... und der Pauperismus entwickelt sich noch rascher...

Dienstag, 10. Juli 2012

... schrieb 1848 der Bärtige in seinem Manifest. Der Arbeiter würde zum Pauper, bemeisterte er außerdem. Und der Pauperismus entwickle sich rascher. Er meinte damals materielle Pauper, arme Schlucker also - der Pauperismus im Zeitalter scheindemokratischen Theaters meint jedoch auch die Armut an kritischem Verstand. Der wird dann Pau-perismus geschrieben.

Sie hat ja lediglich ihre Funktion erfüllt - als Vizepräses des Bundestages. Da ist kritische Gabe nicht verlangt, wohl aber Abhandeln nach Hausordnung und Gepflogenheiten des Hauses. Nicht die geschlagenen 57 Sekunden erstaunen; jene Sekunden also, die das Meldegesetz brauchte, um als Gesetzesentwurf das Licht jener Unterwelt zu erblicken, die wir Regierung nennen - das ist normal in einer Postdemokratie; denn in einer Postdemokratie gibt es auch keine Vizepräsidentinnen, es gibt ritualisierte Vorsitzer, spiritistische Zeremoniellmeister, geistige Begleiter, die dem allgemeinen Abgesang ein demokratisches Gepränge verleihen - sie sind, kurz gesagt, nichts weiter als Präses; sie sind Bundespräses oder Bundestagspräses, sind für das Ritual abbestellte Scheindemokratievorsteher.

Eine solche Präses ist jene Pau, die als Mitglied von Die Linke die Geschäftsordnung abspulte und dem Meldegesetz den ersten Schritt zur Verwirklichung schenkte. Im wirklichen Leben ist sie als Linke für Datenschutz - als Präses hat sie ihre Privatmeinung allerdings vom Geschäft zu scheiden. Der Dienst erforderte, eine anrüchige Inszenierung, in der ein anrüchiges Vorhaben beatmet werden sollte, rituell scheindemokratisch zu adeln - Der Gesetzesentwurf ist angenommen!, beschloss sie hierzu. Aber was hätte sie denn machen sollen? Das wird doch von einer Präses erwartet - Ja sagen und Gepflogenheiten wahren und Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps!, auch wenn der Schnaps persönliche politische Anschauung oder eben Datenschutz heißt.

Das ist strukturell bedingte Armut an Kritikfreude - Pau-perismus nennt man das etwas geschwollener ausgedrückt. Verklärt mal wieder einer die deutsche Vergangenheit, schwingt sich ein Filbinger-Lobredner auf oder grassiert es mal wieder, macht man die Bonner Republik rückwirkend globkerein oder meint jemand, Kiesinger und Lübke dürften nicht vor ihrer Vergangenheit besehen werden, dann sind es ausgerechnet die Pau-peristis, die aufbegehren und Wehret den Anfängen! rufen und kopfschüttelnd über die Mitmacher der damaligen Zeit herziehen. Genau die Pau-peristis, die auch Mitmacher sind, wenn es dieses postdemokratische Konstrukt von ihnen verlangt. Ich habe nur meinen Dienst getan!, riefen einst welche empört, als man sie persönlich moralisch haftbar machen wollte. Nur ihren Dienst hat auch jene Frau getan. Gut, vergleiche man nicht, was so unvergleichlich war - und stelle man den Gesetzesentwurf nicht mit dem gleich, was die anderen Mitmacher einst mitmachten; aber die Tendenz, die ist dieselbe, die Dienstblindheit gleicht sich.

Gibt es in einer Postdemokratie überhaupt Befehlsnotstand? Der ist ja eine Sonderstellung, ein sich ergebender Spezialfall - aber Postdemokratie ist doch andauernder Befehlsnotstand, nicht rar, nicht nur ab und zu. Und wenn dem so ist, dann sind die ausführenden Werkzeuge, all die Hämmer und Schrauberdreher, all die Zangen und Feilen, nicht nur zufällig in Dilemmasituationen gefallene Charaktere, sondern vom System garantierte Wetterfähnchen, Opportunisten und Präses eben. Pau bezieht im Postdemokratismus Stellung, bezieht Posten - manche werfen das ihrer Partei vor, träumen von einer APO, die von ihr angeführt werden soll. Dass sie Stellung bezieht, dass sie sich Posten sichert, um die postdemokratischen Rituale aufzuweichen und lächerlich zu machen, hätte man gut finden können - aber so?



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Mütterlicher Gnadenakt?

Die neuen Rechte lediger Väter werden teilweise als "gut gedacht, aber schlecht gemacht" bewertet. Das ist wahr - aber aus anderen Gründen als den genannten. Sie müssen einhergehen mit einer Stärkung richterlicher Einflussnahme und einem strikteren Überwachen von gerichtlichen Beschlüssen. Es muß möglich sein, sich weigernde Mütter zu sanktionieren und zur Einbindung des Vaters in die Erziehungsarbeit, ganz im Sinne des Kindeswohles, zu bewegen.

Gegen den Willen der ledigen Mutter könne man ledigen Vätern nicht das Sorgerecht erteilen, meint das konservativ-postfeministische Feuilleton. Das sei lebensfremd und Murks. Bislang war es so, dass eine stoische Verweigerungshaltung seitens der Mütter dazu führte, die Väter auszuklammern - selbst die behäbige Intervention von Familiengerichten konnte daran kaum etwas ändern. Ordnungsgelder bei Zuwiderhandlung gerichtlicher Anordnungen blieben meist aus. Das berichtet unter anderem Katrin Hummel in ihrem Buch. Ob es alleine bei vielleicht fruchtlosen Rechtsansprüchen für ledige Väter bleibt, oder ob auch die Familiengerichte fortan strikter auf die Einhaltung von Anordnungen achten und den oft vorgeschobenen Verweigerungsgrund, nämlich der Vater schade dem Kindeswohl, weitestgehend außer Kraft setzen - und wie die Jugendämter speziell in der Sache dieses Kindeswohles eingestellt werden -, das bleibt zunächst abzuwarten.

Was hier angetastet wird, ist das ledig-mütterliche Primat über das Kind, die Monopolstellung im Leben des eigenen Nachwuchses. Dieser vermeintlich zunächst nur theoretische Verlust, führt zwangsläufig zu Reaktionen, die die neue Rechtslage als zu vertrackt, als zu lebensfremd diskreditiert. Der Einbruch in diese Domäne wird als Gefahr empfunden, der ehemalige Partner als Hemmnis in der neuen Lebensplanung, in der der neue Partner oftmals die väterliche Rolle alleine übernehmen soll, ohne mit einem Vater- und Partnerkonkurrenten ringen zu müssen. Dass die Teilung des Sorgerechts zweier Eltern, die nicht zusammen leben, nicht einfach zu bewerkstelligen ist, dass es Streitigkeiten und Diskrepanzen geben wird, steht außer Frage. Das bedeutet aber nicht, dass deswegen die Kindeserziehung zum Scheitern verurteilt ist - Streit ist die Vorstufe zur Kompromissbereitschaft und damit ein demokratisches Prinzip. Was soll daran verwerflich sein? Die Kritiker der neuen Rechtslage sehen aber genau das als Problem - in ihrem Weltbild braucht das Kind klare Strukturen und Regeln. Als ob die etwa nicht herrschten, wenn sich Elternteile mit geteiltem Sorgerecht hinter den Kulissen auf einen Nenner zu bringen haben! Als ob es für das Kind schlecht wäre, wenn es sieht, dass verschiedene Standpunkte existieren, die man aber irgendwie zusammenbringen muß - das wäre doch eine Schule für das Leben! Und als ob es solche Streitpunkte nicht auch zwischen Eltern gibt, die sich in einem gemeinsamen Haushalt das Sorgerecht teilen!

Der fortschrittliche Teil der Mütterwelt, der fernsehgerecht auf der Straße zu den neuen Rechten lediger Väter befragt wird, meint hierzu lapidar, dass das alles richtig und irgendwo auch gerecht sei - und wenn die Väter zahlen, fügten sie hinzu: warum denn nicht? Wenn sie also zahlen, wenn sie also finanziell stark genug sind, dann sollte man auch das Sorgerecht als Gnadenakt erteilen. Vater sein nur, wenn man das Geld hierfür hat. So weit hat es der gender mainstream gebracht. Er hat geschafft, dass Liebe mit Geld verwechselt wird. Der Alptraum mag nun sein, dass ein Vater, der für das Kind nicht (regelmäßig) bezahlen kann, trotzdem gegen den Willen der Mutter das Sorgerecht erhalten kann - fraglich ist nur, ob man ausbleibende Unterhaltszahlung als gegen das Kindeswohl gerichtet instrumentalisieren könnte; hier kommt die Schwammigkeit des Familienrechts, wie es beispielsweise der Väteraufbruch dieser Tage kritisiert, voll zur Entfaltung.

Das erziehende Elternteil hat qua seiner Stellung Vorteile. Es kann beeinflussen und instrumentalisieren, es kann den Nachwuchs gegen den anderen Elternteil aufhetzen. Das kommt gar nicht selten vor - Anwälte für Familienrecht erklären gelegentlich, dass gegen ein von Elternhand instruiertes Kind kein Paragraph Abhilfe zu leisten vermag. Wenn das Kind ein Elternteil ablehnt und dies so artikuliert, und das erziehende Elternteil kategorisch ablehnt, die Wogen im Sinne des Kindes zu glätten, beißen sich Gesetz und Richter die Zähne aus. Vom Jugendamt sind meist nur Alibimaßnahmen zu erwarten. Man darf nicht glauben, dass alle ledigen Mütter nun zu solchen Mitteln greifen - Würde und Stolz sind Kategorien, die auch weiterhin für die Mehrzahl der Menschen gelten. Dennoch sind die neuen Rechte für ledige Väter sinnlos, wenn im gleichen Zuge für schwierige Familien nicht auch pädagogische Familienhilfen Mutter und Kind regelmäßig besuchen und begleiten - die Möglichkeit sich solcher Hilfen totalzuverweigern, sollten dabei drastisch eingeschränkt werden. So wie bei Gefährdung des Kindeswohles das väterliche Sorgerecht verweigert werden soll, so soll auch die totale Abwehrhaltung einer Mutter als Gefährdung dieses Kindeswohles angesehen werden und Konsequenzen haben. Einem Kind den Vater zu nehmen, kann nicht im Sinne des Wohles dieses Kindes sein, auch wenn manche ledige Mutter das vielleicht so sehen mag.

Und es wird dringend notwendig sein, die neuen Rechte für ledige Väter mit einen Strafgeld-Katalog zu flankieren, der auch zum Einsatz kommt. Hummel schreibt, wie oben erwähnt, dass bislang die Totalverweigerung lediger Mütter damit endete, dass weder Gericht noch Anwälte Mittel fanden, die zu einer Deeskalierung und somit zu einem Kompromiss führten. Blieb die Mutter lange genug stur, fegte sich dreist über Beschlüsse hinweg, verweigerte sie die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt (das oft genug wenig Interesse daran hatte, nachdrücklich diese Zusammenarbeit einzufordern - auch aus finanziellen Gründen), so resignierte irgendwann die Gerichtsbarkeit. Strafgelder konnten zwar erlassen werden - das geschah aber meist nicht. So wie es die Lobby der ledigen Mütterwelt für richtig befand, nicht zahlende Väter stark unter Druck zu setzen, so soll es nun geboten sein, die strikte Ablehnungshaltung von Müttern unter Druck zu setzen - notfalls auch, indem man das Sorgerecht der Mutter einschränkt. Geschieht dies nicht, sind die neuen Väterrechte für viele Männer nicht mehr als ein schönes Stück Papier - dann sind sie nicht mehr als ein mütterlicher Gnadenakt und genau das dürfen sie nicht sein; sie müssen effektiv durchsetzbarer Rechtsanspruch sein.



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Sit venia verbo

Montag, 9. Juli 2012

"Es gibt rechten Fußball, und es gibt linken Fußball. Rechter Fußball will uns weismachen, dass das Leben ein Kampf ist, der Opfer erfordert. Wir sollen hart wie Stahl werden und um jeden Preis gewinnen... Dienen und arbeiten, das wollen die Mächtigen von den Spielern. Auf diese Weise schaffen sie Leute ohne Hirn: nützliche Idioten, die sich in den Dienst des Systems stellen."

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Das Eiland des Kolumbus

Freitag, 6. Juli 2012

Diese Insel sei keine Insel - wer dies behauptete, wird mit Nachspiel rechnen müssen, erklärte er seiner versammelten Crew. Genau so wird er es nun nicht gesagt haben, man stellt es sich mit zeitlichem Abstand nur so vor. Wie man sich Brechts Galilei vorstellte, dem man in den Mund gelegt hatte, was er nie sagte. Die Insel sei keine Insel, stellte Kolumbus für seine Mannschaft fest. Alle Anzeichen, die darauf hindeuteten, seien Fehlinterpretationen. Nochmal betonte er: Kuba sei keine Insel, es habe Festland zu sein - chinesisches Festland genauer gesagt.

