Wie der kleine Tramp zur roten Fahne kam

Freitag, 10. Januar 2014

Es gibt da eine Szene in Chaplins Moderne Zeiten, die mir in den letzten Wochen immer wieder in den Sinn kam, als ich diesen Hype um diesen Chodorkowski ohne Worte beobachtete. Ich spielte sie mir im Kopf vor, bemühte später YouTube und befand: Ja, diese Szene kommt einer Parabel gleich.

Sie geht ungefähr so: Der kleine Tramp war mal wieder arbeitslos geworden und flanierte mit seinem Stöckchen die Straße entlang. Ein beladener Lastwagen biegt um die Ecke und fährt unmittelbar an ihm vorbei. Da die Last des Fahrzeugs über die Ladefläche hinausragt, ist diese mit einer roten Fahne gekennzeichnet. Die löst sich jedoch und fällt zu Boden - Charlie direkt vor die Füße. Der klaubt das Ding, das an einem Stock befestigt ist, vom Boden auf. Fahnenschwenkend läuft er hinter dem Lastwagen her. Will auf sich aufmerksam machen, die Fahne dem Besitzer zurückgeben. Einige Augenblicke später biegt ein Pulk von Demonstranten um die Ecke. Sie laufen diesem mit roten Tuch wedelnden Bannerträger nach. Charlie bemerkt nichts davon, er starrt immer noch dem Lastwagen nach. Wedelt noch. Kurz darauf erfasst die Polizei die Demonstranten. Sie hat in Charlie den Anführer einer kommunistischen Kundgebung identifiziert.

Diese Szene erscheint mir, je öfter ich mir sie ansehe, maßgeschneidert auf diesen Ex-Oligarchen, der wegen Steuerbetrug und Geldwäsche hinter Gittern saß. Aber nicht nur auf ihn. Ich glaube, viele Messiasse und Anführer, Erlösergestalten und Hoffnungsträger sind einfach nur zum richtigen Zeitpunkt an Ort und Stelle, um eine zufällig vor die Füße gefallene Flagge aufzuheben. Und dann stürmen sie los, schreien "Hallo, hallo, Sie haben was verloren!" und merken nicht, dass sie plötzlich eine Gefolgschaft in ihrem Rücken haben, die dieses Gewedel mit der Fahne als etwas interpretiert, was es gar nicht ist. Die Gefolgsleute haben ja nicht gesehen, wie der Bannerträger zu dem Utensil gekommen ist. Sie denken sich, er war immer schon da, hat nur auf Anhang gewartet. Sie sehen ja nur den einen Ausschnitt, der sich ihnen nach Abbiegen um die Ecke offenbart. Sie kennen den Typen, der ihnen voranläuft, nicht als trotteligen Finder einer Fahne, sondern als engagierten Tambourmajor für eine Sache, die sie sich einfach hinzudenken und von der dieser zufällige Typ an der Spitze des Pulks gar nichts weiß.

Woher soll ich wissen, welcher Schwertransporter an diesen Milliardär vorbeigefahren ist? Hat er die Fahne selbst aufgehoben oder hat ein Passant, der sie aufhob, sie ihm in die Hand gedrückt? Aber klar scheint mir, dass irgendein Laster eine Fahne verloren haben muss. Jungfrauen kommen sprichwörtlich zu Kindern, Heilsgestalten zu Fahnen.

Chaplin wollte mehr sagen als Seht her, die Fahne fiel dem Typen vor die Füße - das ist doch urkomisch! Ich glaube, auch er erblickte in solchen lustigen Zufällen eine Konstante, wie Heilande entstehen. Wahrscheinlich war noch jeder große Mann und jede große Frau nur durch einen Zufall an das Fähnchen gelangt, um es vorneweg zu schwenken. Plötzlich standen sie vor dem Lappen, hoben es auf, fragten nach wem es gehört und gerieten in eine Position, in der man Anhänger erhält. In der Chaplinade doppelt sich diese Heldentum durch Zufall sogar nochmals. Charlie sitzt also als Kommunistenführer im Gefängnis und gerät dort, wie auch immer - halten wir es kurz - in einen Kokainrausch, in dem er ungewollt einen Ausbruch seiner Mitinsassen vereitelt. Für diesen staatsbürgerlichen Akt hinter Knastmauern wird er vorzeitig entlassen.

Ich glaube, wir müssen die Geschichte der Menschheit als eine Akt begreifen, in der es oft zufällig Fahnen regnet, die zufällige Finder haben. Wenn ich recht überlege, kenne ich da noch eine Szene aus dem Kino, die nicht nur diese Zufälligkeit zeigt, sondern auch zu Chodorkowski passt. In Zemeckis' Forrest Gump nämlich. Forrest fängt aus Kummer und Frust zu laufen an, läuft quer durch die USA. Zeitungen berichten und plötzlich gilt er als Inkarnation des Kontemplativen, hat er eine Schar von Anhängern im Schlepptau, ja man könnte sagen: Mitläufer. Seine Absicht war das nie. Nach Monaten des Laufens bleibt er plötzlich stehen, dreht sich zu seinen Mitläufern um. Einer sagt: Er will uns etwas sagen. Und Gump sagt sinngemäß: Ich bin fertig, das wars. Er durchschreitet das Spalier seiner Anhänger und geht nach Hause.

