Nach dem Neoliberalismus

Dienstag, 24. April 2012

Die Welt nimmt sich an Deutschland ein Beispiel, liest man nun oft. Neidisch sei sie auf dieses Land im Herzen Europas, an dem die Krise unverrichteter Dinge vorbeizog. Vielleicht werden wir uns schon bald, nach Jahrzehnten neoliberaler Unterjochung, ein Beispiel an einer Weltgegend nehmen müssen, die man derzeit kaum auf dem Notizzettel hat. An einer Region, die das Experimentierfeld neoliberaler Ideologen war und sich endgültig dieser Knechtung entledigt hat.

Lula, Kirchner, Morales, Chávez

Südamerika war das Opfer des Washington Consensus, einem Reformpaket wirtschaftsliberaler Radikalität, wie es jahrzehntelang von Weltbank und Währungsfond propagiert und gefördert wurde - wenn nötig mit geheimdienstlichem Feuerschutz oder politischem Druck höriger Regierungen. Die Spielwiese der USA nannte man Südamerika damals und manches Regime, man denke nur an das des Pinochet als berühmtestes Beispiel, wurde unterstützt oder gar in den Sattel gehoben. Die Ausbeutung der Ressourcen der südamerikanischen Länder, die Begrenzung der kontinentalen Wirtschaft auf Extraktivismus, das Unterwandern linker und liberaler Konzepte und die indirekte Lenkung der Staatsinteressen durch Konzerne, haben Lateinamerika zu einem traurigen, zu einem ausgemergelten Kontinent verkommen lassen.

Aber die Geschichte lehrt uns, dass Unterdrückung abgelegt werden kann. Und so war die Neoliberalisierung des Kontinents gleichsam der Aufstieg einer neuen selbstbewussten, autarken Politik, die sich als linke Politik bezeichnen lassen kann - in jedem Land auf seine Weise, hier mehr sozialdemokratisch, wie Brasilien unter Lula, dort linksliberal wie Argentinien unter Kirchner. Zudem lösten sich die auch von den ansässigen Eliten unterjochte Schicht der Mestizen und Indigenen von ihrer Rolle als ausgebeutete Unterschicht - ein neues "bolivarisches Selbstverständnis" trat auf. Ein Kniff nur, denn Simón Bolivar war weder der Förderer der Eingeborenen, noch in irgendeiner Weise links oder liberal. Unter Morales kommt das neue Selbstbewusstsein der Indigenen zur Entfaltung - und Chávez rührt mit ordentlichem Machismo, dem Naturell südamerikanischer Protzerei, die Trommel gegen die Gringos und stärkt damit die Selbstachtung der Venezolaner. Intellektuelle geben unumwunden zu, dass in manchen Staaten noch immer der Caudillismo herrsche, gerade Chávez praktiziere das mit Hingabe - aber es sei ein linker Caudillismo, der rhetorisch oft brachial wirkt, in der Realität aber wesentlich weniger rückständige Ausformungen nimmt.

Aus der Einsamkeit

Gabriel García Márquez beschrieb in seinem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" einen fiktiven südamerikanischen Ort, der als Parabel für die Geschichte des Kontinents stehen sollte. Diese war geprägt vom Erbe des Kolonialismus und des Feudalismus, die Unabhängigkeit Lateinamerikas bestand darin, die Spanier und Portugiesen vertrieben zu haben, um den ansässigen, sich nun herausbildenden Eliten dieselben Befugnisse zu erteilen, wie den alten Machthabern. Die neoliberale Wirtschaftspolitik traf auf einen Kontinent, der leicht zu erobern war, weil die Ausbeutung, die Armut und die fehlende soziale Sicherheit - von der Solidarität innerhalb indigener Stämme, die es noch gegeben haben mag, mal abgesehen -, boten die besten klimatischen Bedingungen für eine Wirtschaftslehre, die im Menschen nur Produktivkraft oder Kunde, nur Kostenfaktor oder Renditenbringer sieht. Wahrscheinlich war der Neoliberalismus das Moment, das Südamerika endgültig aufwachen ließ - das Unrecht der Kolonialherren, das Unrecht der Eliten vor Ort: man erwartete nie mehr von ihnen. Und dann kamen Kolonialherren mit Verträgen, Leute die Gerechtigkeit und Wohlstand versprachen, die sich aber letztlich nicht besser aufführten, wie die Eliten, die man einst hatte. Letztere sprachen nie mit Engelszungen - aber diese Lehre, die fromm predigt und sich teuflisch bedient, die hat den Gerechtigkeitssinn Lateinamerikas angefacht; was die islamische Welt dem Westen vorwirft, die Doppelmoral, die Differenz zwischen verkündeten Anspruch und tatsächlicher Wirklichkeit, das hat Südamerika schon seit geraumer Zeit als Anreiz genommen, sich zu emanzipieren.

Metalle im Boden zu haben, über Rohstoffe zu laufen, so lautet ein Credo dort, bedeute nie Reichtum, sondern Verarmung. In knapperen Worten kann man die Freihandelspraxis der herrschenden Wirtschaftslehre kaum umschreiben - diese Diskrepanz schafft die Unglaubwürdigkeit, mit der der Westen über den Globus hetzt.

