Warum wir anklagen

Montag, 7. März 2011

Berger, Erdmann und Sasse, diese ganzen linken und angelinkselten Konsorten, freilich auch dieser De Lapuente, die sollten froh sein, in einem Land wie diesem zu leben, in dem man schreiben darf, was man will, ohne am nächsten Morgen von Freischärlern der Regierung aus dem Schlaf gerissen zu werden. Dieser Einspruch ist häufig zu vernehmen, ebenso der Zusatz, man sollte mal nach Nordafrika, in die Sahelzone oder nach Nordkorea blicken. Denn die Menschen dort, die hätten Grund zur Anklage. Das J'accuse! westlicher Schreiber, Blogger, Publizisten ist nur ein Sport vornehmer Leute, denen es ausreichend zu gut gehe - und denen, denen es schlecht geht auf der Welt, die haben erst gar keine Möglichkeit, in diesen "weißen Sport" einzusteigen.

Jammere nicht Berger, Erdmann, Sasse, De Lapuente oder wie du auch heißen magst! Klage nicht im langatmigen Wortschwall an, als würde der gesellschaftliche Ruin quasi schon ante portas stehen. Sei froh, dass du hier leben darfst und erweise dich dankbar. Sei froh Deutscher, dass du in Deutschland leben darfst! Natürlich, Kritik muß sein, entkräften diese Beschwichtigungsmoralisten dann - aber erst überlegen, bevor man auf den Putz haut. Muß man denn jede Kleinigkeit aufgreifen? Kann man es manchmal nicht einfach gut sein lassen? Im Hinblick auf die Segnungen in diesem Lande als Gegenleistung auch mal die Schweinereien vergessen? Daran denken, in welchem wundervollen Land, mit vielen Rechten wenig Pflichten, man lebt und den Griffel, wenn schon nicht weglegen, so doch wenigstens abstumpfen, auf dass er nicht gar so spitze Spitzen zu Papier bringt? Einfach mal überlegen, bevor man "Empört Euch!" ruft...

Denn wir leben in einem Land, in dem wir ein Grundgesetz haben - nicht immer ist alles optimal, aber nie ist es eigentlich so ganz jämmerlich. Wie Berger, Erdmann oder Sasse denken, kann hier nicht eindeutig belegt werden - doch wie De Lapuente das sieht schon. Er weigert sich denen zuzustimmen, die stets mit dem Ausruf "Das ist ja Faschismus!" hantieren; er mag es nicht, dass gleich immer alles faschistisch gekennzeichnet wird, auch wenn es aus der Denkschule der Neoliberalen stammt. Hartz IV ist beispielsweise nicht faschistisch, es ist vielmehr dem Totalitarismus der Verwertbarkeit und Verwurstbarkeit unterworfen - das ja! Diktatorisch auf die Interessen des Kapitals zugeschnitten - jawohl! Einzig auf Profit ausgerichtet, total auf Profit ausgerichtet, totalitär auf Profit ausgerichtet - ja, ja und ja! Da stimmt er zu. Es ist nicht alles schlecht in diesem Lande, auch diese Einsicht teilt er - aber vieles wird gezielt schlecht gemacht. Der hier angewandte Mechanismus ist dann immer derselbe: erst macht man etwas propagandistisch madig, sodass die Menschen es für schlecht erachten und verwerfen wollen - und dann verschlimmbessert man durch die gezielte Tat, weil die Menschen ja meinten, dies oder jenes sei des Überlebens nicht mehr wert. So war es beispielsweise bei der Umlagefinanzierung der staatlichen Rente.

Und wir arbeiten als Gesellschaft darauf hin, dass wir in einen Totalitarismus der Konzerne abdriften - teilweise sind wir schon dort gelandet. Dort herrscht absolute Transparenz, der gläserne Arbeitnehmer ist der gläserne Staatsbürger ist der gläserne Patient ist letztlich der gläserne Mensch an sich. Und nicht nur durchsichtig hat er zu sein: gefügig auch. Gefügig voralledem! Er hat überdies zu sein: flexibel, mobil, kommunikativ und gut ausgebildet - der Präfix aus- darf hierbei nicht unterschlagen werden! Denn gut gebildet - ohne Präfix -aus! -, das heißt im Rahmen einer Allgemeinbildung, die auch Wissen vermittelt, das nicht unmittelbar einen Mehrwert für Konzerne darstellt, ist kein Kriterium mehr. Wenn ein Konzern sich einen jungen Menschen engagiert, dann soll er das können, was er im Beruf braucht - alles andere: Tand! Weg damit, erst gar nicht das junge Gehirn damit zumüllen! Die Fachidiotie bedroht uns, sie ist eine von vielen Fangarmen dieses Totalitarismus, der uns im Nacken sitzt.

