Wie die heutigen Stümper das politische Personal von früher adeln

Mittwoch, 26. März 2014

oder Diese Gegenwart taugt nie und nimmer zur »guten alten Zeit« sein.

Es machte »Bing«, die Schiebetüre des Lifts öffnete sich und dann stand Norbert Blüm im Studio von »Die Anstalt«. Uthoff und von Wagner suchten gerade noch eine »charismatischen Anführer«, der gegen die Privatenrente und die Aushebelung der Umlagefinanzierung auf die Barrikaden gehe. Und da kommt dieser Mann aus dem Lift und hesselt: »Also ich ... ich täts mache.« Standing Ovations. Die Zuschauer waren erkennbar aus dem Mittelstandshäuschen. Und für einen kurzen Augenblick schien es mir fast so, als habe sich das Publikum zurückgesehnt in eine Zeit, da jemand wie dieser bodenständige Mann noch Minister - und das in einer konservativen Regierung! - sein konnte.

Und ich gestehe, in diesem Moment ergriff auch mich ein sentimentaler Anflug und ich redete mir ein, dass damals zwar vieles schlecht war, aber nicht alles so schlecht wie heute. Natürlich ist das nur sehr vereinfacht gedacht und im Rückblick verklärt sich ja so viel. Aber dieser Tage kann man schon mal so denken.

Ich hätte ja nie geglaubt, dass ich das mal so sehe. Aber wenn ich mir das heutige politische Personal so ansehe, dann erahne ich erst, dass die Kabinette des dicken Oggersheimers (bis auf einige Ausnahmen wie zum Beispiel den Lambsdorff) noch lange nicht so schlecht waren, wie man das manchmal von diesen Jahren der »geistig-moralischen Wende« liest. Als ich neulich las, wie der Teltschik die Lage auf der Krim einschätzte, dachte ich mir: »Sieh einer an, da ist einer pragmatisch genug, die Welt nicht ins Unglück zu stürzen. Da weiß einer was von Diplomatie und von internationalen Zusammenhängen.« Er hatte gesagt, dass man die Tatsachen, die Rußland nun geschaffen habe, akzeptieren müsse, wolle man einen Waffengang vermeiden. Das klingt in Tagen der Hetzerei fast ein bisschen philosophisch.

Natürlich waren damals die Konservativen auch als Konservative am Ruder - und nicht etwa als Philosophenkönige oder sowas. Diese Leute waren damals teilweise noch spießiger und muffiger, teils weltfremder und durch ihren christlichen Eifer determinierter als ihre Nachfolger. Aber ich glaube, sie waren wenigstens mit ein wenig gesunden Pragmatismus ausgestattet und weniger von dieser schmierigen Glasur bestehend aus kleinlichen Nationalstolz und pathetischen Sendungsbewusstsein überzogen. Pragmatisch sind die heutigen Figuren schlechterdings nur in Wirtschaftsfragen und da auch nur stets im Sinne der herrschenden Ökonomie. Ansonsten treten sie als eurozentrische Moralisten und Weltverbesserer von der verschlechternden Sorte auf, die obendrein noch ordentlich auf die Emotionstube drücken.

Wahrscheinlich wussten viele damals noch, wie es ist, im wirklichen Leben zu stecken. Vielleicht war Bonn auch nicht so abgehoben wie das Regierungsviertel in Berlin. Die Provinz erdet ja manchmal. Es gab ja sogar in der Union einen Arbeitnehmerflügel, der nicht nur schwächelte und traditioneller Tand war, sondern aktiv ins Geschehen eingriff und mit Blüm sogar einen Minister stellte. Wenn man da die mit Zahlen und Statistiken gedopten Humanoidautomaten sieht, die heute das Leben von Menschen regeln sollen, von dem sie lediglich aus Aufstellungen und Flipcharts wissen, kann man nicht anders als an eine gute alte Zeit zurückdenken, die nicht gut, nur alt war, wie das der »Stern« neulich so passend in einem Artikel zur AfD schrieb.

