Dem Boulevard mehr Ehre

Freitag, 14. Januar 2011

Der Boulevard ist zweifelsohne ein bedeutsamer Bestandteil des deutschen Journalismus - nicht nur des deutschen natürlich, aber von Deutschland ist hierzulande meistens die Rede, deswegen versteife man sich auf diese nationale Nische der Zunft. Der Boulevard ist nicht nur bedeutsam, er ist oftmals ausschlaggebend, prägt gesellschaftliche Entwicklungen und politische Konzeptionen manchmal mehr, als der seriösere Teil der Medien; über Berichte aus Gerichtsälen, die dann zum unaufhaltsamen Selbstläufer werden, weil der Boulevard kräftig mitmischte und aufheizte, soll gar nicht erst gesprochen werden.

Mehrmals bekommt man als publizierender Zeitgenosse zu lesen, man solle sich Themen, die in Boulevardmedien abgehandelt werden, nicht widmen - entweder sollte man sich hierfür zu fein und zu schade sein; oder, so die weniger freundlichen Einwürfe, man sei letztendlich am Ende angelangt, sei vom Schreiben zum Schmieren gekommen und habe den Mainstream betreten. Was Springer zum Sujet macht, so liest man dann, dürfe aus berufenerer Feder nicht wiederholt oder kritisiert werden - ja, nicht mal aufgreifen sollte man das agenda setting solcher Käseblätter, bekommt man dann zum Vorwurf. Laß doch diesen schnauzbärtigen Jünger antiquierter Erblehre rechts liegen, rät man einem dann, der ist doch nur eine Comicfigur der Springerjournaille, ein Produkt ganz kruder Rattenfänger!

Klar, ist er! Und deswegen soll das, was dort über ihn oder seine Geistesverwandten niedergeschrieben wird, sakrosankt sein? Der Boulevard ist ausschlaggebender als der seriöse Journalismus; Berichte über Florida-Rolfs polarisieren mehr als Statistiken zur Altersarmut - der reißerische Text zu einem Mann, der im Ausland Sozialhilfe bezieht, kann Gesetzeslagen ändern; Statistiken ändern bestenfalls ihre Erhebungsmodifikationen. RTL prägt mit seinen Boulevardkonzepten die Ansichten, die man hierzulande über Erwerbslose oder Ausländer hat; da könnten der Spiegel oder der Stern nichts ausrichten, wenn sie es denn überhaupt wollten. Explosiv macht Meinung, Zapp verschwindet ins späte Abendprogramm - der Boulevard ist die größte und beliebteste Informationsquelle hierzulande. Die leichte Informationskost ist uns lieb und teuer - ist einer Mehrheit lieb und kommt der Gesellschaft teuer, treffender formuliert.

Wenn Kolumnisten aus dem Hause Springer, die Namen bleiben heute aus hygienischen Gründen ungeschrieben, kleine Zehnsatzelaborate mit moralischem Unterton über die Republik kippen, dann sind die formulierten Zeilen freilich immer substanzlos, infantil und eigentlich zu belächeln. Bedenkt man aber, dass eine große Anzahl, vielleicht sogar die Mehrheit derer, die sich informieren wollen, bei diesen Kolumnisten und Feuilletonisten ihre Meinung abholen, dann gefriert einem dieses Lächeln jedoch. Ist es daher ratsam, sich mit intellektueller Arroganz über die Auswüchse des Boulevards zu stellen? Ruhig bleiben, weil einem der Feuilletonist MV oder der Kolumnist W intellektuell zuwider ist? Weil schon die Dummheit, die aus ihren Augen funkelt, den eigenen Intellekt beleidigt?

