Bäuchlings

Freitag, 7. September 2012

Die Losungen rechter Parteien und Kandidaten, der angerechteten Mitte und der Presse, klingen einfach, zielgerichtet und suggerieren, dass man ganz genau wisse, worauf es ankomme. Progressive Slogans, manchmal auch als linke Parolen verortet, wirken hingegen oft kompliziert, vertrackt und verkopft und nötigen dem Zuhörer Anstrengung und hohe Aufmerksamkeit ab. Es verwundert nicht, dass das, was die rechtskonservativ modifizierte Mitte der Gesellschaft hören will, aus dem Äther von rechten Gedankenkonstrukteuren kommt. Um fair zu bleiben sei noch darauf hingewiesen, dass rechte Positionen nicht zwangsläufig konservativ sind - sie äußern sich heute weitestgehend über neoliberale Kanäle. Solche rechtsliberalen Parolen sprechen den Bauch an, sparen den Kopf aus. Sie bauen ihre Lösungsversuche und politischen Botschaften auf Bauchgefühl, inzwischen linke Modelle den Kopf bemühen und somit als Stichwortgeber für öffentliche Debatten quasi vollständig ausscheiden.

Wer etwas in Unkenntnis oder wider aller Bedenken erlaubt oder befürwortet, der tut das mit Bauchschmerzen oder Bauchgrummeln. Wenn etwas nebulös bleibt, sich aber Skepsis einschleicht, sagt einem ein vages Bauchgefühl etwas, was der Kopf nicht vermag. Man sagt: Mein Bauch sagt mir. Spontan und unüberlegt entscheidet man aus dem Bauch heraus. Den Zorn, im Gegensatz zur Wut, kann man als einen durchdachten Auftrag an sich selbst sehen, etwa als heiligen Zorn. "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht", schrieb Papst Gregor, zitierte ihn Georg Schramm. Die affektive Wut hat man allerdings im Bauch, sie ist keine Kopfangelegenheit. Das undefinierbare Gefühl der Liebe macht Schmetterlinge, oder mit Grönemeyer: Flugzeuge im Bauch. Manchem Bauchgefühl, manchen Bauchflugzeugen folgt die Bauchlandung - oft Produkt mancher emotionalen Handlung. Kurzum, im Bauch ruht das Undefinierbare, das nicht denkbar Erfassbare, ruhen Ressentiments und verinnerlichte Prämissen, ruht Undurchdachtheit und Aktionismus; im Kopf hingegen findet mit etwas Glück das Gegenteil statt, dort wird aus undefinierbaren Bauchgefühlen eine konkretere Ansicht, dort werden Vorurteile durch Urteile des Denkprozesses nochmal geprüft - im Idealfall, denn in vielen Köpfen logiert fein angeschult und angelernt nichts weiter, als die abdomatische Vertretung des Bauches unter der Schädeldecke.

Dieses Körperteil, das nur verschwommen "wahrnimmt", das Gefühle bemerkbar macht, nicht konkretisiert, das qua seines organischen Aufgabenspektrums keine Denkmuster kennt, dieses Körperteil des Ahnens, Glaubens, Wähnens und Vermutens ist es, welches das Rechte, das Neoliberale anspricht. Deren Thesen und Anschauungen zielen auf die Bauchhöhle - dort dringen sie spielend ein, dort flutschen sie hinein wie in weiche Butter. Einfache Konstrukte, Bestätigungen sowieso herrschender Vorurteile, Abschieben von Verantwortungen, Zucht von Sünden- und Prellböcken - all das, um der Klientel ein rundherum gutes Gefühl, ein gutes Bauchgefühl zu schenken. Im Neoliberal-Rechtskonservativen fühlt sich die Mehrheit so wohl, weil es so ein praktikabel leichtes Weltbild pflegt, weil es die erträgliche Leichtigkeit des Seins hegt, weil es jede Schuld auf Leute und Gruppen abwälzt, die sich nicht wehren können. Ein voller Bauch studiert nicht gerne, lautet ein weitere Redensart. Wenn Parolen auf die Füllung des Bauches abzielen, wie soll man sich dann um vernünftigte Einsichten bemühen. Studere, sich bemühen, gelingt nicht, wenn der Bauch verdaut, was des Kopfes wäre.

Progressivere Parolen sind oft so viel komplexer, zielen auf Denkleistung. Es ist eben nicht der faule Grieche, der Europa in die Krise stürzte, sondern es waren komplexe und pervertierte Abläufe auf dem Finanzmarkt. Das zu verstehen ist meist nicht einfach. Mit Sparpolitik saniert man eben nicht Haushalte, wie man das von mit Neoliberalismus getunktem Konservatismus dauernd hört, sondern mit Investitionen - das steht den Erfahrungen des Bauchmenschen entgegen, daher ist es ihm unbegreiflich. "Sie würden es doch privat nicht anders machen", argumentieren Sparpolitiker - das kann der Bauch verarbeiten, das kann er verstehen. Ausgeben ohne zu besitzen: unvorstellbar, unverantwortlich. Da bekommt man so ein schlechtes Bauchgefühl dabei. Bauch gegen Kopf, das ist Überschuldung durch Sozialstaat gegen Mittelknappheit durch Steuersenkungen, das ist faule Schüler gegen verknappte Gelder in Bildung und Kultur, das ist Angst durch Überfremdung gegen Chancen der Multikulturalität, das ist zu viele Alte gegen Stärkung des Umlageverfahrens, das ist südländischer Müßiggang gegen spekulative Maßlosigkeit, das ist Moslems sind rückständig gegen jeder Kulturkreis hat seine historisch bedingten Erscheinungsformen. Der Bauch ist seinen Bauchrednern heilig, daher fragt und nagt man keine Löcher in die Bäuche, einfache Ansagen genügen - sonst entfleuchen noch die wertvollen Bauchgefühle, schlüpfen sie aus der löchrigen Bauchwand. Und dieses Bauchgefühl ist doch so ein vortrefflicher Rohstoff für die neoliberale Politik; sie braucht es, um wider allen Kopfes doch als attraktiv empfunden werden zu können.

Es ist mitnichten der Wohlstandsbauch alleine, der sich selbst zum Denkorgan erhebt. Es ist die Beschränktheit und Eingezäuntheit kleiner Leben in kleinem Umfeld, die pars pro toto persönliche Erfahrungen mit gesamtgesellschaftlichen Dynamiken vergleichen, verwechseln oder gleichsetzen. Auf solche Gemüter zielen neoliberale Parolen ab. Sie kultivieren das einfältige Weltbild ihrer Abnehmer, ihr Bildungsauftrag ist, nicht umfänglich zu bilden, sondern Affekte, Vorurteile und Überspanntheiten weiterzubilden. Progressivere Ansichten, vulgo auch linke Slogans genannt, sind in diesen Tagen auch deshalb so erfolglos, weil eine auf Bauch getrimmte Wirtschaft - ihr Marketing, ihre Werbung ist ja nichts weiter, als das Pinseln von Bäuchen, als das Entfachen undefinierbarer Bauchgefühle - und ihre Politik ein unentwirrbares Netz an Verbauchungen geschaffen haben. Sie haben die res publica simplifiziert auf Parolen, die jedermann verstehen kann, weil sie so simpel und eingängig sind, dass sie nicht mißverstanden werden können, weil sie auf Affekte abzielen, die in jedem Bauch hausen.

Progressive Parolen sind daher Hetze, weil sie auf die Köpfe zielen, mit der Absicht, Bäuche zu sättigen - neoliberale Slogans sind deshalb Wahrheiten, weil sie auf Bäuche halten, mit dem Vorhaben, Köpfe nicht zu sehr zu beanspruchen. Bauch ist immer eingängig, schnell begreifbar. In Zeiten, da man schnelle Erkenntnisse schätzt, um schnelle Lösungen sichern zu können, ist das natürlich das Körperteil des Augenblicks - der Kopf ist immer bleiern, schweißtreibend, braucht Geduld, muß per Synapsen Zusammenhänge verbandeln. Kopflastig nennt man das heute - kompliziert, nicht effektiv, zeitraubend, sind die Vorwürfe. Sie sind nicht das, was Bauchmenschen gerne hören und lesen wollen, um ihre Wut im Bauch als gerechtfertigt zu wissen.



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Ridendo dicere verum

Donnerstag, 6. September 2012

"In aller Welt werden die Parallelen zur Krise 1929 diskutiert, aber damals wurde wenigstens noch die Verantwortung übernommen. Da sind die Banker noch reihenweise von ihren Dächern gesprungen. Das kommt mir heute’n bißchen zu kurz!"

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Beiläufig klassenkämpferisch

Wer fleißig gearbeitet hat, darf nicht so wenig Rente bekommen, sagte sie. Betonung auf fleißig. So läßt sie sich in Interviews zitieren, so sagte sie es selbst in Mikrofone. Fleißig gearbeitet oder Variation: Wer fleißig gearbeitet und in die Rentenkasse einbezahlt hat ... Braucht es denn unbedingt Fleiß, um in die Rentenkasse einzahlen zu dürfen? Ist sie am Ende gar eine Fleißkasse? Warum diese Hervorhebung des Fleißes, wo er doch gar nicht wesentlich wäre? Letztlich zählen einzig und alleine die Zeiträume, in denen man in die Rentenkasse einbezahlt hat; letztlich zählt nur, ob jemand möglichst viele Jahre mit einem gültigen Arbeitsvertrag abdecken konnte oder nicht - ob er allerdings fleißig war oder nicht, das ist wenn überhaupt lediglich eine zu klärende Frage zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dem Rententräger ist das einerlei.

Warum dieser fleißige Umgang mit einem Fleiß, der ohne Not hervorgehoben wird? Die Arbeitsministerin betreibt sprachliche Abschottung zu jenem Bodensatz der Gesellschaft, der angeblich geschlossen nicht arbeiten will und nichts mit Fleiß am Hut hat, vulgo Unterschicht genannt. Der von ihr genannte Fleiß der Arbeitnehmer meint eigentlich die Faulheit der Arbeitslosen. Ein süffisant gesetztes Attribut, wo es nicht sein müsste, sagt oft mehr als ganze Absätze. Man muss die Faulheit gar nicht boulevardesk aufbereiten, sie aufbauschen, sie von einschlägigen Medien für beste Sendezeiten inszenieren, um mit dem Finger auf Niedriglöhner und Arbeitslose deuten zu können. Es reicht, wenn man vom Fleiß arbeitender Menschen spricht, um damit die Faulheit wenig oder gar nicht arbeitender Menschen thematisiert zu haben. Man kann Dinge sagen, ohne sie zu sagen. Man kann das neoliberale Menschenbild deutlich machen, ohne es direkt anzusprechen.

Interessant ist die lapidare Sprachwahl immer; sie sagt viel über Herkunft und Ziel einer Person aus, über Motive und Leitgedanken. Dazu muss man nicht den Soziolekt auswerten, der kultiviert wird und irgendwann zum allgemeinen Sprach- und Metaphernschatz wird; die Analyse der Gruppensprache, die später auch Massensprache werden kann, ist das Offenbare, zeigt das auf, was erst auf der Zunge, hernach auf der Hand liegt. In meinem Essay Worte schreibe ich hierzu: "Dass an dieser Stelle nicht weiter von und über neoliberale Sprache, ihren Neologismen und Euphemismen gesprochen wird, hat [...] einen [...] Grund: es sind nämlich nicht nur so genannte neoliberale Sprachkonstruktionen, Schlagworte oder Parolen, die die hier angemahnte Sprechweise durchpulsen. Es sind vorrangig ordinäre, banale Alltagsvokabeln der Umgangs- und Hochsprache, die in doppelzüngigen, heimtückischen und überaus bedenklichen Zusammenhang gebracht werden. Solche völlig normalen Worte der deutschen Sprache, zweckentfremdet oder in fragwürdige Beziehung geschoben, sind zumeist sogar noch viel gefährlicher und manipulativer als neoliberale Termini."

Vermeintlich nebensächliche Worte in Gebrauch zu nehmen, die doch mehr sagen, als der gesamte inhaltliche Aspekt einer kompletten Abhandlung, verrät mehr als die Anwendung einschlägiger Begriffe. Der Fleiß im Satz der Ministerin ist insofern auch kein Zufallsprodukt. Sprache ist spontan und assoziativ, sie reagiert in Zehntelsekunden, kann Sachverhalte schier synchron zum Geschehen begrifflich verstehbar machen, passende Worte werden in der Regel nicht zäh erdacht, sie kommen einem unüberlegt in den Sinn, fallen einem auf die Zunge. Wenn es einem sprichwörtlich die Sprache verschlägt, ist dieser natürliche Mechanismus menschlicher Kommunikationsfähigkeit kurzfristig abgestellt und gilt eher als Ausnahmefall. Dieser ministerielle Fleiß ist fürwahr kein Produkt von Spontanität, nicht einfach zufällig fallengelassen. Er fiel so zwischen die Worte geschoben viel zu oft, als dass man das glauben könnte. Er ist klar gesetzt, wird gezielt wiederholt und verschlagwortet, wird als unscheinbare Kampagne innerhalb des Satzes geführt. Fleißig gearbeitet klingt für jene bürgerliche Mitte, die in protestantische Arbeitsmoral und neoliberalen Klassismus getunkt wurden, heimelig und kuschelig, klingt belobigend, streichelt diejenigen, die sich angesprochen fühlen, grenzt von denen ab, die man als nicht fleißig wahrnimmt, egal ob sie nicht fleißig sein können, wollen, dürfen oder sollen. Dass Arbeit nicht Fleiß heißt in diesem speziellen Falle, wo es um Renten geht, dass Anwesenheit gemeint wäre, kommt dabei gar nicht mehr in den Sinn. Denn die Ministerin meint Anwesenheit - und die fehlende Anwesenheit von Menschen an irgendeinem Arbeitsplatz, auch Arbeitslosigkeit genannt, die meint das Gegenteil vom ministeriell sprachverordneten Fleiß. Letzteren zu erwähnen, wäre nicht notwendig - er ist es nur, weil damit eine Botschaft transportiert werden soll, nicht zwischen den Zeilen, sondern zwischen den Worten als überflüssiges, jedoch dennoch eingebautes Wort.

