Beiläufig klassenkämpferisch

Donnerstag, 6. September 2012

Wer fleißig gearbeitet hat, darf nicht so wenig Rente bekommen, sagte sie. Betonung auf fleißig. So läßt sie sich in Interviews zitieren, so sagte sie es selbst in Mikrofone. Fleißig gearbeitet oder Variation: Wer fleißig gearbeitet und in die Rentenkasse einbezahlt hat ... Braucht es denn unbedingt Fleiß, um in die Rentenkasse einzahlen zu dürfen? Ist sie am Ende gar eine Fleißkasse? Warum diese Hervorhebung des Fleißes, wo er doch gar nicht wesentlich wäre? Letztlich zählen einzig und alleine die Zeiträume, in denen man in die Rentenkasse einbezahlt hat; letztlich zählt nur, ob jemand möglichst viele Jahre mit einem gültigen Arbeitsvertrag abdecken konnte oder nicht - ob er allerdings fleißig war oder nicht, das ist wenn überhaupt lediglich eine zu klärende Frage zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dem Rententräger ist das einerlei.

Warum dieser fleißige Umgang mit einem Fleiß, der ohne Not hervorgehoben wird? Die Arbeitsministerin betreibt sprachliche Abschottung zu jenem Bodensatz der Gesellschaft, der angeblich geschlossen nicht arbeiten will und nichts mit Fleiß am Hut hat, vulgo Unterschicht genannt. Der von ihr genannte Fleiß der Arbeitnehmer meint eigentlich die Faulheit der Arbeitslosen. Ein süffisant gesetztes Attribut, wo es nicht sein müsste, sagt oft mehr als ganze Absätze. Man muss die Faulheit gar nicht boulevardesk aufbereiten, sie aufbauschen, sie von einschlägigen Medien für beste Sendezeiten inszenieren, um mit dem Finger auf Niedriglöhner und Arbeitslose deuten zu können. Es reicht, wenn man vom Fleiß arbeitender Menschen spricht, um damit die Faulheit wenig oder gar nicht arbeitender Menschen thematisiert zu haben. Man kann Dinge sagen, ohne sie zu sagen. Man kann das neoliberale Menschenbild deutlich machen, ohne es direkt anzusprechen.

Interessant ist die lapidare Sprachwahl immer; sie sagt viel über Herkunft und Ziel einer Person aus, über Motive und Leitgedanken. Dazu muss man nicht den Soziolekt auswerten, der kultiviert wird und irgendwann zum allgemeinen Sprach- und Metaphernschatz wird; die Analyse der Gruppensprache, die später auch Massensprache werden kann, ist das Offenbare, zeigt das auf, was erst auf der Zunge, hernach auf der Hand liegt. In meinem Essay Worte schreibe ich hierzu: "Dass an dieser Stelle nicht weiter von und über neoliberale Sprache, ihren Neologismen und Euphemismen gesprochen wird, hat [...] einen [...] Grund: es sind nämlich nicht nur so genannte neoliberale Sprachkonstruktionen, Schlagworte oder Parolen, die die hier angemahnte Sprechweise durchpulsen. Es sind vorrangig ordinäre, banale Alltagsvokabeln der Umgangs- und Hochsprache, die in doppelzüngigen, heimtückischen und überaus bedenklichen Zusammenhang gebracht werden. Solche völlig normalen Worte der deutschen Sprache, zweckentfremdet oder in fragwürdige Beziehung geschoben, sind zumeist sogar noch viel gefährlicher und manipulativer als neoliberale Termini."

