Eine Welt voller Hitler

Samstag, 15. März 2014

Kürzlich verglich Hillary Clinton mal wieder jemanden mit Hitler. Putin nämlich. Das Tea Party Movement vergleicht den Präsidenten, dem die Dame dient, schon lange mit ihm. Und außerdem gibt es Bildmontagen ihres Mannes als Hitler. Bei George W. Bush waren sich Naomi Wolf, Ali Chamenei und Herta Däubler-Gmelin einig: Der ist wie Hitler. Schon Nixon musste mit dem Vergleich leben. Chamenei meinte übrigens auch, dass Saddam Hussein wie Hitler gewesen sei. Das sah Enzensberger ganz ähnlich. Er hat Hussein als »Wiedergänger Hitlers« bezeichnet. Napoleon haben sie nicht verhitlert. Sie wussten ja noch nichts von dem, der da noch kam. Schlummerte schon in Cäsar ein Hitler?

Chávez sprach von Merkel mal sinngemäß als eine Nachfolgerin Hitlers. Der ehemalige US-Verteidigungsminister nannte aber Chávez wiederum einen Hitler. Die Polen und Griechen sind sich im Falle Merkels nicht ganz so sicher: Hitlervergleich oder SS-Uniform? Beides ist möglich. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung war sich da Ende 2012 schon etwas sicherer, als er Hitler und Merkel »Staatsleute, die versuchten, Europa zu einigen« nannte.

Roland Tichy verglich vor Jahren im »Presseklub« Lafontaine mit »dem Führer«. Das gefiel offenbar dem ewigen Alt-Kanzler Schmidt ganz gut, der denselben dann als »Adolf Nazi« bezeichnete. Wenn schon ein demokratischer Politiker als ein Hitler angesehen wird, dann ist es doch ganz logisch, dass Osama Bin Ladin natürlich auch einer war. Kardinal Lehmann konfrontierte dessen »abgründigen, nicht aufklärbaren Rätsel« mit denen Hitlers. Und dass Erdogan und Assad Hitlers sind, versteht sich von selbst. Von Mursi gab es auch Fotomontagen mit Scheitel und Fliegenschissbart. Schily haben sie auch schon mal ein Bärtchen angeklebt. Josef Bachmann soll in Dutschke den kommenden Hitler gesehen haben und hat deshalb auf ihn geschossen. So will es jedenfalls die Legende.

Den Fußballtrainer Mourinho haben die Fans von Real Madrid auf einem Plakat mit Hitler verglichen. Der Dramatiker Hochhuth fand, dass Wowereit schlimmer als Hitler sei - jedenfalls im Bereich der Berliner Kulturpolitik. Das Hessische Landesarbeitsgericht musste sich vor einem Jahr mit einem Betriebsrat auseinandersetzen, der seinen Betriebsratsvorsitzenden als einen Hitler enttarnte. Mehr als eine Dekade ist es her, dass eine öffentlich wirkende TV-Mormonin in den Vereinigten Staaten Schwule mit Hitler verglich.

Ein Politiker aus der Schweiz erblickte schon mal im Luxemburger Juncker den Mann aus Braunau. Der Regisseur Michael Bay wurde von einer drittklassigen Schauspielerin mit ihm verglichen. Der österreichische Rechtspopulist Strache mutierte schon mal für seine politischen Kontrahenten zum Hitler. Cohn-Bendit entlarvte Sarkozy als jemanden, der Hitler nachäfft. Reich-Ranicki soll mal Karajan für vergleichswürdig gehalten haben.

Ach, wenn im Grunde alle wie Hitler sind, progressive Politiker genauso wie reaktionäre Betonköpfe, Rechte wie Linke, Moslems wie Christen oder Atheisten, dann ist letztlich gar keiner wie er. Eigentlich schade um diesen ultimativen Vergleich. Denn so beleidigt er keinen mehr, setzt keinen mehr herab, trifft keinen mehr in der Würde. Natürlich sollen Vergleiche nicht per se ausgeschlossen sein. Sie sind wichtig. Aber wenn alle Hitler sind, dann ist der Vergleich ja sinnlos, weil dann alles unvergleichlich oder sogar unvergleichlich gleich geworden ist. Ich glaube, nicht mal Hitler war wie Hitler, sondern eher so wie Himmler.

Ich befürchte, aus der Hitlerzeit bleibt uns wenig. Ein leeres Vermächtnis, das Politiker zu Gedenktagen zelebrieren, ohne im Tagesgeschäft je konkret zu werden - und dann eben noch dieses neue Wort für den Teufel. Mal sehen, welche Generation die erste sein wird, die den politischen Feind als Hitler bezeichnet, ohne überhaupt zu wissen, dass dieser Hitler eine historische Person gewesen ist. Ich glaube, lange dauert es nicht mehr. So viel Kulturpessimismus muss man mir schon gestatten. Da kann ich nicht Optimist sein. Irgendwie bin ich da ganz wie Hitler.

