Eine kurze Expertise über die kurzen Expertisen

Freitag, 28. März 2014

Kurz bevor wir in die Welt da draußen mussten, saßen wir da und starrten in das »Morgenmagazin«. Ich trank dabei wie immer zu dünnen Kaffee. Sie brachten etwas zum verschwundenen Flug MH370. Keine Ahnung was, einfach nur das übliche »Kommt-alle-aus-den-Betten-die-Welt-hat-was-Spannendes-zu-bieten-Gefasel«, das man im Fernsehen um diese Uhrzeit so hört. Die Maschine war zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch nicht gefunden worden.
   »Vielleicht wurde sie ja von Außerirdischen entführt«, sagte ich zu meiner Frau und nippte am Wasser, das Kaffee sein sollte.
   Sie verdrehte nur die Augen. Und das forderte mich heraus, meine These zu verteidigen. Nicht, weil ich an sie glaubte. Ich mag es nur nicht, wenn man mir mit verdrehten Augen kommt.
   »Meinst du vielleicht, es gibt außer uns nichts? Ist das alles?«
   Ich zeigte auf die drei gutgelaunten Wesen auf dem Sofa und den Nachrichten-Mann, der im Hintergrund eingeblendet wurde.
   »Die drei Trottel auf der Couch, die schmale Krawatte von dem Nachrichten-Kerl und die Raute der Kanzlerin? Das muss ja ein mieser Gott sein, dem nicht mehr einfällt.«
   Nein, hört auf Leute, ich hör euch ja schon lamentieren: Ich glaube neuerdings nicht an Gott. Dazu habe ich keine Zeit und auch keine Lust. Aber als Polemik eignet er sich manchmal ganz gut.
   »Was soll also an meiner Theorie so unglaubwürdig sein?«
   Ich nippte nochmal am Wasser.
   »Kann doch sein, oder?«
   Sie gab mir einen Kuss und verdrehte wieder die Augen. Ich nehme an, diesmal, weil ich so ein guter Küsser bin.
   Ich ließ es dabei bewenden, wir mussten ja nun auch vor die Haustüre, ins Reich der Ellenbogen, in dem man sich solcher Gedanken nicht hinzugeben hat, wenn man ein ordentlicher Mensch sein will.

Das meint der Experte
Na gut, so ganz ließ ich es nicht dabei bewenden - jetzt kommt der Nachschlag. Denn wenn ich es mir so recht überlege, wusste ich in dem Moment etwa so viel, wie all die Experten, die sie rekrutiert hatten, als MH370 plötzlich weg war. Ich erinnere mich an einen Burschen, ich glaube von der »Deutschen Flugsicherung«, der sagte, dass allen Anschein nach und nach Sichtung der Fakten nur ein terroristischer Akt in Frage käme. Seine Ferndiagnose zündete nicht. Schon drei Tage später war diese Theorie schon wieder out. Da lag ich mit meiner Alien-Theorie auch nicht schlechter. Nur machte ich mich zum Narren, würde ich mich selbstbewusst hinstellen und sie verkünden. Aber diesen Burschen laden sie bei der nächsten Sonderbarkeit in den Lüften wieder ein.

Solche Experten sieht man alle Furz lang im Fernsehen. Zu jedem Thema ein Fachmann, der in knappen, aber doch bestimmten Stil expliziert, was jetzt ist, sein wird, was war und wieviel es kostet. Wahrscheinlich gibt es keine Studie dazu, aber ich nehme stark an, dass achtzig Prozent dieser Einschätzungen nicht zutreffen. Wer sollte eine solche Studie auch machen? Experten vielleicht?

Man hat es so weit gebracht, dass das »Metier des Experten«, falls man von einem solchen Metier überhaupt sprechen kann, stark gelitten hat. Wenn ich heute höre, dass sie sich mal wieder so einen Fachmann ins Studio eingeladen haben, dann sage ich: »Aha, wieder so ein Arsch von einem Laien, der es versteht, sein Bauchgefühl so bestimmt zu vertreten, dass sich keiner traut ihm zu widersprechen.« Daran mangelt es mir ganz offenbar. Schon wenn jemand mit den Augen dreht, bin ich aus dem Takt.

