Mit sozialem Gewissen deutschtümeln

Donnerstag, 17. März 2011

Seitdem die Gesellschaft in eine immer drastischere soziale Schieflage gerät, fischen rechte Parteien potenzielle Wähler, indem sie die soziale Frage thematisieren. Das ist schon lange bekannt und steht dem eigenen Sendungsbewusstsein nicht im Wege. Es war damals so; die Zeiten erforderten es - es ist heute so; die Zeiten machen es erneut notwendig für die von rechts drüben.

Es ist freilich ein nicht ganz subtiles Vorgehen, denn man weiß ja mittlerweile nur zu gut, welcher Hintergedanke da mitspielt. Mit der eigenen Klientel empört man sich, greift man den Sozialabbau an, verspricht ihr, dass es besser würde, wenn es sie dort oben gäbe. Die Partei sei das soziale Gewissen Deutschlands, verkünden ihre Wanderprediger. Sie würde dem braven, dem rechtschaffenen, dem deutschen Bürger zu ihrem Recht verhelfen und sich gegen allerlei Ungerechtigkeiten stemmen. Wenn man ihr folgt, ist man auf der sicheren Seite, auf der Seite der Tüchtigen, Sittenhaften, Unbescholtenen - die Partei, die Partei, die hat immer... Arbeitslosigkeit wäre gebannt, finanziell würde es alles etwas besser gehen, es wäre genug für alle da.

Für fast alle! Nur für Deutsche, für fügsame Fremdlinge vielleicht auch noch. Aber alle anderen: raus aus diesem Land! Deutschland den Deutschen und deren angepassten Hilfsvolksgenossen! Man muß eben Prioritäten setzen. Und die hiesige Priorität heißt halt mal: der Deutsche! Die Herkunft ist maßgeblich dafür, ob man Opfer letzter Patronen wird, die gegen eine sogenannte Überfremdung abgefeuert werden. Man ist nicht menschenverachtend; man ist nur rational und ökonomisch und hat buchhalterisch errechnet, was wir uns als deutsches Volk leisten können und was wir uns nicht mehr leisten wollen. Nicht fremdenfeindlich, nicht Rassist ist man - man ist Buchhalter. Können Zahlen lügen? Sind Statistiken bestechlich? Deutschland den Deutschen, nicht aus Gründen von malizöser Schikane oder freudiger Boshaftigkeit; Deutschland den Deutschen, weil es uns billiger kommt, weil die Gegenüberstellung von Soll und Haben ergibt: fort mit dem Gesindel!

Man ist national so wie man sozial zu sein vorgibt - nationalsoziale Affekte, die genug Publikum erzielen. Soziale Gerechtigkeit ist ein hohes Gut, erklären die rechten Rattenfänger kurzatmig, man müsse es erhalten. Aber es geht nur national, straff gedeutscht, zerdeutscht, fügen sie langatmig hinzu, dahin müsse man endlich wieder kommen. Es ist nicht genug für alle da! Carl Amery hat schon vor vielen Jahren erklärt, dass diese Losung zum Schlagwort derer wird, die Hitler nicht als Episode der Geschichte, sondern als Vorläufer anerkennen werden. Dass es nicht für alle reicht, war für ihn eine Komponente der Trias, die die Hitlerformel ausmache. Wer die immer knapper werdenden Ressourcen der Erde verwalten soll, ist eine andere - und die wird in etwaigen Auslandseinsätzen der Bundeswehr umgesetzt; das Bekenntnis dazu, dass Geschichte immer Naturgeschichte ist, dritte Komponente im Bunde, können wir fast täglich aus Zeitungen entnehmen, wenn um die Schicksalhaftigkeit von Genen und biologisch konditionierten Verhaltensweisen von Menschen oder gar Gruppen schwadroniert wird. Im nationalen Stiefel auf soziales Gewissen zu machen, es widerspricht sich nicht, es ist letztlich die konsequente Umsetzung der ameryschen Hitlerformel; bis zur letzten Patrone gegen Zuwanderung zu kämpfen, es ist folgerichtige Ausdrucksweise derer, die bewusst oder unbewusst - das sei dahingestellt! -, an der Formel tüffteln.

Sozial hie, xenophob und rassistisch dort - das ist die Programmatik rechter Parteien. So agiert aus der demokratischen Mitte heraus die Christlich-Soziale Union in Bayern - denn von ihr ist hier die Rede; von ihr und ganz ähnlichen anderen Parteien, die aus der Mitte heraus ihren kleinen Nationalsozialstaat entwerfen. Rechts der CSU, so meinte Stoiber mal, seinen Ziehvater Strauss zitierend, dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Diese Sorge indes ist, bis über die letzte Patrone hinaus, unangebracht...



