Weihnachtsgeschichte, chemisch gereinigt

Samstag, 20. Dezember 2014

»Meister, da steht ein Mann mit einem Esel und einer Frau auf dessen Rücken, vor der Türe. Sie bitten um Einlass.«
   »Was sind das für Leute? Woher kommen Sie? Und sag mir, Schmul, wie sehen sie aus?«
   Schmul überlegte kurz und betrachtete dabei seinen Herrn. Sein unförmiger Körper lag auf dem Bett und bewegte sich kaum.
   »Es ist ein Galiläer mit seinem Weib. Meister, sie sehen aus, wie Menschen aussehen, wenn sie lange unterwegs sind.«
   »Ein galiläischer Eseltreiber also. Was klopft der an unsere Türe? Haben wir was zu verschenken? Ich kenne dieses Pack. Will ein Obdach für die Nacht und hat kein Geld dafür. Am Ende muss man froh sein, wenn sie nicht die Waschschüssel gestohlen haben.«
   Beide schwiegen.
   »Nun geh und frag den Mann, ob er schon Arbeit in unserem Land in Aussicht hat.«

Nachdem sich Schmul entfernt hatte, rappelte sich der alte Henoch auf. Ausgerechnet jetzt, nach diesem füllenden Mahl musste es zu Kompliziertheiten kommen. Mussten die Leute ihre Not immer dann feilbieten, wenn er zu voll war, um selbst handeln zu können? Erst gestern hatte er noch mit dem Kaufmann an der Ecke über die Menschen aus Galiläa und Samaria gesprochen, die jetzt nach Judäa kämen. Eigentlich sollten patriotische Bürger gegen diese Überfremdung eine Liga gründen, meinte der Mann. Henoch fand die Idee gar nicht so schlecht.

»Meister, Meister«, rief Schmul, »das Weib ist schwanger; ich habe es gesehen, sie trägt eine dicke Kugel vor sich her.«
   »Kann der Mann für sie aufkommen? Hat er Arbeit?«
   »Nein, er will auch nicht ewig bleiben, hat er gesagt. Wenn die Volkszählung vorbei ist, möchte er wieder zurück gehen nach Galiläa.«
   »Schon klar, das sagen die alle. Und am Ende sitzen sie um den Tempel herum und betteln für sich und ihre acht oder zehn Kinder. Wenn sie mal so fleißig wären eine Stelle zu finden, wie sie es im Bett sind!«
   Schmul schwieg einen Augenblick.
   »Aber Meister, wir können diese Leute doch nicht wegschicken«, sagte er schließlich. »Ein Zimmer haben wir doch noch frei. Wieso weisen wir es ihnen nicht zu?« 
   »Können sie bezahlen? Ich nehme an, dass sie es nicht können. Sie wollen nur haben, können aber nichts geben.«
   »Ich weiß es nicht genau, Meister. Ich habe sie nicht gefragt. Soll ich sie fragen?«
   »Ja, Schmul, lauf zu ihnen und frag sie. Und ich bitte dich, verschließe die Türe, wenn du wieder zurückkommst zu mir. Ich möchte nicht, dass etwas wegkommt.«

Hennoch wartete bis Schmul aus dem Zimmer war und furzte laut. Er hatte viel über die Galiläer gelesen. Sie waren arm, sehr ländlich. Man erzählte sich, dass sie wenig arbeiteten und keinen Respekt vor dem Gesetz hätten. Ihre Frauen waren meist noch jünger als die, die man in Jerusalem in die Ehe schickte. Sittenlos soll es dort im Norden zugehen. Sicher, die Pläne der Römer, jeden in den Ort seiner familiären Herkunft zu schicken, waren nicht richtig. Sie brachten Unheil über das Land. Und Unruhe. Rissen Familien auseinander. Aber man hörte auch von Personen, die diese Reise nicht antreten mussten, weil sie sich mit den Römern gut stellten und als wichtige Personen des Handels anerkannt wurden, auf die man nahe von römischen Garnisionen nicht verzichten wollte. Konnte Hennoch etwas dafür, wenn dieser Eseltreiber mit seiner schwangeren Dirne den Römern nicht wichtig genug war?  

»Meister, die volle Summe könnten sie nicht bezahlen«, unterbrach Schmul seine Gedanken.
   »Habe ich was zu verschenken, Schmul? Sag es mir. Habe ich was zu verschenken?«
   »Aber Sie verschenken doch nichts. Die Leute bezahlen doch etwas. Alles was sie haben. Sie haben ja nur nicht so viel.«
   »Schmul, du bist ein guter Mann, aber ein bisschen naiv. Geh und frag den Kerl, warum er mit den Römern nicht nicht gut genug stand, um in seiner Heimat bleiben zu dürfen.«
   »Aber Meister, was ändert das jetzt noch?«
   »Es gibt mir ein Bild seines Charakters. Vielleicht ist er ein grober Klotz, vielleicht hat er etwas verbrochen. Hast du denn nie gehört, wie es in Galiläa zugeht, Schmul?«
   »Ach, die Leute reden viel und sagen wenig. Der Mann sieht aus wie ein Judäer. Reicht Ihnen das nicht?«
   »Frag ihn und wenn die Antwort nicht zu negativ ist, werden wir sehen, was wir machen können.«