Die herrschende Ökonomie und ihre Lehrer gleichen dem Genueser. Für sie ist sie sich selbst Festland, fester Boden unter den Füßen - kein Eiland, keine Insel in tosenden Gewässern. Sie haben im Neoliberalismus ihr Indien entdeckt, das lang gesuchte Land, zwar nichts Neues, aber dafür nützlich. Ihr Indien ist ein Gemeinwesen, das tollkühn asozial gestaltet ist. Sie fummeln an ihren Kolumbus-Locken, die meist Glatzen sind und beschwören den Abfall von dieser ökonomischen Entdeckungsfahrt als gefährlich und rückschrittlich, als Niedergang und Kommunismus. Festland, auch wenn alles nach Insel aussieht - Sparen, auch wenn alles sagt, dass Armut nicht mit Schöpfung und Ausbau weiterer Armut bekämpft werden kann.

Wie jener Entdecker im Juni 1494 von seiner Besatzung die Leugnung von Tatsachen forderte, um seiner Illusion weiter frönen zu können, das ist schon metaphorisch. Fast ganz Kuba hatte man bis dato umrundet, nur einen kleineren Zipfel nicht - das vermied Kolumbus auch, denn was, wenn hintendran das chinesische Festland fehle? So war er am Ende doch in einer neu entdeckten Welt gelandet, in die er nie hatte geraten wollen? Die Anekdote vom Ei des Kolumbus zeichnet dessen Chuzpe nach - skizziert, dass Geht nicht, gibt's nicht! sein Credo war. Vielleicht ist die Anekdote vom Ei nur die literarische Verklausulierung für sein Vorhaben, das Eiland an China zu binden. Möglich, dass die Chronisten Ei schrieben, weil ihnen die Tinte für -land ausging. Drosch er nicht das Ei auf den Tisch, damit es steht? Drosch er einfach nur phrasenhaft Drohungen, um das Eiland nach China zu stellen?

Beharrlichkeit im wissentlichen Irrtum: Auch so eine Konstante hienieden. Sätze die Geschichte machten: Nein, Kuba ist keine Insel! - Nein, und sie dreht sich doch nicht! - Nein, wir müssen die Krise totsparen! Irrtümer, die anfangs nur Irrtümer waren, bis sie zur Lüge, zum Kalkül wurden, weil man sich des Irrtums bewusst wurde, nicht aber bereit war, davon abzurücken. Inhalte sind je nach Zeitalter austauschbar; die Sätze mögen sich im Laufe von Generationen unterscheiden, doch klingen sie so gleich.



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... ist nach dem Spiel

Donnerstag, 5. Juli 2012

Ich bekenne mich zum Fußball. Was ich schließlich am sichersten über Moral und Verantwortung weiß, verdanke ich dem Fußball, meinte Camus mal. So weit würde ich nicht gehen wollen - aber dass sich jemand wie Camus offenbar mit dem Fußball befasst hat, ihn philosophiert, durchdacht und Zeit seines Lebens verfolgt hat, unterstreicht doch, dass es sich mitnichten um einen Sport dumpfer Gemüter handelt. Aber wie ich mich zum Fußball bekenne, so sehr bekenne ich mich auch dazu, mit dem allgemeinen Unverstand, der sich kürzlich wieder über dieses Land unter dem Label "Fußballbegeisterung" ausbreitete, nichts zu tun haben zu wollen. Nenne man es elitär, wenn man mag - nur ist dieses Populärgefußballere, das Geschrei und Geschminke, sich in Trikots zwängen und Ahnungslosigkeiten als patriotische Leidenschaft verkaufen zu wollen, nichts was mit meinem Verständnis von Fußball auch nur peripher zu tun haben könnte.

Die Geschichte aller großen Turniere ist eine Geschichte der DFB-Auswahl. Dieser Eindruck drängt sich mir hierzulande immer wieder auf. Für mich sind diese Turniere allerdings viel mehr. Sie sind die Geschichte von Mentalitäten, Stilen, Spielsystemen und deren Revolution oder Scheitern, von goldenen oder silbrigen Jahrgängen und deren blechernen Nachfolgegenerationen. Und sie sind immer auch die Geschichte von nostalgischen Rückschauen, von zukünftigen Entwicklungen des Fußballs, von dessen Gegenwartszustand - sie beinhalten alle Zeitformen synchron. Und es ist die Wiederholung einer Geschichte, die mehr als hundert Jahre alt ist: das Lavieren zwischen Schönheit und Effektivität, zwischen Ästhetik und Resultat, zwischen Ballzauber und Ergebnisorientierung.

Weiteres Bekenntnis wäre hiermit, dass ich dem Ästhetizismus zugewandt bin. Gewinnen ist sekundär - der Torabschluss ist nicht das Ziel, er ist die Krönung einer Stafette. Ich erinnere mich, wie ich als Junge auf dem Bolzplatz stand, Schnörkelchen spielte, Querpässe, eine Hacke zum Nebenmann, ein Lupfer über den Gegner - das Tor meist zugänglich, aber ich schoss nicht, es war mir zu unschön, so schroff abzuschließen, zu plump und geistlos. Gut, ich war kein begnadeter Techniker, meine Lupfer blieben zu oft am Gegner hängen, aber das Bisschen, das ich konnte, wollte ich einsetzen. Ein Mitspieler rüffelte mich einst dafür, zog ein Dribbling an, setzte sich gegen zwei Mann durch, schoss hart - Tor! Unhaltbar für den Tormann, für den Jungen, der zu klein und zu mollig war, um das Geschoss abzuwehren. So macht man das, sagte er zu mir. Ja, sagte ich, aber so bereitet es mir keine Freude.

Das Tiqui-taca der spanischen Auswahl sprach mich von Anbeginn an, weil es war und ist, wie ich Fußball fühlte und fühle. Die Loslösung vom letzten verbliebenen Stürmer, um de iure ein 4-6-0 zu spielen, bestätigt den mir immanenten Schnörkel, das formvollendete Spiel, das nur zum Torerfolg führen soll, wenn der Spielzug originell und attraktiv war. Der "falsche Neuner" schwebte mir ungedacht schon im Kopf umher, als ich noch Jugendlicher war - für was einen Stürmer vergeuden, wenn das Herausspielen von Torraumszenen aus dem Mittelfeld heraus geschieht; für was einen Stürmer statisch in ein Konzept pressen, wenn beim Erspielen von Chancen dieses Mittelfeld nachrücken kann und damit die Aufgaben des Stürmers übernimmt? Als sich die Zeitungen kürzlich über den fehlenden Stürmer der spanischen Mannschaft ausließen, offenbarten sie damit die Inflexibilität ihrer Auffassung von Taktik, ihr starres Denken und Positionieren - sie hängen einem Fußball nach, wie er nicht mehr gespielt werden sollte.
Schüsse aus zweiter Reihe sind manchmal probat, ich gebe das ja zu. Aber sie sind ungeschlachter Fußball, der mich nicht anspricht. Dass die spanische Selección nun seit Jahren mehr oder minder attraktiven und erfolgreichen Fußball spielt, das ist die eigentliche Sensation. Nicht die Titel - sondern dass es zu solchen reicht, obwohl das Schönspiel existiert. Das war ja durchaus nicht immer so der Fall. Ungarn war nie Weltmeister, spielte aber vor langer Zeit unter Puskás den geschmackvollsten Fußball - die Holländer mit Cruyff waren eine der besten Auswahlen, die bei einem großen Turnier je aufliefen; gewonnen haben sie 1974 nicht, gespielt haben sie aber äußerst ansehnlich.

Die Prollkultur, die der Fußball in den letzten Jahren am Spielfeldrand entwickelte, weiß davon nichts. Es handelt sich um Schreihälse, die Biertrinken mit dem Spiel verwechseln und Fanatismus mit Fachverstand. Und es sind Wiedergänger des Erfolges - lieber vier Tore mit seichtem Spiel als ein Tor und kunstvoller Umgang mit der Kugel, ist deren Devise. Je höher der Sieg, desto besser wird wohl das Spiel gewesen sein, schlussfolgern sie. Und nur der Sieg ist deren Ziel. Jonathan Wilson schreibt, dass schon vor gut hundert Jahren Stimmen laut wurden, die beklagten, der Ergebnisfußball würde den ästhetischen Sport vertreiben. Man sprach sich gar für eine Wertung aus, die das Schönspiel bewerten sollte und nicht nur den Erfolg lediglich durch Erzielung von Toren sícherstellte - aus dem Bauch heraus würde ich dem beipflichten wollen, wenn da nicht die Problematik der Umsetzung wäre. Punktrichter mit Täfelchen am Spielfeldrand? Das wäre ja auch nicht gerade fesselnd.
Hier ist Fußball für mich, was das Leben ist. Man liest ja oft, Fußball sei ein Abbild des Lebens, wer beispielsweise hart kämpfe, erziele irgendwann Erfolg - das ist großer Unsinn; ein Sportplatz ist kein Alltagsleben, die Kategorien Einsatzbereitschaft und Kampf sind keine, die man im Alltag umsetzt, wie man das zuweilen auf dem Rasen tut. Im Alltag ist man von Faktoren abhängig, auf die man wenig, manchmal gar keinen Einfluss hat. Doch diese Diskrepanz zwischen Schönheit und Erfolg, die mich der Ästhethik verpflichtet, obwohl ich weiß, dass hieraus Niederlagen resultieren können, weil Schönheit nicht immer effektiv ist, parodiert das Leben. Denn Beharrlichkeit ist eben nicht immer der Weg des Erfolges, sondern oftmals auch ein Trampelpfad ins Verlieren - aber wenn man meint, der sei richtig, dann muss man ihn gehen.
Und noch eine Parabel auf das reale Leben scheint der moderne Fußball herzugeben. Jedenfalls der moderne Fußball, wie man ihn besonders hier in Deutschland begreift: Effektivität und Ergebnisorientiertheit sind die absoluten Kriterien - man kann schlecht spielen und gewinnen und wird gelobt; man kann gut spielen und verlieren und wird der Kritik ausgesetzt. Wie der Neoliberalismus lehrt man schnodderige Effektivität und schielt auf Zahlen, lediglich auf Zahlen - das ist kein schöner Sport, das ist ökonomischer. Und der Fußball ist die Speerspitze dieses Denkens - obzwar man dieses spanische Tiqui-taca zwar nett findet, wenn es nicht so kompliziert, so verwinkelt und Umwege in Kauf nehmend wäre. Effektiver sollte er sein, glaubt man - drei Pässe und Torabschluss; schnelles Führungstor und dann Sicherheit nach Hinten; Fußball nach Risikoberechnung und Kosten- und Wirksamkeitsanalyse. Ich denke hierbei immer ans Zubereiten von Frigadellen. Man brät Zwiebeln an, vermengt sie mit Petersilie, gibt getunktes Brot hinzu, Gewürze, Ei, Senf, vermengt es mit der Hand... kurz, man tut viele Schritte, die so unglaublich kompliziert sind im Angesicht von TK-Burgern. Wenn sie ihr effektives Spiel, den schnellen Abschluss und dann die Sicherung des Resultates als die Krone der fußballerischen Schöpfung feiern, dann klingt das für mich wie: Kauft doch TK-Burger! Das geht schneller! Ist effektiver! Dass die nicht schmecken, ist egal, Hauptsache die Backen sind voll - Hauptsache man hat gewonnen...

Fußball ist nicht, sich Fähnchen an das Auto zu zwicken. Nicht Trikotierung. Nicht kollektiver Rausch auf Plätzen. Das ist emotionaler Schnickschnack einer Gesellschaft, die sich anstelle der Ratio der Emotion verschrieben hat, wie sie sich andererseits an die Effektivität anstelle der Ästhetik kuschelt. Fußball ist philosophisch, ist Mentalitätsfrage, ist in großen Momenten Kunst. Jetzt, da ich diese Zeilen zu formulieren trachte, ist gewiss, dass die spanische Auswahl die Europameisterschaft abermals gewonnen hat. "Spaniens Fußball ist auf einer Ebene angekommen, der man nicht mehr allein mit den Maßstäben des Sports gerecht werden kann. Die kollektive und individuelle Perfektion des Spiels ist gelungen", schreibt Christian Eichler hierzu. Die Schönheit des Spiels hat in dieser Ära des Fußballs die Dominanz über Ergebnisspielerei eingenommen. Ich neige nicht dazu, mich darüber zu freuen - aber es ist eine Genugtuung. Nicht weil es die Mannschaft Spaniens ist, sondern weil es die Mannschaft der Ästhetik ist. Das Finale spielte man nicht im Namen jener westeuropäischen Nation - man spielte es übernational, gewann es für die Eleganz, die Grazie, für die Demut vor dem Augenblick, da sich die Lücke in der Abwehr öffnet, ein Spieler einen Hauch von Möglichkeit wittert. Ich freute mich für die Auswahl der RFEF (Real Federación Española de Fútbol) - nicht für den einen Teil meiner Herkunft; nicht für meines Vaters Heimat. Ich freute mich, weil es die Ästhetik ihres Spiels war, die mich emotional machte. Während sich der öffentlich befeuerte gesellschaftliche Fußballgeist an der Ästhetik der Emotion labt, erzeugt sich bei mir ästhetische Emotionalität. Fußball ist nicht, nicht für mich, auch nicht in einem transzendenten Verständnis, was sich hier so massenhaft aufschaukelt, so medial inszeniert. Es ist nicht, den Torjubel zu bewundern, die Tränen zu erhaschen, den Rausch zu genießen, trikotierte Legionen abzulichten, Fahnen zu wedeln, Farben hochzuhalten - es ist die Liebe zur schnörkeligen Perfektion, zur verspielten Pirouette und dem anerkennenden Applaus für die Kunstfertigkeit eines Virtuosen in kurzen Hosen. Es ist Formgefühl - nicht das Gefühl, in eine rauschhafte Form gepresst zu werden, wie das vor Leinwänden zu oft, vielleicht so gut wie immer geschieht.

