Das neue Gesinde des Hauses Deutschland

Montag, 13. Januar 2014

Die spätviktiorianische Popkultur, in der wer leben.

Wenn man eine Sozialgeschichte des viktorianischen Bürgertums und seines Gesindes liest, erfährt man von arbeitenden Menschen, die keinen Dank oder gar eine angemessene Bezahlung erhalten haben. Sie mussten ihren Dienst unsichtbar erledigen und es kam nicht selten vor, dass die Herrschaften nicht mal wussten, wie ihr Personal eigentlich heißt. Man wollte es auch nicht wissen, um möglichst Distanz zwischen sich und diese Unterprivilegierten zu bekommen. Viele stolze Männer und Frauen zerbrachen und litten. Denn hätten sie aufgemuckt, wären sie auf alle Zeit gesellschaftlich geächtet gewesen. Wir sind dabei, diese Sozialgeschichte neu zu schreiben, indem wir diese Gesellschaft zu einem Haushalt machen, in dem es von domestic workers, wie dieser Stand im Englischen viel trefflicher heißt, nur so wimmelt.

Letztens erzählte mir ein Kurier, dass er nicht nur beschissen bezahlt werde, bei seinem Boss um allerlei gesetzlich garantierte Sozialstandards ringen müsse, sondern von den Leuten, die er beliefere, gar nicht als vollwertiger Mensch betrachtet würde. Sie sehen ihn nicht an, machen ihm nicht den Weg frei, obwohl er schwer beladen taumelt, sagen nicht Bitte und nicht Danke, grüßen nicht und geben ihm stattdessen ein Gefühl dafür, dass er jetzt gerade ein Störenfried ist. Ein anderer Lieferant teilte mir ähnliche Erfahrungen mit. Als der Lieferanteneingang von jener Dame zugeparkt war, die beliefert werden sollte, und er sie fragte, ob sie geschwind ihren Wagen zur Seite fahren könne, sagte sie nur pikiert: Sie sind doch Dienstleister. Nehmen Sie doch den Hintereingang.

Mir fiel ein Buch ein, das ich vor vielen Jahren mal gelesen hatte. Den Titel habe ich vergessen. Darin ging es um die Arbeitsverhältnisse der "dienstleistenden Unterschicht" auf der Insel der viktorianischen Jahre. Wenn man überhaupt von Dienstleistern sprechen kann, denn es ging um allerlei entwürdigende Stellungen im und ums Haus. Um handymen und cleaner, um boot boys und gardener. Um Dienerinnen und Diener, Mägde und Knechte, Küchenmamsells und Haushälterinnen, Dienstboten und Stallburschen. Um das ganze Gesinde, das eine bürgerliche oder adlige Familie so unter ihren Fittichen hielt. Darin wurde beschrieben, wie diese Leute arbeiteten, lebten, schliefen, aßen und sozial wahrgenommen wurden. Zwar waren sie keine Sklaven, erhielten Geld für ihre Arbeit, waren aber nicht angesehen. Sie bekamen natürlich nur wenig Geld, gerade so viel, dass sie einige Groschen hatten; Kost und Logis wurde ja zudem verrechnet. Sie hausten in engen Kammern oder schliefen in der Küche auf einer Bank, in die die Herrschaften so gut wie nie kamen. Manches Herrenhaus hatte noch nicht mal einen eigenen Schlafraum für die Belegschaft, die aber im Haushalt leben musste.

