Aufs Maul geschaut

Donnerstag, 1. September 2011

oder: aus meinem Reisetagebuch, ein zweiter Teil.

Redensarten sind meistens relativ regionale Geschichten. Wenn man fernab seiner sprachlichen oder dialektischen Heimat den Menschen aufs Maul starrt, bekommt man Formulierungen zu Ohren, die man so bislang noch nicht vernommen hatte. Nun war ich schon mehrmals in Hessen, obgleich nie zeitlich so lange wie aktuell, kenne also einige Redensweisen und Worte, die sich mir als prüfenswert aufdrängten, die mir spannend genug erschienen, um über sie nachzudenken. Banale Worte oft nur, wie das aus der Pfalz herüberwehende Grumbeere, das Kartoffel meint - die Beere, die aus der Krume, dem Acker kommt. Eine Redensart gibt es da, die ich nun vermehrt erlauschen durfte. Das heißt, ich kannte sie schon vorher, von meiner Lebensgefährtin, dachte mir dabei allerdings, dass es sich vielleicht um eine eingebürgerte Floskel aus ihrer Familie handelte, vielleicht auch um eine, die sie ganz alleine prägte. Doch weit gefehlt! Tatsächlich verwendet man sie hier, im südlichen Hessen, am Rande des Odenwaldes, besonders regelmäßig. Und schnappe ich sie auf, so denke ich dabei immer an Erich Fromm.

Das ist mir! oder Das ist ihm! So sagt man hierzulandstriche, wenn man Person und Eigentum in Verbindung setzen will. Das gehört mir! oder Das gehört ihm! - so kenne ich es; ohne existenziell machendes Hilfsverb. Da steht stattdessen ein vermittelndes Verb zwischen Besitz und Besitzer. Aber in Südhessen ist das Verb, das versöhnen soll zwischen Mensch und Ding, zwischen Eigentümer und Eigentum, das sich also als Verbindungsnabe dazwischenschiebt, gänzlich getilgt. Hier wirkt es beinahe, als ginge der Besitz in den Besitzer über, der Anspruch in den Anspruchsberechtigten, als würden Ding und Mensch und Mensch und Ding eine linguistische Symbiose eingehen, als ginge der Wert des Gegenstandes auch sprachlich in den Menschen über und das Menschsein in den Gegenstand hinein. Ein materialistischer Sprachauswurf vielleicht?

Ja, das gibt mir schon Rätsel auf. Spricht man so auch weiter nördlich? Weiter westlich? Weiter östlich jedenfalls, dort wo es nach Franken hinübergeht, scheint es mir ausgeschlossen. Dort habe ich dergleichen nie gehört. Ist das, und ich denke dabei an Max Weber, so wie ich auch an Fromm denke, auf den ich gleich noch zu sprechen kommen werde, eine Form protestantischer Ethik, die den Geist der Sprache erfasst hat? Warum hat sich diese Redensart aber dann nicht im protestantischen Franken durchgesetzt? Oder ist es gar der kapitalistische Geist, der die Sprache erstürmte und nach seiner frugalen Weltsicht rationalisierte? Dazu müsste man jedoch wissen, wielange man in dieser Region schon dergestalt spricht. Ist der Ausdruck am Ende doch vorkapitalistisch? Hat eine Gegend, die vor vielen Jahrzehnten noch der sprichwörtliche Arsch der Welt war, zwangsläufig auch das Horten und Hamstern, das in dem Ausdruck zum Tragen kommt, in die Sprache verpflanzt? Kargheit und Randständigkeit als Schöpfer des Das ist mir!, sodass derjenige, der hatte, nicht nur hatte, sondern schon war, was er erwarb - Besitz als Existenzialismus quasi?

Haben oder Sein nannte Erich Fromm sein gesellschaftskritisches und humanistisches Buch von 1976. Kurz skizziert erklärt er darin, dass man zwischen zwei Lebensweisen entscheiden könne: zwischen der des Habens - des Konsums, moderner gesagt. Wobei bei Fromm auch das moderne Liebesleben zu einem Konsumgut geworden ist. Oder zwischen dem Seinsweg, einem kontemplativen Weg, auf dem man vor allen Dingen Immaterielles schätzt. Entweder - oder! Das war freilich überspitzt, denn nie war das Leben rein aktiv oder passiv, nie rein körperlich oder seelisch, nie nur Konsum oder nur ideel. Die Grenzen variieren und sind da immer persönlicher Natur, wobei sie natürlich auch von der Gesellschaft aufoktroyiert werden. Haben oder Sein suggeriert als Titel, dass man eine Wahl hätte, die man eigentlich so nie hat - Haben und Sein, das wäre richtiger, denn die Frage ist nicht Entweder - oder?, sie ist Wieviel von beidem? Sprachlich gesehen könnte man damit auch sagen, dass so, wie man in Südhessen scheinbar Besitz und Besitzer vermittelt, dieses Haben und Sein satzlich zueinandergefunden hat. Das ist mir! bedeutet somit, dass ich bin und dass ich habe - und dass das, was mir ist, gleich noch zu meinem Personalpronomen wurde.

