Karlsruhe is ned Bayern

Montag, 16. September 2013

Protokoll darüber, was Seehofern seinen Spezln gegen 18:34 Uhr noch gesagt haben könnte.

Liebe Freunde, wir können stolz sein: Die Wahl ist gewonnen! Und wir haben sogar noch zugelegt.
[Langer Beifall] 
Und wenn ich so frei sprechen darf, dieser Sieg ist weit mehr als nur ein Sieg. Denn er hat uns bewiesen: Die Demokratie ist in Bayern intakt.
[Beifall und Jubel]
Demokratie hat unsere Partei immer so definiert: Eine geistig überlegene Gruppe - überhebliche Zungen würden sagen: eine Avantgarde - leitet die Geschicke für den Rest. Demokratie war für uns nie, dass diese Gruppe um ihre Posten fürchten muss, bloß weil sie Dinge getan oder ignoriert hat, die die Masse für unangebracht hält. Das ist nicht das Wesen der Demokratie, das ist Populismus. Etwas, das die Medien gerne mit Demokratie verwechseln.
[Buh-Rufe - Zuruf: Scheiß-Presse!]

Liebe Freunde, unser bayerisches Demokratieverständnis ist einzigartig. Die Bayerinnen und Bayern sind nach so vielen Jahren CSU-Regierung geistig so vorangeschritten, unsere Bemühungen nicht gleich abzustrafen, nur weil wir hin und wieder mal etwas getan haben (oder nicht), was das Schandmaul namens Volksmund als "Scheiße bauen" bezeichnen würde.
[Gelächter]

Wir haben es geschafft, dass wir in unserem Freitstaat auch mal jemanden wegsperren können, der uns lästig wurde, ohne gleich beim Wahlgang abgestraft zu werden.
[Beifall]
Das ist insofern ein grandioser Sieg, weil selbst Karlsruhe bestätigte, dass dieser Freiheitsentzug verfassungswidrig war. Aber, liebe Freunde, wir wissen ja: Karlsruhe is ned in Bayern.
[Stürmischer Beifall und Gelächter]
Wir haben diesen Mann lange Jahre eingesperrt gehalten, wussten - oder sagen wir: ahnten - schon länger davon, dass er nicht eingesperrt gehört und haben trotzdem nichts unternommen. Aussitzen und sich dumm stellen. Und? Hat es uns etwa geschadet?
[Gelächter - Zuruf: Mia san mia!]

Hat es nicht! Und warum nicht, liebe Freunde? Weil die Demokratie die beste aller Regierungsformen ist, wenn ein Volk mündig genug ist zu erkennen, sich nicht zu viele unnötige Gedanken zu machen. Dafür sind ja wir da.
[Beifall]
Das voreilige Händereiben der Sozialdemokraten ist ein Relikt aus grauen Tagen, da die Demokratie noch ungefestigt war. Uns zieht nichts so schnell aus dem Sattel.
[Beifall]
Bei uns herrscht Mündigkeit und daher die CSU. Der mündige Bürger nimmt Ungereimtheiten zwar wahr, wählt aber trotzdem wie eh und je. Linke nennen das Abstumpfung.
[Buh-Rufe]
Ist es aber nicht! Wir wissen das! Das ist der Reifegrad der demokratischen Kultur. Man muss auch mal aushalten können. Als Gesellschaft Missstände aushalten können. Als Partei Vorwürfe aushalten können. Ein Weggesperrter macht uns doch nicht gleich regierungsunfähig.
[Zuruf: Gerade deshalb sind wir regierungsfähig!]