Gut, so schlimm steht es um das Gesinde 2.0 in der Prüderie dieses neoliberalen Viktorianismus dann doch nicht. Keiner pennt in der Küche bei seinem Chef. Interessant, weil vergleichbar, ist eher, dass die damalige Oberschicht dieses Gesinde zwar brauchte, um nicht selbst Hand anlegen zu müssen. Es aber auch gleichzeitig als störenden Faktor im eigenen Haus, als Belästigung des eigenen Familienlebens wahrnahm. Daher entfremdete man das Gesinde von normalen Umgangsformen, sprach es nicht mit ihren Namen an und lehrte es, den Herrschaften immer schön brav aus dem Wege gehen. Bill Bryson schreibt in seiner ausgezeichneten Kurzgeschichte der alltäglichen Dinge, dass es Herrschaften gab, die ihrem Gesinde feste Vornamen gaben und diese auch auf deren Nachfolger übertrugen. So konnten dann sechs Köchinnen über vier Jahrzehnte lang allesamt Maggie gerufen werden und der Ablauf wurde nicht unnötigerweise gestört.

So in etwa geht man heute mit dem Hausgesinde der Deutschland AG, mit den Niedriglöhnern, die dienstleisten und beliefern, die anfahren und kochen, die bedienen und servieren, die putzen und richten, die kurz gesagt: sich an Tätigkeiten abschuften, die "bessere Menschen" nicht tun wollen, auch wieder um. Mit all den Dienstboten von Hermes bis GLS oder mit allen Küchenmädchen bei McDonalds bis Subway. Auch sie dürfen nicht aufmucken. Sonst ist man schnell pikiert und glaubt, da weiß einer nicht, wohin er gesellschaftlich gehört. Aufmüpfige domestic workers werden zwar nicht wie damals sozial geächtet, erhalten keinen Eintrag ins Arbeitsbuch; sie werden einfach nur durch Erteilung von (Langzeit-)Arbeitslosigkeit geächtet. Bis sie weich genug sind, wieder ihren Dienst anzutreten. Stolz als Ausdruck sich selbst zugestehender Würde, ist diesem heutigen Gesinde auch nicht möglich.

Gerade bei diesen Jobs, die die moderne Konsumwelt zum Massensymptom gemacht hat, bei Liefer- und Bringdiensten, kehrt sich das gesamte neoliberale Menschenbild hervor. Es ist ein spätviktorianischer Drang, die Welt wieder in Herren und Gesinde zu teilen, wobei die Kaste der Herren größer wurde, jeder bezahlende Kunde kurzzeitig eine Herrschaft auf Zeit sein darf. Eine Popkultur der hierarchischen Prüderie ist im Begriff, den Snobismus der Vergangenheit neu zu reaktivieren. Fortschritt ist dabei nur, dass der Laufbursche auch Herr sein kann, wenn er die Dienste eines Paketzustellers in Anspruch nimmt.

Wobei ist das wirklich so neu? Bryson schreibt unter anderem auch, dass gewöhnliche Arbeiter Diener hatten. "Manchmal hatten Diener Diener." Das war nach Bryson so, weil die Menschen damals im "Zeitalter der Diener" lebten. Und das, so glaube ich manchmal, bricht wieder an. Solche Jobs hat es freilich immer gegeben, aber die Geringschätzung mit der man ihnen begegnet, war nie zuvor so krass. Ich weiß letztlich, wovon ich rede - ich habe ja eine Weile Pizza geliefert. Das wenige Geld war schwer verdient, weil man an beinahe jeder Haustüre erfahren hat, dass man für den letzten Dreck gehalten wird.


16 Kommentare:

TaiFei 13. Januar 2014 um 07:12  

Übrigens, diese viktorianischen Verhältnisse findet man HEUTE noch 1:1 in Singapore, Hong Kong und Taiwan, wo sich die Mittelschicht so ´ne "Hilfe" aus den Philippinen/Indonesien leistet. Hatte erst letztens eine Reportage gesehen, wo es darum ging, in Singapore für diese Beschäftigten einen gesetzl. vorgeschriebenen freien Tag pro Woche einzuführen, wie er in HK und Taiwan bereits besteht. Die Reaktionen darauf waren einfach nur widerlich.

maguscarolus 13. Januar 2014 um 08:14  

Ist schon etwas älter:

"Arbeit poor" von Barbara Ehrenreich.

