Als die Deutschen noch Flüchtlinge waren

Mittwoch, 26. August 2015

200.000 Ausländer standen in jenem Sommer im Lande. Nicht alle waren Flüchtlinge. Aber die Ungarn mochten sich dennoch fragen, ob die, die nur vorgaben, Urlauber zu sein, nicht eigentlich auch auf der Flucht waren. Man konnte diesen Ausländern nicht trauen. Sie waren verschlagen und hatten die seltsamsten Aussichten. Ihre Einstellung zum Leben war sonderbar und nicht immer nachvollziehbar. Außerdem waren sie ein kriegerisches Völkchen. Erst vor zwanzig Jahren waren sie im damaligen Bruderland Tschechoslowakei einmarschiert. Wer mochte diesem Menschenschlag schon trauen? Manche sollen gar ihre Eltern zurückgelassen haben in der Heimat. Machten das anständige Leute? Jetzt zelteten sie auf ungarischen Wiesen und wollten Wohlstand und Freiheit erfahren. Mancher Ungar meinte, die sollten zurück nach Hause trabieren und selbst an besseren Lebensumständen basteln und nicht einfach die Hand aufhalten.

Wirtschaftsflüchtlinge. Ja, das waren sie seinerzeit tatsächlich. Weil es im eigenen Staat nicht mehr lief, weil man endlich mehr wollte als das, was man zugeteilt bekam, machten sie sich auf den Weg. Ein Exodus fand statt. Politisch verfolgt waren die Leute ja durchaus nicht. Sie wären nicht gefoltert oder eingesperrt worden. Nein, sie wollten nur vom Wohlstand profitieren, den andere westlich der Grenze geschaffen haben. So glaubten das damals nicht nur die Ungarn, die es jetzt ausbaden durften. Ausgerechnet sie mussten nun diese Flüchtlingsherden ertragen. Dreckige Menschen aus Zeltstädten, die komisch redeten, eine kuriose Esskultur pflegten, sich von den Einheimischen nicht nur abgrenzten, sondern durch und durch kriminell waren. So mochte das mancher Ungar gedacht haben. Man kennt das Pack doch, das gemeinhin Heimat verlässt. Es sind ja nicht die Anständigen, die das machen. Immer treibt es dunkle Gestalten weg. Und ist in ungarischen Städten und Dörfern nicht auch mehr gestohlen worden in letzter Zeit? Die offiziellen Zahlen sagten etwas anderes. Aber das kannte man doch. Immer wird runtergespielt. Lügenpresse, Lügenpresse!

Im September und Oktober haben dann an die 40.000 Flüchtlinge Ungarn Richtung Westen verlassen. Endlich war man viele dieser Leute los. Mussten ihren Gestank und ihr Gejammer nicht mehr dulden. Endlich konnte man wieder die Paprikawurst vor die Läden legen, ohne dass man Angst haben musste, dass diese ostdeutschen Sozialstaatstouristen lange Finger machten. Denn das wusste man doch: Leute, die nur in die soziale Hängematte wollten, sind von Grund auf dazu bereit, sich anzueignen, was ihnen gar nicht gehört. Sie haben dunkle Gesichter, Bärte, treulosen Blick, waschen sich nicht. Es sind immer dieselben Attribute. Man kannte doch die Geschichten von Ostdeutschen, die stehlen. Es findet sich immer jemand, der Horrormärchen als Insidergeschichten verkauft. Und mancher von diesen Flüchtlingen machte auch noch den Ungarinnen schöne Augen. Weiber und Arbeitsplätze - das ewige Begehr alle Flüchtlinge, oder nicht? Nein, man musste sie schnell abschieben, damit sie nicht auch noch den Ungarn die Arbeit wegnehmen. Und das war nun geschehen. 40.000 war man los. Man konnte einen Großteil abschieben. Aber es kamen ja immer neue nach. Dabei war das Boot voll.

Ungarn den Ungarn! Refugees go home! Asylhochburg. Vier-vier-vier, nicht mit mir! Eigentlich wollten manche Ungarn mit Fackeln vor den Zeltstädten auflaufen und protestieren. Aber sie hatten noch kein Internet, um sich verabzureden. Veranstaltung bei Facebook anmelden und dergleichen war halt noch nicht. Videos für YouTube waren Zukunftsmusik. Man malte es sich deswegen nur aus, wie Patrioten sich wehrten. »Asylmissbrauch nicht mit uns!« skandierten. »Klar«, sagte mancher Besonnene unter den Protestlern, »irgendwie verstehen wir schon, was die Leute aus ihrer Heimat treibt - aber wir sind doch nicht das Sozialamt des Ostens!« Ungarische Wiesen gehörten ja ungarischen Jugendlichen, Pfadfindern und Campern - nicht diesen Deutschen, denen ihre eigenen Wiesen nicht mehr gut genug waren. Mancher erinnerte sich womöglich noch an Prag, an den Einmarsch, an ostdeutsche Soldaten und ostdeutsche Rhetorik und hätte die Stimmung angeheizt: »Wir holen uns Terroristen ins Land!« Applaus von allen Seiten und die Fackeln züngelten und Parolen hallten und überhaupt, es wäre so schön kuschelig geworden in der patriotischen Front. Wenn man als Ungar schon nichts hatte, so doch die Ablehnung der Flüchtlinge. Das ließ das Volk zusammenrücken.

Tja, und dann kamen diese Deutschen als Flüchtlinge an. Sie waren im Westen auch ungeliebt. Man unterstellte ihnen, sie wollten nur Begrüßungsgeld abstauben. Wir hatten doch im Westen nicht genug für uns selbst und nun sollten auch noch diese Russen an unseren Tischen sitzen. Der »Spiegel« berichtete: »In Westdeutschland kocht Haß auf die DDR-Übersiedler hoch. Die Staatenwechsler werden zunehmend als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt betrachtet. Vor allem in den Fluren der westdeutschen Sozialämter entlädt sich der Zorn auf die Zuzügler. Ein Beamter: Wir sind froh, wenn das Mobiliar heil bleibt.« Aber alles vergessen, heute sind West und Ost vereint in ihrer Wut auf die, die heute auf der Flucht sind. Identität. Sie ist das Produkt gemeinsamer Wut.

2 Kommentare:

Gerd Hellmood 26. August 2015 um 11:45  

"Identität. Sie ist das Produkt gemeinsamer Wut."
Brilliant formuliert!

Martin Patsch 26. August 2015 um 12:05  

Wahnsinn, wie schmerzhaft der eigene Anblick im Spiegel sein kann.

Bravo

ThinMan

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