Die Ministerin ist Meisterin der unverfänglichen Worte, die sie unscheinbar einknüpft, die jedoch immer anzeigen, für welche Klientel sie die politischen Geschäfte besorgt. Sie ist die stille, die unverfängliche, die beiläufige Klassenkämpferin einer bürgerlichen Mitte, die sich mit aller Macht und mit moralischer Ächtung von denen abgrenzt, die sie Unterschicht nennt. Sie schiebt klassenkämpferisch Worte an Satzstellen, die unnötig wären, die aber trotzdem fallen, um die Abschottung sprachlich, denkerisch und letztlich auch wirklich kenntlich zu machen.



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Mittagshetze und Nachtexil

Mittwoch, 5. September 2012

Was ist Bildungsauftrag? Bildungsauftrag ist wohl das Einschläfern des Menschen in seine "wohlverdiente" Gedankenlosigkeit. Gedankenlosigkeit ist das gewollte Resultat, sich seines Verstandes unter der Anleitung eines Mediums, das ein "umfassendes Bild der [...] Wirklichkeit" (§ 5 (1), ZDF-Staatsvertrag) vermittelt, zu bedienen. Senderverschuldet ist diese Gedankenlosigkeit, weil die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern des Entschlusses liegt, sich seiner laut Staatsvertrag verpflichtenden Gestaltungen zu entziehen. So oder so ähnlich.

Weniger kantianisch, weniger angekantet ausgedrückt: Bildungsauftrag interpretiert das ZDF so: Sonntags darf zum Mittagessen gehetzt werden - und zwar nicht unterschwellig, und zwar nicht besonders kunstfertig, sondern ganz arglos, völlig hüllenlos. Und kritische Sendungen, die innovative Ansätze postulieren, die Tadel an herrschender Politik üben, die verschwinden tief im Dunkel der Nacht. Wir sprechen von Hahne - und wir meinen Precht. Beide bringt das ZDF unter einen Hut.

Hahne eröffnete seine sonntägliche küchentheologische Sendung neulich mit der Ansage, dass wenn es stimme, dass ein muslimischer Jugendlicher einen Rabbi krankenhausreif geschlagen habe, ob dann nicht der Islam doch radikal sei, der Islamunterricht an Schulen fehlgeleitet. Zu Gast in seiner Sendung, die den integrativen Titel "Wie viel Islam braucht Deutschland?" trug: Friedmann und Kelek, nachweislich zwei Charaktere, die den Islam gerne diabolisieren und mit ihm natürlich all jene, die ihm zugehörig sind. Beide wurden laut ZDF-Portal zu einer "sicherlich kontroversen Diskussion" erwartet. Wie kontrovers ist so eine Diskussion zum Vegetarismus, wenn man zwei Metzger einlädt, um darüber zu sprechen? Wer wäre eigentlich als Gast gekommen, wenn der Rabbi von einem Protestanten verprügelt worden wäre, einem Protestanten, der in seinem Eifer vielleicht Luthers Schrift "Von den Juden und ihre Lügen" unter dem Arm geklemmt gehalten hätte, synchron er schlug? Hätte Hahne den christlichen Religionsunterricht als Ursprung einer solchen Gewaltbereitschaft abgetan?

Wie vereinbart das ZDF dieses Mittagsgehetze mit § 5 (3) des ZDF-Staatsvertrages, in dem man nachlesen kann, dass das ZDF auf "ein diskriminierungsfreies Miteinander hinwirken" solle? "Die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten", liest man dort auch. Ist es mittlerweile sittliche Überzeugung, eine Religion zu kriminalisieren, weil eventuell ein etwaiger Religionszugehöriger gewalttätig geworden ist?

Mittlerweile ward es Nacht im ZDF geworden, nachdem der Mittag schon umnachtet war. Es wurde Zeit für jene neue Sendereihe unter Leitung von Richard David Precht. Wissenschaft und Philosophie sollen dort Einzug finden, provokant in den Raum gestellt werden. "Macht lernen dumm?", fragte man in der ersten Ausgabe - und dieser reißerische Titel ist der wesentliche Kritikpunkt; dergleichen müsste nicht sein. Inhaltlich allerdings gibt es wenige Flächen für Kritik. Falsche Methoden der Wissensbildung sind seit Jahren attestiert - der Hirnforschung sei Dank. Auswendiglernen von Vokabeln beispielsweise ist wenig sinnvoll, Sprachen lassen sich nicht auf Abrufbereitschaft erlernen, sondern müssen so beigebracht werden, dass das Muster "Ich will auf Englisch Tisch sagen - Suche nach Tisch im Wortschatz - a table - Einbau in einen Satz, der vorher auf dieselbe Art vorgefertigt wurde" insofern umgangen wird, dass man durch gezielte hirngerechte Schulung Sprachen nicht nur erlernt, sondern verinnerlicht. Sprache ist flexibel, birgt schnelle Reaktionszeiten, geschieht automatisiert - wie wir Sprache büffeln, wird dem nicht gerecht, denn sie ist kein Baukastensystem, jedenfalls nicht in der Praxis. Kleinkinder lernen Sprachen hirngerecht - man kann das nicht kopieren, sich aber daran orientieren.

"Vielleicht liegt es daran, dass ein völlig verändertes Bildungssystem, das nicht nur jedem eine gerechte Chance gibt, sondern kreative, eigenständige und unbequeme Persönlichkeiten hervorbringt, zugleich eine ganz andere Gesellschaft voraussetzt oder entstehen lässt? Das jedenfalls meint Richard David Precht." So schreibt es das ZDF-Portal. Sein Gast Gerald Hüther, Hirnforscher und Bildungskritiker, meint zudem, dass es so betrachtet keine dummen Kinder gäbe - das bürgerliche Bildungssystem mache es dumm. Womit der provokante Titel der Sendung vielleicht doch berechtigt wäre. Dass nun Precht nicht auf Gegenliebe stieß in den Nachbetrachtungen, ist nicht überraschend - da überschritt doch jemand die Demarkationslinie, denn wenn Klugheit sich nicht durch Reichtum bedinge, wenn Armut nicht gleich dumm ist, dann ist das für das bürgerliche Verständnis der Mittelschicht geschmacklos. Armut ist ein Produkt der Dummheit - daran rüttelt man nicht; das Bildungswesen ist in der amtierenden Weise richtig, weil es kluge Menschen weiterhin reich sein läßt. Precht beschwört da einen Bildungsklassenkampf - und wir wissen doch, Klassenkampf ist ausgestorben, es gibt nur noch Mittelschicht und die, die dorthin aufschließen wollen oder sich aus Faulheit und Dummheit nicht dazu aufrappeln können, dorthin zu stoßen.

Die "kulturelle Vielfalt", wie es unter § 5 (2) des ZDF-Staatsvertrages heißt, scheint ja durchaus gegeben. Einerseits Volksverhetzung, andererseits Bildung - einerseits Hahne, andererseits Precht. Da dürfte für jeden etwas dabei sein - und genau das ist die Maxime öffentlich-rechtlicher Sender: alles abdecken, jedem etwas bieten. Und wenn es mittlerweile zur Kultur gehört, stereotype und rassistisch konzeptionierte Parolen ins Land zu plärren, dann ist mit Hahne auch dieses Zuschauerbedürfnis abgedeckt. Warum aber setzt man den Hetzer nicht in die Nacht, wenn schon nicht vor die Türe - und stellt dafür qualitativ hochwertiges Fernsehen, wie es in diesem Lande fast nur die öffentlich-rechtlichen Sender leisten, wenn sie es denn leisten wollen, nicht in die Primetime, nimmt sie raus aus dem Nachtexil? Klar doch, wir kennen die Ausflüchte. Die Leute wollten das nicht sehen, sie sehen lieber ihren Tatort und mittags ihren Hahne, denn Haxe und Hetze klingt fast gleich.

Der Bildungsauftrag ist außer Kraft gesetzt, weil Bildung nicht gefragt ist? Das ist doch fast so, als würden Schüler klarstellen, es habe sich ausgelernt, worauf das Schulwesen einknickt und erklärt: Einverstanden, dann gehen wir eben Baden. So ähnlich treiben es die Öffentlich-rechtlichen; sie verweigern den Auftrag zur Bildung, weil angeblich kein Bedürfnis nach Bildung besteht. Es würden Zuschauer wegschalten, erklären sie - doch ist das so sicher? Passten sich die Interessen der Zuschauer nicht auch dem neuen Konzept an? Es müsste ja nicht immer gleich Precht sein, es reichte weniger, was dennoch bildend sein könnte - damit ist Jauch und Maischberger aber nicht gemeint. Wir sprechen von Bildung und nicht von der Einbildung etwaiger Moderatoren, sie würden politische Sprechstunden abhalten.

Um es mit dem ZDF-Portal zu sagen: Vielleicht liegt es daran, dass eine veränderte Fernsehkultur, die nicht nur jedem einen berieselten Abend gibt, sondern kreative, eigenständige und unbequeme Persönlichkeiten hervorbringt, zugleich eine ganz andere Gesellschaft entstehen lässt! Bildungsaufträge die damit entschuldigt werden, dass kein Bildungsbedarf besteht - Precht hat vermutlich recht, unsere Bildungsmoral ist am Boden; wenn er von der Schule spricht, meint er unbewusst auch die schulischen Aufgaben der Medien: als vierte Gewalt, als Aufklärer, als Bildungsvermittler. Man nimmt zu viel Rücksicht auf die bildungsfernen Schichten, die ihren Tatort und ihren Pilawa sehen wollen. Jeder Pädagoge weiß, dass Bildung auch bedeutet, nachdrücklich zu sein, um die Bildungsthemen zu vermitteln. Freiwillig lernen Schüler nicht immer - dennoch kann man sich nicht dauerhaft zurückziehen und diesen "demokratischen Willen zur Lernunwilligkeit" zu seinem Recht verhelfen. Das gilt eigentlich für Schulen, für Lehrer und für Institutionen, die einen staatsvertraglich vereinbarten Bildungsauftrag haben ...



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Kein Freund ist Ausländer

Dienstag, 4. September 2012

Am kommenden dritten Spieltag der Fußball-Bundesliga sind die Trikotsponsoren der Vereine von der Brust gestrichen. Stattdessen wird darauf ein Leitmotiv zu lesen sein - "Geh' Deinen Weg" heißt das und ist der Wahlspruch und der Name eines Stipendien- und Mentorenprogrammes der Deutschlandstiftung Integration.

Slogan ohne Wenn und Aber

Schon 1992 initiierte der DFB eine Trikot-Aktion. Nachdem drei dunkelhäutige Bundesliga-Fußballer namens Baffoe, Yeboah und Sane einen offenen Brief formulierten, in dem es unter anderem hieß, dass es sie ins Herz treffe, was sie in deutschen Stadien so an Beleidigungen zu hören bekämen und was sie damit erdulden müssten, rief der DFB eine gemeinsame Aktion ins Leben. "Friedlich miteinander - Mein Freund ist Ausländer" nannte sich die und ließ sich an einem Spieltag von der Brust aller damaligen Bundesliga-Teams lesen. Es gab in der Folge Plakate, Stadiondurchsagen und eine Schweigeminute für die Opfer des Solinger Brandanschlages, bei dem fünf Menschen (zwei Frauen, drei Mädchen türkischer Herkunft) starben.

Die zentrale Botschaft war unmissverständlich. Da sind Menschen fremder Herkunft und sie sind unsere Freunde, gehören zu uns - ohne Wenn, ohne Aber. Für Freunde setzt man sich ein, man steht an ihrer Seite. Die Botschaft, die nun in Kürze von den Trikots strahlen soll, ist da weniger eindeutig. Sie meint, dass Menschen mit Migrationshintergrund, wie man das heute so galant nennt, zu uns gehören, wenn sie bestimmte Vorstellungen erfüllen. Das langjährige Geschwätz von der Leitkultur hat ganze Arbeit geleistet. Heute sind Ausländer zwar Freunde, aber sie sollten schon etwas leisten, etwas können, etwas sollen. Eine an Bedingungen geknüpfte Freundschaft.

Bedingte "Freundschaft"

Der Vorstand der Deutschlandstiftung Integration rekrutiert sich aus Unternehmern, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und aus Kai Diekmann; Vorsitzender des Beirates ist Hubert Burda - die Stiftung ist also fest in Hand von Meinungsmachern; noch dazu von solchen, die zu Hochzeiten der Leitkulturdebatte am lautesten wieherten und die Phantasien christdemokratischer Leitkulturhammel zu publizistischer Massenware verarbeiteten. Passend hierzu ist die Bundeskanzlerin Schirmherrin der Aktion.

