De dicto

Montag, 13. Dezember 2010

"Das integrationskritische Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin wäre für mich kein Grund gewesen, den Mann seines Postens als Bundesbankvorstand zu entheben.
[...]
In einem Gespräch mit der „taz“ polterte Sarrazin auf die Frage, was er von der Kritik der Ex-Bischöfin Margot Käßmann an seinem Buch hält: „Vielleicht hat sie das Buch nicht gelesen. Oder sie hat beim Lesen wieder ein bisschen zu tief ins Glas geschaut. Wenn die Buchstaben auseinanderlaufen, kann man schon etwas missverstehen.“ Wenn einer hier alles missverstanden hat, dann der feine Herr Sarrazin. Er hat sich über einfachste Regeln menschlichen Umgangs hinweggesetzt."
- Peter Hahne, BILD-Zeitung vom 12. Dezember 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Natürlich überrascht es wenig, dass eine Kreatur des Springerkonzerns, die Sarrazin zweifelsohne ist, gegen eine Antiheldin made by Springer, gegen Margot Käßmann also, schießt. Das ist Normalität in einem Land, dessen Eliten bekennende BILD-Leser sind. Dennoch hat Hahne natürlich recht, wenn er behauptet, dass Sarrazins Großkotzigkeit, der Bischöfin stete Trinkfreude zu attestieren, eine infame Sauerei ist. Gut, er nannte es nicht so, er sprach von einfachsten Regeln - aber so einfach, wie Hahne schreibt, sind derlei Regeln dann doch nicht.

Hahne findet also, dass sich Sarrazin über die einfachsten Regeln menschlichen Umgangs hinweggesetzt hat - eine Bischöfin zu verspotten, gleich aus welchem Grund, sie aufgrund ihres Lapsus' von einst zur tumben Trinkerin zu stempeln: das findet Hahne unanständig! Sich mit unaufrichtiger Vererbungslehre hausieren zu gehen, von Kopftuchproduzenten, von Kosovoisierung zu sprechen im Bezug auf türkische und muslimische Mitbürger: damit kann Hahne aber durchaus leben, das ist nicht unanständig, es ist notwendig und richtig. Was ihn empört ist, dass dieser mutige Mann, "der über deutsche Leitkultur schwadroniert, [...] eine der wichtigsten Tugenden für sich selbst außer Acht [läßt]: Anstand." Wer die deutsche Leitkultur verinnerlicht hat, so lehrt uns Hahne damit, der verunglimpft Moslems und unterlässt fade Kalauer auf Kosten einer Geistlichen. Noch etwas lernen wir: deutsche Leitkultur bedeutet, anständig zu sein! Der wohlgeleitete Deutsche ist ein anständiger Mensch...

Überhaupt liest man aus Hahnes Sonntagswort heraus, dass Sarrazins Positionen schwer in Gefahr sind, wenn er sich nicht besser benimmt. Mensch, Sozialrassist, läßt sich leise aus dem Text deuten, Mensch, Sozialrassist, leg dir ordentliche Umgangsformen an, damit du auch im Bürgertum akzeptabel bleibst! Sei anständig, wahre Anstand, dann sind deine Thesen gesellschaftsmittig salonfähig! Hahne sorgt sich, wie er selbst sagt, nicht um Käßmann (er wolle sie nicht verklären, behauptet er) - er, der er ja jahrelang Mitglied des Rates der EKD war, dürfte ohnehin bitterlich von jener Dame enttäuscht sein. Als protestantischer Moralmessias und Medienbajazzo ist er nicht der Anwalt einer fehlgegangenen Bischöfin: er ist der strenge Herr Knigge des sozialrassistischen Trommlers, den man anleiten, dem man zivilisiertes Benehmen beibringen muß, wenn er weiterhin angehimmelt sein will. Mensch Thilo, rät im Peter, sei freundlich zur Margot, es reicht doch, wenn du Melek und Gülsüm brüsk ohrfeigst!



15 Kommentare:

merdeister 13. Dezember 2010 um 08:47  

Ha(h)nebüchen, sagt man wohl...

Anonym 13. Dezember 2010 um 09:13  

Frau Käßmann sitzt doch mit im Boot, warum sagt sie nicht klipp und klar wer der "Beifahrer" war?
Massiv nachgefragt wird seitens der Meinungsindustrie nicht, dass sagt doch alles...