So gesagt, dass es weniger kraftmeierisch klingt: diese Gesellschaft verabschiedet sich immer mehr von Mitmenschlichkeit, sie ächtet Kreativität und kategorisiert bereits Kinder dergestalt, wie es der Wirtschaft genehm und funktionell ist. Gesellschaftliche Teilhabe für alle - für alle! Wirklich alle! - wird konsequent umgedeutet: von einem Recht zu einer gesellschaftlichen Kann-Option. Rentabilitätsrechnungen entscheiden darüber, wie die Gesellschaft beschaffen sein soll - Hüftgelenke nur für Rentner unterhalb der Achtzig! Stürbe ein Alter kurz nach einer solchen Operation: schade um das schöne Geld! Missfelders damalige Äußerung ist beispielhaft, denn so tickt der Zeitgeist, der ein totalitärer ist, der als Absolutum nur das Kapital und dessen Profit kennt. Insofern ist der häufig gehörte Empörungsschrei, das alles sei schon Faschismus, eigentlich falsch - lax gesagt: die Faschisten ließen sich die Beseitigung von Gesellschaftsgruppen etwas kosten, da waren sie nicht knauserig. Die heutigen Herrn, diese Totalitaristen ihrer Bankkonten, wollen aber gerade sparen - sie unterlassen einfach Hilfe, sie sparen Rentner, Schüler, Arbeitslose, Behinderte einfach tot, sie investieren nicht in Güterwaggons. Sie sparen Menschen nicht etwa zu Tode, weil sie Teufel wären; sie machen es, weil ihre fixe und totale Weltsicht es ihnen leiderleider (sie würden gerne anders handeln, wenn das System sie ließe, sagen sie ja oft!) auferlegt.

Es ist ja noch nicht alles totalitär untermalt - aber danach ausgerichtet ist es. Ist das kein Motiv, laut sein J'accuse! erschallen zu lassen? Muß man warten, bis wir Zustände haben wie in Nordafrika? Wie in den USA, dem reichsten und doch vielleicht ärmsten Land der westlichen Hemisphäre? Berger, Erdmann, Sasse oder De Lapuente betreiben vielleicht "weißen Sport", das kann schon sein... keiner von denen landete in Gewahrsam, nur weil er seine freie Meinung kundtat - jedenfalls ist nichts davon bekannt. Und keiner von denen sieht den Faschismus hochdämmern, aber die Unterwerfung des savoir vivre unter rein fiskalische Attribute, die sehen sie täglich und das klagen sie an. Sie klagen an, bevor das Anklagen strafbar wird - ob es was hilft, steht auf einem anderen Blatt. Obwohl sie wissen, dass sie nicht im Faschismus leben, erdreisten sie sich, in dieser "besten aller möglichen Gesellschaften" (man beäuge diese kursive Stelle durch die zynische Brille) zu protestieren, denn es gibt Gründe, es gibt einen Abgrund, auf dem wir zukriechen. Hessel fordert in seinem kleinen Pamphlet einen "wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle." De Lapuente unterstreicht das - Berger, Erdmann und Sasse tun dies vermutlich auch.
Seien Sie froh in der Bundesrepublik sein zu dürfen, denn dort geht es uns noch gut - eben: noch! Das Paradies Bundesrepublik ist kein Idyll und kein Hort glücklicher Schuhplattler, es stinkt hier gewaltig und man rückt täglich einen Millimeter an den feuchten Traum der Wirtschaftsbarone heran: an den totalen Staat nach ihren Interessen - das ist nicht Faschismus, könnte aber irgendwann, mit vorzüglichen Grüßen von Orwell und Huxley, nicht minder bitter enden.

In einem Land zu leben, in dem man noch - Betonung auf noch! - sagen, schreiben und denken darf, was man möchte, kann doch nicht ernsthaft als Grund herangezogen werden, lieber besonnen die Klappe zu halten - dies noch zu können, es ist die Grundlage es auch zu tun! Nachher können wir schweigen, besonnen mundtot sein, wenn man vielleicht mal nicht mehr sagen, schreiben, denken darf, was einem beliebt. Aber auch dann finden sich besonders schlaue Gemüter, die dann gen Sudan oder nach Burundi deuten und feststellen, dass es denen da noch viel schlechter geht, weswegen man bloß nicht murren, ja gar nicht erst ans Murren denken soll. Es sei immer noch ein Segen in diesem Lande leben zu dürfen, werden auch dann noch einige behaupten...



