lebensgefühl mancher Leser träfe, jetzt aber offensichtliche Häresie betreibe. Seid doch nicht enttäuscht von mir! Ich bin auch nur ein Schmierfink, einer, mit mancher Flause im Kopf - bin oftmals Wirrkopf, jemand der sich irren kann: ein Irrkopf. Einer, der sich täuschen, der falsch liegen kann. Kein vergeistigter Wortjongleur, der immer und überall seiner kleinen Gemeinde mit Linientreue (welche Linie denn?) Freude bereiten muß - kein Auftragsschreiber meiner geschätzten Leser oder eines gewollten Dogmatismus. Wenn man mir vorwirft, befremdliche Töne von mir zu geben, dann wittere ich dahinter eine Gesinnung, die mich als absoluten Rechthaber, als allwissenden Propheten begreifen will. Bin ich aber nicht! Nie gewesen! Und bewahre, dass ich je annehmen werde, dergleichen zu sein!

Lapuente, du täuscht dich! Augenblick: De Lapuente, du täuscht dich - die Zeit für den Partikel will sein. Du hast unrecht, liegst falsch! All das kann ich ertragen. Aber, du enttäuschst mich, du befremdest mich!... neinnein, ich habe nie behauptet, immer richtig zu liegen. Das hört sich ja an, als wäre ich ein Abweichler. Aber wovon weiche ich ab? Welches Dogma beschmutze ich, wenn ich Dinge formuliere, die manchen nicht so sehr gefallen? Von Familie dürfte ich jedenfalls nicht zu intensiv schreiben, denn dann käme ans Licht, dass ich in dieser Frage eher konservativ eingestellt bin. Ich halte die Familie für eine relativ natürliche Angelegenheit, die dem Menschen zupass kommt - Familienmodelle auf andere Lebensentwürfe zu übertragen, halte ich für legitim und existenziell. Und freilich gibt es dort Hierarchien - ein Kind ist nicht angemessen mündig, um paritätisch an weittragenden Entscheidungen mitwirken zu können. Wovon ich nichts halte sind Versuche wie Kommunen oder ähnlich gearteten Lebensgemeinschaften, bei denen kreuz und quer gefummelt und hernach die große Eifersuchtslosigkeit geheuchelt wird. Die Eifersucht ist kein gesellschaftliches Produkt, sie schlummert im Menschen, wird von dort immer wieder mal aufbrechen. Offene Beziehung: bittesehr, wer es mag! Ich aber nicht - und deswegen enttäusche ich noch lange niemanden.

Du täuschst dich: ja! Das kann ich vertragen! Du enttäuschst mich: nein! Das riecht mir zu sehr nach: Du Schismatiker! Aber, ich wiederhole mich: abtrünnig von was? Wer zuweilen den Mut aufbringt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, der kann sich täuschen - aber enttäuschen eher nicht. Und mit der Israel- oder Palästina-Problematik, die in linken Kreisen sakrosankt ist, fange ich erst gar nicht erst an: ich würde nur wieder enttäuschen...



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Tabubrechende Idiotie

Donnerstag, 26. August 2010

"Es war tabu, darüber zu reden, dass wir als Volk an durchschnittlicher Intelligenz verlieren, wenn die intelligenteren Frauen weniger oder gar keine Kinder zur Welt bringen", erklärt Thilo Sarrazin gelehrt. Er kann dergleichen ganz unbefangen von sich geben, völlig ungefährdet, dafür auch wirklich angefeindet zu werden. Was er da in die gesellschaftliche Mitte überführt, sind eugenische Positionen, die weder menschlich noch wissenschaftlich bestehen können; humangenetischer Aberwitz aus der Giftküche eines mit Halbwissen ausgerüsteten Snobs, der von Erbanlagen sicher schon mal gelesen, offensichtlich aber nicht alles davon verstanden hat.

Nicht alles zu begreifen, das wäre keine Schande. Die Humangenetik ist ein weites, ein schwieriges, verwinkeltes Feld, dem Laien oft nicht erschließbar. Deswegen gebietet es die laienhafte Bescheidenheit, mit etwaigen Erkenntnissen nicht zu tollkühn zu balancieren - das Risiko, nur die Hälfte begriffen, von dieser Hälfte wiederum die eine Hälfte zu wortwörtlich und daher zu kompromisslos aufgefasst zu haben, ist einfach zu groß. Sarrazin läßt sich nicht abhalten, er addiert das von ihm Erlesene, diesen Sud aus halbgaren Erkenntnissen, und macht daraus eine populäre Stammtischwissenschaft, die vom Scheckbuchjournalismus gefällig aufgegriffen und publiziert wird. Nichts haben sie gelernt! Denn dergleichen Halbwissen prägte auch die Dekaden vor Hitler, in der unzählige Elaborate über Zuchtwahl kursierten, in der das geistig vorbereitet wurde, was später auch körperliche, materielle Formen annehmen sollte - damals meinten viele, den Schlüssel der Genetik in Händen zu halten, die Evolution bis in den letzten Winkel hinein erklären zu können; die Wissenschaft, oft ideologisch verblendet, trug auch nicht viel zur Wahrheit bei. Erst durch dieses Klima humangenetischer Halbbildung wurden Sterilisations- und Euthanasieprogramme möglich, erst auf dieser halbwissenden Grundlage konnten Bevölkerungsschichten der Ausrottung überstellt werden.