14 Kommentare:

Reinhardt 15. März 2014 um 11:58  

Ich habe mich fast kaputtgelacht bei dem Artikel.
Da ist jedes Wort ein volltreffer.
Ich kann schon gar nicht mehr zählen wer alles als Hitler bezeichnet, mit ihm verglichen oder in die nähe seiner Partei gerückt wurde.
Nazivergleiche kommen anscheinend nie aus der Mode und werden offenbar auch gern dazu benutzt unliebsame Gegner mundtod zu machen.
Niemand lässt sich gern in diese Ecke stellen.

Der unerfreuliche Aspekt daran ist, dass dieser Vergleich so irgendwie zur beliebigkeit verkommt und Hitler banalisiert.
Er wird quasi zur Allerweltsbeleidigung.

Mauro 15. März 2014 um 13:23  

Ich glaube, dass was Sie fürchten, eigentlich schon eigetreten ist.
Meiste Leute heute wissen, dass Hitler Historie und nicht Phantasie ist... aber viele wissen schon heute nicht mehr, wer/was er eigentlich war.
Gruß,
Mauro.

Braman 15. März 2014 um 17:46  

Hallo Roberto,
diese Beobachtung habe ich auch schon mal angestellt, bin aber zu einer etwas anderen Schlussfolgerung gekommen.
Diese 12 Jahre deutscher Geschichte haben sich nicht nur tief ins Gedächtnis eingegraben sondern haben auch Spuren hinterlassen die sich nicht aus radieren lassen. Das Gedankengut lebt, bewusst oder unbewusst, im Alltagsleben weiter. Daher sind diese Vergleiche mit A.H. oder J.G. oder anderen Größen dieser zeit schnell zur Hand weil man 'eigenes' Gedankengut bei anderen sehr schnell erkennt und entsprechend gereizt reagiert. Es ist also eine reine 'Projektion' eigener faschistoider Tendenzen auf andere. Jeder, der einen solchen Vergleich anstellt, sollte erst mal bei sich selber schauen wie groß denn der eigene Abstand zu dieser Denk- und Handlungsweise ist.
Einen wahren Satz hab ich kürzlich noch, auch zu diesem Thema, gelesen:
Faschismus ist die Verbrüderung des Kapitals mit der Politik gegen das Volk!

MfG: M.B.

Sledgehammer 15. März 2014 um 20:26  

Jene Simpel, die das personifizierte Ungemach leger wie schematisch "Hitler" nennen, verströmen den putriden Odem extensiven Provinzialismus.

Anonym 15. März 2014 um 23:23  

Hallo Braman,
weil man 'eigenes' Gedankengut bei anderen sehr schnell erkennt und entsprechend gereizt reagiert. Es ist also eine reine 'Projektion'?

Das würde jegliche kritische Äußerungen verbrämen, weil diese dann nur als Spiegelung des Inneren des Redenden abgetan werden könnten.

Anonym 16. März 2014 um 12:09  

Ich sags doch: Hitler war die bessere Merkel.

Karl Neumayer 16. März 2014 um 18:28  

Tja, frei nach einer Brausewerbung: "Sind wir nicht alle ein bischen Hitler?"

Anekdote am Rande:
In einer Diskussion über den Irak-Krieg hat mich mal ein Diskutant als katholischen Stalinisten bezeichnet.
Und das obwohl ich Atheist bin, mir basisdemokratische Ideen am liebsten sind und ich kaum etwas widerwärtiger finde als eine Diktatur, ganz gleich welche Legitimation sie sich gibt.

Fremd- und Eigenwahrnehmungen gehen manchmal doch sehr auseinander :)

Gerd Hellmood 17. März 2014 um 08:59  

@ Reinhardt

Da haben wir einen ganz ähnlichen Blickwinkel auf diesen Sachverhalt - mit gegensätzlichem Fazit. Tatsächlich bringt dieser Vergleich die eigentliche Beliebigkeit jenes Subjekts zum Ausdruck. Um es mit Hannah Ahrendt zu formulieren: "Die Banalität des Bösen" Nicht mehr und nicht weniger.
Was ist daran unerfreulich? Der inflationäre, bis auf die Spitze des Absurden (Lafontaine = Hitler) getriebene Vergleich entlarvt nicht selten die fortgeschrittene "Zerstörung des selbständigen Denkens" derer die ihn dergestallt ge- bzw. missbrauchen. Dazu:
http://www.nwerle.at/WS11_B/banal.htm
Insoweit ist auch der Einwand Bramans nachvollziehbar. Roberto sinnierte hier einmal darüber, dass das Schmähwort Arschloch möglicherweise nicht mehr strafbewehrt sein sollte. Nicht ganz zu unrecht wie ich meine.
Der Hitlervergleich sollte vielleicht unter Strafe gestellt werden - nicht zuletzt deshalb weil der, der ihn anstellt, erst einmal durch selbständiges Denken dahin käme, sich zu überlegen, was er ihm denn wert und wie er dennoch begründbar sei.
Wozu z.B. einen G.W. Bush mit Hitler vergleichen? Arschloch tät's doch auch. Der Beliebigkeit jener weit verbreiteten Gattung wäre damit ebenso Rechnung getragen, wie der Banalität so eines Blöden. Bösen wollte ich natürlich sagen..