28 Kommentare:

Anonym 7. März 2011 um 08:06  

Linksliberale Blogger haben in Nordafrika weder die Aufstände angeführt, noch rhetorisch begleitet. Im Ernstfall kommt es auf etwas ganz anderes an. Mut, Entschlossenheit und persönlicher Einsatz, verbunden mit einem hohen gesundheitlichen Risko auf der Strasse. In Deutschland sind die lili Blogger in meinen Augen ein Faktor, der die Leserschaft in ihren Meinungen bestätigt, Erregung und Empörung erzeugt, aber ansonsten die Verantwortlich für die Passivität ihrer "Konsumenten".

Es ist in diesem Land anders, als in Libyen z. B. möglich, legitim und rechtlich zulässig, durch viele Formen phantasievoller Aktionen Widerstand auf der Strasse und in den betrieben zu leisten, ohne auch nur in die Nähe des Risikos zu kommen, das die Menschen in den nordafrikanischen Ländern tragen. Das ist mit Blick auf die Nordküste des Mittelmeeres beschämend.

Dass viele tausende Unzufriedene dies nicht tun, mag auch an der passiven Bestätigung liegen, die sie durch die von Dir erwähnten Blogger bekommen. Den Kopf für den Tonfa hinhalten, die Augen mit Reizgas attackieren zu lassen und vom Wasserwerfer weggeputzt zu werden, dass ist ja schließlich Sache der Praktiker.

Soviel dazu. Muss jetzt wieder rasch in den Keller, Mollis bauen ;-).

Anonym 7. März 2011 um 08:14  

A.
Das wirft die Frage auf, was ist genau Faschismus?
Für mich ist Faschismus die Menschen zu gruppieren und einzelne Gruppen die höchste Verachtung entgegen zu bringen. Wenn sie (Wirtschaftselite) nur könnten wie sie wollten, dann...

Anonym 7. März 2011 um 08:59  

Linke werden ihrer Publikationen wegen aus dem Schlaf gerissen: http://www.kuechenradio.org/wp/?p=624

Ihre Publikationen sind aber zu angepaßt, um staatliches Handeln zu verursachen.

Berggeist1963 7. März 2011 um 10:21  

Jaja, in diesem unserem Land braucht niemand zu (ver)hungern. Und auch nicht unter der Brücke zu schlafen. Wenn doch, dann haben diese Leute eben selber schuld. Oder haben das freiwillig so gewollt. Es gibt hierzulande halt auch viele faule Schweine.

Jede(r) kann und darf zudem bei uns sagen und schreiben, was er/sie will. Obwohl - in den online-Leserkommentarbereichen diverser Zeitungen auch nicht immer.

Allerdings gilt es, wie vom Verfasser herausgestellt, bei den erwähnten "Freiheiten" und/oder "Rechten" das Wörtchen "noch" einzufügen. Unsere Wirtschafts- und Politeliten werden mit Sicherheit und mit Hochdruck gemeinsam und vertrauensvoll miteinander daran arbeiten, das entsprechend zu ändern. Wenn sie das Gefühl haben, ihre Felle könnten ihnen möglicherweise davonschwimmen, werden sie da schon wirkungsvoll gegensteuern.
Diese Massnahmen werden sie schon publikumswirksam als alternativlose, natürlich nur vorübergehende, Aktionen zur Rettung und Bewahrung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung unters Volk bringen.
Wobei das Grundgesetz in Teilbereichen bzw. einige Grundrechte und Menschenrechte ja bereits für die Menschen auf der untersten Stufe der Pyramide - zum Teil auch höchstrichterlich abgesegnet - stark eingeschränkt oder auch ganz ausser Kraft gesetzt wurden. Da fällt es später dann nicht mehr so auf, wenn da noch ein bisschen kräftiger an den Schrauben gedreht wird.

Der oftmals reflexartige Gebrauch des Begriffes "Faschismus" erscheint mir in einigen Bereichen ebenfalls nicht ganz "sachdienlich" zu sein. So wie auf der Gegenseite das Wort "Kommunismus" ebenfalls oft völlig fehl am Platze ist.