Diese intellektuelle Überheblichkeit, Themen, die im Boulevard gesetzt werden, um das ganze Land zu vergiften oder in Hysterie taumeln zu lassen, einfach als nicht-existent abzutun, weil sie aus der dümmsten Ecke des Journalismus stammen, ist gefährlicher, als die Ergüsse der Boulevardisten selbst. Tritt man der zähnefletschenden Boshaftigkeit, mit der der Boulevard standardisiert arbeitet, nicht entgegen, überlässt man ihm kampflos den gigantischen Raum, den er eh schon okkupiert hat. Es mag ja nicht chic sein, etwaige Schmutztexte über Ausländer, Arbeitslose, Rentner und Schmuddelkinder aufzugreifen, um sie inhaltlich zu zerlegen, in ihre dreisten Teile und unausgereiften und verblödeten Stücke zu demontieren: nur fehlt die Alternative! Denn solange man diesen Schmierfinken, die mit dem Leid und der Not anderer Leute völlig verantwortungslos umgehen, nicht den Kugelschreiber oder die Tastatur verbieten kann, solange muß man in deren geschriebenen Dreck wühlen - ob es einem intellektuell zusagt oder nicht. Man kann sich die Boulevardisten nicht einfach wegdenken, es gibt sie - viel zu viele davon!

Der Boulevard liegt nicht in Dämmerung, ist eher auf dem Vormarsch; er vermittelt die tägliche Informationsflut, sortiert aus, was Agenda wird, was unter den Tisch fallen kann. Ihn in krauser Intellektualität zu ignorieren: das heißt die Informationsquellen zu verachten, die vom Großteil der Menschen genutzt werden - wer Springer und Mitangeklagte mitleidig abtut und lieber vernachlässigt sähe, der erduldet sie und zieht sich dort intellektuell verbockt zurück, wo es den Intellekt eigentlich dringlich bräuchte.



25 Kommentare:

Anonym 14. Januar 2011 um 09:28  

Ich bin mehr als desillusioniert, seit mir ein Mitarbeiter eines großen Bahnhofs-Zeitschriftenladens mal erzählt hat, daß quasi die halbe Tageseinnahme allein aus dem Verkauf der Zeitung mit den großen Buchstaben zusammenkäme.
Gute Nacht, Deutschland -war mein erster Gedanke.
Ob mein Eindruck trügt, weiss ich nicht, aber ich glaube, dass es in Frankreich, wo ich sehr oft bin, so ein volksverdummendes Pamphlet nicht gibt, auch die Nachrichtenvielfalt im Fernsehen ist dort größer als hier und kritische bis systemkritische Meinungen werden zur Sprache gebracht.

Leider ertappe ich mich oft bei elitären Gedanken, wenn vor mir im Supermarkt jemand die "Blöd"_zeitung kauft und denke nur: "Und so jemand darf wählen gehen..."

Daniel Limberger 14. Januar 2011 um 11:33  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Anonym 14. Januar 2011 um 11:38  

ich schätze ad sinistram, weil man hier die bildscheisse ernst nimmt.

Stefan R. 14. Januar 2011 um 12:18  

@Anonym:
Das kenne ich auch, ich habe vor knapp 20 Jahren als Student an einer Tanke gejobbt. Von morgens sechs bis elf war es fast schon ein Reflex, jedem Kunden dieses Blatt dazuzulegen - dass jemand keins wollte, gehörte zu den Ausnahmen.
Das Schlimme in Deutschland ist, denke ich, dass diese Zeitung nicht nur keine Konkurrenz auf dem Boulevard hat, sondern wirklich quer durch alle Schichten gelesen wird (und ernster genommen wird, als es die meisten zugeben)...

Anton Chigurh 14. Januar 2011 um 12:53  

Ich weiß nicht, ob allgemein bekannt ist, dass man als Buchhändler, der auch Zeitschriften verkauft, die BLÖD-Zeitung anbieten MUSS.
Schließt man einen Vertrag mit einem Pressegrosso ab, so ist dies ein Knebelvertrag, der beinhaltet, dass man diese Boulevardschmiere dann auch noch so auffällig präsentieren muss, dass der Kunde (ob er will oder nicht!) die Schlagzeile vor Augen hat. Man kann dieses Ferkelblatt als Weiterverkäufer nicht ablehnen, sonst bekommt man viele andere Produkte gar nicht erst angeboten oder erhält überhaupt keine Ware.
Hier kann man sehen wie die Pressekonzerne "Meinung" verbreiten und das Volk systematisch verblöden. Die Propagandamaschinerie läuft wie geschmiert...