Wie hätte ich mich damals, als Griechenland mit seinem Anti-Fußball Europameister wurde, freuen sollen? Über was hätte ich mich freuen sollen? Über Ergebnisse, die sich jene Mannschaft ermauert hat? Anerkennung natürlich - jeder nach seinen Mitteln, jeder wie er kann. Aber honorieren muß ich das nicht. Wie sie damals alle Griechenland-Freude wurden, für eine Woche genauso leidenschaftlich, wie sie heute Griechenland-Feinde sind. Ich schüttelte darüber den Kopf, wie ich ihn über die Spielweise schüttelte. 2004 gewann nicht der Fußball - es gewann das Ergebnis, die sture Kick auf Ergebnisfixiertheit.


Fußball ist nicht, sich Produkte aus Prospekten auszuwählen, die mit Bällen verziert sind, um am Hype teilhaben zu können. Ich bilde mir ein, und vielleicht ist es nur Schönfärberei, vielleicht nur romantischer Blick zurück, dass in jener Zeit, da das Publikum mit der Alltagskleidung ins Stadion pilgerte, der Fachverstand noch ausgewiesener war. Ich bilde mir ein, dass es förderlich für den Sachverstand wäre, wenn weniger Trikots, weniger Devotionalia im weiten Rund zu erblicken wären - weniger durch Wappen und Farben getrübte Blicke, weniger Konditionierung auf Zusammengehörigkeit, die in Rausch versetzen, in Versumpfen in der Glut der Massenekstase stoßen. Fußball ist nicht das Sujet eines kollektiven Zusammenseins - wer das so versteht, versteht das Spiel nicht. Mich haben Stadionbesuche stets fasziniert; die Stimmung ist nicht über das Fernsehen transportierbar. Gleichwohl hat es mich nur in Jugendjahren kollektiviert - später war ich im Stadion, war vereinzelt in der Masse; das plumpe Gekeife, der schreiende Unverstand, der Spiele nicht lesen kann, Taktiken nicht begreift, der aber um so lauter wiehert, hat mich abgestoßen. Ich ging als Anhänger meiner Jugendliebe ins Stadion, zu den Münchner Löwen - ich freute mich darüber, als sie Ende der Neunzigerjahre relativ schönen Fußball spielten. Für mein Fußballverständnis damals war es ein schöner Kick - auch Geschmäcker wandeln sich beim Fußball; was einer Gesellschaft heute als guter Fußball vorkommt, kann morgen total altbacken und langweilig sein. Der Zeitgeist spielt auch Fußball. Als die Löwen verloren, da war nicht Trauer, nicht Wut, nicht Sündenbocksuche angesagt. Ich verstand die Niederlage taktisch. Ich war insofern nicht Fan, der ja begrifflich von Fanatismus kommt - ich war auch als Besucher der Münchner Löwen, die mir Herzensangelegenheit waren und auf deren Ergebnisse ich auch heute noch aus der Ferne luge, stets distanziert genug, nicht um jeden Preis für die Löwen sein zu können. Da rannten sie gut sichtbar ins Abseits - und die Masse schimpfte. Da foulte ein Löwe seinen Gegner, der Schiedrichter pfiff - und die Masse schrie und drohte mit der Faust. Mit diesem Fanatismus wollte ich nichts gemein haben.

Fußball ist stets Momentaufnahme - der Betrachter glorreicher Teams sollte das beachten und vom Augenblick entrücken. In Stunden des Ruhmes neigen Mannschaften dazu, sich für unschlagbar zu halten. Beckenbauer meinte 1990, dass die DFB-Elf über Jahre nicht zu bezwingen sei - heute fragen die Medien, ob Spanien unbesiegbar geworden sei. Fußball gleicht hier der Jagd nach dem Jungbrunnen, einer Suche nach dem ewigen Leben. Aber niemand lebt ewig - und niemand ist unschlagbar. Es gibt die Suche nach Perfektion - aber es gibt keine Perfektion. Das ist der Reiz des Spieles. Sich von diesen Allmachtsemotionen nach dem Erfolg nicht einlullen zu lassen, wäre die Verpflichtung derjenigen, die sich dem Fußball, nicht aber dem Fanatismus verschrieben haben. Fußballfans witterten die Medien kürzlich wieder allerorten - sie schalteten zu den Fans auf Marktplätzen, sie baten Fußballfans um Meinungen. Aber Fußballfans gibt es nur wenige - das Gros ist Fan einer Nation; ist Fan im Sieg seiner Nation; möchte diesen Sieg um jeden Preis, ohne ästhetisches Gefühl, ohne das Empfinden, einem Kunststil beigewohnt zu sein. Für sie ist Fußball keine Philosophie, keine Liebe zur Erkenntnis, sondern eher etwas wie das Gegenteil.

Ich kann meine Jugend in Fußballspiele unterteilen, in Ligenzugehörigkeit und Tabellenplätze der Löwen; was Nick Hornby in Fever Pitch tut, nämlich das Leben eines Mannes in Spiele seines FC Arsenal zu unterteilen, ist gar nicht besonders originell. Ich tat das ja auch - andere sicherlich ebenso. Ich hörte aber damit auf, als mir auffiel, dass Fußball trotz allem, obgleich ich dieses Spiel als philosophische Möglichkeit betrachte, nichts mit dem Leben durchschnittlicher Leute zu tun hat. Es ist eben nur eine Nebensache - und würde die Menge diese Nebensache mit etwas mehr Würde, weniger Fanatismus und gesteigertem Sachverstand angehen, dann könnte es schon eine verdammt schöne Nebensache sein. Ob es jedoch für die schönste Nebensache reicht, wage ich dann doch zu bezweifeln...



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Der Kapitalismus mal ganz "sozialistisch"

Mittwoch, 4. Juli 2012

oder: das plastisch-elastische System nimmt viele Formen an, bleibt aber immer was es ist: steifer und unbiegsamer Kapitalismus.

Immer öfter liest man nun in Foren und Kommentarbereichen, dass der Fiskalpakt nicht weniger sei, als die Einführung des Sozialismus durch die EU. Man pumpe Geld in Banken und zentralisiere die Verwaltung - womöglich würden auch noch die Schulden vergemeinschaftet. Zentralisierte Gleichmacherei, Subventionen zur Erhaltung einer maroden Branche: Das ist doch Sozialismus! Denn im Kapitalismus, so weiß man dort ganz sicher, würde man Banken nicht liquide schmieren, sondern verenden lassen. Denn der freie Markt, der kapitalistische Wettbewerb, kennt keine Fürsorge, keine Hilfestellungen - er sortiert die aus, die nicht mehr wettbewerbsfähig seien. ESM und Fiskalpakt sind aber als Gegenteil gedacht. Sie sind also, wenn man vereinfacht und diesseits des Tellerrandes denkt, der Sozialismus, der nun in Europa installiert wird.

Das ist hanebüchen; das ist Unsinn! Selbst jetzt, da der Neoliberalismus zum verbindlichen Staatsauftrag werden soll, scheint die traditionelle Angstmache vor dem Kommunismus noch die Köpfe zu dominieren. Was ist denn der Kapitalismus eigentlich? Ist er der wettbewerberische Fürsorgefeind? Wie läßt er sich definieren? Ein bekannter Blogger schrieb kürzlich: "Der grundlegende Unterschied zwischen sozialistischen und kapitalistischen Bestrebungen ist die Verteilung. Der Sozialismus versucht, möglichst breit zu verteilen, d.h. alle Menschen an den geschaffenen Produkten zu beteiligen. Der Kapitalismus ist bestrebt, durch Verknappung auf der einen Seite Überfluss auf der anderen zu schaffen. Er schafft Reichtum durch Armut und umgekehrt." Das kann man zunächst so stehen lassen - das beschreibt das Wesen des Kapitalismus knapp, jedoch in aller Ausführlichkeit. Mehr braucht man kaum sagen, um das Wesen des Kapitalismus zu umschreiben. Man kann ihn nämlich über Ziele definieren - nicht aber über die Wege, über Mittel, die dorthin führen.

Die Zeit, als der Kapitalismus gegen den Sozialismus und andersherum im Weltenkrieg steckte, blendet über die Tatsache hinweg, dass der Kapitalismus nicht auf das abonniert sein muß, mit dem man ihn identifiziert. Er kann so menschenverachtend klassenständisch wie gleichmacherisch sozialistisch sein, wenn es seinen Zielen nur förderlich ist. Er kann planwirtschaftlich Profite erzeugen oder durch individuelle Betriebsplanungen. Kurzum, er ist nicht ideologisch verblendet auf dem Pfaden zu seinen Zielen - er ist es nur im Ziel. Staatliche Interventionen sind für ihn nicht gleich Frevel, sie dürfen nur nicht unprofitabel sein. Gegen Sozialisierungen hat er nichts, sie sollten nur zum Vorteil auf seinen Konten gereichen. Er ist flexibel in seinen Mitteln, total starr und unbiegsam aber, wenn es um seine Ideale geht.

Es ist eben nicht sozialistische Internationalisierung, wenn er sich nun unter seiner neoliberalen Schule dazu aufschwingt, Subventionen, scheinbar egalitäre Strukturen und Zentralisierung durchzuboxen. Er ist einfach nur beweglich und anpassungsfähig genug, um Sozialisierungen und staatliche Hilfsangebote anzunehmen. Das ist nicht sozialisitisch! Oder anders, provokativ gesagt: Der Kapitalismus kann eben auch "sozialistisch" sein. Nicht so, wie es der oben genannte Blogger unterscheidet, indem er plötzlich möglichst breit verteilen, indem er alle Menschen an den geschaffenen Produkten beteiligen möchte - in seinen Zielen bleibt er sich nämlich treu. Er ist nur pragmatisch genug, den Staat, den er teils verachtet, teils auch zu schätzen und zu benutzen.

Der oben genannten Definition könnte man hinzugesellen, dass der Kapitalismus ein großer Pragmatismus ist - das ging dem realen Sozialismus oftmals ab. Er war pragmatisch in der Abwandlung der Ziele diverser Jahrespläne, nicht aber in den Anschauungen und den Mitteln zur Erfüllung seiner Ziele. Im Kapitalismus kann man sich Bücher kaufen, die den Niedergang, die Verlogenheit und die Bösartigkeit des Kapitalismus thematisieren - im Sozialismus den es gab, fand man Literatur gegen ihn nicht. Der Kapitalismus verkauft einem die Stricke, mit denen man ihn und seine Alchimisten irgendwann aufknüpfen wird, wie Lenin mal feststellte. Michael Moore erklärte vor Jahren, er wundere sich, dass seine Filme gezeigt würden, weil sie dem ganzen System nicht unbedingt gefällig sind - aber das liege daran, dass der Kapitalismus nur den  Profit kenne; und wenn der mit seinem eigenen Abgesang Geld verdienen könne, dann tue er dies auch. Er ist folglich, wie schon erwähnt, in seinen Zielen fixiert, nicht auf seinen Wegen.

Wer jetzt glaubt, die Fiskalpaktierer würden dem Sozialismus in die Galoschen helfen, dem ist nicht zu helfen, der hat nichts kapiert, das Wesen des Kapitalismus nicht verstanden. Der Fiskalpakt ist keine sozialistische Infiltration - er ist die bloße Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln...