Der Hintergrund und die Stoßrichtung der Stiftung ist so konservativ wie elitär. Mit dem Programm "Geh' Deinen Weg" sollen "Migranten angesprochen werden, die in Deutschland "angekommen" und" erfolgreich" sind und damit belegen, dass und wie Integration gelingen kann". Ökonomisch wie politisch und weltanschaulich angepasste Migranten, denn um die geht es dieser Stiftung, sollen mit einem Stipendium für zwei Jahre ausgestattet werden. Gesucht werden daher "die besten und talentiertesten jungen Menschen, die leidenschaftlich und leistungsbereit ihre Ziele im Leben verfolgen" - wie ein Bekenntnis zur Integration aller Menschen in die deutsche Gesellschaft liest sich das nicht gerade.

Dennoch ist überall davon zu lesen, dass die Aktion, die am dritten Spieltag der Bundesliga einem Massenpublikum vorgebracht werden soll, eine Initiative zur Integration sei, etwas, das an "Mein Freund ist Ausländer" erinnere oder gar anknüpfe. 

Paradigmenwechsel auf Trikotbrust angekommen

Heute, nach Jahren der Renationalisierung und Leitkulturalität weiß man: Kein Freund ist Ausländer - nein, wenn er ein wirklicher Freund sein will, so hat er sich eingedeutscht. Wenn er angekommen ist, wenn er erfolgreich ist, wenn er belegen kann, deutsche Lebensart angenommen zu haben, dann ist er freundschaftsfähig. Dahinter stecken auch Zweckdenken und ein ökonomisiertes Weltbild. Der Mensch aus der Fremde ist nicht der bedingungslos akzeptierte Freund, er ist jemand, der sich beweisen muss, der bestätigen muss, dass er einen Wert für die deutsche Gesellschaft birgt.

Es ist nicht so, dass dieses Weltbild gänzlich neu ist. Schon immer fragte man hierzulande, schon vor der Debatte zur Leitkultur, was der Ausländer, der nach Deutschland kommt, denn kann - was ihn befähigt hier leben zu dürfen. Gastarbeiter wurden kritisch beäugt, ob sie denn auch was leisteten, ob sie fleißig waren und nützlich. Das galt gerade in den Sechziger- und Siebzigerjahren als ganz normaler Beschau von Fremden. So vehement und aggressiv wie heute hat man dieses Weltbild jedoch nie vertreten. Heute geschieht das hinter freundlicher Fassade, der Ausländer ist ja auch bloß Migrant oder hat Migrationshintergrund, das klingt aufgeklärter, nachdem der Terminus "Ausländer" vom Stammtischgezeter so diskreditiert wurde, dass man ihn nicht mehr benutzen kann, ohne in rechtsextremen Ruch zu geraten.

Was dann ab den Achtzigerjahren hinter vorgehaltener Hand gesagt werden musste, weil es als nicht mehr gewollt abgestempelt war, weil durch das damalige politische Engagement der Bürger, durch Journalisten wie Wallraff und durch die postulierten Chancen der Multikulturalität, ein neues Bewusstsein im Umgang mit Menschen anderer Herkunft entstand, ist heute wieder bedingungslos salonfähig. Lange währte die Aufklärung ohnehin nicht, die Wiedervereinigung vernebelte manches Gehirn und machte das Wir sind wieder wer in der Welt! zum gedanklichen Leitmotiv vieler Deutscher. Multikulturalität ist heute kein Ziel mehr - Ziel ist das, was man Integration nennt, was aber Leitkultur meint. Und dieser Umgang mit deutschem Anleiten wird nachdrücklich vertreten und aggressiv umworben. Hierzu sind auch die Brüste von Fußballern recht.

In einer solchen Zeit...

Ob es denn besonders bedeutungsvoll ist, wenn die Bundesliga Stellung bezieht, ist natürlich streitbar. Es zählt die Absicht. Tut sie es, so wünscht man sich eigentlich ein Bekenntnis ohne Hintergedanken, ohne Wenn und Aber. Dass sie sich nun hergibt, die Parolen einer elitären Stiftung zu übernehmen, die für sich in Anspruch nimmt, etwas gegen Ausländerfeindlichkeit zu tun, während sie die Debatte mit ihrer Spaltungsrhetorik (nützlicher und weniger nützlicher Ausländer) verschärft, macht zornig und unterstreicht, wie tief die Leitkulturellen ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen sind. Integratives Denken, sowieso nach der Leitkulturdiskussion der letzten Jahre als Begriff verunglimpft, ist deren "Geh' Deinen Weg" nicht.

Damals, als im wiedervereinigten Deutschland der nationale Überschwang mit Hass auf Ausländern koalierte, als in Rostock, Solingen und Mölln das Verbrechen von der Bevölkerung damit entschuldigt wurde, dass mit manchem jungen Deutschen schon mal die Gäule durchgehen könnten, wenn er in die Legionen von Fremden starrt, die zu uns kommen - damals reagierte der DFB mit "Mein Freund ist Ausländer". Nun leben wir in Zeiten, da wir vom Gedenken an jene Tage in Rostock-Lichtenhagen sprechen, bald jährt sich Solingen und Mölln; wir leben in einer Zeit, da wir wissen, dass der Hass sich organisiert und todbringend gegen ausländische Menschen richtete - und was fällt der Bundesliga anderes ein, als sich Slogans aufzupinseln, die nichts Entschädigendes, nichts Verbrüderndes, nichts Bekennendes aufwerfen! In Zeiten nach dem NSU-Töten sind nicht Ausländer auf Trikots genannte Freunde, sie sollen hingegen der Leitkultur beitreten - dann könnten sie unsere Freunde werden, wobei auch das falsch ist, denn in einer ökonomisierten Gesellschaft gibt es keine Freunde, sondern nur Geschäftspartner. "Ausländer sei Geschäftspartner" - das ist der eigentliche Wahlspruch, mit dem in einigen Tagen die Bundesliga wirbt.



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Facie prima

Montag, 3. September 2012

Heute: Der Verbrämte, das Altkanzlerische

Derer sind es drei; sie residieren ohne politische Macht, die ihnen innewohnte, werden als Koryphäen in das gesellschaftliche Bewusstsein verschraubt, gelten als unantastbar. Das Altkanzlerische wiegt viel in Funk und Fernsehen, in Print und Presse. Es tritt als Mahner auf, als Visionär, als elder statesman von höchsten Weihen. Alles, was das Kanzlerische nicht hatte, soll nun im Altkanzlerischen aufgehen, soll dort sprießen, wo es damals keinen Boden hierfür gab. Selbst das ist Legende, denn das Altkanzlerische ist nicht selten die Fortführung des Kanzlerischen mit publizistischen Mitteln. Eines dieser Mittel ist es, dass man diese verödete Richtlinienkompetenz in eitle, in weihevolle und gravitätische Bilder bannt. Der Altkanzler ist niemals einer, der dümmlich dreinblickt. Er ist einer, der stets mit würdevollem Gesichtsausdruck abgelichtet wird. Und falls das Gesicht wenig Würde abwirft, so wirkt er doch jedenfalls energisch, beschwörerisch, in seiner Weltsicht omnipotent. Der Altkanzler ist stets der, der es hinterher schon immer gesagt hat und stets der, der es vorher immer anders meinte, als es interpretiert wurde. So steht das schröderianische Altkanzlerische mit Professur verleihender Sehhilfe vor einem Mikrofon, abseits gestellt, als stehe er außer aller Ordnung, außerhalb des Politbetriebes, als bebrilltes Menetekel, vor Leuten, die er aufrütteln muss, die er bekrittelt, die er beschwört. Er steht da als eingefleischtes Lob seiner seelenlosen Politik, als mutiger Visionär und Reformer.

Wir sehen eigentlich das Gesicht eines Mannes, der gezeichnet ist vom Leben; dem die Fähigkeit des Sprechens peu a peu abhandenkommt, der an den Rollstuhl gefesselt ist und sein eigenes Gebrechen verwaltet. Dennoch zieren Bilder eines standhaften, eines fürstlich stierenden Altkanzlers diverse Interviews, die er leistet. Das kohlsche Altkanzlerische ist stets auch vom feierlichen Antlitz seines Trägers geleitet. Ein im Alter starrer, ja fast starrsinniger Fels in der konservativen Brandung, der in Sendungen von diversen Schildträgern und Vasallen vertreten wird, der aufgrund seiner Konstitution kaum mehr selbst auftritt, sondern seine Spitzen in die politischen Debattiervereine des Fernsehens ausschickt, um dort sein Andenken zu pflegen. Dennoch lächelt uns immer süffisant ein Altkanzler an, den man die Rolle des fragilen Greisen nicht recht abnehmen mag. Vor schwarzem Hintergrund ist der bildlich gestaltete Kohl eine Ikone, die mit der wirklichen Figur nichts mehr gemein hat. Er ist die fachmännisch von einem Fotographen aufgepeppte Fassade eines abgezehrten und angegriffenen Mannes, die nur noch als altväterliche Karikatur eines Wetzsteines für konservative Sittenwächterei fungiert. Er ist der Kanzler, der Geschichte machte wie alle Kanzler, die aber überhöht und übertrieben wird, seitdem er altkanzlert.

Anders das älteste Altkanzlerische. Ob er sozialdemokratische Werte vertritt, die ihn zur omnipräsenten Gestalt berechtigen, sei dahingestellt. Interessant wäre im Vergleich zu ihm eine heutige Altkanzlerschaft Willy Brandts. Wäre der bald hundertjährige Brandt auch der Vertreter einer Altkanzlerschaft der Hoffnung? Die schmidtsche Variante ist dies nicht. Er redet viel, manchmal zu viel. Seine Ansichten sind angekommen in der heutigen Zeit; nennt man die Zeit, da Kohl die Kanzlerschaft ergriff, auch die geistig-moralische Wende, womit impliziert wird, dass Kanzler Schmidt noch vor dieser Wende Dienst tat, so muss man heute festhalten, dass seine Altkanzlerschaft diese Wende angenommen hat. Der stilisierte Schmidt ist eine still beseligte Gestalt in Rauchschwaden; Kettenraucher und dennoch Methusalem, was heißt: Der hält was aus, der hat eine unverwundbare Konstitution. Er wird wie kein anderer mit fast schon kultischer Staatsmännigkeit dargestellt; seine Hände sprechen stets visionär, väterlich erklärend, stimmungsvoll getragen. Er vertritt eine pathetische Altkanzlerschaft; eine, die auch zum Sozialabbau nicht mahnend spricht, die dennoch Anerkennung erntet hierfür. Das schmidtsche Altkanzlerische ist die mediale Ausschlachtung und die foto- und filmtechnisch ausgereifteste Kampagne, die hierfür denkbar ist. Weihevolle Bilder, agile Aufnahmen, im Fernsehen schnelle Schnitte und genussvolles Rauchen verleihen diesem Mann eine irrationale Aura von Unsterblichkeit. Diese professionelle Altkanzlerschaft suggeriert, er habe die beste aller Kanzlerschaften getragen.




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In Entscheidungsgremien

Samstag, 1. September 2012

Hochinteressant... wirklich hochinteressant! Mit langem O. Der Systemfunk instruierte uns, den offenen Landtag zu Wiesbaden zu besuchen. Landtagspräsident Kartmann, so hieß man uns weiter, lade "alle Bürger ein, die Arbeit von Parlament, Parteien und Protokollern hautnah zu erleben". Eine Verheißung, die zu verpassen wir nicht gewillt waren. Sodenn landeten wir in Wiesbaden - einmal hinter jenes potemkinsche Dorf blicken, das sich im Stadtschloss eingenistet hat; einmal begreifen lernen, wie sich Entscheidungen machen, wie sich Gesetze verabschieden und wie gesellschaftliche Interessen die Arbeit der Parlamentarier beeinflussen.

Dorthin, wo politische Entscheidungen stattfinden. Man lotste uns in ein schummriges Zimmer, das die Aufmachung eines miefiges Tagungsraumes aufwies, zu dem normalerweise, wie uns der Führer erklärte, die Öffentlichkeit und die Presse auf keinen Fall Zutritt erlangten. Hier sei es Usus, dass sich Abgeordnete oder Minister und deren Staatssekretäre mit Vertretern der Wirtschaft träfen, um über etwaige Partikularinteressen zu diskuschmieren, die dann allgemeinverbindliche Gesetze und Regeln werden sollten. Hier leisteten Unternehmen ihren Obolus in Parteikassen und Parteifunktionäre zeigten hier ihre Wirtschaftsnähe. Wenn weitere Kommunen ausbaubedingt im Fluglärm erstickten, dann wäre hier der Ort, an dem die Arbeit des Parlaments beginne, stattfinde, ende - nicht gänzlich ende, denn letztlich verlagere man das Gespräch. Von trauter Runde ginge es rüber in den Plenarsaal, dort vollende und genehmige man, was entspannt und natürlich ergebnisoffen - na-tür-lich betonte er energisch! - schon vorher besprochen wurde.