Anonym 7. März 2011 um 10:43  

Ich denke, da müssen Sie sich keine Sorgen machen, dass Sie nicht schreiben dürfen, was Sie wollen.
Zensur wird es in diesem perfiden System nicht geben. Aufgrund der Dummheit der Massen und der Flut an Information, Pseudo-Information und Schrott ("Weißes Rauschen" - Don DeLillo + postmoderne Gleichmacherei -
Stichwort "Mickey Maus und Bibel sind gleichwertig" - Hochkultur = Popkultur) darf man in diesem System schreiben was man will. Ihre kritschen Texte gehen in der Flut dampfender Scheiße unter. Außerdem: Texte werden niemals das System
ändern. Denn dieses System wird fundamental von Bildern beherrscht.
Ich erinnere nur an Gutti im AC/DC-T-Shirt und mit Show-Moderator-Geste am Time Square. So macht man Politik und nicht am Schreibtisch, sich durch Aktenberge wühlend und Aktenstücke in Klarsichtmappen verstauend, wie weiland Hans-Jochen Vogel.
Ich muss Ihnen widersprechen. Dieses System ist, wenn nicht faschistisch, dann wenigsten prä-faschistisch oder
faschistoid. Es gibt ja hunderte Faschismus-Definitionen. Eine sehr bekannte, aus dem kommunistischen Lager, bezeichnet den Faschismus als "Kapitalismus in der Krise". In der Krise verwandelt sich der angeblich menschenfreundliche
Kapitalismus (die Bürger sind "frei" und haben viele "Chancen") und zeigt seine wahre, blutige Fresse.
In den USA sprachen während der Bail-Out-Phase 2007/08 kritische Leute von "Finanz-Faschismus" bzw. "Finanz-Staatsstreich".
In Mussolinis Faschismus verschmolzen Großkonzerne und Staat zu einer Volks"gemeinschaft", um das italienische Volk auszubeuten, auch wenn man die Kapitalisten rhetorisch bekämpfte (dito Hitler - tatsächlich aber war Nazi-Deutschland ein wahres Paradies für die Kapitalisten. Arbeiter, die man völlig verwerten und anschließend hemmungslos wegschmeißen konnte. Was gibt es schöneres für einen Kapitalisten? Entstand das Milliarden-Vermögen der Quants nicht durch Sklavenarbeit?).
Anton Reiser

Anonym 7. März 2011 um 10:54  

Faschismus beginnt immer dann, wenn man Menschen Geld- bzw. Nutzenkategorien unterwirft. Die Nazis haben doch nicht sofort
mit Auschwitz begonnen. Es begann z.B. mit dem geheimen "T4-Projekt" (Tiergartenstr. 4 in Berlin - Zentrale der Behörde zur Eliminierung Behinderter und sonstigem unnützen Gesindel), um die unnützen Esser zu eliminieren.
Man stellte sich folgende Ausgangsfrage: Was, bitte schön, tragen die (geistig) Behinderten zur Volksgemeinschaft bei? Nichts! Noch schlimmer, die kosten uns einen Haufen Geld. Also ...
Gibt es da nicht Berührungspunkte mit der Neolib-Ideologie? zu Sarrazin und Konsorten? Der einzigste Unterschied bisher ist, dass das passiv geschieht (Leute über 70 Jahre (60 Jahre?) werden in GB nicht mehr operiert. Das kommt bei uns auch noch ...). Es werden (noch) nicht Leute aktiv getötet, weil sie zu viel Kosten verursachen. Obwohl, ist nicht die sog. Sterbehilfe (in Holland und der Schweiz am weitesten ausgeprägt. NB: Ist das Zufall? Beides Länder, die tief vom calvinistisch-liberal-kapitalistischen Denken beeinflußt sind.) die Einfallschneise in das aktive Töten unnützer Esser?
Faschismus ist z.B. gekennzeichnet durch folgende Punkte:
Führerprinzip: Ist nicht das Geld/das Kapital unser Führer?
Volksgemeinschaft: Die Leute, die Arbeit haben versus Loser (Hartzler usw.). Kapitalisten (kann man auch als eine Art "Volks"gemeinschaft ansehen. Die Heimat der "Superklasse" / ca. 5000 Leute - David Rothkopf - ist die ganze Erde. Sie führt Krieg gegen die gesamte restliche Erdbevölkerung.)
versus Arbeiter usw.
Einheispartei: Alle Parteien kann man quasi als eine Partei betrachten. Alle vollstrecken TINA (Merkel, die deutsche Maggie sondert ab: unsere Politik "alternativlos").
Alle vollstrecken die Befehle des Finanzkapitalismus.
Schutz des Privateigentums: Da braucht's wohl keine Analogie.
Antikapitalismus: Das war reine faschistische Rhetorik. Nie ging es dem Großkapital besser.
Sündenbockphilosophie und Vereinfachung: Der Staat ist schuld. Last uns ALLES PRIVATISIEREN (Erde, Feuer/Energie, Luft und Wasser), dann wird das Paradies auf Erden erscheinen ("Epiphanie").
Militarismus und Imperialismus: Militarismus passiert im geheimen. Es gibt nahezu keinerlei militaristischen Bilder(Stechschritt, Militärparaden usw.) oder Rhetorik. Es scheint so, als wären wir die friedlichste Gesellschaft aller Zeiten. Trotzdem verdienen Heckler & Koch,
Rheinmetall + Co. Milliarden über Milliarden. Und die Kriege in Irak und Afghanisten haben nichts mit Imperialismus zu tun. Nein, wir bekämpfen nur Terroristen. Wenn die nicht wären, hätten wir schon das Paradies geschaffen. Aber leider ...
Anton Reiser

