Eine Welt ohne Vorurteile ist nicht denkbar

Freitag, 25. März 2011

Vernimmt man konsterniert, dass wieder mal Homosexuelle verunglimpft oder Ausländer ausgegrenzt werden, dann wünscht man sich im ersten Anflug von Utopie, die in jedem Menschen mehr oder minder schlummert, eine Welt ohne Vorurteile. Ein solches Erdenrund ist für viele Organisationen, die sich um die Belange so genannter Randgruppen kümmern, das ferne Ziel am Horizont. Eine begrüßenswerte Utopie freilich - aber eine, man kennt den Mensch in seiner Unvollkommenheit mittlerweile seit Jahrtausenden, die kaum Wirklichkeit werden kann. Optimisten würden nun intervenieren und von einen verquasten Pessimismus sprechen, der sich hinter einer solchen Aussagen verkappe. Dabei macht diese Aussage nichts von dem wett, was man sich als lebenswerte Gesellschaft wünscht.

Das Ressentiment ist, so muß man leider feststellen, eine menschliche Regung. Es kann nicht einfach aberzogen werden. Umerziehungsdiktaturen gab es im letzten Jahrhundert ausreichend - sie wollten zwar nicht den vorurteilsfreien Menschen schaffen, konträr, sie waren darauf getrimmt, bestimmte Vorurteile so auszunutzen, dass ihre Strukturen verfestigen wurden. Aber man könnte aus dem Umerziehungswahn der Kommunisten und Faschisten doch lernen, dass der Mensch letztlich ist wie er ist - und es auch immer bleiben wird. Er ist edel, hilfreich und gut - und er ist hinterlistig, selbstsüchtig und schlecht. Außerdem leidet er unter einer Litanei an Vorurteilen, die freilich individuell verschieden geartet, ausgeprägt oder vorhanden sein können. Xenophobie beispielsweise ist damit letztlich kein Akt der Dummheit, sie ist menschlicher Affekt, den Evolutionstheoretiker als eine Art Abwehrmechanismus gegen fremde Individuen oder Gruppen klassifizieren - ein Affekt, der aus zotteligeren Tagen stammt.

Hervorragend!, wird mancher zynisch fluchen. Mit dieser revisionistischen Ansicht verkommt die Fremdenfeindlichkeit zum Kavaliersdelikt, weil sie gewissermaßen evolutionär entschuldbar würde. Ein fremdenfeindlicher Totschläger wäre am Ende gar ein feiernswerter Verteidiger der eigenen Gruppe, des Vaterlandes, etwas pathetischer ausgedrückt. Träumt man von einer vorurteilsfreien Gesellschaft, so sind diese Bedenken freilich anstandslos zu teilen. Glaubt man aber weniger idealistisch behaftet, dass ein vorurteilsfreies Idyll niemals wirklich werden kann, so sieht es anders aus, so wertet man distanzierter. Denn wir leben nicht mehr in zotteligen Tagen, wir traten irgendwann in die Zivilisation. Und es käme der Angelegenheit angemessener zupass, wenn anstatt von einer "vorurteilsfreien Gesellschaft" von einer "zivilisierten Gesellschaft" gesprochen würde - darin enthalten wäre das, was man sich stets dann wünscht, wenn man das Vorurteil aus den Menschen herauserziehen möchte.