Bis ins kleinste bitterste Detail wird das Schicksal des "Gesindes" der amerikanischen "besseren" Gesellschaft beschrieben.

Anonym 13. Januar 2014 um 08:23  

"[...]Wobei ist das wirklich so neu? Bryson schreibt unter anderem auch, dass gewöhnliche Arbeiter Diener hatten. "Manchmal hatten Diener Diener." Das war nach Bryson so, weil die Menschen damals im "Zeitalter der Diener" lebten. Und das, so glaube ich manchmal, bricht wieder an[...]"

Es war aber nicht nur das "Zeitalter der Diener" sondern auch das Zeitalter der echten Sklaverei, und kein geringerer als der Star-Regisseur Quentin Tarantino hat es im neuen Film "Django Unchained" gut in Szene gesezt als er den Film mit dem schlimmsten aller Sklavenfeinde enden ließ, der bis zum Schluß unbelehrbar blieb, der Haussklave der Plantage.

Mir geht es übrigens ähnlich wie dir, denn irgendwo, in einem Buch, dessen Titel mir auch längst entfallen ist las ich einmal "Der schlimmste Feind des Sklaven ist der Sklave".

Traurig, aber leider wahr, und ich glaube eher, dass manche Neoliberaliban nicht beim Hausdiener feuchte Träume kriegen, sondern beim Hausskalven, der kostet nämlich McNeoliberaliban nix, und ist bis über den Tod hinaus treu - siehe "Django Unchained".

