Traurigkeit, nicht Trauer

Mittwoch, 27. Juli 2011

Was wir dieser Tage verstärkt erleben, ist die übliche Massentrauerkultur, wie sie bereits seit Jahren modern ist. Momentan herrscht Rückblick auf Duisburg und man trauert mit Norwegen. Da sind gigantische Menschentrauben auf Straßen, weinen, gedenken, erinnern sich an Menschen, die sie nie kannten und die sie vermutlich nie kennengelernt hätten.

Trauer ist massiv ins Gedächtnis einbrechende Erinnerung an einen entschwundenen, beziehungsweise verstorbenen Menschen, der Schwall an gemeinsamen Augenblicken, die man mit ihm hatte, die einen mit ihm verbinden. Trauer ist das persönliche oder fast-persönliche Band (man kann auch um einen Künstler trauern, dessen Werk man genoss und von dem man sich einbildete, ihn deshalb gut zu kennen - obgleich: diese Trauer ist kaum die intensive Trauer naher Angehöriger) das zwischen auseinandergerissenen Menschen gespannt wurde und nun durchschnitten ist. Trauer ist deshalb nur persönlich möglich. Sie kann nur von Menschen geleistet werden, die dem Verstorbenen nahe standen, die dessen Denkweise, dessen Interessen, dessen Leidenschaften und Schwächen kannten. Um einen Menschen zu trauern, den man nicht kannte, ist daher nicht möglich. Der Tod eines Unbekannten, zumal aus der Ferne betrachtet, nicht leibhaftig beiwohnend, als der Tod anstelle des Lebens trat, kann betrüben, macht sicherlich traurig - das ist nur menschlich. Dann kann man ein Weilchen traurig sein, landet deswegen aber nicht im tiefen Tal der Trauer, aus dem man üblicherweise erst nach Monaten oder gar Jahren wieder heraussteigt.

Was wir derzeit und regelmäßig immer wieder beobachten, hat mit Trauer nichts zu tun, auch wenn die Redenschwinger dieser medial gelenkten Massentrauergemeinden, gerne davon sprechen, dass sie "mit den Hinterbliebenen trauern" - das würde aber bedeuten, sie nehmen an einem längeren Prozess des Erinnerns und Verarbeitens teil, versuchen der Flut an Bilder im Kopf Herr zu werden, die ein Trauernder zu verdauen hat. Daran kann man aber nicht teilnehmen, wenn man den Verstorbenen gar nicht kannte. Wo kein persönliches Band, da keine Trauer, da ist nur bestenfalls temporäre Traurigkeit, die man nach einigen Augenblicken abstreifen kann wie eine Schlangenhaut. Wie sollte man sich denn unbekannterweise auch einfühlen, wie Erinnerungen an einen Menschen wachhalten, dem man nie begegnet ist?

Was praktiziert wird ist eine kurze Weile der Solidarität, die man optimistisch (oder pessimistisch?) Trauer nennt. Die massenkonforme Trauer ist zum Event geworden, zum lenkbaren Massenspektakel, um einen Augenblick lang eine Welle der Wärme und Zuneigung zu schaffen, die traurige Ereignisse zumutbarer erscheinen läßt. Und natürlich ist es Betroffenheit. Betroffenheit, weil man sich vorstellt, man hätte selbst betroffen sein können. Wenn man überhaupt trauert, dann weniger mit den unmittelbaren Hinterbliebenen der Toten, als mit sich selbst, der man ja auch Hinterbliebener ist, wenn auch nur am Bildschirm - hinterblieben mit der Gewissheit, dass man selbst hätte tot sein können. Die verständliche, aber kurzlebige Traurigkeit vieler Menschen, aufgebauscht zur inbrünstigen Trauer, das ist es, was medial publiziertes Anteilnehmen so unerträglich, ja so peinlich werden läßt. Wie Zeitungen und Fernsehen übertreiben, die Trauer regelrecht beschwören und den Begriff an sich aushöhlen, das ist schon aller Unehren wert. Und mit journalistischem Benehmen hat das auch nichts zu tun.