Natürlich haben wir schon seit vielen Jahren mit dämlichen Vorwürfen zu kämpfen. Wir würden nur eine Politik umsetzen, die unseren Freunden in der Wirtschaft dient und die nicht immer ganz transparent ist. Amigos haben sie uns genannt.
[Buh-Rufe]
Diese kleinkarierten Romantiker. Aber, liebe Freunde, Politik für Unternehmen kann nicht hinausposaunt werden. Das Unternehmertum lebt doch davon, dass es sein Herz nicht auf der Zunge trägt. So macht man Geschäfte. Leise und zurückhaltend.
[Zuruf: Die Romantiker gehören auch in die Psychiatrie]
Hat uns diese Verschleierung, diese Klientelpolitik und Wirtschaftsnähe etwa geschadet? Schaut euch die Wahlergebnisse des heutigen Abends an und beantwortet euch die Frage selbst.
[Tosender Beifall]

Wir können es uns mittlerweile leisten, Leute nach Berlin zu schicken, die in schlechteren Tagen als Persilschein für eine Abwahl gegolten hätten. Wären unsere Bürgerinnen und Bürger nicht so reif, hätte mancher unserer Leute uns beträchtlich schaden können. Wären sie nur ein wenig kleinlicher, hätten sie uns Guttenberg verübelt. Wären sie nur populistisch beeinflussbarer, sie hätten die Prism-Herunterspielungen von Friedrich als Indikator für eine Abstrafung an der Urne benutzt. Wir sind so weit, dass man uns sogar solche Typen vergibt.
[Vereinzelt Gelächter]

Unser Meisterstück war aber der Mollath. Ich habe in meinem Umfeld gehört, wie sich einige die Hände gerieben und gesagt haben, dass die CSU jetzt mausetot ist, weil nennenswerte Partei- und Regierungsmitglieder über diesen Fall im Bilde waren und den Mann trotzdem in der Anstalt hielten. Dreißig Prozent und weniger!, unkten sie. Zeitenwende und endlich Sozialdemokratie in Bayern!, sagten sie mir auf den Kopf zu.
[Gelächter - Zuruf: Idioten]
Ja, Liebe Leute, seht doch mal ein, dass wir nun die Ernte für unsere gute Bildungspolitik in unserem Bundesland einfahren. Gebildete Bürgerinnen und Bürger lassen sich halt nicht von solchen Lappalien beeindrucken, sie wählen uns trotzdem.
[Beifall]
Würde man die Bürger mit Mollath konfrontieren, würden sie sagen, dass es dieser Besserwisser und Miesepeter nicht besser verdient hat. Demokratie bedeutet auch, sich als Wähler nicht zu sehr vom Elend einzelner Menschen beeindrucken zu lassen.
[Zuruf: Wir sind die Demokratie]

Richtig. Aber Demokratie, liebe Freunde, ist für dieses Romantikerpack Teilhabe und Mitsprache, Wahlrecht und Optionen. Nebensachen letztlich. Die Abwahl sei angeblich der Normalzustand der Demokratie, sagen diese Leute arrogant. Nur wo es Abwahl gibt, meinen manche Politologen, da lebe auch der demokratische Geist. So ein Unsinn!
[Gelächter - Zuruf: Wer sagt denn sowas - Zuruf: Linker Quatsch]
Demokratie ist für uns: Mia san mia - und ned den andan!
[Lauter Beifall]
Unter uns, liebe Freunde: Demokratie ist, wenn wir bescheissen, hinterziehen, vernebeln, vertuschen, unschuldig wegsperren, schuldig freilassen, mauscheln, privilegieren oder benachteiligen (je nach Zielgruppe), korrumpieren und geldwert einschieben können, ohne gleich kleinlich um unsere Wiederwahl fürchten zu müssen.
[Stürmischer Beifall]
In diesem Sinne: O'zapft is. Wieder mal.
[Minutenlanger Beifall]


11 Kommentare:

Anonym 16. September 2013 um 09:07  

Bayern hat eine verf.ckte Nazigerichtsbarkeit, aus eigener Erfahrung! :-/

Anonym 16. September 2013 um 10:16  

ANMERKER MEINT:

Gelungene Satire, Roberto.
Fehlt nur noch ein Satz aus dem "Publikum": Hoch lebe der Kini!!!!

