Ökologisch-moralische Wende

Freitag, 18. März 2011

Zwei Ereignisse fallen zusammen, die um die Aufmerksamkeit einer voyeuristischen Welt wetteifern. Einmal die atomare Wolke, die über Japan wallt - und dann sind da noch die arabischen Despoten, die wie ihr Volk auch demonstrieren: nämlich ihre Macht, ihre Kaltschnäuzigkeit und Gewaltbereitschaft. Wer derzeit den Wettkampf um Anteilnahme gewinnt, muß nicht gesondert erläutert werden - dass aber beide Ereignisblöcke Ausgangspunkt, Antrieb und Fundament einer geistigen Wende, einer ökologisch-moralischen Wende sozusagen sein könnten, gerät im Ringen um Quoten und Leser schnell aus dem Blickfeld; und im Rahmen eines wirtschaftstreuen Kampagnenjournalismus' ist eine Verquickung hin zu einer solchen Neuorientierung ohnehin nicht vorgesehen.

Dort steht die Atomenergie auf dem Prüfstand - da untermauern die ölarabischen Staaten, Arabia al olio, ihren ethischen Anspruch, der nicht weniger als ein unethischer Grundsatz ist. Zweimal geht es um energiepolitische Fragen. Wäre es denn nicht ergiebig, diese in Öl gelegte Weltregion anhand einer Abkehr von deren Erdöl zur halbwegs ethischen Gesinnung zu drangsalieren? Könnte diese zur Schau gestellte Skrupellosigkeit der Erdölexporteure nicht zu einer ähnlichen Ächtung gelangen, wie es die Atomenergie gerade erfahren muß? Kernenergie verseucht die Erde, daher wird sie verabscheut - Erdöl zerstört Infrastrukturen, Lebensqualität, Menschenleben: könnte man es daher nicht gleichwohl für überholt und zur Überwindung bereit halten?

Warum nicht den ganz großen Wurf wagen? Atomenergie durch regenerative Energie ersetzen; Erdöl durch alternative Antriebsmittel - nicht durch Bioethanol, das in seiner Herstellungskette selbst Erdöl aufgelistet hat. Dort eine humanitäre Katastrophe, verursacht durch Verstrahlung, als Antrieb für ein striktes Umdenken; da eine humanitäre Katastrophe, verursacht durch Gewehrläufe, als Motiv. Nehmen wir beide Katastrophen als Marksteine einer einzuleitenden Wende - weg vom Erdöl, weg von der Atomkraft! Hie als Schutz vor der Unkontrollierbarkeit einer wackeligen Technologie; dort als Verteidigung von Menschenrechten, als Durchbrechen einer blutigen Ordnung, die sich auf Leichen und Ausbeutung baut.

Natürlich, der schrille Einwurf: Utopie, zu teuer, nicht zu machen! Wer schon so ans Werk geht, der macht sich seine self-fulfilling prophecy wahr. Selbstverständlich sind Anschaffungskosten hoch, daher zunächst teuer - Atomkraftwerke stehen ja schon bereit, der Bau kostet nichts mehr, was als Argument, dies sei wesentlich billiger, Niederschlag in Debatten findet. Aber die Lagerung von Brennelementen unter Tage, langwierige Transporte unter höchster Sicherheitsstufe: war das alles kostenlos zu haben? Ist das geschenkt? Wie teuer wird es noch werden, wenn es irgendwann von dort unten nach oben strahlt? Gilt das nicht ebenso für Solarenergie, die man sich aufs Gefährt schrauben sollte? Erst teuer, hohe Anschaffungskosten - langfristig aber billiger? Was für eine Zeitersparnis, keine Fahrt zur Tankstelle mehr! Wie wohltuend kostenfrei die Sonne doch scheint! Warum also keinen gesellschaftlichen Aufbruch einleiten, ein staatliches oder besser noch: überstaatliches Subventionsprogramm starten, welches sich zum Ziel setzt, die Atomenergie gleichwohl zu verdrängen wie das Erdöl? Abwrackprämien waren finanzierbar, gleichzeitig gab es Milliardenpakete für Banken - warum keine Pakete für unsere Umwelt? Aufrüstungsprämien für Käufer von Ökoautos? Wieso nicht mehr Geld in die Forschungsarbeit? Antriebe genug gäbe es doch schon seit langem - derzeit besonders, man blicke nur in die Nachrichten!

