Zu Ohren gekommen

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Jüngst lauschte ich einem Feature über späte Scheidungen. Die würden jetzt immer häufiger vorkommen. Ehepartner trennten sich demnach auch mal nach zwanzig Jahren Ehe. Dann sind beide so um die 50 und immer noch jung genug, um nochmals »durchzustarten«. Dieses Komposition hört man jetzt oft. Wenn etwas vorbei ist, startet man heute durch. Für mich ist das ein Scripted Reality-Wort. Wenn man mal durch das Nachmittagsprogramm der Privaten zappt und das Ende eines solchen Machwerks flankiert, dann wird dort nach erlebten Abenteuer immer neu durchgestartet.

Durchstarten. Nicht einfach nur starten, nein - hindurch, auf der anderen Seite wieder heraus, »den Teil dazwischen« durchschreiten. Wenn jemand nach einer Sache sagt, jetzt wolle er neu durchstarten, denke ich immer an »nicht zurückschauen« oder »Augen zu und durch«, ein bisschen auch an »nach mir die Sintflut«. Dieses Wort hat was von Verdrängung, von bewusster Vergessenmachung. Eine Beziehung ist zu Ende und man startet neu durch. Eine miese Arbeitsplatzerfahrung ist vorbei und man hofft, bald neu durchstarten zu können. Man streift gewissermaßen ab, was sich an Eindrücken manifestiert hat. Der moderne Mensch tritt sprachlich von seiner Empirie zurück und wird ein selbstvergessener Durchstarter, einer, der seinen Neuanfang nicht bedacht angeht, sondern gleich volle Pulle, denn er startet ja nicht bloß, er startet durch, mit den Kopf durch die Wand, mit der Tür ins Haus, mit einen Elefanten in die Porzellanfachhandlung.

Nicht links, nichts rechts gucken. Schon gar nicht zurück. Der Durchstarter putzt sich ab, macht nicht einfach nur weiter, er schließt ab. Er hat keine Herkunft mehr, brennt sich Erfahrungen aus und tut so, als könne man das eigene Leben in abgeschlossene Bereiche betrachten und nicht als eine lose Ansammlung von ineinandergreifenden Abschnitten. Die Phrase hat etwas Dementes, ja auch etwas Aktionistisches. Es ist ein Wort des Zeitgeistes. Präfixiert, wie man das heute gerne hat. »Starten« alleine reicht da nicht mehr; das ist Achtzigerjahresprech. Heute lacht ja auch keiner mehr, heute geht man zum Ablachen. Das hat was von Pleonasmus, von überflüssiger Vorsilbe wie beim Wort »aufoktroyieren«. Und es spiegelt vorallem die Vorstellung wider, dass im Neuen immer der völlige Abschluss mit dem Alten liegt. Aber exakt so funktioniert das Leben ja nicht. Wer in einer neuen Beziehung »durchstartet«, hat immer noch die Erfahrungen der alten Beziehung an der Backe. Das ist auch nicht schlimm, denn das macht den menschlichen Reifeprozess ja aus.

Durchstarten von Null auf Platz eins. Das kennt man aus den Charts. Vielleicht hat man es ja aus dieser Sparte. Als Sinnbild für die Prozesse des Alltags taugt es wenig. Leben ist kein Ranking, keine Rangliste. Mancher Hit klingt verheißungsvoll, aber für eine Platzierung vorne reicht es trotzdem nicht. Und wer durchstartet, der fällt garantiert wieder ab. Kein Nummer-Eins-Hit ist für immer. Für die Fake-Shows im Nachmittagsprogramm ist die Phrase natürlich besonders geeignet. Sie beschwört Einfachheit und gibt den lauen Geschichtchen einen Abschluss. Menschen haben das gerne. Aber im Leben schließt man nie ab, deshalb ist der Durchstart ein eher dümmliches Modewort einer Zeit, die Vergangenheit für einen Zeitraum hält, den man durchaus vergessen darf.

12 Kommentare:

enno 10. Dezember 2014 um 07:06  

Ein 6-jähriger , 20-jähriger und ein 50-jähriger haben nun mal unterschiedlicher Ziele im Leben, denn je länger das Leben dauert, um so weniger Freiheiten bleiben. Wenn dann die Kinder aus dem Haus sind und der Ehepartner auch ganz eigene Wege geht, kann man sich den Zielen widmen, für die man vorher einfach keine Zeit hatte. Das mag ein Studienabschluss oder ein zeitintensives Hobby sein. Ich kenne einige Hausfrauen, die genau diesen Weg gehen und noch einmal richtig durchstarten

Roberto De Lapuente 10. Dezember 2014 um 07:35  

Darum geht es in diesem Text nicht. Jeder kann machen was er will. Es geht um diese sprachliche Konstruktion...

enno 10. Dezember 2014 um 08:19  

Den Begriff Durchstarten kenne ich ursprünglich aus der Fliegerei. Der Landevorgang wird dabei abgebrochen und es wird noch eine Extrarunde gedreht bis man dann doch letztlich landet. Eigentlich keine schlechte Beschreibung für das Leben ab 50.

epikur 10. Dezember 2014 um 09:26  

Eindeutig eine Vokabel aus der (Lohn-)Arbeitswelt. So wie der Berufseinsteiger oder Hochschulabsolvent erst einmal richtig "durchstarten" will, bevor er beispielsweise eine Familie gründet. Karriere machen. Unsere gesamte zwischenmenschliche Ebene ist mit marktwirtschaftlichen Begriffen verseucht, die unterstreichen, wie kapitalismuskonform wir auch in Beziehungen denken und handeln:

Freundschaften werden "gekündigt", Menschen bezeichnen sich gegenseitig als "wertvoll", sie sind "vergeben" und "vergriffen", wie ein Buch oder ein Film, sie gehen miteinander einen "(Ehe-)Vertrag" ein, müssen an sich und ihrer Beziehung "arbeiten" oder haben viel in eine Beziehung "investiert"...