Anonym 13. Dezember 2010 um 09:59  

Das Wort zum Sonntag als moralischer Zeigefinger und Ermahnung von Allerlei. Theologen/Pfaffen- und Bildungsbürgergeschwätz ist mit Abstand das Widerwärtigste und Verlogenste auf diesem Planeten. Die Ermahnung zu Anstand als Verdunklung realer Zusammenhänge. Mfg stefan

Anonym 13. Dezember 2010 um 10:18  

In der zweitletzten Zeile fehlt bei "im" ein "h".
Ansonsten: gut getroffen.
Gruß, Björn

Fleur 13. Dezember 2010 um 10:24  

Naja, die typische Scheinheiligkeit des Blattes.

Anonym 13. Dezember 2010 um 10:44  

"Derselbe Mann, der über deutsche Leitkultur schwadroniert, lässt nämlich eine der wichtigsten Tugenden für sich selbst außer Acht: Anstand." (Hahne) - ich glaube nicht, dass es nach einem "Studium der Theologie, Philosophie und Germanistik" (Wikipedia über Hahne) möglich ist, in Sachen Deutscher Anstand folgenden Satz nicht zu kennen: "Von Euch werden die meisten wissen, was es heisst, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Und dies durchgehalten zu haben, und dabei -- abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen -- anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt." (Rede von Heinrich Himmler 1943 in Polen). Das ist schlicht Basiswissen zum Thema "deutsche Leitkultur".

Andererseits ist mir aber die zeitgenössische Deutsch-akademische Textinterpretation ganz und gar unzugänglich. Beispiel: Ein promovierter ehemaliger Studienkollege mit dem erklärten Selbstbild "Ich bin kein Antideutscher" schrieb mir mal als Reaktion auf meine Kritik: "Ich staune immer wieder, wie meine Texte missverstanden werden" und "Da ist nichts Bürgerliches in diesem Text" (einer Eloge auf den Irak-Krieg unter George W. Bush im antideutschen Kontext der grundsätzlichen Bekämpfung sämtlicher damaliger Friedensdemonstrationen).

Formal ist das Phänomen erklärbar, wenn mensch im zeitgenössischen akademischen Deutschen eine vollständige und absolute Trennung zwischen Textinhalt und zielgruppenspezifisch beabsichtiger Rezension erkennt. Die Zielgruppen „Staat und militärisch-industrieller Komplex“ (potentielle Stipendiengeber) und „Friedensdemonstranten“ (Pöbel) sind a priori getrennt und haben nichts, aber auch absolut nichts miteinander zu tun.

Insofern muss ich Sarrazin in Schutz nehmen, wenn er in Bezug auf Käßmann sagt:"Vielleicht hat sie das Buch nicht gelesen." Der im Text objektiv vorhandene Sozialrassismus richtet sich an eine andere Zielgruppe (Unterschicht) als die im Text gleichzeitig vorhandene Selbstbeweihräucherung des Deutschen Bildungsbürgertums (Oberschicht), und beide Aspekte sind in der zeitgenössichen Deutschen Interpretationslehre eben vollständig getrennt. "Lesen" bedeutet: Jede Gruppe liest ausschliesslich das Ihre und ist a priori blind für das Andere. Daher wäre der Text für Hahne auch "kein Grund gewesen, den Mann seines Postens als Bundesbankvorstand zu entheben.", wo doch - aus seiner zielgruppenspezifischen Sicht - nur gelobt wird.

Die Bundesbank hat aber das Problem, dass sie global unter Gleichen tätig ist, und in dem Kontext stösst die Deutsche Interpretationslehre mindestens auf Unverständnis, befürchtet wurde aber glücklicherweise bestimmte Negation mit ökonomischen Folgen. Dermassen a priori blind wie Geisteswissenschaftler dürfen Banker eben nicht sein, wollen sie denn global reüssieren.