Vermeintlich nebensächliche Worte in Gebrauch zu nehmen, die doch mehr sagen, als der gesamte inhaltliche Aspekt einer kompletten Abhandlung, verrät mehr als die Anwendung einschlägiger Begriffe. Der Fleiß im Satz der Ministerin ist insofern auch kein Zufallsprodukt. Sprache ist spontan und assoziativ, sie reagiert in Zehntelsekunden, kann Sachverhalte schier synchron zum Geschehen begrifflich verstehbar machen, passende Worte werden in der Regel nicht zäh erdacht, sie kommen einem unüberlegt in den Sinn, fallen einem auf die Zunge. Wenn es einem sprichwörtlich die Sprache verschlägt, ist dieser natürliche Mechanismus menschlicher Kommunikationsfähigkeit kurzfristig abgestellt und gilt eher als Ausnahmefall. Dieser ministerielle Fleiß ist fürwahr kein Produkt von Spontanität, nicht einfach zufällig fallengelassen. Er fiel so zwischen die Worte geschoben viel zu oft, als dass man das glauben könnte. Er ist klar gesetzt, wird gezielt wiederholt und verschlagwortet, wird als unscheinbare Kampagne innerhalb des Satzes geführt. Fleißig gearbeitet klingt für jene bürgerliche Mitte, die in protestantische Arbeitsmoral und neoliberalen Klassismus getunkt wurden, heimelig und kuschelig, klingt belobigend, streichelt diejenigen, die sich angesprochen fühlen, grenzt von denen ab, die man als nicht fleißig wahrnimmt, egal ob sie nicht fleißig sein können, wollen, dürfen oder sollen. Dass Arbeit nicht Fleiß heißt in diesem speziellen Falle, wo es um Renten geht, dass Anwesenheit gemeint wäre, kommt dabei gar nicht mehr in den Sinn. Denn die Ministerin meint Anwesenheit - und die fehlende Anwesenheit von Menschen an irgendeinem Arbeitsplatz, auch Arbeitslosigkeit genannt, die meint das Gegenteil vom ministeriell sprachverordneten Fleiß. Letzteren zu erwähnen, wäre nicht notwendig - er ist es nur, weil damit eine Botschaft transportiert werden soll, nicht zwischen den Zeilen, sondern zwischen den Worten als überflüssiges, jedoch dennoch eingebautes Wort.

Die Ministerin ist Meisterin der unverfänglichen Worte, die sie unscheinbar einknüpft, die jedoch immer anzeigen, für welche Klientel sie die politischen Geschäfte besorgt. Sie ist die stille, die unverfängliche, die beiläufige Klassenkämpferin einer bürgerlichen Mitte, die sich mit aller Macht und mit moralischer Ächtung von denen abgrenzt, die sie Unterschicht nennt. Sie schiebt klassenkämpferisch Worte an Satzstellen, die unnötig wären, die aber trotzdem fallen, um die Abschottung sprachlich, denkerisch und letztlich auch wirklich kenntlich zu machen.



17 Kommentare:

ninjaturkey 6. September 2012 um 07:47  

Ich frage mich bisweilen was der Antrieb für einen Politiker ist, ein Volk regieren zu wollen, das doch offensichtlich in seiner Mehrheit aus Schmarotzern, Raubkopierern, KiPo-Konsumenten, Berufsdemonstraten, vielen linken und einigen irre geleiteten revjten Chaoten besteht.
Insbesondere aus der Elitensicht eines erzkonservativen Millionärstöchterchens. Hätte die sich nicht besser, wie der entdoktorte Freiherr vornehmlich und "fleißig" der Verwaltung von Vermögen ud Liegenschaften widmen können. Beiden seiten wäre so manches erspart geblieben.

Anonym 6. September 2012 um 07:55  

Finde ich sehr gut beobachtet und aufgeschrieben, danke.

In irgend einem zusammenhang wurde die dame auch schon mal etwas deutlicher, als sie an die wendung über jene, "die immer fleißig gearbeitet hätten" noch anhängte "und nie einen cent vom staat genommen hätten".was für eine asoziale person...zumal sie jeden tag geld vom staat nimmt...aber sie meinte ja etwas anderes....
Gruß Jule

baum 6. September 2012 um 09:38  

ich kann mit recht und fug von mir behaupten, erfahrungen mit dem arbeiten auf steuerkarte gemacht zu haben.

und diese arbeiten waren in erster linie ein verhältnis zwischen mir und meinem arbeitgeber.

ich habe in all den verschiedenen beschäftigungsverhältnissen nie erlebt, dass der arbeiutgeber lohn oder gehalt fürs däumchendrehen bezahlt hätte.

ob einer die arbeut tut, für die er bezahlt wird, oder ob er sie nicht tut, ist sache der vertragspartner, und nicht fern agierender bundesminister.

als lehrling haben meine ausbilder sagen können, ob ich gearbeitet oder nicht gearbeitet habe, ob ich etwas gerlernt oder nicht gelernt habe.

als buchhalter hat mein abteilungsleiter in unmittelbarer anschauung beurteilen können, ob ich gearbeitet oder nicht gearbeitet habe.