Wenn harte Schnitte und schroffe Abkehr wirklich gelingt, so stets deshalb, weil es Antriebe und Motivationen gibt, die zunächst ein kollektives Umdenken bewirken, das dann in einem Kraftakt zur Tat umgesetzt wird. Zweimal gäbe es hier Antriebsfedern; zweimal ist die Energiepolitik zentrales Sujet. Beides sollte vereint werden, zur Loslösung von Öl und Atom animieren. Es gäbe mannigfaltige Beweggründe einer ökologisch-moralischen Wende - zwei drastische Varianten können derzeit medial begutachtet werden. Wann, wenn nicht jetzt radikal umdenken?



14 Kommentare:

Anonym 18. März 2011 um 08:31  

Danke für diesen Text, ehrlich.

Ich denke auch, dass es dringendst notwendig ist über eine neue Zivilgesellschaft nachzudenken die sich diesem wirtschaftlichen und politischen Zerfall, der global sein dürfte, unideologisch entgegenstellt.

Es darf nicht sein, dass diejenigen, die frei nach dem großen Nietzsche handeln die Oberhand gewinnen - Nietzsche propagierte einmal die "Umwertung der Werte", und nichts anderes wird derzeit politisch und neoliberal-wirtschaftlich umgesetzt.

Wer schrieb eigentlich: "Wir müssen uns erst die Begriffe zurückerobern, damit wir uns befreien können."? War es Sartre? Egal - ich denke auch dafür ist es Zeit, nicht allein für eine "ökologisch-moralische Wende". Nein, wir müssen Begriffe, die zur Beliebigkeit verkommen sind, oder von Marktradikalen okupiert wurden, wieder mit ihrem ursprünglichen Sinn füllen, und diese Strategie der Neoliberalen entlarven, und aufhalten - auch dies gehört m. E. zur "Ökologisch-moralischen Wende", die du forderst.

Gruß
Bernie

PS: Allein an der Begriffsverwirrung um die Begriffe "Links"; "Rechts" - oder auch nur "mittig" sieht man wie die neoliberale Kulturbeliebigkeit in Deutschland fortgeschritten ist.

potemkin 18. März 2011 um 08:57  

Kernenergie wie erdölbasierte Energie haben eines gemeinsam: Man kann sie privat nicht erzeugen, ist also auf Hochtechnologie und zentrale Industriekomplexe angewiesen. Und hier wird es ideologisch: Wo kämen wir hin, wenn jeder seine Energie selbst herstellen könnte! (Selbst bei uns wäre dies in weiten Teilen möglich, zumindest auf kommunaler Ebene) Die Monopolstellung einiger 'global player' sichert ungeheuere Profite, und die guten Verbindungen zur Politik sorgen dafür, dass dies so bleibt. Selbst bei einem 'Ausstieg' wird man immer darauf achten, dass Wind- und Solarenergie in großen Parks entstehen, die eine Monopolstellung garantieren. Deshalb auch die Subventionierung von offshore-Parks und Mega-Projekte wie solar-plants in Nordafrika, deshalb die Kürzung von Einspeisevergütungen bei privaten Erzeugern.

Anonym 18. März 2011 um 11:05  

Es hat dem viel zu lange an Entschlossenheit gefehlt, Gaddafi rechtzeitig in den Arm zu fallen. Als Bremser der aktionsbereiteren Amerikaner, Franzosen und Briten hat sich nun leider in schändlicher Weise Deutschland hervorgetan...
Ich schäme mich.

Anonym 18. März 2011 um 11:34  

warum? na weil zuviele davon nur wenig profitierten und niemand massig davon profitieren würde, weil die Antwort noch viel weiter weg zu suchen ist, nämlich im Egoismus des Menschen, im Kapitalismus, seinem Ausprägungsmerkmal und seinen Werten, stellvertretend für seine Moral, Ethik, deshalb funktioniert es nicht.
(von hunsrückbäuerlein)

daMax 18. März 2011 um 11:58  

Schöner Text. Aber: wird Kernenergie wirklich verabscheut? Von den Regierungen sicher nicht :(

Libero 18. März 2011 um 12:28  

Du hattest mich schon mit dem ersten Satz...

chrisse 18. März 2011 um 13:45  

schön wär's. Allerdings ist mit Nachdenken kaum getan. Es geht hier nicht nur um eine Ordnung in den Köpfen und in den Diskursen (wenns nur um die ginge, wären wir schon lange viel weiter), es geht um ein System, dass recht fest im Sattel sitzt und die materielle Produktion beherrscht.