Es ist nicht Aufgabe des Journalismus, die Trauer zu beflügeln, sie anzufachen, um Bilder verheulter Gestalten oder hysterischer Menschenmassen, die Blumen und Teddybären an öffentlichen Plätzen niederlegen, zu knipsen. Auch Ereignisse wie jene in Duisburg oder in Norwegen, sollten mit Abstand, mit kühlem Kopf und Sachverstand abgehandelt werden. Der Journalist ist kein Trauerbeauftragter und die Trauer soll er denen überlassen, die wirklich trauern können: denen nämlich, die direkten Kontakt zu den Getöteten hatten. Die Trauer den Seelsorgern! Kollagen, in denen das Leben getöteter Personen mit Bildern, Erzählungen und Beschreibungen nachzeichnet wird, macht die wirkliche Trauer ebenfalls nicht gangbar - Traurigkeit kann sich freilich einstellen, aber man rutscht nicht ab, verkriecht sich deshalb nichts ins Bett, ißt weniger oder gar nichts, weint fortan, sieht kein Licht mehr. Kurz, man trauert auch dann nicht wahrhaft, wenn der Journalismus arg auf die Tränendrüse drückt.

Das was Trauer üblicherweise bedeutet, das kann der Journalismus nicht herbeiberichten. Er kann nur die Traurigkeit, die ein mitmenschlich fühlendes Wesen empfindet, zur Trauer umdeuten, um damit ein Publikum zu bedienen, dass so süchtig nach trauernden Menschenaufläufen ist, wie nach emotionalen Augenblicken im Sport. Kurzum, wer behauptet, er trauere nun, weil dies oder das irgendwo in der Welt geschehen ist, fernab seiner eigenen Wirklichkeit, der schwindelt entweder, oder er hat keinen Begriff davon, was Trauer eigentlich bedeutet...



18 Kommentare:

Siebenstein 27. Juli 2011 um 08:28  

Lieber Herr de Lapuente, natürlich haben Sie Recht mit ihrer Analyse,
aber nichts desto Trotz gilt es jetzt Zeichen zu setzten.Zeichen der Solidarität und der Bereitschaft sich dem rechten Wahn entgegen zu Stellen


Liebe Freundinnen und Freunde,

folgender Aufruf zu einer Mahnwache wurde kurzfristig über den Bündnisverteiler in Münster abgestimmt. Aufgrund der knappen Zeit, haben die Initiatoren entschieden, den Text ohne Unterschriften zu veröffentlichen. Wir würden uns freuen, wenn ihr den Aufruf auf schnellem Wege weiter verbreitet und wir uns alle am Mittwoch sehen!
Viele Grüße
Klaus Leger


Mahnwache in Münster:
Wir trauern um die Opfer von Norwegen
Nein zu Rassismus und Faschismus!

Die Terroranschläge in Oslo und auf der Insel Utoya haben uns aufgewühlt. 76 Menschen wurden durch einen rechtsradikalen, antimuslimischen Attentäter ermordet. Wir trauern um die Opfer und rufen alle Münsteranerinnen und Münsteraner zur Teilnahme an der antirassistischen Mahnwache auf:

Mittwoch, 27. Juli 2011, 18.00 Uhr
vor dem Historischen Rathaus, Prinzipalmarkt

Wir gedenken der Opfer des rassistischen Anschlages in Norwegen und wenden uns auch gegen den rechten Terror in unserem Land. Es wird darum gebeten, Kerzen oder Blumen mitzubringen.

Das sind nicht die Taten verwirrter Einzeltäter. Sie sind Produkt eines gesellschaftlich geschürten Klimas der Ausländer- und Islamfeindlichkeit. Der norwegische Attentäter war Aktivist der rechtspopulistischen „Fortschrittspartei“. In Internetforen und in seinem „Manifest“ hetzte er gegen Muslime und beschwor den „Kampf gegen die kulturelle marxistische Vergewaltigung Europas“. Doch Islamfeindlichkeit und die Angriffe gegen linke AktivistInnen sind kein norwegisches Phänomen! Die Serie von Brandanschlägen auf islamische Einrichtungen in Berlin oder das tödliche Attentat auf Marwa El Sherbini im Dresdner Gerichtssaal sind Beispiele für ein zunehmend islamfeindliches Klima. Seit 1990 wurden mindestens 149 Menschen in Deutschland Opfer rechter Schläger und Mörder.