Gruß
Bernie

flavo 13. Januar 2014 um 10:57  

Ein exzellenter Text! Ich stimme allem vollum zu. Im Zusammenhang mit der Hausarbeit kann ich fast nicht, nicht auf den Feminismus zu verweisen und wie dieser sich in großen Teilen von diesem vormals handlungsspezifischen Marker der Frau verabschiedet hat. Gab es anfangs noch Ansprüche auf eine gerechte Umverteilung dieser notwendigen Arbeit, löschte der neoliberale Meritokratismus die Hausarbeit aus dem wissenschaftlichen Diskurs größtenteils heraus und verlagerte ihn in die Logik sozialer Hierarchie, sprich Klassen. Die niederen Klassen sind nämlich geschlechtsneutral. Wie Eunuchen. Eine Magd oder ein Knecht, was spielt das schon für eine Rolle? Ach größtenteils machen in der Unterschicht Frauen Hausarbeit? Naja, das werden sie wohl so wollen. Sie könnten ja auch arbeiten gehen. Man muss natürlich etwas dafür tun, da fehlt es vermutlich schon woanders und nicht am Geschlecht. Hingegen, soll eine Bildungsbürgerfrau etwa Hausarbeit machen? Nein, wo kämen wir hin mit all diesem Patriarchalismus und Maskulinismus? Man hat das überwunden. Heute kann man diese Tätigkeiten Einwanderern oder Ungelernten als Sprungbrett anbieten, man kann darin großzügig und hilfsbereit sein.
Die Frauen haben sich also abgespalten von den Frauen. Jene mit den Aufgaben der Hausarbeit wurden zur geschlechtslosen Unterschicht, Eunuchen, die für sich oder für andere Hausarbeit machen, diese hier ohne zur emanzipierten Frau.
Abgesehen von der Zenphilosophie, welche in Haus- und Gartenarbeit Wesentliches erkennt (wenngleich die sog. Meister in der Regel davon mit zunehmender sog. Erleuchtung immer weiter sich entfernen, aber der Sache nach sei es wenigstens anders) ist sie die schlechthin sinnlose Tätigkeit. Vermutlich wird der Stuhlgang eines Bildungsbürgers bedeutender gewertet als das Abspülen eines Tellers oder kehren. Du liest Sartre und Butler? Ich kehre und wische dann den Boden! Was ist gewichtiger? Gemäß unserer Ideologie halten wir erstere Erlebensstromsequenz für irgendwie fülliger, gehaltvoller, wahrer, besser. Warum, das dürfte sich ideologiefrei wohl nicht bestimmen lassen. Dennoch schmerzte es wohl jeden Bildungsbürger, sich auf die Seite des Wischens zu schlagen. Ich habe mich entwickelt: ich lese nicht mehr Sartre und Butler, sondern wische nun den Boden.
Es ist freilich sehr schade, dass es heute zum vorreflexiven Zustand ganz gewöhnlich gehört, Menschen nach sozialen Hierarchien wahrzunehmen. Das Etablieren solcher hierarchiespezifischen Wahrnehmugsmatrizen ist zweifellos ein Rückschritt. Schwer gehen sie nur weg. Hatte man mit der klassenlosen Gesellschaft eine Idee, dass potentiell alle aus guten Gründen gleich anzuerkennen sind und Ab- und Aufwertung von Menschen entlang von Kapitalsorten falsch ist, so kehrt sich dies anscheinend zusehends um. Nun wurde es aus der Nachdenkzone entfernt und in das Reich der Stabilitäten gegeben. Stabil ist, dass es Hierarchie gibt. Stabil ist, dass der Zusteller nicht beachtet werden muss. Stabil ist, dass Hausarbeit eine Billiglohnkraft verrichtet. Man braucht darüber nicht zu reden. Darüber redet man auch gar nicht. Lasziv und froh über den erreichten Wohlstand äugt man aus den Augenwinkeln. Man selbst ist in unterschiedlichen Erlebensstrombahnen. In dieser hier siehst du den Treppenkehrer als minderen Menschen oder gar als etwas Unzugängliches, das ein mal zur Woche zur Treppe gehört wie ein Blumenstock fortdauernd es tut, in jener Bahn bist du einmal in der Woche der Treppenkehrer, der unsicher und höflich grüßend, aber keinen Blick bekommend die Notarin an sich vorbeigehen sieht.
Hier der Zusteller, der ein schmächtiges Männchen im Casuallook vor sich sieht, das ihn erzieherisch anmahnt, dass es diesmal kein Trinkgeld gibt, weil er sich um 5 Minuten verspätet hat, da der Unternehmersohn, der einem Unrasierten mit Mütze die Tür öffnet, der ihm das Essen zu spät gebracht hat und daher nun Anreize aufgetischt bekommt, das nächste Mal pünktlicher zu sein. So wie er es von seinem Vater im Betrieb gelernt hat.

Anonym 13. Januar 2014 um 11:16  

Hallo,
mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen! "Working poor" fällt mir dazu noch ein. Wobei die Bediensteten der viktorianischen Zeit ein Dach über dem Kopf hatten. Heute ist es den "Herrschaften" doch egal, in welcher Schimmelbude der Billigstlöhner haust.

Gruß
Madara

Anonym 13. Januar 2014 um 14:28  

Ein schöner Artikel, Roberto! Ich schreibe gerade eine Semesterarbeit über das Gesinde im Preußen des späten 18. Jahrhunderts und kam dabei des öfteren auch nicht umhin, an heutige Billiglohn-Verhältnisse zu denken. Und sogar das Gejammer der "Herrschaft" war das Gleiche. J.G. Krünitz schrieb im 17./18. Jh.: "Indem ich von der Rohigkeit des Gesindes rede, so ist es, ohne Erinnern, gewiß, daß ich den größten Theil dieser Art Leute betrachte. Denn einer oder der andere vernünftige, gesittete und ehrliebende Bediente hebet dieses allgemeine Uebel bey weitem nicht auf. Eben so ist es auch leicht begreiflich, daß ich hier durch das rohe Wesen des Gesindes nichts anders, als dessen Mangel an Erkenntniß und Ausübung der Pflichten und guten Sitten verstehe. (...)"
Und auf Spiegel online dann heute dieser Artikel: http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/ausbildung-arbeitgeber-beklagen-maengel-bei-berufsanfaengern-a-943191.html
Nur ein Beispiel für dieselbe Herren-/Diener-Mentalität wie vor fast 250 Jahren...