18 Kommentare:

chrisse 17. März 2011 um 08:34  

schön, dass das mal wieder thematisiert wird...das hat mich auch an der ganzen S.-Debatte am meisten gestört, dieser faschistische Wirtschaftsdarwinismus (die Debatte darüber wurde durch den Gen-Quatsch, zufällig von der Welt "aufgedeckt" verhüllt): nur wer was für's bsp leistet, darf bleiben. Wir können uns zwar immer mehr Milliardäre leisten, aber keine Sozialhilfe für Faule Ausländer. Pfui.

Granado 17. März 2011 um 11:07  

"Christlich-sozial" ist auch schlicht der Vorgänger von "national-sozial(istisch)": die Partei des preußischen Hofpredigers Stöcker, des Wiener Bürgermeisters Lueger. Taktik ist, für christlich/national als Massenbasis die Arbeiter ("sozial") zu interessieren.

landbewohner 17. März 2011 um 11:57  

"die rechten" hatten und haben ihre fans im bürgertum.
also bei den blockparteien cdufdpspdgrüne. für "ordentliche verhältnisse" lässt diese gruppe werte wie moral,solidarität etc gerne links liegen. und die zeiten haben sich geändert, abgesehen vom fußvolk, das man aber jederzeit im griff hat, ist rechts heutzutage international-asozial statt national und "sozialistisch".

Anonym 17. März 2011 um 12:28  

Immer derselbe Schweiß- und Tränen-Duktus, Roberto, soviel Trostlosigkeit will selbst in mein sozialistisches Gehirn nicht rein... Und es wiwederholt sich alles zum x-ten Mal, Du musst ja nur noch alte Artikel recyclen den Rest des Lebens.

Wenn schon Schweiß und Tränen, dann doch mal an originelleren und einflußreichen Subjekten abgearbeitet, wie im "Freitag" gerade eine marxisierenden Interpretation des Phänomens Justin Bieber: "Justin Bieber ist das schon wiederum paradoxe Bild eines hard working teenie stars: Er strengt sich an. Er gibt sich Mühe. Er ist weder ein Streber noch ein Klassenclown. Er ist vielmehr ein Rollenmodell für das Bewusstsein, dass harte Zeiten auf uns zukommen."

Roberto J. De Lapuente 17. März 2011 um 12:37  

Wer ist Julian Bieber? Wenn es langweilt: das Netz ist groß!

Anonym 17. März 2011 um 13:02  

Auf den Demos zeigen die Neonazis Transparente gegen den Kapitalismus und für die Rückkehr deutscher Soldaten aus Afghanistan. Diese Forderungen decken sich aber nur oberflächlich mit denen der Linken, enthalten aber völlig andere Motivationen. Genauso wie der Kampf der Rechten gegen das Waldsterben damals, damit es noch Bäume gibt, an denen man die Linken aufknüpfen kann.

Doxanthropos 17. März 2011 um 14:15  

Der Artikel ist leider nur allzu zutreffend, aber ich verstehen nicht, was du gegen den alten Xenophon hast. Der hat zwar nicht so schön geschrieben, wie z.B. Platon, aber dafür verständlicher.

Granado 17. März 2011 um 15:08  

Doxanthropos meint:
Letzter Absatz: "xenophon"? "xenophob"!
Jaja, die Tastatur b_n

Roberto J. De Lapuente 17. März 2011 um 15:13  

*lach* Ist das peinlich!

Ich dachte mir nur, was will der Doxanthropos nur? Vielen Dank für den Hinweis, der damit prompt zur Verbesserung führte...

... so peinlich...

Anonym 17. März 2011 um 15:51  

@Roberto J. de Lapuente

Den Verdacht hege ich schon seit Jahren, zumal ich - in der eigenen Verwandtschaft - einen REP habe.

Ich hab damals, als die rechtsextremen REP noch jung waren, deren Parteiprogramm bestellt - aus reiner Neugier, und mich angewidert von dieser Partei abgewandt. Warum? Die forderten Arbeitszwang für Arbeitslose und andere soziale Grausamkeiten, und natürlich das obligatorische "Ausländer raus".

Tja, heute - 2011 - verkauft sich diese Partei als das "sprichwörtliche soziale Gewissen der Nation".

Man sollte einmal auf den Punkt bringen, dass eben auch rechtsextremen Parteien handeln, wie heute die Grünen - man muß unterscheiden zwischen dem was die öffentlich aussprechen und dem was die tun - Jutta Ditfurth hat ja über die "Realos" bei Grünen und Linkspartei eine entsprechende Abrechnung in Buchform veröffentlicht.

Deinen Text sehe ich als Anfang dazu, aber man sollte auch erwähnen, dass gewisse Parteien - nämlich die etablierten Parteien Deutschland, heute rechtsextremes Gedankengut in die Praxis umsetzen, was z.B. die Sanktionen für Hartz IV-EmpfängerInnen angeht, die ich so - in Frühform - eben schon vor Jahren bei REPS nachlesen durfte.