So weit ist es mit Sarrazin freilich nicht, wenngleich er demselben Halbwissen frönt, wie jene damals. Es ist daher darauf hinzuweisen, dass er über Pfade trampelt, die schon einmal in eine Katastrophe mündeten, dass er also Gefolgsmann einer Gesinnung ist, die Not und Elend, Verstümmelung und Tod mit sich brachte. Ein Idiot eben - das ist keineswegs beleidigend gemeint, sondern im Sinne des ursprünglichen Wortes, mit Bedacht darauf, wie der antike Lateiner den Idioten, den idiota im allgemeinen Sprachgebrauch anwandte: er meint damit einen Laien, einen unwissenden Menschen; jemanden, der seine Unwissenheit, sein Halbwissen hinausposaunt; jemanden, der verblüffende Ähnlichkeit mit einem Kerl hat, der dieser Tage lärmend um die Zuchtwahl schwadroniert. Jene Zuchtwahl, die in erster Instanz eine Würfelei mit Allele darstellt, die nicht kalkulier- oder steuerbar ist - und in zweiter Instanz als eine weltfremd absolutistische "Wissenschaft" auftritt, von sich selbst überzeugt, Fähigkeiten, Ausprägungen, Interessen eines Menschen ließen sich alleine genetisch festlegen und steuern, gleichwohl die Umwelt als prägender Faktor verleugnet wird. Sarrazin erklärt auch umgehend, nachdem er über intelligenten Nachwuchs intelligenter Frauen sinnierte, dass der Einzelne selbst für sein Verhalten verantwortlich ist, nicht die Gesellschaft - darüber zu reden, sei auch tabu gewesen; aber er, Stimme der schweigenden Mehrheit, mutiger Wahrheitsverkünder, spricht nun aus, was nicht mehr tabu sein darf. Das paßt frappant zusammen, denn die Eugenik wähnt sich als absoluter Prägestempel, läßt neben sich nichts gelten. Jedoch ist die Behauptung, jeder sei selbst für sein Verhalten verantwortlich genauso unangemessen, wie das Gegenteil, wonach immer im sozio-ökonomischen Milieu die Verantwortlichkeit zu suchen sei.

Wie ist eigentlich die Existenz eines Albert Camus erklärbar? Als Halbwaise einer Mutter, die nicht schreiben, nicht lesen konnte, wurde er später Literaturnobelpreisträger, eine der wichtigsten Gestalten der modernen Philosophie - seine Mutter, nicht nur Analphabetin, sondern auch schwer von Begriff, wie einige Biographen Camus' berichten, konnte zeit ihres Lebens nicht nachvollziehen, was ihr Spross da geleistet hatte. Der Nobelpreis, soviel begriff sie noch, schien eine wichtige Sache zu sein - wie wichtig, blieb ihr schleierhaft. Überdies litt Camus' Onkel, der Bruder der Mutter, unter einer Sprechbehinderung. Und aus dieser Brut, aus diesem Pool vermeintlich minderwertiger Gene, entstammt ein Literaturnobelpreisträger? Wie soll das zusammengehen, wenn Intelligenz nur das Produkt intelligenter Erzeuger sein soll?

Und bei all diesem Gerede um Intelligenz ein kurzer Einwurf, denn es ist noch nicht einmal geklärt, was intelligent bedeuten soll. Die Intelligenz Zusammenhänge zu verstehen? Zu wissen, wo man günstig einkaufen kann? Die Intelligenz Arbeit zu haben? Oder etwa die emotionale Intelligenz, die für potenzielle Eltern nicht ganz uninteressant wäre? Intelligenz ist ein menschlicher Ausdruck, man könnte fast behaupten, ein zivilisatorischer Aspekt, der sich in einem von Naturalismus oder genauer: vom Evolutionismus geprägten Weltbild nur mühevoll einbetten läßt. Und Sarrazins humangenetischer Ausruf ist ja so ein evolutionärer Ansatz, der freilich auch nur auf Halbwissen baut - eine idiotische Annahme letztlich, wenn man nochmals den ursprünglichen Gehalt des idiota aufgreift. Die Evolution fragt nicht nach Intelligenz - sie fragt gar nicht, kann nicht fragen; aber lassen wir es der Veranschaulichung halber mal so stehen. Sie fragt nicht wie intelligent etwas ist, sie "interessiert" - auch das lassen wir vereinfachend so stehen! - sich für Überlebensstrategien - dumm zu sein, könnte man demnach mit evolutionärer Kaltschnäuzigkeit sagen, ist auch eine mögliche Strategie. Man denke nur an den braven Soldaten Schwejk, wie er sich blöde durch die Wirren des Krieges lotst, ihn überlebt, während besonders intelligente junge Männer, Akademiker und Dichter zum Beispiel, im Niemandsland zwischen den Fronten verbluteten. Anzumerken ist freilich auch, dass Dummheit ebenso ein Begriff aus der menschlichen Wahrnehmung und Bewertungsneigung ist und keinen natürlichen Anspruch erheben kann. Das vermeintlich dumme Huhn ist nur in Augen des Menschen dumm - dass dieses Geflügel noch als Spezies existiert, bedeutet nämlich vorallem, dass es sich so falsch im Laufe der Jahrtausende nicht benommen haben kann.
Wie auch immer, Sarrazin definiert nicht, was für ihn "intelligentere Frauen" sind - es bleibt vage und man kann mit etwas Phantasie annehmen - man kennt Sarrazin mittlerweile gut genug! -, dass er den Aspekt des beruflichen Erfolges mit der Intelligenz verquickt. Das wäre wieder nur eine einseitige Sichtweise, wiederum nicht besonders intelligent, aber wie gesagt, man kennt Sarrazin mittlerweile gut genug.