In einem weiteren dieser Entscheidungszimmer, die es übrigens laut Aussage unseres jungen Begleiters mehrfach in Gebäude und etwaigen Außendienststellen gäbe, empfing uns ein wortgewandter Mann. Dieser sei beruflich als Interessensvertreter eines großen, heute aber ungenannten Unternehmens tätig, belehrte uns unser Führer, bevor er dem Interessensvertreter das Wort erteilte. Sofortige Zwischenfragen wie Sind Sie Lobbyist? konterte er sachlich mit Ich bin für Public Affairs zuständig! Das beruhigte die Besucher sofort nachhaltig. Das klang seriös. Er erläuterte uns am Szenario der Leiharbeitsbranche, wie er arbeite. Die sei nämlich arg gebeutelt, weil sie Flexibilität nicht mehr gewähren könne, wenn sie vom öffentlichen Druck dazu verdonnert würde, ihre Mitarbeiter so überteuert zu bezahlen, wie es hochgradig qualifizierte Fachkräfte seien. Mein Leiharbeiter sind aber oft Facharbeiter, die keine reguläre Stelle mehr finden! überging er charmant, indem er mir das Wort abschnitt. Seine Arbeit sei so: Ein Gespräch hier, eine Unterredung dort, manchmal noch Aufklärungsarbeit und Vorlegen von Studien, die er vorher in mühseliger Instruktion bis ins Detail, bis zum Resultat, in Auftrag gab. Danach stecke er Umschläge zu, Koffer seien aus der Mode, die Bargeldlosigkeit sei auch hier angelangt, PayPal nicht unbeliebt. Diese immense Maß an Überzeugungsarbeit, das er leisten müsse, sei natürlich kraftraubend, aber als ein Akt für die ganze Gesellschaft zu sehen.

Wir Besucher waren uns hernach darüber einig, dass die Leiharbeitsbranche dringend staatlichen Schutz benötige, wenn sie weiterhin eine "attraktive Option auf dem Arbeitsmarkt" sein möchte, wie das der eloquente Antichambreur so schön formulierte. Und ein Kollege dieses Mannes, der uns nur kurz beehrte, machte uns klar und stichhaltig, dass Steuer-CDs niemals von staatlichen Institutionen gekauft werden dürften, so schön wie er sprach, konnten wir nicht anders, als ihm zu glauben.

Meine Frage, wann wir den Plenarsaal sehen würden, stieß dann jedoch auf Unverständnis. Man wolle uns die Entscheidungsgremien und deren Arbeitsweise nahe bringen; der Plenarsaal sei insofern nicht relevant. Dort werden längst getroffene Entscheidungen nur nochmal nach gebotener Sitte und den postdemokratischen Überlieferungen durchgekaut und ein althergebrachter Zustimmungsritus begangen, der sich aus Lesungen, Wortgefechten und dem obligatorischen Handheben aus Zustimmungszwecken zusammensetze. Die eigentliche Arbeit passiere genau hier und drüben im Rotlichtviertel, wo man uns gleich per Shuttle hinfahren wolle. Dort bekämen wir jenes Stundenhotel-Zimmer zu sehen, in dem die Atomkraft gerettet, in dem der Ausstieg vom Ausstieg erbumst und die Laufzeitverlängerung dereinst erblasen wurde.

Man nenne uns nun Spießer, wir haben das Shuttle allerdings nie bestiegen, so wie wir Wiesbaden nie betreten haben. Nicht heute jedenfalls. Denn Entscheidungsorte, Hinterzimmer und Séparées hätte ich gerne gesehen; und einen Lobbyisten, einen wirklichen Träger von gestalterischer Macht, hätte ich gerne mal begafft. Das wäre hochinteressant gewesen. Hochinteressant. Mit langem O und abgehackten Silben. Aber auf die Scharade in Zwirn und guter Laune hatten wir keine Lust...

Wenn Sie mich schön postdemokratisch schmieren möchten, teile Ihnen gerne meine Kontodaten mit oder Sie stellen einfach Ihren für mich bestimmten schwarzen Koffer bei PayPal ab. Und wer es noch nicht hat, darf auch gerne aus seinem Hinterzimmer heraus eines meiner zwei Bücher bestellen.



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Der Mond wird aufgegangen

Freitag, 31. August 2012

Auf der Regierungsbank und in Ausschüssen geht es zu wie bei Hinz zu Kunz nach drei Bier: Du, was is'n eigentlich näher - New York oder der Mond? Worauf Kunz nicht lange fackelt: Der Mond natürlich! Den kann ich von hier aus sehen! Nach dieser Logik argumentiert die Regierung unter Merkel und jene fiktive unter Gabriel, Steinmeier oder Steinbrück, die in einer Krise harte Sparauflagen und Beschränkungen auferlegt, um sie in den Griff zu bekommen. Der Schuldenabbau durch Sparmaßnahmen ist jener Erdbegleiter, der angeblich viel näher sein soll, weil man ihn ja sehen kann. Wer spart, der hat am Ende mehr Geld: Das kann man sofort erkennen, denn man sieht ja, dass es für Privatpersonen genau so funktioniert.

Du, was is'n eigentlich zielführender - Sparen oder Inverstieren?, fragt Merkel solchen Experten, die bei der schwäbischen Hausfrau und ihrem in der Schürze versteckten Haushaltsbüchlein in Lehre waren; fragt sie Betriebswirtschaftler, die auf Volkswirtschaft machen, weil sie glauben, eine Gesellschaft sei nichts weiter als ein aufgeblasener Betrieb. Investitionen ohne Geld, so erzählen die, hätten noch nie etwas eingebracht, da habe Keynes nur romantische Vorstellungen verbreitet. Das ist nicht mal betriebswirtschaftlich, denn auch ohne liquide Mittel kann man investieren; Kredit nennt sich dieser Zauber. Nur hätten sie noch nie gesehen, dass Investitionen des Staates in Krisenzeiten etwas einbrächten. Mond oder New York? Diese Experten waren noch niemals in New York - sie haben es nie gesehen, sie können es sich nicht vorstellen, den Weg dorthin auch nicht. Aber wenn sie abends auf der Terrasse sitzen, dann greifen sie hinauf, fast sieht der Mond wie ein Taler aus, den sie zwischen Daumen und Zeigefinger klemmen können. Es ist also offensichtlich, dass der Erdtrabant näher ist als die Trabantenstadt.

Man investiert nicht mehr so viel in Mondfahrten wie noch vor Jahrzehnten; dafür ist die fehlende Investitionsbereitschaft, das Sparen bis aufs Blut, sowas wie der metaphorische Mond geworden, den man von überall aus sehen kann. New York taugt als Parabel weniger, denn es ist austauschbar. Die Befürworter der "Ankurbelung durch Sparen" sehen schon die Vororte jener Städte nicht, in der sie in Büros residieren. Als Herren der Stadt und des Erdkreises scheint ihnen der milchige Taler näher, als irgendwelche Siedlungen am Stadtrand. Es muss nicht New York sein, es kann alles sein, was hinter der Krümmung der Erde verschwindet. Und wo diese Krümmung beginnt ist Ansichtssache. Was dahinter liegt, ist so viel weiter als das, was Hunderttausende von Kilometer über uns schwebt. Aus den Augen, aus den Sinn - aus den Augen, hat kein' Sinn. Die Dialektik von Menschen, die nur glauben, was sie sehen oder was sie zu sehen glauben.

Sie meinen ja, gesehen zu haben, dass Sparsamkeit saniert. Als bei den Eltern der Geldbeutel ausgetrocknet war, sparte man sich hier einige Happen, dort einige Blatt Papier, lief noch eine Weile in durchgelatschten Schuhen herum, ließ den Schwimmbadbesuch sausen und trank einige Tage oder Wochen Leitungswasser - der Engpass konnte mit diesen Maßnahmen überbrückt werden. Sie haben es ja mit eigenen Augen gesehen; vielleicht hat auch Merkel sowas empirisch erfahren, vielleicht musste Vater Kasner hin und wieder theologisch sachgerecht zu kleine Brotlaibe brechen und teilen und hatte den Wein durch Saft auszutauschen, um die Klammheit dergestalt nach einer Weile zu vertreiben. Und weil es damals so schön klappte, ist das auch der Lösungsansatz für eine ganze Volkswirtschaft. In der sollen alle rationieren, geizen, knapsen, in der soll jeder mit weniger noch weniger kaufen, mit nichts nichts investieren, mit Luft Luft konsumieren - und dann soll es bald wieder aufwärts gehen...

Bei den Kasners funktionierte das womöglich so unkompliziert, weil die eigene Solvenz durch die Liquidität anderer Marktteilnehmer aufgefangen wurde; in einem liquiden Markt, kann sich der einzelne Solvente gesundsparen - temporär gelingt das jedenfalls. Für die griechische Wirtschaft ist das kein Modell, denn dort ist die Solvenz Massenspektakel und das Sparen des einen, ist das Knapsen des anderen, ist das Rationieren des Dritten, ist die verschärfte Solvenz des Vierten, ist das Hungern des Fünften und seiner Kinder. Wenn Geld so knapp ist, dass es nicht zirkulieren kann, dann erliegt der Kreislauf. Warfen die Kasners kein Geld in die Zirkulation, so erlag nicht gleich der gesamte Kreislauf - er hielt es einfach aus.

Hätte Vater Kasner damals einen Kredit aufgenommen, hätte er investiert, Theologen für sein Kolleg eingestellt, neue theologische Features eingebaut, teureren Wein gesegnet, was alles natürlich Quatsch ist und irrational zudem, so hätte zunächst auf der Sollseite ein dickeres Minus gestanden. Aber wer sagt, dass die Kasners letztlich nicht besser aus der Misere gekommen wären? Theoretisch jedenfalls, die Praxis jener Tage an jenen Orten hätte dies nicht zugelassen. Hätte er das aber hypothetisch damals zu gehandhabt, so wäre die Investitions- und Konjunkturpolitik von seiner Tochter Regierung womöglich nicht dermaßen geächtet. Sie würde New York, würde den Vorort wählen, den man aufgrund der geographischen Prämissen, der naturgesetzlichen Vorgaben zunächst nicht sehen kann, der aber so viel näher liegt als der Satellit hoch oben.

Der Mond ist aufgegangen - ein sparsamer Trabant, der die Sternlein golden prangen lassen soll. Man schweift in die Ferne, denn dort liegt das Gute doch so nah, scheint es. Ein Europa dieses sonderbaren Mondscheines steht in den Startlöchern, ist teilweise schon Wirklichkeit. Experten, die Sparsamkeit verordnen, leben auf dem hier metaphorisch benutzten Erdtrabanten - und das leider auch nur metaphorisch. Sie dorthin zu schießen wäre schön - aber wie gesagt, in bemannte Mondfahrten wird nicht mehr so viel investiert, als dass man ganze Cliquen verladen könnte. Oder man zieht einfach hinter die Gesteinskugel, verschanzt sich dahinter, in der Hoffnung, seine innere Ausgeglichenheit zu finden; hinter dem Mond fällt einem nicht gleich der Himmel mitsamt Sparsamkeitsengel auf dem Kopf. Biedermeier nannte man das zu Zeiten, da der Mond noch Ausleuchter etwaiger Romanzen war...



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Es gibt keine Missstände

Donnerstag, 30. August 2012

Man darf jetzt nicht Alarm schlagen... nur sachte, nur ruhig. Der Missstand ist keiner - es gibt ihn nicht, es gibt nur falsche Vorurteile, falsche Prämissen die Missstände konstruieren, erfinden, erdichten und herbeidelirieren. Es gibt zwar Rentner, die noch in Lohn und Brot stehen, es gibt zwar 120.000 Mini-Jobber jenseits des 75. Lebensjahres, es gibt ferner mehr als 150.000 sozialversicherungspflichtig arbeitende Rentner, aber das ist kein Zeichen für irgendetwas. Schon gar nicht für eine Fehlentwicklung oder für Altersarmut oder zu kleine Renten - wenn es wirklich irgendein Zeichen sein soll, dann dafür, dass man heute im Alter noch fit ist, dass man als älterer Mensch noch unbedingt arbeiten möchte.

Sagt jedenfalls der Neoliberalismus, der diesmal in corpore Institute der deutschen Wirtschaft (IW), in corpore eines gewissen Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte des besagten Instituts, auftritt. Außerdem weiß der, dass Menschen im hohen Alter arbeiten, weil sie hoch qualifiziert sind - das erklärt zwar gar nichts, denn warum ausgerechnet Hochqualifizierte keine Lust auf einen Lebensabend haben sollten, den sie qua ihrer hochqualifiziert begünstigten Rentenbeiträge sogar finanziell sorglos gestalten könnten, ist kaum erklärbar. Es erklärt höchstens, dass die Deputierten des Neoliberalismus' nicht mal besonders gewitzt lügen können. 120.000 Mini-Jobber, die weit, die sehr weit, eine Dekade und mehr über dem Renteneintrittsalter liegen; Mini-Jobber, das sind solche, die sich für 400 Euro oder weniger den krummen Buckel nochmal eine Idee krummer machen - und die sollen hoch qualifiziert sein? Sind das also die Konditionen, unter denen hoch qualifizierte Menschen im neoliberalen Utopia arbeiten sollten?