Die geistigen Brandstifter, welche vor dem „Untergang christlichen Abendlandes“ warnen, sind unter uns. Unter aufklärerischen Vorzeichen beschwören sie den Kampf der „westlichen Zivilisation“ gegen die „rückständigen Völker“. Der norwegische Attentäter war ein Anhänger der neuen europäischen Rechten, welche sich auch in Deutschland formieren. Die sog. Pro-Bewegung oder auch die rassistischen Thesen eines Thilo Sarrazins sind Ausdruck dieser Bedrohung.

Wir können und wollen nicht akzeptieren, dass Medienkonzerne wie Bertelsmann oder Springer systematische PR-Arbeit für einen Rassisten wie Sarrazin leisten, um von den neoliberalen Sparprogrammen im Zeichen der kapitalistischen Krise abzulenken. Wir wollen nicht akzeptieren, dass Übergriffe auf muslimische MitbürgerInnen zunehmen. Wir stehen auf, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder religiösen oder politischen Orientierung verbalen oder tätlichen Übergriffen ausgesetzt sind.
Nein zum antimuslimischen Rassismus!
Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!
In Trauer um die Opfer von Oslo und Utoya!

Anonym 27. Juli 2011 um 08:30  

ich bin traurig und ich trauere um unsere menschliche Gemeinschaft.
Sie ist uns abhanden gekommen.
Warum wird nicht mit den Hungernden in Afrika getrauert, die dank Politik ausgerottet werden?
30 Mio Euro für Millionen von Menschen, aber 109 Milliarden für die Rettung des Kapitals der selbsternannten Eliten. Für mich ist es dasselbe Gefühl als ob ich um einen Menschen trauere. Ich trauere um meine Vergangenheit, als ich noch an den Rechtsstaat und die Demokratie, meine Freiheit und meine Sicherheit glauben konnte. Und deshalb bin ich auch im Tal der Tränen und finde nicht hinaus.

Siebenstein 27. Juli 2011 um 08:49  

ich bin traurig und ich trauere um unsere menschliche Gemeinschaft.
Sie ist uns abhanden gekommen.

Mir geht es genauso.

Danke für diese Art von Kondolenz lieber anoymus
Ich heule auch !!!

Anonym 27. Juli 2011 um 09:19  

Anonym 8:30 Uhr: Stimme zu. Wo bleiben die Mahnwachen und Lichterketten für die durch strukturelle Gewalt tagtäglich an Unterernährung, fehlendem sauberen Trinkwasser und verweigerter medizinischer Versorgung sterbenden Menschen am Horn von Afrika?

Statt ein Teelicht in den Münsteraner Abendhimmel zu halten, rufe ich zur Teilnahme an den Blokaden am 3.9.2011 in Dortmund auf, wenn die Neonazis mal wieder ihre "freie Meinung" demonstrieren wollen.

Siebenstein 27. Juli 2011 um 10:01  

Lasst uns nicht darüber streiten was noch alles zu tun ist. wenn man jetzt nicht die menschen mit nimmt in ihrer aktuellen betroffenheit, sie alleine läßt, dann kann man sie auch nicht sensibilisieren für die unglaublichen ungerechtigkeiten in dieser welt. es gibt zu viele baustellen die uns der neoliberalismus hinterlassen hat.
und ein ende ist leider noch nicht in sicht.
Es reicht eben nicht nur zu radikalisieren,man muß,so abgedroschen es klingt, die mitte der gesellschaft erreichen um nachhaltig veränderungen zu erreichen.

Bonsta 27. Juli 2011 um 11:29  

Ja, das ist mal wieder so ein Artikel, weshalb ich diesen Block so gerne aufsuche. Gäbe es dich eines Tages nicht mehr, so wäre ich in der Tat sehr traurig ;)