Vor einem halben Jahr schrieb ich beim »Heppenheimer Hiob« etwas über diese Kanzlerin, die sich Zwerge an ihrer Seite hält, um selbst riesenhafter zu wirken. Fazit war, dass »der Dicke nur neben Dünnen dick [ist] - neben noch Dickeren ist er der Dünne«. Dieses Prinzip gilt vermutlich auch in der oben genannten Konstellation. Wenn eine Zukunft folgt, in der die Zeitgenossen sich aus Trotteln und Simpeln zusammensetzen, dann rehabilitiert sich die Vergangenheit von alleine. Aber wahrscheinlich trifft der Spruch trotzdem zu: »Es war ja doch nicht alles schlecht.«

Schwer vorstellbar ist es jedenfalls, dass wir in zwanzig Jahren feststellen werden, dass Merkels Personal nicht grundsätzlich windig war, nur weil die dann aktive Regierung noch viel blöder und arroganter ist. Ist das überhaupt möglich? Turnt dann etwa von der Leyen oder der Friedrich in einer Kabarett-Sendung herum? Und wird letzterer dann etwa für die Wahrheit eintreten, auf Barrikaden steigen und sagen, dass der Staat die absolute Privatsphäre der Bürger einzuhalten habe? Man kann sich als Mensch vieles vorstellen, die Phantasie ist eine unglaubliche Fähigkeit. Aber hier stößt sie an ihre Grenzen. Es gibt einfach unvorstellbare Dinge. Noch jede Gegenwart hat irgendwann zur guten alten Zeit getaugt. Diese allerdings nicht!


15 Kommentare:

Anonym 26. März 2014 um 08:43  

ANMERKER MEINT:

Dieser Analyse kann ich leider nicht zustimmen, Roberto.
Was wir heute vor uns haben ist genau das Ergebnis der damals angezettelten "geistig-moralsichen Wende". Diese ginge u.a. damit einher, dass dem Privatfernsehen Tür und Tor geöffnet wurde - von der CDU, und zwar mit der durchsichtigen Absicht den Verdummungsgrad in der Bevölkerung zu erhöhen, vielleicht sogar zu vervollkommnen. Was ja auch in nahezu allen Formaten gelungen ist. Auch Kohl war eine Machtmaschine, der neben sich nur Zwerge duldete. Und Blüms Ausspruch "Die Rente ist sicher" war schon damals eine dreiste Lüge, denn auch er hat nicht dafür gesorgt, dass wirkliche Rücklagen gebildet wurden. Wenn diese Klugscheißer von heute wirklich was bewirken wollten, warum hauen sie dann nicht mehr auf den Putz? Da wird zwar gesagt, dass die merkelsche Politik eigentlich falsch ist, aber in der heutigen Presselandschaft wäre mehr möglich. Die "geläuterten" Sauluse tragen ein wenig zu kritischen Meinungsbildung bei, aber überzeugend finde ich sie nicht. Warum veranstalten sie denn keine öffentliche Konferenz, auf der die Politik von Merkel und Co., gerade was z.B. die Krim angeht auf den Prüfstand kommt? Stattdessen setzen sie hie und da ein "kritisches Farbtüpfelchen". Die sind immer noch in der Parteiloyalität verhaftet, machen wir uns nichts vor! Insofern ist der nostalgische Rückblick wenig hilfreich, eher kontaproduktiv.

MEINT ANMERKER

maguscarolus 26. März 2014 um 09:50  

>> Noch jede Gegenwart hat irgendwann zur guten alten Zeit getaugt. Diese allerdings nicht! <<

Ein brillantes bonmot! Und es kann mit Ernst betrachtet Hoffnung machen, indem es doch die Möglichkeit offen hält, dass irgendwann wieder mal eine Elite entstehen könnte, die man nicht unbedingt in Anführungszeichen setzen muss.

Die Frage ist allerdings, ob eine solche Elite aus den derzeit gültigen Selektionsmechanismen entstehen kann.

Anonym 26. März 2014 um 10:39  

Diese Epoche taugt allemal zu einer "guten, besseren Zeit", wenn in 20 Jahren ein Krieg herrscht.
Alles ist besser als kein Krieg.

Bauernseufzer 26. März 2014 um 11:07  

Zu Kohls Zeit gab es ja noch so etwas wie eine Opposition.
Heutzutage ist SPD=CDU und die Grünen mutieren immer mehr in Richtung FPÖ.
Die Linke ist für die, auch für unsere Medien, nur lästig.

Schorschel 26. März 2014 um 11:29  

Ja Roberto, so ging es mir auch bei Norbis auftritt. Ich wurde schon beinahe sentimental. Das passiert mir bei Schröder nie - und der ist auch Vergangenheit. Bei diesem Mann klappt sich bei mir eher mein Schweizer Taschenmesser in der Hosentasche von alleine auf...

Sledgehammer 26. März 2014 um 11:36  

Zitat aus "KenFM im Gespräch mit Willy Wimmer"(u.a. Parlamentarischer Staatssekretär unter Helmut Kohl)

"Berlin hat die Republik verändert, auch im journalistischen Bereich".