Lothar 13. Januar 2014 um 14:32  

Dazu muss man sagen, dass Deutsche der älteren Generationen vertraut damit sind, sich mit mehreren Leuten ein Zimmer zu teilen - in den Jahren nach 1945. Mein Vater und seine Schwester mussten sich ein Bett in einer Baracke teilen.

Ich selbst lade z.B. unseren Briefträger im Sommer immer zu einem Kaffee udn einem Plausch ein, wenn er gerade vorbeikommt, wenn meine Frau und ich auf der Terrasse vor unserem Haus sitzen, zu Weihnachten bekommt er ein Weihnachtsgeschenk.
Ich mag es einfach, mit den Leuten in meiner Umgebung sozial verbunden zu sein, und zumindest in meinem Freundeskreis ist es ähnlich.

Anonym 13. Januar 2014 um 14:34  

Diese Form des Sozialrassismus- man kann es ruhig so nennen- hat sich auch an den Universitäten breitgemacht. Wenn man so hört, was die "akademische Elite" von morgen so alles von sich gibt... Es scheint, dass es zwar bei der Überwindung von ethnischem Rassismus (das wage ich allerdings persönlich zu bezweifeln- er ist nur subtiler geworden), von Sexismus und Homophobie echte Fortschritte gegeben hat, aber die Diskriminierung gegenüber den sozial schlechter Gestellten hat in dieser Gesellschaft niemals die Ächtung erfahren, die sie eigentlich hätte erfahren sollen.

Zum Thema Gesinde"kultur" fallen mir im Übrigen noch die furchtbaren Lebensumstände von domestic workers in den arabischen Golfstaaten (also gute Freunde Deutschlands wie Qatar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien) ein, die eigentlich nur noch die Bezeichnung Sklaverei und Menschenschinderei verdienen.

maguscarolus 13. Januar 2014 um 15:32  

Angesichts einiger Postings auch hier möchte ich betonen:
Es gibt keinen wesentlichen Gegensatz neben dem zwischen Reich und Arm.

Wenn doch nur die kleinen Leute das endlich kapieren wollten, so wie es die Reichen längst kapiert haben!

Anonym 13. Januar 2014 um 15:35  

...in den Golfstaaten?....frag mal den Kaiser Franz B. er hat doch dort keine Sklaven in Ketten und Büsserhemd gesehen...

Blogger 13. Januar 2014 um 18:24  

Möglich ist der Wahnsinn nur, weil wir dieses kranke, nur der Geldelite nützende eigentums- und zinsbarsierte sozioökonomische Werte-/Geld-/Denk-System haben.
Wir müssen uns dem aber nicht unterordnen, so wie sie es gerne hätten. Denn es vernichtet alle die, die kein Eigentum haben, es auch nie bekommen werden, und die kein Geld selbst erzeugen dürfen und sich damit die Welt zusammenstehlen dürfen.

Reinhard Hentschel 13. Januar 2014 um 20:33  

Sehr schön, dass dieses Thema hier aufgegriffen wird. Man muss wirklich den Leuten den Spiegel vorhalten.
Vor allem ist es notwendig denjenigen die Augen zu öffnen, die immer noch glauben, mit den Reichen an einem Tisch zu sitzen. Dazu passend noch ein Ausschnitt:
Tagelöhnertum im Internet-Zeitalter
Crowdsourcing und die Generierung einer Human Cloud ermöglichen es, auf die immer stärkeren konjunkturellen Fluktuationen und ökonomischen Unwägbarkeiten durch nahezu sofortiges „Abstoßen“ der freien Mitarbeiter zu reagieren. Viele Lohnabhängige in der IT-Branche sehen sich durch diese „Verflüssigung“ des Arbeitslebens zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit einem Ausmaß an Prekarisierung und existenzieller Unsicherheit konfrontiert, das seit dem 19. Jahrhundert zumindest in den Industrieländern als überwunden schien.
Quelle: DGB Gegenblende

Anonym 14. Januar 2014 um 22:39  

Mhh... Hab da nur persönliche Erfahrung auf der Herrenseite. Also von mir bekommt grundsätzlich jeder Boote, Überbringer etc. 2 € Trinkgeld.
Und natürlich rede ich mit jedem auch über das übliche guten Tag und schönen Tag noch hinaus ein paar Sätze.