Letzte Woche im Tempel hatte ein Händler erzählt, dass er zwei Galiläer erwischt hätte, wie sie ihm ein Huhn gestohlen haben. Das fiel Hennoch jetzt wieder ein. Er stellte sie mit einer Axt in der Hand zur Rede. Die Männer lamentierten. Sie seien Flüchtlinge und hungrig. In ihrer Heimat waren sie Fischer und nun hätten sie nichts mehr. Der Händler sagte, er habe auch bald nichts mehr, wenn jeder faule Galiläer meine, er könne Hühner stehlen gehen. Er wurde wütend und drohte den beiden mit der Axt. Da schubsten sie ihn zu Boden und einer trat ihn in die Rippen. Das Huhn nahmen sie natürlich mit. Kriminelle, dachte sich Hennoch. Der ganze Abschaum kommt zu uns. Die anständigen Leute bleiben wo sie sind. Er hörte laute Stimmen. Sicherlich sind diese Galiläer jetzt frech geworden, glaubte er.

»Draußen sind noch weitere Leute aufgetaucht, Meister. Ein Mann und eine Frau. Er ist stark angetrunken und sie schimpft laut mit ihm.«
   »Kommen die Fremden jetzt schon betrunken an unsere Türe?«
   »So fremd sind die Leute nicht, Meister. Es sind Judäer aus Emmaus. Sie waren auf einer Hochzeit und bitten nun um eine Unterkunft.«
   »Gib ihnen das freie Zimmer.«
   »Der Mann ist betrunken. Die Frau ist rüpelhaft. Wollen Sie das wirklich? Das verspricht eine durchwachte Nacht zu werden.«
   »Ich werde ohnehin keinen Schlaf finden«, sagte Hennoch und konnte sich den nächsten Furz nicht verkneifen.
   »Und was sage ich dem Galiläer und seinem Weib? Ich habe ihnen Hoffnungen gemacht. Und vielleicht kommt die Frau heute noch nieder.«
   »Ich will diese stinkende Pack nicht im Haus haben. Und kein Kindergeschrei. Sag ihnen, dass es im Leben eben so zugehe. Man hat Hoffnungen und wird enttäuscht. Pech gehabt. Willkommen in Judäa!«

Schmul entfernte sich, hörte Hennoch nochmals hinter sich furzen und verzog sein Gesicht. Alleine von dem, was er heute von seines Meisters Abendmahl weggeworfen hat, könnte man zwei Flüchtlingsfamilien sättigen. An der Türe angelangt, ließ er den Besoffenen und seine Xanthippe hinein. Dem Galiläer überbrachte er die schlechte Nachricht, bot aber den Stall seines Onkels einige Häuser weiter an. Dorthin gingen sie dann auch und die Frau brachte einen Sohn zur Welt. Der Säugling plärrte wie es ein gesundes Kind tut und Hennoch lag wach in seiner Kammer und lauschte dem Geschrei und wurde grimmig. Wenn das mal nicht das Kind der Flüchtlingshure ist, dachte er sich. Wir Judäer sterben schneller aus, als wir schauen können. Wenigstens hat der Kerl sein Weib mitgebracht. Wieviele werden noch kommen, die keines im Gepäck haben? Und die besteigen dann unsere Frauen. Wir sind am Ende, sagte er laut ins Dunkle hinein und ließ einen fahren. Dann war es stille Nacht.

4 Kommentare:

Mario Zindler 20. Dezember 2014 um 18:36  

Danke für die schöne Geschichte, so muss es wohl gewesen sein...
Eine schöne Weihnachtszeit.
Gruß Mario

Eike Brünig 21. Dezember 2014 um 20:47  

Verleser: Es ist der Gallier mit seinem Weib.....

Ute Plass 21. Dezember 2014 um 22:09  

Ja, so war es wohl, und so ist es auch noch heute.
Werde die Geschichte sogleich ausdrucken und sie am Weihnachtsabend Kindern und Enkelkindern zu Gehör bringen. :-)

kevin_sondermueller 24. Dezember 2014 um 18:07  

Seltsam – diese Tage dachte ich noch: so wie im Lukasevangelium
kommen die allermeisten Kinder
auf diesem Planeten bis heute zur
Welt – unerwünscht, überzählig und sowieso zur Unzeit. Und verstand erst recht einmal mehr wieder den Sinn der Weihnachtsgeschichte – und ekelte
mich um so mehr vor dem Unsinn, der daraus entstanden ist. Einziger Trost: seit Jahren nehme ich daran nicht mehr teil …

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