Eine mehr als interessante "Geschichtsstunde" bei Ken Jebsen!

Anonym 26. März 2014 um 14:40  

Aber ich glaube, sie waren wenigstens mit ein wenig gesunden Pragmatismus ausgestattet und weniger von dieser schmierigen Glasur bestehend aus kleinlichen Nationalstolz und pathetischen Sendungsbewusstsein überzogen?

Und was war das? ->

Helmut Kohl:
"Die neue Armut ist eine Erfindung des sozialistischen Jet-sets." - Stern, 24.7.1986
"Wir werden die Arbeitslosigkeit und die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer um die Hälfte reduzieren." - taz, 10.6.1998

Helmut Schmidt:
"Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen." - Frankfurter Rundschau, 12.9.1992

"Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen." - ZEIT, 22.4.2004

"Mit einer demokratischen Gesellschaft ist das Konzept von Multikulti schwer vereinbar. Aber wenn man fragt, wo denn multikulturelle Gesellschaften bislang funktioniert haben, kommt man sehr schnell zum Ergebnis, daß sie nur dort friedlich funktionieren, wo es einen starken Obrigkeitsstaat gibt."
- Hamburger Abendblatt, 24.11.2004

Roberto De Lapuente 26. März 2014 um 15:27  

Ich sprach ausdrücklich von einigen Leuten im Kabinett des Dicken. Der Dicke war aber wirklich furchtbar. Nur sehe ich in der Union heute keinen, der nur ansatzweise wie Blüm wäre.

MichaMue 26. März 2014 um 15:29  

Es gibt noch einen anderen Aspekt. Damals unter den Schwarz-Gelben konnten sie aufgrund des "Wettbewerbs der Systeme" noch nicht so offen die Sau rauslassen wie es die heutigen Politker tun. Spielt m.E. nach eine wichtige Rolle. Schon damals war ja der Spruch den Linken gegenüber: "Dann mach doch nach drüben". Und heute hört man wieder ähnliches, sobald man Russland auch nur ansatzweise verteidigt.

Anonym 26. März 2014 um 16:37  

Man müsste sich doch vielmehr fragen: Aus welchen Kreisen gehen Politiker hervor - damals wie heute?
Stattdessen sehnt sich nach charismatischen Führungskräften mit rustikalen Eigenschaften zurück, Leute, die aus dem Bauch heraus irgendwie das Richtigere tun.
Und fährt pauschale Wissenschaftsskepsis auf ("mit Zahlen und Statistiken gedopt"). Sicher, mit Zahlen wird jeder Schindluder getrieben, aber hinterfragbare Daten in den Raum zu stellen und von diesen Entscheidungen abzuleiten bietet eine reellere Grundlage zur Diskussion, als Entscheidungen, die in höherem Maße von Charisma, Gefühl, Bauch geleitet sind und damit an den Rand des Reichs des Spirituellen gerückt werden.
Und wie gesagt: Aus welchen Kreisen gehen Politiker hervor - damals wie heute? Hat sich in diesen Kreisen irgendwelche Vorzeichen geändert?

Anonym 26. März 2014 um 17:14  

...@ANMERKER...dass die Rente sicher ist, hat Herr Blüm das wirklich gesagt ?
In diesem Video, in dem von Anfang an ein durchaus sympathischer Norbert Blüm schon in den ersten 5 minuten "unverblümt" die Wahrheit sagt wird mal wieder deutlich wie "die da oben" uns verarschen. Damals.Heute.Morgen.Das ist sicher.

Anonym 26. März 2014 um 17:16  

...verdammt jetzt hab ich das Video vergessen :) hier also der link http://www.youtube.com/watch?v=Zqa-e5cK-6s

Roberto De Lapuente 26. März 2014 um 19:15  

Die Rente wäre auch sicher, wenn man nicht dauernd an der Umlagefinanzierung zweifeln würde und sie (teilweise) durch Kapitaldeckung ersetzt hätte. Was heißt also, Blüm hat da gelogen?

Anonym 27. März 2014 um 10:45  

Blüm war schon damals aus meiner Sicht in der falschen Partei.

Zur Rente hat er immer Recht gehabt, nur die Umlagefinanzierung funktioniert.

Er hatte aber unter Bimbeskanzler keine Macht ... leider.

Anonym 27. März 2014 um 22:09  

@MichaMue

Das "Geh´doch rüber, wenn dir was nicht passt" benutze ich inzwischen gerne bei Diskussionen mit neoliberalem Gesocks...Wird jedoch meisten nicht verstanden

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