Ich gebe zu, dass mir diese Formulierung nicht gefällt. Weniger vom Klang, eher des Inhalts wegen. Ich stellte vorhin Fragen, woher der Ausdruck wohl stammen könne. Ich vermag es nicht zu beantworten und muntere den geneigten oder abgeneigten Leser gerne dazu auf, mich aufzuklären. Aber obwohl ich keine Antwort reichen kann, muß ich schon sagen, ich finde es nicht gerade faszinierend, dass ich satzlich mit dem Das zusammengeworfen werde. Das ist mir - das klingt fast schon wie Das bin ich. Ist das Schnitzel, darüber würziger Kochkäse, weil es mir ist, nicht schon fast ein Teil von mir geworden? Bin ich das Schwein, das nun geschnitzelt auf meinem Teller liegt? Ich denke dabei immer an einen Supermarkt, in dem nur noch ein Stück Käse oder ein Leib Brot liegt, auf den mehrere Kunden zusteuern, schneller, immer schneller - und der Schnellste unter ihnen greift sich das rare Gut und brüllt laut, das es ihm sei, worauf er es an Ort und Stelle in sich schlingt, weil was ihm ist, das ist zu ihm geworden, ist Teil von ihm.

Kurzum, ich will diese Ausdrucksweise und die, die sich gebrauchen, nicht beleidigen - meine Güte, Umgangssprache ist keine Wissenschaft, sie geht - was schon der Name sagt - um. Was geht nicht alles um! Grippe manchmal. Oder Flöhe. So auch die Sprache, die hin und wieder an Seltsamkeiten erkrankt und an Zipperlein leidet. Dennoch sieht man, was ein Verb an richtiger Stelle ausmachen kann. Das ist mir! klingt brachial gierig, finde ich gelegentlich, daher habe ich stets diesen verschlingenden Kunden vor Augen, wenn ich es höre. Das gehört mir! kann nicht weniger gierig gemeint sein, aber es klingt trotzdem annehmbarer, freundlicher auch. Ein Verb an richtiger Stelle kann Freundlichkeit ausmachen. Was nicht heißt, dass die Menschen hier, in Südhessen, an der Bergstraße, unfreundlich wären - oder sagen wir es anders: sie sind es so, wie es Menschen überall sind. Viele Arschgeigen, viele liebenswerte Leute. Wie überall...



13 Kommentare:

ericool 1. September 2011 um 09:14  

Hallo Roberto,

sicher hast Du Recht: viele Arschgeigen, viele liebenswerte Menschen, wie anderswo.
Nur entsinne ich mich, da ich über 30 Jahre in der direkten Nachbarschaft zu den Südhessen gewohnt habe, daß die schon vor der Wende ganz besonders anfällig für neubraunes Gedankengut waren. Meiner Erinnerung nach hatte sogar die NPD Sitze im Weinheimer Stadtrat. Und unbestreitbar hatte die CDU in Hessen seit jeher schon den reaktionärsten Landesverband. Und dann, der Seeheimer Kreis...

Ich fürchte doch, in dieser schönen Ecke Deutschlands hats wohl ein paar Arschgeigen mehr! ;-)

Lieber Gruß vom kundenorientierten Telefon ;-)

Hartmut 1. September 2011 um 10:02  

Hallo Roberto,

zwei "Sachverhalte" über die ich seit 1977, damals 25 Jahre alt, oft nachgedacht habe, haben mich heute freudig überrascht.

"Das ist mir" habe ich demals im Westerwald kennengelernt. Ebenso im Kölner Raum. - Damals fand ich es abstoßend. - Heute, im südlichen Niedersachsen, höre ich es nicht mehr. Hier heißt es in nur noch sehr wenigen plattdeutsch sprechenden Gemeinden. "Dat is mine"
Erich Fromm, besonders "Haben oder Sein", ist garade jetzt wieder aktuell.
Eine schöne Zusammenfassung als Geschenkbändchen ist in "Worte wie Wege", erhältlich.