Nein, es gibt keinen Missstand im Lande Neoliberalia - es gibt nur Umstände, die man jederzeit zuversichtlich, optimistisch und zukunftsfreudig umschreiben muss, damit sie zu erträglichen Sachverhalten verbrämen. Fehlt Geld im Bildungswesen, so ist es kein Missstand, denn irgendein geschwätziger arbeitgebernaher Instituts-Beschwichtiger wird gleich fröhlich davon berichten, dass das den Wettbewerb anfeuere und dass das nötig sei, um Kinder zu guten Arbeitskräften auszubilden. Gehen mehr Leute trotz Krankheit zur Arbeit, weniger Leute zum Arzt, dann nur keine Panik, denn gleich kommt der Stimmungsaufheller, gleich hören wir, dass dies ein Zeichen erhöhter Volksgesundheit sei und der durchschlagende Erfolg von Tabletten, die schnell wirkten und einen Arztbesuch unnötig machten. Leider wüssten das aber immer noch zu wenig Menschen, gingen daher immer noch zu viel zum Arzt, wo es doch so wirksame Pillen gäbe...

Alarmismus ist die Sache des Neoliberalismus nicht - nicht wenn es um seine Grundpfeiler geht, um seine Säulen. Nicht wenn seine Fassaden und Träger im grauen und erdrückenden Brutalismus mitten in die Gesellschaft gepflanzt werden; wenn sein Baustil für seine nüchterne Art, für seinen béton brut ins Gerede kommt, dann gilt es, den Alarm zu unterbinden. Wenn es allerdings darum geht, die Grundfeste anderer Weltauffassungen zu erschüttern, wenn er die Stelen der Fürsorge und Teilhabe, der Rechts- und Sozialstaatlichkeit abtragen will, dann kann der Alarm für ihn gar nicht schrill genug sein. Aber was sind schon 270.000 alte Menschen, die ihren Lebensabend mit Erwerbsarbeit verbringen, wenn doch gleichzeitig der Sozialstaat die Staatsschulden steigert und die Krise verstärkt, wenn Hartz IV die Faulheit fördert und zu hohe Renten die Jungen ausblutet?

Keine Panik, denn schon vor Monaten hat die Anpack-Ministerin erklärt, dass sie der Altersarmut an den Kragen gehe - indem sie die Zuverdienstmöglichkeiten für die working old ausweitet. Nicht hadern, nicht schimpfen, es wird ja was gemacht! Für all die vielen Rentner, die noch so fit sind, dass sie ihre welke Haut zu Markte tragen wollen. Sie sollen belohnt werden, Leistung muss sich doch wieder lohnen - es kann nicht sein, dass faule Rentner genausoviel haben, wie die, die arbeitsam sind. Missstand wäre, wenn Zuverdienstgrenzen den Fleiß mit der Faulheit gleichstellten - aber dem ist ja so nicht. Es gibt also keinen Missstand...



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Omen non est omen

Heute: Marketing

Ein Gastbeitrag von Markus Vollack.
"Unternehmen wollen schließlich kein passiver Spielball des Zufalls sein. Sie wollen aktiv Einfluss auf das Marktgeschehen nehmen und durch einen gezielten, wirkungsvollen Einsatz der Marketing-Instrumente die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen."
- Uwe Engler, Ellen Hautmann, "Grundwissen Marketing", Cornelsen 2010, S. 9 -
Marketing bezeichnet die pseudowissenschaftliche Kunst und Möchtegern-Philosophie des Verkaufens. Demnach ist die ganze Welt ein Produkt und alle Menschen haben unendlich viele Bedürfnisse, die durch den Gott-Markt-Leviathan befriedigt werden sollen. Die Fähigkeit menschliche Bedürfnisse erst gezielt zu konstruieren, um dann genau diesen Bedarf mit einem Produkt zu befriedigen, das ist Marketing.

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Aktenzeichen XY... aufgelöst!

Mittwoch, 29. August 2012

Als Kind machte Aktenzeichen XY... ungelöst großen Eindruck auf mich. Die Sendung kam mir vor wie ein Ausbund an Seriosität, auch wenn ich damals natürlich kaum wusste, was gemeinhin als seriös zu bezeichnen ist und was nicht. Aber die getragene Miene Zimmermanns, die unaufgeregten Zwischenstimmen aus Wien und Zürich, dazu Einspieler, die wie ein sachliches Polizeivideo wirkten - all das festigte schon einen gewissen seriösen Ruf, den die Sendung bis heute hat. Ohne Zweifel ist Aktenzeichen XY auch heute noch ein seriöses Format, vergleicht man es mit dem, was uns das Fernsehen sonst so schenkt. Aber der nüchterne Ton der Sachlichkeit, die trocken auf Fakten aufgebauten Filme und der unaufgeregte Eifer der Personen im Hintergrund sind verschwunden - heute gestaltet sich die Sendung weniger rational und objektiv. Dieser Verlust des Spartanischen ist auch ein Verlust an Qualität und rüttelt am eigenen Sendungsbewusstsein.

Ein Studio in Betriebsamkeit

Teilweise könnte man den Eindruck erlangen, dass Aktenzeichen XY mit einem Ermittlungs- und Aufklärungsformat wenig zu tun hat. Das früher so farblos getragene Konzept, das sich auf Inhalte versteifte, das Fakten und Indizien lieferte, stand dem Rahmen der Sendung gut zu Gesicht. Das ocker gefärbte Studio, so muß man schon zugeben, wirkte nie besonders freundlich - aber das Motiv der Sendung war ja auch nicht Freundlichkeit, sondern die Aufklärung von Verbrechen, daher passte das auch farblich. Jetzt plötzlich turnen Ermittler und Stichwortgeber durch das Studio, im Hintergrund rumort es stetig und neulich beschloss Rudi Cerne seine Sendung, indem er einer im Studio anwesenden Polizistin mitteilte, sie habe Anrufe von Verehrern erhalten. Letzteres war auflockernd gemeint, aber es schien doch wenig angemessen und raubte der Sendung abermals die Getragenheit, die ihr einst Seriosität verliehen hat.

Man wird auch den Eindruck nicht los, dass die Telefonzentrale im Hintergrund weniger wirkliche Funktion hat, als sie Suggestion sein soll. Da werden womöglich weniger "sachdienliche Hinweise" als Rührigkeit und Fleiß der Polizei vermittelt. Man soll als Zuschauer das Gefühl nicht loswerden, dass der heiß errötete Draht nie abkühlt, dass wie im Sekundentakt Fälle in die Nähe von Aufklärung rücken. Dieser Mensch vom Bayerischen Landeskriminalamt, der in jeder Sendung Zwischen- und Endstand verkündigt, wirkt stets sachgerecht außer Atem gesetzt und wie Wild gehetzt - wie souverän doch Peter Nidetzky und Konrad Toenz waren, die trocken aus ihren Studien in Wien und Zürich verlasen, was an Hinweisen hereinkam. Sie wirkten wie Technokraten, das stimmt schon - lächelten nicht, waren unerbitterlich humorlos, steckten in billigen Anzügen. Doch genau diese Grauheit kam dem Format zupass; Selbstdarstellung wurde pfleglich vermieden. Aktenzeichen XY war einst die stoische Trotzburg gegen das Verbrechen im Fernsehen - heute ist sie die in Bildern festgehaltene Hektik, die man dem Verbrechen entgegensetzt. Dieser unbeteiligt wirkende Gleichmut vergangener Tage entsprach der Agenda der Sendung - da waren kühle Analytiker und Hinweisverwerter am Werk, die nicht durch Show, sondern durch eifriges Sammeln und Auswerten zum Fahndungserfolg beitragen wollten. Die nervöse Betriebsamkeit von heute führt sicherlich auch zu Erfolgen, wirkt jedoch eher wie das wilde Herumschwirren eines provozierten Bienenschwarms als wie die nüchterne Arbeit von polizeilichen Fachkräften.

Diebe auf den ersten Blick

Die Einspieler heute unterscheiden sich eklatant von denen, die vor vielen Jahren noch Aktenzeichen XY ausmachten. Natürlich sind die laienhaft motivierten Dialoge geblieben. Die gab es auch damals. Bevor in den Filmen heute das Verbrechen geschieht, vermittelt man einen Eindruck über ein privates Idyll, in welches gleich das Unglück einbricht. Die Opfer erleben das ja auch sicher so, ob allerdings das Malen von Weiß und Schwarz notwendig ist, um dem Zuschauer den Sachverhalt nahezubringen, bleibt dahingestellt. Diese Betonung von Gegensätzen ist heute ausgeprägter als vormals; es ist auch zu vermuten, dass man hier gezielt die emotionale Schiene bedient, wie man das heute gerne tut und die bei Aktenzeichen XY in frühen Tagen nicht befahrbar war. Kurios ist manche filmische Darstellungsweise. Zu Zimmermanns Zeiten wurden die unbekannten Täter zwar auch filmisch dargestellt, nur sah man weitestgehend das Gesicht des Mimen nicht. Man wollte die Zuschauer nicht vorprägen und konditionieren, abrichten auf das Gesicht eines Darstellers, der zwar vielleicht Ähnlichkeit mit dem wirklichen Täter aufweisen konnte, aber eben doch nicht der Täter war. Anfang 2012 wurde erstmals ein Aktenzeichen XY-Darsteller dingfest gemacht; festgenommen von der Stuttgarter Polizei  - man hatte ihn in der Sendung gesehen und sein Gesicht hatte sich als das des Täters festgebrannt. So macht man Diebe auf den ersten Blick - denn dieser erste Blick ist es, der jede ergebnisoffene Fahndung entweder weiterführt oder verhunzt; einmal gesehen - und sei es falsch gesehen - und ein Bild setzt sich in Gedanken fest.

Nicht minder kurios, wenn auch vielleicht mit weniger drastischen Folgen, sind Filme, in denen man als Zuschauer plötzlich den Blickwinkel eines Mordopfers einnimmt, kurz vor dem Sturz zu Boden oder schon am Boden liegend, mit den Augen des Sterbenden zusieht, wie der Täter abzieht, wie er vielleicht noch die Taschen leert oder das blutige Messer abwischt. Grob verfälschend mag das nicht sein, aber makaber und effekthaschend ist es dennoch. Der Zuschauer von Aktenzeichen XY soll eigentlich Informationen und Fakten erhalten, um daraus vielleicht Hinweise zu rekrutieren. Was die Verschiebung des Blickwinkels, die ja nichts als Spekulation ist, an Hinweisen ergeben soll, kann nicht sinnvoll beantwortet werden.

Blut, Sitzkreis und Tränen

Das Plot von damals würde heute langweilen. Insofern ist eine Modernisierung der Sendung natürlich nicht zu beanstanden. Gewisse Neuerungen sind aber mehr als gewöhnungsbedürftig. So ist es nun Sitte, dass gelegentlich Hinterbliebene von Mordopfern ins Studio eingeladen werden. Dort formen sie einen Sitzkreis, einen Halbkreis und berichten über die Qualen der letzten Monate, die in ihr Leben einbrachen. Bei allem nötigen Respekt vor diesen Leidenswegen: Welchen Erkenntniswert, welche Fakten sollen dem Zuschauer so geliefert werden? Eine unglückliche Mutter mag Herzen berühren, hilft aber bei der Verbrechensaufklärung wenig. Die Trübung durch emotionale Anteilnahme hemmt Ermittlungen und beeinträchtigt Zeugen. Und immerhin sind die Zuseher von Aktenzeichen XY nicht weniger als potenzielle Zeugen - und dementsprechend sollte man einige Standards, die im Umgang mit (möglichen) Zeugen zu berücksichtigen sind, einhalten. Zugunsten der Emotion, die heute offensichtlich auch in einer seriösen Sendung nicht mehr fehlen soll, trübt man den klaren Blick, manipuliert man die Objektivität, die ja im Erinnerungsvermögen von Zeugen ohnehin nur sehr porös ist.

Unlängst präsentierte Rudi Cerne einen Fall, der auch mittels Film vorgestellt wurde. Im Anschluss fand sich kein polizeilicher Mitarbeiter ein, um die Ermittlungen zu belegen und um Mithilfe zu bitten, sondern eine Psychologin, die in einem kurzen Gespräch erläutern sollte, welche seelische Grausamkeit das im Film gesehene Opfer zu ertragen hatte und wie man nun therapiert. Dass das weder besonders spannend noch aufklärerisch war, bedingt durch die Kürze der Zeit, ist die eine Sache - was eine solche Aufarbeitung des Falles in einer Sendung zu suchen hat, die sich der Aufklärung von Verbrechen verschrieben hat, kann wahrscheinlich niemand beantworten. Auch hier überwiegt die emotionale Komponente, auch hier verweigert man die Nüchternheit, die dem Sendeformat eher zupass kommen sollte.

Banale Crimetime

Verbrechen thematisch zu behandeln heißt für die Medien heute auch, Worte des Trostes und der Anteilnahme zu spenden, und eine inhaltliche Verlagerung auf Gefühlsebene zu begehen. Ohne Emotionalität ist die Behandlung von Verbrechen nicht mehr denkbar, nicht mal in einer Sendung, die Ermittlungen vorantreiben und wiederbeleben will, die sich also qua Konzept mehr dem Täter als dem Opfer widmen sollte. Zudem braucht das Verbrechen heute ein Gesicht, da läßt sich Aktenzeichen XY neuerdings von Vorabendserien des Privatfernsehens inspirieren; der gut durchdachten Ansatz von früher, den Täter im Film anonymisiert und gesichtslos vorgehen zu lassen, um etwaiges Erinnerungspotenzial zufällig zuschauender Zeugen nicht leichtfertig zu zersetzen, zu zerstreuen oder zu beeinflussen, ist endgültig in der Mottenkiste gelandet.