Kowalsky 7. März 2011 um 10:56  

In dem Thriller "Im Jahr des Drachen" von Michael Cimino (irgendwann aus den 80ern) wird ein Mafia-Boss hart von einer Journalistin angegangen, worauf der Mafioso diese (sinngemäß) anblafft: Schreiben Sie doch gefälligst mal was positives über unser Stadtviertel... positive Dinge wollen die Leute lesen!

Nichts neues also im Jahre 2011. Höchstens das noch zu verzeichnen ist, daß so viele Menschen lieb und nett und sozial zu sich, der Familie und dem Bekannten- und Freundeskreis sind, aber darüberhinaus interessiert sie nichts mehr wirklich. Aus dieser Nische darf man auch nicht versuchen, sie herauszulocken, um Himmels Willen!! Denn das alle Politiker korrupte Lügner sind, ist ihnen klar, und doch ist es - wenn sie argumentativ nichts mehr zur Hand haben - hier doch bitte sehr niemals so schlimm ("noch", und dieses noch unterziehen sie keiner näheren Prüfung) wie anderswo. Dann werden sie ungehalten vor Verzweiflung, weil man ihre heile Welt mit Fakten zerstören will. Und diese Frau hier http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=0LXGYMfG7bQ ist, so fürchte ich, nichts weiter als verbreitet auftretender Durchschnitt.
Ihre schöne (neue) Welt existiert im Boulevard und Privatfernsehen...
dieses von interessierter Seite aufbereitete Paradies dürfen Du und andere natürlich nicht zertrampeln. Die Hölle findet z. Bsp. in Lybien statt, das tangiert den besorgten Durchschnittsbürger hier höchstens an der Tanke.

Guardian of the Blind 7. März 2011 um 11:43  

Es ist halt einfach, alle möglichen Phänomene pauschal unter dem Faschismusbegriff zu subsumieren. So braucht man keine komplizierten Analysen und keine auf differenzierter Argumentation beruhende Kritik mehr.

persiana451 7. März 2011 um 12:15  

Der Begriff 'Faschismus' ist ja recht umstritten. Vielleicht sollte man sich nicht mit Wortklaubereien aufhalten. Wir sind auf dem Weg in eine totalitäre Diktatur, ob man sie nun faschistisch oder sonstwie nennt.

Allerdings möchte ich anmerken, dass meines Wissens sämtliche Konzerne, die im 3. Reich einen Riesenprofit gemacht haben, nach dem 2. Weltkrieg weitergemacht haben - häufig unter demselben Namen. Zum Beispiel die Deutsche Bank. Zum Beispiel Krups. Zum Beispiel Braun. Zum Beispiel Siemens. Zum Beispiel VW. Und so weiter.

Aber nicht nur Deutsche Konzerne konnten sich bereichern. Auch internationale Banken wie J.P.Morgan, Kuhn, Loeb & Co konnten sich freuen. Ach ja und General Electric. Da fällt mir noch Standard Oil ein (Rockefeller).

Viele Unternehmen der ehemaligen IG Farben stiegen zu internationalen Riesenkonzernen auf, und die sind es jetzt, die uns jetzt unsere Medikamente verkaufen. Ein Riesenskandal ist auch, dass Degussa, die Firma, die an der Herstellung des Zyklon B beteiligt war,einer der größten Amalgam-Hersteller ist. Inzwischen haben sie sich umbenannt in Evonik (die Klagen häuften sich halt doch).

Man könnte noch weiter fortfahren, es nimmt eigentlich kein Ende. Diejenigen, die hinter der Entfachung des 2. Weltkrieges standen und sich am Leid der Menschen bereichert haben, haben nach Kriegsende einfach weitergemacht, und sie sind es jetzt, die letztendlich durch Erpressung und andere finstere Methoden die Richtlinien der Politik bestimmen.

Die Ziele haben sich nicht geändert. Es geht um billige Arbeitskräfte - vielleicht auch um mehr.