Jutta Rydzewski 13. Dezember 2010 um 11:57  

Natürlich sind die erneuten Ausfälle des unverbesserlichen Zynikers und unbelehrbaren Rassisten, Margot Käßmann betreffend, mies und erbärmlich. Aber schließlich ist doch bekannt, von wem es kommt. Die Empörung der versammelten Sarrazinaten, wie z.B. Hahne, ist deshalb auch nicht weniger mies und erbärmlich. Besonders dieser scheinheilige Frömmler ist einer der Allerallerletzten, der überhaupt die Vokabel Anstand in den Mund nehmen sollte. Gerade Hahne hat sich in der Vergangenheit mehrfach über die in der Tat einfachsten Regeln menschlichen Umgangs hinweggesetzt, und sollte besser sein bigottes Maul halten. Es war der gelernte Theologe Hahne, der anlässlich der Tragödie von Erfurt, Robert Steinhäuser als das Monster von Erfurt bezeichnet hat. Monster ist ohnehin offenbar ein Lieblingsbegriff des BILD-Pastors. Im Hinblick auf Josef Fritzl "psychologisierte" Hahne in der BILD: "Monster erkennt man nicht, nicht an ihrer Stimme, nicht an ihren Augen, sie leben unter uns, und ihr Doppelleben fliegt vielleicht niemals auf." Unabhängig davon, woher dieser "Aufklärer" das alles wissen will, wer Menschen, wie es Hahne immer wieder tut, ihr Menschsein abspricht, in dem er sie, auch wenn sie abscheulichste Verbrechen begangen haben, als Monster bezeichnet, ist ein Menschenverächter der übelsten Sorte. Dass dieser widerliche Heuchler auch noch öffentlich-rechtlich bezahlt wird, ist sogar mehr als nur unanständig.

Bei der Gelegenheit muss ich wieder Mal auf den allseits beliebten und hoch verehrten Altkanzler, Schmidt, eingehen, der den puren Rassismus des Sarrazin wie folgt kommentierte: "Wenn er sich ein bisschen tischfeiner ausgedrückt hätte, hätte ich ihm in weiten Teilen zustimmen können". Typisch Schmidt, der ja auch unter dem 2.Weltkrieg mehr als dem Naziregime gelitten hat. Wie sich die "Dinge" doch ähneln, bei Schmidt sind es die fehlenden Tischmanieren, "Pastor" Hahne beklagt Defizite bei den "einfachsten Regeln menschlichen Umgangs", aber mit den rassistischen Thesen des Sarrazynikers sind beide einverstanden. Die Republik wird täglich kränker. Der aktuelle, kranke Höhepunkt ist RTL2-Steffi zu Guttenzwerg, die jetzt auch noch in Afghanistan ihr Unwesen treibt. Vermutlich wird die Steffi dafür, Hahne, übernehmen Sie, in der BILD gebührend gefeiert werden. Krank, einfach nur noch krank.

mfg
Jutta Rydzewski

klaus baum 13. Dezember 2010 um 12:06  

Ich muss leider dieses Mal Herrn Hahne zustimmen. Mir sind die Gentleman-Gauner schon immer sympathischer gewesen als die rohen Primitivlinge. Ein mit höflichen Manieren ausgeführter Raubüberfall ist doch moralisch weitaus höher zu bewerten als einer von brutalen Dumpfbacken.

Zwei englische Einbrecher haben mich neulich mit den Worten überfallen: "We hope you apologize our bursting in on you like this." Ich habe ihnen sogleich verziehen und ihnen einen Tee gekocht.

Inglorious Basterd 13. Dezember 2010 um 12:22  

Jutta Rydzewski: Für Sie und auch für mich als Freunde des gepflegten, philosofisch geschwängerten Wortes mit staatsmännischer Attitüde ist Helmut Schmidt, Grossmeister der Aufmerksamkeit fordernden Kunstpausen, morgen alleiniger Gast bei Maischberger in der ARD. Also schon mal ne Flasche Himbeergeist kaltstellen.

Anonym 13. Dezember 2010 um 12:59  

Lieber Roberto, liebe aufgeregte Kommentatoren!
Was ist geschehen, in euch gefahren?
Herr Sarazzin, ein wohlbekanntes Mitglied unserer unübertrefflichen deutschen Eliten, hat einem anderen Mitglied derselben Kaste - lediglich in einer anderen Sparte tätig für Volksverdummung und Manipulation - durch übermäßigen Alkoholkonsum hervorgerufe Leseschwäche, Nicht-Verständnis von Texten vorgeworfen.
Diese "Ungeheuerlichkeit" ruft nun ein anderes Mitglied aus unseren unübertrefflichen deutschen Eliten, darüber hoch erregt auf den Plan, welches auch noch zufällig(!) in einer ähnlichen Sparte tätig ist wie die so böse "herabgesetzte" Person.
Wohlgemerkt: Ein Streit der Eliten-Leute unter sich!
Nun meine ganz einfache Frage an euch: Was kümmern euch eigentlich die Animositäten dieses (Eliten)Gesindels?