Aktenzeichen XY war lange Jahre eine nüchterne, eine stoische Sendung. Man hatte den Eindruck, es ging tatsächlich um Aufklärung, um effektives Vermitteln von Tatbeständen, die der Zuschauer ergänzen soll - man glaubte, es sei keine Unterhaltung im eigentlichen Sinne, sondern es wird ohne Rücksicht auf das, was der Zuschauer gerne sehen möchte, um sich zu unterhalten, gesendet. Das machte den Charme der Sendung aus - und es formte die Seriosität, die man dieser Sendung attestierte. Dass es denen von Aktenzeichen XY um Wahrheit gehe, konnte man glauben - und vermutlich war das auch ein Motiv. Heute ist nicht auszuschließen, dass es den Beteiligten immer noch darum geht, aber sie tun viel dafür, dass man das nicht mehr ganz so blauäugig glauben darf. Die Sendung gleitet ab, sie wird zur banalen Crimetime, die durch lästige Faktenlagen und Polizeiberichte gestört werden. Vielleicht ist es zu viel, vom Niedergang einer Sendung zu sprechen. Die Tendenz weist aber dorthin.



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Pop, Aktion und Überlegenheitskult

Dienstag, 28. August 2012

Was den aufrührerischen Mösen widerfahren ist, kann man natürlich moralisch nicht akzeptieren. Zwei Jahre Straflager für ein Vergehen, das doch relativ belanglos erscheint, sind nicht nur übertrieben, sondern normal für eine politisch motivierte Justiz – nicht das Strafmaß ist demnach unerträglich, sondern der Umstand, dass es von einem unfreien Gericht beschlossen wurde. Überhöht scheint es dennoch. Gleichwohl ist der Aufruhr, den Pussy Riot weltweit erregte, an popkulturellem Einheitsbrei und ritualisierter Anteilnahme kaum zu übertreffen.

Die Unterstützer geben sich popkulturell...

Richtig ist, dass das Gerichtsurteil nicht unabhängig gefällt wurde und dass das Strafmaß in keiner Relation zur Tat stand. Richtig ist es natürlich durchaus auch, dass man sich solidarisch zeigt und eine solche Praxis verurteilt. Warum aber nur Verurteilungen gen Moskau? Solidaritätsbekundungen nach Sibirien? Wieso nicht nach London, wo man erwägt, eine Botschaft zu stürmen? Wo haben sich einst junge Männer solidarische Bärte stehen lassen, um auf die politische (Selbst-)Justiz einer USA zu verweisen, die islamische Männer ohne Prozess für Jahre in einem Straflager verschwinden läßt? Rund um die Welt setzen sich Menschen nun Kapuzen auf; solidarischer Mummenschanz, der massenkompatibel aufgezogen wird, der Eventcharakter birgt, der einfach gut ankommt, weil er spaßig wirkt, originell und verspielt – das ist vieles, sicherlich aber nicht kritisch oder hochgradig politisiert, wohl aber Popkultur, mit all ihren konformistischen Attributen. Sie gestaltet sich schrill, schräg und bunt – und ist somit prädestiniert für einen Geschmack, der die Breite trifft. Wie die Kulturindustrie, frei nach Adorno und Horkheimer, eine Popkultur, Popliteratur, Popkino schafft, so verankert sie auch pop politics, installiert sie Popsolidarisierungen. Das sind relativ entpolitisierte, inhaltslose, dafür aber ästhetisch konzipierte Solidaritätsbezeugungen, die einen konformistischen Zwang zur Ästhetik und zu Schlagworten, die ja nichts anderes sind als verbale Harmonisierungen, nicht aber auf inhaltliche Bereicherung und Einbringung neuer Aspekte und Sichtweisen, ausüben.

Dass selbst Leute wie Westerwelle und Merkel den Namen Pussy Riot in den Mund nehmen, verdeutlicht mit welcher populärkultureller Verbrämung, ja mit welchem Populismus hier hantiert wird – glaubt man ernsthaft, eine deutsche Band nennte sich Mösen in Aufruhr, man würde den Namen aus Politikermund hören? Eher rümpften sie sich die Nasen, wenn sie überhaupt irgendwas dazu sagten. Man würde sie eine Anarchoband nennen, ohne konkrete Namensnennung, und man würde verurteilen, dass sie im St.-Paulus-Dom zu Münster gotteslästerliche Texte anstimmten. Und just in dem Moment, da diese Zeilen hier formuliert werden, kommt zu Ohren, dass Nachahmer im Kölner Dom ein Happening starteten und dafür verhaftet wurden. Hatten die zwei Männer und die Frau zu Köln keinen Namen? Sie sind nur einige Nachahmer. Wäre es denkbar, dass sich Westerwelle für eine fiktive Band stark machte, die sich Regensburger Domfotzen nennte, die in eben diesem Dom ein provokantes Happening abhielten? Wie oft käme ihm der Name über die Lippen?

... die Band baute auf Happening und Aktionismus...

Von mancher Seite vernahm man, dass künstlerische Freiheit nicht vor Gericht gehörte - auch Westerwelle diktierte das so in ein Mikrofon. Das ist nicht falsch, hat aber mit den aufrührerischen Mösen wenig zu tun. Gleich dazu mehr; zuerst aber: Was die Frauen in Moskau taten erinnerte an Happening, an die Aktionskunst, wie sie vor fünfzig Jahren Wiener Künstler begingen. Daher auch der Name Wiener Aktionismus - neu ist also Pussy Riots Auftritt nicht; und besonders radikal war er auch nicht. Oswald Wiener, Vater einer heute bekannten Fernsehköchin, verrichtete im Gegensatz dazu beispielsweise im Hörsaal der Wiener Universität seine Notdurft, masturbierte und schmierte sich mit Scheiße ein und trällerte dabei die österreichische Nationalhymne - all das auf einer ausgebreiteten Nationalflagge Österreichs. Kunst und Revolution nannte sich die Aktion. Wiener wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt, ein Verfahren wegen Gotteslästerung war anhängig, als er aus Österreich floh.

Aktionskunst richtet sich in seiner politischen Spielart provokativ und bewusst übertrieben gegen gesellschaftliche Zustände, die als erdrückend und autoritär verstanden werden. Sie sucht die Konfrontation. Betont unflätige Ausdrucksweisen und Tabuverletzungen sollen gesellschaftliche Zusammenhänge blanklegen und perverse Entwicklungen entlarven. Aktionskunst will schocken und versteht sich als Impulsgeber eines heilsamen Schocks; Aktionskunst ist Avantgarde, dass sie im aktuellen Fall popkulturell flankiert wird von ihren Unterstützern rund um die Welt, ist eher kurios. Oswald Wiener war seinerzeit nicht ganz konsequent, sollte zynisch angemerkt werden. Denn die Bestrafung und die juristische Zurschaustellung der Aktionskünstler ist ja für die Aktionisten selbst keine Überraschung, auch gar nicht so sehr ungewollt. Gerade ein überhöhtes, ein lächerlich übertriebenes, von lächerlichen Systemvertretern angestrebtes Urteil zeigt ja auf, dass die angebrachte Kritik, die im Happening lag, nicht herbeiphantasiert war, sondern realistisch eingeschätzt wurde. Wer auf die Nationalflagge scheißt, um die nationalistischen Impulse zu veralbern, und hernach für die Verletzung nationaler Symbole verurteilt wird, bestätigt nur, dass er richtig lag. Wer Putin einen Gott nennt und die Orthodoxie der Nähe zur politischen Macht bezichtigt, danach wegen Gotteslästerung verurteilt wird, der unterstreicht, dass er mit seiner Einschätzung nicht so ganz falsch gelegen haben muß. Gerichtliche Konsequenzen sind damit nicht Angriff auf die künstlerische Freiheit, wie eben unter anderem jener Westerwelle meinte, sondern gehören der Aktionskunst an – gerade das Urteil soll ja aufzeigen, soll bekräftigen, soll attestieren. Insofern ist die Aktion gelungen - und sieht man den jungen Frauen ins Gesicht, auch diesem Gatten einer dieser Frauen, der durch Interviews und westliche Reportagen gereicht wird, so meint man durchaus, eine gewisse Zufriedenheit erkennen zu können. Dass das Strafmaß unter formalen Gesichtspunkten überzogen ist, dass eine Geldstrafe ausgereicht hätte, ist natürlich eine andere Geschichte.

... und der Westen setzt auf kulturelle Überlegenheit.

Pussy Riot wird zweifellos instrumentalisiert; die jungen Frauen sind die nützlichen Idiotinnen eines Westens, der vorlaut davon selbstüberzeugt ist, die altertümlichen Rituale einer Diktatur, die Atavismen der Willkürherrschaft, schon vor langer Zeit gänzlich abgelegt zu haben. Aber grundsätzlich unschuldig sind sie nicht, grundsätzlich als Mädchenstreich, wie das namhafte Politiker hierzulande runterspielten, war die Aktion nicht gemeint. Wer das als Streich abtut, tut den Frauen auch keinen Dienst, denn er entkräftet damit die Ernsthaftigkeit, die hinter dem Happening stand; aberkennt den künstlerischen Impetus der Aktion. Natürlich war die Aktion eine provokante politische Manifestation, natürlich wurde beleidigt, natürlich hat man die Ausübung von Religion gestört und religiöse Gemüter erschüttert und gekränkt. Für all das geht man auch in der Kultur der Überlegenheit, im Westen, zumindest theoretisch, in den Bau. So schlimm, dass jemand in ein Straflager muß, war die Aktion freilich nicht - aber unjustiziabel ist sie eben auch nicht. Und wie erläutert, darf sie gar nicht sein, wenn sie als ernsthafte Manifestation begriffen sein will.

Die Anhänger von Pussy Riot plädieren ganz pop culture für Straffreiheit. Auch sie tasten damit das Werk an; nebenher stützen sie die These, dass der Westen kulturell überlegen sei. Die Strafe ist qua vorhandener Gesetze aber nicht einfach zu erlassen. Solche Gesetze kann man richtig oder falsch finden - sie finden sich aber nicht nur im Putins Rußland. Die Form, wie man verurteilte, das ist der Skandal - nicht, dass es eine Strafe gab. Sie ist gesetzlich vorgesehen und soll vor Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen abschrecken - was nicht ganz unvernünftig ist, denn dieser Schutz ist auch ein Aspekt der Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit. Nicht nur, dass man zu keiner Religion gezwungen werden kann, steht dort auf der Agenda, sondern eben auch, dass man Religionsausübung respektieren muß. Dass nicht alles respektlos ist, was religiöse Menschen und Glaubensgemeinschaften so alles meinen, versteht sich natürlich von alleine. Und letztlich ist die Bestrafung nicht das bittere Ende eines Happenings, sie ist die Vollendung - sie schafft Märtyrer, sie macht sichtbar, was man schon vorher wusste. Die Bestrafung außer Kraft setzen zu wollen bedeutet unter künstlerischen Gesichtspunkten auch, die Aktion der drei Frauen gar nicht vollumfänglich begriffen zu haben - wenn Aktionskunst mit pop culture beantwortet wird, dann ist so eine Unbegreiflichkeit vermutlich folgerichtig.



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Die große Nacht des deutschen Sports

Montag, 27. August 2012

Nun also doch! Seine zweiten Plätze, die man in diesem Lande als zu wenig Leistung, als Produkt seines Übergewichts, als Fabrikat seiner mangelnden Quälbegabung - Quäl dich, du Sau! - erklärte, werden nun doch gefeiert werden können. Nicht, weil sie Zweiplatzierung sind, sondern weil sie es waren, weil sie nun das Entree dafür sind, in den Tour-Palmares gründlich nach oben zu rücken. Nun einer der erfolgreichsten Touristen aller Zeiten zu werden. Nach dem Tour-Sieger 1997 auch noch 2000, 2001 und 2003 - und einen Armstrong hat es nie gegeben. Wie hieß noch gleich der Fahrer, der auf Ullrich, den sie dann wieder Jan oder Ulle nennen, gewartet hat, als dieser in den Graben fuhr? Nur ein Schatten, nur ein Phantom, den gab es nie! In Jahren wird man von der Ära Ullrich sprechen, vom viermaligen Sieger, von einer Legende, von den goldenen Jahren des deutschen Radsports. Ein wenig suspekt war es dazumal schon, suspekt war Ulle zwar, aber das waren andere auch schon; da kommt einem der zwielichtige Anquetil in den Sinn...