man erhält also fürs arbeiten lohn. und bevor der lohn überwiesen wird, wird von diesem der beitrag für die rentenkasse abgezogen. dieser vorgang ist unabhängig von der frage, wie begeistert man seine arbeit getätigt hat.

ich habe noch nie davon gehört - bis diese regierung kam -, dass die rentenversicherung danach fragt, ob das gehalt aufgrund von fleiß oder bloß so zustande kam.

conclusio: entweder will die leyen suggerieren, wer zuwenig rente erhält, war faul. denn so kann die regierung die zerstörung der rente auf die rentenempfänger abwälzen, nach dem motto: du bekommst nur wenig rente, weil du nicht fleißig warst.

oder: die von der leyen ist so infantil und regrediert im denken, dass sie meint, alle wären kleine kinder, denen man sagen muss, nur wenn ihr brav euren lebertran schluckt, wird das wetter morgen schön.

übrigens fiel mir vor einiger zeit schon auf, dass die schröder auch vom fleissig-sein schwafelte.

Anonym 6. September 2012 um 10:01  

Wenn ich das süffisante Grinsen der Frau im Fernseher sehe, dann könnte ich fleissig den Kasten aus dem Fenster hauen!

Ich entscheide mich lieber bei diesen blöde grinsenden Gesichtern für's abschalten und gut isses.

Jutta Rydzewski 6. September 2012 um 10:29  

Sie, die Frau von der Leyenhaft, hat es sogar noch deutlicher bzw. entlarvender gesagt: " ... die immer fleißig gearbeitet, und nie dem Staat auf der Tasche gelegen haben". ... Ich denke, dass es ganz gut zum Thema passt, wenn ich aus dem Talmud zitiere: "Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal." Oder in einem Satz: "Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen".

mfg
Jutta Rydzewski

landbewohner 6. September 2012 um 10:39  

diese "dame" ist wahrlich eine meisterin im diffamieren durchweglassen oder vorbeireden. selbstverständlich kennt sie die - dumme - wut der billigst- und prekärlöhner auf das "sozialgesocks", die nicht erst seit hartz besteht, und auch die riesenenttäuschung des gebildeten prekariats nach hartz genauso schlecht behandelt zu werden wie der "bodensatz" der gesellschaft.

mit äusserungen, die den unterschied zwischen fleissigen und faulen armen noch einmal deutlich klar machen, gelingt es ihr all die zukurz gekommenen, die sowieso ihrer auffassung sind - leserkommentare diverser blogs belegen das - noch ein stückchen weiter gegen die nichtsnutze aufzuhetzen und so schon einmal den beifall der massen zur nächsten hartz-kürzung oder stufe der zwangsarbeit sicherzustellen, unabhängig davon welches kuckucksei sie den "arbeitsbürgern" ins nest legt. ein perfides meisterstück der von und zu dame, die das arbeit wahrscheinlich nur aus dem fremdwörterbuch kennt.

Anonym 6. September 2012 um 12:23  

Wie bei Jutta R. blieb mir der zweite Teil des Satzes "...und nie dem Staat auf der Tasche gelegen haben.." im Hörkanal stecken.
Unglaublich subtil und menschenverachtend.

der Herr Karl

Lutz Hausstein 6. September 2012 um 13:42  

Wie ich schon schon ein paar Tagen bei feynsinn geschrieben hatte:

O-Ton vdL gestern:

“Sie [die Zuschuss-Rente] ist eben genau für die Geringverdiener da, die ein Leben lang etwas geleistet haben, alles richtig gemacht haben, nie dem Staat auf der Tasche gelegen haben …”

Ein sehr schönes Beispiel für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die Stammtische werden es ihr danken.

Mehr sogar noch. Der Klassiker schlechthin – die Opfer-Täter-Umkehr. Die faulen Arbeitslosen wollen ja alle bloß gar nicht arbeiten. Dabei liegen doch die vorgebratenen Tauben schon auf der Straße – sie müssten sich nur noch bücken. Wenn sie nicht so faul wären.

Und zu (un-)guter Letzt: Divide et impera. “Minderleister” vs. “Nichtleister”. Amtlich begutachtet von unserer Leistungsträger-Elite. Die mit eigener Hände Arbeit – im Schweiße ihres Angesichts – sich jeden einzelnen Cent redlich erarbeitet hat. Tschakka.