Doch zurück zur genetischen Vorbedingung. Natürlich beeinflussen Allele die "Zusammenstellung des Menschen", bedingen Haar- und Hautfarbe, aber auch die chemische, laienhaft ausgedrückt: die innerkörperliche Befindlichkeit, Hormonausschüttungen beispielsweise. Aber das wäre als Prägestempel unzureichend, denn der Mensch ist ein wahrnehmendes Wesen, bewegt sich in einer Umwelt, die Einflüsse auf ihn abwirft. Die durchschnittliche Volksintelligenz, um mit Sarrazin zu reden, richtet sich deshalb nicht nach dem Sexual- und Fortpflanzungsverhalten intelligenterer Menschen: sie orientiert sich viel stärker an dem, was die Umwelt zur Schaffung von Intelligenz bereithält. Eindrücke und Impressionen, die sich aufdrängen, sind maßgeblicher. Bildungsangebote, Förderverhalten, das Verhältnis einer Gesellschaft zu Wissen und Bildung generell, ob man salopp gesprochen, Bildung sexy findet - und es ist wesentlich, ob beispielsweise ein Mentor sich für einen noch formbaren jungen Menschen verantwortlich fühlt, ihn anleitet, hilft, motiviert. Die Intelligenz eines Menschen wird somit nicht im Schlafgemach gezeugt, nicht ausschließlich - sie bildet sich, formt sich im Werdegang des Heranwachsens. Auch das Kind vermeintlich kluger Eltern - das, was wir als klug erachten! - kann in Dummheit ertrinken, wenn es nicht gefördert wird. Genetisch vorgeformte Intelligenz, wenn es dergleichen überhaupt geben mag, verkümmert traurig, wenn sie nicht gefordert wird. Natürlich sind Erbanlagen nicht bedeutungslos, der Mensch ist nicht gänzlich tabula rasa - sie sind aber auch nicht derart absolutistisch, als dass sie ein ganzes Leben vorzeichnen könnten, als dass man den "intelligenten Menschen" züchten könnte.

Hätten solche, die wie Sarrazin vom "guten Geschlecht", also vom eu-genos, schwatzen, die Familie Camus' unter ihrer Fuchtel gehabt: sie hätten dem Nachwuchs als Rat in die Wiege gelegt, nicht zu weit hinaus zu wollen - es würde ja doch nur in Tränen enden, weil die geistige Kraft für mehr nicht gegeben wäre. Es handelt sich dabei nicht nur um Halbbildung, um gefährliche Tendenzen, an denen Sarrazin und einige seine Kollegen aus dem soziologischen Fach fleißig basteln - die falsche Auslegung der Humangenetik ist auch ein Unterdrückungsmittel, ein Instrument zur Kleinhaltung und zum Sozial- und Bildungsabbau. weil sie den Menschen vorab mit auf den Weg gibt, dass sich Engagement und Bildung nur wenig lohnen würde. Hier bauen jene "soziologischen" Lehren auf, die die Bildung für Unterschichten auf das Notwendige reduzieren wollen, weil sie ohnehin wenig brächte. Für was mit Textaufgaben und Aufsätzen quälen, wenn denen die Dummheit doch eh im Blut liegt? Ein negatives Menschenbild avanciert in die gesellschaftliche Mitte, ein Menschenbild, in dem der Mensch ein vorgezeichnetes Schicksal erhält, kafkaesk in seiner Bestimmung gefangen ist.

Letztlich muß man Sarrazin allerdings beipflichten: Deutschland wird immer dümmer! Denn es ist unbestritten: je mehr solcher Halbwahrheiten, solcher Idiotien publiziert werden, desto mehr Dummheit macht sich breit. Und es ist zu befürchten, dass mehr solcher "Erkenntnisse" veröffentlicht werden in den nächsten Jahren - der Schoß feuchtet sehr zurzeit. Denn wie schreibt Sarrazin: "Es war tabu..." - leider ist es nicht mehr tabu; er ist nun ausreichend mutig, durch den öffentlichen und journalistischen Zuspruch der letzten Jahre, dass er ganz siegessicher den Tabubrecher geben darf. Und Deutschland wird dümmer, weil solche Aussagen nicht mehr tabu sind, weil der Laie, der halbgebildete Mensch, der Idiot ein Forum erhält.



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Nomen non est omen

Mittwoch, 25. August 2010

Heute: "Coaching"
"Ich bin ja schon lange nicht mehr revolutionär unterwegs. Ich bin Aufklärer. Ich will, die Fackel der Wahrheit in die Menge tragen. […] Jeder Coach wird sich mit der Zeit seine zu ihm passende Klientenpopulation heraus korrespondieren."
- Dr. Wolfgang Looss, Begründer der deutschen Coaching-Szene am 23. April 2009 auf coaching-report.de -
Als Coaching versteht man eine personen-, prozess- und organisationsbezogene Beratung. Die Kombination aus individueller Beratung, persönlichem Feedback und praxisorientiertem Training, soll die Problemlösungs- und Konfliktfähigkeit der Coachees (die, die gecoacht werden) stärken. Nicht selten wird das coachen, auch als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden.