Für mich ist das eine ganz ähnliche Szene wie die in Moderne Zeiten. Wenn auch nicht für jedermann und auf den ersten Blick. Chaplin hat ja auch nicht viel mit Sprache gearbeitet. Er mochte den Tonfilm ohnehin nicht so besonders, hielt ihn für einen Spleen, der bald wieder vom Markt verschwinden würde. Der stumme Chaplin war dann auch viel philosophischer als es der spätere, der vertonte. Jedenfalls, als Chodorkowski meinte, er würde sich politisch raushalten, auch auf juristische Schritte verzichten, da dachte ich spontan auch an Forrest Gump, wie er sich umdreht und sagt: Ich gehe heim. Nach Jahren im Gefängnis eine normale Aussage, finde ich.

Und die Mitläufer? Ach, die sind nur kurzzeitig enttäuscht. Bewahren sich ihren Messias im Herzen, bauschen "seine Lehre" weiter auf, verbrämen ihn zu einen guten Menschen, der besser als nur gut war und twittern und liken ihm den Arsch dermaßen voll, dass ihm das Lob oben wieder rauskommt. Und dann finden sie wieder einen, der zufällig eine Fahne gefunden hat, der Hallo, ihre Fahne! Hallo, ihre Fahne! Anhalten! schwenkt. Und wenn der Typ besonders gewieft ist, dann sagt er später, dass er die Fahne aus Überzeugung festgehalten, dass er sie erdacht und gebastelt habe, um Kopf einer notwendigen Bewegung zu werden. Dann sagt er nichts von Das wars, ich will heim!, sondern spricht von Vorsehung.

Das aber hat der ehemalige Oligarch nicht getan. Das macht ihn fast schon wieder sympathisch. Er hatte vermutlich einfach nur die Schnauze voll. So wie ich von denen, die ihn in den Himmel heben und nicht merken, dass sie nur die Mitläufer eines ehrlichen Finders sind, dessen Motiv lediglich war, das verlorene Gut dem Besitzer zurückzugeben.


12 Kommentare:

Hartmut B. 10. Januar 2014 um 06:35  

Vor sehr vielen Jahren, ca. 30, hab ich mich mal mit dem Verhältnis Charlie Chaplin zu Adolf Hitler befasst.
Für mich eines der wesentlichen Merkmale war das Geburtsdatum der beiden Chaplin 16.4.1889 - Hitler 20.04. 1889 .

Wie gesagt, nur für mich ein Merkmal.

Nachdem ich vor vielen Jahren einige Filme von Chaplin sah, wurde mir klar, diese Filme waren gegen seinen Erzfeind Hitler gerichtet.
Nur leider hat seine filmische Darstellung nicht ausgereicht, den größten Massenmörder aller Zeiten, Hitler, von seinem "Thron" zu reißen.
Ich wünschte mir es gäbe Millionen von Chaplins und nicht einen wie diesen schwersten Verbrecher, Hitler........

Friederike 10. Januar 2014 um 09:23  

draufgeklickt und festgelesen. Großartig! Danke!!

http://wahres.blogspot.de/ 10. Januar 2014 um 09:33  

Ein weieres Beispiel findet man im "Leben des Brian".

Was den Chorodkowsky angeht, bin ich
sehr skeptisch was seine eigene Intention angeht, aber seine Geschichte wird für übele Freiheitspropaganda missbraucht, so mein Eindruck

garfield 10. Januar 2014 um 12:51  

Charlie Chaplin, Forrest Gump als unfreiwillige Fahnenträger. Na, da fällt mir doch sofort noch jemand aus der Filmgeschichte ein:
Die Titelgestalt aus "Das Leben des Brian", wo in Jerusalem bekanntermaßen Jesus nur einer von vielen spinnerten Außenseitern ist, die jeweils nur eine Handvoll Zuhörer um sich scharen, während die Massen dem nichtsahnenden Brian nachlaufen und er sie erst los wird, als er ihnen seinen Schuh als Trophäe hinwirft.
Wäre diese Monty Python'sche Variante der Geschichte wahr geworden, hieße der heutige Heiland der Christen Brian und er selbst wüsste vielleicht nicht mal was von seiner Rolle.

klaus baum 10. Januar 2014 um 13:19  

roberto, für deinen artikel heute könnte man auch das diktum verwenden: es ist nicht das, wonach es aussieht.

http://www.youtube.com/watch?v=6nYfSiSHdVE

oder: er kam zur fahne, wie die jungfrau zum kind.

oder die völlig falsche deutung der subjektiven motive. letzteres war für mich als kind ein ständige quelle des leidens, weil die erwachsenen mir ständig etwas unterstellten, von dem ich gar nichts wusste.