Anonym 6. September 2012 um 13:58  

Erinnert sich noch jemand an die epochale "Ruck"-Rede von Roman Herzog von 1997 - lange vor Hartz IV? Sie war so von Faschismus durchtränkt, dass sie Joseph Goebbels genauso hätte halten können:
www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Roman-Herzog/Reden/1997/04/19970426_Rede.html

"Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Selbständigkeit anzustreben, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere trägt, und in der er das nicht als Last, sondern als Chance begreift? Eine Gesellschaft, in der nicht alles vorgegeben ist, die Spielräume öffnet, in der auch dem, der Fehler macht, eine zweite Chance eingeräumt wird. Eine Gesellschaft, in der Freiheit der zentrale Wert ist und in der Freiheit sich nicht nur durch die Chance auf materielle Zuwächse begründet.

Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft anzustreben, die nicht mehr wie heute strikt in Arbeitsplatzbesitzer und Menschen ohne Arbeit geteilt ist?

Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Solidarität anzustreben - nicht im Sinne der Maximierung von Sozialtransfers, sondern im Vertrauen auf das verantwortliche Handeln jedes Einzelnen für sich selbst und die Gemeinschaft? Solidarität ist Hilfe für den, dem die Kraft fehlt, für sich selbst einzustehen.

Ich meine, wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag zugunsten der Zukunft. Alle, wirklich alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand. Alle müssen sich bewegen. Wer nur etwas vom anderen fordert - je nach Standort von den Arbeitgebern, den Gewerkschaften, dem Staat, den Parteien, der Regierung, der Opposition -, der bewegt gar nichts.

Wir stehen wirtschaftlich und gesellschaftlich vor den größten Herausforderungen seit 50 Jahren...
Was ist los mit unserem Land? Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression - das sind die Stichworte der Krise. Sie bilden einen allgegenwärtigen Dreiklang, aber einen Dreiklang in Moll.

Der Staat und seine Organe sind der Komplexität des modernen Lebens - mit all seinen Grenz- und Sonderfällen - oft einfach nicht gewachsen und sie können es auch gar nicht sein.
Der Staat leidet heute besonders unter dem Mythos der Unerschöpflichkeit seiner Ressourcen. Man könnte das auch so sagen: Die Bürger überfordern den Staat, der Staat seinerseits überfordert die Bürger.

Wie weit sind wir gekommen, wenn derjenige als clever gilt, der das soziale Netz am besten für sich auszunutzen weiß, der Steuern am geschicktesten hinterzieht oder der Subventionen am intelligentesten abzockt?

Wissenschaftliche und politische Scheingefechte werden so lange geführt, bis der Bürger restlos verwirrt ist; ohnehin wird die Qualität der Argumente dabei oft durch verbale Härte, durch Kampfbegriffe und "Schlagabtausche" ersetzt.

In der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts werden wir alle lebenslang lernen, neue Techniken und Fertigkeiten erwerben und uns an den Gedanken gewöhnen müssen, später einmal in zwei, drei oder sogar vier verschiedenen Berufen zu arbeiten."

Dagegen nehmen sich Subjekte wie Von der Leyen heute wie harmloseste Peanuts aus.
Sie treten keine Türen mehr ein, die Türen, durch die sie schreiten, stehen weit offen.

Anonym 6. September 2012 um 14:09  

Oder anders gesagt:
Die großen erodierenden Meilensteine wurden bereits vor Jahrzehnten gesetzt. Helmut Schmidt: "Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze!"
Dagegen wirkt selbst Von der Leyen erschütternderweise wie eine Gralshüterin des Humanismus, so absurd diese Einordnung in den größeren zeitlichen Kontext auch erscheint...