Zur Kühle gemahnende Grüße von
Bakunin

landbewohner 13. Dezember 2010 um 16:53  

ja, bakunin hats auf den punkt gebracht. is doch schön, wenn die bande sich in den haaren liegt, evtl. bekämpfen sie sich mal und das volk schaut einig und belustigt zu. das wären mal umgekehrte verhältnisse und utopie.

Daniel Limberger 13. Dezember 2010 um 18:28  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Margareth Gorges 14. Dezember 2010 um 06:31  

Lesenswert dazu auch :

Die Bild-Zeitung benutzte Sarrazin, wie ein Bauchredner seine Puppe"

Ein Gespräch mit Wolfgang Lieb, einer der Betreiber der NachDenkSeiten, über die rechtskonservative politische Meinungsmache der Springer-Presse
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33301/1.html

endless.good.news 14. Dezember 2010 um 08:06  

So sind sie unsere Eliten. Es wird sich nicht auf einer sachlichen Ebene mit Kritik auseinandergesetzt, sondern auf einer beleidigenden. Dabei kann niemand behaupten, dass Thilo eine weiße Weste hat. Wie war das noch mit dem Glashaus und den Steinen?

jürgen 17. Dezember 2010 um 15:07  

...wieder mal Dir ein paar Zeilen aus Dresden.
Auch uns, dem fast vergessenen Völkchen im dumpfen Thale der Unwissenden und Ahnungslosen, weht aus dem schwarzbraunem verschlissen Rocke der Geschichte ein stinkendes Lüftchen der muffigen Verdummung und der schimmligen Volksaufklärung ins ehrliche Anlitz:
der Thilo S. kommt im Januar nach Elbflorenz zu einer Lesung, die, welch Schande, schon so viel Zuspruch hat, das die geplante Lokalisation ausgeweitet, vergrößert und so ins (mit öffentlichen Geldern wohl geförderte) Messegelände umziehen muß, damit des Rattenfängers Schar angemessen dem Geschwätz ihres Gurus folgen darf.

Nun ist es eine gute Gelegenheit sein Gesicht zu zeigen, auch außerhalb jenes 13. Februars, der, so alle Jahre wieder, von jenem kleingeistigen Fußvolke des Herrn S., als Tag der Schande stilisiert und also vom braven Bürger abgelehnt, mit der sich mit der schlichten Formel: "Diese Stadt hat Nazis satt" (Du siehst, wir sind im Lande der Dichter und der Denker) zum wohlgeordneten Proteste bekennt.

Kommt zu uns, lassen wir es dem Herrn Pfennigfuchser ins Gesicht sagen: DEUTSCHLAND WIRD ABGESCHAFFT - von den Acker- und Bertelsmännern und -frauen, von den herzlosen Kettenhunden des Großkapitals und seinen publizistischen Wadenbeißern mit ihren sloterdijkschen Sarrazinaden.

Komm, lieber Roberto J. De Lapuente, komm mit all Deinen Freunden und laß uns spotten über jene Ergüsse der rassistischen Überheblichkeit und mit der scharfen Peitsche des Sarkasmus und der Ironie eine Schneise der Vernunft für den mühsamen Weg in eine bessere Zukunft schlagen...

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33301/1.html

http://taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/nein-zur-ausgrenzung/

+++ stopp + an alle + stopp +++

OSTRALISTISCHE SARRAZIPODEN

Eine szenische Polemik zum Thema
“Sarrazin -- das Gen-Erbe der Zivilisation???”
und andere kulturellen Kostbarkeiten
Donnerstag, den 13.Januar 2011 18.30 Uhr
in der OSTRALE / Sozialgebäude / Messegelände

Für ein solidarisches, friedvolles Miteinander!
Bitte Getränke und Essen mitbringen
Fragen/Wünsche/Mitmachen/Helfen? Bitte schreiben:
ostralistische.sarrazipoden@googlemail.com

Dir, uns Allen, eine gute Zeit
Jürgen Gottschalk

http://www.youtube.com/watch?v=bmQbYP_VkCw&feature=player_embedded

...besonderen Gruß an Jutta Rydzewski aus Bochum

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP