Altersarmut endlich im Griff

Montag, 12. Dezember 2011

Die Regierungen des Zeitgeistes, die jetzige und die vormalige und vorvormalige, dürfen sich brüsten. Reformen gefruchtet. Die Anpassung des Renteneintrittsalters, die Schaffung eines Niedriglohnsektors und zusätzlich die Umsetzung des SGB II, haben Deutschland wieder wettbewerbsfähig gemacht. Die Lebenserwartung von Geringverdienern hat sich in den letzten zehn Jahren nennenswert verschlechtert. Zwei Jahre weniger als damals leben sie durchschnittlich - und sie sollen später in Rente gehen als damals, zum Ausgleich sozusagen.

Zwischen theoretischem Renteneintritt und Ableben lagen 2001 noch zwölf Jahre. Heute haben sich die Zahlen dramatisch verschoben: zwischen angestrebten theoretischem Eintritt und Ableben sind noch etwa acht Jahre zu füllen. Mit Grundsicherung vermutlich. Womit sich zynisch festhalten läßt, dass die oben genannten Reformen ein mildtätiges Programm sind, denn sie halten Senioren nicht in Altersarmut, sondern katapultieren sie aus ihr heraus. Geradewegs in den Tod. Das sind wahrscheinlich die oft zitierten Initiativen aus Sonntagsreden, die effektiv herauskommen: Altersarmut abschaffen, indem man arme Alte abschafft. Ökonomisch verordnete Euthanasie...

Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich, plappern die Medien seit Jahren der Wissenschaft nach. Demographen sprechen von der Vergreisung und (alp-)träumen von Gesellschaften, in denen es von Hunderjährigen nur so wimmelt, in denen Fünfundachtzigjährige als die Benjamins fröhlicher Wandergruppen gelten. Davon ist nur wahr, dass all jene, die ein Auskommen hatten, die sich wenig finanzielle Sorgen machen mussten und vielleicht durch Sonderkonditionen bei Betriebskrankenkassen relativ gesund und fit halten konnten, wirklich auch älter werden. Alle anderen, die in der zweiten Chance des Niedriglohnsektors waten, von prekärer Beschäftigung in Niedriglohn und von Niedriglohn zu prekärer Beschäftigung wechseln, ständig in Sorge leben und für die auch Gesundheit etwas ist, was man nur schwer erhalten kann, weil beispielsweise im Krankheitsfall zuerst der Leiharbeiter fliegt - all diese anderen, sie sterben allerdings früher und nun noch früher.

Die Wirtschaft, die sich die Politik als Handpuppe hält, jubeliert alle Monate. Die Reformen waren richtig und zielführend. Der Niedriglohnsektor sei wertvoll, bringe Menschen in Arbeit und erlaube den Unternehmen Flexibilität. Über den Preis haben sie nie berichtet. Es kostete nicht wenig. Die Arbeitnehmer und Erwerbslosen bezahlten es. Mit zerschlagenen Hoffnungen und enttäuschter Zuversicht, es kostete Selbstachtung und sozialen Abstieg - und es kostete, keiner will es so deutlich sagen: vielen Menschen einige Jahre.



19 Kommentare:

Anonym 12. Dezember 2011 um 20:01  

genau so ist es. die reformen haben was gebracht für das kapital.

Kehraus 12. Dezember 2011 um 21:45  

Die Kosten sind immens. Jene, die der Betroffene zahlen muss sind natürlich am höchsten aber auch jene, der Zivilgesellschaft denn ganz am Ende, steht eine Verrohung der breiten Gesellschaft anders kann man es nicht deuten.

Anonym 12. Dezember 2011 um 22:33  

Hollywood ist da schon weiter...

In Time - Deine Zeit läuft ab
http://www.youtube.com/watch?v=w4yH54vcmjk

Woher die nur Ihre Ideen haben?
Altersarmut wäre damit kein Thema mehr xD

Anonym 12. Dezember 2011 um 23:37  

Alles bekannt, das Netz ist voll davon. Hier nur ein Beispiel:

Veröffentlicht am: 28. Juni 2010

„Es gilt, den „Teufelskreis“ Krankheit und Arbeitslosigkeit zu durchbrechen“, betont Heinrich Alt, Vorstand Grundsicherung in der Bundesagentur für Arbeit (BA). „Gesundheitlich beeinträchtigte Arbeitslose haben schlechtere Eingliederungschancen, infolgedessen bleiben sie in der Regel länger arbeitslos. Wir sind daher interessiert, dass unsere Kunden möglichst gesund werden und gesund bleiben“, so Alt weiter.