Eine eindeutige Definition was Coaching genau sei, gibt es nicht. Drei grobe Formen des Coachings lassen sich unterscheiden: das Langzeit-Coaching, das thematisch-umschriebene Coaching und das Krisen-Coaching. Coacher sollen beraten, unterstützen, motivieren, schulen, begleiten und viel nachfragen. Die Abgrenzung zum Erzieher, Berater, Therapeuten und Trainer sind hierbei fließend und schwammig. Coaches sind zudem eher ziel- und erfolgsorientiert. Ähnlich wie Unternehmensberater werden aber auch Coacher nicht nach Leistung bezahlt.

Ähnlich wie bei dem Begriff des Managements, wird heute alles und jeder gecoacht. Seien es Team-, Bewerbungs-, Unternehmer-, Fitness- oder Familiencoaches. Selbst Babys können gecoacht werden. Auch Fallmanager der ARGE, Arbeitsvermittler und Berufsberater werden als Coaches bezeichnet. Die Beratungs- und Erziehungswut kennt hierbei keine Grenzen. Coaching ist ein weit dehnbares Gummiwort, das positiv konnotiert ist.

Dabei sind Coaches nicht selten der verlängerte Arm eines Unternehmens. Unbequeme Entscheidungen, wie Entlassungen werden auf die Verantwortung eines Coaches abgewälzt, der nach einigen Sitzungen eh wieder verschwunden ist – mit seinem Honorar versteht sich. Ein ähnliches Prinzip wie wir es bei den Unternehmensberatern kennen: das Outsourcen der Unternehmensverantwortung auf externe Kräfte. Auch die scheinbare Neutralität und die Moderatorfunktion des Coachers lösen sich schnell in Luft auf, wenn man bedenkt, von wem sie bezahlt werden.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Hinter dem Hochglanzprojekt

Montag, 23. August 2010

Ein - von Roberto J. De Lapuente redigierter - Erfahrungsbericht und Gastbeitrag zum Thema Bürgerarbeit.

Die Ingolstädter Öffentlichkeit ist seit Wochen aus dem Häuschen: die oberbayerische Großstadt wurde zum Modellstandort für die Bürgerarbeit gekürt und darf ab 2011 vom Bund losgeeiste Gelder zur Finanzierung etwaiger Bürgerarbeitsplätze verwerten. Natürlich überschlägt man sich in den Berichten und Kommentaren, in Interviews und Analysen; etwas wie Aufbruchsstimmung breitet sich aus, endlich dürfe man ein imposantes Projekt initiieren. Eine Chance für Langzeitarbeitslose sei das, hier zeige sich der aktivierende Sozialstaat - darüber geben die wenigen Ingolstädter Medien ein gleichgeschaltetes Erscheinungsbild ab. Bürgerarbeit ist modern und fabelhaft, etwas das man erfinden müsste, wenn es nicht schon erfunden wäre.

Es entstand nebenher der Eindruck, als wäre aus dem hiesigen Jobcenter ein Hort des Lächelns und der Glückseligkeit entsprossen. Eine Stätte, in der man mit Langzeitarbeitslosen endlich etwas behutsamer, verständnisvoller, kurz gesagt: menschlicher umgehe. Da meine es jemand richtig gut mit den Leistungsempfängern, war zwischen allen Zeilen herauslesbar. Bürgerarbeit: der große, sanftmütige, sorgsame Wurf! Der Ein-Euro-Job, dieses entwürdigende Instrument zum Statistiklifting, sei quasi tot - es lebe das gerechtere Modell: die Bürgerarbeit von der Leyens! Der gute Ruf ist indes kein Zufallsprodukt, denn auf genau so ein poliertes, gewienertes Image ist man angewiesen, um diesen aufgemotzten Ein-Euro-Job, der mit allerlei für die Öffentlichkeit unsichtbaren Schikanen verbunden ist, ins rechte Licht zu rücken.

Tritt man aber dann ein in jene Informationsveranstaltung, die durch Einladung nebst Rechtsfolgebelehrung anberaumt wurde, erscheint man also dann am Ort des Geschehens, in der Cafeteria des Jobcenters nämlich, so ist von der Hochglanzfassade wenig übrig. Referenten nehmen einen in Empfang, Leute, die das Leid dieser Welt, und ihres Berufstandes im Besonderen, in grantige Gesichtsfurchen zu tragen scheinen. Mit arroganter Miene werden Anwesenheitslisten gefüllt und Teilnehmer auf Plätze verwiesen. Der menschelnde Sozialstaat tritt zurück, um knallharten Fakten Raum zu verleihen, die der Öffentlichkeit entweder gar nicht oder nur verfälscht mitgeteilt wurden. Das schöne Äußere bröckelt, wenn man hinter Schulbänken lümmelt, um von zwei Herrschaften, die bislang niemals in die Bredouille der Arbeitslosigkeit, des Wertloswerdens geraten sind, erklärt zu bekommen, was Bürgerarbeit für den Erwerbslosen konkret heiße, wie die eigene kurzfristige Zukunft aussehen werde.

