Mal den Jürgen würgen

Freitag, 27. September 2013

Über Sympathisanten von Die Linke, die sich für Merkel entschieden.

Er stimmt mir und meinen Genossen, wie er sie nennt, oft zu. Die Linken haben schon richtige Ansichten, sagt er dann. Bei mir muss man aufpassen, findet er. Denn ich würde ihn noch glatt umdrehen, zum Kommunisten machen. Deshalb sei ich sein gefährlichster Arbeitskollege, meint er augenzwinkernd. Infantile Scherze, die das Arbeitsklima auflockern. Am Donnerstag vor der Bundestagswahl sagte er mir dann, dass er am Sonntag für Merkel stimmen wolle. Das Motiv dahinter: Uns gehe es ja gut. So ist er, der Jürgen.

Dieses Phänomen kennen viele Linke. Viele Werktätige und Arbeitslose geben ihnen recht. Im wesentlichen stimmen die Schwerpunkte, die die politische Linke setze. Mehr sozialer Ausgleich und die Einhaltung demokratischer Prozesse. Das kann man unterschreiben. Gewählt wird aber konservativ. Die Wahl scheint in diesem Land ein sadomasochistischer Drang zu sein, ein intellektueller Selbstverrat, bei dem man das glatte Gegenteil dessen wählt, was man eigentlich möchte.

Jürgen ist vielleicht der typische Merkel-Wähler. Kein Konservativer. Er ist höflich, lustig und kollegial. Aber auch duckmäuserisch, obrigkeitstreu und wenig phantasievoll. Er liebt seine Strukturen. Was nicht strukturiert ist, nennt er sofort Chaos. Gewiss ist das ein wenig spießig. Aber jeder sollte seinen Spleen haben dürfen. Er ist nicht mal Bild-Leser, guckt aber viel Plasberg und Jauch und glaubt sich da auch umfassend informiert. RTL sieht er kritisch - aber er sieht es. Manchmal fängt er dann an, mir einige (für ihn) kuriose Positionen von Talkshow-Gästen auszubreiten und ich winke nur ab. Kümmert mich wenig, was da geredet wird. Aber ihn beschäftigt es.

Sozialer Ausgleich ist notwendig, findet er. Der Arbeitsmarkt sei eine Katastrophe. Die Arbeitsbedingungen würden immer schlechter. Mieten unbezahlbar. Stromkosten für Arme kaum mehr zu bezahlen. Jürgen hat das alles erkannt und pflichtet mir in so existenziellen Fragen uneingeschränkt bei. Dass sich was ändern muss, sieht er auch ein. Als ich ihm sagte, dass der freie Markt in vielen Gebieten nicht angebracht sei, in staatliche Obhut gehörten, runzelte er die Stirn und gab mir auch da recht. Wagenknecht nennt er hochintelligent. Gysi auch. Lafontaine findet er nicht sympathisch, aber hält ihn für einen begnadeten Redner. Aber was nützte es? Er stimmte ja doch für Merkel. Manchmal möchte ich den Jürgen einfach nur würgen.

Aber das hilft ja auch nichts. Schließlich ist Jürgen wie so viele andere den neoliberalen Kampagneros erlegen, die ihre angebotsorientierte Sicht von der Welt als Vernunft hinstellen. Deren offenes Linken-Bashing überhört Jürgen zwar. Aber ihre latente Sozialstaatsfeindlichkeit nimmt er als Sachzwang wahr. Dass sie das Zusammenleben der Menschen als reine Geldfrage ansehen, hinterfragt er nicht. Ethische Bewertungen läßt die Begrenzung auf Finanzierbarkeiten halt nicht mehr zu. Natürlich muss man sehen, wie etwas bezahlt wird - aber wenn das nicht mit dem moralischen Aspekt des menschlichen Miteinanders korreliert, dann betreibt man die methodische Sinnentleerung des organisierten Zusammenlebens. Jürgen spricht freilich nie von Ethik.

