Das Gebet ohne Gott

Montag, 16. Februar 2015

Und dann habe ich gebetet. Nach Jahren. Nach Jahrzehnten mal wieder. Ich faltete die Hände und tat es. Glaube ich an Gott? Wahrscheinlich nicht. Ziemlich sicher nicht. Aber ich wollte für einen Moment mein Schicksal in die Hände eines höchsten Wesens legen. Das tat gut. Das war menschlich. Man sollte niemanden verurteilen, der das Gebet sucht.

In letzter Zeit sitze ich in der Scheiße meines Schicksals. Private Nackenschläge prasseln auf mich ein. Kaum ein Tag ohne Sorgen. Was die Zukunft bringt, weiß ich nicht. Nichts ist mehr so, wie es mal war. Mir fehlt daher die Kraft, die man zum Leben so braucht. Irgendwann wurde es zu viel. Ich hatte Sehnsucht nach einem, der mir die Last abnimmt. Und sei es nur theoretisch. Ach ja, da war ja noch der eine, an den sich so viele Menschen täglich wenden. Ob er auch ein Ohr für mich hat, fragte ich mich. Ich traute mich einfach. Es tat gut - es tat gut zu flüstern, seine Sorgen loszuwerden, zu versinken in einem Augenblick der Weltvergessenheit. Dazu das Ritual: Gefaltete Hände, sich hinknien, Demut zeigen, Kreuzzeichen. Ich glaube, so ein Ritual macht die ganze Sache rund, verleiht ihr einen Anstrich, der die alltägliche Plumpheit überwindet.

Mensch, ich bin Sozialist. Ich »dürfte« doch gar nicht den Dialog mit Gott suchen. Nicht weil ich einen Maulkorb trage, sondern weil ich ja quasi in die Luft hinausrede. Ins Nichts. Das ist mir ja durchaus bewusst gewesen, als ich es tat. Und ich tat es trotzdem. Wissen schützt vor Torheit nicht. Aber so töricht ist es letztlich gar nicht. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Schutz, nach Aussprache, nach einem, der ein Ohr für einen hat, ohne gleich mustergültige Ratschläge zu erteilen. Und wenn dieser eine Allmacht repräsentiert, der große Lenker ist, der alles zum Guten wenden kann, wenn es ihm nur danach ist, dann gibt es Situationen im Leben eines jeden Menschen, in denen er sich unterwirft. Aus Verzweiflung. Da kann man noch so aufgeklärt sein wollen. Noch so gebildet. Noch so atheistisch.

In uns ruht die Veranlagung zum Gebet. Es ist menschlich bedingt. Schwer zu unterdrücken. Auch wenn es den Einen nicht gibt, so haben wir das Bedürfnis nach Geborgenheit, wenn sie uns hienieden abhanden kommt. Der Atheist in seiner Arroganz sollte das nie vergessen.

Ich betete also. Doch es half nichts. Und geschah es doch. Und nur der Eine sah zu. Der und der andere. Sah zu und wer weiß was. Aber schön, lieber Gott, dass wir mal darüber gesprochen haben. Es tat für den Moment gut. Jetzt köpfe ich eine Flasche, das hält länger her als bloß einen Moment. Amen.

12 Kommentare:

ulli 16. Februar 2015 um 09:57  

Religion ist bekanntlich Privatsache. Wo soll denn das Problem sein? (Wir sind schließlich nicht in Saudi-Arabien).

Vielmehr wünsche ich dir, dass deine persönlichen Probleme sich zum Guten auflösen!

Was das Verhältnis von Religion und linker Theorie angehen, so haben die in der Tat viel mehr mit einander zu schaffen, als so mancher ahnt. Lies mal die entsprechenden Kapitel aus dem "Prinzip Hoffnung". Oder auch das Buch von Karl Löwith, der heute leider ziemlich vergessen ist, "Weltgeschichte und Heilsgeschehen", das einen ausgesprochen erhellenden Blick auf die linke Hoffnung wirft, mittels Politik und Geschichte die Welt verbessern zu können.

david 16. Februar 2015 um 11:16  

Der kategorische atheismus ist ein großes problem bei vielen sozialisten und vor allem sozialistischen gesellschaften. so viel schlechtes wie die kirchen der welt gebracht haben, so viel gutes steckt doch in ihrem kern. war es nicht viel schlimmer, was mao den buddhisten in china angetan hat als das was die buddhisten china 'angetan' haben? so exzesiv ausgelebter atheismus ist doch im grunde wie der IS, nur eben anders rum.
ich kann nicht von mir sagen , dass ich an (einen) gott glaube, aber ich glaube, dass in jedem von uns etwas steckt, dass einem in allen lebenssituationen helfen kann. ob man dieses etwas jetzt mit hilfe eines gebets versucht zu erreichen, oder durch meditation oder durch zigarre rauchen ist dabei nicht von bedeutung.
das verständnis für eine gewisse spiritualität (was im prinzip nichts andres ist wie eine 'einfühlsamkeit' für sich selbst und dadurch auch für andere) ist es was vielen sozialisten fehlt und den sozialismus so zu etwas unvollkommenen macht.