Da fällt mir gerade noch IBM ein. Wie konnte ich die vergessesen. Das Lochkarten-System, die Nummer die man KZ-Häftlingen eintätowierte... Sie sind ja jetzt schon wieder dabei, alles unter ihre Kontrolle zu bringen - mehr und mehr Funktionen sollen auf das Internet verlegt werden, um die Menschheit kontrollierbar zu machen. Ok, ich hör ja schon auf...

Man könnte ein Buch darüber schreiben. Wahrscheinlich mehrere Bücher. Welche Rolle spielt es da noch, ob man das, was man weltweit einführen will, mit dem Begriff Faschismus oder einem anderem belegt. Ich persönlich halte ihn nicht für verkehrt - zumindest drückt er die Gefahr aus, in der wir uns befinden...

Anonym 7. März 2011 um 12:39  

In Deutschland darf "man" vielleicht noch Schreiben was man will, aber nicht mehr "jeder", wie es sich in der Stuttgarter Szene derzeit darstellt. Leserbriefe können schon eine Bestellung auf das Polizeirevier auslösen. Oder eine Button mit "Oben Bleiben" verführt eifrige Polizisten zu Überprüfung der Personalien auf der Straße oder in der S-Bahn. Solange sich unsere herrschende Elite noch sicher im Sattel fühlt, sind sie großzügig mit ihren Untertanen, aber wehe, es ist Gefahr im Verzug, da werden dann auch Wohnungen von S-21 Gegnern während ihres Urlaubes aufgebrochen, mit Erlaubnis der Justiz. Hängen bleibt bei diesen Polizeiaktionen juristisch nichts verwertbares, außer dass Leute wie wir, kriminalisiert wurden. "Ihr seid alles Chaoten", erzählen einem die Leute auf dem Lande (und in der Stadt).
hjmueller

nightowl 7. März 2011 um 12:41  

Hm, mir scheint, als offenbare diese im Bezug etwas unglücklich formulierte Passage
"In einem Land zu leben, in dem man noch - Betonung auf noch! - sagen, schreiben und denken darf, was man möchte, kann doch nicht ernsthaft als Grund herangezogen werden, lieber besonnen die Klappe zu halten - dies noch zu können, es ist die Grundlage es auch zu tun! Nachher können wir schweigen....."
etwas vom unschlüssigen "Naja, aber doch nicht so ganz"-Duktus, der hier gerne gepflegt wird.
So sehr ich auch für differenzierende Betrachtung und Formulierung bin, so wenig verstehe ich hier die Knittelsch...erei um den Begriff "Faschismus", der sich nun mal - unglücklicherweise - als Sammelbegriff auch für Nazi-Charakteristika eingebürgert hat.
Angesichts dieser Gegebenheit ist Hartz IV faschistisch!
Ich verweise an dieser Stelle gerne auf Holdger Plattas lesenswerte Rede zu diesem Thema:
http://geibev.de/Erinnern_zwischen_Abwehr_und_Alarmismus.html

Anonym 7. März 2011 um 12:57  

Es ist nicht das "Du sollst nicht über Mängel schreiben, weil es woanders größere Mängel gibt".

Es ist vielmehr das "Du sollst nicht ausschließlich über Mängel schreiben, wenn Du gleichzeitig beharrlich die Position beziehst, dass in der Politik und damit insgesamt keine Lösungen für die Probleme möglich sind".
Jüngst erst meintest Du in den Kommentaren wieder, dass es generell keine Politiker gäbe, die die Probleme lösen könnten.

Wie so oft, läßt Du in Antwort auf Leserstimmen somit einen entscheidenen Aspekt, den Du zumindest von mir in diesem Zusammenhang schon gehört hast, einfach weg, so dass die Antwort schlichtweg witzlos und reine Zeitverschwendung für Dich und für alle anderen ist.

klaus baum 7. März 2011 um 13:08  

>>Berger, Erdmann und Sasse, diese ganzen linken und angelinkselten Konsorten, freilich auch dieser De Lapuente<<

Gut, dass du mich nicht genannt hast, denn ich bin nämlich nicht links, sondern kritisch.

Anonym 7. März 2011 um 13:25  

Zu den unnützen Essern hier etwas zum Thema Sterbehilfe. Obwohl das Gegenteil stets bekundet wird, ist dies ein Dammbruch auf Seiten der Ärzteschaft. Ich stelle mal die Frage in den Raum, ob ethische oder ökonomische Gründe hier eine Rolle spielten.
http://www.tagesschau.de/inland/sterbehilfe130.html

Roberto J. De Lapuente 7. März 2011 um 14:21  

Ach, Klaus Baum, wenn es doch so einfach wäre. Was Du bist, entscheidest nicht Du - was Du bist, das entscheiden die anderen. Und Du bist kritisch - so sehen es viele, andere meinen daher, Du seist links und irgendwie auch Befürworter von Wohnkommunen und freier Liebe - andere meinen sogar, Du seist daher Kommunist. Die Definition des eigenen politischen Gewissens, sie ist unnütz, weil am Ende ohnehin die anderen entscheiden, was man ist.