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De dicto

Dienstag, 3. Juli 2012

"Die meisten deutschen Nationalspieler bewegten ihre Lippen nicht."
- Franz Josef Wagner, BILD-Zeitung vom 1. Juli 2012 -

"Wer für sein Land nicht singt, tut sich schwer mit dem Siegen."
- Peter Hahne, BILD-Zeitung vom 30. Juni 2012 -

"Unsere Hymne ist ein Bekenntnis zu unserem Land, unserer Demokratie, unserer Geschichte. Deshalb gehört sie auch endlich im Grundgesetz verankert.​"
- Hugo Müller-Vogg, BILD-Zeitung vom 1. Juli 2012 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Die oben zitierten Fußball-Experten aus dem dieckmännischen Stall wissen ganz genau, warum die DFB-Auswahl gegen jene Italiens verlor. Nicht an mangelnder Laufbereitschaft lag es etwa, sondern an mangelnder Singbereitschaft - das ist nicht die These eines originell sein wollenden Sportjournalisten alleine, sondern dieser Tage allgemeinverbindliche Agenda im Springer-Haus. Das Spiel wurde nicht etwa im Spiel, sondern letztlich schon davor entschieden. Die Italiener hätten so leidenschaftlich gesungen; gesungen von der Bereitschaft in den Tode zu gehen, wie es das Fratelli d'Italia in seinem Refrain in den Mund legt - und mancher DFB-Kicker habe nicht mal die Lippen bewegt. Denn nur wer leidenschaftlich schmettert, der überträgt diese Leidenschaft auf den Platz, wissen die Experten aus dem Springer-Haus. Die spanische Auswahl müsste demnach schwer im Nachteil sein, denn die spanische Hymne kennt keinen Text. Leidenschaftlich gespielt hat die Mannschaft dennoch; und das Turnier souverän und ästhetisch gewonnen - und das ganz ohne vorspielerischen Gesang.

Man hätte viel Analysiertes erwarten können nach der Niederlage der Nationalelf. Es gab ja durchaus Diskussionswürdiges - weniger Löws personelle Entscheidungen vor dem Spiel. Der deutsche Fußball und sein Journalismus sind immer noch zu personell eingestellt. Taktik wird da unterbewertet - aber genau hier hätte man ansetzen können. Über viel wurde geschimpft, die richtigen Fragen stellte man allerdings nicht. Beispielsweise: Warum entstand im Mittelfeld nie Überzahl? Mit diesem technisch etwas aufpolierten Kick and Rush, den die DFB-Elf zuweilen spielt, setzt man sich gegen Mannschaften, die den kontrollierten Ballbesitz pflegen, nicht durch. Wer den Ball nicht besitzen will, der besitzt auch nicht jenes Spielgerät, über das man zum Erfolg kommt. Und ohne immer wieder geschaffene Überzahlsituationen im Mittelfeld gerät man unter Zugzwang, verrennt sich in der Mitte des Platzes. Vier Verteidiger lassen sich ja durchaus vertreten, wenn man sie so agieren läßt, wie das in der spanischen selección der Fall ist. Die beiden Außenverteidiger fungieren dort nicht nur als Defensivkräfte, sondern schalten sich stets in das Angriffspiel mit ein, spielen quasi als hängende Mittelfeldspieler. Außer Lahm gelingt das den deutschen Abwehrrecken aber kaum - sie sind zu starr positioniert, sind kaum Angriffsoptionen. Fragen stellt der Sportjournalismus durchaus - nur profund sind die nicht. Kurzum, man hätte über eine statische, teils auch zu konservative Spielweise des DFB sprechen können - nicht nur gegen Italien, sondern vorher schon gegen Portugal und Dänemark. Die Niederlage allerdings auf den Gesang vor dem Spiel festzulegen, das ist so ungeheuerlich doof, dass man kaum glauben mag, dass diese These erwachsene Männer in aller Ernsthaftigkeit vertreten können.

Fußball ist kein romantisches Sturm und Drang. Wer das glaubt - und die drei "Experten" glauben das wohl! -, der hat sich nie profunder mit dem Spiel befasst. Fußball ist kein verinnerlichter Romantizismus; mit der richtigen patriotischen Einstellung gewinnt man vielleicht die Herzen rührseliger Massen in zu engen Fantrikots - nicht aber Fußballspiele. Wäre das so einfach, so wäre Fußball jenes Spiel, das den größten Fanatikern Pokale einbrächte. Die Debatte um das Mitsingen der Hymne unterstreicht nur, dass es heute keinerlei Ahnung mehr bedarf, um in Zeiten großer Turniere wichtigtuerische Kommentare abzusondern. Jeder kann bundestrainieren, jeder kann seinen Stuss als Erkenntnis abdrücken. Wagner, Hahne und Müller-Vogg sind nicht mehr, als die gröhlende Ahnungslosigkeit und die gellende Partylaunenhaftigkeit des Feuilletons. Sie kreischen ihr Unwissen nicht beim public viewing hinaus, sie schreiben es nieder und verleihen nebenher dem Fußball auch noch halbesoterische Züge, wenn sie darüber salbadern, dass es die singende Leidenschaft ist, die den Sieg hokuspokisiert. Der DFB brauche keine modernere Spielweise, er brauche nur beseeltere Sangesnaturen - hat da die Casting-Republik und ihr Wahn, jeder könne eine Bardenkarriere starten, wenn er nur gerne singt, abgefärbt?

Solche Leute schätzen den Fußball nicht, sie machen ihn lächerlich und diskreditieren und trivialisieren ihn. Man sollte Fußballer nicht zum Singen der Hymne verpflichten, sondern manchem dieser Experten das Singen verbieten...



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Krise als Verfassungsauftrag

Montag, 2. Juli 2012

Da haben sie über Dekaden dereguliert und entbürokratisiert, liberalisiert und simplifiziert, standardisiert und entsozialisiert und entdemokratisiert und haben den Zustand erwirkt, den sie sich wünschten. Krise heißt dieser Zustand. Es handelt sich genauer gesagt um ein Gesamtpaket an verschiedenen Krisen, für jedermann ist eine passende dabei - eine scheibchenweise Verkriselung, ein Überangebot an Splitterkrisen, die die Strukturkrise des hiesigen Kapitalismus, seine Grenzen und ihm immanenten Fehler, weniger augenfällig machen sollen. Es ist eben nicht natürlich, dass das Leben ein Wettbewerb ist; die unsichtbare Hand hat nun mal kein Gehirnareal, in dem Ethik "erzeugt" wird - sie ist eben nur eine Hand; Eigenverantwortung ist in einer vernetzten, ineinander verwebten Welt eben nicht Stichwort; die individuelle Gier ist eben nicht nur Motor, sondern auch Bremsklotz für alle, die mit ihr nicht kompatibel sind.

Nun ist es vollbracht. Die Auswege sind mit dem System nicht mehr zu machen, weil die Herren des Systems die Notausgänge mit fest verschlossenen Tresoren verstellt haben - jetzt geht es an die Reform einer Bruchbude, in die man sich eingesperrt hat. Statt mehr Regularien, mehr Sozialisierung, mehr Teilhabeprozesse, kurz und bündig: statt mehr Demokratie, erneut von allem weniger. Diese Krisenverursacher dürfen nun als Reformer ans Werk. Der neoliberale Kurs kennt nur seine eigene Radikalisierung als Reform, kennt nur Verhärtung seiner schon alleweil harten Fronten; Selbsterkenntnis ist ihm nicht fremd, er sieht nun ein, dass die Lektionen, die er Politik und Gesellschaft lehrte, viel zu lasch waren, viel zu diplomatisch - ihm ist nun klar, dass er nicht mehr nur beschulen kann, er muss legitimiert regieren. Als Konsitution, delegiert von Brüssel aus, ist ihm das nun gelungen - vom Lehrer und Einflüsterer zum Staatslenker und Diktator.

Die Betriebswirtschaftslehre ist nun nicht mehr nur Staatsräson - sie ist Verfassungsauftrag. Und plötzlich werden sie alle Verfassungspatrioten sein! Haushaltskassen-Politik statt Konjukturprogramme; knapsen hier, sparen dort, einstreichen etwaiger Kosten - so führen Hausfrauen Regiment, nicht Volkswirtschaften. Einerlei, wenn aus der Finanzkrise eine Einnahmenkrise wird, eine Krise bei den Steuereinnahmen nämlich, die nicht mehr so flutschen - die dann wiederum eine Arbeitslosenkrise nach sich zieht und eine Sozialstaatskrise beschwört, die uns lehrt, dass der Sozialstaat nicht zu bezahlen ist. Schuldenbremsen und neoliberale Strukturreformen, die als Auftrag aus Brüssel an alle Mitgliedsstaaten gehen, sind die vertragliche Vereinbarung darüber, Europa in einem dauernden Zustand der Krise zu halten. Sie ist ein internationales Krisenabkommen, das die Krise oder verschiedene Krisen erhalten soll, um auch weiterhin Reformen durchzusetzen, die die letzten Reste einer Wohlfahrtsgesellschaft wegwischen.

Wenn dann eines Tages alle durchgeboxt ist, was man sich an ständestaatlichen Reformen so vorstellt, dann vergeht die verfassungsmäßig garantierte Krise sofort. Natürlich ist dann Krise bei denen, die hungern und sich mit Gewalt beschaffen, was sie zum Leben brauchen - aber die zählt nicht, denn die schieben wir in städtische Randbezirke. Was dort geschieht, hat mit dem realen Leben, in dem sich der neoliberale Kurs nach seiner Selbstwahrnehmung befindet, nichts mehr zu tun. Das sind ja nämlich auch nur lauter kleine, individuelle, persönliche Krisenherde, die man nicht generalisieren kann - wenn viele Mägen hungern, ist nicht der Hunger gesellschaftliches Problem, er ist jeweils das persönliche Dilemma jedes Einzelnen. So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht!, hat der neoliberale Kurs im Körper einer kühl toupierten Lady schon vor Jahren gesagt. Sie wischte gesellschaftliche Zusammenhänge damit einfach von der Agenda. Da hungern sie dann im Magen und im Kopf, aber das ist dann nicht mehr unser aller Krise, denn etwas wie Gesellschaft gibt es nicht mehr. Es gibt nur Partikularinteressen - und die stärksten davon obsiegen. Wenn keine davon aus Randbezirken kommt, dann hungert der Randbezirk eben.

Was Krise ist, definieren die Krisenmanager schön selbst. Jetzt soll sie zunächst Alltag bleiben, um den Reformstau zu durchbrechen - und wenn dann die Krise für viele Menschen alltägliche Qual von existenziellem Ausmaß ist, dann erst erklären sie die Krisenzeiten für beendet...



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Eine stets besonders besorgte Industrie

Freitag, 29. Juni 2012

Die Achse Bertelsmann-Springer kampagniert mal wieder. Weniger bombastisch als sonst, aber gut gestreut durch Programm und Geschmier' - sie gibt sich in boulevardesker Empörung und Besorgnis. Sexualstraftäter sind das Steckenpferd dieser emotionsgeladenen Diskurse. Mit spitzem Unterton und einer bürgerlichen political correctness, die ins Unkorrekte tendiert, die zur savanarolaschen Raserei wird, erzählen sie von den Abertausenden von Vergewaltigungen, Belästigungen, Ungerechtigkeiten gegenüber Opfern und Bevorteilung von Tätern - und sie stützen den Mob, der den Rechtsstaat mit einem billigen Rache-Dienstleister, einem schalen Vergeltungs-Service verwechselt.

Eine Gesellschaft von Gewalt- und Sexualstraftätern

Eine Ex-Minister-Gattin will den Kindesmissbrauch als Themenblock in den Unterricht einbauen lassen. Straftäter kastrieren?, fragt man mit unschuldigen Rehäuglein aufmacherisch. Ein Dorf in Aufruhr: Zwei aus der Haft entlassene Sexualstraftäter leben dort und sollen mit Gewalt aus dem Dort geprügelt werden! Zudem seltsame Themenschwerpunkte wie: Eine Vielzahl der jährlich zu Tode kommenden Frauen seien Opfer ihrer männlichen Partner. In Berlin hat ein Mann seine Frau zerstückelt, was Proteste gegen Männergewalt entfachte und nochmals die These von den von Männerhand getöteten Frauen aufwarf - Zerstückelung, eine der extremsten Perversionen als Beweis dieser männlichen Domäne? Aus diesem Ragout zwischen Herrschaftsphantasien und unbändiger Lust, die man ja dem Mann, dem Sexualstraftäter zuordnet, läßt sich immer etwas Empörendes filtern. Ist die Trivialisierung sexueller Straftaten schon schlimm genug, so ist die Zuordnung der Problematik zu einem reinen Männerthema, doch schon mehr als fahrlässig - jedenfalls, was die häusliche Gewalt angeht, die auch immer ins Feld geführt wird, wenn dergleichen Themen aktuell sind.