Anonym 18. März 2011 um 16:38  

Es kommt eben darauf an, woran man stirbt, um das Mitgefühl der politischen und publizistischen Kreise zu wecken. Die chinesischen Minenarbeiter, die in der Quecksilberproduktion für Energiesparlampen arbeiten, können sich immerhin mit dem Gedanken trösten, für einen guten Zweck, nämlich die Verbesserung des Weltklimas, an ihren Vergiftungen zu sterben.
Einen Artikel darüber, gar eine Benennung verantwortlicher Politiker dafür, wird man nicht finden.

W.W.

Anonym 18. März 2011 um 17:33  

"[...]Ich schäme mich[...]"

Ich auch, aber nicht nur dafür, sondern dafür, dass die Rebellion in Libyen, und dem Rest der arabischen Welt, mit Unterstützung der USA, der EU, der NATO und der Diktatoren dieser Welt, niedergeschlagen wird. Würde es nach mir gehen, dann würden US-Kampfflugzeuge Bahrain, Jemen genauso ins Visier nehmen wie Libyen, das wäre gerecht, und nicht das "teile und herrsche", dass derzeit betrieben wird - Frei nach dem Motto: Böse Rebellion, gute Rebellion.

Es ekelt einem nur noch an, und mich würde es nicht wundern, wenn es, trotz der Niederschlagung der Proteste weiter zu guten Ölgeschäften mit diesen Diktatoren (und sicher auch Gaddafi als Freund des Westens) kommen wird.

Man kann gar nicht soviel kotzen, wie man derzeit reinfressen muß...an Schei....

Anonym 18. März 2011 um 20:37  

Oh Mann, wie kann man nur einen Artikel mit guten Absichten mit so einem Knockout beginnen, der due Ernsthaftigkeit des Rests (sicherlich zu unrecht) in Frage stellt.
Falsch ist: "die atomare Wolke, die über Japan wallt"
Richtig ist: "die atomare Wolke, die über einem kleinen Bruchteil von Japan wallt" -> www.youtube.com/watch?v=F2BrNSzaaA0

Warum mit solchen Phrasen völlig unnötig einreihen in den konstruierten Sensationsjournalismus?

Kettel 19. März 2011 um 15:31  

Die "German Angst" macht uns wohl keiner nach... Es sind wohl nur deutsche Politiker dazu fähig, über ein Ungück in Tausenden Kilometern Entfernung in hektischen Aktionismus auszubrechen - während die betroffenen Japaner selbst in vergleichsweise stoischer Ruhe den Kampf mit dem Schicksalsschlag aufnehmen.
Für die Versorgung der Welt mit Erdöl und Kohle sind schon weitaus mehr Menschen gestorben als durch jeden Atomunfall, Tschernobyl eingeschlossen.
Auch die globalen Umweltschäden für kommende Generationen durch Öl und Kohle sind längst weitaus größer als durch "Atom".
Diese Einordnung ist aber offenbar "undenkbar" - sie wird nicht geäußert.

Anonym 19. März 2011 um 17:22  

Du willst dich doch wohl nicht bei der BILD bewerben, Roberto?
Man so den Eindruck mit solchen unwahren Vorschlaghammersätzen...
Im einen Thema "die atomare Wolke, die über Japan wallt" ... im anderen Thema "ohne dass irgendeine mandatierte Bundestagsmarionette beruhigend auf die Öffentlichkeit einwirkt".
Beide Aussagen kann man nicht mal mehr wohlmeinend als veranschaulichende Übertreibung nehmen, weil sie einfach zu falsch sind.

Anonym 21. März 2011 um 17:08  

kriege und aufrüstung sind solange kein wunder, solange sich nicht alle an einen tisch setzen können und sich einig werden. die weltregierung ist doch ein großer sozialistischer traum?

wo sind sonst die vorbilder? als kapitalist und imperialist kann man wenigstens sagen: "ja, ich will, dass die dinge so laufen, wie amerika o.ä. sie laufen läßt."
als sozialist kann man auf nichts reales verweisen. weder ist die 1.welt vorbild, noch die 2., noch die 3.
weder in der gegenwart, noch in der vergangenheit.
es bleibt der traum vom "neuen menschen", der noch erfunden werden muss.

Anonym 22. März 2011 um 12:23  

auch nett:
die derzeitige strahlenbelastung bei 1-monatigem aufenthalt in der präfektur von Fukushima entspricht der strahlenbelastung des konsums einer schachtel zigaretten..
millionen raucher verstrahlen sich und andere atomar mit diversen negativen folgen, und es ist keine ansatzweise so große aufregung wert.

der japanische medizinprofessor hier bittet, man möge ihm die nahrung, die dort jetzt weggeworfen wird, geben, er würde sie bedenkenlos essen:
www.welt.de/wissenschaft/article12907163.html

was sagt man dazu?

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