Im Vorfeld zur Bürgerarbeit, während der sogenannten Aktivierungsphase, belehrte man das Publikum, müsse sich rege beworben werden. Kein neuer Erkenntnisgewinn - das regeln Eingliederungsvereinbarungen, regelt damit das SGB II, in dem von solchen Vereinbarungen salbadert wird, schon heute. Und um Kunden des Jobcenters, die schon seit Jahren nur auf der Couch sitzen um dem TV-Programm zu frönen - nein, das ist keine Flapsigkeit, so hieß es wortwörtlich! -, wieder Initiative einzuflößen, böte man außerdem unentgeltliche Praktika an. Vier Wochen lang treibe man dort den Müßiggang aus den müden Knochen.
Alleinstehende Erwerbslose haben sich überdies, ganz gleich wie alt sie sind, fortan bundesweit zu bewerben. Auf Ingolstadt alleine könne die Suche für diese Klientel nicht mehr beschränkt bleiben, hieß man die stutzige Zuhörerschaft. Auf Schautafeln mahnte man Flexibilität an, drängte man zur Bereitschaft, auch landesweit nach Stellen zu forschen. Denn die allerletzte Option sei die Bürgerarbeit, die nur jene zugeteilt bekämen, die nicht im regulären Arbeitsmarkt eingegliedert werden könnten.
Und erst einmal in Bürgerarbeit, erläuterte man letztlich, würde eine stetige Begutachtung des Kunden stattfinden. Wirkt er mit, engagiert er sich, zeigt er guten Willen? Die Androhung folgte stante pede: sollte die Mitwirkungsbereitschaft dann fehlen, sollte der persönliche Arbeitsvermittler Rügen seitens des Arbeitgebers mitgeteilt bekommen, so drohen Sanktionen. Überhaupt stünde man dann in noch engerem Verhältnis zu seinem Vermittler - der in der Öffentlichkeit angepriesene Motivationstrainer existiert nicht als solcher, er ist niemand anderes als der Arbeitsvermittler, den man bisher sowieso schon aufsuchen musste. Überhaupt werden Eingliederungsvereinbarungen auch weiterhin abgeschlossen - auch der Bürgerarbeiter muß regelmäßig seine Bewerbungsbemühungen nachweisen. Die wöchentliche Arbeitszeit, erfährt man ganz nebenbei, betrage zwischen 30 und 40 Stunden - von den der Öffentlichkeit genannten 20 bis 30 Wochenarbeitsstunden wollten die Referenten nichts wissen. So wie vom zu erwartenden Arbeitslohn auch - auch da wusste man nichts Konkretes zu erzählen. Mit gekonnter Schnodderigkeit beschlossen die Referenten die Runde, nicht ohne vorher noch Einladungen für den Folgetag auszuteilen - nebst Rechtsfolgebelehrung selbstredend. Schließlich habe die Aktivierungsphase umgehend anzulaufen!

Das ist also das moderne Antlitz der Bürgerarbeit! Arbeitslose, die man bundesweit vermitteln will, die man aus ihrem sozialen Umfeld rausreißen würde, weg von ihrer Familie, von Freunden, von der Heimat. Sanktionsandrohungen schon im Vorfeld, bevor man überhaupt in der Bürgerarbeit steckt. Die Furcht vor Repressalien wird zum behördlichen Mittel, zum Verwaltungsakt geradezu. Es muckt schon keiner auf, wenn man ganz schamlos von auf der Couch lümmelnden TV-Guckern spricht, anstatt von Beziehern von ALG II - da hockt das Häufchen Arbeitsloser zusammen und muß es erdulden, mit Stereotypen und Vorurteilen belegt zu werden. Man darf wahrscheinlich noch froh sein, dass der clementinische Wortschatz nicht bemüht, dass also nicht von Parasiten und Schmarotzern gesprochen wird. Potenziellen Bürgerarbeitern stellt man in Aussicht, bei etwaigen Ärgernissen, die dann und wann in jedem Arbeitsverhältnis auftreten können, die Klappe zu halten, um nicht sanktioniert zu werden - ein Bürgerarbeiter darf sich keinen Gerechtigkeitssinn leisten, Selbstvertrauen schon gar nicht. Denn das könnte ihm eine dreimonatige Sperre einhandeln. Mund halten und erdulden! Und abends Bewerbungen schreiben, obwohl das aussichtslos ist, denn genau das ist ja der Grund, warum man in der Bürgerarbeit landete: weil am regulären Arbeitsmarkt nichts ging!

Von der Leyens Konzept muß als gewaltige Gängelungsmaßnahme begriffen werden - in den Kommunen finden sich zweifelsfrei willfährige Helfer. Das moderne, fürsorgliche Sozialstaatskonzept, das von der Leyen persönlich wie anhand der Bürgerarbeit versinnbildlichen will, ist nichts weiter, als die Enthemmung letzter Barrieren, als die Anfachung von Sanktionswut, als Spurt-er-oder-spurt-er-nicht?-Gesinnungsschnüffelei! All das wird der Öffentlichkeit, die naiverweise in der Bürgerarbeit eine Chance für eigentlich Chancenlose wittert, vorenthalten - sie darf nicht wissen, wie man Erwerbslosen die Bürgerarbeit "schmackhaft" macht. Sie darf auf keinen Fall erfahren, durch welche Mittel der hohe Krankenstand bei Arbeitslosen zustandekommt. Durch Verängstigung nämlich, durch das Verursachen kafkaesker Aussichtslosigkeit, wie jener, bald drei Jahre unter vollen Rechtfertigungsdruck zu stehen - selbst im "Berufsleben". Und durch die Verschärfung despektierlichen Benehmens natürlich!

