De dicto

Mittwoch, 7. Dezember 2011

"Die Anti-Atomkraft-und-Anti-Gorleben-Bewegung aber machte mobil gegen den jüngsten Castor-Transport, als betrauerte sie, dass ihr demnächst der Lebensinhalt abhandenkommt."
- Berthold Kohler, Frankfurter Allgemeine vom 29. Oktober 2011 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Hat die Regierung mit dem Atomausstieg auch gleich noch die Nachwirkungen des atomaren Zeitalters beseitigt? Meiler und Strahlung miteinander abgeschafft? Das könnte man vermuten, wenn man Kohlers Ausführungen liest, die um den verlorenen Lebensinhalt der Anti-AKW-Bewegung schwadronieren.

Das klingt so, als habe die Anti-AKW-Gesinnung keine Konjunktur mehr. Dabei gibt es genug Felder, auf die sie marschieren kann und vermutlich wird und teilweise ja schon tut. Die Sicherheitsverwahrung für Meiler, wenn sie denn erst mal abgeschaltet sind, wird sich stets an der finanziellen Frage messen müssen. Überkuppelungen, Messeinheiten und technische Dienste werden Gelder fressen. Einerseits wird Anti-AKW darauf achten müssen, ob kommende Regierungen nicht an notwendigen Geldern knapst und sie wird gleichzeitig Forderungen formulieren müssen, wonach nicht die Steuerzahler - jedenfalls nicht die alleine - für die Nachwehen des Atom-Reibachs aufkommen dürfen. Energiekonzerne, die jahrzehntelang den Rahm abschöpften, sind gesetzlich zu verpflichten, die Folgekosten für dieses für sie guten Geschäfts zu bezahlen. Wir werden noch Generationen in stillgelegte Meiler investieren müssen - Atommüll wird noch länger durch Deutschland gegondelt - und unter Tage gelagert sowieso. Alles Risiken, die mit dem Atomausstieg nicht beseitigt sind.

Zwei weitere Aufgaben wird die Anti-AKW-Gesinnung übernehmen. Sie wird als Drohung für die jeweiligen Regierungen fungieren müssen. Denn diese könnten jederzeit wieder, wenn die Atomgefahr nicht mehr breitenkompatibles Gedankengut ist, umfallen und wie vor gut einem Jahr die Regierung Merkel, einen Ausstiegsausstieg beschließen, wenn sie von Lobbyarbeit untergraben wird. Die Atom-Lobby ist durchaus nicht tot, sie arbeitet - wer vom schwindenden Lebenssinn der Anti-AKWler spricht, der will der Atom-Lobby den Kontrahenten stehlen. Aktuell ist die Aufgabe von Anti-AKW, den zaghaften Ausstieg zu kritisieren und einen Green New Deal zu fordern, der eine Art Aufbruchstimmung für erneuerbare, dezentral strukturierte Energiemodelle entfesselt.

Der Lebensinhalt der Anti-AKW-Bewegung ist nicht verlorengegangen. Leider. Aber diese Einsicht kann man niemanden abringen, der den zivilen Ungehorsam gegen die unterirdische Verseuchung seiner Heimat, als linkskriminelle Machenschaften abtut.



6 Kommentare:

klaus baum 7. Dezember 2011 um 08:40  

Die Dummschwätzer existieren ebenfalls weiter, nicht nur die tödliche Strahlung. So bin ich voller Gewißheit, dass mir der Lebensinhalt nicht verloren geht.

Man könnte im übrigen obige Argumentationsfigur auch auf Beckett anwenden; Die Regierung hat beschlossen, das Leben ist schön. Und schon hat Beckett seinen Lebensinhalt verloren, nämlich das Klagen über die mißlungene Schöpfung.

Anonym 7. Dezember 2011 um 13:16  

Von Berthold Kohler gab's letztes Woche noch mehr in der FAZ:
"Politisch fängt dieses Land links außen an und hört dann schlagartig in der Mitte auf. Denn 'rechts' ist in diesem Land - dahin haben es die Linke und die sich unermüdlich an jeder 'Kampagne gegen Rechts' beteiligende Union gebracht - zu einem Synonym für rechtsradikal und rechtsextrem geworden. Was früher rechtsradikal oder rechtsextremistisch genannt wurde, heißt heute oft nur noch 'rechts': 'die rechte Gewalt', 'der rechte Terror', 'die rechte Szene'."
Zitatende.

Anonym 7. Dezember 2011 um 15:47  

Ich finde es immer wieder erschreckend, wie wenig Verständnis die schreibende Zunft gegenüber demokratischen Spielregeln hat. Dabei hat auch das Verfassungsgericht eindeutig zivilen Ungehorsam als angemessen eingestuft. Statt sich die Frage zu stellen, warum das Verfassungsgericht das tat, ja welcher Sinn hinter solchen Urteilen stecken mag, versucht man jene Leute immer nur in die kriminelle Ecke zu drängen.

So wird Demokratie systematisch zerstört. Diese Art der Berichterstattung - die mit Bagatellisierung beginnt und in offener Feidseeligkeit endet - findet man zu jeder Art Protestbewegung. Da das Bild in den Mainstreammedien durchgängig so gezeichnet wird, die Protestler praktisch nie richtig ihre Positionen darlegen können, wird in der Bevölkerung der Gedanke verinnerlicht, dass Protestbewegungen im Grunde antidemokratisch seien. Sie sind aber das Gegenteil von dem! Die Beschädigung demokratischer Grundprinzipien könnte größer kaum sein. Ob das den Journalisten eigentlich klar ist?

Anonym 7. Dezember 2011 um 18:04  

anonym von 15:47, das Bundesverfassungsgericht hat Verletzung von Menschen NICHT als Mittel des zivilen Ungehorsams definiert.
Dies wird in weiten Teilen der Unbeteiligten und der Presse aber bestenfalls als Kollateralschaden zur Kenntnis genommen, dabei ist es sowohl antidemokratisch als auch nicht rechtsstaatlich und auch keine Bagatelle.

Roberto J. De Lapuente 7. Dezember 2011 um 18:58  

Das sind so die üblichen Mechanismen, die Protest ersticken sollen, man wird rührselig und verweist auf im Dienst verletzte Beamte. Keine Frage, wer Menschen verletzt gehört festgenommen - aber die Protestanten sind deshalb nicht per se gewalttätig.

Wer so argumentiert geht damit Propaganda auf dem Leim und betreibt selbst welche - aussuchen, was passt...

jakebaby 8. Dezember 2011 um 19:06  

"Keine Frage, wer Menschen verletzt gehört festgenommen -.."
Dafuer eines der unzaehlig, zweierleigemessenen Beispiele: http://jakester-express.blogspot.com/2009/12/ein-kaefig-fuer-die-demo.html
(S-21 war auch ein anschauliches Beispiel)

Was die Lobby angeht, ist unter Anderem vor allem auch "....für erneuerbare, dezentral strukturierte Energiemodelle entfesselt." ausschlaggebend, da die profitable
Zentralisierung 'freier Energie' den EnergieRiesen schon gewaehrleistet ist.
Dafuer brauchen diese Abzocker nicht mal 'ne eigene Lobby. Momentan heisst der Garant Merkel&Co!
....

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