Es entsteht eine Wahrnehmung der Gesellschaft, wie sie nicht ist. Nicht an jeder Ecke lauert die Vergewaltigung, nicht überall ist die Fummelei an kindlichen Geschlechtsteilen standardisierter Alltag. Sie dürfte wohl eher die Ausnahme sein. Wenn Bertelsmann das Ergebnis einer Umfrage verkündet, wonach ein Drittel aller Frauen schon mal Gewalt durch männliche Hand erfahren haben, so muss der Wahrheitsgehalt angezweifelt werden - oder man sollte sich fragen, wie sich Gewalt hier definiert. Gab manche Frau an, schon mal ungestüm von ihrem Partner am Oberarm gepackt worden zu sein und haben die Auswerter das als Gewalttat veranschlagt? Männer würden den rüpelhaften Griff am Arm womöglich gar nicht als nennenswert erachten, womit auch nicht ein Drittel aller Männer schon mal weibliche Gewalt erfuhr, sondern ein geringerer Anteil - Dunkelziffern gibt es männlicherseits keine. Bei Frauen gleichwohl schon, denn zugleich mit der Studie erklärte man, dass es eine Dunkelziffer geben müsse.

Die Dramaturgie ist leicht zusammenzufassen. Sie ist ein Sud aus Klischees, dumpfen Vorurteilen und Bauchgefühlen, aus Racheaffekte und Vergeltungsrhetorik, aus unwissenschaftlichen Mann-Frau-Zuordnungen, wichtigtuerischem Hineinsteigern und Hochspielen, überzogenen Zahlenspielen und Statistikwerten, politischen Motivationen und reaktionären Patentrezepten, großem Moralisieren und der unreifen Erkenntnis, dass lediglich die strikte Überwachung des Verhältnisses zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen Mann und Frau dazu führen könne, Kinder oder Frauen vor sexuellen und gewalttätigen Übergriffen zu bewahren.

Eine eigene kleine Industrie

Die Gruppen, die das Thema köcheln lassen, implizieren der Öffentlichkeit, sie seien die Vertreter des Anstandes und der Sitte in einer Gesellschaft, die durch und durch fahrlässig und blind mit jenen Themen umgeht. Bestimmte Medien, gerade jene aus dem Hause Springer und Bertelsmann, verleihen Gruppen wie jener, für die die Guttenberg-Gattin wirbt, ein Forum. Dort verbreiten sie ihre Schreckgespenster, überspitzen und dramatisieren sie die Problematik. Sie sind überproportional öffentlich vertreten, stehen in keiner Relation zu den tatsächlichen Zuständen. Nur wenn es so wirkt, als gäbe es dauerhaft Vergewaltigungen und Nötigungen, Gewaltexzesse und -phantasien, Dunkelziffern verschüchterter Opfer und ein Übermaß an Rücksicht gegen Täter, können sich die Schutzgruppen öffentliche Aufmerksamkeit erhaschen. Sie sind zu einer Industrie herangereift, die übergroße Kulissen aufbaut, um darin leben zu können.

Diese anständige und sittsame Industrie verlangt eine unanständige und sittenlose Rechtssprechung. Sie rechtfertigt das damit, dass sie Deutschland als Paradies für Vergewaltiger und Kinderschänder, für Schläger und familiäre Ausbeuter bezeichnet. Strafen werden verharmlost und für zu milde befunden, Richter seien zu nachsichtig und urteilten nicht im Namen des Volkes. Die Todesstrafe wird zwar nicht gefordert, wird aber als rhetorisches Mittel toleriert - hierzu geht man auch immer wieder Bündnisse mit Rechtsradikalen ein. Die Lobbyisten, die das verbreiten, entstammen dem Boulevard oder der seichten Kunst. Til Schweiger kann hier als Beispiel gelten. Es ist eine Industrie, die Panik erzeugt, denn davon lebt sie. Und nebenber produziert sie an ihren Fließbändern gute und rechtsschaffene Menschen, nicht aber Aufklärung und Informiertheit.

Berichtet man von Missbrauch, ist ein Einspieler zum Gewaltpotenzial von Männern nicht weit

Es wirkt unübersichtlich, wenn hier bislang zwischen sexuellen Übergriffen an Kindern und Gewalt gegen Frauen kaum unterschieden wurde. Doch das ist programmatisch von der Lobby übernommen. Immer dann, wenn von Missbrauchsfällen berichtet wird, ist ein Schwenk zum generellen Gewaltpotenzial von Männern unabdingbar, eine Wendung zur häuslichen Gewalt von Männern gegen Frauen angesagt. Beides scheint im Weltbild dieser Lobbygruppen eine Einheit abzugeben. Der sexuelle Übergriff ist ein Akt der Gewaltverherrlichung und eine Machtdemonstration - eine stereotyp männliche Domäne. Der Schwenk zum Gewaltpotenzial ist die Generalisierung des Problems. Nicht einige wenige missbrauchen, nötigen oder schlagen, es ist ein Problem, das in jedem Mann schlummert und ausbrechen kann. Kinder und Frauen leben auf Pulverfässern, mit Zeitbomben zusammen, die von der Evolution auf Gewalt konditioniert wurden. Kulturelle Evolutionsprozesse existieren in dieser Verbohrtheit nicht; das menschliche Miteinander ist bloß ein naturalistisches Schauspiel, der Mensch quasi willenlos, durch Zivilisation nicht domestiziert, sondern immer noch mit den Affekten aus Höhlentagen behaftet.

Es gibt keine Unterscheidung bei Bertelsmann und Springer. Dem Bericht über die Zerstückelung einer Ehefrau folgte neulich das genannte Studienergebnis, wonach ein Drittel aller Frauen schon mal Männergewalt ertragen mussten. Bestialischer Mord und häusliche Gewalt werden vermengt, als ob jedes Ziel häuslicher Gewalt, die es natürlich geschlechtsübergreifend gibt, die Tötung des Partners beinhaltet. Wenn Partner Partner schlagen, geschieht das nicht mit der Absicht, den anderen zu töten - es ist eher Hilflosigkeit, kommunikative Beschränktheit, Jähzorn. Nachdem man über die Zustände in einem Dorf berichtete, in dem zwei ehemalige Häftlinge leben, die aufgrund eines Sexualdeliktes jahrelang hinter Gittern verschwanden, kam erneut dieselbe Studie ins Gespräch. Womöglich glaubt ein Teil der Besorgnis-Industrie, mit der Kultivierung männlicher Domänen, die aber nicht mehr als Klischee sind, könne man das Problem endgültig bannen.

Feindbild, nicht Patient oder Hilfebedürftiger

Lösungsansatz des industrialisierten Sichsorgens ist stets das Brachiale: Höhere Strafen, Kastrationsphantasien, ewiges Wegschließen. So geht man nicht mit gesellschaftlichen Problemen um - dies kommt eher einer Sonderbehandlung von Feindbildern gleich. Die Öffentlichkeit müsste eher dafür sensibilisiert werden, dass es auch für denjenigen, der merkt, dass er sexuelle Vorlieben entwickelt hat, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen und vielleicht gar mit der Menschenwürde nicht vereinbar sind, ein schweres Los ist, mit diesem Schandmal zu leben. Verständnis und Hilfe a priori - nicht Moral und Urteil hernach! Das erleichterte den Umgang der Betroffenen mit ihrem Problem erheblich, würde sie therapieoffener machen, transparenter mit ihrer sexuellen Entwicklung umgehen lassen. Nicht alle natürlich, aber doch viele. Vielleicht könnte so schon vorab vereitelt werden, was die Lobby jetzt hinterher schwer bestraft sehen will. Wenn der Pädophile sich nicht verschanzt, seine sexuelle Neigung daher unterdrücken muss, bis es nicht mehr geht, sondern sich offen Hilfe suchen kann, ohne dafür von seinem Umfeld gleich verurteilt zu werden, dann mag manches Leid an Kindern und Jugendlichen verhinderbar sein. Höhere Strafen schrecken vor nichts ab. Wie der Raubmord trotz Todesstrafe in den Vereinigten Staaten weiterhin floriert, so verhindern auch längere Haftstrafen nicht Sexualstraftaten - das Drakonische ist stets Nachreaktion, verhindert werden kann jedoch nur vorher, indem man Ursachen, Wurzeln und Antriebe kennt, aufspürt und bearbeitet.

Der Diskurs muss verstehen, dass es zwar ein Täter-Opfer-Verhältnis gibt nach so einer Tat, dass innerhalb dieses Geflechts ein Strang aber auch als ein Opfer-Opfer-Diskurs geführt werden muss. Der Missbraucher ist Täter in diesem Moment, aber er ist es, weil er auch Opfer ist oder war. Täter werden nie als Täter geboren - sie werden dazu gemacht. Wegen ihrer Biographie, die sie möglicherweise dazu werden ließ - ihrer inneren Konstitution wegen, die vielleicht günstig lag, bei entsprechender soziologischer Grundlage, auch bestimmte Sexualvorlieben zu entwickeln, bestimmte Machtkonstellationen zu forcieren, die mit den gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität und Gewalt nicht deckungsgleich sind - und sie sind Opfer einer Gesellschaft, die dieses Problem nicht verständig angehen will, sondern zelotenhaft jedes Anzeichen dieses Problems als Teufelei und als unverzeihlich deklariert. Das geht so weit, dass man Ansätze, die für ein Verständnis des Problems plädieren, tabuisiert und als Gemeinheit an den Opfers diskreditiert, sogar als gutmenschliche Beihilfe zur Sexualstraftat herabmindert.

Hinwirkung auf den drakonischen Rechtsstaat

Die Beteuerungen, der amtierende Rechtsstaat sei zu lasch, erinnern an jene Polemiken, die einst das rechte Spektrum der Weimarer Republik verbreitete. Die Demokratie war für jene nur eine Plauderstunde, die zu nichts führe - Preis für diese geselligen und unergiebigen Runden sei, dass die innere Ordnung zerrütte, dass man Verbrecher zu zaghaft behandle und überhaupt gefühlsduselig und übermenschelt sei. Die Forderungen der Lobby und diverser Politiker, die sich von ihr einlullen lassen, klingen heute ganz ähnlich. Sie verbreiten Ansichten, wonach der Rechtsstaat von heute eine Teestunde für Sexualstraftäter darstelle - langjährige Haftstrafen werden nur als zu kurz zur Kenntnis genommen; Sicherheitsverwahrung als Luxushaft. Sie sinnen auf Rache, nicht auf Sühne durch rechtsstaatlich konzipiertes Strafmaß. Bei vielen kommt gar die Todesstrafe als legitimes Mittel zur Selbstverteidigung ins Spiel. Und es überrascht gar nicht, dass mancher aufgebrachte Mob sich mit den ansässigen Ortsverbänden der NPD zusammentut, um gegen anwohnende Ex-Häftlinge mit Sexualstrafvergangenheit aufzumarschieren.

Es ist insofern nicht ausschließlich der drakonische Rechtsstaat, wenn es dergleichen überhaupt geben kann, das gelobte Land - es ist ein Generalangriff auf das demokratische Selbstverständnis. Die Aussetzung von Bürger- und Menschenrechten scheint recht und billig bei aufgrund Sexualstraftat straffällig gewordenen Menschen - dass dies auch auf andere Straftaten ausstrahlte, darf angenommen werden. Man fordert körperliche Eingriffe, Verweigerung des Anspruchs auf Resozialisierung, Angriffe auf Leben - und man fordert etwas vage auch Eingriffe in die Leben aller, wenn man Überwachungsmechanismen bejaht, die vor einem solchen Verbrechen schützen sollen. Es zeigt sich, dass Betroffenheit und Besorgnis, emotional aufgeladen durch eine Industrie, die sich selbst medial erhalten will, in savanarolaschen Eifer münden kann, in einer Diktatur der Ehrbaren und Anständigen, in Gesinnungsdrangsal. Bertelsmann und Springer unterstützen diese Industrie und Lobby, weil die Absichten zur Schwächung der Demokratie zu ihrer Leitlinie gehört. Sie ist es gar nicht, weil sie Antidemokraten wären, sondern weil sie glauben, dass weniger Demokratie zu einer Stärkung derselbigen führte. Zu einer Demokratie, wie sie sie sich vorstellen. Wenn jeder beispielsweise weniger Privatrechte hätte, dann hätte die Allgemeinheit mehr Sicherheit, was man irrtümlicherweise als demokratisches Gut definiert. Diese Kombination aus Überwachungsmentalität und apriorischem Misstrauen und aposteriorisches Rachegefühl ist es, was dort als "wehrhafte Demokratie" verstanden wird. Und dieses Verständnis von Zusammenleben war es, was damals in ganz Europa zu faschistischen Ausbünden führte.



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Vor der Zäsur

Donnerstag, 28. Juni 2012

Noch einige Augenblicke bis zur Zeitenwende in Deutschland und Europa, nur noch einige Stunden. Noch nicht ganz; noch ist Hoffnung. Und die schielt auf das Bundesverfassungsgericht. Das wird sodann einige Spitzfindigkeiten anbringen, drei bis fünf Ungereimtheiten beanstanden und folglich nur noch zusehen, wie die Abwicklung des politischen Gestaltungsrahmens geformt, wie dieser erlischt und radikal versachzwangt wird. Ratifiziert wird die Übernahme der nationalen Souveräntitäten in Europa durch die Brüsseler Exekutive in einigen Wimpernschlägen dennoch sein - fehlt nur noch die Unterschrift des Bundespräsidenten. Auf dessen Weigerung kann man in etwa so hoffen, wie auf die belebende Wirkung eines Aderlasses.