Die Bürgerarbeit ist tatsächlich eine Chance: eine Chance, Arbeitslose weiter in die Enge zu treiben...

Derjenige, der diese Erfahrung machen mußte und sie mir zur Aufarbeitung reichte, bittet indes darum, anonym zu bleiben.



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An Huren fehlt es!

Samstag, 21. August 2010

Das Wehgeschrei ist nun schallend, weil die Spendenwilligkeit im Falle des pakistanischen Hochwassers nur sehr gering ausgeprägt ist. Auf generöse Zeiten wird verwiesen - auf die schlechten alten Zeiten, in denen noch freimütig gegeben wurde. Schlechte alte Zeiten, die für Spendensammler gute alte Zeiten waren. Damals wars, als ein Seebeben den Indischen Ozean überschwappen und die Länder der westlichen Hemisphäre großzügig spenden ließ. Besonders Thailand hat es der damaligen deutschen Berichterstattung angetan - so ein wundervolles, schönwettriges, mit allen Vorzügen der Natur gesegnetes Touristenparadies, jetzt unter Schlamm begraben: da könne man doch nicht nur zusehen! Da müsse man handeln! Etwas tun! Etwas spenden!

Und genau hier lag der Hund, naja, eher die schöne Urlaubserinnerung, unter Schlamm begraben: Thailand hatte etwas zu bieten. Strände, Wälder, prächtige Paläste, noch prächtigere Hotelanlagen, dazu noch nette, stets lächelnde Eingeborene, hilfsbereites Hotelpersonal, flinke Masseurinnen - und natürlich nicht zu vergessen, die eigentlichen Starlets jedes profunden Thailandurlaubs: transsexuelle Stricherinnen und Mädchenhuren. Und all das, mit Ausnahme von Wäldern und historischen Prunkbauten vielleicht, wurde entschädigt und wiederaufgebaut. Touristenherz was willst du mehr! Ob nun Fischer Somchais Hütte oder Zimmermädchen Panyas Küche instandgesetzt wurde, war weniger bedeutungsvoll. Denn strömten erst wieder Touristen an siamesische Gestade, würden auch Hütten, Küchen, Fischerboote wieder aus dem Schlamm geschält: mit freundlichen Grüßen von Adam Smith! Denn so wirkt seine unsichtbare Hand...

Pakistan krankt nicht alleine an der Sintflut; es ist unpässlich, weil es an vorsintflutlicher Reputation leidet. Bettlägrig harrt man der Spenden, die nicht eintreffen wollen - wobei Bettlägrigkeit gerade das ist, was westliche Touristenlenden gerne spürten. Bettlägrig in wohligen Decken, bettlägrig entblättert, bettlägrig zwischen zwei Huren! Wer dergleichen garantiert, der sichert sich Spendenbereitschaft, wenn das Bettidyll einmal unter Wasser steht. Pakistan mangelt es an Mädchenhuren, an Transsexuellen, an gefügigen Sexgesinde - an Stränden und devot lächelndem All-inclusive-Personal natürlich auch. Ein mieses Image zeichnet die islamische Republik aus: Wüste, Dürre, bärtige Männer mit dunklem Teint, verschleierte Damen - so gewinnt man keine Freunde in einer genusssüchtigen Welt. Und obendrein ist man noch Atommacht! Nur: wo sind die Puffs? Die Peepshows? Man kann dort vielleicht dreizehnjährige Mädchen ehelichen - der einschlägige Tourist aus industriestaalichen Gefilden heiratet aber nicht; meist ist er das zuhause ohnehin schon. Er will keine Mädchen heiraten, er will sie... genau das!

Warum sollten Spendengalas das abendliche Schnitzel vermiesen? Was hätte der hiesige Bürger davon? Kann er in Pakistan urlauben? Faul am Strand flacken? Kann er dort seine sexuellen Neigungen befriedigen? Ausleben, was hier verboten ist? Nein, kann er nicht! Das ist es ja grad! Es war doch ein einwandfreies Arrangement, was die Industriestaaten mit dem Rest der Welt getroffen hatten. Die Leistungsträger dieser Erde würden ihre Urlaubsarmeen dorthin schicken, wo die Minderleister, ungerechterweise mit erlesen schönen Plätzchen von der Natur beschenkt, ihr Leben fristen. So würden sich auch jene einen Stellenwert schaffen, würden eine legitime Anstellung auf einem Erdenrund des Handels und der Geschäftemacherei einnehmen. Thailand hat das perfekt umgesetzt - und das gehörte seinerzeit belohnt. Dort konnten Sexurlaube gebucht werden, damit dem westlichen Gesellschaften ein Ventil geboten würde; allerlei Perversitäten waren irgendwo in Asien kanalisiert - und sind es mittlerweile wieder: Spenden sei dank! Aber natürlich sind nicht alle Gäste so - aber alle kennen wir welche, die von geilen Thaimietzen nur so schwärmen!