Denn wenn Zivilisiertheit überhaupt etwas bedeutet, dann seine Ressentiments im Griff zu haben. Man kann sie nicht aus den Menschen extrahieren, sie sich wegdenken. Sie sind da, werden immer da sein. Selbst der toleranteste und aufgeklärteste Mensch wird sich denken: "Oh, der ist ja schwarz!" oder "Wie sieht der denn aus mit seinem Turban?" oder "Warum küsst dieser Kerl einen Kerl?" Aber das macht den Unterschied aus, denn der Tolerante oder Aufgeklärte, als Produkt zivilisierter Zustände, er wird es sich denken. Und damit ist viel gewonnen! Er könnte es nämlich auch sagen, darüber spotten, zum Gegenstand von Niedertracht machen. Oben hieß es, Xenophobie sei "letztlich kein Akt von Dummheit" - das ist natürlich zu einfach. Dummheit ist vielmehr, trotz Zivilisation dieser instinktiven Haltung zu frönen; sich nicht zivilisiert mitentwickelt zu haben; noch im Fell irgendeines Primaten zu stecken. Seine Ressentiments zügeln zu können, das bedeutet in einer zivilisierten Gesellschaft zu leben. Dies ist noch lange keine vorurteilsfreie Gesellschaft, die es gemäß conditio humana nicht geben kann. Aber sie ist vielleicht die beste aller möglichen Gesellschaften, die sich mensch denken kann - mehr ist schon kaum vorstellbar. Es ist Heuchelei, wenn Zeitgenossen gelegentlich behaupten, sie sähen keine Hautfarbe mehr, kein Geschlecht oder keine Neigung; für sie seien alle gleich. Wäre dem so, müsste man es nicht selbstlobend hervorheben; wäre dem so, bräuchte es keine Quotenregelungen!

Das in uns schwärende Vorurteil zu bändigen, zu unterdrücken, es ist eine Kulturleistung. Es hinauszuposaunen, das ist Kulturlosigkeit! Da fehlt zivilisiertes Auftreten! Vorurteilsfrei kann es nicht zugehen, wo der Mensch heimisch ist - das Vorurteil ist menschlich. Es ist ein fatales Missgeschick der abendländischen Philosophie, dass sie die Menschlichkeit, die humanitas, nicht nur sprachlich, mit allen Guten, Liebenswerten, Fürsorglichen konnotierte - Menschsein und Gutsein sind dummerweise begrifflich aneinandergeraten, obwohl Menschsein viel zu oft auch Schlechtsein bedeutet. Seien Sie doch menschlich!, ist ein Imperativ, der beispielsweise Rücksicht oder Nachsicht verlangt, so versteht man diese Aufforderung jedenfalls - Seien Sie doch menschlich! könnte aber auch meinen, zu morden wie Menschen, zu neiden wie Menschen, zu hassen wie Menschen. Der Mensch ist ein Wesen aus der Natur, plump formuliert: er ist ein Tier - und er gleicht damit anderen Spezies. Auch Schimpansen scheinen Ressentiments gegen Individuen und andere Gruppen der eigenen Gattung zu kennen; ja sie morden sogar.

Das heißt aber freilich alles nicht, dass man so ein negatives Verhalten dulden müsste, nur weil es im Menschen veranlagt ist. In der Gesellschaft trat der Mensch aus dem Naturzustand heraus - so in etwa theorisierte Rousseau darüber; später bewies Kropotkin anhand von Feldstudien, dass die gegenseitige Hilfe ein Aspekt des gesamten Natur und damit auch des Menschen als soziales, gemeinschaftliches Wesen ist. Gesellschaft bedeutet letzthin, aus dem grundlegenden Naturzustand zu entfliehen - in eine Künstlichkeit zu gelangen, in ein künstliches Milieu, in dem auch moralische Vorstellungen als Kulturleistung ihren Anfang nahmen. Plessner subsumierte das unter dem Schlagwort "natürliche Künstlichkeit". Die Gesellschaft ist daher immer irgendwo ein Arrangement zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit, zwischen Bändigung des Naturzustandes und dem Durchschlagen bestimmter natürlicher Affekte, die im künstlichen Milieu nutzlos geworden sind. Wenn das Vorurteil beim Menschen durchschlägt, ist das durchaus ein natürlicher Komplex, der allerdings im Widerstreit zur Zivilisation auftritt - es ist eine Reminiszenz an längst vergangene Tage.