Die Linke, diese angeblich einzige antidemokratische Partei im Parlament, versucht kurioserweise das zu retten, was wir noch Demokratie nannten, weil uns der Präfix Post- irgendwie immer nicht einfiel. Der Dank hierfür wird sein, dass sich Die Linke noch mehr isoliert, dass man sie zu den Bestattern des europäischen Gedankens erklärt und als Spielverderber anschwärzt. Was für Zeiten! Da prescht die Reaktion progressiv voran, da wird der Ständestaat mit ganz neuen kontinentalen Mitteln aufgefrischt - und soziale, ausgleichende Politik führt, obwohl benötigt, obwohl sie Konjunktur haben müsste, nur auf das Abstellgleis der öffentlichen Wahrnehmung und Akzeptanz. Die Linke bekommt hin und wieder zu hören, sie wolle nur Macht und ginge dafür den populistischen Weg - wollte und täte sie ausschließlich dies, hätte sie lediglich dieser Sehr Großen Koalition beitreten müssen, die den ESM zu ratifizieren verspricht.

Was hat man nicht alles gelesen, nachdem Krisen den Kontinent einhüllten, diese vielen kleineren Krisenherde, die von der Strukturkrise des Systems ablenken sollten. Frohnaturen und Schwärmer meinten zuversichtlich, nun sei das Schlimmste überwunden, nun sei diese Politik, die nur noch Wirtschaftspolitik sein wollte, sei der neoliberale Kurs endgültig diskreditiert genug, um auf der Schutthalde der Geschichte zu landen. Tja! Heute wissen wir höchstoffiziell, dass es dieser Neoliberalismus gar nicht war, der das Kriseln machte, es war eher das Zuwenig davon. Daher musste man ihn bestärken, auf dass er bestimmter, entschiedener praktiziert würde - er sollte fast sowas wie Verfassungsrang haben. Und in einigen Stunden wird das auch so beschlossen sein. Zweidrittel des Bundestages verfügen dies dann für Deutschland - und für den Rest Europas, wenn man schon mal zusammensitzt und darüber spricht. Gut, gesprochen wurde darüber nicht, die Regierung malte die Alternativlosigkeit an die Tafel und erzählte Schauermärchen, wie es würde, wenn es nicht so würde, wie sie es gerne sähe.

Diese Alternativlosigkeit ist bald nicht mehr nur Gebärde, sie ist dann offizielles Programm Europas. There is no alternative! ist die neue Präambel. Der Eingriff der Brüsseler Exekutive entzieht dem Parlament Entscheidungsbefugnis, drängt zu neoliberalen Strukturreformen und stellt Sozialpolitik hinten an. Wir können unseren Enkeln in vielen Jahren erzählen, dass wir sowas wie Sozialpolitik erlebt haben, dass wir Gesetze gekannt haben, die als Ziel die Partizipation aller Bürger angaben - Sozialismus... Opa, du hast im Sozialismus gelebt?, wird der Grünschnabel fragen - er wird in der stark unterfinanzierten Schule, deren Lehrpläne freundlicherweise für wenig Geld die Familie Mohn schreibt, davon gehört haben; und er wird davon gehört haben, dass der mutige Beschluss zur ESM Europa vor dem lauernden Sozialismus und seiner widernatürlichen Gleichmacherei bewahrt hat. Wir werden bestenfalls unserem Enkel davon erzählen können, die in Aussicht gestellte längere, immer noch längere und noch längere Lebenserwartung, die uns mit Urenkeln bekannt machen würde, ist erstmal verschoben. Der Bundestag wird ab und an die gesundheitliche Versorgung ausbauen wollen, nur wäre das eine Mehrbelastung im Staatshaushalt, da macht Brüssel nicht mit und verbietet es. Solche Schauermärchen hat die Regierung bislang vergessen zu erzählen...

Neoliberalismus als Verfassungsauftrag - das hätte doch keiner geglaubt vor einigen Jahren! Man hat immer wieder Ansätze davon gesehen: bei der EU-Verfassung, beim Vertrag von Lissabon - aber dass es mal so unvermittelt, so direkt und schroff geschieht, das war nur die Überspitzung diverser Publizisten, die auf diese gefährliche Richtung aufmerksam machen wollten. Das war doch nur ein dramatischer Kniff! Die Krise hätte den Neoliberalismus schrumpfen sollen - aber er ist geadelt worden. Er nennt sich nun konstitutioneller Liberalismus, Monarch qua Verfassung - der außerdem auf Gottesgnadentum fußt: Du sollst neben mir keine anderen Götter haben! Hätte Jahwe seinem Mose heutigentags die Leviten, also die Gebote gelesen, so würde dieses ersten Gebot wohl lauten: Ich bin der Alternativlose!

Nie wieder neoliberale Reformen, nie wieder Privatisierungswahn, nie wieder Wettbewerbsdruck im Gesundheitswesen oder bei der Versorgung von Senioren beispielsweise, nie wieder effizientes Bildungswesen zur reinen Berufsvorbereitung statt humanistisches Bildungsideal und Vermittlung von Allgemeinwissen, nie wieder Markt im Sozialwesen, nie wieder ein Primat des Spekulativen vor dem Realen - das hoffte man, glaubte man zum Greifen nahe. Eine historische Chance schien sich zu eröffnen. Das ist eine Zäsur, eine große Wende!, jubelten manche - endlich käme es anders, wieder auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnittener. Diese Zäsur ist nun ganz anders da, die Zeitenwende lauert anders als optimistisch gedacht in Startlöchern, wartet nur noch auf die Unterschrift des Bundespräsidenten, der wiederum nur auf die Einwilligung des Bundesverfassungsgerichts wartet. Leider wird das kein beckettsches, kein unaufhörliches Warten sein - dann hat es sich ausgewartet und die Zäsur ist endlich vollzogen.

Vielleicht arrangiert man dann doch noch einen Volksentscheid. Nicht aus Verantwortungsgefühl heraus, nicht weil man sich schämt, über den Kopf derer, die man politisch entmündigt, Entscheidungen zu fällen - nein, ganz kalkulativ. Man muss sich schon verdammt sicher sein, die Medienlandschaft in der Tasche zu haben, um glauben zu können, aus einem Volksentscheid legitimiert herauszugehen. Über die Medien fällt oder erwächst die Übernahme der nationalen Souveränitäten - wir sind bis hierher überhaupt gekommen, weil die Medien derart unkritisch berichteten. Wenn sie nun beginnen, ein mögliches Nein bei einem Volksentscheid als Untergang Europas zu zeichnen, als Niedergang des Wohlstandes und als metaphorisches Einfalltor für leistungsstarke Chinesen und leistungsschleicherische Afrikaner oder Araber, dann wirken sie aktiv mit am neuen Europa. So weit sind wir gekommen! Die Putschisten fordern Volksentscheide, weil sie ganz genau wissen, wie die Medien ihnen zuspielen. Und am Ende waren wir es, die es legitimiert haben - jammert nicht, ihr wolltet es doch!

Ach, und falls der Volksentscheid scheitert, machen wir es eben irisch - dann befragen wir in einigen Monaten nochmals das Volk - und nochmals - und nochmals... irgendwann ist es müde genug, um Ja zu sagen. Infantile Taktik! Kinder quengeln und bearbeiten ihre Eltern solange, bis die Ja zu PlayStation und Wuschelhund sagen. Belästigen, nerven, bearbeiten - dieser kindische Terror nennt sich dann Politik im Namen des Volkes.

Ironie ist vorallem, dass man diese Augenblicke bis zur Ratifizierung nochmal als Teil einer Freiheit genießt, die sich dieses Europa nach dem Krieg stückchenweise erarbeitet hat - dabei ist diese Freiheit schon lange beschnitten und zersetzt. Aber man tut so, als sei das Jetzt noch lebenswert und das Dann nicht mehr. Das adelt das Jetzt, hübscht es unberechtigterweise auf. Schon heute ist die Freiheit des Parlamentes relativ. Sie ist erstickt im Lobbyismus, erstickt von einer ökonomischen Lehre, die sich Selbstzweck ist und keinerlei ethische Inspiration kennt, erstickt in obskuren Machtverhältnissen, die sich in Parolen wie Der Markt glaubt..., Der Markt fordert..., Der Markt reagiert... niederschlagen. Schon jetzt ist dieser Markt der Okkupator des Parlaments - dort ist er so selbstherrlich, dass er sogar schon im pluralis majestatis auftritt, als Die Märkte. Wir geben kein Eldorado auf - im Grunde war Opposition gegen diesen neoliberalen Zeitgeist in den letzten Jahrzehnten nicht mehr, als das wenige Erhaltenswerte, das es noch gab, zu sichern und dabei zuzusehen, wie diese Sicherung scheiterte. Vielleicht war das auch, ohne es in Schutz nehmen zu wollen, das Motiv hinter dem pseudosozialdemokratischen New Labour: Erhalten, was zu retten ist. Aber man rettete von zehn immer nur zwei Sujets - und das auch nur für eine kurze Atempause. Nun treten wir in eine neue Zeit ein und weinen dem Davor nach, obwohl das auch schon marode war - wir wollen abermals nur erhalten. Man war als Opposition so mit dem octopus neoliberalis beschäftigt, mit diesem Kampf gegen Fangarme, die den Aufbruch und Abbau von sozialen Errungenschaften, Traditionen, Lebensgefühlen, Ruheräumen und Entschleunigungen markierte, dass für die Definition eines anderen Weges kaum Zeit blieb. Und definiert man ihn doch, so endet man wie Die Linke - denn alles was heute geschieht ist alternativlos. Wer etwas anderes erzählt, der muss geradezu lügen.

Nochmal durchatmen, noch ist die Zäsur nicht ganz vollzogen. Nochmal Luft einsaugen in dieser anderen Welt, in der es theoretisch noch die Alternative zur Alternativlosigkeit gab. Die Luft schmeckt nachher nicht anders als heute - aber sie wird für einen großen Teil der Menschen das einzige sein, was man sich noch leisten kann. Partizipation unter dem ökonomischen Einfluss des Brüsseler Exekutive heißt, teilzuhaben an Luft und Liebe - denn die fallen nicht in den Bereich der Schuldenbremse.



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Ridendo dicere verum

Mittwoch, 27. Juni 2012

"Noch heißt es nur, dass das Prekariat verantwortungslos sei, Kinder bekomme, die wir uns nicht leisten könnten als Gesellschaft. Dabei könnten wir sie uns leisten, wenn wir denn wollten. Wir könnten es uns sogar leisten, sie gut zu bilden, sie teilhaben zu lassen am sozialen und kulturellen Wohlstand. Könnten wir! Wollen wir nur nicht! Man will keine Ahmeds oder Kevins, will keine Kinder von unten oder von sonstwoher - man will Rüdiger-Pascals, die irgendwann mal beruflich als Vermögensverwalter ihres Erbes fungieren. Daher werden Gummis verteilt und Pillen gereicht, damit den gewollten Kindern dieser Gesellschaft ein wohliges Leben beschert ist; ein Leben, in dem sie die Armut der anderen nicht mehr finanzieren müssen; ein Leben als erwünschte Kinder, als erwünschte Jugendliche, als erwünschte Erwachsene - das Wunschkind elitärer Absichten eben: das Herrenmenschentum!"
- Roberto J. De Lapuente, "Auf die faule Haut: Skizzen & Essays" -

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Tore für ihr Europa

Dienstag, 26. Juni 2012

oder: Merkel hofft auf ESM-Sieg von Löws Truppe - und die stützt der Kanzlerin EM-Vorhaben. Oder war es andersherum? Eine Unterscheidung scheint bald stündlich schwerer...

Dass die Politik die Nähe des Sports sucht, ist weder neu noch besonders originell. Wie sie die Kanzlerin allerdings sucht, diese Nähe, das hat es vormals in Deutschland noch nicht gegeben. Noch nie zuvor benutzte die politische Richtlinienkompetenz dieses Landes so kalkuliert den Tribünenplatz oder den Zugang zum Entmüdungsbecken. Wie darauf die Fußball-Nationalmannschaft reagiert, das dürfte hingegen auch so ein Fanal sein. Nie zuvor scheint eine nationale Auswahl so ehrerbietig mit der Ausbeutung ihres Sports zu politischen Zwecken umgegangen zu sein - kein Nationaltrainer vor Löw katzbuckelte je so ungeniert devot vor einem Kanzler.