Klaus Baum 14. Januar 2011 um 13:31  

Bei Lichte besehen erweist sich der Boulevard-Journalismus als Lieferant von Vorurteilen. Er bestätigt sie und kreiert neue. Was die Kritische Theorie von aller anderen Philosophie unterschied und unterscheidet, ist folgendes Qualitätsmerkmal: Adorno, Horkheimer, Marcuse et al nahm das falsche Bewußtsein der Gegenwart unter die Lupe. Enzensberger nannte die Produktion des falschen Bewutseins - in der Tradition der Kritischen Theorie - Bewußtseinsindustrie.
Sich damit zu beschäftigen, also mit Sprache, dem manipulativen Gebrauch der Sprache, ist zentrale Aufgabe von Aufklärung.

Till 14. Januar 2011 um 14:38  

Warum stellst Du Dich jetzt begriffsstutzig, Roberto?
In Ad Sinistram über Boulevard zu schreiben ist wie als wenn Peter Sloterdijk in der BILD schreiben würde - völlig verfehlt.
Du verschwendest damit die Zeit und Aufmerksamkeit gebildeter Leser und vergraulst diese.

Das hat nichts damit zu tun, dass generell nicht der Boulevard thematisiert werden sollte, aber das machen schon Andere ausgiebig, und wenn man das lesen will, dann geht man da hin.

Frank F. 14. Januar 2011 um 14:55  

"...die Bürger demokratischer Gesellschaften sollten Kurse für geistige Selbstverteidigung besuchen, um sich gegen Manipulation und Kontrolle wehren zu können..." - Noam Chomsky

"Media Control - Wie Die Medien Uns Manipulieren"

Antonia 14. Januar 2011 um 17:09  

Hallo Roberto,

dass aus hygienischen Gründen heute die Namen von Springer-Kolumnisten ungeschrieben bleiben, ist schon rücksichtsvoll. (o: Vielen Dank. Und dem Boulevard die "Ehre" (auch weiter) zu erweisen, finde ich richtig. ("Wer ein schlechtes Gedächtnis hat, wird nicht drum herumkommen, die 'Fehler' zu wiederholen.") Und somit "Immer 'schön' dranbleiben"...

Einen Vorschlag noch, auch wenn davon auszugehen ist, dass die weit überwiegende Mehrheit der "Ad Sinistram"-Leserschaft politischen Sachverstand besitzt:
"RTL" künftig mit "(Bertelsmann-)RTL" benennen, und das gleiche beim "Spiegel".

(http://de.indymedia.org/2008/06/220177.shtml / http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Schwarze_Feder/Bertelsmann-Kooperation)



@ anonym (- "Frankreich")

Mir ist ebenso unbekannt, dass es in Frankreich eine "Bild" gäbe, doch dürfte deren Bestand (und dann noch in diesem Umfang bzw. mit dieser Machtfülle) schon erstaunlich sein. So musste den deutschen Kriegsverlierern, Mördern, Hehlern und Denunzianten die Demokratie "mit dem Schwert" gebracht werden, eine "Stunde Null" aber, die von Geschichtsschreibern in die deutschen Annalen hineingekleckst wurden, hatte es nicht gegeben. Und wie nahezu das ganze faschistische Pack (einschl. "Persilschein-Liebhaber") in Funktionen/Bereichen nahezu fließend verbleiben konnte (Berufspolitiker, Kirche, Rechtsprechung, Polizei, Lehrer usw. usf.), so war (auch ohne unternehmerische Weitsicht bzw. Wagemut) klar: "Vom 'Stürmer' lernen, heißt Siegen lernen!"
Um aber von der Desillusionierung (hoffentlich) ein wenig zu nehmen, hier noch eine Aufmunterung: http://www.taz.de/1/nord/hamburg/artikel/1/jetzt-ist-schluss/

Anonym 14. Januar 2011 um 17:40  

Till hat gesagt...
"Warum stellst Du Dich jetzt begriffsstutzig, Roberto?"