Noch schöne, erholsame Tage wünscht

Hartmut

Anonym 1. September 2011 um 10:31  

Vielleicht doch nur aus Faulheit ein Wort weg gelassen?


http://www.wer-weiss-was.de/theme197/article792289.html

Lutz Hausstein 1. September 2011 um 11:23  

Zur Herkunft selbst kann auch ich nichts Erhellendes beitragen. Allerdings kann ich den kaptalistischen Ursprung des "Das ist mir" so nicht bestätigen.

Schon in meiner Kindheit, also in Zeiten sowohl nach- als auch vorkapitalistischer Natur, haben wir "Tieeeef im Ostehehen" (kleine Replik auf Grönemeyer) umgangssprachlich die Wendungen "Das ist mir" und synonym "Das ist meine" gebraucht. Eine neuere "kapitalistische" Herkunft sollte also ausgeschlossen sein. Möglicherweise gibt es ja aber sogar Ursprünge in noch früheren Zeiten.

Diese kleine sprachliche Ungenauigkeit ist doch nur minimal. Gehe doch einmal in Regionen der "kleinen zänkischen Bergvölker" ;-) , egal ob nun in den Alpen oder im Erzgebirge. Da würdest Du sprachliche Purzelbäume erleben können, welche, auch abseits des Dialektes, höchstinteressant sind. Selbst ins Hochdeutsche übersetzt, hättest Du hier und da Probleme, sofort den Sinn zu erfassen. Manchmal gibt es diese bestimmten Begriffe nur in 2-3 Dörfern, nur wenige Dörfer weiter werden diese zwar verstanden, aber nicht gebraucht.

Nebenbei bemerkt. Ich fand diese Dinge schon immer anheimelnd. Haben sie sich doch eine Ursprünglichkeit, eine Eigenständigkeit bewahrt. Auch dies macht für mich den Reiz einer Gegend aus.

ulli 1. September 2011 um 16:35  

Meine rheinhessischen Verwandten redeten auch von Krumbeeren und ähnlichem. Bei der Verbvertauschung, über die du schreibst, handelt es sich meinem heimatlichen Gefühl folgend wahrscheinlich um einen verschluckten Genitiv: "Das ist mir" müsste eigentlich heißen "Das ist meines". "Das Auto ist Heiner" hieße "Das Auto ist Heiners Auto".

Interessant in dieser Gegend ist übrigens der Besuch der Katharinenkirche in Oppenheim. Ich glaube, bei Nierstein gibt es eine Autofähre über den Rhein, die macht schon Spaß, Oppenheim ist dann nicht mehr weit und die Kirche sieht man schon von fern. Wenn man sie besichtigt, findet man eine große Fensterrosette aus buntem Glas, durch die die Sonne wie das "göttliche Licht" in die Kirche fällt und Farben auf den Fußboden malt. Hinter der Kirche gibt es dann aber auch ein Beinhaus, angeblich von einer Pestepidemie im 30jährigen Krieg, ein an den Hang geklatschtes Häuschen, durch dessen Gittertür man die jahrhunderte alten Schädel sehen kann. Das fand ich immer beeindruckend.

Anonym 1. September 2011 um 18:53  

Eine hinreichend gesicherte Erklärung habe ich für die Verwendung "das ist mir" leider nicht. Ich kann mich aber an meine Lateinlehrerin erinnern, die davon sprach, dass es auch im Lateinischen hier und da eine besitzanzeigende Verwendung des Dativs gibt. Vielleicht ist der Dativ-Kniff etwas, was einfach in vielen Sprachen existierte und in Dialekten weiterlebt. Im Norden gibt es ja auch Beschreibungen wie "das ist dem Hinnerk sein Auto".

Fränzi 1. September 2011 um 19:30  

"Haben und Sein" habe ich gerade als Jubiläumsausgabe des DTV im meiner Bibliothek bekommen. Bin sehr gespannt, da ich bisher nur die "Kunst des Liebens" von Erich Fromm kenne.

Der Titel passt ja jetzt wieder wie die Faust auf's Auge!