Die Experten in der Mediokratie sind Herolde der Sensationsmeldung, Verkündiger der Eskalation, Boten des schlimmsten anzunehmenden Vorfalls. Wenn irgendwo eine Bombe hochgeht, sagen sie, dass weitere Anschläge wahrscheinlich sind. Gibt es einen Virus, geben sie als Expertise ab, dass es sich wie eine Spanische Grippe auswirken könnte. Dass man beruhigt sein sollte, nichts so heiß gegessen wie gekocht wird, »Bleibm Se mal cool!« hört man von ihnen eher nicht. Der Fachmann ist im Medienbetrieb nicht dafür da. Er ist nur ein Fachmann, wenn er die Verschlimmerung einer Situation fachlich aufwerten kann. Die Entskandalisierung geschieht still und ohne fachliche Analyse. Sie soll unmerklich eintreten.

Wenn ich also meine kurze Expertise dazu abgeben dürfte: Es gibt sicherlich viele, die von ihrem Fach Ahnung haben. Man merkt es nur nicht mehr so richtig, weil überall kamerageile Quacksalber und selbstverliebte Scharlatane ihre Birne vor Objektive platzieren. Wir haben den Begriff des »Experten« umgedeutet und das glatte Gegenteil dessen dazu gemacht. Der Experte ist in der Schnelllebigkeit der News-Industrie einer, der den Eindruck eines Kenners vermitteln muss. Mehr braucht er nicht können. Meint es einer wirklich seriös und sagt als Soziologe zum Beispiel, dass man die oder jene gesellschaftliche Entwicklung vielleicht gar nicht zu skandalisieren brauche, dann disqualifiziert er sich. »Langweilig!« rufen sie dann und zappen weiter zu dem Soziologen, der gleich noch eine politische Einordnung mit ordentlich Pfeffer auftischt.

Wenn ich mich also jetzt hinstelle und was von Aliens rede, dann treffe ich wahrscheinlich so wenig ins Schwarze wie das seriöse Anzugswürstchen der »Deutschen Flugsicherung«. Aber witziger wäre ich allemal. Dass ich nicht an Aliens glaube, wäre dabei nicht mal hinderlich. Mein Lieblingsautor hat mal geschrieben, dass man wahrscheinlich »um so wirkungsvoller agieren [könne], je weniger man von einer Sache [versteht] oder daran [glaubt]«. Vielleicht sind auch deshalb all diese neoliberalen Pisser so glaubwürdig für die Menschen. Wäre doch auch mal eine These. Darüber muss ich nachdenken. Ich sag euch dann Bescheid.


15 Kommentare:

Anonym 28. März 2014 um 08:59  

ANMERKER MEINT:

Hinzu kommt noch, dass die "Expertengläubigkeit" dadurch noch mehr auf die Palme getrieben wird, weil diese "Experten" immer als NEUTRAL hingestellt werden; nach dem Motto "Der muss es doch es wissen", den haben wir extra aus dem "Expertenhimmel" geholt - extra für Euch. Dabei gehörte zu einem aufklärenden Journalismus, dass der "Experte" mit seinem persönlich-politischen Hintergrund vorgestellt werden müsste, damit die "Expertengemeinde" wüsste aus welcher Himmelsrichtung der Wind weht. Aber ach, ich glaube, ich schreibe gerade über ALIENS:

MEINT ANMERKER

Lutz Hausstein 28. März 2014 um 09:12  

Mit dem Thema "Experten" habe ich schon seit Jahren abgeschlossen. Die Expertomanie wurde inzwischen so weit auf die Spitze getrieben, dass sich mir automatisch sämtliche Borsten aufstellen, wenn ich nur den Begriff höre.

Dabei gibt es ja wirklich noch genügend Personen, die diese Bezeichnung zurecht verdienen. Doch diese kommen nur gelegentlich zu Wort. Stattdessen wird der verliehenen Expertenstatus einfach nur als Totschlagargument genutzt. Doch auch Experten müssen ihre Aussagen an der Realität messen lassen.

Besonders "weit oben" auf meiner Beliebtheitsskala stehen Universalexperten. Mehrfach in der Woche sieht und hört man sie in verschiedenen Talkshows, Interviews, Expertenrunden und Hintergrundgesprächen. Ihre Namen werden dann stets untertitelt mit "Experte für ...", wobei [...] dem jeweils behandelten Thema angepasst wird. Höre ich mir ihre Reden jedoch genauer an, dann muss ich immer wieder an Verona P. denken. Blubb.

Nein, mit "Experten" braucht mir niemand mehr zu kommen. Zumindest nicht mit dem bloßen Begriff und der darausfolgenden Erwartung, man müsse sich nun allein aufgrund des verliehenen Status huldvoll zu Boden werfen und jedes seiner Worte küssen. "Experte" oder Nicht-Experte - jeder muss seine Darstellungen an der Realität messen lassen.