Beim Lesen dieses Beitrages, dessen Inhalt ich natürlich voll zustimmen kann, dachte ich mir auch: Warum gerade h i e r ?
Bedeutet das nicht, Eulen nach Athen zu tragen?
Hoffen wir halt einfach, dass es auch hier stille Mitleser gibt,insbesondere noch sehr junge, denen das einfach noch gut tut, die diese Aufklärung benötigen.

MfG Bakunin

Roberto J. De Lapuente 14. Januar 2011 um 17:53  

@ Bakunin:

Dann scheidest Du aber aus meiner Leserschaft aus, denn Du bist ja, so scheint es meist, gut informiert. Womit kann ich Dir also dienen?

Anonym 14. Januar 2011 um 17:55  

"Eine kleine Kritik habe ich auch an Deinem Text, denn wenn Du schreibst "solange man diesen Schmierfinken [...] nicht den Kugelschreiber oder die Tastatur verbieten kann", dann hoffe ich, dass Du den Wunsch nach Zensur nur rhetorisch eingebracht hast und nicht ernst gemeint hast." -- schreibt Daniel Limberger

Da ich gerade eine Diskussion beim flatter(feynsinn) über Meinungs- und Demonstrationsfreiheit für die Rechten(allgemein) geführt habe(leider nur mit einem Kontrahenten und kaum offenen Unterstützern), nahm ich deinen Einwand natürlich sofort positiv auf.
Ein sehr heikles Thema, irgend wo müssen natürlich Grenzen sein, aber wo exakt sollten sie verlaufen, um jederzeit freie und offene Meinungsäußerungen, ob auf der Straße oder anderen Örtlichkeiten, in diversen Medien, zu ermöglichen?
Was ist Volksverhetzung, Aufruf zur Gewalt gegen Personen, Sachen, Institutionen, und was ist noch als Meinungsäußerung anzusehen?
Hat nicht ein ehemaliger Bundeskanzler sogar gegen Leute Prozesse geführt die behauptet haben, er färbe sich die Haare?(was z.B.in englischen Zeitungen mit viel Homor, aber auch Kopfschütteln aufgenommen wurde)
Vielleicht kriegen wir hier mal eine gute Diskussion zu diesem Thema hin?

MfG Bakunin

Anonym 14. Januar 2011 um 17:59  

Roberto J. De Lapuente hat gesagt...
@ Bakunin:

"Dann scheidest Du aber aus meiner Leserschaft aus,..."

Nicht unbedingt!
Es könnten ja auch mal Aspekte beleuchtet werden, die selbst ein Bakunin SO bisher nocht nicht gesehen hat.
Niemand lernt je aus.
Ansonsten, wie gesagt, hoffen auf viele junge, wißbegierige Mitleser hier.

MfG Bakunin

carlo 14. Januar 2011 um 18:06  

@Anton Chigurh
Danke für die Info, das war mir gänzlich neu. Ich hatte mich früher immer gewundert, daß auch "fortschrittlichere" Kioskbetreiber das Blödblatt an exponierter Stelle ausgelegt hatten. Was ich nur nicht verstehe ist, warum die Springerwitwe dann nicht auf externe Werbung verzichtet, wenn das Gossenblatt sowieso zwangsweise ausgelegt werden muß?

Trojanerin 14. Januar 2011 um 18:22  

Ich denke auch, dass man den Boulevard thematisieren muss. Fast schlimmer als BILD-Zeitung und Co finde ich die Medien, die sich Qualitätsmedien schimpfen und den gleichen Müll über Leser/Zuschauer ausbreiten. Als Beispiel möchte ich hier den Fernsehsender Phönix nennen, welcher aus meiner Sicht leider allzu oft dem neoliberalen Zeitgeist in seinen abendlichen Diskussionen eine Plattform bietet. Die Themen, die im Boulevard gesetzt werden, sind ja teilweise sehr wichtige Themen. Man muss versuchen, falsche, irrsinnige, rassistischeAussagen, wie man sie leider viel zu oft findet, zu widerlegen, etwas entgegenzusetzen.

Anonym 14. Januar 2011 um 18:31  

Trojanerin, haben sich die Grenzen zwischen "Qualitätsmedien" und Boulevard-Erzeugnissen nicht mittlerweile völlig verwischt?
Bekommen wir nicht von allen, nur sprachlich etwas nuanciert, den gleichen neolieralen, Nato- und EU verherrlichenden Einheitsbrei vorgesetzt?