Sicher, man spendet, weil man Menschen in Not helfen möchte. Das ist die oberflächliche Definition von Spendenbereitschaft. Aber man ist um so vieles bereiter, wenn der Empfänger sympathische Züge aufweist. Die Spende ist nie Selbstzweck, sie will Gegenleistung. Offiziell nicht; offiziell gilt die oben genannte Definition. Doch man geht mit mehr Freude ans Spendenwerk, wenn potenzielle Empfänger gute alte Urlaubsbekanntschaften sind, Orte und Menschen, die man kannte, die man kennen könnte, wenn man dort mal gewesen wäre - nur war man eben bislang nie in Thailand. Dafür in Kenia, in der Dominikanischen Republik - in den anderen Fernreisezielen, die sich so rührend um die deutschen Touristen kümmern. Um die europäischen Touristen generell - Houellebecq beschreibt in seinem Buch "Plattform" ja den französischen Touristen, der dem deutschen Exemplar derart aus dem Gesicht geschnitten scheint, dass man von einer europäischen Gattung sprechen muß, wenn nicht gar von einer westlichen Spezies, die auch über dem Nordatlantik heimisch ist. Für Thailand wurde nicht nur weitherzig gegeben, weil es des homo touristicus' Terrain war. Es war nur sein potenzielles Terrain - ein mögliches zukünftiges Ziel, eine asiatische Spielart seines sonstigen Urlaubsdomizils in Afrika oder in der Karibik.

Wie soll Pakistan da konkurrieren? Der Spendenmarkt ist begrenzt - es ist nicht für jeden ausreichend Freimütigkeit vorhanden. Will man dort erfolgreich sein, braucht es mehr als die pure Not: man braucht Hotelmeilen, devotes Personal, leidenschaftlich Orgasmen vortäuschende Huren - davon ist Pakistan meilenweit entfernt. Da ist man wahrlich noch vorsintflutlich! Und das mitten im Hochwasser! Man muß sich schon anstrengen, will man von den reichen Ländern der Erde Unterstützung; man muß etwas bieten können. Hunger und Obdachlosigkeit, Krankheit und Tod, Witwen und Waisen beunruhigen zwar: aber das alleine ist immer noch zu dürftig. Was, wenn morgen ein Elysium des Urlaubs im Elend versinkt? Was, wenn morgen Bali brennt oder Djerba versinkt? Dann hat man das schöne Spendengeld nach Pakistan verfrachtet und muß erdulden, dass für wahrlich nutzvollere Orte die Mittel knapp sind. Das kann der deutsche Spender, der gleichermaßen Tourist ist - sich wenigstens als solcher wähnen könnte, wenn er mal wieder mehr Geld hätte, um einer zu werden -, niemals verantworten.

Pakistan, so wie schon andere unattraktive Katastrophengebiete, muß zurückstehen - wäre man beliebtes Reiseziel: ja dann! Säumten Huren die Promenaden Karatschis: ja dann! Stünde nicht Moschee neben Koranschule neben Moschee, sondern Puff an Puff: ja dann! Träumte hierzulande mancher von flotten Dreiern oder Genitalmassagen auf pakistanischen Hotelzimmern: ja dann! Dann wäre die Spendenbereitschaft angefacht, dann gäbe es Galas, dann gäbe es prominente Fürsprecher... dann wäre Pakistan im Herzen der westlichen Welt angelangt.



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Die Infantilisierung der Volksverhetzung

Freitag, 20. August 2010

Kinder sind manchmal grausam. Und grausam ist jene elterliche Gesinnung, die diese kindliche Grausamkeit unterstützt, im Anflug von Laissez-faire-Pädagogik sogar für wertvoll erachtet. Eine Erziehungsmethode, die es stets in der einen oder anderen Form gab, die aber heute in ihrem Gewährenlassen oft tyrannische Züge annimmt - und das unterstützt und gewollt von den Eltern selbst. Ellenbogen anspitzen, sie einzusetzen lernen, gehört heute zum guten Ton bürgerlicher Kindeserziehung - sie müssen sich ja durchzusetzen wissen, die lieben Kleinen. Unbestritten ist das recht und billig: die dazugehörige Rücksichtslosigkeit gegen Wehrlose, gegen Schwächere, wäre damit aber eigentlich nicht gemeint. Dem entgegenzuwirken wäre der Auftrag einer aufgeklärten Pädagogik, die Bestimmung von Eltern und Lehrern, von Gesellschaft und Staat.

Kinder zu lehren, dass man sich durchsetzen muß, dass der Rechtsstaat Mittel kennt, einer Ungerechtigkeit nachhaltig zu begegnen; einfach auch mal Nein sagen zu lernen, Courage zu zeigen, sich selbstbestimmt zu verweigern, ohne erst auf Befugnisse und Anordnungen zu blicken: all das beinhaltet aufgeklärte Erziehungsarbeit. Seine Ellenbogen dann auch mal einzufahren, gerade bei solchen, die sich kaum wehren können, geriete dabei zur Selbstverständlichkeit. In einem solchen Klima könnte die als Nebenprodukt kultureller Teilhabe anfallende Brandmarkung einer Gesellschaftschicht, wenn schon nicht bedingungslos anerkannt, so doch zähneknirschend erduldet werden. Dort gefiele es zwar nicht jeden, dass Kinder aus Bedarfsgemeinschaften, vulgär Hartz IV-Kinder genannt, mit Bildungs-Chips ausgestattet würden, aber man hätte wenigstens die Gewissheit, dass solche Kinder nicht dem Spott anheimfielen, in eine Atmosphäre allgemeinen Verständnisses stolperten.