Anonym 7. März 2011 um 15:11  

"Seien Sie froh in der Bundesrepublik sein zu dürfen, denn dort geht es uns noch gut - eben: noch! Das Paradies Bundesrepublik ist kein Idyll und kein Hort glücklicher Schuhplattler, es stinkt hier gewaltig und man rückt täglich einen Millimeter an den feuchten Traum der Wirtschaftsbarone heran: an den totalen Staat nach ihren Interessen - das ist nicht Faschismus, könnte aber irgendwann, mit vorzüglichen Grüßen von Orwell und Huxley, nicht minder bitter enden."

Ich denke, das fasst die momentane Lage ziemlich genau zusammen. Wie so oft ein treffender, hervorragend geschriebener Artikel. Vielen Dank.

Anonym 7. März 2011 um 15:13  

„Generation Diva - Digital und illoyal: Der Stress der Unternehmen mit den Jungen“ lautet der gegenwärtige Titel-Aufmacher der Schweizer Wirtschafts-Zeitschrift „Bilanz“, hinterlegt mit einem Gruppenbild junger ArbeitnehmerInnen im business-typischen Pinguin-Kostüm. Das propagierte Menschenbild im „Totalitarismus der Konzerne“ ist offensichtlich auch in deren Selbstwahrnehmung widersprüchlich, denn was für juristische Personen (= Konzerne) gilt, gilt offenbar noch lange nicht für natürliche Personen (= ArbeitnehmerInnen unterhalb der Topmanagement-Stufe): „Quod licet Iovi, non licet bovi.“ Oder: „Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.“ denken sie, und „In die Ecke, Besen, Besen! Seids gewesen.“ rufen sie den Leuten am Zeitungskiosk zu.

klaus baum 7. März 2011 um 18:43  

Lieber Roberto, bei mir nicht mehr. Ich halte es - um es metaphorisch auszudrücken - mit Clint Eastwood: Die einen haben einen Revolver und die anderen buddeln.

Anonym 7. März 2011 um 18:56  

Danke für ;-)

Lieber Roberto J. de Lapuente,
du hast den neoliberalen Totalitarismus voll auf den Punkt gebracht. Übrigens er ist so totalitär, dass er, z.B. in unserem Familienunternehmen, dass wir als Erbengemeischaft weiterführen, welche von der Witwe des Verstorbenen weitergeführt wird, sogar bis in unser Privatleben reinwirkt. Kein Witz! Als ich mich heute - Rosenmontag - darüber aufregte, dass man mir "Faulheit" unterstellt hat, wo ich nur heute keine Lust auf Arbeit habe - weil eben noch keine Saison und zudem noch Fasching - meinte meine Mutter nur: "Ich möchte wissen was der im Hirn hat" - auf meine Erwiderung, dass mich die Doppelmoral im Land ankotzt kam nur: "Die hätte doch jeder!" - Tja, was soll man da noch schreiben? Mit den Wölfen mitheulen - oder untergehen?
Gruß
Bernie

Anonym 7. März 2011 um 18:58  

Noch was:

Meine Mutter befürwortet etwas, dass gestern der Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm hier: http://www.daserste.de/ttt/beitrag_dyn~uid,kno5mhb1v8xy5kht~cm.asp

...als Auslaufmodell gekennzeichnet hat....

...tja: Wohl doch - nach dem Gesetz der Evolution (dem der Anpassung) mit den Wölfen mitheulen?

Gruß
Bernie

Anonym 7. März 2011 um 20:44  

An einige Kommentatoren: Warum immer gleich die dicke Faschismus-Keule schwingen?
Reicht es nicht vorerst, von einem antikommunistischen arbeitnehmerfeindlichen, dafür dem Groß-und Finanzkapital um so hörigeren Regime(CDU/CSU/SPD/FDP/Grünen Parteien-Regime) zu sprechen?

MfG Bakunin

Kalle 7. März 2011 um 22:52  

"Seien Sie froh in der Bundesrepublik sein zu dürfen, denn dort geht es uns noch gut - eben: noch!"

falsch!