Und so wählt Jürgen keine Partei, die ... ich will nicht sagen, "... die gut für ihn wäre", ich sage lieber: "... die besser für ihn wäre". Er wählt, was sonst noch so da ist. Das schlechte Gewissen nach Jahren der Kampagnen gegen Die Linke machen es möglich. Und das alles in Zeiten, da linke Politik, nachfrageorientierte Ökonomie und alternative Konzepte eigentlich Hochkonjunktur haben müssten.

Ach komm, Jürgen, ist mir scheißegal, antwortete ich ihm. Er wollte mir nach der Wahl doch unbedingt noch einen Grund nennen, weshalb er sich für Merkel ausgesprochen habe. Lass es, jetzt ist es eh zu spät, bat ich ihn. Er ließ sich allerdings nicht abbringen. Weil ich ihr das meiste Vertrauen schenke, sagte er. Du solltest deiner Frau vertrauen und nicht irgendwelchen Weibern, die du gar nicht kennst, sagte ich ihm. Er schaute mich doof an. Mein Satz erinnerte mich plötzlich an einen Ausspruch eines früheren Bundespräsidenten. Kennst du das vom Heinemann, als man ihn fragte, ob er Deutschland liebe und er sagte: Ich liebe nur meine Frau, fragte ich Jürgen. Ich wollte ihm damit nur deutlich machen, dass Liebe und Vertrauen und all diese Worte nicht für die Politik nützlich sind, sondern im Privatleben bleiben sollten. Ach Heinemann, das war eh ein Scheißpräsident, gab er zur Antwort. Total senil und orientierungslos, schob er nach und ging weg. Er verwechselte Heinemann mit Lübke.


16 Kommentare:

Anonym 27. September 2013 um 07:01  

Vortrefflicher Kommentar, der aber nicht nur auf CDU-Wähler übertragbar ist, die "links ticken" aber Merkel wählen sondern auch auf manche CDU-Parteimitglieder, die sich wirklich so verhalten als wäre die CDU DIE LINKE.

Ich könnte Beispiele zuhauf aufzählen, von CDU-Menschen, die sich sozial engagieren, und m.E. eigentlich in der falschen Partei sind, aber du hast das ja bereits für CDU-Wähler getan, und was Du geschrieben hast kann man 1:1 eben auch auf kleine CDU-Ortsvereine, und deren Mitglieder übertragen - zumal in Bundesländern wie Baden-Württemberg, die schon immer fest in Schwarzer Hand waren.

Ich selbst kenne so einen Fall hier, und da wundere ich mich nicht, dass DIE LINKE einen schlechten Stand hat, und dass so mancher eben CDU wählt, weil der mehr den hiesigen Ortsverein der CDU als die eiskalte Machtpartei CDU in Berlin sieht, und deren Große Vorsitzende Angela Merkel - "weil die sich kümmern vor Ort", die CDUler hier....

Gruß
Bernie

piet 27. September 2013 um 07:04  

Jürgen ist überall !

Anonym 27. September 2013 um 07:31  

Schön erzählt.

landbewohner 27. September 2013 um 09:18  

jürgen ist nicht nur überall, jürgen wählt auch spd oder grün.

Anonym 27. September 2013 um 10:03  

Es ist nur der Jürgen.....

http://www.otto-brenner-shop.de/uploads/tx_mplightshop/2011_08_15_AH68_Talkshow_web.pdf

skippi 27. September 2013 um 10:08  

Zustimmung!

Habe mich bei meinem Schwiegervater dafür "bedankt", dass er die Zukunft seiner Enkel ruiniert - keine Reaktion.
Hinweise auf einen neuerlichen Personenkult (Tennisplatzgroße Plakate mit Raute) blieben ebenfalls unbeantwortet.

Viele CDU-Wähler huldigen mit ihrer Stimme der Idee einer "Zweitrente": Klaus Töpfers Dosenpfand (Einführung erst unter Trittin).

Wie würde der Ruheständler von heute (und morgen) ohne diesen über die Runden kommen.