Der deutsche Blätterwald wird ihn nicht feiern, wird nicht laut Hurra! rufen - Ullrich selbst wird ohnehin nicht in Überschwang ersaufen. Auch die Presse wird es nicht tun. Aber man darf Wetten darauf abschließen, ob man den Mann, der medial so gut wie tot ist, der verspottet und nicht verstanden wurde, wie kaum ein anderer Sportler zuvor, nicht doch wieder rehabilitiert. Dezent und wortkarg, sehr bedachtsam und einsilbig. Aber sollte der Fahrer, der siebenfach die Tour de France gewann, von der Abteilung Miniwahr der amerikanischen Anti-Doping-Agentur einer damnatio memoriae, einer Verdammung des Andenkens unterstellt werden, so ist damit zu rechnen, dass der bescheidene Bub aus Rostock und Merdingen, der schüchterne Schlacks, zaghaft wieder "der Jan" wird, der er schon mal war - nicht überstürzt, wahrscheinlich wird der Jan auch weiterhin der Ullrich sein, aber man wird lesen "... der viermalige Tour-Sieger..." oder so. Und alles nur, weil dieser Fahrer, dieser... wie hieß er noch?... weil er ausgelöscht wurde. Wobei mit der Löschung eines Delinquenten auch die Löschung gelöscht ist, denn was nie war, konnte auch nie gelöscht werden!

Nun könnte man einwenden, dass es schon ein starkes Stück ist, einen schmutzigen Sportler durch einen schmutzigen Sportler auszuwechseln. Das kann man nachvollziehen, ist aber nicht Gegenstand dieser Zeilen, soll er auch nicht sein. Der Zynismus des Publikums, einerseits sein Herz auf sauberen Sport zu setzen, während man andererseits ständig auf spektakuläre Momente, auf Klettermaterialschlachten und Show-Downs in den Alpen hofft, wurde hier schon mehrfach thematisiert. Doping ist nicht die Sünde einiger Fahrer - es ist die Folge einer Erwartungshaltung, die der Verbraucher und Konsument an den Sportler richtet, die er ihm aufnötigt und die er ihm argwöhnisch unter die Nase reibt, wenn die Erwartung unerfüllt bleiben. Dann wird die Liebe entzogen und die Journaille schüttelt sich entrüstet darüber, dass einer wie Ullrich nur Zweiter wird; nur Zweiter im schwersten Straßenrennen der Welt - nur Zweiter, erster Verlierer also.

Lassen wir das Dopinggeschwätz beiseite. Da reden schon zu viele mit, machen schon zu viele den Mainstream zur Tummelwiese nur einer Meinung, die nicht angetastet werden kann, ohne als Häresie unter Verdacht gestellt zu werden. Den Ullrich, den sie traten, den sie verspotteten und für den größten Verlierer aller Zeiten erachteten, werden sie nun zurückführen in die Mitte der Leistungsträgerschaft. Erfolg macht sexy - und sei er am grünen Tisch erfolgt, sei er nur das Produkt von Streichung anderer Teilnehmer. Erfolg stammt nicht irgendwie von Sieg, von Gewinnen, es kommt von Erfolgen: Tour-Siege am Tisch erfolgt - daher kommt das Wort; dem Ulle nun einen späten Erfolg nachzusagen, ist begrifflich nicht mal gelogen.

Diese große Nacht des deutschen Radsports, diese Nacht des 23. August 2012, während wir alle schliefen, während Ullrich schlief, beschert einen Deutschland einen Pedaleur, der nicht nur begabt war, wie kein anderer, sondern auch erfolgreich - reich an erfolgten Titeln. Nach Indurain, nach Hinault, Merckx und Anquentil, allesamt fünfmalige Champions in Paris, steht da Ullrich, vier Titel auf dem Polster; drei davon hat er sich im Schlaf gesichert - auch so eine Legende für das Jahr 2063, wenn man Ullrichs neunzigsten Geburtstag feiern wird. Als wir schliefen, gewann er dreifach die Tour de France - man wird Schlafen in Erinnerung haben, man wird Siegen konnotieren und schreiben, dass "... in der Ära Ullrich kein Kraut gewachsen war, um den Champion zu schlagen; er gewann wie im Schlaf..." Und in dieser Ära, in der Frankreich vom deutschen Radsport besetzt war, da gab es noch einen deutschen Sieger, einen gewissen Klöden, der 2004 die Rundfahrt gewann. Zur Jahrhundertwende, so schreibt man 2063, "... sei der Radsport eingedeutscht worden..." Armstrong? Was hat ein Astronaut mit Radsport zu tun? Armstrong? Der Mann mit den Mordsbacken, der von der Wunderful World sang? Trompetete der etwa damals in Paris die deutsche Hymne?

Überhaupt so ein seltsames Wochenende; sehr armstrongunfreundlich. Da wird Lance Armstronug entstattgefundet, also getilgt, und gleichzeitig findet auch der Armstrong nicht mehr statt, den ich oft versehentlich nannte, wenn ich Lance meinte -  ich meine damit den, der kleine Schritte für die Menschheit machte, ich meine damit den Neil. Und just an diesem Wochenende finde ich meine Platte Satchmo at Symphony-Hall nicht mehr... aber das nur als kurzer Einwurf.

Es wäre doch schade um die schönen Titel. Und als Zweiter ist man doch nicht erster Verlierer - man ist Gewinner auf Abruf. Nicht alle Tour-Helden müssen viel Gelb tragen. Radsport ist der Sport, bei dem man auch als Sechzigjähriger noch Siege einfahren kann; entwickelt man in dreißig Jahren noch stichhaltigere Dopingkontrollen, so sind vielleicht alle Sieger von heute ein Fall für die Löschung aus dem kollektiven Gedächtnis. Dann gewinnt ein Sechzigjähriger rückwirkend die Tour de France. Nie war ein Sport so seniorenfreundlich; nie war ein Sport so spannend und abwechslungsreich...



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Sit venia verbo

Sonntag, 26. August 2012

"Mit seinem 1902 erschienen Buch Mutual Aid: A factor of evolution (Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt), wollte er den sozialdarwinistischen Tendenzen seiner Epoche entgegentreten. Kropotkin berichtet darin von Insekten, Vögeln und Säugetieren und ihrer Hilfsbereitschaft untereinander. Gemeinsames Jagen, gemeinsames Aufziehen von Jungtieren, gemeinsame Pflege kranker Artgenossen, gegenseitiger Schutz in Herden, erlernte Konfliktvermeidung - die "Gegenseitige Hilfe" war für Kropotkin eine bewiesene und damit eine erfolgreiche Überlebensstrategie. Er entlarvte sie als wesentlichen Evolutionsantrieb. Die Sozialdarwinisten hätten nicht verstanden, dass "Survival of the Fittest" nicht bedeute: der Stärkste, der Rücksichtsloseste, der Gierigste überlebe, sondern dasjenige Wesen, das am besten angepasst sei. Dass manche Spezies dennoch wie Sieger eines Kampfes aussehen, sich also hemmungsloser vermehren, während andere verschwinden, habe mehr mit Klimaschwankungen und Krankheiten zu tun - nichts aber mit Sieg oder Niederlage beim "Kampf ums Dasein".
Kropotkin überträgt die "Gegenseitige Hilfe" im Verlauf seines Buches auf die Menschen. Aufbauend auf Clangesellschaften, Dorfgemeinschaften und Zünften landet er in der modernen Welt - sich zu helfen, es ist demnach kein christlicher oder moslemischer oder jüdischer Kodex, auch keine profane ethische Haltung, sondern dem Wesen des Menschen so immanent, wie jedem natürlichem Geschöpf. Der Mensch sei daher nicht gut, weil es Religionen gelegentlich empfehlen, es ist umgedreht: Religionen lehren hin und wieder ethische Grundsätze, weil sie im Menschen a priori verankert sind.
Der "Kampf ums Dasein", zum alleingültigen Naturgesetz erklärt, später zum Kulturgesetz der kapitalistischen Welt gekrönt, war in Augen Kropotkins nichts weiter als die Rechtfertigungsgrundlage der Sozialdarwinisten. Die "Gegenseitige Hilfe", wenn schon nicht zu leugnen, sie doch als Aspekt auszuklammern und zu verschweigen, gehöre letztlich zum Konzept der Rechtfertigungslehre."
- Roberto J. De Lapuente, "Auf die faule Haut: Skizzen & Essays" -

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Weil ich es mir wert bin

Freitag, 24. August 2012

Ich will günstig einkaufen, billig Dienste geleistet bekommen, will jeden Tag neue Schnäppchen. Ich will, dass das, was heute billig ist, morgen noch ein klein wenig billiger wird. Ich bin ja nicht für niedrige Löhne und Personalabbau, damit billig verkauft werden kann - aber ich bin dafür, nicht zu viel Portemonnaieabbau betreiben zu müssen. Ich selbst will ja auch einen ordentlichen Lohn, ich habe ein Anrecht darauf, ich leiste ja gute Arbeit, ich bin loyal und engagiert. Ich bin es wert, ich bin es mir wert - denn unterm Strich zähl’ ich.

Ich will freundlich umworben werden, begrüßt und empfangen, egal wohin ich auch komme. Was schert es mich, dass die Empfangsdame unterbezahlt ist. Das kann sie ärgern, aber nicht an mir ablassen. Denn ich bin Kunde und der Kunde ist König - ich bin König. Ich habe ein Recht darauf, bevorzugt behandelt zu werden. Ich bin doch zu mir selbst auch nett. Ich will Freundlichkeit erleben, Aufmerksamkeit erfahren, ich will umgarnt und versorgt sein. Das ist mein Anspruch als Kunde. Letztlich zähle nur ich, denn ich bezahle die Rechnungen derer, die mein Geld wollen. Ich sorge dafür, dass sie essen, ich bin ihr Arbeitgeber. Da ist es recht und billig, dass man mich hegt und pflegt und liebevoll umsorgt.

Ich will versorgt, ich will im Alter abgesichert und behütet sein. Ich will nicht, dass mein schwer erarbeitetes Geld im Staatsrachen landet, ich möchte mein Geld behalten, ich möchte es privat anlegen, denn ich möchte hohe Renditen erwirtschaften. Solidarität ist ein tolles Wort, ich bin dafür - aber nicht auf meine Kosten. Ich sehe das gar nicht ein. Was habe ich denn davon, wenn man Fremde von meinem Geld durchfüttert? Es ist nur gerecht, wenn ich mein Geld für mich behalte, um es dann für Sozialprojekte auszugeben, die ich bevorzuge. Am sozialsten ist es immer noch, Arbeit zu schaffen, ist es immer noch, wenn ich mein Geld in Discounter trage, damit mein Geld dort Arbeitsplätze sichert.

Ich will Spaß, ich geb' Gas. Ich will laute Musik hören, trinken, speisen, tanzen. Ich will günstig in den Urlaub fliegen, günstig tanken, ein günstiges Auto. Drei, zwei, eins - meins! Ich will Freude am Leben, will erstklassig bedient werden, will herausragende Events für kleinen Preis. Auf Kosten meiner Mitmenschen? Was kümmert es mich denn? Ich bin mir selbst Mitmensch genug, ich habe es mir verdient, mich in die Spaßindustrie zu werfen, dort billig und tüchtig liebkost zu werden. Schade, dass dort Menschen ausgebeutet, Niedriglöhne ausbezahlt werden, aber ich kann darauf keine Rücksicht nehmen, wenn ich Zerstreuung und Erholung suche. Ich muß doch auch mal an mich denken!

Ich will nicht warten, ich will mich nicht in einer Reihe anstehen, ich will nicht schweigen, wenn eine Kassiererin offensichtlich zu langsam tippt. Ich lebe doch im Jetzt, nicht im Später. Ich plärre dann, ich schreie durch den Laden. Dieses Recht habe ich, denn ich bin es dem Unternehmen wert, zufriedengestellt zu werden. Ich will keine Wartezimmer von Innen sehen müssen, ich will nicht erst der Vierte sein, der drankommt. Ich will auch nicht der Dritte oder Zweite, ich will Erster sein, immer Erster sein, egal wo. Das ist mein Anspruch, ich bin mir wichtig genug, immer ganz vorne landen zu dürfen. Notfälle hin oder her, Schmerzpatienten so oder so, der schlimmste Notfall bin immer ich, gleichgültig, was mir fehlt. Habe ich einen harmlosen Schnupfen, bin ich schlimmer dran, als ein fremder Krebskranker. Seine Krankheit ist nicht meine. Mein Leid ist mein Leid, meine Not geht mir ans Herz. Ich habe ein Recht darauf, sofort und kompetent behandelt zu werden - ich zuerst, ich vor allen anderen.

Ich will den besten Lebenspartner, schön muß er sein, intelligent, humorvoll, ein geiler Zahn, immer bereit für Sex, wenn ich Befriedigung brauche. Ich habe mir ein Musterexemplar als Gegenstück verdient. Er muß zu mir passen. Solange er passt, passe ich gerne zu ihm. Aber ich muß die Freiheit haben dürfen, mich auch trennen zu dürfen, wenn es mir nicht mehr passt. Dann sondiere ich wieder den Markt. Ich gehe mit jeder zweibeinigen Möglichkeit ins Bett, wenn es mir danach ist. Ich will Spaß haben, ich will Orgasmen, ich will hemmungslos stöhnen und fauchen, ich will Befriedigung. Wenn ich dann einen Rohdiamanten finde, dann schleife ich ihn, poliere ihn mir zurecht, damit er detailgenau zu mir passt. Ich erziehe mir meine Partner, ich trimme sie, schneidere sie mir zu, wie ich sie brauche. Schlechte Angewohnheiten und unnütze Hobbies gewöhne ich ihnen ab, ich entwerfe mir die Liebe so, wie sie mir gefällt.

