De dicto

Mittwoch, 26. Oktober 2011

"Weitere Profiteure sind die Arbeitnehmer, von denen ein großer Teil in den betroffenen Flughafen-Anrainer-Kommunen leben dürfte. Sie dürfen sich über Arbeit freuen und nehmen dafür Lärm in Kauf. [...] Fest steht, dass viele Bürger Fluglärm erdulden, ohne dass ihnen der Ausbau unmittelbaren Nutzen stiftet. Für sie bleibt kein Trost, außer Geld. Sie müssen entschädigt werden."
- Winand von Petersdorff, Frankfurter Allgemeine vom 23. Oktober 2011 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Ein gravierendes Problem im engen Europa ist es, dass immer mehr Menschen der Lärmhölle, bedingt durch Infrastruktur, ausgesetzt werden. Massive Gesundheitsprobleme, verursacht durch dauerhaften Stress, sind dann treue Begleiter durch den krachenden Alltag. Wie sich die europäische moderne Gesellschaft infrastrukturell stellen will, ist nicht nur eine Frage der verfügbaren Energie; man wird die sich verschlechternden Lebensbedingungen von Millionen von Menschen berücksichtigen müssen. Schon zwanzig Millionen Menschen leiden hierzulande am Lärm. Das kann kein Zukunftsmodell sein.

Abgefeimt, wie man das Leiden von Millionen von Menschen doch umdeuten kann. Petersdorff macht sie flugs zu Gewinnern und Profiteuren, die man kulanterweise noch mehr gewinnen, noch mehr profitieren lassen sollte. Trivial, wie er den Lärm banalisiert. Kettensägenlärm würde man tolerieren - warum bloß den Lärm nicht, den Flughäfen verursachen, rätselt er vor sich hin. Dabei könnte der Ausbau von Flughäfen eine Gewinnsituation für alle sein. Man müsste Belästigung und Gewinn nur angemessen verteilen. Das ist publizierter Spott, den Petersdorff da über an Lärm Erkrankte ausschüttet. Als ob man Lärmstress aus der Welt kaufen könnte. So wie man bürokratische Hürden wegschmiert, schmiert man einfach Herz- und Kreislaufleiden weg, die der Lärm fabriziert. Das ist ein Weltbild, in dem der Mensch nicht mehr vorkommt - und falls doch, dann nur als gegen Geld aufwiegbare Kreatur.

Petersdorff läßt keinen Zweifel: es gibt keine Alternative. Über Nachtflugverbot disktutiert man nicht. Über Urlaubsreise- oder Geschäftsreiseverhalten spricht man schon aus Prinzip nicht, denn das hätte eine gesellschaftskritische Note - und das wäre nicht ökonomisch, das wäre nur radikal. Wie wir als Gesellschaft lebenswert bleiben oder wieder werden wollen, wenn wir uns weiterhin mit Gedröhne zupflastern, will Petersdorff gar nicht, nicht mal als rhetorische Frage, auf den Tisch bringen. Er gibt sich ökonomisiert. Probleme kann man mit Geld aufwiegen. Wo Lärm ist, da hilft kein Jammern, keine Gegenwehr, keine neuen Infrastrukturpläne oder Utopie, da muß man die Leidtragenden einfach zu Profiteuren machen, dann arrangieren sie sich auch mit dem Lärm. Petersdorffs Beitrag ist ein schaler Witz - er will unerträgliche Lebensumfelder nicht als solche bezeichnen; meint, mit Zahlungen lassen sie sich erträglich machen. Wer so argumentiert, ist der Ökonomisierung vollends verfallen.



9 Kommentare:

hercule 26. Oktober 2011 um 09:19  

Ebenso wie es ein Tabu bei der Arbeitsmarktpolitik gibt (radikale Arbeitszeitverkürzung), finden wir ein solches auch in der Verkehrspolitik: Verkehrsvermeidung! Und immer müssen die Arbeitsplätze dafür herhalten (von denen es ohnehin immer weniger gibt) und die Reisefreiheit (massiv subventioniert durch die Steuerbefreiung für Kerosin). Die Nachbarn sind für 10 Tage nach Mallorca geflogen, 384 Euro mit Vollpension... Wir wohnen übrigens in einer Einflugschneise, noch bis nächsten Juni. Was viele nicht wahrhaben wollen: Wahrer Luxus ist ein ruhiges Wohnumfeld. Nur die Makler wissen das und erhöhen schon mal die Preise...