Braman 17. März 2014 um 14:38  

@Anonym 15-03-14 23:23
Mein Kommentar bezieht sich rein auf die Nazi- und Hitlervergleiche.
Allerdings sind heftige Reaktionen auf vermeintliches oder tatsächliches Fehlverhalten von Personen schon eine Art Spiegelung. Kritik an Verhältnissen (wirtschaftlich, politisch usw.) können ja keine Spiegelung sein da nicht Personenbezogen.
Ansonsten kann ich dem Kommentator @Reinhardt nur beipflichten obwohl ich das austeilen vom Kraftausdrücken für mich selber grundsätzlich ablehne und diese auch vermeide.

MfG: M.B:

Reinhardt 17. März 2014 um 18:00  

@ Gerd Hellmood

Unerfreulich daran ist, dass Arschloch als beleidigung allem Anschein nach nicht mehr ausreicht.

Inzwischen wird jemand, um ihn richtig zu treffen, mit der übelsten Person, die unsere Geschichte bis jetzt zu bieten hat, verglichen.

So wie´s aussieht, ist der Hitler-Vergleich bei manchen Menschen so was wie die ultimative Beleidigung.
Vielleicht will man mit diesem Vergleich dem anderen Charakterzüge attestieren die auch dem Demagogen Hitler zugeschrieben werden. Und wer will sich das gefallen lassen. Der Vergleich wird gezogen um zu demontieren, zu verletzen, um herabzusetzen.

Interessant sind die Reaktionen der Verunglimpften die auf einen Hitler/Nazi-Vergleich folgen. Da empören sich nicht nur die Angesprochenen, es melden sich dann oft auch dieser Person nahestehende.

Von den Aufmachern in den Medien (xy hat yx in die Nähe von Hitler/Himmler etc. gerückt) ganz zu schweigen.

Ich würde irgendwie bezweifeln das eine vergleichbare Reaktion auf das Wort "Arschloch" folgen würde.
Dafür hat sich diese Bezeichnung zu sehr, nun ja, sagen wir "eingebürgert". Es entfaltet schon lange nicht mehr die Wirkung die es vielleicht mal hatte. Und mit jeder Beleidung soll doch letzten endes eine Wirkung erziehlt werden.

Und zu Hannah Ahrendt, möglicherweise steht hinter dem Bösen oft das Banale, eine traurige Figur deren Handlungen zu dem unfassbaren führen das wir nur schwer verstehen können, aber dieses Böse ist leider auch sehr real und seine Folgen sind nicht banal.

jakebaby 18. März 2014 um 02:34  

http://vimeo.com/72718945

And back to the Future.

Gerd Hellmood 18. März 2014 um 20:03  

@ Reinhardt

Ich kann deinen Standpunkt durchaus nachvollziehen. Dennoch bleibt ein Unbehagen meinerseits, welches ich vielleicht erklären sollte.
Ich habe einmal formuliert, dass es im deutschsprachigen Raum zu Hitler und Nationalsozialismus im Wesentlichen zwei Standpunkte gäbe. Zum einen behaupteten die Österreicher: Mir? Mir hobn mit dem Allen doch goar nix zu tun gehabt! Das waren doch Alles die Deitsch'n!
Diese Auffasung ist zumindest drollig. Wenn aber die Deutschen sich hinstellten und behaupteten das wäre alles nur ein einziger Österreicher gewesen, dann wird's grotesk.
Ich will damit sagen, dass jener Hitler schlicht überbewertet ist. Er ist ja schon fast der Heiland, der für die Sünden der willfährigen Eliten, die das alles zugelassen haben oder willfährig ausgeführt haben, gestorben ist.

Anonym 20. März 2014 um 18:57  

Das gehört eindeutig hierhin:

"Godwin's law applies especially to inappropriate, inordinate, or hyperbolic comparisons of other situations (or one's opponent) with Nazis – often referred to as "playing the Hitler card"."

https://en.wikipedia.org/wiki/Godwin%27s_law

MfG
Blondi

Anonym 20. März 2014 um 19:14  

ER gibt fleissig weiter Interviews, ja schämt der sich denn nicht, haben wir denn GAR NICHTS gelernt?! häschtägmyassironie

http://www.vice.com/de/read/in-panama-gibt-es-ein-dorf-in-dem-hitler-und-lenin-eine-beziehung-hatten

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