Ich spreche gerne von mir, das gönne ich mir. Ich habe ein Recht darauf, von mir reden zu dürfen. Ich finde mein Leben spannend genug, ich will mich nicht zu viel mit den Leben anderer Menschen abgeben. Ich schätze ihre Privatsphäre sehr, denn so behelligt mich ihr Leben nicht zu stark. Ich habe mit mir genug zu tun, genug zu erzählen. Ich habe kaum Zeit, mich um andere zu sorgen. Ich sorge mich um mich schon genug. Wenn jeder auf sich selbst achten würde, anstatt bei Mitmenschen rumzustochern, mehr Eigenverantwortung zeigen würde, dann würde ich auch in einer besseren Welt leben. Wer sich um seinen Mitmenschen kümmert, tut manchmal Gutes, aber viel zu oft Böses. Ich nicht! Ich tue alles was ich tue für mich. Ich tue mir oft Gutes, manchmal versehentlich Böses. Nur so läßt sich das Böse ausmerzen, indem jeder auf sich sieht, sich selbst um sich kümmert. Das ist der einzige Weg, den die Menschheit in der Zukunft gehen kann. Jeder für sich, jeder friedlich für sich alleine. Nebenbei ist es ein schöner, angenehmer Weg, das kann ich bestätigen. Nie hatte ich einen so guten Draht zu mir, zu meinem Körper, nie vermochte ich es, so verständig in mich hineinzuhorchen, nie fand ich meine Mitte so punktgenau.

Dieser Text erschien schon mal, in etwas anderer Form, im Oktober 2009.



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Erst lesen, dann schießen

Donnerstag, 23. August 2012

Gefahren, "die aus oder von einer demonstrierenden Menschenmenge drohen", so mahnte das Bundesverfassungsgericht neulich, dürften allerdings nicht mit einem inländischen Waffeneinsatz der Bundeswehr abgewendet werden. Das ist eine Einschränkung, die man einem etwaigen Inlandseinsatz mit auf dem Weg gab. Die Angst, die viele Bürger nun über Jahre insgeheim hegten, dass eben die Bundeswehr gegen Bürger aufmarschiert, scheint richterlich ausgetrieben. Dabei muß man fürchten, dass nun hitzig bürokratische, das heißt, kühl spitzfindige Diskussionen darüber angestellt werden, wann eine Menschenmenge eine Menschenmenge ist und wie man das Wort Gefahr definieren kann.

Dass demonstrierende Menschenmengen von der Bundeswehr nicht angetastet werden dürfen, heißt das nicht auch über Umwege, passiv sozusagen, dass Menschenmassen, die sich per definitionem nicht demonstrierend zeigen, sondern vielleicht einfach nur mahnwachend, schon bundeswehrlich behelligt werden dürfen? Es sind ja Gefahren aus so einer Menge, die nicht Gegenstand eines Einsatzes sein dürfen. Ist aber die Gefahr nicht außer Kraft, wenn beispielsweise ein linker Mob randaliert und Autos umwirft. Dann ist die Gefahr gewissermaßen schon überstanden, dann ist die Gefahr schon zur Tat geworden, droht nicht mehr nur, sondern wütet als Werk. Wenn die Menschenmenge nicht mehr nur gefährdet, sondern schon tut, schon die Stufe der Gefahr durch die Handlung ersetzt hat - kann man dann nicht doch die Bundeswehr dazuholen? Und 500 Menschen sind ja schon eine Menge Leute. Hat damit nicht eine Versammlung von 1000 Menschen die Menge schon überflügelt? Sind 1000 Menschen nicht schon Masse statt Menge? Kann man das nicht von der Mengenlehre ableiten? Und gegen Menschenmassen gibt es doch keine Einschränkung seitens der Verfassungsrichter!

Man braucht etwas Phantasie, um der Büchse der Pandora, einmal aufgesperrt, auch den Deckel hochzuklappen. Spitzfindigkeiten, besondere Auslegungen, exegetisches Lesen, kommentierte Sinndeutungen - so schafft man sich aus Einschränkungen Befugnisse, filtert sich aus Vorbehalte Freibriefe, modelliert sich aus Begrenzungen Vollmachten. Man muß nur besonders richtig, man muß nur gewieft lesen können, ein ausgesprochenes Auge für die Feinheiten haben. Und das haben Bürokraten und Juristen und Juristenbürokraten gemeinhin ganz besonders. Genau deshalb sind Einschränkungen, wie jene des Bundesverfassungsgerichts, so sinnlos, so nichtig - nur das absolute Verbot, das keinen Schlupfwinkel kennt, kommt dieser Auffassung, diesem Verständnis zuvor. Womöglich ahnten die Verfassungseltern, was die Verfassungsrichter nicht fähig sind zu erahnen, zu erwägen, und klammerten die Bundeswehr aus dem Inland kategorisch aus.

Nur Mut, ihr Konservativen, die ihr seit Jahren an der innerländischen Bundeswehr feilt. Die Einschränkung ist keine, sie ist eine Herausforderung, ein Wortspiel, eine Definitionssache. Und darin seid ihr doch herausragend. Ihr nennt euren Chauvinismus einfach Leitkultur und schon klingt es anders; ihr sagt Selbstverantwortung zu eurer Ignoranz gegen die Nöte mancher Menschen - warum nicht einfach die demonstrierende Menschenmenge umwerten, deklinieren, beugen und neu kategorisieren? Die Grenzen des Anstandes waren doch nie Schranken für den Konservatismus, sondern stets Ermunterung, über die Grenzen zu stoßen, ohne zu schroff gegen die Schranken zu donnern. Einschränkungen sind damit auch nie einschränkend, sondern immer einfallend - Einschränkungen, wie jene aktuelle des Bundesverfassungsgerichts, sind Einfalltore, nicht Abriegelungen.



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Bußgeld für Minister, die ohne profunde Kenntnis Bußgelder fordern?

Mittwoch, 22. August 2012

Das Menschenbild der Arbeitsministerin war nie besonders positiv. Das dürfte schon mehrfach aufgefallen sein. Dass es aber so plump und illusionslos ist, das konnte man ja nicht ahnen. Schuleschwänzen ist aller Laster Anfang, weiß sie nämlich. Langzeitarbeitslosigkeit beginnt dort, wo Jugendliche nicht mehr in die Schule gehen. Ist diese Verallgemeinerung schon ein Schaufenster des leyenschen Menschenbildes, so ist ihr Lösungsansatz von der Totalität des neoliberalen Disziplinierens geprägt. Nicht Gesellschaft und staatliche Institutionen haben sozialarbeiterisch hinzuwirken, um Schulschwänzer wieder in den Unterricht zu integrieren. Nein, deren Eltern sollen in die Pflicht genommen werden - um den Druck auf sie zu erhöhen, sollen sie nun schneller mit einem Bußgeldbescheid rechnen müssen.

Elternbashing

Grundsätzlich haben Eltern natürlich die Pflicht, ihre Sprösslinge zur Schule zu schicken. Bildung ist ja nicht nur Pflicht, die man leisten muß, sondern ein hohes Recht. Es aber nun so hinzustellen, als würden die Eltern jugendlicher Schulschwänzer partout stillhalten, wenn ihr Nachwuchs sich verweigert zur Schule zu gehen, ist eine infame Verallgemeinerung, die zeigt, dass da jemand von der Realität nichts weiß. In der kämpfen nämlich Eltern mit Jugendlichen, die desillusioniert genug sind, den Schulalltag nicht mehr erleben zu wollen. Verneint ein Pubertierender den Schulbesuch, kann man sicherlich eine Weile elterlichen Druck auf das Kind ausüben - eine Dauerlösung ist das jedoch nicht. Die Praxis zeigt durchaus, dass Eltern von notorischen Schwänzern bemüht sind, ihr Kind in den Unterricht zu bringen. Sie wissen, dass es hierzulande eine Schulpflicht gibt, sie wissen auch, dass Bußgelder blühen können, sollte der Schüler mehrfach unentschuldigt fehlen. Was aber tun, wenn keine Drohung, keine Bestrafung, keine Lockung mehr fruchtet? Die Zeiten, da man seinen Spross körperlich anpackte, um ihn gefügig zu machen, sind endlich vorbei - welchen Druck sollen Eltern, die ihrer Pflicht nachkommen möchten, an ihren verweigernden Nachwuchs weiterreichen?

Neoliberale Lösungen lösen gar nichts

Weshalb es Jugendliche gibt, die sich des Schulbesuchs verweigern, ist kein Gegenstand des von der leyenschen Vorstoßes. Erkenntnisse lassen sich aber nur erzielen, wenn man begreift, wo die Wurzeln einer Problematik stecken. Demgemäß stimmt man Lösungen ab, zieht aus Jugendämtern Fachpersonal heran, um Familien, in denen Schulverweigerer leben, zu unterstützen. All das ist zeit- und kostenintensiv; wie jede vernünftige und durchdachte Lösung, so ist auch die Reintegration von Schwänzern nicht schnell und gratis zu haben. Dem neoliberalen Dogma ekelt es freilich vor Lösungen, die Zeit und Geld kosten. Daher verlagern neoliberale Lösungsansätze stets die Verantwortung, sodass die Kosten- und Zeitfrage ins Private abgezwackt wird; sie errichten repressive Mittel, die meist zulasten derer gehen, die eigentlich nur bedingt verantwortlich sind. Von der Leyens Forderung nach schnellerem Bußgeld an Eltern ist die typisch neoliberale Art, mit Problematiken umzugehen. Probleme werden damit nicht aus der Welt geschafft, nicht mal sonderlich gelindert - aber man hat etwas getan, hat es versucht und man kaschiert damit die gesellschaftliche und politische Weigerung, sich der Angelegenheit sachlich anzunähern.

Die Liberalisierung hat Kindern und Jugendlichen mehr Autonomie beschert. Das ist nur zu begrüßen, auch wenn diese Autonomie in der Realität, in der man diese jungen Menschen oft in ein starres Konzept, in eine Schablone presst, oft wenig einbringt. Gleichwohl soll aber die Verantwortung für das Schuleschwänzen nicht dem "befreiten" Jugendlichen aufgelastet werden, sondern den Eltern. Erkennt man an, dass der jugendliche Mensch selbstverantwortlich (bis zu einem gewissen Grade) ist, so ist auch er der Ansprechpartner, um sein Fernbleiben zu erklären. Finanzieller Druck ist auf einen jungen Menschen nicht anwendbar, wohl aber pädagogischer. Und genau hier kämen die Jugendämter ins Spiel.

Von der Leyen greift auf elterliche Exemplare zurück, die es durchaus gibt; auf solche, die auf die Bildung ihres Nachwuchses keinerlei Wert legen. Die sind jedoch nicht das zu diskutierende Problem, weil sie a) ohnehin jetzt schon mit Bußgeldern konfrontiert werden und weil sie b) nicht der Standard sind. Es sind Extremexemplare, die man heranzieht, um eine generalisierte Gruppe, die Eltern nämlich, haftbar machen zu können. Unbesehen auf den Einzelfall; kollektives Bußgeld für alle, auch für bemühte Eltern. Das gibt es auch heute schon, nur in der Praxis wird es nicht strikt angewandt - auch weil man weiß, dass in einer Familie, in der die Eltern mit dem Kind täglich um jeden Schultag feilschen müssen, ein weiterer Krisenherd kontraproduktiv wäre. Das ginge zu Lasten der Familie und der Kinder. Erst wenn es unabwendbar wird, greift das Bußgeld - diese kulante Regelung ist vorausschauend und praxisbezogen; sie aufheben zu wollen, durch ein rigoroses Anwenden von Bußgeldern, zeigt letztlich nur, dass von der Leyen vom wirklichen Leben in einer Familie wenig Ahnung hat...

Bußgeld für solche, die die Kenntnisaneignung schwänzen?

Sich Kenntnis anzueignen, um zu erkennen, dass in solchen Fragen von Einzelfall zu Einzelfall zu entscheiden ist, um zu erkennen, dass mit Sozialarbeitern und Pädagogen, die in die Familien hineingehen, mehr anzustellen ist, als dadurch, finanzielle Androhungen in den Raum zu stellen, sollte man von jemanden, der einen Ministerposten inne hat, schon erwarten dürfen. Sich Kenntnisse anzueignen: das ist auch eine Form von Bildung. Die verweigert aber von der Leyen immer wieder gerne. Sie fühlt sich gebildet genug, weil sie den neoliberalen Maßnahmenkatalog, der ja nicht sehr umfangreich ist, intus hat. Sie schwänzt folglich jene Stunden, in der sie Kenntnisse vermittelt bekommen sollte. Mit einem Bußgeld wäre aber auch ihr nicht zu helfen - sie bräuchte wahrscheinlich schon pädagogische Anleitung.

Und von ihrer Sichtweise, dass Schuleschwänzen zur Langzeitarbeitslosigkeit führt, reden wir hier erst gar nicht. Ein so statisches Weltbild ist indiskutabel und immer auch ein Anzeichen neoliberaler Weltanschauung, in der Mehrdimensionales und Vielschichtiges nicht vorkommt. Und wer meint, man könnte die Langzeitarbeitslosigkeit, die in diesem Lande herrscht, mit mangelder Bildung im Vorfeld erklären, der ist nicht nur pauschalisierend, der ist gemeingefährlich - der verunglimpft Menschen, die keine Arbeit mehr finden können, unterstellt ihnen, dass es ein angeblich schlechter Bezug zur Bildung gewesen ist, der ihres Lasters Anfang war.



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