HAL9002 2. September 2011 um 01:04  

Ich bin ich meiner Heimat dem Saarland verpflichtet trotz des Migrationshintergrunds, Das Leben jedoch hat mich nach Südniedersachsen rep. Kassel strafversetzt hat. Doppelter Migtationshintergrund so to speak, hehe.
Wenn wir also über knorrige, grummelige Arschgeigen reden, dann bitte nicht die Superdeutschen aus Kassel vergessen.
Okay, zu Thema: Auch im Saarland sagt man "das ist mir"oder richtigerweise "das ist meins".
Die Formulierung "das gehört mir" findet auch Verwendung allerdings nur in etepetete Unterhaltungen. "Oh, liebe Muhme, diesen prächtigen Hain erwarb ich gestern bei Spiele. Er möge mir gehören, sagte der Pfarrer und segnete die Glücksspielgemeinde".
Falls man jedoch einem nervigen Idiot, sehr klar machen möchte, die Pfoten (von meiner Sandkastenschaufel, Bier etc.) wegzulassen, so benutzt man die eingangs erwähnte Formulierung.
Und so benutze ich die Worte auch heute noch: "Gehört mir" ist schwach und Verhandlungsmasse; "ist meins" ist unverhandelbar, emotionaler und die Vorstufe zur Kriegserklärung ggf. mit ironischem Unterton.
Letzteres aber nur wenn Man(n) über die Freundin, Ehefrau spricht. "Das ist meins" kann also auch Menschen bezeichnen zu denen man eine sehr enge, unverhandelbare Bindung hat. "es" deshalb, da die Saarländer, wie auch die Kassler, Frauen (das Mädchen) mit "es" adressieren.
Glück Auf

Anonym 2. September 2011 um 07:49  

Also, im hessischen Rundfunk habe ich noch nie jemanden so sprechen hören. Es könnte nämlich auch an der schlecht ausgeprägten Grammatik liegen. So hörte ich im Ruhrgebiet neulich: "Tu dat Mä ma Ei"! Übersetzt (Mutter an Kind): "Streichel doch das Schaf einmal!"

Freud hat in seinem von Dir zitierten Werk auch unterschieden zwischen funktionalem (Fahrrad, Staubsauger, PC) und nicht funktionalem (Statussymbole)Haben.
Er hat das Haben nicht generell verteufelt.

Unknown 2. September 2011 um 13:07  

Ich kenne "das ist mir" aus meiner Kindheit in Sachsen. Das ist eben umgangssprachlich ohne Kapitalismus oder eben Sozialismus. Wir sollten nicht andauernd irgendeine ideologische Form hinein interpretieren. Man sagte das eben einfach so. Schluss. Punkt.

Anonym 4. September 2011 um 12:02  

Das ist ja ganz ehrenwert, den Leuten aufs Maul zu schauen und sich dabei seine Gedanken zu machen. Ich bin aber der Ansicht, dass Sie hier den hessischen Dialekt zuwenig in Ihre Überlegungen einbeziehen, der ja nicht nur die Aussprache der Wörter betrifft, sondern auch die Grammatik, den Gebrauch bestimmter Wörter und Satzbildungen. Recht aber gebe ich Ihnen insofern, als Sprache immer gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegelt, was gerade in Dialekten bis zur Entblößung gehen kann. Der Berliner Dialekt ist dafür ganz besonders bekannt. Die Hessen, und nicht nur sie, haben bisher (sieht man von den längst vergessenen Stammesgemeinschaften der Germanen ab und dem Großen Deutschen Bauernkrieg, in dem es bereits Überlegungen gab, die Welt menschlicher zu gestalten) immer in Verhältnissen gelebt, die auf Ausbeutung beruhten und folglich den privaten Besitz mit dem Menschen gleichsetzten. Hinzu kommt natürlich, dass über Jahrhunderte hinweg in Hessen es eine reine Bauernbevölkerung gab, und Bauern sind ja dafür bekannt, dass sich der Mensch am Landbesitz misst. Haste was, biste was. Nichts anderes ist der Gegenstand von Fromms "Haben oder Sein". Da er aber ein Mann aus dem Bürgertum ist, gehen seine Überlegungen nicht so weit, eine grundlegende Änderung der Verhältnisse zu fordern, die ein anderes Denken überhaupt erst ermöglicht, sondern er ist nur bestrebt, allzu hässliche Auswirkungen des Kapitalismus zu beseitigen. Es ist billig zu fordern: Menschen, ändert euch!, wenn nicht gleichzeitig die Verhältnisse geändert werden, die eine Änderung des Denkens überhaupt erst ermöglichen. Und das vermisse ich auch bei Ihren eigenen Überlegungen.

Anonym 4. September 2011 um 16:45  

Diese merkwürdige Formulierung habe ich 1980 das 1.x von einer Arnstädterin in Dresden vernommen. Auch meine ich, statt einem WIR ein MIR gehört zu haben.
Was die Sprachforscher wohl dazu meinen?

Fleur 7. September 2011 um 19:36  

Den possesiven Dativ in dieser bezeichnenden Form kenne ich auch gut von meiner bucklig sächsischen Verwandtschaft und auch die alten Römer, wie du ja weißt, hielten es mit ihm.

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