Seit mehr al 10 Jahren frage ich mich, wie dieses Massenphänomen zu bewerten ist. Seit dem Tod von Diana stelle ich mir die Frage, was für Menschen das sind, die massenhaft Blumen ankarren für eine Person, die sie gar nicht kennen. Was ihr Antrieb, was ihr empfinden? Die Heulkrämpfe sind sicher nicht gespielt, auf mich wirkt das seltsam bizarr, ja es macht mir sogar ein sehr unwohles Gefühl. Ich halte diese Betroffenheitmenschen, die "ach, wie schrecklich"-Sager, die bei jeder Meldung über Verkehrstote in Entsetzen ausbrechen für emotional gestört. Und wenn sich dann massenweise davon treffen, ist meine angst vielleicht gar nicht so unbegründet. Diese Störung scheint mir darin zu liegen, dass diese Menschen in ihrem Umfeld auf die eine oder andere Weise isoliert sind, sie persönlich abgeschnitten sind von Gesellschaft, die ersatzweise Trauern, um die Leere ihres eigenen Daseins zu verdrängen.

Ja, in der Tat halte ich unsere Gesellschaft für emotional gestört. "Liebe deinen Nächsten" bedeutet eben nicht die hungernden Kinder in Afrika, sondern seine unmittelbaren Nachbarn. Das Elend dieser Welt lässt sich nicht durch die Unmöglichkeit der Anteilnahme weit entfernter Konflikter oder Tragödien, deren Kenntnis man nur durch das Isolationsinstrument Nummer 1 - dem Fernsehapparat - haben kann, sondern nur in seiner unmittelbaren Umgebung bekämpfen. Das wäre der Auftrag an jeden einzelnen von uns, dann sähe auch die Welt als Ganzes sehr viel besser aus.

Anonym 27. Juli 2011 um 11:55  

Also ich trauere nun schon seit Jahren um das Menschenbild, das man mir als Kind (ich bin Jahrgang 1974) beigebracht hat und das nun keine Gültigkeit mehr zu haben scheint. Im Gegensatz zu allen Glaubenssätzen meiner Kindheit ist es nun opportun, auf am Boden liegende Menschen zu treten, es ist opportun, gegen Minderheiten zu hetzen, es ist opportun, denen zu geben, die ohnehin nicht wissen, wohin mit ihrem (materiellen) Reichtum und dafür von denen zu nehmen, die nicht wissen, wie sie ihren Alltag noch bestreiten sollen.

Ich trauere um die SPD, der ich mit 16 Jahren beigetreten bin und die ich bereits wegen des "Asylkompromisses" empört wieder verlassen habe, nicht wissend, dass es viele, noch sehr viel bessere Gelegenheiten gegeben hätte, dieser Verräterpartei den Rücken zu kehren.

Ich trauere um die Katholische Kirche, die wie gehabt auf der Seite der Reichen steht und nicht auf der Seite der Armen, wie es mir als Kind beigebracht wurde.

Ich trauere um die Freunde, die ich verloren habe, weil ich mich nicht damit abfinden konnte, dass das Interesse an den Mitmenschen und der Politik just in dem Moment nachließen, als man anfing sich zu saturieren. Plötzlich waren die Ungerechtigkeiten nicht mehr wichtig, man stand ja auf der Sonnenseite des Lebens und man fing an, über Autos, Fernreisen und Restaurantbesuche zu palavern. Politische Gespräche wurden abgewürgt. Ich war der Störfaktor, diejenige die den Finger in die Wunde legen musste, diejenige, die für ein schlechtes Gewissen sorgte und die deshalb irgendwann ausgeschlossen wurde wg. unheilbarer Gerechtigkeits-Manie.

Ich trauere um meinen Glauben an eine bessere Zukunft, um meinen Glauben an das Gute im Menschen.

Ich schlafe schlecht, ich bin hoffnungslos. Ich schwanke zwischen Wut und Ohnmacht. Ich kann nicht verstehen, wie manche einfach ihr Leben weiterleben, während andere den Müll aus der Tonne fischen müssen. Ich bin selbst nicht betroffen von Hartz-IV, mir geht es finanziell ziemlich gut, aber das verdammte Mitleid macht mich krank. Immer das Dilemma, einerseits helfen zu wollen und andererseits nicht die Verhältnisse durch meine Hilfe zu stabilisieren.

Man ist verdammt einsam in diesem Land, wenn man nicht mit den Wölfen heult.

landbewohner 27. Juli 2011 um 14:32  

trauer als event. betroffenheitskundgebungen bei jedem "amoklauf" eines zerstörten oder gestörten mitmenschenm aber grosses schweigen bei jahrelangen morden durch kriege, "hungersnöte", elend und armut in grossenteilen der welt und seit hartz auch in deutschland.
irgendwie fehlt mir dann doch das verständnis für teelichthalter und blümchendrapierer. und -wie im artikel richtig bemerkt - ich kann nur um bekannte trauern nicht um anonyme opfer.

