Von Edmund Burke zu Joachim Gauck

Mittwoch, 15. Januar 2014

Eine besonders kurze Geschichte der politisch konservativen Freiheit.

Edmund Burke, der gegen die "Gleichmacherei" der Französischen Revolutionäre anschrieb, gilt heute als der Vater des politischen Konservatismus. Joachim Gauck, der sich die Aura eines Liberalen zugelegt hat, ist sein Urenkel. Ein kurzer Blick auf die Quintessenz von Burkes Werk verdeutlicht das. Auch er predigte Freiheit und meinte etwas ganz anderes damit.

I. Edmund Burke (1729 - 1797)

Gesellschaft war für Burke eine organisch gewachsene Ordnung, die nicht auf Vernunftprinzipien beruhe, sondern auf "the spirit of the gentleman" und "the spirit of religion". Wahre Freiheit ist die Freiheit zu tun, was sich zu tun gehört. Oder mit den Worten Burkes: "Wahre Freiheit ist die Freiheit, sich unter die Regeln zu fügen." Freiheit ist überdies, sich in Traditionen und Institutionen einzufügen. Der Bruch mit ihnen ist nicht freiheitliche Handlung, denn sie sind organisch gewachsen und daher nicht einfach zu amputieren.

Burke sah in den unteren Ständen keine richtigen Menschen. Er nannte sie "instrumentum vocale", Werkzeuge mit einer Stimme, die nicht viel wertvoller seien als das "instrumentum mutum", das stumme Werkzeug, also etwa ein Pflug oder ein Eimer. Seine "strukturierte Ordnung", beschreibt er so: "Das Tier ist für den Pflug und den Wagen, die es bewegt, das beseelende Prinzip; der Landarbeiter führt das Tier seiner Arbeit zu; und der denkende Bauer fungiert als leitendes Prinzip für den einfachen Landarbeiter. Diese Ordnungskette wo auch immer unterbrechen zu wollen wäre absurd."

Jeder hat seinen Platz. Und jeder sollte diesen Platz kennen. Das ist die natürliche Ordnung der Dinge, in der sich Freiheit entfalten können sollte. In der Französischen Revolution sah er einen Affront gegen dieses natürliche Konzept. Das müsse aber in einer Katastrophe enden - und mit Freiheit hat es nichts mehr zu tun. "Wenn die Masse nicht unter den disziplinarischen Vorgaben der Weisen, Befähigten und Reichen steht, so kann man schwerlich davon sprechen, dass sie in einer zivilisierten Gesellschaft lebt." Ganz offensichtlich ängstigte sich Burke vor der Demokratie. Über die Pariser Sansculotten schrieb er überdies: "Diese Art von Menschen hat nicht unter der Unterdrückung des Staates zu leiden, sondern der Staat würde in Niedergang geraten, wenn es solchen Leuten ob einzeln oder gemeinsam gestattet wäre, zu lenken oder zu verwalten."

II. Konservatismus und Freiheit

"Die Konservativen haben immer nur um Freiheit für die höheren sozialen Schichten und um Freiheitsbeschneidungen für die unteren sozialen Schichten gefochten", schreibt Corey Robin in seinem Buch The Reactionary Mind. Daher findet der Freiheitsbegriff bei Konservativen immer nur im engen Rahmen statt. In einer gottgewollten Ordnung, einem gewachsenen Organismus oder ähnlichen Denkkonstrukten und stets basierend auf Traditionen, die daraus sprossen.

Georg Kreisler singt in Meine Freiheit, deine Freiheit, dass Freiheit "was anderes als Zügellosigkeit" sei. "Freiheit heißt auch Fleiß, Männlichkeit und Schweiß." Man müsste im Sinne Burkes ergänzen, dass Freiheit auch bedeute, seinen Platz in der Welt zu kennen. Und davon handelt Kreislers Liedtext dann auch. Er hat einen sehr intelligenten Text über die politisch konservative Freiheit geschrieben. Über einen pervertierten Begriff, der bei Orwell mit der Losung "Freiheit ist Sklaverei" beschrieben wurde.

