Nein, sie lebt nicht, sie lebt nicht, sie lebt nicht...

Mittwoch, 7. September 2011

Man will ja doch wählen, seine Stimme loswerden. So hat man es gelernt, so will man es beibehalten - das ist die Denke vieler, die an Urnen pilgern, um in Bürgerpflicht zu machen. Wählen, weil das demokratisch ist - wählen, weil man es so gelernt hat und der schöne Brauch nicht aus der Welt sein soll - wählen, auch ohne eine Wahl zu haben. Stimmen wollen vergeben sein - und wenn man nicht weiß, wohin mit seiner Stimme, weil allerlei Parteien nicht so aussehen, als würden sie Stimmen verdient haben, so schustert man sie einer Partei zu, die derzeit womöglich nicht viel richtig macht, aber eben auch nicht falsch. Hier kommt derzeit die Sozialdemokratie ins Spiel, die in Landtagswahlen zunehmend als Gewinner hervortritt.

Gewinner? Neinnein, die SPD ist nicht wiedererwacht. Entwarnung also! Man darf Meck-Pomm nicht fehldeuten. Wenn eine Leiche ein Weilchen liegt, bekommt sie einen Blähbauch, furzt aus allerhand Körperöffnungen. Das wirkt dann beinahe so, als lebte der Torso noch. Tut er aber nicht! Blähungen sehen nur manchmal wie Atmung aus. Die SPD bläht gerade mächtig - das ist das ganze Geheimnis. Man war Leiche, man ist Leiche. Die anderen natürlich auch! Man verwest ja parteiübergreifend. Bloß bei denen stülpt das durch Fäulnisprozess entstehende Gas derzeit keine Bäuche nach außen. Der blähschwülstige Bauch, der sich wölbt, der rumort und gurgelt und dabei aussieht, wie ein agiler, sich bewegender Leib, er täuscht über die Wahrheit hinweg.

Und diese Wahrheit lautet, schunkelnd ausgedrückt: Neeeein, sie lebt nicht, sie lebt nicht, sie lebt nicht... Tut sie nicht! Man darf den Blähbauch nicht mit einer strotzenden Brust verwechseln. Beides mag sich ähneln, wenn man nur schnell darüber hinwegblickt. Doch die Sozialdemokratie schwellt nicht Brüste, sie profitiert lediglich davon, dass es Menschen gibt, die unbedingt ihr Kreuzchen loswerden wollen und nicht wissen, wohin mit dem Ding. Dann halt zur SPD, die war ja mal wer und Opa hat sie auch gewählt damals - und unter Gabriel blühen sie zwar nicht wieder zu mehr sozialem Gewissen und mehr Demokratieverständnis auf, aber sie schweigen viel, was gut ist in Zeiten, da die anderen viel Scheiße schwatzen. Reden Silber, Schweigen Gold und Zuwächse an der Urne.

Erstaunlich, wie die Sozialdemokraten feiern. Wissen die parteilichen Kader denn nicht, dass sich parteiliche Kadaver ab und an rühren und deswegen dennoch verstorben bleiben? Den letzten Aufwind eines im Sterben liegenden fehldeuten - ja, das passiert! Wer hat nicht schon Omas achten Frühling, den sie im Sterbezimmer verlebte, als Wende zum Guten interpretiert? Aber jemanden, der schon das Löffelchen abgegeben hat, zum Wiedergänger zu erheben? Hoffnung, die nicht mal dann stirbt, wenn schon gestorben wurde. Was feiern sie denn nur? Dass man aus Wahlnotstand heraus den wählt, der momentan am nettesten aussieht? Dass gottlob die meisten Wähler zuhause bleiben, das heißt, eben keine Wähler sein wollen, womit Zuwächse zustandekommen, die es gar nicht gibt. Weniger Polemik, etwas mehr Zahlenschaukelei? Bittesehr: Obwohl man in Mecklenburg-Vorpommern mehr als fünf Prozent zulegte, wurde man von knapp 8.000 Leuten weniger gewählt. Das ist doch nicht Leben, das in die SPD zurückkehrt - das ist der falsche Schein, den die Fäulnis macht.