Siebenstein 27. Juli 2011 um 15:36  

An Landbewohner:
ich fürchte du hast etwas falsch verstanden. ich halte eine trauer wie roberto sie versteht, auch für unmöglich. dennoch ist es richtig den arsch hoch zu kriegen und nicht den ganzen tag am pc sitzend, über jene aktiven zu klagen die ein signal senden wollen. ich gehöre zu denen die traurig sind und möchte mich mich denen treffen die es auch so sehen.
von mir gab es zu keinem zeitpunkt im leben großen schweigen. ich bin 52 jahre alt war auf vielen kundgebungen und demos und habe mich immer gegen ungerechtigkeiten engagiert und werde es weiter tun in gewerkschaft, partei(Linke ich sehe nicht das sie schweigen sie werden höchstens tod geschwiegen), unterstützer der nachdenkseiten,attac und weiteres.also bitte nicht so voreilig lieber landbewohner.
ich halte es für immens wichtig möglichts viele menschen mitzunehmen auf den weg gegen die unmenschlichkeit dieser tage.leider sehe ich keine andere chance in dieser unsäglichen phase unserer weltgeschichte.

Harald 27. Juli 2011 um 16:02  

Trauerfeiern als Event, damit ist vieles auf den Punkt gebracht:
http://www.lumperladen.de/lumpereien/2009/11/15/beifall-zerklatschte-trauerfeier/

Auch in bin erschüttert von den Ereignissen in Norwegen, vom Hunger in Afrika und und und.
Aber Trauern kann ich wirklich nur um Menschen, die ich sehr gut kannte, die ich sehr mochte und liebte.
Mitgefühl mit den Angehörigen, das ja, aber Trauern?
Manchmal habe ich das Gefühl, das Menschen, die gefühllos sind bei solchen "öffentlichen Trauerfeiern" dabei sein müssen um sich selbst zu beweisen nicht gefühllos zu sein un d/der um in die Medien zu kommen.
So ähnlich wie die (meist älteren) Frauen, die zu jeder Beerdigung auf den Friedhof kommen, egal ob sie den Verstorbenen kannten - war ja sonst nichts los im Dorfe...

ulli 27. Juli 2011 um 16:09  

Heinrich von Kleist, der ja im Umbruch vom Absolutismus in die bürgerliche Moderene lebt, hat einmal geschrieben: "Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts als bloß den Umsturz der alten erleben."
So ähnlich ist das heute wieder, da kommt auch all die Trauer über den Zustand der Welt her.

Stephan 27. Juli 2011 um 19:01  

nein, duisburg, norwegen, somaila, sie machen mich nicht traurig, sie machen mich wütend. duisburgs desaster ist auf eine von den politischen eliten finanziell ausgehungerte kommune zurückzu-führen, die hoffte bei einem kapitalistischen event ein paar brosamen abstauben zu können um ihr finanzdebakel zu kaschieren; norwegen ist ein desaster, das ebenfalls auf die politischen eliten und deren mietmäuler zurückzuführen ist; somalie - nun, ich müßte mich wiederholen. es ist nicht trauer, es ist die ohnmacht, die mich innehalten läßt und scheinbar solidarisch macht, es ist die ohnmacht (noch) nicht zu wissen, wie gegen diese sog. sittlich und moralisch dekaddente elite vorgegangen werden kann um sie auszuschalten. langsam reift allerdings der gedanke, dass es nur mit gutmenschentum und ohne gewalt nicht funktionieren wird; im gutmenschentum liegt m. e. sogar das kontraproduktive, das systemerhaltend wirkt und kollaps des systems und aufbruch in wut, nur herauszögert. würden alle die, die es wirklich gut meinen, ehrenamtliche etc. tatsächlich davon überzeugt werden können, dass ihre arbeit für einen systemwechsel kontraproduktiv ist, würde sich in D un dem rest der welt kein rad mehr drehen, dann hätten wir eine verhandlungsposition! allerdings wären dann auch einige tote zu beklagen, nämlich die, die auf die ehrenamtlichen angewisen sind....und genau das wissen die eliten, dass wir guten menschen davor skrupel haben, andere zu opfern. dabei sollen wir uns ein bsp. nehemn an den eliten, die machen das tagtäglich, afganistan, iraq, lybien, altenheime, kindergärten, kankenhäuser.....die wut muß raus und nicht in pseudo trauer erstickt werden aus angst vor was eigendlich?