Man kann nicht erwarten, dass sich eine Fußball-Nationalmannschaft gegen diese Vereinnahmung zur Wehr setzt. Sie ist ja keine Meute junger politisierter Menschen, die mit Eloquenz auftritt, um sich gegen das Establishment aufzulehnen. Sie ist, nachdem sie einst ein Haufen war, der der Fußlümmelei nachging, selbst Establishment geworden. Ob man aber so weit gehen muß wie Löw und seine Spieler, ist doch mehr als fraglich. Ist es denn wirklich nötig, dass Löw vor versammelter Journalistenriege der Kanzlerin Arbeit lobt? Kommt sich ein Khedira nicht belämmert vor, wenn er in Blöcke hineinnotieren läßt, dass die Nationalelf geschlossen Fan von Merkel sei? Muss denn jeder Spieler, der von der PR-Abteilung des DFB ins Rampenlicht geschickt wird, ein anerkennendes, ein lobendes Wort für Merkel auf den Lippen tragen? Ist diese anheimelnde Nähe denn notwendig?

Politik missbraucht Sport - das ist schon wahr. Aber im aktuellen Falle der Nationalelf ist es so, dass sie sich genussvoll missbrauchen läßt, sich zum nützlichen und willigen Idioten macht, an der Blendwerkmaschinerie mitpedaliert, die ein breiter Teil der Medien in Schwung geworfen hat. Die DFB-Auswahl äußert sich freilich nicht inhaltlich zur Politik Merkels, sie zeigt einfach nur Sympathie und schmust dezent mit ihr. Gesunden Abstand hält sie keinen - dafür fühlt man sich zu geschmeichelt und geliebt. Man ist schließlich Fan von ihr - ohne sich je politisch zu äußern. Das indoktriniert natürlich die Anhängerschaft, die diese Nähe nicht unangebracht oder zumindest peinlich findet, sondern ganz normal und auch schön, denn so steht doch das Land einig zusammen in der Stunde sportlicher Ausnahmezustände.

Dabei ist dieser Ausnahmezustand ein Zustand, der den wirklichen Ausnahmezustand kaschiert. Während ein Putsch im Gange ist, der Europas Demokratien entkräftet und Parlamente künftig von der Entscheidungsbefugnis abhält, weil das Haushaltsrecht im Orkus überstaatlicher Verbürokratisierung verschwinden soll; während in Verfassungen einzubauende Schuldenbremsen den gestalterischen Handlungsspielraum einengen und den Sozialstaat als primäres Einsparpotenzial brandmarken; während Sparprogramme für Hungerleider fiskalpaktierend verbindlich werden und Zuwiderhandlung legitim abgestraft werden kann - während also der Ausnahmezustand zu einem Dauerzustand werden soll, angetrieben von Merkel und ihren Einflüsterern, bezeugen junge Männer, bezeugt eine offizielle Auswahl des Landes, Sympathie für diese Frau - outen sich die DFB-Kicker fröhlich als Merkels Fans.

Von was genau sind sie denn Fan? Vom Sparen? Vom Umsturz, der von oben herab geplant und bewerkstelligt wird? Von den offenbaren Problemen, die diese Frau mit der Demokratie zu haben scheint? Von der Hegemonie, die sie hängender Backens anstrebt? Was genau ist bitte der Grund, sich zum Fan dieser Frau zu machen? Es interessiert nicht, welcher Verteidiger des DFB mit einem leichten Mädchen kopuliert - es spielt aber eine erhebliche Rolle, weshalb man mit der Politik Merkels so unkritisch beischläft.

Wer sich so benimmt, ist nicht das Opfer von Politik - er ist Täter. Bei fiktiven Entmerkelisierungsprozessen nach ihrer Zeit würden sie sicherlich als Mitläufer eingestuft. Sie geben dieser politischen Konzeption, diesem Europa von Konzernen und Banken, eine elanvolle Note, lotsen den politisch unbedarften Teil ihrer Anhänger in die Arme Merkels. Löws Mannschaft kickt nicht für Deutschland, sondern für ein Europa nach Merkels Kriterien. Sie strebt nicht den Pokal an, sondern den Fiskalpakt mit all seinen Demokratieantipathien. Sie schießen nicht Tore zum Sieg, sondern schießt auf demokratische Strukturen und auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. So ist nicht die Auswahl des DFB, sondern nicht weniger als der Auswurf des ESM.

Ein Wort zur UEFA noch. Sie liefert ja die Bilder. Man mokierte sich kürzlich darüber, dass eine Szene Löws während des Spiels hineingeschnitten war. Die Szenen aber, bei denen Merkel jubelnd oder fiebernd zu betrachten war, waren live, waren nicht eingebaut. Und es waren nicht wenige Szenen. Man erinnere sich, als der DFB 1990 im Finale der Weltmeisterschaft stand, da besuchte Helmut Kohl das Stadion in Rom. Man sah ihn gleichwohl vor dem Spiel, kurzes Statement eines Reporters dazu - das war es auch schon! Gesehen wurde er erst wieder bei der Pokalübergabe - dort aber als Statist, klatschend und zurückhaltend. Jubelszenen während des Spiels waren nicht zu sehen, kein Mitzittern, keine entstellte Miene beim Gewahrwerden einer gescheiterten Chance. Weshalb widmet die UEFA dieser Frau diese vehemente Aufmerksamkeit? Ist die EM eine Unterorganisation des ESM? Merkel derart weichzuspülen, sie dauerhaft als Jubelkanzlerin zu stilisieren: dass ist schon schier als Werbespot für ihren Fiskalpakt einzustufen? Nie zuvor biederte sich der europäische Fußballverband so hemmungslos an die europäische Politik an, wie es dieser Tage geschieht. Das ist der eigentliche Skandal um die Bilder, die die UEFA in die Wohnzimmer strahlt - nicht die Neckerei Löws mit einem Balljungen, die so nicht stattfand. Und nicht dessen Spaß mit diesem Jungen ist zu unterstreichen, sondern sein neckisches Treiben mit der Kanzlerin wäre eine Schlagzeile wert. Merkels Fiskalpakt-Politik wird mit ihrem Gejubel von der UEFA in die Totale genommen, wird mit einem Sie-ist-eine-von-uns-Streich flankiert und gestützt; Merkels Fiskalpakt-Politik in der Totale scheint total...

Eine so eklatante Nähe des Fußballs zur Politik gab es hierzulande vermutlich seit "damals" nicht mehr. Es ist das Wesen totalitärer Politik, jede Nische des alltäglichen Lebens zu erobern, um die eigenen Denkmuster, Ziele und ideologischen Konzepte in den Köpfen der Menschen zu verfestigen. Im politischen Totalitarismus leben wir nicht, nur der Profitismus ist das Totale - dennoch ist diese Verpflanzung des Politischen ins Sportliche ein Akt, der an totalitäre Epochen erinnert. Es gab in jener damaligen Zeit viele Schreibtischtäter - weniger Rasentäter, weil der Fußball nicht den medialen Stellenwert hatte, den er heute hat. Von Rasentretern scheint man sich nun gar zu Rasentätern zu modifizieren - Rasenmittäter! Löws Mannschaft ist nicht einfach nur naiv, nicht bloß nett zu einer Frau, die sie regelmäßig besucht - sie macht sich zum Teil jener Täterschaft, die sich großkotzig als gewissenhafte Politik bezeichnet. Bislang haben große Turniere vom politischen Geschehen abgelenkt - die Nationalelf heute wirkt aber nicht nur auf dem Rasen ablenkend, sondern verschafft der Kanzlerin auch noch ein Alibi. Das ist nicht arglos - das ist Mittäterschaft!



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Unser Erich heißt Angela

Montag, 25. Juni 2012

Die Welt dreht sich um unsere eiserne Kanzlerin!, stand über dem Zeitungsartikel. Und ein Nationalspieler zeigte sich erfreut darüber, dass diese Frau aus Eisen zur Viertelfinalpaarung nach Danzig käme, was den Artikel mit der Überschrift "Sie gibt uns ein gutes Gefühl!" krönte. Außerdem, mal quergelesen: Die Kanzlerin allein gegen alle! oder Die Kanzlerin ist die Stimme der ökonomischen Vernunft! oder Die Kanzlerin bleibt standhaft! oder Merkel eisern; alle gegen Merkel! oder Merkel gegen den Rest der Welt! oder Begeisterter Applaus für Klartext-Rede! Ein hübsches Potpourri an Kitsch, Schmiere und Schmalz. Lobgesänge, die auch aus dem DFB-Lager kommen; Löw schwäbelte vor sich hin, dass er sich über jeden Besuch freue, er sich aber nicht reinreden lasse in seine Aufstellung, ihr aber auch nicht reinrede in ihre Politik. Jeder tut, was er am besten könne. Die Kanzlerin und Fußball ist überhaupt so ein Thema, auch dazu hymnische Journalisten-Prosa: Der Mensch kommt zum Vorschein!

Ausladende Beschönigungen, schnulzige Parolen zur Kampfmoral, schwülstige Durchhalterhetorik und manierierte Darstellungen. Die letzte Kämpferin, die die Krise seriös in den Griff bekommen wolle, liest man da. Alle sind unanständig, nur Merkel und ihre Entourage nicht. Der Genosse Honecker zeigte sich kämpferisch und unermüdlich in seinem Einsatz für den Sozialismus!, las man früher fuori le mura. So schmierig, so schmalzig, so kitschig war nicht mal der Lobgesang auf den lallenden Genossen - pathetisch ja, weihevoll ja, salbungsbetont auch. Aber so überladen?

Honeckeriaden auf diesen Erich, der nun Angela heißt, allerorten, gleichwohl sie Demokratien totspart und aushebelt, sie sich für Deutschland eine Rolle als Hegemon Europas ausgedacht hat. Sie manövriert dieses Land in isolationistische Verhältnisse, macht es anrüchig und politisch dubios. Einem Präsidenten kostete die geistig-moralische Nähe zu ihr und ihrem Europa-Entwurf schon das Amt. Tirpitzianisch geht sie ans Werk. Wilhelminisch säbelrasselt sie. Ihre Großspurigkeit verbirgt sie hinter Understatement - hinter dem, das man ihr andichtet. Auch Ulbricht war bodenständig und turnte bekanntlich mit den Werkstätigen - kann aber nicht oft passiert sein, denn er blieb beleibt wie eh und je. In und für die Medien turnte er gewiss oft...

Dieser weibliche Honecker der BRD, den sie uns täglich zeigen, er ist die Farce vormaliger Tragödien. Wie damals, als sie ihr Vierzigjähriges feierten, als sie beteuerten, weder Ochs noch Esel würden sie aufhalten, gleichwohl synchron die Menschen die Straßen mit Unzufriedenheit füllten. Immer schriller wurde die Beschönigung. Geschichte wiederholt sich gelegentlich potenziert ins Lächerliche, wird zur Farce, was mal Tragödie war. Dann schenkt uns die Kanzlerin einen EM-Sieg oder sie macht Wasser zu Wein oder wandelt über selbiges. Kranke gesund zu machen schafft sie derzeit nicht, stattdessen macht sie aber Gesunde krank und Lebenslustige suizidal - Selbstmordraten erklimmen sparpolitisch motiviert Rekordhöhen in Hellas. Sie ist unfehlbar, korrekt, kämpferisch und siegesgewiss. Die Merkel in ihrem Lauf und so weiter. Ochs und Esel halten auch nicht ihren Bundespräsidenten auf, der ja anfangs nicht ihrer war, der aber ganz gut zu ihr passt. Pazifismus ist Glückssucht - das sind Losungen wie Sparen ist Investieren! oder Wenn alle weniger haben, haben alle mehr!

Ein fades orwellianisches Zweigestirn ist das... und beide in Honeckeriaden vereint, die eine kämpft wie Erich für den Sozialismus, der andere turnt wie Spitzbart mit den Werktätigen. In der DDR kamen diese beiden Gestalten, Honecker und Ulbricht, zeitlich hintereinander - es war halt eine Mangelgesellschaft, man konnte sich nicht alles gleichzeitig leisten. Die Bundesrepublik hat immer noch Überfluss und leistet sich solche Geschöpfe zeitgleich...



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Einigkeit und Sieg und Geilheit!

Freitag, 22. Juni 2012

Jetzt müssen doch alle zusammenhalten. Alle zusammenstehen. Alle zusammenrücken. Wir sind doch eins. Stehen geschlossen, stehen gemeinschaftlich hinter den Gittern, die uns vom Fußballplatz sondern. Auf Plätzen, in Kneipen, in Gärten. Alle fixiert auf Eintracht, Gleichklang, Harmonie. Neunzig Minuten Einhelligkeit - und dann vielleicht nochmal neunzig Minuten - und abermals neunzig Minuten süßes Miteinander. Und letztlich vielleicht weitere Tage siegestrunkener Frieden, selige Brüderlichkeit, euphorische Schwesterlichkeit.

Der Arbeitslose und sein Fallmanager fordern vereint Eckball.
Der sich von den Alten ausgebeutet wähnende Junge und der von den Jungen als zu teuer bezeichnete Alte brüllen simultan Das war Einwurf, blinder Sack!
Der Neonazi und der abgeklärte Demokrat kooperieren im Jubel.