Lang genug war man krank, litt man an der Schröderitis, höhlte die Clementitis den Körper aus, grummelte Morbus Münteferensis wild im Gestell, trocknete die Schilyhö den ohnehin schon moribunden Klapperkasten aus. Und dann war es aus! Nicht plötzlich, nicht unerwartet rafften sie sie dahin, die Sozialdemokratie. Was gut war, könnte man respektlos sagen. Was ist denn das für ein Leben nach einer schweren Schröderitis? Wer will denn so weitermachen, so entstellt, so gezeichnet? Dann lieber gleich ein Ende mit Schrecken. Die Sozis in Meck-Pomm, die nun so ungehalten jubeln, sie sollten mit etwas mehr Pietät an die Sache treten. An Särgen feiert man nicht, man steht zurückhaltend Spalier. Der Wahlabend war peinlich, weil er einer Beerdigung glich, auf der frohlockt wurde. Er war peinlich, weil man glaubte, dass der sich wie Hefe wölbende Bauch, der zufällig das Sargglöckchen bimmeln ließ, das Lebenszeichen eines versehentlich vergrabenen Scheintoten war...



26 Kommentare:

>MKM 7. September 2011 um 08:50  

Sind nicht alle Parteien mehr oder weniger Zombies.
Und Zombies fressen bekantlich gerne Gehirn.
Und die die noch ihr Gehirn haben laufen schreiend weg.


Gruß au MV MKM

Anonym 7. September 2011 um 09:00  

Pietät? Wichtiger sind doch Posten, Ämter und die damit verbundenen Einkünfte, Pensionen usw.
Nur DARUM geht es doch noch, wer sowas oder ähnliches wählt hat hat Demokratie halt immer noch nicht verstanden...

christophe 7. September 2011 um 09:47  

'éléction - piège à con' sagt man in Frankreich, etwas holpriger auf deutsch: 'Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten' Ja, es stimmt schon, man hat es mit der Muttermilch eingesogen, nicht wählen gehen ist ganz schlimm! Also wählt man das, was als kleinstes Übel wahrgenommen wird. Wobei man ebenfalls eingebleut bekommen hat, dass wegen der 5%-Hürde die kleinen Parteien nicht wählen soll. In Berlin stehen die Piraten bei 4,5%. Vielleicht sollte man dieses kleine Übel unterstützen...

Entlar 7. September 2011 um 11:54  

Ich finde es zutiefst faszinierend, dass Deutschland trotz nun jahrzehntelanger politischer Verwesung weiterhin in den allermeisten Parametern - inklusive dem Sozialen - Spitzenpositionen unter den mehreren Hunderten Staaten einnimmt.
Was sagt das über den Rest der Menschheit aus? Sehr, sehr, sehr Ungutes.

Entlar 7. September 2011 um 12:02  

Die Aussage des Artikels ist doch in letzter Konsequenz, dass Wahlen sinnlos sind, also auch die Demokratie beerdigt gehört.
Was soll folgen?

pp 7. September 2011 um 13:26  

sehr schön geschrieben.

Anonym 7. September 2011 um 13:57  

Entlar(vter) –

wieso hat D-Land dann diese UN-Abmahnung gekriegt? Von wegen Sozialstandards etc. pp.??
Natürlich sind wir im Vergleich mit Bangla Desh usw. das Paradies (Ihresgleichen stellt solche Vergleiche vermutlich gewohnheitsmäßig an), aber gemessen am hiesigen Reichtum laufen hier – vor einiger Zeit noch hierorts – unvorstellbare Sauereien gegenüber den sozial Benachteiliogten ab.

Verteidigen Sie nur – als (vermeintlicher?) Profiteur eine Zombie-Demokratie, in der demokratische Rituale wie Wahlen längst Voodoo sind – : auch Leute wie Sie müssen sich irgendwann der Realität stellen, dann, wenns richtig weh tut

Anonym 7. September 2011 um 14:07  

"Nein, sie lebt nicht, sie lebt nicht, sie lebt nicht..."

So einen schönen Artikel über diese verwesende Leiche SPD habe ich noch nirgends gelesen, einfach SUPER, KÖSTLICH!

Ich selbst schaue mir schon lange nicht mehr diese Idioten-Sendungen an "Wahlabenden" an, einfach nur peinlich, Kotzreize auslösend.

Entlar: "Was soll folgen"? Nichts!
Es spielt sowieso keine Rolle mehr, welche Polit-Haufen in welchen Kombinationen UNTER DEM KAPITAL dessen Geschäfte betreiben.

MfG Bakunin

Anonym 7. September 2011 um 14:30  

Aber die Wahlen sind doch wichtig! Schicksalswahlen! Richtungsentscheidungen! Wer nicht wählt verletzt seine Bürgerpflichen.

Ein Bild von Alfred Dorfer hat mir gefallen. Das ging etwa so:

Der Wähler sitzt auf einem Kinderkarusell in einem kleinen Auto, hat ein Lenkrad vor sich und darf nach herzenslust an diesem Lenkrad drehen, mal nach rechts, mal nach links, wonach ihm gerade ist. Und er darf und soll glauben, dass seine Lenkbewegungen die Richtung des Karusells beeinflussen würden. Uns so sitzt er zufrieden und selbstgefällig in seinem kleinem Auto, lenkt wie ein wilder, fühlt sich sehr wichtig, und merkt gar nicht, wohin die Reise eigentlich geht.