Anonym 28. März 2014 um 10:35  

Die Menschheit sollte besser nicht ihre Nase über das allzu abergläubische Mittelalter rümpfen.
Wenn man genau hinsieht, dann existiert noch so viel Aberglauben, dass es für ein weiteres Mittelalter reicht.

ninjaturkey 28. März 2014 um 11:57  

Das lässt sich noch toppen indem man die Experten gleich ganz weg lässt und nur noch deren Ansichten verlautet. So meldet dann der Nachrichtensprecher das dieser oder jener Experte, oder gar allgemein "Experten", vermuten, glauben oder sagen, dass...
Bis vor einigen Jahren war ich der Ansicht, das ich für meinen, glauben und sagen keine Experten brauche, weil die doch eher wissen sollten oder aufgrund jahrelanger Expertise und aktueller Insiderinformation mit hoher Wahrscheinlichkeit prognostizieren können.
Statt dessen ergehen sich regelmäßig irgendwelche Menschen unklarer Herkunft und Befähigung in Spiekenkökerei - allen voraus unsere Wirtschaftsweisen.

alien observer 28. März 2014 um 16:03  

Ich bin sicher es gibt da draußen Menschen die was zu sagen haben. Verdammt, ich kenne sogar einige.

Was mich wirklich nur mit Kotzeimer durch das Fernsehprogramm zappen lässt ist, dass 99% der "Experten" hinter der Mattscheibe studierte Ökonomen sind.

Ökonomen erlauben sich zu jedem Scheiß ihren Senf abzugeben. So zu tun als hätte man Ahnung ist wohl die Kernkompetenz dieser Profitwissenschaftler?

Roberto De Lapuente 28. März 2014 um 16:07  

Du hast recht, die die Ahnung haben, sind nicht im TV zu sehen. Die, die keine Ahnung haben, sind eitel genug, sich in Szene zu rücken.

Braman 28. März 2014 um 16:24  

Hallo Roberto,
da muss ich doch auch meinen Expertensenf dazu geben.
Wie wurde Herr Merz "Wirtschaftsexperte" der CDU?
Antwort: Die Steuererklärung muss auf einen Bierdeckel passen!
Wie viel Beispiele dieser Art könnte man aufzählen nach einigen wenigen Nachforschungen (hauptsächlich) aus Politik und Medien.
Das heißt, es lässt sich jemand medial über ein Stammtischthema aus, schwupp, ist er ein Experte.
So, jetzt bin ich ein Experte im Experten entlarven.

MfG: M.B.

Anonym 28. März 2014 um 16:26  

"Wenn ich mich also jetzt hinstelle und was von Aliens rede"

Ich warte! :-)

Roberto De Lapuente 28. März 2014 um 16:33  

Wenn ich es mir so recht überlege, war die einzige Expertin, die es ins TV schaffte, Erika Berger. Die wusste, von was sie redete. Jedenfalls konnte man das meinen. Der Merz war nur Experte in Bullshit-Bingo.

Anonym 28. März 2014 um 17:32  

Peter Scholl-Latour... Welcher Auslandsjournalist hat mehr Background?

Art Vanderley 28. März 2014 um 18:00  

Wer was Kritisches zu aagen hätte , wird gar nicht erst eingeladen, vor allem im Bereich der Ökonomie.

Wolfgang Buck 28. März 2014 um 18:46  

Hoi lieber Roberto,

sicher alles richtig. Leider bin ich aber schon am Anfang des Textes hängengeblieben.

Warum jeden Morgen zu dünnen Kaffee? Lebt ihr erst drei Tage zusammen? Ist das eine besondere Form von Sado-Maso-Praktiken? Oder grüßt gar täglich das Murmeltier? :)

Ich schlage auf jeden Fall vor einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu initieren bevor Euer morgendlicher Kaffee ein Fall für Human Rights Watch wird.

Viele Grüße von einem der zu dünnen Kaffee als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ansieht.

Sledgehammer 28. März 2014 um 20:14  

Die Expertenschwemme ist das Feigenblatt des Dilettantismus.

rainer 29. März 2014 um 10:53  

its eoadres....es gibt nur einen EXPERTEN FÜR ALLES......und das bin ich.....

Anonym 31. März 2014 um 20:43  

zum thema experten fällt mir nur eines ein ......
ein Laie hat die Arche Noah gebaut und Experten die Titanik --- wer war erfolgreicher ?!
ROFL

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