Der politische Konservatismus führte die Freiheit immer im Mund. Er hat davor gewarnt, dass die Freiheit in Gefahr sei, wenn der Sozialismus komme. Heute sieht er sie in Gefahr, wenn linke Wirtschaftspolitik gemacht wird. Freiheit meint aber immer eine eingeschränkte - eine die nicht einfach  Freiheit ist oder die sich einfach die Freiheit nimmt, dies oder das zu tun, sondern die sich an Maßgaben auszurichten hat. Es ist eine Freiheit, um die man bitten muss und auf die man auch verzichten sollte, wenn der Bitte nicht stattgegeben wird.

Man sollte Konservative, die viel von Freiheit sprechen, nicht mit Liberalen verwechseln. Auch dann nicht, wenn sie es auf Geheiß des obersten Amtes im Lande tun. Und damit wären wir, indem wir Generationen von Konservativen und ihrer Freiheitsrhetorik galant übersprungen haben, bei Burkes Urenkel.

III. Joachim Gauck (1940 - heute)

Die" [Ordnungskette] unterbrechen zu wollen wäre absurd", schrieb Burke. Gauck erklärt Demonstrationen regelmäßig für absurd. Die Demos gegen die Agenda 2010, auch Montags-Demos genannt, griff er scharf an. Später spottete er über die Lächerlichkeit der Occupy-Demonstrationen. Für ihn sind das Zusammenrottungen von Menschen, die vergessen haben, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Menschen, die die Ordnungskette durchbrechen wollen und das leitende Prinzip der Hierarchie, diesen Grundpfeiler der Freiheit, missachten.

Die Freiheit, die sich Edward Snowden nahm, nannte Gauck einen "puren Verrat". Nachvollziehbar für jemanden, für den Freiheit bedeutet, nur das zu tun, was zu tun sich geziemt. Snowden hat den Platz, der ihm zugeteilt wurde, verantwortungslos verlassen und die konservative Freiheit völlig falsch verstanden. Dafür gehört er natürlich bestraft. Die organische Ordnung, die die Gesellschaft ist, hat eben Geheimdienste und deren Praxen entstehen lassen. Sie sind quasi mit dem Organismus gewachsen. Burke spricht davon, dass man Fehlentwicklungen korrigieren sollte. Allerdings organisch, was so viel heißt wie: Die Herrscher sollten einsehen, dass etwas zu ändern sei. Es liegt also nicht im Ermessen einzelner Personen (Zitat Burke: "... diese Art von Menschen ..."), die Freiheit mit Zügellosigkeit verwechseln.

Gaucks kompletter Freiheitsbegriff ist keinem liberalem Konzept entsprungen, sondern Ausdruck eines bigotten Konservatismus. Freiheit verbindet er stets mit Regelwerk und "an sich halten". Nimmt sich jemand eine Freiheit heraus, rümpft er verächtlich die Nase und bewertet es als fehlgeleitete Freiheit. Er klingt wie der singende Kreisler: "Freiheit ist was anderes als Zügellosigkeit!" Und wahrlich ist seine Freiheit ganz viel "Fleiß, Männlichkeit und Schweiß". Wenn man Gaucks Ansichten zum Kriegseinsatz deutscher Soldaten im Ausland im Hinterkopf hat, dann ahnt man ganz besonders, welche Männlichkeit in seiner Interpretation von Freiheit steckt. Er würde als Pastor freilich weniger von organischer Ordnung sprechen. Für ihn ist sie eher gottgewollt.

"Wahre Freiheit ist die Freiheit, sich unter die Regeln zu fügen." Dieses Zitat von Burke ist ebenfalls die Losung des Joachim Gauck. Auch er predigt einen liberal aufgemotzten Untertanengeist. Er ist ein würdiger Nachfolger vieler konservativer "Freiheitshelden". Oswald Spengler und Ayn Rand bedienten sich bei Burke. Und George W. Bush soll ihn verehren. Gauck geht noch weiter: Er predigt ihn.