Wenn daher schon keine vorurteilsfreie Gesellschaft möglich ist, so doch eine vorurteilsunterdrückende Gesellschaft, eine, die das Vorurteil mundtot macht. So wie die Sexualität auf einen menschlichen Trieb gründet, aber nicht öffentlich und hemmungslos an jeder Bushaltestelle praktiziert wird, so kann auch das Ressentiment gesehen werden: als trauriger Trieb, den man nicht allerorten, ungeniert und vor aller Ohren abspritzen soll. Eine Welt ohne Vorurteil ist nicht denkbar - eine, in der das Vorurteil gezügelt, gebremst, gedrosselt und gedämmt wird, allerdings schon...



16 Kommentare:

BoleB 25. März 2011 um 08:04  

Schon Candide war mehr oder weniger vergeblich auf der Suche nach der besten aller Welten, auch irgendwie eine Art Operation Odysee Dawn. Ob allerdings Unterdrückung auf Dauer hilft, wage ich zu bezweifeln. Dann kommt's eventuell nur dazu, dass irgendwann wieder der "das wird man ja wohl mal sagen dürfen"-Chor erschallt...
Aber eine Lösung hab ich auch nicht parat.

potemkin 25. März 2011 um 09:03  

Dieser Tage kann man wieder merken, wie sich subtile Vorurteile auswirken. Es gibt eine überwältigende Solidarität mit Japan, selbst in Schulen wird spontan gesammelt. Das Land - hochtechnisiert wie wir, wird gerne betont - ist uns eben wesentlich näher als das auf halbem Wege liegende Pakistan, ein wildes, chaotisches Land mit fanatischen Muselmanen. Schon die Bilderflut aus den Überschwemmungsgebieten letzten Sommer hielt sich in Grenzen, die Spendenflut ebenfalls. Wer das Pech hat, von uns als zu fremd empfunden zu werden und uns auch keine paradiesischen Strände und andere Lustbarkeiten bieten kann, muß sich mit Almosen zufrieden geben.

Ernst Meist 25. März 2011 um 20:21  

Man muß nicht die Anthropologie bemühen um Vorurteile zu erklären. Vorurteile sind Leuchtfeuer, wenn kein Urteil möglich ist, weil die Dinge zu komplex sind oder weil man keine Zeit hat sich eingehend mit einer Sachlage zu beschäftigen. Ich habe ausgeprägte Vorurteile zum Beispiel gegen Juristen oder Banker, sie haben mich vor Schaden bewahrt, als ich nicht rational angeben konnte, warum ich gewisse Vorschläge unter den Tisch fallen ließ. Mit Politikern geht es mir ähnlich, obwohl ich immer noch Mitglied einer Partei bin.

Tidaltree 25. März 2011 um 21:28  

Schade, daß Du nicht wirkich auf die Frage eingegangen bist, wie sinnig oder unsinnig es ist, Utopien zu verfolgen, welche sich im Kontext stellt. Bewirkt ein Einstellen des Einsatzes für eine, als Utopie entlarvte (, oder einfach nur als eine solche bewusste, ) vorurteilsfreie Welt eventuell gar direkt eine Förderung von Vorurteilen im persönlichen Umfeld? Oder erhält sich damit nur ein unveränderlicher Status Quo aufrecht? Ändert sich vielleicht auch nur die Betrachtung von Vorurteilen in der Welt von dem Menschen, der die Utopie als solches erkannt hat? Stellt sich dann nicht auch die Frage, ob nicht das Feststellen von Vorurteilen im Gegenüber ein Vorurteil in sich darstellen könnte, welches sich durch Mißverständnissese in der Kommunikation und/oder mangelndes Verständnis für die Situation des Gegenübers erklären lässt?

Anonym 26. März 2011 um 13:28  

hi Roberto,
abgesehen davon, dass ich deine texte sehr gern lese, welche schriftart ist denn das, die du in der überschrift verwendest? Danke

Anonym 26. März 2011 um 15:09  

"[...]Eine Welt ohne Vorurteil ist nicht denkbar - eine, in der das Vorurteil gezügelt, gebremst, gedrosselt und gedämmt wird, allerdings schon...[...]"

Sehe ich ganz genauso, lieber Roberto J. de Lapuente.