Ich kann nur jedem raten diesen Dienstleistern freundlich und nett zu begegnen, wie generell jedem Menschen der einem nichts böses tut oder tun will.

Insbesondere bei Pizza und anderen Nahrungsmittellieferanten. Wer weiß was sich unter der Salamischeibe so alles drapieren lässt. Und wer schaut schon unter jede Salamischeibe...

andy 15. Januar 2014 um 14:10  

Herren und Gesinde. Die Kulturgeschichte des Viktorianismus oder allgemein von spätfeudalen und merkantilistischen Gesellschaften. Ächtung der Untenstehenden (vergleiche BILD und „Sanktionen“). Die Kaskade der Knechte (Han, Müdigkeitsgesellschaft): die Herren werden nicht Knecht, sondern die Knechte zwingt man in Rollen des „Herren“. Die Lohnabhängigen depravieren parallel zum „Gesinde“, das selbst in die Rolle der Herren gelangt, wenn es einkauft oder in den Mittelschichten eine Putzfrau hat oder im prekären "Unternehmertum" usw. (wie im Aufstieg zum Abteilungsleiter). Der Arbeitslose steht noch unter dem Gesinde, denn niemand weiß besser als er, dass er selbst beim Einkaufen nicht die Rolle eines Herren innehat, was das „Gesinde dort“ auch spürt (sondern eines geächteten „Schmarotzers“). Er ist ein makroökonomischer Bettler, wo andere wenigstens noch makroökonomisches Gesinde sind, denn er ist auf eine letzte Funktion reduziert (Arbeitsreserve), nachdem doch diese funktionalisierende Reduzierung bereits die menschliche Reduktion in sich trägt. Für den Obdachlosen ist es dagegen schon sinnlos, sich in einen der neuen homini sacri zu verwandeln (denn seine Rolle ist die der alten, Han, Müdigkeitsgesellschaft). Tatsächlich ist seine Ablehnung dieser Verwandlung seine letzte Wahl, in seinem Leben unabhängig zu bleiben. Und jedes Mal, wenn der Obdachlose eine Suppenküche besucht oder im Winter einen (beheizten) Schlafsaal, sucht er nicht die menschliche Gemeinschaft (wie auch unter lauter Nicht-Menschen), sondern das ist seine Weigerung zu sterben.

kevin_sondermueller 15. November 2014 um 20:58  

Vor einigen Tagen stieß ich auf das ff.:
https://www.youtube.com/watch?v=RGJ2jTulxYE.

Das musste mich ja gerade zu veranlassen, auf diesen zwar hochbetagten aber leider Gottes eher noch aktueller gewordenen Beitrag zurückzukommen.

Das Haus Deutschland ist ja nur eines unter Vielen im inter-nationalen neoviktorianischen Monopoly: aber ich kenne keinen Text, der sonst mit dieser Reportage in allen Punkten korreliert.

Auf Details einzugehen wäre hier ein zu ausschweifendes Unterfangen(bitte selbst mal anschauen!) – aber die Übereinstimmungen mit Robertos Text sind ebenso frappierend wie erschreckend.

kevin_sondermueller 15. November 2014 um 21:07  

Nachtrag: Am Erschreckendsten sind die Kommentare zum Video –
weil sie Robertos Wahrnehmung
und Erfahrungen widerspiegeln
wie eine Eisfläche.

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