http://www.sozialticker.com/wenn-arbeitslosigkeit-krank-macht-ba-sucht-nach-wegen_20100628.html


Die BA sollte sich mal Gedanken darüber machen, wer erster Linie für den Gesundheitszustand ihrer „ Kunden“ verantwortlich ist. Wer droht denn mit Sanktionen? Wer schikaniert denn die „Kunden“? Wer treibt denn die „Kunden“, die keine Arbeit mehr finden, in den Suizid. Was wird denn demnächst mit den 6000 Arbeitsuchenden von E.on?

http://www.linksfraktion.de/pressemitteilungen/massenentlassungen-e-on-verbieten/?rss

Müssen die dann auch nach ein paar Jahren der Erwerbslosigkeit wieder an das Erwerbsleben gewöhnt werden wie mit 1 Euro-Jobs oder Bürgerarbeit oder Bewerbungstraining nachdem sie von der BA mit Sanktionen bedroht und mit Schikanen krank gemacht wurden?
Die noch stille Reserve an Arbeitslosen wird immer größer bis diese Reservearmee ganz laut wird.

Hartmut 13. Dezember 2011 um 06:19  

Hier offenbart sich besonders deutlich die Verachtung des Lebens, besonders das Leben armer Menschen, von Seiten der "Eliten".

Alles Leben ist zum Kalkül der Profitmaximierung verkommen.

EHRFURCHT VOR DEM LEBEN !

Dieses großartige Wort von
Albert Schweitzer
ist für die Eliten dieser Welt fremd.

Hartmut

Stephan 13. Dezember 2011 um 07:19  

nun lieber robeto, es wäre doch auch zu vermessen, davon ausgehen zu wollen, das die Regierungen dieser Bananenrapublik nicht wüßten, was gut für deren Michel sei. Wir sind ja erst bei den milden Formen der demoraphischen Beeinflussung angekömmt. Zunächst ist da die Arbeitskräftearmee der Reserve, deren Lebenskampf sich dezeit allerdings lediglich bis in die Mühsal der Zwangsarbeit (Hartz4) erstreckt. Denn schon wird weiter gebastelt an der sinnvollen wirtschaftlichen Verwertung menschlichen Gutes, der stofflichen Verwertung in Form der gesetzlichen Zwangsorganspende nach Ableben um denjenigen lebensverlängernd unte die Arme zu greifen, dessen man selber eben nicht in der Lage war, aber sich und vor allem auch, um eine neue Form der Erhöhung des BIP zu entwickeln. Wirtschaftlich Unwertes sollte doch wenigstens über den Tod hinaus noch einen Beitrag leisten dürfen. Als nächstes wird es im Zuge der Energieverknappung dann auch noch die themische Verwertung wirtschaftlichen Unnützes geben, auf dass alle die, die es sich (noch) leisten können keinen allzu frühen kalten A... bekommen. Die Öfen der Marken Auschwitz, Buchenwald, Treblinka wurden ja bereits vor 70 Jahren entwickelt. Bei der Qualität deutscher Wertarbeit ist zu erwarten, dass sie noch auf der Höhe der Zeit sind und lediglich a die neuen Klimaschutzkonventionen angepaßt werden müßten. Da zeigt sich dann eben doch der Weitblick deutscher Unternehmer und solcher, die sich als Angestellte gerne dafür halten.

harzpeter 13. Dezember 2011 um 07:21  

Da war doch einmal was Anno 1998. Der Begriff "sozialverträgliches Frühableben" schlug seinerzeit hohe Wellen und wurde sogar zum "Unwort des Jahres" gekürt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialvertr%C3%A4gliches_Fr%C3%BChableben.

Was damals von vielen als Ironie ausgelegt wurde scheint also mittlerweile durchaus als "politische Endlösung" salonfähig zu werden. Na denn mal fröhliches Frühsterben allerseits! Wir tun es schließlich für unser Land!

Anonym 13. Dezember 2011 um 08:30  

Gerhard Schröder:

„Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“

(28.1.2005 in Davos, Weltwirtschaftsforum)

Anonym 13. Dezember 2011 um 09:00  

Auch die Wissenschaft steht bereits Schmiere bzw. in den Startlöchern. Der deutsche Professor für Sozialkunde an der Uni Bremen hat im vergangenen Jahr in einem Artikel in der FAZ die Forderung formuliert und begründet, Hartz IV nur noch für 5 Jahre auszuzahlen.