Siebenstein 7. September 2011 um 17:25  

Das eine sind die Wahlen, das andere aber sind die zu wählenden Parteien.
Tretet ein in die Partei eueres Vertrauens und haut auf den Putz,aber
ein bisschen Geduld braucht es schon.
Rom ist auch nicht an einem Tag niedergebrannt worden, oder so.

Fleur 7. September 2011 um 17:25  

Ich glaube ja nicht einmal, dass die meisten etwas gegen das Wählen an sich haben, sondern eher mit der Art und Weise, wie heutzutage gewählt wird. Entweder man gibt seine Stimme ab und akzeptiert, dass die gewählte Partei mehr oder minder das Gleiche tut wie ihre Vorgänger, mit dem ins Bett steigt, der ihr die Macht sichert und dafür die eigenen Ziele aus den Augen verliert oder man bleibt zu Haus und gilt dann als Feind der Demokratie.
Man gibt so nicht mehr die Zustimmung zu einer bestimmten Art von Politik, sondern nur noch genrell zur sich unerfreulich entwickelnden Parteiendemokratie insgesamt. Das war so sicherlich nicht im Sinne des Erfinders und ist auch ganz bestimmt nicht die denkbar beste Ausgestaltung einer demokratischen Gesellschaft.

Anonym 7. September 2011 um 17:53  

Furzen alle anderen Parteien nicht auch aus allen Körperöffnungen?! Das Experiment "Demokratie" ist doch seit Jahrzehnten gescheitert.

Anonym 7. September 2011 um 19:09  

Für mich erstaunlich, dass die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern gültig sind. Die Hälfte der Einwohner hat überhaupt nicht gewählt. Ja, wir haben keine Wahl, egal, ob SPD, Grüne oder Piratenpartei. Was also tun? Nicht mehr wählen gehen? Oder den Stimmzettel ungültig machen? Wäre ich dann kein Demokrat?

Frank Benedikt 7. September 2011 um 19:16  

Lebt denn der alte Holzmichel noch? *scnr*

Karl Görtz 7. September 2011 um 20:12  

Erinnert mich an Hermann Karl Hesse: Unterm Rad

Wenn ein Baum (SPD)entgipfelt wird, treibt er gern in Wurzelnähe neue Sprossen hervor, und so kehrt oft auch eine Seele, die in der Blüte krank wurde und verdarb, in die frühlingshafte Zeit der Anfänge und ahnungsvollen Kindheit zurück, als könnte sie dort neue Hoffnungen entdecken und den abgebrochenen Lebensfaden aufs neue anknüpfen. Die Wurzelsprossen geilen saftig und eilig auf, aber es ist ein Scheinleben, und es wird nie wieder ein rechter Baum daraus.

Anonym 8. September 2011 um 00:20  

Der kurze Urlaub war segensreich. Ad sinistram vom besten.

kabelbrand 8. September 2011 um 02:37  

Mit der totalen inhaltlichen Entkernung der Blockparteien war ja abzusehen, dass irgendwann ja ohne Wahlpflicht die Legitimation ins Wanken gerät. Faktisch bestimmen ja nur noch so 20% der Bevölkerung, welche Koalition wir jeweils ertragen müssen.

http://kabelbrand.wordpress.com/2011/09/05/toxisch-everything-is-nothing/

Anonym 8. September 2011 um 08:11  

Hartz 4, das waren WIR! Eure SPD.

Anonym 8. September 2011 um 14:17  

Danke für den Artikel, der SPD geht es eben wie dem neoliberalen Kapitalismus - sie ist mausetot, aber lebt als Untoter weiter.

Betr. Kapitalismus - man kann es nicht oft genug schreiben - im angelsächsischen Raum kursiert schon der Begriff "Zombie Capitalism" - für die SPD gilt wohl auch "Zombie-Sozialdemocrats".....*grins*

Amüsierte Grüße
Bernie

Anonym 8. September 2011 um 14:22  

@ >MKM

Stimmt, aber die SPD darf sich dafür bei der neoliberalen Zombie-Ideologie bedanken, die ihr, und man darf es nicht vergessen, auch den GRÜNEN, dass Hirn gefressen bzw. mit marktfundamentalistischen Ideen durchseucht hat, einschließlich anderen Parteien mit "C" und "F" vornedran... die waren schon infiziert, d.h. da war es noch einfacher, und Kanzerlin Merkel kommt mir deswegen auch jetzt schon verdächtig hirngefressen daher, ebenso wie ihr Intimus Schäuble, von Westerwelle/Rösler gar nicht erst anzufangen.....alles Zombies.....nicht allein die SPD.....Grünen.....