Anonym 27. September 2013 um 10:32  

Ich stimme zu: Schön erzählt!
Schade, dass der Essay nicht vor der Wahl erschienen ist!

MEINT ANMERKER

Anonym 27. September 2013 um 11:21  

Es ist ja nicht nur das... Der zweitgrößte Anteil der Stimmen (340.000) für die AfD kam von ehemaligen LINKE-Wählern...

Anonym 27. September 2013 um 12:11  

http://www.derwesten.de/politik/ein-drittel-der-gewerkschafter-waehlte-union-aimp-id8492002.html

Taktik oder Jürgen?

skippi 27. September 2013 um 12:57  

@Anonym 27. September 2013 12:11

http://www.derwesten.de/politik/ein-drittel-der-gewerkschafter-waehlte-union-aimp-id8492002.html

Danke für den Link.
1/3 der Gewerkschaftsmitglieder haben CDU gewählt haben?

Die skurillste Form der Protestwahl.

Das sind die, die mit ihren Kindern (meistens Töchtern) schimpfen, weil diese noch immer Rechts mit Links verwechseln.....

Stefan Becker 27. September 2013 um 13:32  

Ja die Linken, sie stehen da wie die einsamen Rufer im Walde. Nur die Wenigsten die ihre Politik betrifft, verstehen wen die Linke meint.Es mangelt einfach an Erkenntnis, an Mut und an Wut. Es fällt den Meisten schwer sich mit Inhalten auseinander zu setzen,weil die Verblödungsmaschinerie die Fähigkeit zur Selbstreflektion zerstört hat.Ein Jürgen ist nicht mehr in der Lage seine ureigensten Interessen zu erkennen und dem entsprechend, die politische Partei zu deligieren, die seine Interessen am besten vertritt

Anonym 27. September 2013 um 14:10  

Hurra, Angela M. darf Europa weiter kaputt machen.


http://www.youtube.com/watch?v=yQ9BJohHsfo&eurl=http://dev.misik.at/

Pattell 27. September 2013 um 14:20  

Jürgen Friss Kreide oder nimm Stimmen auf heller,

Anonym 27. September 2013 um 15:41  

Stefan Becker, die "Verblödungsmaschinerie" der heutigen Zeit muss es mal wieder richten zur Erklärung des Phänomens?
Bis vor 100 Jahren sah der positive Informationsfall für den Bürger su aus, dass er eine Tageszeitung eines großen Verlagshaus hatte. Vor 50 Jahren mit etwas staatlichem Fernsehen angereichert. Wo sollte da die bessere Informiertheit herkommen?
Du machst es Dir zu einfach...

FelixK 27. September 2013 um 15:56  

Sehr treffend. Wie sagt mein Vater immer: die Wagenknecht ist ne ganz Intelligente und hat mit vielem Recht, sehr vielen Aussagen stimmt er zu. Und immer, wenn ich dann denke, dass er nachher auch noch Die Linke wählen wird beim nächsten Mal, weil auch ich den Eindruck habe, dass seine Positionen oft mit denen dieser Partei übereinstimmen, kommt dann die Volte: deswegen, weil sie links ist und richtige Sachen sagt, ist "die Wagenknecht eine ganz Gefährliche". Weil: die ist ja links. Es macht manchmal Kopfschmerzen, aber so oder in ähnlicher Form begegnet es einem einfach ständig, die Propaganda bleibt emotional haften und verhindert die Herstellung von Kongruenz hinsichtlich der eigenen Überzeugungen und der Wahlentscheidung.

Sledgehammer 27. September 2013 um 19:14  

Der Arbeitskollege Jürgen ist den Zauberkünsten der neuen Alchemisten erlegen.
Ihm sind die Menschen, die ihn von der "Maschine" lösen könnten, inzwischen gänzlich fremd, da sein Umbau zum ökonomischen Agenten nahezu abgeschlossen ist.
Er ist nicht alleine - derzeit findet eine flächendeckende Transformation der Massen statt.

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