Anonym 14. Januar 2011 um 23:42  

Passend zum Thema:
Detlev Hustedt, ehemalige Anzeigenleiter der WELT/Springer-Gruppe, ist heute der Geschäftsführer des linksliberalen Blatts "Der Freitag", das aus einem SED-finanzierten Blatt hervorging...

unschland 15. Januar 2011 um 02:08  

Vielen Dank, Roberto,
dass Du die Geduld und einen so robusten Magen hast, dich durch den Dreck zu wühlen, mit dem wir täglich zugesch...en werden, und ihn so meisterlich zerfetzt!
Ich komme mir hierzuschland schon vor wie ein Alien und wenn es nicht Menschen wie dich gäbe, die noch normal denken und empfinden können und sogar noch die Traute besitzen, sich entsprechend und gekonnt zu artikulieren, hätte ich mir wirklich schon den Strick genommen.
Leider kann ich dich in deinem Tun noch nicht mal durch den Erwerb deines Buches oder sonstwie finanziell unterstützen mangels Masse (Regelsatzkürzung), aber wenn es dir gefiele, könnte ich dir eine Tucholski-Gesamtausgabe zukommen lassen, sofern du dich auf Porto-zahlt-Empfänger einließest. (Mein Vater wollte die dem Kirchenbasar zukommen lassen, da hab ich schnell interveniert. "Die Bücher, denen, die gut für sie sind", Brecht, Kreidekreis und so, und hatte spontan an dich gedacht).
Vielleicht ist das auch schräg von mir, aber ich gestehe, dass ich angesichts dessen, was hier so abgeht, zunehmend orientierungsloser werde. Ich dachte halt, das könnte dir eine kleine Freude bereiten.
Wie gesagt:
Vielen Dank für deine Mühen und weiter so!
LG, dein unschlächtiger Unschland

Antonia 15. Januar 2011 um 17:08  

@ unschland

Sorry, ansonsten meide ich eine "Einmischung", doch habe ich hier (durch das Angebot an Roberto) das Bedürfnis DANKESCHÖN dafür zu sagen, dass die Tucholsky-Gesamtausgabe NICHT auf einem Kirchenbasar gelandet ist.

Kurt Tucholsky, 1930: "Die Kirche rollt durch die neue Zeit (mit der Flucht Wilhelm II, Deutscher Kaisers plus oberste Bischof der Protestanten, und dem Abdanken der Fürsten war das bestandene Summepiskopat gefallen, somit also die seit den Tagen der Reformation tradierten, landesherrlichen Kirchenregimenter, Anm.) dahin wie ein rohes Ei. So etwas von Empfindlichkeit war überhaupt noch nicht da. Ein scharfes Wort, und ein ganzes Geheul bricht über unsereinen herein: Wir sind verletzt! Wehe! Sakrileg! Unsre religiösen Empfindungen ... Und die unsern -? Halten Sie es für richtig, wenn fortgesetzt eine breite Schicht des deutschen Volkes als "sittenlos", "angefressen", "lasterhaft", "heidnisch" hingestellt und mit Vokabeln gebrandmarkt wird, die nur deshalb nicht treffen, weil sie einer vergangenen Zeit entlehnt sind? Nehmt ihr auf unsre Empfindungen Rücksicht? Ich zum Beispiel fühle mich verletzt, wenn ich einen katholischen Geistlichen vor Soldaten sehe, munter und frisch zum Mord hetzend, das Wort der Liebe in das Wort des Staates umfälschend - ich mag es nicht hören. Wer nimmt darauf Rücksicht?"

Nein, weder "gestern" noch heute wurde/wird Rücksicht auf unsere Empfindungen genommen; und so wird auch morgen bspw. der Generalvikar Prälat Walter Wakenhut "munter und frisch zum Mord hetzen", weil in Afghanistan noch "keine ideale Ordnung wie der Gottesstaat Augustinus Wirklichkeit geworden ist", somit "es den Einsatz und Opfer Vieler bedarf", deshalb "auch (das) getötet werden muss" und der evangelische Militärpafarrer Bernd Göde damit einpeitschen wird, dass die deutschen Soldaten am Hindukusch "Krieger des Lichtes" sind.