12 Kommentare:

maguscarolus 15. Januar 2014 11:41  

Der Standpunkt Konservativer war und ist von jeher die Bewahrung der bestehenden Eigentumsverhältnisse und die Verteufelung aller Bestrebungen, den von einer Gesellschaft insgesamt erarbeiteten Wohlstand etwas gerechter zu verteilen.

Daher findet man "99% der Eigentümer" bei den Konservativen.

Das ist die innerste und die einzige Substanz konservativen Denkens. Alles Andere ist nichts als rechtfertigendes Geschwurbel und Pfaffengewäsch.

skippi 15. Januar 2014 13:12  

Äußerst gelungene Einordnung, des Herrn Gauck.

Gauck als Phönomen zu begreifen und zu erklären, ist nicht leicht - den bekommt man schlecht zu packen.
Hier volltrefflich gelungen.

Jutta Dittfurth hat es bei Lanz ebefenfalls gut auf den Punkt gebracht.
http://www.youtube.com/watch?v=tUmBLZJOZFY

Pumuckl 15. Januar 2014 15:04  

Konservative und Progressive haben unterschiedliche Menschenbilder. Konservative berufen sich auf Erfahrung mit dem Mensch aus der Geschichte, Progressive halten diese Erfahrung für selbst-produziert, als Folge dieser verankerten Sichtweisen.
Man kann letztlich nicht sagen, wer Recht hat, es gibt keine Gesellschaften, die man in dieser Hinsicht vergleichend gegenüberstellen könnte.

Sascho Georgiew 15. Januar 2014 22:54  

Wer zu Stasi "nein" und zu NSA "ja" sagt, kann die Klappe halten, weil er nix mehr zu sagen hat !

Anonym 16. Januar 2014 07:58  

Soziale Sicherheit ist die Basis jeglicher Freiheit.

ninjaturkey 16. Januar 2014 10:29  

Der olle Gauck ist PASTOR. Als solcher ist er wie seine katholischen Kollegen seit dem Studium in eine strikte Hierarchie eingebunden, der alles unter ihm als Laie ( also: hat keine Ahnung, braucht und will Führung) gilt. Für seine privilegierte Position muss er innerhalb seiner Hierarchie nur in einigen Bereichen das eigene Hirn ausschalten und nach oben hin brav ja und vor allem amen zu sagen. Dafür erhält er das Recht, anderen zu predigen und Vorhaltungen zu machen. Der armen Mann kann gar nicht mehr anders als zu denken wie er denkt und zu reden wie er redet.

Hartmut B. 16. Januar 2014 12:12  

@skippi

danke für die Verlinkung - ein widerliches Publikum, ein widerlicher Moderator, vom Rest will ich schweigen.....

die einzige Person, die ich hier ehre
ist Jutta Ditfurth....so meine Einschätzung und mein Empfinden......

maguscarolus 16. Januar 2014 13:09  

Konservative und Progressive haben unterschiedliche Menschenbilder.

Diese ganze "Wertediskussion" ist meiner Überzeugung nach nichts Anderes als ein Teil der Ablenkungsmanöver (Schaukämpfe), durch die der gutgläubig zuschauende Zeitgenosse von der brutalen Tatsache abgelenkt werden soll, dass "die Konservativen" dabei sind, sich immer größere Stücke der Welt privat anzueignen und immer weitere natürliche und menschliche Ressourcen unserer Welt auszubeuten und zu versklaven.

Die ganze "Tiefgründigkeit" konservativer Rechtfertigungstheorien ist nichts als eine Theaterkulisse, die den Blick auf die wesentlichen Prozesse "hinter der Bühne" verbauen soll.

Pumuckl 16. Januar 2014 22:45  

@ maguscarolus
"Diese ganze "Wertediskussion" "

Ich sprach von Menschenbildern. Anthropologisch.