MEINT ANMERKER

Gisela Weber 16. September 2013 um 10:27  

Es ist fast unzumutbar diesen bayrischen Größenwahn zu ertragen. Ich verstehe nicht, warum der Rest der Republik sich von den bayrischen Schenkelklopfern am Nasenring führen lässt. Oder ist es am Ende doch so, dass den archaischen Urinstinkten, mittels Bayern, Vorschub geleistet werden soll?
Die bayrischen Extrawürste werden uns noch schwer im Magen liegen!

Anonym 16. September 2013 um 12:53  

Mia san mia - und ned den andan!

Nicht mal richtig deutsch wird da gesprochen!

BRAMAN 16. September 2013 um 14:17  

Was ist denn das 'richtige deutsch'?
Ich glaube der CSU wird unrecht getan. ganz klar, es ist eine Partei die nicht nur durch ehemalige NSDAP-Mitglieder gegründet wurde, sondern sie tritt auch fast so wie diese NSDAP auf. Ich kann mich noch an Auftritte von FJS erinnern wo er gegen Linke gegeifert hat, das hätte auch in den 30-er Jahren im Sportpalast sein können. Aber zurück zur Jetzt-Zeit. Was tun die anderen Parteien
1. Um sich selber zu profilieren?
2. Um den faschistoiden Hintergrund und auch Regierungsstiel der CSU in das Bewusstsein der Menschen zu rücken?
Defensive war noch nie ein gutes Rezept um zu siegen, nur Angriff und schonungsloses Aufdecken der Schwächen des Gegners kann eine Wende in Bayern (und in Berlin)bringen.
CDU und FDP haben die gleichen, tiefbraunen Wurzeln, und, wie man Herrn Kauder deutlich sieht, auch wieder kräftige Triebe

Roberto De Lapuente 16. September 2013 um 14:40  

@ BRAMAN
Ich pflichte Dir bei. Man darf die CSU nicht mit den Bayern verwechseln. Morgen dazu mehr.

Anonym 16. September 2013 um 15:07  

Wenn Vergleiche mit 2008 angestellt werden (SPD-Abschneiden), sollte nicht das markante Faktum unter den Tisch fallen, dass die Wahlbeteiligung diesmal deutlich gestiegen ist...

ulli 16. September 2013 um 16:30  

Man sollte besser fragen, ob die Gründe für den Wahlerfolg der CSU nicht bereits in Programm und Konzept dieser Partei angelegt sind. Tatsächlich erinnert mich die CSU - jenseits dieses Amigofilzes oder der Affäre Mollath, die sicher auch viele CSU Wähler für haarsträubend halten - an die französischen Konservativen, die früheren Gaullisten. Die vertraten immer ein Politikkonzept, das meilenweit von Merkels marktkonformer Demokratie und Gesellschaft entfernt ist. Chirac etwa hat zwei Amtsperioden regiert ohne jede "Sozialreform", er hatte sogar Mumm genug, Frankreich aus dem Irak herauszuhalten. Auch die CSU steht für einen starken Sozialstaat, wenn auch in einer konservativ-paternalistischen Form. Bekanntlich hat Seehofer sogar das Amt des Gesundsheitsministers geschmissen, weil er die Merkel'sche Kopfpauschale nicht mitmachen wollte. Auch Stoiber war zwar sehr technokratisch, aber kein ideologisch verblendeter Neoliberaler, er hat vielmehr eine ziemlich gekonnte Strukturpolitik gemacht und Bayern zu einem High-Tech-Land mit nahezu Vollbeschäftigung gemacht (man sollte das zugeben, auch wenn man ihn nicht sympathisch findet). Also: Die CSU ist zwar eine konservative Partei, die aber durchaus für die Interessen ihrer Wähler eintritt. Sie hat niemals ihre Wähler so verraten und verkauft wie etwa die Schröder-SPD. Man sollte die Sache mal aus dieser Perspektive sehen...