Anonym 10. Dezember 2014 um 10:07  

Hoffen wir das wir nach einen dritten Weltkrieg auch wieder "durchstarten"!^^

akoll

maguscarolus 10. Dezember 2014 um 10:11  

Wie entstehen eigentlich solche Sprachlügen, bzw. wer gräbt Worte aus und bringt sie in umgemünzter Form erneut in Mode? "Durchstarten" ist ja kein neues Wort, nur die Anwendung in dem von Roberto genannten Kontext bringt eine neue Wertung ins Spiel – so als solle der Mensch von Zeit zu Zeit seinen Speicher komplett löschen. Das wäre in der Tat eine Traumsituation für das Lügenpack, das heutzutage "Elite" heißt.

Anonym 10. Dezember 2014 um 10:41  

Völlig richtig, und dieses " Neu Durchstarten" bei Beziehungen - gerade auch bei Älteren - ist genauso häßlich und absurd, wie der Wunsch Jemand "ohne Altlasten" kennenzulernen.

Ein Wort, vielleicht aus der Abfallwirtschaft, das das eigene Leben & die eigene Vergangenheit zu einem Ablauf degradiert, bei dem unerwünschter, überflüssiger Müll entsteht, der unbedingt schnell wieder weg muß, damit wieder "Durchgestartet" werden kann.

Die eigenen, tiefsten Gefühle zu der einmal geliebten Person, diese ganze Er-Lebens-Zeit mit diesem Menschen, dieser Mensch selbst, der doch ganz enorm zu der eigenen Entwicklung beigetragen hat, wird dadurch zu einer Art Sperrmüll degradiert.

Wie wenig muß man sich selbst schätzen, um das eigene Leben als Sperrmüll zu bewerten?

Und wie wenig muß man Andere schätzen, wenn man von ihnen erwartet, ohne "Altlasten" in eine neue Partnerschaft "durchzustarten"?

Gruselig...

Anonym 10. Dezember 2014 um 11:15  

Wie "verheißungsvoll" ein Titel klingt, hat wenig bis nichts mit seiner Chartplatzierung zu tun. Sondern vielmehr, welche Präsenz und "Angesagtheit" der Musikkonzern medial dafür kreieren kann.

nightowl 10. Dezember 2014 um 11:23  

Je Vorsilbe, desto Camouflage, desto Blähung, desto dumm.
All dieses Neusprech offenbart den flachgründigen Umgang mit Sprache, was, da größtenteils Sprache unser Denken hervorbringt und formt(wie dann wieder vice versa), interdependenziell nicht anders als in einer Verflachung desselben enden kann.
Wir leben im Zeitalter der Verwirrung und (gewollten?) Verdummung. Die HeldInnen und Vorbilder, falls es noch welche gibt, sind sogenannte "Stars" und "Promis". Wer nichts zu sagen hat, hält nicht die Klappe, um wenigstens Erkenntnisgewinn beim Zuhören zu ernten, nein: platt und einfältig herumzuquaken beschert mediale Aufmerksamkeit - siehe das (mir unverständliche) Phänomen Katzenberger.
Wahrscheinlich sind es der Kohl-Merkel-Pief und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die vielen Menschen die Sehnsucht nach dem und die Wahrnehmung des "Schönen, Guten und Wahren" ausgetrieben haben.
Oben ist sozusagen der Deckel drauf, also bläht der innere Druck die Wörter. Die Bedienung bringt den Kaffee nicht mehr gerne, sondern "sehr gerne". (Bin gespannt, was die nächste Steigerungsform ist? Hypergerne?). Preise sind "supergünstig", Bücher "irre spannend" usw. Wir haben es hier also mit sprachlicher Inflation zu tun...

Anonym 10. Dezember 2014 um 17:21  

Es ist eine Flucht, so ein "durchstarten". Die Ursache für das "scheitern" wird so verdrängt.

In dem Zusammenhang erinnere ich mich an gelesene Zitate:

Umkehr gelingt mit der Einsicht, dass mich der nächste Schritt nach vorn nicht weiter bringt.

Durchstarten ist keine Umkehr.

Sowie: Das Leben ist wie ein Buch. Um ein neues Kapitel zu beginnen, muss man das vorhergehende abschließen.

Durchstarten ist auch das
Vermeiden etwas abzuschließen.

Aber so ist das mit der Sprache - Reform wurde auch mal anders "übersetzt" -re - zurück zu den Ursprüngen eben

kevin_sondermueller 10. Dezember 2014 um 17:49  

Schon der große Frits Perls, der Vater der Gestalttherapie, hat Sprachaufblähung als Symptom für eklatanten psychischen Verfall erkannt.

Aber das ist ja der große Entwurf: immer lauter, immer größer, immer aufdringlicher. Weg mit den Zwischentönen – und den Zwischentonträgern, diesem obsoleten Menschentyp also.

Braman 10. Dezember 2014 um 21:44  

Bezeichnend ist auch der häufige und meist unangebrachte Gebrauch des Wortes "Wahnsinnig".
Für mich ein Zeichen, das wir in einer 'wahnsinnigen' Zeit leben.
Dazu kommen noch, wie @nightowl schon angemerkt hat, dieser Drang zur Übertreibung bei jeder sich bietenden Gelegenheit (supergünstig, irre spannend usw.).
Allerdings ist das kein Thema um sich drüber aufzuregen, es reicht mir, mich nicht an diesem Unfug zu beteiligen.

MfG: M.B.

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