Jutta Rydzewski 6. September 2012 um 14:59  

@Anonym 14:09

Oh, ja, der allseits hoch verehrte und immer noch permanent durch die Verblödungstalkshows geisternde und qualmende Altkanzler ist von einem ganz besonderen "Format". Noch im Jahre 2005, wohlbemerkt 2005, hat er in einem Interview allen Ernstes behauptet "von den Greueltaten der Nationalsozialisten, der deutschen Wehrmacht, anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird, nichts gewusst zu haben". Doch damit nicht genug. Schmidt will nicht nur von Auschwitz, sondern auch von Konzentrationslagern in Deutschland nichts mitbekommen haben. Am 8. April 2005 antwortete der Altkanzler im Interview mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher, nachdem er zuvor jegliche Kenntnis des Genozids an den Juden bestritten hatte, auf deren konsternierten Einwand, aber man hat doch gewußt, dass es Konzentrationslager gab: "Ich habe davon nichts gewußt." Auf nochmaliges Insistieren, daß mit Neuengamme und Bergen-Belsen Konzentrationslager praktisch vor Schmidts Hamburger Haustür lagen, beharrte er darauf: "Wir alle haben davon nichts gewußt." Dabei war Schmidt nicht gerade ein Lieschen Müller im Dritten Reich. Von 1941 bis 1942 nahm er als Offizier am "größten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug der Geschichte" gegen die Sowjetunion teil. Der Wehrmacht auf dem Fuße, nicht selten von ihr unterstützt, folgten die "Einsatzgruppen" der SS, deren Mordkommandos während Schmidts Russlandeinsatz eine halbe Million Juden zum Opfer fielen. Doch der, mit dem Eiserenen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, will davon nichts mitbekommen haben: "Ich war bei der vordersten kämpfenden Truppe, und da sieht man nicht, was in der Etappe passiert, darüber redet man auch nicht."

Schmidt zufolge wurde "darüber" auch in den folgenden Jahren, bis zum Untergang der braunen Diktatur, nicht geredet - jedenfalls nicht mit ihm. Und das, obschon ihm, als es für die Wehrmacht in Russland nur noch rückwärts ging, die für einen Frontsoldaten ungewöhnliche Gunst zuteil wurde, sich ins Zentrum der Macht nach Berlin absetzen zu dürfen. Seit 1943 im Range eines Oberleutnants Referent im Reichsluftfahrtministerium, galt er bei seinen Vorgesetzten als derart zuverlässig, daß man ihn mit der Rolle eines "Beobachters" des Volksgerichtshof-Tribunals gegen die 20. Juli Attentäter betraute. Eines Tribunals wohlgemerkt, dessen Todeskandidaten vor allem wegen ihrer Gewissensnot angesichts "der vielen Morde" des Regimes (so der Angeklagte Graf Schwerin von Schwanenfeld) vor dem rasenden Vorsitzenden Roland Freisler standen. Gleichwohl will "Beobachter" Schmidt auch als Zeuge dieser in brutaler Offenheit inszenierten Verbrechensbilanz der braunen Diktatur vom "Genozid an den Juden" nicht ein Sterbenswort erfahren haben.

Sie sind sich alle sehr ähnlich, jene alten Männer, jenseits der siebzig, achtzig oder gar neunzig, insbesondere aus der so genannten SPD, ob sie nun Sarrazin, von Dohnanyi, Henckel oder Baring heißen.

Helmut Schmidt, deutscher Bundeskanzler (SPD):
"Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze." (Die Zeit, 5. Februar 1982).

"Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen. Weder aus Frankreich, noch aus England, noch aus Deutschland dürfen Einwanderungsländer gemacht werden. Das ertragen diese Gesellschaften nicht. ... Schauen Sie sich die Lage in diesen beiden Kunststaaten an, die in den Pariser Vorortverträgen 1919 geschaffen worden sind. ... Aus Deutschland ein Einwandererland zu machen ist absurd ..."

(Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, SPD, in der Frankfurter Rundschau vom 12. September 1992).

mfg
Jutta Rydzewski

Adbert 6. September 2012 um 17:25  

Ich als Alt-'68er kann mich bei solchen Debatten heute beinahe entspannt zurücklehnen, nicht ohne eine gewisse Selbstzufriedenheit.
Was hätten wir uns "gefreut", wenn man damals von den Amtsinhabern erst beim genaueren Hinsehen etwas Schlechtes gefunden hätte...
Es wäre gar nicht zu den Aufständen gekommen damals. Und ich fürchte, deshalb kommt es auch heute zu keinen Aufständen.
Was man damals alles ungestraft sagen konnte, das kann sich keiner mehr vorstellen heute, der später geboren ist...
Die Sensibilität, um die man damals gerungen hat, macht sich heute durchaus bemerkbar.
Nur ändert es nichts Grundsätzliches, weil die Probleme tiefer liefen. Das ist das Vertrackte: Man kann noch so viele Schichten des Problems vermeintlich aufdecken oder gar eliminieren, und man ist immer noch nicht am Kern.
Das ist wie diese Matruska-Figuren:
www.meleklermekani.com/imagehosting/matruska-11c.jpg
Man holt eine Figur aus der anderen heraus und denkt, das ist die letzte, aber es gibt immer noch eine weitere...

