Ethische Fragen zur Atomkraft

Mittwoch, 23. März 2011

Angela Merkel ist eine durch und durch ethische Person. Das erkennt man schon daran, dass sie einen Ethikrat benötigt, um die Frage der Atomenergie adäquat erörtern zu können. In dem sitzen Vertreter allerlei philanthropischer Einrichtungen: aus der katholischen Kirche und aus der evangelischen Kirche, von den Gewerkschaften, den Arbeitgeberorganisationen und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Jüdische und muslimische Abgesandte - Stichworte: "jüdische Wurzeln des Abendlandes" und "der Islam gehört zu Deutschland" -, so scheint es, wurden nicht vorgeladen. Wahrscheinlich zu wenig ethisch! Bei den Sitzungen des Ethikrates wird also für das leibliche wie auch für das Seelenheil gesorgt sein.

Nun sollte man das vielleicht nicht falsch verstehen. Angela Merkel benötigt den Rat nicht, um zwischen den Optionen "Atomkraft: ja bitte!" oder "Atomkraft: nein, danke!" entscheiden zu können. Sie ist schon in sich gegangen und hat eine Antwort gefunden: den Opportunismus! Jetzt sei es Gebot der Stunde, hat sie für sich erkannt, alles vorher Verkündete über den Haufen zu werfen und die Kernenergie zu verdammen - jedenfalls so, dass es so aussieht, als verdamme sie sie wirklich. Nicht zu sehr natürlich, man kann die grauen Herren aus den AKWs ja vielleicht irgendwann noch gebrauchen - und sei es nur als Parteispendenzahler oder als Garant dafür, nach dem Mandat einen Aufsichtsratsposten zugeteilt zu bekommen. Jedenfalls braucht sie niemanden, der ihr die Möglichkeiten, das Für und Wider auflistet, denn darüber ist sie bereits hinaus.

Vorteile und Nachteile sind ihr ohnehin relativ einerlei. Vorteile für den Machterhalt - ja, die interessieren; und die Nachteile, die entstehen können, wenn sie nicht wie ein Fähnlein im Winde steht - die will sie natürlich auch wissen. Ob nun aber Restrisiken bestehen oder nicht: soll sich damit doch einer ihrer Nachfolger rumärgern! Einen Ethikrat benötigt sie, damit er ihr dabei behilflich ist, ihren Opportunismus moralisch wie spirituell aufzuwerten. Sie benötigt ihn, damit er ihr aufzeigt, dass ihr Lavieren, Taktieren und Positionen wechseln theologisch wie ethisch nicht nur nicht zu beanstanden, sondern sogar noch eindeutig richtig sind. Der Ethikrat sitzt nicht zur Atomfrage zu Tisch, er unterhält sich rege über die Notstandgesetzgebung der Regierung, die ja, obwohl grundgesetzlich nicht vorgesehen, doch ethisch unantastbar sei, und bei Gott, die einzig gangbare Alternative eines freien Christenmenschen ist.

Er soll außerdem über die Frage befinden: Ist es moralisch vertretbar, nun öffentlich gegen die Atomlobby vorzugehen, obwohl man noch kürzlich ihr Freund war? Weiter ergibt sich daraus ein neues ethisches Dilemma: Gehört es sich denn im Sinne der Ethik, ehemalige Duzfreunde öffentlich anzufeinden, dies aber nur zur Show, um die eigene Macht zu bewahren? Und wie es mit der Moral so ist, folgt Frage auf Frage: Ist ein zum Schein geführter Diskurs moralisch vertretbar? Ist es ethisch angebracht, sich zur grünen Kanzlerin zu erheben, die man nie war, nicht ist, niemals sein will? Wenn man einem Menschen gegenüber unaufrichtig ist, nennt man es Lüge - führt man aber ein ganzes Wahlvolk an der Nase herum, trifft dann dieser doch so negative Terminus noch zu? Natürlich ist auch der theologische Aspekt des ganzen Ethikgebäudes nicht zu verachten: Versündigt man sich, wenn man sich populistisch-opportunistisch präsentiert? Ist man Gott oder der Atomlobby verpflichtet? Gibt es im Paradies Atomkraftwerke?