Nur zwei Punkte sehe ich anders:

Kropotkin ist von gestern, es gibt aktuellere Hinweise darauf, dass Menschlichkeit uns Menschen angeboren ist - Evolutionsbiologen, wie z.B. der Niederländer Franz de Waal, der modernen Zunft entdecken immer mehr, dass gegenseitige Hilfe (wie es einst Kropotkin darstellte) & andere humane Punkte der Menschlichkeit angeboren, und vererbt werden. Schimpansen sind ein schlechtes Beispiel, da die sich doch zu 1% von uns Menschen unterscheiden - so Franz de Waal.

2. Erziehungsdiktaturen der kommunistischen und faschistischen Sorte wurde - zum Glück - abgesetzt, aber leben wir nicht in einer marktradikalen Erziehungsdiktatur, wo sogar Kleinkindern das kapitalistische Denken eingetrichtert wird? Insofern glaube ich nicht, dass Erziehungsdiktaturen von gestern sind, sondern sehe pessimistisch, dass sogar in Schulen Kinder auf marktradikal getrimmt werden.

Hier ein Buchhinweis darauf:

"[...]Was wir unseren Kindern in der Schule antun

Buchtitel: Südwest Verlag
(hpd) Leider ist der Untertitel ganz klein, „...und wie wir das ändern können“ kam zu kurz – dabei wäre die Frage die interessantere gewesen. Wie ich ein Buch nicht zu Ende lesen konnte, obwohl mich das Thema brennend interessierte. Und Alternativen fand[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://hpd.de/node/11336

Übrigens, man braucht gar nicht in Richtung Schulausbildung zu gehen, es reicht schon sich mit heute 15jährigen sich über den Fernsehkonsum zu unterhalten - Nur Bertelsmann-Sender - Öffentlich-Rechtliche? Nein, danke.

Soviel für's erste

Gruß
Bernie

Anonym 27. März 2011 um 12:48  

ich bin enttäuscht von ihrem beitrag. gerne bin ich seit einiger zeit gelegentlich auf ihren blogseiten unterwegs. ihre intelligenten beiträge haben mich so manches mal angeregt. dieses mal jedoch nicht. der beitrag enthielt das, was der titel bereits enthielt. und auch nicht mehr. nur etwas mehr worte.
das bemerkenswerte ist ja, daß sie die einwände schon vorweg nehmen und in ihrem text verarbeiten. und ich sage: ja, es stimmt. es ist tendenziell revisionistisch. es ist dazu relativierend, rationalisierend und feige dazu. und eine krumme begründung.
sicher ist der mensch immer beides. er ist nicht nur edel und gut, sondern auch müde, feige, und manchmal bösartig etc. aber was sie vergessen zu erwähnen: alles hat seine gründe. wer bösartig reagiert, ist zuvor auch zur bösartigkeit gereizt worden. manchmal hat er dies lange zeit, oft jahrelang dank seiner zivilisiertheit, kultiviertheit und guten erziehung vllt. immer versteckt. aber eines tages kommt dies trotzdem zutage. dann bricht sich bspw. die wut bahn, die lange angesammelt wurde. zu oft genau gegen jene, die kaum etwas dafür können, meist auch gegen jene, die als irgendwie anders wahrgenommen werden. oder schwach sind in irgendeiner form. denn der aus sich ausbrechende ist selbst schwach. zumindest in diesem moment. und oft genug ist der wege, sich gegen die iursache des ärgers zu wenden, versperrt, dank bspw. der komplexen abhängigkeit, wie berufliche abhängigkeit usw.