Trojanerin 6. September 2012 um 20:55  

Wenn ich Ursula von der Leyen im Fernsehen sehe, muss ich abschalten, denn ich kann diese Frau nicht ertragen.

Beschäftigte sollen doch gegen Arbeitslose ausgespielt werden.
Das Geschwätz von fleißigen Arbeitern ist billig. Wer arbeitet denn fleißig und wer nicht. Da kann sich die Ministerin ja mal anschauen, wie hoch die Rentenansprüche einer Frau sind, die 20 Jahre lang ihren Familienangehörigen rund um die Uhr täglich gepflegt hat und dann noch mal erklären, wessen Arbeit wertgeschätzt wird.
Die von der Leyens müssen sich ganz bestimmt keine Sorgen um Altersarmut in ihrer Familie machen.
@ Jutta Rydzewski 14:59sehr wichtiger Kommentar

Ich möchte noch einen Gedanken zur Wortwahl “... und nie dem Staat auf der Tasche gelegen haben“ sagen: Das ist offen rassistisch.
Jeder kann, schneller als man denkt, in die Lage kommen, auf die Hilfe des Staates angewiesen zu sein. Warum begreifen diese Menschen das nicht?

totschka 7. September 2012 um 06:52  

Fleißig ist, wer Leistung bringt. Leistung bringt, wer möglichst viel Kohle einsackt. Deshalb sind Durchschnittsverdiener, Geringverdiener und Aufstocker eben nicht fleißig.

Ich habe das verinnerlicht. So lange mein Chef so tut, als bezahle er mich fleißig, tue ich so, als arbeite ich fleißig.

Momentan überlege ich gerade, meine private Rente aufzulösen und die Kohle jetzt zu verbraten. Wer weiß, was sich die Berliner Bande bis zu meinem Renteneintrittsalter noch alles einfallen lässt, um auch an meine private Vorsorge zu kommen. Ich hätte keinerlei Bedenken, im Alter voll auf Kosten der Gemeinheit zu schmarotzen... :-P

oberham 7. September 2012 um 09:37  

In der Tat - derzeit ist es das Wort Fleiß, das die Ursel am häufigsten gebraucht - erinnert sich noch jemand an die Zeit, als sie vor lauter Kindern, armen Kindern, denen sie helfen wollte - fast keine Atemluft mehr bekam?

Übrigens hier ein Tipp für Menschen die ausgebeutet werden (und sich dabei unglücklich fühlen):

http://oberham.wordpress.com/2012/09/06/nischenleben/

Anonym 7. September 2012 um 14:05  

Mich wundert, dass hier keiner was dazu sagt...
Trojanerin, die Aussage "nie dem Staat auf der Tasche gelegen" ist diskriminierend, keine Frage, aber nicht rassistisch.

Sprotte 8. September 2012 um 00:00  

wem liegt denn Frau v.d.L. auf der Tasche? Und der ganze andere Haufen um sie herum? Wem liegt denn der Altkanzler auf der Tasche, wem die Bundespräsidenten?
U.s.w.

Aber so sieht es aus:
https://dl.dropbox.com/u/20500045/nicht%20gearbeitet.jpg

Und auch hier gut auf den Punkt gebracht:
Mogelpackung Zuschussrente
http://www.flegel-g.de/2012-09-07-Zuschussrente.html

Im Übrigen sollen diese Ausgaben für die Zuschussrente als versicherungsfremde Leistung auch noch der gRV aufgelastet werden?
Wo schon heute mit dem was sich Bundeszuschuss nennt nur 2/3 abgedeckt sind, ein Drittel ist Jahr für Jahr nie zurückerstattet worden so dass der gRV, also den Versicherten, bis heute rund 700 Mrd. Euro fehlen? Und diese mangelhafte Ersatzleistung des Bundes wird dann auch noch im Bundeshaushalt als Bundeszuschuss ausgewiesen, einen Zuschuss den es gar nicht gibt.
So wie es die Zulagen für den Riesterbluff nicht gibt, die bezahlen nämlich die heutigen und zukünftigen Rentner alle selbst, mit dem Riesterfaktor (§255d,e SGB VI), der direkt in die Taschen der Versicherunsgakrobaten landet.

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