Meine Herren, wird die Kanzlerin sagen, Sie sind heute hier, um mich ethisch zu unterstützen. Helfen Sie bei der Ausfeilung von Beteuerungen und Abwiegelungen, helfen Sie mir dabei, das von mir öffentlich zur Schau gestellte Umfallen meiner bisherigen Ansichten so zu rechtfertigen, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muß. Erbauen Sie mich! Die Herrschaften Ethikexperten haben wirklich viel zu tun - ob sie auch über Atomkraft moralisieren werden, steht noch nicht gänzlich fest.



15 Kommentare:

Zarathustra 23. März 2011 um 11:54  

Die große Lehre aus Merkel ist doch: Jeder kann als Seiteneinsteiger ganz nach oben kommen und Einfluß nehmen. Die Merkel-CDU heute ist ja nicht mehr die Kohl-CDU, hat sich in vielen Punkten verändert.
Daher gilt der Einwand "ich gehe nicht in die Politik, weil ich mich dann verbiegen muss" nicht.
Fakt ist - wie Merkel zeigt -, dass man Einfluß hat, den Kurs in eine bestimmte Richtung zu lenken - und das ohne klassische Politkarriere von der Pieke auf.
Deswegen verstehe ich nicht, warum man mit einem Blog vorlieb nimmt.

Granado 23. März 2011 um 12:17  

Du erwähnst an der Stelle aber nur ein Dilemma, nicht mehrere Dilemmata. Kommst du nächstens noch mit "Plenas" (na, liegt dir eher schon thematisch fern)? Aber du bist wohl eher auf Latein denn auf Griechisch geeicht...

Siebenstein 23. März 2011 um 14:11  

Auf den Punkt gebracht und das ist Fakt. Merkel ist und bleibt eine
Heuchlerin

Globus 23. März 2011 um 15:49  

Wenn sich in Ansprachen das wahre Alter der Rede nur darüber entlarvt, dass es etwas knackt und knistert gegenüber aktuellen Mimikry-Reden davor und danach, ist etwas grundlegend faul im Staate Baukasten-Prinzip, und das kann nur mit einer guten Portion Individualismus, Eigeninitiative und Forschergeist behoben werden.

Anonym 23. März 2011 um 20:43  

"Sie ist schon in sich gegangen und hat eine Antwort gefunden: den Opportunismus!"

Mit Verlaub verehrter Roberto, aber Angela Merkel ist(!) fleischgewordener Opportunismus! Ihre erste Opportunität ist es, sich den Trägern wahrer Macht anzudienen und ihnen nützlich zu sein... -damals wie heute, hüben wie drüben!

Anonym 23. März 2011 um 20:49  

Lieber Roberto,

du hast AM, hiermit ist nicht Albrecht Müller von den NDS gemeint, sehr treffend charakterisiert.

Seit Jahren lebe ich als Deutscher mit einer Rumänin zusammen und vorher mit einer "Ossifrau".

Beide haben mir übereinstimmend und plausibel erklären können, dass diese Lebenschulen in der Regel nicht in der BRD erlernbar ist und dass eine AM für dortige Verhältnisse bestenfalls Mittelmaß gewesen wäre.

Den Wessis sei sie jedoch weit überlegen.

Gemeint haben die beiden Frauen damit, das Taktieren, das Offenlassen, das unverbindlich Bleiben, das jemanden im guten Glauben bleiben lassen usw.

Und das Erkennen und Andienen an machtvollen FreundInnen.

Daher wird AM uns über 2013 hinaus als Kanzlerin erhalten bleiben, es sei denn eine neue RAF würde sich finden.

Rainer

Anonym 24. März 2011 um 00:31  

... so wie Stuttgart-21 zer-schlichtet wurde.

Anonym 24. März 2011 um 01:33  

Rainer
"Daher wird AM uns über 2013 hinaus als Kanzlerin erhalten bleiben, es sei denn eine neue RAF würde sich finden."

Da sind wir wieder bei dem Punkt: Gewalt bleibt die einzige Lösung, wenn man realistische Lösungswege für die in diesem Blog angesprochenen Probleme zuende denkt...