Sledgehammer 16. September 2013 um 16:48  

Weniger als 3 Millionen Verblendete dieses "räuberischen Bergvolks am Rande Alpen" haben es durch ihre geistfreie Stimmabgabe ermöglicht, dass ein ganzes Bundesland in den Händen einer krachledernen Amigo-Fraktion und deren Erben verbleibt.
Ist das generationenübergreifender kollektiver Wahnsinn oder gelebter und vererbbarer Masochismus?

Roberto De Lapuente 16. September 2013 um 16:57  

Dass ich das noch erleben darf, dem Ulli mal zuzustimmen ;)
Ja, Du hast recht wenn Du schreibst: "Auch die CSU steht für einen starken Sozialstaat, wenn auch in einer konservativ-paternalistischen Form." Das kann man voll unterschreiben. Die CSU ist nicht (oder fast nicht) die CDU, die sich dem Neoliberalismus verschrieben hat.

Gisela Weber 17. September 2013 um 09:41  

@ Roberto De Lapuente, @ ulli, leider beschränkt sich diese Sozialstaatlichkeit nur auf bayerische Landesebene und die Risiken werden steuerpolitisch geschickt bundespolitisch verteilt. wie z.B. mit der Auslagerung ihrer Schrottimmobilien von der HypoVereinsbank auf die Hypo Real Estate. Die HRE wurde , als Folge des Finanzcrashs später zu großen Teilen verstaatlicht - … „wurde der Bund - u.a. durch eine Enteignung von Flowers - mit 47,31% der größte Anteilshaber.“ …

und insofern trägt der Bund, sprich der Steuerzahler bundesweit, die Folgen der bayerischen Finanzmisswirtschaft.

Hier ist das Prinzip: Profit privatisieren und Misserfolg sozialisieren deutlich zu erkennen. Zum Anderen halte ich es für überheblich und unsozial jetzt vor das Verfassungsgericht zu ziehen, um sich aus der Verantwortung, bezüglich des Länderfinanzausgleichs, zu stehlen. Meiner Meinung nach, weist das bajuwarische Finanzgebaren, besonders der (Neo)Konservativen und (Neo)Liberalen, starke chauvinistische Züge auf - von einem verantwortungsvollen gesamtdeutschen Volkswirtschaftsbewusstsein ganz zu schweigen.

… „Die HRE wurde 2003 gegründet, als die HypoVereinsbank (HVB) 2003 ihre Immobiliensparte auslagerte.
Die Aktie der Hypo Real Estate Holding AG war seit dem 6. Oktober 2003 börsennotiert und wurde gut zwei Jahre nach ihrer Gründung mit Wirkung zum 19. Dezember 2005 in den DAX 30 Index aufgenommen. Ab dem 22.12.2008 war die Aktie im MDAX gelistet .
Unter Konzernchef Georg Funke wurde das Unternehmen 2004 einem "straffen Sanierungs- und Restrukturierungskurs“ unterzogen, welches zum Aufstieg in der Börse verhalf. Das internationale Finanzierungsgeschäft, das bislang von der Hypo Real Estate Bank International in Dublin gelenkt wurde, ist der Konzerntochter Württemberger Hypo in Stuttgart übertragen worden. Das Deutschland-Geschäft verblieb in München.“ … https://lobbypedia.de/wiki/Hypo_Real_Estate

… „An der Spitze der Hypo Real Estate Group steht die börsennotierte Hypo Real Estate Holding AG mit Sitz in München. Hinzu kommen die Hypo Real Estate Bank AG (Sitz in München, bündelt das gesamte internationale Immobilienfinanzierungsgeschäft) und die Depfa Bank plc, die seit dem 2. Oktober 2007 zur Hypo Real Estate gehört.“ … https://lobbypedia.de/wiki/Hypo_Real_Estate
... „Seit ihrer Gründung 2003 versucht die Hypo Real Estate zu beweisen, dass sie mehr ist als ein Underdog. Ein Minderwertigskeitkomplex, der ihr zum Verhängnis wurde.“ … http://www.focus.de/finanzen/banken/tid-17726/hypo-real-estate-die-ewige-bad-bank_aid_493418.html

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