sie aber meinen,d er mensch sei von sich aus schlecht, bösartig usw. das stimmt so aber nicht. der mensch ist weder gut noch schlecht, sondern er interagiert mit seiner umwelt. und er hat sowohl seinen eigenen willen, den er benutzen kann, genauso wie er in abhängigkeiten und wechselwirkungen verstrickt ist. was sich letztendlichd avon durchsetzt, kommt immer auf die zeit, umgebung, kurz die situation an.
bis vor einiger zeit habe ich selbst auch noch behauptet, der mensch hätte zu guter letzt immer die wahl zwischen gut und böse in seinen handlungen. das habe ich mittlerweile korrigiert. es gibt situationen, wo er die wahl nicht mehr hat, wo der freie wille zurücktritt, weil der mensch z.b. in bedrängnis ist und dann nur noch das überleben zählt. oder er ist so schwach, daß er nicht mher herr/ frau über all seine/ ihre kräfte ist.

es gäbe noch so manches zu schreiben. muß aber schließen. auch mein tagewerk ruft.

in jedem falle: ich bin enttäuscht. bisher habe ich auf ihre beiträge große stücke gehalten. ich hoffe, dieser beitrag war lediglich einem schwachen moment geschuldet. und freue mich auf zukünftige bessere.

anja neumann

Berggeist1963 28. März 2011 um 11:13  

Mal wieder was aus dem wahren Leben:

Meine Grossmutter selig pflegte immer zu sagen: "Hüte dich vor Rothaarigen und Katholiken. Rothaarige sind alle falsch und Katholiken ebenfalls, dazu sind die Katholen alle noch geldgierig".
Und jedes Jahr Anfang August kam von ihr fast panisch der Spruch: "Die Zigeuner lagern wieder da unten. Ich hole dann jetzt mal ganz schnell die Wäsche von der Leine!"
Mir gab sie dann noch den guten Rat: "Wenn die hier klingeln und Messer oder Scheren schleifen wollen, dann sag ihnen, wir hätten die gerade erst schärfen lassen. Aber sei dabei immer freundlich zu ihnen! Die verfluchen dich sonst oder setzen uns den `roten Hahn´ auf das Dach!"

Als Dreikäsehoch war ich durch solche Vorurteile natürlich stark zu beeinflussen, doch das Leben lehrt einem im Laufe der Jahre dann doch schon noch die Wirklichkeit.

Anonym 28. März 2011 um 12:38  

Hallo Robero und Kommentatoren,

Vorurteile wollen wir "eigentlich" nicht akzeptieren, dafür aber (unter der bzw. vorgehaltener Hand)um so mehr Klassengesellschaft, Ausbeutung etc..., also gerade den Boden, besser: SUMPF(!), auf dem alle diese "Animositäten" erst so richtig gedeihen!
Oder sehe ich da etwas falsch hier?

MfG Bakunin

Anonym 28. März 2011 um 14:40  

Vielleicht sind ja Vorurteile ein Schutzmechanismus, um Dinge in uns, mit denen wir nicht in Frieden sind auf anderen zu projizieren. Um Glaubenssysteme aufrechthalten zu können. Um Dinge zu erklären, die wir nicht verstehen. Oder um meine Angst irgendwie in den Griff zu bekommen. Wenn ich mich zutiefst unsicher fühle, dann muss ich mich schützen vor all dem Fremden, das so bedrohlich ist für mich.

Was sind Vorurteile im Kern? Urteile. Und unser Verstand urteilt den ganzen Tag über anderen Menschen, Situationen, die Welt! Wir wissen genau, was alles falsch ist und sich ändern muss. Der ist so, die ist anders, der ist gut, die unsympatisch, der ist zu dick, und der zieht sich geschmacklos an, die Politiker sind alles Verbrecher, die Reiches sind schuld, die Arbeitslosen sind faul, die Ausländer wollen uns vernichten, die Welt ist schlecht, Geld ist unanständig, ich mach nie etwas richtig, die meisten Menschen sind dumm etc..

Letzen Endes sind das alles Vorurteile. Denn ich urteile auf der Basis dessen, was ich zu wissen glaube, also der Vergangenheit, oder noch genauer, meiner Bewertung vergangener Ereignisse, meiner ganzen Prägung, Erziehung etc. Das alles ist weitgehend subjektiv, aber es ist alles, was ich habe. Der Boden, auf dem meine ganze Weisheit, mein Weltbild steht.