Wie gesagt, Kinder sind grausam - und anwachsend ist die Zahl solcher Eltern, die ihre Kinder zur Grausamkeit ermuntern. Setz dich durch!, rufen sie ihrem Nachwuchs zu. Trau dich! Hau auf den Tisch! Bis hierher wäre alles in bester Ordnung - das kann man meist unterstützen, muß man sogar, wenn man aufgeklärte Menschen formen möchte. Doch oft, viel zu oft, hört man auch: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! Auf dieser Unverschämtheit gründet manches pädagogische Weltbild, gründet die Ablehnung neuer Schulmodelle - man denke nur an Hamburg. Du bist besser als die da! Bring uns so einen nicht heim! Kleinwüchsige Tyrannen werden da gezüchtet, Diktatoren des Schulhofes! In vielen Bundesländern könnte man sich damit trösten, dass der Kindersegen solcher snobistischen Familien bald schon vom hauptschulischen Schulhof verschwindet, um höheren Schulen seine Aufwartung zu machen. Gerade in höheren Gesellschaftschichten und in den wohlhabenderen Segmenten dessen, was man vereinfachend Mittelschicht nennt, geht eine Saat auf, die die Egomanie fördert und diese für den Antrieb des gesamten wirtschaftlichen, ja gesellschaftlichen Lebens erachtet. Ein pragmatischer Utilitarismus der kundtut, dass jeder auf sich selbst zu achten habe, wenn die Gesellschaft funktionieren soll - kümmert euch nicht um die Schwachen, um die Wehrlosen, sie behindern nur den Ablauf! Jeder schaut auf sich!, war schon der arg verkürzte, blinde Wahlspruch klassischer Utilitaristen. Jeder schaut auf sich und drängt zur Seite wen er nur kann!, ist die heutige rücksichtslose Erweiterung jener Losung. In so einem Milieu Kinder zu brandmarken, sie - metaphorisch gesprochen - mit kennzeichnender Armbinde auszustatten, ist kein Akt von kultureller Teilhabe, von aufgeklärter Politik, von Nächstenliebe gar - es ist die Infantilisierung allgemeinen Kesseltreibens, öffentlicher Hetzjagd gegen die Unterschicht, wie wir es aus den Gazetten, aus dem Fernsehen, vom Stammtisch her schon kennen.

Was hier manifest wird, ist die nächstenliebende Fassade, mit der diese Gesellschaft immer zielgerichteter Menschen den aufgehetzten Ressentiments der gesellschaftlichen Mitte und der Bessergestellten ausliefert. Man überstellt Kinder den Schmähungen und Lästerungen, den Erniedrigungen und Kränkungen ihrer Altersgenossen. Warum zahlt deine Mama alles mit Asi-Card? Man züchtet sich zwei Klassen Bürger heran: diejenigen, die schon von Kindesbeinen an lernten, dass der Spott gegen gut beschilderte Schwache Volkssport ist - und jene, die seit Anbeginn ihres Erinnerungsvermögens wissen, dass sie zum Gerümpel, zu beschimpfenswerten Inventar dieser Gesellschaft gehören; einer Gesellschaft, die Teilhabe mit Brandmarkung gleichsetzt. Der Bildungs-Chip, der eben nicht nur Museumsangestellten oder Vereinsmeiern sichtbar macht, dass das Kind ein Hartz-Sproß ist, er wird obendrein den Kindern aus anderen Gesellschaftsschichten sichtbar: er ist ein Anschlag auf die Würde des Kindes - ferner auch auf die Würde der Eltern, die ohnehin dem Bescheid entnehmen können, dass ihr Kind, dessen Kindergeld voll angerechnet wird und für dessen erstes Lebensjahr sie zukünftig nicht einmal mehr Elterngeld erhalten werden, einen Minderwert besitzt.

Man hat den Kindern der Unterschicht systematisch die Würde entzogen - der Bildungs-Chip ist die dazugehörige Kennzeichnung, die Krone dieses Vorgangs. Von der Leyen, die sich gerne als Mutter der Nation aufspielt, müsste es besser wissen - sie müsste als Mutter wissen, zu welcher Grausamkeit Kinder neigen können. Davor müsste sie Kinder eigentlich bewahren wollen. Drückt das Sozialministerium unter ihrer Ägide diesen Kindern ihr Hoheitszeichen in Form dieser Karte auf, ist das nicht nur ein Kavaliersdelikt: es ist der Leitfaden, der bereitete Einstieg in den Pogrom, speist Volksverhetzung - es ist, man muß es ruhig so sagen: ein krimineller Akt!



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Sit venia verbo

Donnerstag, 19. August 2010

"Ich habe kein Heimweh. Ich habe gelernt, daß das, was Heimat, was Vaterland sein sollte, eingepökelt und in Aktenmappen eingeheftet ist, daß es in Gestalt von Staatsbeamten repräsentiert wird, die einem das treue Heimatgefühl so sicher austreiben, daß nicht eine Spur davon mehr übrigbleibt. Wo meine Heimat ist? Da, wo mich niemand stört, niemand wissen will, wer ich bin, niemand wissen will, was ich tu’, niemand wissen will, woher ich gekommen bin, da ist meine Heimat, da ist mein Vaterland."
- B. Traven, "Das Totenschiff" -

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