R@iner 16. Januar 2014 23:44  

Schöne Analyse.

curti 17. Januar 2014 08:44  

Gauck hat sich während seiner Präsidentenkür als konservativ, liberal und links beschrieben und damit versucht eine Nebelbank um sich zu ziehen. Hinzu kommt die Verklärung zu seiner Person, die von den Mainstream-Medien ausgeht. Springer beschrieb ihn bereits als "Präsident der Herzen" als ihn kaum einer kannte. Besonders abstoßend wirkt die ihm zugeschriebene Eigenschaft eines Bürgerrechtlers oder Freiheitskämpfers (in letzter Minute - Leute habt keine Angst, laßt mich hinter´n Baum ;-). Im Ergebnis liegt er aktuell auf dem Spitzenplatz der Beliebtheit, die das Volk seinen Politiker entgegen bringt. Selbst Mutti muß da erblassen.

Dabei ist Gauck zutiefst geleitet von den Motiven, die der Autor hier brillanterweise offen gelegt hat. Diese Charakteristik zieht sich durch seinen wendehalsigen Werdegang und spiegelt sich ebenso in vielen seiner Reden. Es genügt Ohren und Augen auf machen, einen klaren Verstand einschalten und es fällt nicht schwer Gauch als das zu erkennen was er ist!

Auf youtube gibt es einen Mitschnitt, in dem er vor einem Unternehmerverband Linke in der Ex-DDR definiert. Auch interessant ist ein Interview auf Spiegel-TV, damals als Leiter der "Gauck-Behörde". Seinerzeit wurde ihm die Funktion als Inquisitor nachgesagt, eine Rolle in der er sich bestimmt gefallen hat. Ein eitler Goclkel ist farblos ihm gegenüber.

https://www.youtube.com/watch?v=Cq0FVDaXITU

https://www.youtube.com/watch?v=eZB9YrX3DEo

Beide Videos, die Mimik, Gestik und vor allem der wörtliche Ausruck, sind ein Meisterstück der Selbstentlarvung.

Auf SPON gab es gestern einen Artikel zu seiner Rede, mit dem er den Neoliberalismus verklären wollte und in der er den Staat vor Eingriffen in die Wirtschaft warnte. Auch hier wird er seiner wirklichen Person und Rolle vollständig "gerecht". Da dies zu Beginn der GriKo erfolgte, gehe ich vor dem Hintergrund einer überwältigenden Mehrheit im Bundestag und Bundesrat davon aus, daß nun zusammen kommt was mit der Kiellegung seiner Wahlaufstellung durch Rot/Grün auch zusammen gehört. Agenda 2020 und andere Ferkeleien grüßen bereits im Hintergrund!

http://www.hagalil.com/archiv/2012/02/20/gauck/

Anonym 17. Januar 2014 12:41  

Hier ein schöner Kommentar (23) zu des Paffen Rede vom 16.01.2014 bei Spon
F r e i h e i t ü b e r a l l e s (Predigt)
Na wenn der Gauck das sagt, sollte es stimmen. Ist etwas abseits des Themas, aber dennoch zu Gauck: Neulich ist ja Gefängnisinsasse in den USA in den freiwillig ins Gefängnis zurückgegangen, weil es ihm draußen in der Freiheit zu kalt war. Da hätte er einfach mal vorher eine Predigt von Gauck verpasst bekommen müssen, dann wäre er bestimmt nicht zurückgegangen: "Mein Sohn, Freiheit ist nicht einfach. Freiheit ist Anstrengend, das heißt Freiheit heißt auch zu erfrieren in der Freiheit. Das ist aber immer noch besser, als in das warme, von Gesellschaft gemachte Nest zurückzugehen und unfrei zu sein. Freiheit hast du dir verdient mein Sohn, so genieße die Freiheit und ertrage den Frost als Preis der Freiheit. Freiheit fordert viel ab von den Menschen, viele Menschen geben ihr Leben für die Freiheit. Und dazu solltest du auch bereit sein. Freiheit bedeutet Verantwortung und Entbehrung. So wärme dich ausschließlich mit den Gedanken, dass du in Freiheit bist und selbst Verantwortung für dein Leben trägst. Auch wenn du dein eigenes Erfrieren verantwortest, mein Sohn!"

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