Und es ist eben fast nie klarer Denkablauf. Das ist die Situation, das ist meine Meinung, das ist objektiv da etc. Sondern das Urteil taucht einfach auf. Innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Was kann man nun damit machen? Man kann es unbewusst ausagieren (wenn es unbewusst ist, ist das sogar die einzige Option, die man hat. Ich werde wütend, ich greife anderen an, verbal oder tatsächlich), man kann es unterdrücken (da kommt Moral in Spiel - Oh, jetzt war ich böse, das darf ich nicht denken. Ich bin ein schlechter Mensch), oder man kann es anschauen und vielleicht sogar in Frage stellen (Oh, was für ein komischer Gedanke! Stimmt das überhaupt? Glaub ich das wirklich?) - so man sich überhaupt des Urteils in diesem Augenblick bewusst ist. Und in dem Fall, wenn man es sieht (und sehr oft sieht man es wohl nicht) ist es auch kein Problem. Denn das Urteil ist nicht mehr "mein" Urteil, sondern nur ein Gedanke. Es ist da, ich glaube es nicht, und es verschwindet wieder. Keine Schuld, keine Gewalt, nicht gegen anderen und nicht gegen mich selber. Und wenn der Gedanke wieder kommt, erinnere ich mich vielleicht und sage: Ah, schon wieder kommt dieser Unsinn hoch, wie lustig.

Die Frage ist für mich (und das einzige, wo ich vielleicht wirklich was ändern kann): Kann ich meine eigenen Vorurteile sichbar machen (dazu müssen die willkommen sein)? Und sie hinterfragen und so vielleicht mit der Zeit aufzulösen? Das ist eine große Aufgabe. Man fängt jeden Augenblick wieder von vorne an. Aber was kann man sonst damit tun?

Anonym 28. März 2011 um 22:01  

"... dass wieder mal Homosexuelle verunglimpft oder Ausländer ausgegrenzt werden"

Hier lieber Roberto, irrst Du m.E. sehr. Denn der Homosexuelle existiert als Kategorie erst seit dem 19.Jahrhundert, ebenso setzt der Ausländer den modernen Staat vorraus. Was es als kulturelle Kategorie wohl schon immer gab, ist dagegen der oder das Fremde. Dies ist aber historisch sehr unterschiedlich konnotiert. Das Vorurteil dieser Kategorien (homosexuelle Ausländer ;-) setzt eben die Kategorien selbst vorraus und ist insofern nicht immanent.

Beste Grüße
Mart

Anonym 29. März 2011 um 11:44  

„Ein Urteil läßt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil.“
Marie von Ebner-Eschenbach

Vor(schnelle) Urteile wird es immer geben. Ein Hoch auf den, der zugeben kann zu schnell geurteilt zu haben.

Anonym 30. März 2011 um 00:11  

@Bakunin

"[...]Vorurteile wollen wir "eigentlich" nicht akzeptieren, dafür aber (unter der bzw. vorgehaltener Hand)um so mehr Klassengesellschaft, Ausbeutung etc..., also gerade den Boden, besser: SUMPF(!), auf dem alle diese "Animositäten" erst so richtig gedeihen!
Oder sehe ich da etwas falsch hier?[...]"

Nö, du liegst goldrichtig.

Vorurteile sind menschlich, an der Überwindung müssen wir alle arbeiten - von Ganz Oben angefangen (die verbreiten in meinen Augen, zwecks medialer Macht, die meisten Vorurteile) bis Ganz Unten (die konsumieren die Vorurteile, die letztendlich nur denen Ganz Oben nützen - via "teile und herrsche") herab.

Übrigens, ich lebe selbst täglich mit Vorurteilen antiziganistischer Art, und hab erst heute meine Vorurteile gegen dauercampende Arbeiter auf unserem Familiencampingplatz überwunden. Die wollen keinen billigen Wohnsitz, ebensowenig wie Cinti und Roma.....