Anonym 16. Februar 2015 um 12:15  

Lass das mal nicht die Jutta wissen,
die hat für sowas ja spezielle Schubladen.

Richie 16. Februar 2015 um 13:37  

Die Menschheitsgeschichte war schon immer ein Abgrund.
"Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."
(Nietzsche)
Also sollte man den Blick in den Abgrund sehr genau dosieren, um die Balance zu wahren.

Anonym 17. Februar 2015 um 02:15  

Roberto,

Du bist ein begnadeter Schreiber, wahrlich. Lass Dich nicht knicken vom Gram und Unbill.

Bedenke, zu Gott zu sprechen ist eine Befreiung weil es mentale Kräfte bündelt, Kraft oder Verbindung zur Gemeinschaft sucht oder einfordert. Das funktioniert auch, das ist nichts für das man sich schämen müsste, nur weil es Gott nicht gibt.

Sich jemanden anvertrauen können ist doch viel wert, nur gesellschaftlich anerkannte Avatare schaffen anonym auch Erleichterung aber die ist dann auch so echt wie es sich Menschen nur vorstellen können.

Grüße,
Kai

Thomas S. 17. Februar 2015 um 10:57  

Auch diesen persönlichen Text gerne und nicht ohne Mitgefühl gelesen. Eine Anmerkung sei mir gestattet:
Dass Gebete oft nicht helfen, ist auch dem Gottgläubigen eine Binsenweisheit. Er zieht daraus allerdings nicht den Schluss, dass er dem Allmächtigen egal ist. Und das sollten Sie auch nicht.
Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Pascal Alter 18. Februar 2015 um 01:41  

Also sprach...;"Kaum ein Tag ohne Sorgen. Was die Zukunft bringt, weiß ich nicht. Nichts ist mehr so, wie es mal war."

...Friedrich Nietzsche:
"Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen, immer Wenigere steigen mit mir auf immer hoehere
Berge."(Also sprach Zarathustra, Von alten und neuen Tafeln,..)
Lieber Herr Roberto..Sie sind
mit Ihrer Radikalitaet "einsame Experimente.."...auch voll die Gedanken eines Einsamen Friedrich Nietzsche: "Ich bin die Einsamkeit als Mensch" (Nachgelassene Fragmente 1887 - 1889 S.641 -1889)
...also Einsamkeit...
Gute Nacht!

Anonym 18. Februar 2015 um 08:26  

Hallo Roberto, wenn du ohne mit dir selber zu hadern, am Morgen in den Spiegel des Badezimmers schauen kannst, ohne dir selber Vorwürfe zu machen, für dein Handeln, dann ist alles in Ordnung. Dann ist es nicht deine Schuld. Denke an eines, du kannst keinen anderen Menschen ändern, nur dich selber. Das auch nur, wenn du sicher bist, dass dein bisheriges Handeln falsch war.

Wer in sich selber ruht, hat genügend Kraft Schicksalsschläge zu überwinden.

Anonym 19. Februar 2015 um 09:15  

anonam 8:26 Uhr: "du kannst keinen anderen Menschen ändern, nur dich selber."

Oh weh. Das ist einee Grundregel der
Esoterik, die sich die Entpolitisierung der Menschen auf die Fahnen geschrieben hat: "Wenn Du die Welt verändern willst, verändere Dich selbst."

Das ist nichts anderes, als die spirituelle Verortung sozialer Probleme in das Individuum und daher gefährlich.

Anonym 20. Februar 2015 um 14:53  

Unter welchen Voraussetzungen ist Jehova für uns da? Zunächst einmal muss man an ihn glauben, das heißt ihm vertrauen und auf ihn hören. Der Apostel Paulus betonte, wie wichtig es ist, an Gott zu glauben, damit man bei ihm Geborgenheit findet: „Ohne Glauben . . . ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen, denn wer sich Gott naht, muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn ernstlich suchen, ein Belohner wird“ (Hebräer 11:6)

Ute Plass 20. Februar 2015 um 21:19  

Wolfgang Herrndorf schreibt in seinem Tagebuch "Arbeit und Struktur" einen, mir fast tröstlich erscheinenden Satz:
“Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem `bekennenden, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir.”

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Anonym 26. Februar 2015 um 05:03  

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Sehr schön geschrieben.

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