Es müsste heißen:

Bin ich froh in der Bundesrepublik sein zu dürfen, denn dort geht es mir noch gut - eben: noch!"

und ergänzend:

denn Vielen geht es bereits so dreckig, dass ich nicht deren Leid am eigenem Körper erfahren will. Und deshalb nochmal: Bin ich froh in der Bundesrepublik sein zu dürfen.

Faschismus ist Verallgemeinerung!

landbewohner 8. März 2011 um 02:57  

ob hartz4 nun faschismus ist oder nur eine vorstufe auf dem weg dahin, erinnert zum einen an den streit um des kaisers bart.
egal, bedenklich finde ich, sich auf eine endlose diskussion über den begriff, der ja nun auch noch von allerlei vordenkern verschieden definiert worden ist, einzulassen, um sich nicht mit den zuständen im land wirklich zu befassen.
und für den kritischen normalgrünliberalen freidenker ist es ja wunderbar, wenn wir noch keinen faschismus in deutschland haben - ganz klar definiert durch xxx - und er weiterhin mit sich in ruhe und frieden leben, diegrünrosagelbschwarze einheitsfront wählen und seine putze mit 2 € entlohnen kann.
soll man das politisch korrektes wegschauen nennen?

Anonym 8. März 2011 um 10:19  

Nein, es ist -an der getünchten Oberfläche- noch nicht faschistisch untermalt - es ist kirchlich untermalt und angemalt.

Und das Schlimme ist, die glauben selber an das vermeintlich 'Gute', was sie predigen.
WIE konnte es nur dazu kommen, dass sie sich selber für so gut und edel halten, in dem was sie (an)tun?

Anonym 8. März 2011 um 10:47  

@Bakunin

Hast recht, und dies schreibe ich obwohl ich einmal von der These gehört habe, dass zwischen Faschismus und Kapitalismus kein Blatt passt.

Beides ein Ei vom andern, mit dem Unterschied, die heutigen Faschisten bezeichnen sich als "Neue Rechte" (Sarrazin, Broder & Konsorten), und hetzen gegen Muslime/Muslimas, HartzIV-EmpfängerInnen, und sonstige staatliche Transferempfänger (z.B. Rentner etc. usf.), der Antisemitismus ist out und wird durch eine ebenso falschen Islamhass abgelöst.

Übrigens, heutige Faschisten nennen sich nicht mehr offen so, siehe oben der Hinweis auf die "Neuen Rechten, und rennen auch nicht mehr in Uniformen herum.

Man bevorzugt im 21. Jahrhundert sauteure Maßanzüge, aber hat ansonsten denselben rechten Sch... im Hirn.

Die Skins, und Neonazis, dienen hier nur als Verfassungsschutzd.... zum Ablenken von der "Neuen Rechten", die in Deutschland ebenso Zulauf erhält wie in Dänemark, Frankreich und den Niederlanden.

Meine Ansicht dazu....

Gruß
Bernie

PS: Das der neoliberale Kapitalismus seinen Praxistest in einem echten faschistischen Land bestand ist für mich der Beweis, dass die uralte These vom Kapitalismus = Faschismus wohl immer noch wahr sein dürfte, und genau aus diesem Grund von heutigen Neoliberalen weggelogen wird - Wer es moderner will, dem empfehle ich die neurechte Friedrich-Naumann-Stiftung der FDP und deren Unterstützung von neokonservativen (so die Neubezeichnung für latein. Neoliberale) Putschisten in Honduras...

Diek K. 8. März 2011 um 13:21  

Nach meiner Erfahrung blüht in Deutschland wie in kaum einem anderen Land alternativer kultureller und sozialer Aktivismus wie in alternativen Kulturzentren und Sozialen Trägervereinen. Wobei das nicht aus überdurchschnittlicher Not erwächst - die Politik hierzulande ist nicht korrupter/schlechter als in anderen Ländern.
Wenn man das Blog liest, könnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Ich finde es durchaus nachvollziehbar, dass man den Blog-Tenor daher als realitätsverzerrend empfindet.

Anonym 8. März 2011 um 19:54  

Steht ein deutscher Autofahrer an der Zapfsäule, blickt auf den aktuellen Benzinpreis und sagt: "Na son schlimmer Diktator war der Gadaffi nun auch wieder nicht!"

Anonym 10. März 2011 um 00:38  

Selbst wenn Deutschland im Human Development Index ein paar Dutzend (!) Plätze absteigen würde, wäre es immer noch in Gesellschaft von Ländern, in denen man frei seine Meinung sagen darf.
Deswegen ist es zum Schreien lächerlich, zu unken, es sei NOCH möglich - als ob es sich in absehbarer Zeit ändern könnte...
Krampfhafter kann man sich gar nicht haltlose Argumente stricken.

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