Auf Campingplätzen, ich geb's zu ich bin mit so einem "Blockwart" als Vater aufgewachsen, gibt es auch Vorurteile, die man als "Rücksichtsnahme auf unsere Gäste" tarnt.

Geht mal mit offenen Augen auf so einen Platz, ihr werdet staunen wie wenig weltoffen gerade dt. Campingunternehmer/-gäste sind - von Vorurteilen gegen Cinti und Roma, Niederländer & andere Ausländer, und Sprüchen wie "Arbeit macht frei"; "jedem das seine" kann ich nur berichten....

Fazit:

Ein dt. Campingplatz ist die dt. Gesellschaft - mit allen ihren Vorurteilen und Relikten aus der NS-Zeit - bis weit ins 21. Jahrhundert hinein im Kleinstformat.

Is leider so, bin damit 41 Jahre lange aufgewachsen, und übertreibe es nicht mit meinen Behauptungen.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 30. März 2011 um 17:53  

Aufguss eines evolutionären Menschenbildes.

Wozu fordern Sie überhaupt Altruismus wenn die Sozialdarwinistischen Fantasien besser besser zu Ihrem Welt- und Menschenbild passen?

Ist der Mensch wirklich Tier, dann wäre jeder Versuch mehr daraus zu machen schon zum Scheitern verurteilt und jeder Altruist nur ein bedauernswerter Trottel, der seine Zähne und Klauen verloren hat und zermalmt werden wird zwischen den Pranken jedes anderen machtvollen rücksichtsloseren Menschen.

Ihre ganzes Mühen um Aufklärung könnten Sie sich in die Haare schmieren, es wäre reiner Selbstzweck einer Projektion eigener Selbstverliebtheit.

Erst die Erkenntniss, das der Mensch doch mehr ist, das er im Bilde Gottes geschaffen ist, das er die Eigenschaften eben dieses Gottes an den Tag legen kann, wenn er sich müht und an sich hart arbeitet. Wenn er die Selbst- und Nächstenliebe an den Tag legt, erübrigt sich auch das hegen und pflegen von Vorurteilen.
"Wer seinen Bruder hasst, ist ein Totschläger."
Wer Vorurteile kreiert tut dies nicht selten aus egozentrischen Motiven. Im besten Falle noch aus Selbstsucht und um seine Motive zu kaschieren oder einen Besitzstand zu verteidigen oder seine Machtposition etc.

Dieses armselige hin und her rudern eines Weltbildes, das zur Begründung von Rassenwahn und Klassengesellschaft, Sozialdarwinismus und Gesellschaftsauslese dient, eine solche Ideologie zu befürworten und gleichzeitig hehre Ziele zu verkünden und Moral und Verstand zu lobpreisen, es gibt kaum widersprüchlicheres.

Schönen Tag noch

Roberto J. De Lapuente 30. März 2011 um 17:55  

Zitat:
"Erst die Erkenntniss, das der Mensch doch mehr ist, das er im Bilde Gottes geschaffen ist, das er die Eigenschaften eben dieses Gottes an den Tag legen kann..."

Ja, schönen Tag noch...

Tidaltree 30. März 2011 um 22:57  

@ roberto, 30. März 17:55 Uhr:

http://en.wikipedia.org/wiki/Integral_Theory

Wird zwar ebnefalls auch als esoterischer Zweig verschriehen, ist allerdings wesentlich weniger Vorurteilsgeprägt, als dieser Kommentar von Dir durchscheinen lässt. An Dich herrscht da doch ein etwas höherer Anspruch, als an einen Kommentator xxx. Gerade, wo Du dies Thema ja behandelt hast. Auch mit dem dümmsten, anzunehmenden Menschen, wenn nicht gar mit jeder einzelnen Form von Leben, aber auch der intelligenteren Person, die noch bei weitem mehr verstanden hat, ist man mMn. immer auf Augenhöhe. (Auch, wenn diese zu halten manchmal schwer fallen mag.) Ein besserer Durchblick verpflichtet eben auch...

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