Anonym 10. Januar 2014 um 14:39  

@Hartmut B.

Chaplin haßte Hitler tatsächlich von Anfang an, und auch deswegen weil er das Bärtchen von Chaplin geklaut hat, und, statt etwas wizigem, etwas dämonisches draus gemacht hat.

@Roberto J. De Lapuente

Völlige Zustimmung, und was du schreibst gilt übrigens ideologieübergreifend, wie man jetzt an denen sieht, die kapitalistischen "Heilanden" nachrennen, wie einst ihren kommunistischen Idolen: Angela Merkel.

Die gute Frau ist, eigenen Worten nach Thatcheristin, hat ergo - man kann es nicht oft genüg erwähnen - sich als Jüngerin der GB Maggie Thatcher geoutet, und keiner merkt es bis heute in .de.

Was Chaplin angeht, ist der Film nicht einer der Gründe gewesen warum ihn die USA in die Schweiz verbannt haben - wegen "kommunistischer Umtriebe?"

Ich meine in einer Biografie über Charlie Chaplin genau dies so gelesen zu haben, und warum Chaplin nie mehr in die USA zurückgekehrt ist ist wohl auch dieser McCarthy-Ära von damals zu verdanken.

Traurige Grüße
Bernie
(Der Chaplin, neben Laurel & Hardy, immer noch für einen der größten Komiker aller Zeiten hält)

Ute Gisela 10. Januar 2014 um 15:24  

"Moderne Zeiten" ist immer noch nicht aus der Mode gekommen, wie dieser schöne Beitrag von Robert zeigt!
Damit wir nicht zu gedankenlosen
Mitläufer_innen mutieren, benötigen wir Muße-Zeit zum Vor- und Nachdenken und Mitfühlen.
Oder wie Frigga Haug sagt:
«Wir brauchen Zeit, um mehr Freundlichkeit in diese Welt zu bringen» Sie verweist im folgenden Interview auch darauf, dass "Widerstand nicht an sich gut ist", sondern eine Perspektive
braucht. Fahnenschwenker_innen
mit Anhang im Schlepptau führen da eher in die Irre.
http://www.woz.ch/1337/weiter-denken-anders-handeln-teil-3/wir-brauchen-zeit-um-mehr-freundlichkeit-in-diese-welt-zu

Anonym 10. Januar 2014 um 16:49  

@garfield

"Das Leben des Brian" ist dir aber aus der Erinnerung entfallen. Oder?

Ich hab den Film vor kurzem gesehen, und die Szene mit dem Schuh auch in Erinnerung, aber leider ist Brian - bis zum Schluß - nicht aus der Messias-Rolle herausgekommen - deswegen singen die ja zum Schluß am Kreuz das bitterbös-ironische Lied "Always look on the bride side of life..."

Übrigens, ich hab den Spruch noch in Erinnerung, den wohl jeder "Messias" heimlich im Kopf hatte:

"Ihr müßt mir doch die Chance geben, da raus zu kommen."

Und? Wie antwortet die messiasblinde Tussy in der Menge?

"Nur der wahrhafte Messias verleugnet seine wahrhafte Existenz."

Amüsierte Grüße
Bernie
(Der Monty-Phyton-Filmfan ist)

Anonym 10. Januar 2014 um 18:36  

Die ganze Geschichte hat einen Haken. Es gibt keinen Zufall. Dennoch kann man natürlich an ihn glauben...

Der Souverän

EuRo42 11. Januar 2014 um 10:45  

Habe unausweichlicherweise einiges zum Thema gelesen, aber noch nie etwas so gutes. Dank an Roberto dafür. Was aber noch besser ist, durch die Kommentare bin ich auf Frigga Haug aufmerksam geworden. Eine Offenbarung. Besonderer Dank an Ute Gisela.
Blogs sind inzwischen Primärquelle für Information und Bildung, auch wenn das noch beiweitem nicht überall angekommen ist.

Max Jalón 11. Januar 2014 um 18:33  

Hallo, ich finde die Idee interessant, glaube aber, dass das ein Trugschluss ist.

So absolut gleichgeschaltet, wie die deutsche Presse reagiert hat, kann man meiner Meinung nach nur von einer geplanten und mit viel Geld (und Agenturen, die sich auf so etwas spezialisiert haben) durchgesetzten Kampagne sprechen.

Das bedeutet aber das Gegenteil Ihrer These. Er hat die Fahne nicht "gefunden" sondern sich in die Hand drücken lassen. Für Geld.

Und sich längerfristige strategische Ziele auszudenken, die dieser Mann hat/haben könnte bedarf es keiner größeren Phantasie.

maguscarolus 12. Januar 2014 um 14:15  

>>Die gute Frau ist, eigenen Worten nach Thatcheristin, hat ergo - man kann es nicht oft genüg erwähnen - sich als Jüngerin der GB Maggie Thatcher geoutet, und keiner merkt es bis heute in .de.<<

Möge sie sich doch auch morbus-mäßig ihren Vorbildern Reagan und Thatcher anschließen – besser heut' als morgen!

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