Violet 25. März 2011 um 13:49  

Es ist völlig beliebig, pro oder anti “Atom” zu sein.
In anderen Bereichen werden als Preis für die Zivilisation mehr Tote hingenommen, als es bei allen Atomunfällen zusammen gab, ohne dass es großen Widerstand dagegen gibt.
3000 Verkehrstote im Jahr allein hierzulande – man könnte ja auch sagen: Ein Agrarstaat reicht uns, so viele Tote sind uns das Glück der Zivilisation nicht wert.
Bei der Hatz nach Öl haben ebenfalls mehr Menschen ihr Leben gelassen als durch alle Atomunfälle zusammen, und die Umweltschäden für die Zukunft sind immens, unabsehbar… Trotzdem wird dieser Sachverhalt nicht zur Mobilisierung ähnlich großer Menschenmassen genutzt wie gegen “Atom”.
Also man kann gegen “Atom” sein, muss man aber nicht.

Anonym 27. März 2011 um 00:30  

Angebracht wäre mal ein Beitrag zur bei den Anti-Atomdemos am Wochenende geforderten UNUMKEHRBARKEIT des Ausstiegs. Damit verhält es sich nämlich natürlich wie mit der ALTERNATIVLOSIGKEIT: Es gibt beides nicht.

Anonym 27. März 2011 um 22:36  

In Tokio waren heute ganze 300 Leute auf einer Anti-AKW-Demo...
Und hierzulande will man besser Bescheid wissen über die Gefahren?
Das zeigt doch die ganze ideologische Verquertheit, die der Sache in Deutschland anhaftet...

Anonym 27. März 2011 um 22:42  

die leutz haben andere sorgen in tokio derzeit du depp

Anonym 28. März 2011 um 00:00  

@ anonym
27. März 2011 22:42

Du meinst, die Japaner haben keine Atomsorgen?
Haben wir etwa keine anderen Sorgen?

Norbert Schnitzler 3. April 2011 um 14:07  

Violet hat gleichzeitig Recht und Unrecht. Natürlich werden Zivilisationsopfer hingenommen. Die Verkehrstoten sind aber ein schlechtes Beispiel, da gerade ihre Zahl durch vielfältige Anstrengungen verringert wurde - bis in die 1980er Jahre war sie fünfstellig. Ähnlich wurden deutsche Bergwerke sicherer gemacht. Auch andere Arbeitsunfälle sanken über die letzten Jahrzehnte. Andere Risiken wie z.B. multiresistente Keime (~4000 Tote in Deutschland jährlich) oder Passivrauchen (~3000 Tote...) werden erst seit kurzem beachtet. Soll man damit etwa aufhören, weil es Zivilisation ist?

Aber darum geht es eigentlich nicht.

1. Die übrigen Zivilisationstoten sind jeweils durch unterschiedliche Ursache erklärt, hier 200 Tote bei einem Flugzeugabsturz, dort 4 durch Fahren unter Drogeneinfluß (wie kürzlich Günter Amendt und 3 andere in Hamburg). Bei der Atomkraft fürchtet man aber ganz andere Zahlen durch eine Ursache, etwa wie bei Naturkatastrophen. Nur sind deren Ursachen menschlichem Einfluß entzogen, Erdplatten kann man nun mal nicht sanft gleiten lassen. Allenfalls kann man den Katastrophenfall üben.

2. Ist es passiert, ist es normalerweise auch vorbei. Man sichert die Unfallstelle, birgt die Toten, beerdigt sie und sucht vielleicht aus den Ursachen zu lernen. Religiös Veranlagte neigen auch zu Beten. Bei der Atomkraft fängt es mit dem Unfall eigentlich erst an. In den nächsten Stunden und Tagen müssen Gebiete evakuiert werden, die wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht mehr betreten werden sollten. Nicht mal Vulkanausbrüche erreichten eine solch nachhaltige Wirkung. Verstrahlte werden eventuell noch lange leiden ehe sie sterben. Wer 30 Tage nach einem Verkehrsunfall noch lebt, hat es (für die Statistik) überstanden.

Deshalb ist die Atomenergie eine andere Art der Bedrohung als sowohl Unfälle als auch Krankheiten oder Naturkatastrophen. Es ist schön, daß sie bisher noch nicht soviele Tote gefordert hat, aber darauf sollte man nicht warten.

Globus 4. April 2011 um 01:20  

Zu dem anonym vom 27. März noch, der mit dem "die leutz haben andere sorgen in tokio derzeit du depp"

Hier ein Einblick in die Anti-Atombewegung in Japan, von der man vielleicht eine Ahnung haben sollte, bevor man jemanden einfach niederbrüllt:
www.spiegel.de/panorama/0,1518,754135,00.html

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