Und dass im August 2009 in Berlin der neue Totenkult-Tempel von den christlichen Menschenfeinden Horst Köhler und Franz Josef Jung eingeweiht sowie von den christlichen Militärbischöfen der katholischen und evangelischen Militärseelsorge, Dr. Walter Mixa und Dr. Martin Dutzmann, gesegnet wurde, liegt einerseits in der deutschen Lernresistenz und andererseits in der Widerwertigkeit des Christentums begründet.

Rasputin 15. Januar 2011 um 18:21  

Ein lohnender Artikel wäre doch mal zum Thema, mit welcher unsäglichen Erbärmlichkeit sich die Wissenschaft mit versuchten Widerlegungen von Sarrazin lächerlich macht. Wie da dieselben handwerklichen Mängel zum Tragen kommen und damit Sarrazins Buch auf gleiche Augenhöhe hebt, also zu einem wissenschaftlichen Buch macht.
Dieses "Dossier" von Foroutan und Co. würde nirgendwo auch nur als Hausarbeit durchgehen und gibt sich als das aus, was die Wissenschaft zum Thema zu leisten vermag...
Das ist so unfaßbar unterirdisch! Ich winde mich vor Schmerzen :-(

philgeland 16. Januar 2011 um 22:28  

Die Boulevardpresse ist in vielerlei Hinsicht nichts anderes als ein Anhängsel der TV-Industrie. Nun gab's die zwar auch schon vor Erfindung der Glotze. Die wiederum hat aber auch wesentliche Teile der Presselandschaft noch mal gründlich und endgültig aufgemischt.

Egal, ob im Fernsehen oder bei BILD: beide Medien lassen die Darlegung längerer Gedanken nicht zu. Und es kommt hier nicht darauf an, was man sagt, sondern wie.

Hier sei nochmals auf das schon in die Jahre gekommene Sachbuch Neil Postmans verwiesen: "Wir amüsieren uns zu Tode.". Obwohl es schon in den 80ern erschien und von daher noch nicht auf das Internet eingeht, ist es nach wie vor aktuell und mehr als lesenswert.

philgeland 16. Januar 2011 um 22:35  

P. S.:
Neil Postman, "Wir amüsieren uns zu Tode - Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie", erschienen im Fischer Verlag und erhältlich bei AMAZON.

unschland 17. Januar 2011 um 02:46  

@Antonia:
Lieber eine "unberufene" als keine Reaktion...
(Vielleicht befürchtet Roberto ja, die Bücher seien wie ich durch kirchlichen Ungeist verseucht und deshalb tabu?
Vielleicht hat er auch alles von Tucholski?
Oder Tucholski steht heute so niedrig im Kurs, dass er auf dem Ramsch (oder im Kirchenbasar) billiger ist als das Porto? Oder er ist so arm, dass er sich das Porto auch nicht leisten kann? Was weiß ich. Keine Reaktion ist zumindest irritierend)

Ich würde das Christentum per se aber nicht gänzlich verdammen. Wenn man die "reine Lehre" vom kirchlichen Geschwurbel befreit betrachtet und versucht, den "Heiland" objektiv historisch zu verstehen (Sitz im Leben!), kann man den Jupp auch sozialrevolutionär auslegen wie Ernesto Cardenal:"Das Evangelium hat uns radikalisiert, ich bin durch das Neue Testament zum Marxisten geworden" (http://tinyurl.com/6bq6oh6)

Es gab da auch Leonhard Ragaz (http://tinyurl.com/652kdrn), ein sozialistischer Theologe, der z.B.die Gleichnisse entmythifizierte und so auslegte, dass mit "Reich Gottes" der Komunismus gemeint sei und nicht das Himmelreich nach dem Tode. Alles eine Frage der Interpretation, man muss aber die kirchliche Lehre außer acht lassen, die mit Jesus soviel zu tun hat, wie die CSU mit christlich-sozial.