Anonym 26. Oktober 2011 um 09:23  

"[...]Wer so argumentiert, ist der Ökonomisierung vollends verfallen[...]"

War der vielleicht auch bei dem Ausflug dabei, denn Angela Merkel mit der Eröffnung der vierten Landebahn (oder so) des Frankfurter Flughafens gemacht hat?

Würde mich nicht wundern ;-)

Im TV-Bericht den ich sah kam nämlich auch kein Wort der Kritik vor, sondern nur Hofschranzentum (bei Angela Merkel), und Kritiklosigkeit bzw. Jubel über die neue Landebahn in Frankfurt.

Kein Wort mehr über die jahrelangen Proteste gegen den Fluglärm dort.

Tja, Hauptsache Kanzlerin Merkel hat eine ergänzende Landebahn im Frankfurter Flughafen....

Bademeister 26. Oktober 2011 um 11:15  

Hier bei München wollen SPD und CSU in unheiliger Allianz nun eine dritte Startbahn bauen, obwohl nicht erwiesen ist dass das Verkehrsaufkommen in den nächsten Jahrzehnten derart wächst sodass Diese notwendig wird.

Die Planungen gehen von einem Kerosinpreis aus der rund ein Viertel des tatsächlichen Kerosinpreises beträgt - da Treibstoffkosten aber die größten Fixkosten im Flugverkehr sind ist jeder Cent den das Kerosin kostet entscheidend für das zukünftige Wachstum des Flugverkehrs. Wird das Öl knapp, das Kerosin teuer, dann wird auch das Fliegen deutlich teurer und unrentabler gegenüber anderen Verkehrsmitteln (insbesondere bei Distanzen die in Konkurrenz zum Bahnverkehr stehen).

Sehr demokratisch: Wegen der Inhaberverhältnisse des Flughafens sollen nun über den Ausbau nicht die tatsächlichen Anrainer in den Gemeinden um den Flughafen abstimmen, sondern die Bürger der Stadt München - die aber nicht mit dem Fluglärm leben müssen, sondern vom zusätzlichen Umsatz mit Geschäftsreisenden und Touristen profitieren dürften.

Typische NIMBY Demokratie.

Anonym 26. Oktober 2011 um 11:21  

Zum verlinkten Buch "Wie Elektrosmog und Handystrahlen, Lärm und Umweltgifte unsere Gesundheit bedrohen" sei angemerkt:
Es gibt noch keine einzige Studie, die Handystrahlung als Gesundheitsgefährdung ausmacht.

Roberto J. De Lapuente 26. Oktober 2011 um 11:25  

Es gibt auch keine einzige, die Handystrahlung als gesund ausmacht...

Roberto J. De Lapuente 26. Oktober 2011 um 11:51  

Achso, nur fürs Protokoll: Ich sage nicht, dass Handystrahlung schädlich sein muß. Ich halte es aber für reichlich naiv, wenn man so tut, als haben Entwicklungen nicht irgendwie geartete Folgen. Skepsis muß man haben - wer das ablegt und auf Studien verweist, die dem Lobbyismus der Mobilfunkindustrie zu verdanken sind, der hat nichts begriffen.

Aber Handystrahlung ist hier auch nicht das Thema...

Anonym 26. Oktober 2011 um 14:29  

Mir würde es schon helfen, wenn die Autofanatiker nicht mehr nachts mit Karacho über das Kopfsteinpflaster vorm Haus jagen, zumal die Straße und die ganze Gegend als "Tempo 30" ausgeschildert ist.
- Jeeves

Anonym 26. Oktober 2011 um 14:36  

"Roberto J. De Lapuente hat gesagt...
Es gibt auch keine einzige, die Handystrahlung als gesund ausmacht..."

Ernsthaft? Das soll ein Argument sein? ...oder doch nur ein kleiner Witz?
-

Die rote Katze 26. Oktober 2011 um 17:25  

Da ja auch in der Flugbranche der schöne Satz gilt: "Stillstand ist Rückschritt", dürfen wir uns wohl auch in Zukunft über noch mehr Flugzeuge, Lärm und Luftverschmutzung freuen. Bis das von den entscheidenden Leuten allerdings als Irrweg erkannt wird, gibt es wohl keine atembare Luft oder stillen Plätzchen mehr. Dieser Wahn des permanenten Wachstums ist krankhaft und wird der Spezies Mensch über kurz oder lang das Genick brechen. Wohl eher über kurz.

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