Das wäre staatlich organisierter Hungertod. Und ich bin nicht sicher, ob dieser Schwachsinn für alle Zeiten vom Tisch ist.

Roberto J. De Lapuente 13. Dezember 2011 um 09:16  

In GB gibt es diesen Schwachsinn. Man schielt hierzulande immer gerne dorthin, wo man so drakonisch mit Menschen umspringt... vom Tisch ist das daher sicherlich nicht.

mann_von_nebenan 13. Dezember 2011 um 09:42  

"Altersarmut endlich im WÜRGE-Griff" der Einzelfalllösung an den davon Betroffenen, schleichender Gnadentod (coup de grace) statt
unbefristetes Gnadenbrot für obsolete Arbeitstiere.
ENT-Sorgung ist auch eine VER-Sorgung.
Ein kleiner Trost: die Organe der Dank Altersarmut Frühabgelebten sind nur noch eingeschränkt transplantationsfähig …
Für die substanzielle Verwertung der sterblichen Überreste muss nun noch eine heimlich-unheimliche SOYLENT GREEN-Lösung gefunden werden.

Anonym 13. Dezember 2011 um 10:45  

Und warum tun die Menschen in GB nichts dagegen?

Harzpeter 13. Dezember 2011 um 12:23  

Zu Anonym, 10:45: Weil sie in GB allem Anschein nach genauso bereitwillige Opferlämmer sind wie wir in D. Oder vielleicht auch, weil sie sich dort nicht mit den jugendlichen "kriminellen Randalierern" vom August diesen Jahres auf eine Stufe stellen lassen möchten.

Miss Sophie 13. Dezember 2011 um 21:39  

..irgendwie geistert da gerade das unwort des jahres 1998 !! durch meinen Kopf....

Anonym 14. Dezember 2011 um 04:55  

Die Zivilisation ist der dünne Mantel über dem andauernden Kampf der Individuen ums Überleben. Nun wird es kälter und der Mantel wärmt nicht mehr alle. Somit ist es konsequent, all die Schwachen fallenzulassen. Was soll daran schlecht sein? Es ist weder schlecht noch gut. Es ist einfach so. Akzeptieren wir doch endlich, was des Menschen wahre Natur ist. Schluß mit dem sozialromantischen Gesabbel von Mitmenschlichkeit! Wer nicht mithalten kann, muß untergehen. Deutschland hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten gute Fortschritte auf dem Weg der Erkenntnis gemacht. Loben wir doch endlich einmal diejenigen, die sich dafür Tag für Tag mit grpßem Engagement einsetzen.

Dieter Thomas Schneider
Lehrer und Menschenfreund

Roberto J. De Lapuente 14. Dezember 2011 um 06:39  

So ähnlich hat das Hitler auch gesehen - vorwärts zurück, oder wie?

Ein ziemlich leerer Lehrer, sind Sie, wenn Sie mich fragen - wenn Sie denn überhaupt einer sind...

Anonym 14. Dezember 2011 um 10:30  

Das schlimmste kommt noch! Wenn Frau Merkel die marktkonforme Demokratie erstmal Europaweit durchgesetzt hat lassen sich neue Sozialstandards definieren...
Ich richte mich auf ein Erwerbslosencamp in Ostdeutschland ein, bei den sog. Jammerossis und Wendeverlieren fallen die übrigen Verlierer nicht so auf. Die arbeitsplatzbesitzer können dann ja mit den geschönten Statistiken aus Berlin weiter feiern...

landbewohner 15. Dezember 2011 um 05:43  

wenn irgendwann in naher zukunft versoffene und rauchende hartzer auf grund ihres lebenswandels mit dem von der wissenschaft errechneten überlebenssatz von 120 € nicht auskommen und obdachlos und hungernd auf den strassen verrecken, dann ist das für das reine gewissen des normalbürgers doch entschieden schöner als wenn der staat vernichtungslager einrichten würde. da kann er seine hände in unschuld waschen, da er auf die lebensgewohnheiten der unterschicht keinerlei einfluss nehmen konnte und die lage im land ja gaaanz anders war als in den 30ern. geschichte wiederholt sich doch, unterschiede gibts nur äusserlich und in nuancen.

Anonym 15. Dezember 2011 um 07:31  

Die Altersarmut bekämpft man am wirkungsvollsten mit der Bekämpfung der Alten.

Die Erwerbslosigkeit bekämpft man am wirkungsvollsten mit der Bekämpfung der Erwerbslosen.

Den Hunger bekämpft man ...

Prinzip verstanden?

Schönen Tag noch wünscht
autonomekampfzwergbrigade

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