Anonym 27. Juli 2011 um 19:47  

Danke, besser kann man es nicht beschreiben.

1. Man kann und will heutzutage mit Allem und Jedem Geld machen.

2. Es ist ein stellvertretendes "Trauern": Endlich findet sich mal wieder eine Gelegenheit, sich gefühlvoll zu geben, zu weinen, von anderen in den Arm genommen zu werden, getröstet zu werden ... und im vorherigen und späteren Alltag abgestumpt zu vegetieren, wegzuschauen und selber zu funktionieren.
Oasen eines imaginierten Menschseins, dass keines mehr ist.
Was für ein Selbstbetrug. Was für eine Selbstillusionierung. Und da wundert man sich, dass (angeblich, muss ja auch nicht stimmen, oder?!) die Zahl der an Depression erkrankten zunähme. Klar, bei der Verdrängung und solchem Stellvertretungstrauern.

3. Gerade heute macht ein hiesiges Unternehmen in unserem Käseblatt mit einem ökologischen Anliegen Werbung für sich. Erzählt nebenbei, dass in dem örtlichen Unternehmen während der sog. Finanzkrise dieses Unternehmen keine MitarbeiterInnen entlassen worden seien.
Gleichzeitig wird geschlabbert, dass über den natürlichen Weg ("Früh"Verrentung, Verrentung,Rauskaufen von Betriebsräten, usw.) knapp 200 Arbeitsplätze abgebaut wurden.
Und es wird emotional und geistig völlig abgespalten, dass dieses Unternehmen mit Leiharbeitern arbeitet, und diese als Erste und teilweise kostengünstigeren scheinselbständigen Leiharbeitsunternehmern ihren Arbeitsplatz in genau diesem Betrieb verlorden haben.

So wird die emotionale und geistige Bilanz geschönt.

Wir tun als Betrieb an entfernten Stellen der Erde etwas Alibihaftes, das hier eine Feigenblattfunktion hat. Unsere örtlichen "JournalistInnen" hinterfragen das nicht mal mehr.

3. Wenn jedeR vor der eigenen Tür kehrt, ist und bleibt die Welt sauber.

Heiko 27. Juli 2011 um 22:08  

Hallo Jahrgang 74 von 11:55,
danke für deine Worte, genau so fühle ich auch. Ich komme mir vor als wären alle Werte gedreht. Die Eltern gaben sich Mühe um aus mir einen ehrlichen Menschen zu machen. Das schafften sie auch einigermaßen. Aber nun? Jetzt steht man da mit seiner Nächstenliebe und dem Gerechtigkeitssinn, hoffnungslos suchend nach Menschen mit denen man tiefsinnige Gespräche führen kann.

Einziger Trost eine Zeile aus Reinhard Meys Lied "Sei wachsam":
"...Ich hab Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen,
die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen,
und verschohn' mich mit den falschen Ehrlichen,
die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen.
Ich habe Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,
nach 'nem bisschen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit..."

Trojanerin 27. Juli 2011 um 23:11  

Die “übliche Massentrauerkultur“ beschreibt ein Phänomen, welches in den letzten Jahren immer wieder zu beobachten ist. Ich nenne mal drei „Fälle“: der Tod von Lady Diana, der Tod von Michael Jackson und der Tod von Robert Enke
Massenkonforme Trauer als Event empfinde ich befremdlich.

@anonym 08:30
Ich fühle auch manchmal so.

Hartmut 28. Juli 2011 um 00:00  

Die tiefere ethymologische Bedeutung von, trauern, ist in etwa "den Kopf sinken lassen" oder "die Augen niederschlagen", so der Duden.
Diese äußere Beschreibung sagt allerdings nichts über die Gefühle eines trauernden Menschen aus.