Wir stehen zusammen, kennen keine Parteien mehr, nur noch das Kollektiv. Einigkeit und Sieg und Geilheit für das einig Fußball-Schland! Eine geile Zeit! Das Volk, sonst zerrissen, zerstritten, partikularinteressiert, plötzlich ein pauschalisierter Klumpen. Am einen Ende des Seils ziehend, auf derselben Seite zerrend. Zugleich! Zugleich! Individualinteressen, Selbstzwecke, Eigennützlichkeiten addiert zu dem einen einzigen Interesse. Neunzig Minuten und darüber hinaus - bis dass das Schlusspfiff uns scheidet, keine Unterschiede mehr. Der große Gleichmacher! Oh utopischer Fußball, du egalitärer Rasensozialismus! In dem alle gleich sind, unterschiedslos, analog.

Vergessen die Diskrepanzen zwischen Mitgliedern der FDP und den Mitgliedern von Die Linke.
Aufgehoben das Gefälle zwischen Ackermännigkeit und Armut.
Abgepfiffen die Divergenz zwischen Springer-Konsument und documenta-Besucher.

Alle zusammen hoffend. Hoffen auf das erlösende Tor. Hoffen auf den Schlusspfiff. Hoffen darauf, dass nach dem letzten Schlusspfiff des Turniers ein Pokal dem Nachthimmel entgegengereckt wird. Dann hoffentlich Tage voller Euphorie; Suff für alle. Dann gibt es keine Parteien mehr, nur noch Rausch. Bis dahin: gemeinsam fluchen, schimpfen, mit Fäusten drohen; bis es soweit ist: miteinander jubeln, singen, tanzen; bis zur Aprés-Fußball-Ekstase, -Delirium, -Bierseligkeit: gemeinsames Fiebern, gemeinsame Tränen, gemeinsames Verständnis für die Affekte des Mitfans.

Der Leiharbeiter fällt seinem Leiharbeitgeber um den Hals, nachdem der Ball die Torlinie passierte.
Ausgebeuteter wie Ausbeuter beweinen harmonisch ein Gegentor.
Sparwütiger Kunde und der dieser Sparwut wegen im Minijob zurückgestufte Verkäufer singen einträchtig Olé, olé!

Und dann pfeift der Schiedsrichter ein letztes Mal. Und dann ist der Rathausbalkon leer, der Rathausplatz verwaist, nur Fähnchen liegen noch herum. Party vorbei. Keine Spiele mehr, keinerlei Berichte über Mittagstisch und Schlafbefinden der Elf. Niemand berichtet mehr im feierlichen Ton und mit würdiger Miene von den Fürzen, die bestimmten Spielern quersitzen. Fürze, die die nationale Harmonie begründeten; Spielerstuhlgänge, die Einigkeit und Sieg und Geilheit! ausmachten - alles passé, alles vorbei. Die hübsche Symmetrie aufgelöst ins Nichts. Kein Arm in Arm mehr, kein Geschunkel. Der Wohlklang erledigt. Es war ne geile Zeit!

Dann drangsaliert der Personaldienstleister wieder seinen verliehenen Arbeitnehmer, der Kunde wieder den minijobbenden Regaleinräumer.
Dann verachtet Die Linke wieder die Freien Marktliberalen und das Ackermännische das Hartzische.
Dann beklagt sich abermals die Jugend über das kostenintensive Alter und der aufrechte Antifaschist mosert über den Neonazi, während er Deutschland schafft sich ab! als das Buch des letzten Jahrzehnts rühmt.

Dann ist wieder alles, wie es immer war - der Ausnahmezustand bestätigt nur den Regelzustand.



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Nomen non est omen

Heute: Sozialromatik

Ein Gastbeitrag von Markus Vollack.
"Hollande ist beileibe nicht der ausgabenfreudige Sozialstaatsromantiker, als den ihn die Strippenzieher des Kanzleramts im französischen Wahlkampf dargestellt hatten."
- Zeit Online vom 30. Mai 2012-
In der öffentlichen Begriffsverwendung gibt es die Bezeichnungen des Sozialromantikers, der Sozialromantik, des Sozialstaatsromantikers, und der sozialromantischen Vorstellungen. Die Begriffe sind negativ besetzt. Damit werden vor allem Vorschläge, des Sozialstaates betreffend, als realpolitisch und pragmatisch nicht umsetzbar deklariert.

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Brot und Spiele für die Mittelstandswampe

Donnerstag, 21. Juni 2012

Es ist ein hartnäckiges Gerücht, dass sich bei Uninformierten hält: RTL ist mitnichten der konzipierte Sender für Hartz IV-Empfänger, Ungebildete oder andere prekarisierte Gesellschaftsschichten! Eigentlich ist es nicht nur die Bewahrung eines Gerüchtes, wenn man das behauptet - es ist Rufmord an denen, die man arroganterweise als Unterschicht bezeichnen könnte. Die schaut natürlich auch RTL - und möglicherweise sogar überproportional häufiger als der Mittelstandsbauch. Aber das ist ein nebenher zufällig erzeugter, vielleicht nicht mal bewusst gewollter Effekt. RTL bedient nicht das Prekariat, es serviert der Mittelschicht, überdies sogar der besser situierten Mittelschicht, ein bunt gewürfeltes Programm der Eintönigkeit.

Beratung für den Mittelstand

Nachrichten und Neuigkeiten flimmern dort als eine schlecht getarnte Form von konsumistischer Lebensberatung über die Mattscheibe. Man bekommt erklärt, welches Produkt wie günstig und wie gut ist - Lohnt sich der Kauf? - Wohin in den Urlaub? Empfehlung für das Wochenende: Gehen Sie in einen Freizeitpark! Der Freizeitpark Soundso hat zufälligerweise diese Woche eine Sonderaktion! - Sinnvoll für die Zukunft: Privat rentenversichern! Mehr Infos finden Sie online! - Wie Sie sich bei der Hitze im Büro abkühlen können! - Darf ich im Büro EM gucken? Beratung und Verkaufsanreize, Konsum und Verlockung...

All das ist nicht für jene Klientel gedacht und gemacht, die man als Hartz IV-Empfängerschaft bezeichnet - es richtet sich an die, die finanzielle Substanz aufbringen, die sich ernsthaft Gedanken um Urlaub und tägliche Kaufräusche machen können, die in einem Büro anschaffen dürfen; es richtet sich an jenen Teil der Mittelschicht, bei dem die Prekarisierung des Arbeitslebens noch nicht eingetroffen, bei dem der Rahm abschöpfbar ist. Es ist der Wohlstandsbauch, der hier gekitzelt und gebauchbinselt wird. An dessen Speck richtet sich die lebensberatende und hedonistische Botschaft des Senders - nicht an die vermeintlich vor dem Fernseher geparkten Wampen von Arbeitslosen, Niedriglöhnern oder Bildungsfernen.

Klischeebestätigung für den Mittelstand

Nachmittags unterhält sich das Publikum mit gescripteter Reality. Die dient nicht etwa dafür, den Erwerbslosen künstliche Hartz IV-Empfänger nach Drehbuch vor die Nase zu setzen. Nichts was die Gestelltheit dieser Konzepte abwirft, kommt wirklichen Bezieherun des Arbeitslosengeldes II bekannt vor - nichts stimmt auch nur ansatzweise mit deren Wirklichkeit überein. Speckige Haushalte sind nicht per se nur Hartz IV-Haushalte; ein Leben in Saus und Braus, etwa Kurzurlaube oder Wellness-Erlebnisse, kommen unter Transferbeziehern wohl sehr selten vor. Und aus dem Hut gezauberte Bewerbungsgespräche auf Mallorca wohl eher auch. Es sind billige Klischees, die so überspitzt geschauspielert werden, dass sie den wirklichen Arbeitslosen total entfremdet sind. Das dient nicht den prekarisierten Schichten, sondern dem mittelschichtigen Zuseher vor der Glotze, der einen ganz besonderen Blick auf die Unterschichten wirft. RTL ist der Dienstleister; er serviert elitäre Luftschlösser, in denen Erwerbslose als dreckig, faul und dennoch vermögend gezeichnet werden. Der "Asoziale", wie ihn das Klischee kennt, ist nicht das Fabrikat aus Brennpunkten - er ist Kopfgeburt stümperhafter Drehbuchautoren, die dem mittelschichtigen und gutsituierten Publikum Klischees bestätigen wollen.

Mitten im Leben ist nicht die Unterhaltung für Menschen, die arbeitslos sind - es ist kein Konzept, das die Problematiken von Arbeitslosen auch nur streift, sondern von ihnen ablenkt, um sie in den spießbürgerlichen Kanon der Mittelschicht zu packen, in dem man nachlesen kann, dass alle Arbeitslosen verblödet, faul, ungepflegt oder kriminell sind. Der betuchte Mittelstand, der die Zeit aufwendet, nachmittags vor dem TV-Gerät zu hocken, wird unterhalten, bestätigt und je und je auf Stereotype abgerichtet.

Schau göttlicher Auserwähltheit

Auch das vermeintlich abgesicherte Leben der Mittelschicht will aufschauen. Sie tut das am Vorabend, wo man regelmäßig über den Superreichtum "informiert" wird. Millionen sind nicht der Rede wert, Milliarden machen Themasetzung bei RTL. Das bedient nicht Leute, die schon froh wären, wenn sie tagsdrauf ohne zu viele Blicke in den klammen Geldbeutel einkaufen könnten. Das ist der Traum einer Gesellschaftsschicht, die relativ satt und abgesichert ist. Superreichtum wäre für manchen Hartz IV-Empfänger wahrscheinlich schon, sich zum Abendessen ein dickes Rindersteak zu leisten.

Von Reichtum zu berichten, der so maßlos ist, dass man ihn sich kaum vorstellen kann, ist nicht der Feuchttraum der Armut - ihr reichte Absicherung durch Anstellung und ein kleines Gehalt. Der potente Mittelstand, der selbst so hat, dass er leben, dass er urlauben und freizeiten kann, wird bedient. Er soll träumen, noch mehr urlauben und freizeiten zu können. Leute wie Gates und Jobs, die bei RTL Dauerbrenner sind, sind die Helden einer konsumistischen und hedonistischen Schicht und ihrer Medienanstalten - für einen Boulevard der Calvin verinnerlicht hat, wonach prädestiniert ist, wer Geld hortet. Wenn RTL dem Mittelstand den Superreichtum aufzeigt, über dessen Villen, Schiffe und Golfanlagen berichtet, dann ist das eine Schau in die himmlische oder gar göttliche Auserwähltheit eines konsumistischen Lebensgefühls - dann ist das der Ringelpiez hedonistischer Heiligengestalten. Dort huldigt man der Ikonen des Mittelstandes. Zwar mag sich auch der Hartz IV-Empfänger daran ergötzen, aber der braucht zur Ergötzung weitaus weniger.

Gesindelfreier Abend

Im Nachmittagsprogramm spult man den Hartz IV-Stereotyp ab. Was Leben am Regelsatz bedeutet, ist dort jedoch nicht Thema - auch die soziale Exklusion wird nicht beachtet. Dafür fickt, säuft, betrügt sich ein Pack durch die Sendung, das zufälligerweise keine Arbeit hat - conclusio daraus: ohne Arbeit lebt man so! Am Abend, nachdem sich die mittelschichtige Sendergemeinde über das Gesindel empört und belustigt hat, wird der RTL-Garten verriegelt - Zutritt für Arbeitslose verboten! Für echte Arbeitslose natürlich - ab und an darf ein Medien-Arbeitsloser doch auftreten. Stern TV berichtet dann von einem Mann, der seit Jahrzehnten nicht mehr arbeitete und das auch vehement als Lebensmodell vertritt. Der gilt dann pars pro toto. Der wirkliche Arbeitslose ist allerdings unterrepräsentiert.

Bei Wer wird Millionär? findet sich meist Mittelstand oder jedenfalls der zukünftige, Studenten also, die bei der sozialen Balance des deutschen Bildungswesens mit großer Wahrscheinlichkeit aus besserem Hause stammen. Arbeitslose sind rare Gestalten bei WWM. Und das, obwohl nach offiziellen Angaben rund sieben Prozent der hier lebenden Menschen arbeitslos sind. Weitaus mehr als Ärzte oder Anwälte, weitaus mehr als IT-Experten oder Sekretärinnen. Die kommen in der Sendung allerdings weitaus häufiger vor. Das mag an den Auswahlkriterien liegen, könnte man nun einwenden - dass man aber keinerlei Anstalten macht, die Kriterien durchlässiger zu machen, wenn es denn so wäre, liegt auf der Hand. Wo es etwas zu gewinnen gibt, da gibt es das Wort Arbeitslosigkeit nicht. Kein Unterschichtler geht bei RTL aufgrund Gewinns aus seiner Armut - wohl aber mancher Angehöriger der Mittelschicht in eine noch besser abgesicherte Zukunft. Almosen kann er haben, wenn er nachmittags ein Klischee nachspielt, das er in seinem realen Leben so gar nicht kennt, das er dem RTL-Konsumenten nun aber verkaufen soll.



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