Umdenken zu einer Wirtschaft für die Menschen

Genau das ist der Ansatzpunkt, den so gut wie alle südamerikanischen Nationen mittlerweile vertreten. Morales und Chávez besonders aggressiv und selbstbewusst, indem sie die Erträge des Rohstoffverkaufs verstaatlicht haben. Das hat beispielsweise auch Brasilien unter Lula getan - dort aber wesentlich konzilianter. Natürlich ist zu betonen, dass die neue linke Politik Südamerikas, die die Marktwirtschaft nicht verdammt, sondern sie nach sozialen Gesichtspunkten ausstattet, um einen gewissen Wohlstand für alle zugänglich zu machen, keine Wohlfahrtsstaaten hat entstehen lassen. Aber es sind Anfänge. Sozialprogramme sichern Teilhabe und lösen die Diskrepanz zwischen üppigen Ressourcen, die zur Armut führen, langsam aber sicher auf. Wesentlich ist insofern eigentlich, dass es dieser Kontinent nach Jahren der Vereinsamung durch westliche Ausbeutung und zuletzt neoliberale Beeinflussung, doch geschafft hat, ein kollektives Umdenken zu erzeugen. Ein Umdenken, das den Menschen ins Zentrum stellt, nicht die Renditen großer Konzerne - oder realpolitischer formuliert: Ein Umdenken, das meint, Renditen großer Konzerne gehören nur zu kleinen Teilen den Konzernen selbst - sie haben den Menschen zu dienen. Das kann in geraumer Zeit, wenn sich der Neoliberalismus ausgetobt hat, auch für Europa ein Beispiel sein.

Die westlichen Medien berichten nicht immer sehr umsichtig. Morales gilt als Hardliner, was er bedingt ist. Der südamerikanische Machsimo wird manchmal zu ernst genommen - ein Mentalitätsmissverständnis. Gerade Chávez betreibt das exzessiv. Aber beide, auch wenn manches in ihren Staaten autoritär wirkt, sind Reaktionen auf Zustände, die sie beseitigten. Fortentwicklungen und Verbesserungen. Es gehört auch zur Arroganz des Westens, "lupenreine Demokraten" westlicher Prägung einzufordern, obgleich die Strukturen für solche nicht gegeben waren - nicht gegeben waren, weil es die Wirtschaftslehre der westlichen Welt war, der neoliberale Kolonialismus, der jegliche Strukturierung in diese Richtung unterdrückte und wegputschte.



9 Kommentare:

Anonym 24. April 2012 um 09:29  

Eine sehr eindrucksvolle Beschreibung des Neoliberalismus.

Auch die Darstellung der jetzigen, südamerikanischen, politischen Verhältnisse in kurzen und prägnanten Sätzen hat mir gut gefallen.
Dieser gedankliche Vergleich mit Europa bietet sich in Bezug auf die neoliberale Wirtschaftsform geradezu an. - Doch hoffe ich, dass "Nach dem Neoliberalismus" nicht vorher alle, in Jahrhunderten erkämpften, sozialen Strukturen in Europa zerstört sind.

Auf den Punkt gebracht: Wir brauchen eine Politik für die armen Menschen und keine, die nur den Reichen und dem Reichtum dient.

Hartmut

Der Duderich 24. April 2012 um 09:35  

Toller Text mal wieder.
Ist immer schön zu hören, dass es noch etwas anderes gibt, außerhalb der neoliberalen Ideologie.

Es wäre so schön, wenn auch hier der neoliberale Glaube endlich überwunden wäre, und man der Entwicklung einer gerechteren Gesellschaft mitarbeiten könnte.

Anonym 24. April 2012 um 15:48  

Muy bien , empfehle dazu das Buch :"Das Ende der Einsamkeit" von Sebastian Schoepp
Daniela

Peepwood 24. April 2012 um 18:29  

Schön, dass man mal eine differenzierte Meinung zu Südamerika bekommt, die sich nicht entweder aus Staatspropaganda des Westens oder der aus Südamerika schöpft.

Hat sonst noch jemand eine Seite mit Infos aus Südamerika? Wenn ich mit meinen Suchbegriffen Google anschmeiße, komme ich immer nur auf GenerationY oder auf Seiten wie oben genannt...

Danke!

Blinkfeuer 24. April 2012 um 23:16  

Meanwhile in Chemnitz....,der dritte Versuch die "Pablo Neruda"- Schule von diesem Namen zu befreien. Den alten Stadtnamen hat man ja einst schnell getilgt. Und dass in Tschechien Massen den Kapitalismus tilgen wollen und in Chemnitz nur wenige, zeigt, wie untauglich doch das dt. Rest"Schul"system ist.

Michael 25. April 2012 um 07:45  

@Peepwood

Dies ist ein Reisebericht eines Freundes, der aus erster Hand erfahren wollte, inwieweit die Propaganda der Wahrheit entspricht oder aber auch nicht...

http://www.subhash.at/venezuela/

R@iner 25. April 2012 um 11:23  

@Peepwood: womblog.de

Peepwood 25. April 2012 um 20:28  

Dankeschön euch beiden :)

Anonym 12. Mai 2012 um 03:34  

Griechenland droht Ende Juni das Geld auszugehen, wenn bis dahin keine neue Regierung im Amt ist, die die Spar-Zusagen gegenüber den internationalen Helfern einhält...
Und dann?

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