Teile der Linkspartei, vor allem die sogenannten "Realos" dort, sollen auch schon von diesen Hirnfressern infiziert sein.....Nein, ich meine nicht die Kuba/Mauerleute, sondern die Teile der Linkspartei, die munter marktradikale Ideen umsetzen kaum dass die an einer Regierung beteiligt sind.....

Gruß
Bernie

Anonym 8. September 2011 um 16:16  

Deine Leichenrethorik ist vollkommen daneben. Und es zeugt auch nicht eben von großem Scharfsinn, die Wähler der SPD kollektiv als tumbe Trottel zu beschimpfen, die halt irgendwo ihr Kreuzchen machen wollen. Ohne die SPD verteidigen zu wollen (die unter Schröder, etc viel Schlimmes und Dummes getan hat), dein Artikel strotzt von demokratiefeindlichem Ultramoralismus.

Anonym 9. September 2011 um 14:02  

"[...]Deine Leichenrethorik ist vollkommen daneben[...]"

Da fühlt sich jemand wohl von Robertos Artikel ins Mark getroffen? Ich warte mal gespannt auf die Antwort von Roberto J. de Lapuente auf diesen persönlichen Angriff, der m. E. zeigt, dass Roberto J. de Lapuente völlig richtig liegt, wenn er der SPD Untotsein bescheinigt *grins*

Amüsierte Grüße
Bernie

PS: Die SPD ist nichts anderes als in Gleichung ausgedrückt CDU/CSU = SPD = FDP = Grüne.

Einzig, die Linkspartei paßt, wie bereits öfters erwähnt, nicht in diese neoliberale Gleichung, und ich hoffe, dass die daran arbeitet, dass es auch so bleibt.

Deutl 12. September 2011 um 13:22  

Wenn man sich ansieht, wie die Linke Jahrzehnt um Jahrzehnt untereinander streitet, während andere Kräften die Geschichte lenken... erscheint es doch am besten, handlungsfähig zu sein über die Minimalpartizipation hinaus, mit einem Einkommen ein angenehmes Leben zu führen und dann seinen Teil zu tun, das System von innen heraus zu verbessern. Mahatma Ghandi hat das auch nicht anders gemacht, der hat immer wohlsituiert gelebt, ohne korrumpiert zu sein. Sein Vater und Großvater waren Premierminister...

W.E.D. 12. September 2011 um 17:13  

Ein Vorschlag für das nächste
Ridendo dicere verum:
"Die Massenvernichtung in Auschwitz gedanklich in Verbindung zu bringen mit der Verteidigung der atomaren Abschreckung eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats, dies gehört ebenfalls in das Kapitel der Verwirrung der Begriffe und der Geister, die wir jetzt bestehen müssen. Der Pazifismus der dreißiger Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem heutigen unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht."
(Heiner Geißler)

Quon Dijote 12. September 2011 um 20:50  

Es bleibt immer noch:
a) DIE LINKE wählen, die einzige Alternative, die die Missstände nachvollziehbar benennt und nicht neoliberaler Ideologie anhängt (ich geb's ja zu: Wenn einige aus ihren Reihen nicht gerade DDR'isch liebäugeln).
b) Wer das "Nicht alles war schlecht in der DDR" nicht abkann:
U N G Ü L T I G W Ä H L E N !!!!!!

Das wird gezählt, andere können nicht Desinteresse unterstellen und es entzieht dem bürgerlichen Kleeblatt Wahlkampfkostenpauschale.

Dieler 13. September 2011 um 00:45  

Wahrscheinlich bist Du einfach jung und idealistisch, Roberto, was ja vollkommen ok ist. Aber man muss der Politik insgesamt (als System) teilweise einfach Zeit geben, um Fehler zu erkennen und dann irgendwann diese zu beheben. Nehmen wir mal ein paar Beispiele, wo durchaus im Nachhinein ein falscher Weg erkannt wurde und reagiert wurde: Atomenergie und Wehrpflicht sind zwei jüngere Beispiele. Je nach politischer Perspektive wird man auch die Agenda 2010 nennen können. Demnächst kommt hoffentlich endlich ein Mindestlohn. usw. usf.

Also, unser System funktioniert im Grunde, aber langsam, es nervt dabei, es produziert ständig Enttäuschungen bei eigentlich fast allen. Das wird sich wohl nicht ändern lassen und ist zum großen Teil auch eine Wahrnehmungsfrage, weil ja die 1000 Sachen, die ganz gut laufen, nicht weiter in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Oder liege ich da falsch?

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