Roberto, Sie haben diese feinen Unterschiede sehr schön dargestellt und noch einmal besonders im letzten Absatz herausgestellt.
Ganz besonders hat mir gefallen, daß Sie nicht das Wort "Trauerarbeit" in ihrem Essay benutzt haben.

Für mich ist Trauer eine höchst subjektive Angelegenheit, die man nur schwer (mit)teilen kann und auf gar keinen Fall, wie auch geschildert, ein Medienspektakel für eine sensationsgeile Masse.

Geteilte Freude ist doppelte Freude - geteiltes Leid ist halbes Leid. Darüber sollte man ruhig nachdenken.

Zu diesem Thema möchte ich auf folgende Bücher hinweisen:

Fühlen was Leben ist,S. 25 ff, Hildegund Fischle-Carl
und ganz besonders:

In meinem Herzen die Trauer, Herausg. Lis Bickel und Daniela Tausch-Flammer

Grüße von
Hartmut

Anonym 28. Juli 2011 um 16:53  

Den Unterschied zwischen Trauer und Traurigkeit kann man auch am Beispiel Dresdens verdeutlichen. Dort werden alljährlich nicht nur von den Neonazis sondern auch vom bürgerlichen Spektrum (SPD, CDU, Grüne, Kirchenvertreter) offizielle Gedenkfeiern abgehalten und damit der Opfer gedacht.

Damit entsteht ein komplexes Problem im Umgang mit Trauer. Wer als fünfjähriges Kind mitansehen musste, wie die Eltern von russischen Soldaten erschossen wurden, dem ist in seinem Schmerz nicht durch den Verweis geholfen, höchstwahrscheinlich hätten seine Eltern wie die meisten Deutschen das Naziregime unterstützt und seien deswegen selbst an ihrem Schicksal schuld gewesen. Die individuelle Trauer ist an dieser Stelle durchaus berechtigt, und das resultierende Trauma ist in seiner Ernsthaftigkeit zu akzeptieren. Die Frage der Trauer verändert sich jedoch grundlegend, sobald sich der Diskurs vom Individuellen in die Öffentlichkeit verschiebt. Wenn in mit Millionenaufwand produzierten Filmen um die Opfer von Dresden und der Flüchtlingstrecks getrauert wird, gilt die Trauer nicht länger konkreten Personen, sondern einem Kollektiv, in diesem Fall der deutschen Bevölkerung zur Zeit des Kriegsendes. Dieses Kollektiv öffentlich zu betrauern, ist mittlerweile kein Zeichen einer mindestens nationalkonservativ zu nennenden – und damit eher randständigen – politischen Überzeugung. Spätestens mit den genannten Filmen ist diese Trauer integraler Bestandteil des sogenannten Opfer-Diskurses der politischen Mitte und seine Legitimation außer Frage.

mone 29. Juli 2011 um 09:36  

@ano von 11.55: genau das ist was ich empfinde. Man hat mir damals in der Schule beigebracht wir lebten in einer Demokratie. Man hat mir beigebracht das GG sei unser höchstes Gut. Und ein Verstoß dagegen sowas wie eine Todsünde. Und ich hab das geglaubt. Und bin dann fassungslos (nicht unbedingt traurig) wenn ich sehe dass es die meisten meiner Altersgenossen nicht zu stören scheint dass man sie von hinten bis vorn belogen hat.
Aber vielleicht haben wir, die Kinder die wir waren, uns längst damit abgefunden dass vieles von dem was man uns lehrte gelogen war: der Nikolaus ist nur der verkleidete Nachbar, es gibt kein Christkind und Grundrechte haben wir eben alle nur auf dem Papier.
Trauer ist nicht ganz das richtige Wort für das was ich dabei empfinde.
Was Oslo angeht: es macht mich betroffen weil ich selbst dreifache Mutter bin, weil ich in der Linken bin, weil mein Sohn (10 Jahre) gerne zu Solid möchte, weil er auch ein Opfer eines solchen Überfalles werden könnte. Dazu stehe ich auch, ich sitze vor dem TV und denke: Herrgott, das sind doch noch KInder (und ich bin froh dass es nicht meine Kinder sind, die da erschossen wurden).

Nachdenkliche Grüße
mone

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