Das Gleichnis vom Weinberg und den Tagelöhnern, die am Ende des Tages denselben Lohn erhalten, obwohl sie nicht gleichlang gearbeitet hatten, wird erst dadurch verständlich, wenn man weiß, dass der Betrag, den sie erhalten, zu Zeiten Jesu dem entsprach, was ein Tagelöhner aufbringen musste, um sich und seine Familie für ein/zwei Tage durchzubringen und die kilometerweit von Weinberg zu Weinberg laufen mussten, ehe sie angestellt wurden.
Der "gerechte" Winzer lässt niemanden hungern!
- Passt hervorragend in die aktuellen Gerechtigkeitsdebatten.

Roberto J. De Lapuente 17. Januar 2011 um 06:26  

Liebe(r) Unschland,

melden Sie sich doch bitte per e-Mail...

Anonym 17. Januar 2011 um 06:27  

Naja, das Wirken von Johannes Paul II. zur Ostblock-"Auflösung" ist schon beachtlich und wäre auch würdigenswert ("In manchen Ländern hat man angestrebt, dass es einem Bürger nicht gestattet ist, die Gegend, in der er zufällig geboren ist, zu verlassen. Der Sinn dieses Gesetzes liegt auf der Hand: 'Dieses Land ist so schlecht und wird so schlecht regiert, dass wir jedem verbieten, es zu verlassen, weil es sonst die ganze Bevölkerung verlassen würde'." Voltaire), doch allein seine Verhöhnung des chilenischen Volkes durch seinen Papstbesuch sollte jede Würdigung verbieten; und damit auch die angedachte "Seligsprechung" im Mai, sofern man als "Nachfolger des Apostels Petrus" Menschlichkeit empfinden kann.

Der Putsch in Chile, bei dem Augusto Pinochet durch die Christdemokraten AKTIV unterstützt wurde, um die polit. Linke (Parteien, Gewerkschaften) auf lange Zeit zu zerschlagen, zeigten die Christen wieder einmal die ganze Häßlichkeit ihrer Fratze, zumal nach dem Putsch u.a. zum klerikal-faschistischen Ritual das "Te Deum" in der Kathedrale von Santiago de Chile erscholl , wobei sich noch (und freilich aus der ersten Reihe) Juntachef Augusto Pinochet, Polizeichef César Mendoza, Luftwaffenchef Gustavo Leigh und Marinechef José Toribio voller EHRFURCHT erhoben.
Dass dann aber Papst Paul II. noch im Jahre 1987 nach Chile reiste (also immerhin im rund 14. Jahr faschistischer Verfolgung, Folter und Mord) muss sich (und erst recht durch die von Papst Paul II. und Juntachef Pinochet gezeigten herzlichen Eintracht) sehr tief und besonders schmerzhaft in das unterdrückte Volk Chiles eingebrannt haben. Und hat Ratzinger-Papst (weiterhin) keine Hemmungen, im kommenden Mai Papst Paul II. selig sprechen zu wollen, so ist bei dieser Perfidität absehbar (also für den Fall, dass Ratzinger nicht baldigst mit einem an der Zeh befindl. weißen Zettel aus dem Vatikan heraus getragen werden - bspw. nach einem amazonischen Giftfeiltreffer, weil er ein weiteres Mal Lateinamerika dahingehend verhöhnte, dass sich dessen Ureinwohner die christliche Missionierung und Versklavung, den christlichen Massenmord und die christliche Ausrottung ihrer Kultur herbeigewünscht hätten), dass Ratzinger auch noch das jüdische Volk verhöhnen wird, in dem die Seligsprechung von Papst Pius XII. erfolgt.

"Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte" stellte Max Liebermann fest, als nach der NS-Machtannahme die faschistischen Horden ihren Fackelzug durch das Brandenburger Tor zelebrierten; und wer jetzt (als Nicht-"Hartzler" oder -"Aufstocker") mal so richtig kotzen möchte, dem sei "Das Gebet für die Seligsprechung Papst Pius’ XII." anempfohlen --- http://www.kath.net/detail.php?id=28795&print=yes ---

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