Fazit:

Wer sich als Arbeitsloser auf (Neo-)Nazis, und sonstige Rechtsextreme verläßt, der ist verlassen - dasselbe gilt aber auch für die "Realos" in Linkspartei, "Linke" bei der SPD und "Realos" bei den Grünen - unterscheidet zwischen dem was die öffentlich propagieren, aber letztendlich in die Praxis umsetzen, und ihr merkt schnell die kann man allesamt vergessen - "Realos" in Grünen und Linkspartei ebenso wie Rechtsextreme, und rechtsgewendete Konservative in CDU/CSU/FDP.

Lösung? Ich weiß auch nicht.

Gar nicht mehr wählen gehen - eh alle dasselbe Lügengesindel....oder?

Gruß
Bernie

antiferengi 17. März 2011 um 18:52  

An bundesdeutschen Schulen wird heute gelehrt, dass soziale Flexibilität die Bewegung zwischen den sozialen Schichten ist. Unter dieser Denkprämisse, kann man mit "sozial" alles gestalten, was einem in den eigenen Sinn der Begrifflichkeit für "soziale Schichten" kommt. Die können monetär genauso fix umdefiniert werden, wie ideologisch. Was auch fleißig getan wird. Dieser ganzen Gesellschaft, ist etwas grundlegendes verloren gegangen.

Rainer 17. März 2011 um 20:57  

Aber "Die Rechte" ist doch nur ein Symptom, ein Schmerz an und in einem kranken Organismus der sich "Volk" nennt.
( Der olle Jünger lässt sich viel weiter auslegen, als ihm wohl jemals hätte recht sein können).
Und das Virus ist nicht die Macht, die Mächtigen, nein, das Virus sind immer die Schwächeren, Anderen. Und die Antibiotika immer die gleichen: Konkurrenz, Neid und Zwietracht. So funktioniert das doch, oder?
Ich denke, man kann über z. B. die RAF denken und urteilen, aber sie hat in der Summe eines versucht: diese unselige Tangente zwwischen rechter und linker Argumentation, wie sie heute wieder zum Nutzen der Kapitaleigner gängig ist, zu durchbrechen.

Anonym 18. März 2011 um 08:14  

Ein wesentlicher Faktor des Rechtsdriftes de deutschen Gesellschaft ist der gegenwärtige Opferdiskurs, belebt durch Film und TV. Dazu einen spannenden Link aus der Jungle World:
http://jungleworld.com/artikel/2011/06/42620.html

Sehr sehr guter Artikel. Neonazis werden nur als abschreckendes Beispiel funktonalisiert um den sanften Rechtsruck zu vertuschen.

Anonym 18. März 2011 um 08:36  

@Rainer

"Rechts" und "Links" gibt es - nach Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) nicht mehr - es gibt nur noch die "Neue Mitte", die immer mehr nach extrem rechts abdriftet

Fazit am Beispiel der SPD: Jeder Schröder-Fan ist neuerdings ein "Linker" - Schau mal was ich unter "moralisch-ökologisch...." von Roberto J. de Lapuente geschrieben habe.

Es wird wirklich Zeit, die neoliberale Begriffsverwirrung, und -beliebigkeit, zu entlarven.

Gruß
Bernie

Anonym 18. März 2011 um 22:47  

Passt zum Thema und sollte man gelesen haben:

http://www.goldseiten-forum.de/index.php?page=Thread&threadID=15210&pageNo=1

Anonym 19. März 2011 um 01:06  

Wobei noch die Frage zu klären wäre: Sind diejenigen, die im nationalchovinistischen Gewande vorgeben, "sozial" zu sein, tatsächlich sozial? Wohl kaum, denn den "Christ"-"Sozialen" Seppels aus der CSU ging selbst Hartz IV nicht weit genug. Auch und gerade die CSU hetzt beispielsweise gerne gegen Arbeitslose.

Electric Eye 19. März 2011 um 09:08  

@Bernie

Eine hervorragende Idee.
Aber für einen durchschlagenden Erfolg solcher Aufklärungskampagnen fehlt wohl leider die intellektuelle Basis in der Breite.
Was ja sowieso beabsichtigt ist.
Darauf ist unser Bildungssystem förmlich ausgerichtet.

Anonym 20. März 2011 um 14:24  

@Electric Eye

Tja, es scheint so, dass Du richtig liegst - Victor Klemperers "LTI" wird ja intellektuell oft als historisch bezogen betrachtet - auf die Nazi-Zeit, ebenso wie George Orwells "1984" auf die Zeit des Kalten Krieges - die Sowjetunion war damals der große Begriffs(um)deuter, und wurde nur durch die westlichen Medien eines anderen belehrt.

Dabei hat jede Zeit ihre eigenen Begriffs(um)deuter, wie die neoliberale Beliebigkeit, trotz Neuer Weltwirtschaftskrise, die keineswegs vorbei ist, wie die uns suggerieren wollen, beweist.

Gruß
Bernie

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